Vom „deutschen Shakespeare“ zum Regionalautor:
Anne-Kristin Mai: Christian Felix Weiße (1726-1804) – Leipziger Literat zwischen Amtshaus, Bühne und Stötteritzer Idyll. Biographische Skizze und Werkauswahl, Sax Verlag, Beucha 2003, 15 Euro
Leipziger Volkszeitung 12.12.03
Hier ein Gedicht – gewiß nicht shakespearisch, aber lesenswert:
An die Muse
Hier nimm die sanfte Leier wieder,
O Muse, die du mir geliehn;
Nun sing ich weiter keine Lieder,
Die von der Jugend Freuden glühn.
Verzeih, wenn ich zu schwach gespielet;
Die Liebe fodert unser Herz;
Das wenigste hab ich gefühlet;
Das meiste sang ich bloß aus Scherz.
Von Waffen und vom Haß umgeben,
Sang ich von Zärtlichkeit und Ruh;
Ich sang vom süßen Saft der Reben,
Und Wasser trank ich oft dazu.
Kömmt einst der goldne Friede wieder,
Fühl ich einst gar der Liebe Glück,
Vielleicht wag ich dann schönre Lieder:
Dann, Muse, gib sie mir zurück.
Seine Biographie im Bautz ist noch nicht online.
Der chilenische Dichter Gonzalo Rojas erhält den Cervantes-Preis, den führenden Literaturpreis der spanischsprachigen Welt. The Sacramento Bee ca. 12.12.03
Im Kapitel „Philosophien“, dem gewichtigsten des Bandes, geht es nicht länger um sinnliche, sondern um geistige Gewissheit. Was ist die Zeit, welche Farbe hat der Schatten, und wie sah die Welt in den Augen der Vorfahren, zum Beispiel in denen der Urkrebse aus?
Die kambrischen Kristallaugen der Trilobiten
sahen eine Welt, die vielleicht
etwas mit der unseren verband,
ein Jahrmillionen altes „Vielleicht“,das grau geworden ist
und unterwegsstill verwitterte.
Von Heidegger, Frege und Athanasius ist in diesem Kapitel die Rede und davon, dass man die Existenz als etwas beschreiben kann, das ein Wert x auf einer Variablen f abgibt. / Iris Radisch, Die Zeit 51/2003, Literaturbeilage
Lars Gustafsson: Auszug aus Xanadu
Gedichte; aus dem Schwedischen von Hans Magnus Enzensberger und Verena Reichel; Hanser Verlag, München 2003; 99 S.,14,90 Euro
Es regt sich, schnarrt und ächzt im Kehlkopf drin
schlägt den harten Gong des Gaumens zwölfmal an
Gewalpert wird vielleicht ganz oben wo sichs wölbt
hier unten, wo der Kiefer leise knackt,
spukt es in der Lippenfurche, huscht ein Schatten übers Kinn
Statt Fäden: Speichelnetze. Was da sich drin verfängt
zappelt eine Weile, stirbt dann schnell wie hingesagt
In den Winkeln ist ein früh verwestes Wort verwoben
ein unterkühltes seilt sich von der Schartenspitze ab
durch klebrig, dichtgesponnenes Gemasch
beschlägt in Tau und lungenwarmem Dunst
Zehn Füße hat der mißgeborne Vers
die rudern, krabbeln um ihr Leben einen Laut
wenn nicht der Atemzug vom nächsten drüberfährt
(aus dem Zyklus „Stirnbilder – organische Portraits“)
Silke Andrea Schuemmer
(*1973)
die Autorin: promovierte Kunsthistorikerin, literarische Einzeltitel: „Triptychon oder Salzig schmeckt der Algenstrang“ Gedichte. edition fiebig berlin (1996), „Die Form des Fisches ist sein Wissen über das Wasser“ Prosa. Mariannenpresse. Berlin (1996), lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin (http://www.silke-andrea-schuemmer.de)
Erleben Sie die Autorin heute Abend (10.12.03) ab 20 Uhr im Podewil in Berlin-Mitte. Dort lesen die macondo Autoren Silke Andrea Schümmer, Stephan Reisner, Achim Wagner, Marcus Jensen, Silke Galla und Ron Winkler im Literatursalon Britta Gansebohm Lyrik und Prosa. macondo (http://www.die-lust-am-lesen.de/) ist eine Bochumer Literaturzeitschrift, von der soeben die 10. Ausgabe zum Thema „Genuss“ erschien.
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die Lyrikmail der Woche (Stand: 08.12.2003)
Einen neuen Gedichtband von Alfred Kolleritsch zeigt die Kleine Zeitung vom 10.12.03 an:
„Befreiung des Empfindens“, von Alfred Kolleritsch, Droschl-Verlag. 104 Seiten, 16 Euro
Ganz und gar nicht amused zeigt sich Paul Jandl über die „Vergnügungsgedichte“ von Franzobel, NZZ 9.12.03
Franzobel: Luna Park. Vergnügungsgedichte. Zsolnay-Verlag, Wien 2003. 176 S., Fr. 31.20.
An old yellow tomcat
lies sleeping content,
he rumbles a heart
Ein Haiku aus dem Kurzweilschen Poesieautomaten. (s.u.). Ein Kommentar, Sydney Morning Herald 9.12.03 (To be or not to be, that is the qwerty. By Graeme Philipson)
«In dieser Poesie», so sagte Michael Krüger vor fast zwanzig Jahren in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme des Peter-Huchel-Preises – und er meinte neben Huchels Gedichten auch namentlich jene von Ingeborg Bachmann oder Paul Celan -, «lebte ein Stück ältester Magie weiter, die sich gegenüber den herrscherlichen Ansprüchen von Aufklärung resistent verhielt: Der Text hatte nicht nur eine eigene Wirklichkeit, die mit meiner Wirklichkeit zunächst einmal nicht viel gemeinsam zu haben schien, sondern sollte (. . .) auch als Zauberspruch nachgesprochen werden, um die andere Wirklichkeit zu verwandeln – und zwar gegen jede Erfahrung.»
Wer möchte die älteste Magie, von der hier die Rede ist, in Frage stellen oder wer den Zauberspruch, der, so Michael Krüger, im Gedicht nachgesprochen werde. Aber soll man sich davon die Verwandlung der Wirklichkeit erhoffen und noch dazu «gegen jede Erfahrung»? Nicht genau wüsste man zu sagen, was in der Pointe dieses Satzes überwiegt, ob das Aufsässige oder nicht vielleicht doch eine zur Resignation neigende Melancholie. / Roman Bucheli, NZZ 9.12.03
Michael Krüger: Kurz vor dem Gewitter. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 112 S., 16,90 EU.
Michael Krüger: Vorworte, Zwischenbemerkungen, Nachrufe. Ein (lückenhaftes) ABC. Sanssouci-Verlag, München 2003. 336 S., 17,90 EU
Vgl. Zeit Nr. 50 (Iris Radisch) / Schweriner Volkszeitung ca. 9.12.03
In Rolf Schneiders Berliner Anthologie (Morgenpost) am 7.12.03: Karl Philipp Moritz Sonnenaufgang über Berlin. Das Gedicht beginnt so:
Die Sonne, die den goldumsäumten Fächer
Des Morgenrots entfaltet hat,
Vergüldet nun mit ihrem Strahl die Dächer
Und grüßt mit Lächeln unsre Königsstadt.
Den Hauptteil des Bandes machen französische, italienische und englische Sonette, außerdem Sonette im Freemix (niemand, der in Zukunft noch über den „Autor als DJ“ faseln will, sollte das mehr in Unkenntnis von Allemanns metrischem Scratchen tun: „Krachschwatzen“ oder „Schwachkratzen“ lautet die Frage). Schließlich noch jambische Formen und ein paar kleine Gedichte. Es bleibt ein „Surren im Ohr“.
Woher nimmt Allemann das Vertrauen in seine lyrischen Implosionsformen? Es sind Formen poetischen Erinnerns. Und das bekommt hier eine ebenso vertrackte wie überaus genaue Lautgestalt, einen Sprachkörper. Der wirbelt und stolpert in seiner „Repetierbegehr“, als handelte es sich um ein Video von Bruce Nauman. / Guido Graf, Die Welt*) 6.12.03
Urs Allemann: schoen! schoen! Urs Engeler Editor, Weinheim. 72 S., 17 EUR
(Informationen und Texte auf der Verlagsseite)
Auden, Messiaen, Boulez, Rihm, Zimmermann, Stockhausen – sie berufen sich ebenso auf ihn wie Pissarro oder van Gogh. Das belegt die Modernität von Hector Berlioz. Man solle seine Farben hören, sie klängen wie Berlioz, sagt der Maler van Gogh zu seinen Bildern. In der Musik bleibt Berlioz eine Art Ur-Erfinder der Moderne. / Hermann Hofer, NZZ 6.12.03 über den Komponisten, der auch eine dichterische Begabung war.
Und Ernst Osterkamp schreibt über
Durs Grünbein
„Vom Schnee“
oder Descartes in Deutschland. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3518414550,
Gebunden 144 Seiten, 19,90 EUR
(Vgl. FR 26.11.03, SZ 8.11.03, Gert Scobel, Die Welt 7.12.03)
Harald Hartung, FAZ 6.12.03, bespricht:
Adam Zagajewski
„Die Wiesen von Burgund“
Ausgewählte Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2003 ISBN 3446203664,
Gebunden 176 Seiten, 15,90 EUR
Als Stefan George am 4. Dezember 1933 starb ein populärer Lyriker. Ein Jahr nach Georges Tod summierte sein Verleger Georg Bondi die Höhe der Auflagen von Georges Büchern und gelangte zu staunenswerten Zahlen: Von keinem der Georgeschen Gedichtbände waren weniger als 10 000 Exemplare gedruckt worden, und bei seinem erfolgreichsten Buch, dem „Jahr der Seele“, belief sich die Zahl sogar auf 31 000 Exemplare. Seinen Kommentar zum Weltkrieg, das große Gedicht „Der Krieg“, veröffentlichte George im Jahre 1917 als Flugschrift in nicht weniger als 6600 Exemplaren: eine Zahl, von der die von George verachteten Expressionisten allenfalls hätten träumen können. Am Ende seines Lebens scheint es auf dem Lyrikmarkt geradezu eine George-Überproduktion gegeben zu haben; jedenfalls finden sich im Dezember 1932 in der Literarischen Welt, der wichtigsten Literaturzeitschrift der Weimarer Republik, verschiedentlich Anzeigen von Buchhandlungen, die Werke Georges in „verlagsneuen Bänden“ zu stark herabgesetzten Preisen anboten. …
In seinem Vertrauen auf die lebensverändernde Kraft des autonomen Gedichts blieb George zeitlebens ein Erbe der deutschen Klassik und Romantik. In seiner Publikationspolitik, seiner Medienstrategie, seiner Selbstinszenierung gegenüber der Öffentlichkeit hingegen handelte er, wie die Auflagenziffern seiner Bücher zeigen, durch und durch modern. Noch in seinem Beharren darauf, jede Publikation aus seinem Kreis mit dem Zeichen der „Blätter für die Kunst“ zu versehen, gehorchte er der Logik der Warenästhetik, die auf Distinktionsgewinn durch ein Logo setzt, das auch dem Massenartikel Exklusivität zertifiziert. In hoc signo vincis: Wenn schon nicht das Neue Reich gewonnen wurde, so doch immerhin der Lyrikmarkt. / Ernst Osterkamp, SZ 4.12.03
… und die SZ. Die bringt zum Anlaß zwei weitere Beiträge:
George und Gundolf: Nachrichten von einem Treffen, das nicht stattgefunden haben sollte (Ulrich Raulff)
Wo Unsrer Frauen türme ragen: Stefan George und München (Jens Malte Fischer)
Vor nahezu einem halben Jahrhundert hat ein Freund bei Peter Rühmkorf „Schizographie“ festgestellt. Schizographie, erklärt Rühmkorf selbstironisch, meint zwei Schreibantriebe, die schwer auf einen Nenner zu bringen waren und sind: ein apokalyptisches Grundgefühl einerseits und ein aufklärerisches Bedürfnis andererseits. …
Vielleicht ist das ein Anzeichen fortgeschrittener Schizographie, eher jedoch eine Mischung aus Weisheit, Witz und Wehmut – und wohl auch ein Wissen um die Grenzen: „Dies Gedicht ist wie ein Ich, / vorläufig und verbesserlich / und zunächst ganz unbestimmt, / ob’s die nächste Kurve nimmt.“ / Hannoversche Allgemeine Zeitung 3.12.03
In diesem Herbst ist erschienen: „Funken fliegen zwischen Hut und Schuh. Lichtblicke, Schweifsterne, Donnerkeile“, hrsg. von Stefan Ulrich Meyer. DVA. 149 Seiten, 17,90 Euro.
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