80. Jorie Graham

Ohne Zweifel ist die 1950 geborene Amerikanerin Jorie Graham eine der legitimen Erbinnen der grossen Marianne Moore. Komplex, hochvirtuos, voller Anspielungen und Zitate präsentieren sich Grahams Dichtungen. Ihr im Original erstmals 1991 erschienener Band «Region der Unähnlichkeit» ist ein langer Versuch, die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache auszuloten. Durch die Überblendung verschiedener Zeit-, Ereignis- und Bewusstseinsschichten entsteht eine gestaffelte Gedichtrealität, die aus dem Jetzt der Sprache lebt und den Riss aufzeigt, der durch die Phänomene und die Sprache selbst verläuft. «Gehalten wird vom historischen Augenblick seine Unhaltbarkeit», fasst der Übersetzer Werner Hamacher in seinem profunden Nachwort die Grundaussage zusammen. Aus dem Gestus des Entdichtens, aus der Lücke entsteht das Offene, die Wende: «Wahl ist was das Sinnliche hier das herrliche Hier ruiniert – / die Schönheit ruiniert, / Wahl die Bewegung die die Hüllen aus Licht zerreisst, die immer engeren Hüllen / der Schichten des / Wirklichen». Auf grossartige Weise verbinden sich in diesem Band präzis eingefangene sinnliche Beobachtungen mit philosophischen Überlegungen./ NZZ 20.8.*

Jorie Graham: Region der Unähnlichkeit. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Essay von Werner Hamacher. Urs Engeler Editor, Basel und Weil am Rhein 2008. 218 S., Fr. 48.–.

*) ist schon eine Weile her, aber das Buch kann man ja auch heute noch kaufen und lesen.

Jorie Graham in L&Poe:

2004    Nov    #63.    Symposion
2005    Apr    #78.    On Poetry
2005    Nov    #90.    Philadelphia feiert
2005    Dez    #8.    10 von 100 von
2006    Dez    #74.    Lyrisches Querbeet im VOLLTEXT
2007    Okt    #62.    Zwischen den Zeilen 27
2008    Jun    #62.    Valentine’s Day Massacre

79. Diebstahl

Internet ist Diebstahl, meint Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, anlässlich eines Zeitungskongresses am 14. September in Fulda, „und er freut sich, die Politik auf seiner Seite zu wissen“. Das teilt der Perlentaucher mit. Ich habe nachgesehen und es nicht bestätigt gefunden. Er sagte:

Es ist nicht länger hinzunehmen, dass aufwändig produzierte Qualitätsinhalte der Zeitungen von Dritten kommerziell genutzt werden, ohne dass auch nur ein Cent an die Verlage zurückfließt.

Und:

Es hat nichts mit „Kultur“ zu tun, wenn Inhalte von Fremden ausgebeutet werden! Content- beziehungsweise Inhalte-Diebstahl ist das richtige Wort. Oder Piraterie.

Dem kann man ja (fast, vorsichtig) zustimmen. Wenn ich auch, Stichwort „Piraterie“, sein Vertrauen in Kompetenz und Goodwill der „großen Parteien“ kaum teile. Heinen:

Und wir freuen uns über die Aufgeschlossenheit aller großen Parteien, über entsprechende Regelungen konstruktiv nachzudenken.

Wenn das man keine Drohung ist… Erfahrung lehrt, daß die Demokratie (Volksherrschaft) der Berufspolitiker und Fachleute starke Korrektive braucht. (Ja, ich hab bei der Europawahl Piraten gewählt!).

Lustig, daß der Leser (im Internet) mit drohendem Ausrufezeichen gewarnt wird:

Es gilt das gesprochene Wort!

Ja wie denn? Es folgt ja keine Audiodatei, sondern digital zur Verfügung gestellter Text. Was er wirklich gesagt hat, soll uns der von Heinen beschworene Qualitätsjournalismus sagen. Da siehts dann oft düster aus, wie wir wissen. Vielleicht sollten sie öfter darüber sprechen.

Heinen forderte auch die Abschaffung der Mehrwertsteuer für Zeitungen:

Es ist nicht zu verstehen, dass der Staat die tägliche Information via Zeitung mit einer Steuer belegt.

Aber aber: wenn das tägliche Brot und Wasser oder Bier besteuert wird, wieso dann nicht die Zeitung? Oder die Atemluft? Abschaffen oder gleichbehandeln, fordere ich. Was sagen die Piraten dazu? Danke, Herr Osterwelle, Sie habe ich gar nicht gefragt.

78. Chaos

test

Wie es aussieht, brauchen wir eine tägliche Skandalkolumne Frankfurt/China. Heute:

Dann platzte die Veranstaltung. Dai Qing fragte nach der Zensur. „Bis 1989 habe ich zehn Bücher verkauft. Danach nicht ein einziges.“ Sie bekam keine Antwort. Als dann eine Journalistin fragte, „Verehrter Herr Botschafter, Sie sprachen vom Ton, der die Musik mache. Welchen Ton muss ich anschlagen, damit sie hören, dass wir uns Sorgen machen um die verhafteten chinesischen Journalisten und Schriftsteller?“ Von diesem Augenblick an herrschte Chaos. Die Chinesen bedeuteten Jürgen Boos, er müsse auf Abbruch der Veranstaltung drängen. Diese Arbeit übernahm dann für ihn der Generalsekretär des PEN. / Arno Widmann, FR 14.9.

Mehr: NZZ 15.9. (Rückgratfreier Diskurs)

77. American Life in Poetry: Column 234

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This week’s poem is by a high school student, Michelle Bennett, who lives in Tukwila, Washington, and here she is taking a look at what comes next, Western Washington University in Bellingham, with everything new about it, including opportunity.

Western

You find yourself in a narrow bed you’ve never slept in,
on a tree-lined grassy field you’ve never walked upon,
on a cold toilet seat you have not sat on,
in a place you now call your home, your learning, your future.
Red stone pathways expose the buildings that will house
the knowledge you seek,
and the information you want to gather.

You crane your neck to look up
at the 13-story brick tower rising from the ground,
looming over you as you walk past. The melodies
and beats of different songs mix,
create a sound of their own,
flow from open windows. Crushed leeks
Top Ramen noodles ground into a blue
and speckled carpet attract armies of ants
to the communal kitchen on the sixth floor.

You pull your jacket tighter against your body,
strong, salty wind whips off the Sound,
and up the hill as you walk through
Red Square toward the clatter of knives,
forks and digesting bellies.

Finally, you are released like a white dove
from the hands of its owner, allowed to fly
discovering your dreams,
discovering what you are made of.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Seattle Arts & Lectures. Reprinted from Dive Down Into the Loud, Seattle Arts & Letters, 2008, by permission of the author and publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

76. Jim Carroll, Dichter und Punkrocker, gestorben

Jim Carroll, der in der Outlaw-Tradition von Rimbaud und Burroughs lebte und seine wilde Jugend in “The Basketball Diaries” erzählte, starb am Freitag in seinem Haus in Manhattan im Alter von 60 Jahren, meldet die New York Times. In den 60er Jahren war er Teenage-Basketballstar an einer Eliteschule in Manhattan. In seinem chaotischen Leben kombinierte er Sport, Drogen und Poesie. Sein Lied “People Who Died” wurde ein Hit im Collegeradio und landete im Soundtrack für “E.T.: The Extra-Terrestrial”. Nachruf von William Grimes hier.

Mehr: Der Standard / Die Zeit / Spiegel / CNN / The Australian / Rolling Stone /

Interview mit Jim Carroll, Rolling Stone 1998

75. Neuer Sonetten-Krieg


Das Wort „Sonettenkrieg“ tauchte im April diesen Jahres auf. Thomas Kunst hatte mir ein Gedicht geschickt, einen polemischen Rundumschlag nach einem Debattenbeitrag von Alexander Nitzberg, Kunsts Kommentar: „die sollen endlich alle die fresse halten und anständige gedichte schreiben“. Einer tats, stan lafleur. „Ich bin noch nie in Montpellier gewesen“, hieß es in Kunsts Sonett. lafleur parierte: „Ich bin dereinst in Montpellier gewesen“. Sein Gedicht war indes keine Gegenpolemik, sondern ein, ich sag mal, anständiges Gedicht. Ich denke gern an die schöne Geschichte, die es erzählte.

Allerdings gab es dann einen bösen Leserbrief von P.E.:

Könnte man bitte diese peinliche Sonett-Schlacht hier stoppen?  Ob Kunst oder nicht, das entscheidet im Endeffekt der Leser. Im mehrfachen Sinne. Bisher hatte ich diese Site eigentlich immer gerne als Informationsbasis genutzt. Seit einige Autoren dies als Selbstdarstellungsmedium verunstalten, bin ich in der glücklichen Lage, einfach abzuschalten.

Nun, ich fand den Vorgang weder peinlich noch überhaupt einen „Krieg“, aber die Meinungen sind ja frei.

Nun scheint sich der Vorgang zu wiederholen. Am 17. August schickte mir Thomas Kunst ein Liebesgedicht, das so begann:

HILDE IST BESTIMMT GAR NICHT NACH BONN GEFAHREN,
Nach Koblenz, Andernach, nach Kiel…

Da waren Hilde und Andernach ins Spiel gebracht. Zu dem Gedicht kamen Kommentare von 2 Autoren, die das Gedicht mochten, wie ich auch. Am 4. September kehrten Orts- und Personenname wieder:

DU WÄHLTEST LAUBSÄGEN ALS NEIGUNGSFACH,
Ich wünschte mir von dir ein Cello, Hilde,
Ein dünnes, rotes, wo liegt Andernach…

Noch in der Nacht kam ein Antwort-Sonett von Andreas Noga, wie im April mit einer Referenz zum Ortsnamen:

andernach liegt zwischen fluss und bach
ich hoffe du bist jetzt im bilde…

Da ich zu Kunsts Gedicht die Überschrift „Gedicht“ gewählt hatte, stellte ich Nogas Gedicht unter die vielleicht zu flapsige Überschrift „Noch’n Gedicht“. Ich wollte einfach die Referenz zwischen #27 und #30 herstellen, ohne sie direkt auszusprechen, im Vertrauen, der Leser werde die Korrespondenz zB in den Reimen bemerken. Andreas Noga schrieb mir zu seinem Gedicht:

Lyrik bedeutet für mich auch Kommunikation. Es reizt mich, wenn sich ein Ansatz ergibt, in diesem Sinne selbst kreativ zu sein, oder anderen Lyrik nahe (näher) zu bringen. Andernach liegt etwa 25 km von meiner Geburtsstadt Koblenz und meinem Wohnort Alsbach entfernt. Daher der Impuls, auf das Gedicht eine Antwort zu verfassen.

Thomas Kunst schickte einige Tage später ein polemisches Antwortsonett mit der Bemerkung: „nur für dich“. Am 11. September trug Jörn Hühnerbein ein polemisches Gedicht als Kommentar zu Nogas Gedicht ein (die neue Bloglösung der Lyrikzeitung hat ja diese erfreuliche Funktion). Da  mir nicht daran liegt, eine Debatte „abzuwürgen“, habe ich den Kommentar selbstverständlich freigeschaltet (wie bisher noch jeden, abgesehen von den dankenswerterweise von WordPress abgewehrten Spameinträgen). Da der Vorgang jetzt schon eine Weile zurückliegt, hier alle bisherigen Beiträge in der Reihenfolge des Eintreffens bei mir – mit Thomas Kunsts Erlaubnis auch sein ursprünglich privat eingesandter Text.

Thomas Kunst, 4.9.:

DU WÄHLTEST LAUBSÄGEN ALS NEIGUNGSFACH,
Ich wünschte mir von dir ein Cello, Hilde,
Ein dünnes, rotes, wo liegt Andernach,
Nimm lieber Sperrholz, Schleifpapier und wilde

Empfindsamkeit, im Leimholz folgt die Säge
Nur blind und aufgebracht den Maserungen,
Die hellen Schnitte nehme ich in Pflege,
Du hast mir lange nichts mehr vorgesungen,

In deinem Zimmer stapeln sich die Bretter,
Ich müsste dich nach Helsinki verschleppen,
Nach Stockholm, wegen des Syndroms, wir nicken,

Du singst zu oft nobody does it better,
Die Wolken über den Konditortreppen,
Die dünnen Instrumente sind die dicken.

Andreas Noga, 5.9.:

andernach liegt zwischen fluss und bach
ich hoffe du bist jetzt im bilde
ergreifst mein cello und hältst mich wach
ich führe dich heut nacht im schilde

empfindsamkeit ist nichts für holz
sie gilt den verborgenen stellen
deiner haut die ich noch immer stolz
entdecke unter baumwollfellen

in deinem zimmer liegen dicke
kissen im bett du wünschst benommen
dass ich den höhepunkt verschleppe

sagst nicht wohin doch ich nicke
beinah angekommen
auf der letzten stufe der kirchturmtreppe

Thomas Kunst, 8.9.:

IM SÜDEN DEUTSCHLANDS GIBT ES PARODISTEN,
Die meine Texte lieben, ohne Zweifel,
Sie stehen gut sortiert auf meinen Listen
Und wohnen zwischen Alsbach und der Eifel.

Sie kennen Heidelberg und all die Nester,
Es kann nur Liebe sein, so wie sie dichten,
Nach mir ihr kleines Tagwerk auszurichten,
Bedeutet, die Bewunderung wird fester.

Sie kennen sich mit Frauen aus, mit Kissen,
Mit Leibern und Sonetten, die noch bleiben,
Es geht in Ordnung, dass sie sich verneigen,

Das können Parodisten ja nicht wissen,
Dass sie nur jene Texte übertreiben,
Die ihnen deutlich ihre Grenzen zeigen.

Jörn Hühnerbein, 11.9.:

das dicke-eier-nicht-sonett
(für andreas noga)

was intressiert mich andernach
dein cello deine kuchen
ich lieg die halbe nacht schon wach
mal bisschen fleisch versuchen?

nein, nein, ich hör schon wieder zu
sag weiter: sperrholz säge
(die puppe nervt schon seit elf uhr
benimmt sie sich so schäge)

dann summt sie noch so
`n schlagerdings
mein englisch ist erbärmlich
ob sie versteht was sie da singt
ich lächle lieber wärmlich

mensch, sieht so aus: sie will
noch nicht
ich seh schon weiße schleier
na, danke für den unterricht
mich drücken meine eier

Die „Sonettendebatte“ vom April d.J.:

2009    Apr #13.    Mehr Polemik
2009    Apr #17.    Montpellier
2009    Apr #22.    Leserbrief

(In seiner von mir überaus verehrten „lecture on nothing“ schrieb der amerikanische Komponist John Cage zum Thema „discussion“, bzw. sprachs: „shall we have one later?“)

74. Hymne der demokratischen Jugend

Serhiy Zhadan & Band Sobaky V Kosmosi (Hunde im Weltall)
Lesung und Live Musik (Deutsch/Ukrainisch)

16. Sep.
21:00 5 €

Tanzwirtschaft KAFFEE BURGER  http://www.kaffeeburger.de  http://www.myspace.com/tanzwirtschaft
Torstraße 60, 10119 Berlin. U-Bahn: Rosa-Luxemburg-Platz
Tel: 280 46 495, E-Mail: tanzwirtschaft@kaffeeburger.de
Mo. bis Do. ab 21/22 Uhr, Fr./Sa. ab 22, So. ab 19 Uhr geöffnet.

Serhij Zhadan Hymne der demokratischen Jugend (Gimn demokratičnoï molodi) Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr Ca. 160 Seiten

Ein Buch zwischen Charles Bukowski, den Sex Pistols und der Verliererpoesie Aki Kaurismäkis KulturSpiegel über den Roman Depeche Mode San Sanytsch, ein Ringkämpfer mit Abitur, schließt sich den „Boxern für Gerechtigkeit und soziale Adaption“ an, die als Wachschutzbrigade die Märkte beim Traktorenwerk kontrollieren. Nachdem er beim Testen einer kugelsicheren Weste fast umkommen wäre, tut er sich mit Goga zusammen, einem früheren Klassenkameraden, der aus dem Tschetschenienkrieg zurückgekehrt ist und vom eigenen Club träumt. In einem heruntergekommenen Sandwichladen namens „Butterbrot-Bar“ eröffnen die beiden den ersten Schwulenklub der Stadt. Seit einigen Jahren wimmelt es in der ostukrainischen Metropole Charkiw von Leuten mit ausgefallenen Geschäftsideen und dem Gespür für Marktlücken. Die einen gründen die Bestattungsfirma „House of the Dead“ und blamieren sich mit ihrer Power-Point-Präsentation in Budapest. Andere widmen sich den „Besonderheiten des Organschmuggels“ und handeln an der EU-Außengrenze mit Visa und Prostituierten. Wie in Depeche Mode zieht Serhij Zhadan alle Register seines Könnens, um in sechs witzigen, temporeichen Episoden ein paar Helden der Transformationszeit zu schildern − Mitspieler in einer Gesellschaft, die sie bald wieder ausspucken wird. Der Autor Serhij Zhadan, 1974 in Starobilsk/Ostukraine geboren, ist der populärste ukrainische Lyriker seiner Generation. Er promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört zu den Akteuren der alternativen Kulturszene in Charkiw. Seit 1995 publizierte er zahlreiche Gedichtbände und neuerdings auch Prosa. Zuletzt erschienen: Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte. 2006 Depeche Mode. Roman 2007 Anarchy in the UKR. 2007

73. Außerdem Gedichte

Hab ich schon einmal die BILD-Zeitung zitiert? Ich tue es jetzt. Mich interessiert der Sänger nicht besonders, und die kurzen BILD-Sätze enthalten keine mir verständliche Information (wenn es den Brief gibt: hat ihn „jemand“, der alles mitgenommen hat, dann auch mitgenommen? Woher weiß man dann von ihnen (außer: MAN ist man selber)? Und die „außerdem“ dort gewesenen Gedichte gehören zu „Alles“ oder zu „Nicht-Alles“? Wie der Brief also? Waren es Jacksons Gedichte oder andere? Wenn sie dort „waren“, wie hat man sich ihre Anwesenheit vorzustellen, „waren“ sie auf Zettel aufgeschrieben oder im Computer? Rätselhaft. Ist es das, was Millionen Leser täglich von BILD verlangen und bekommen?), aber egal, voilà:

… Jacksons Abschiedsbrief
„Der Brief wurde bisher nicht veröffentlicht. Aber kurz nach seinem Tod ging jemand in sein Sterbezimmer und nahm alles mit. Außerdem waren in diesem Raum auch 40 Gedichte. Michael Jackson war ein echter Künstler – er glaubte an Gedichte und die Musik.

Ich übe mich in BILD-Deutsch: In meiner Wohnung sind hunderttausende Gedichte – nein, die Zahl ist verwirrend, ich korrigiere – VIELE Gedichte). Ich bin kein Künstler. Aber ich glaube an Gedichte. Ich glaube zu wissen, daß es sie gibt. Versteht mich einer? Aber nun bitte nicht einbrechen, ja?

Geistige Gummibärchen: sind eine sehr gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak.

72. Gestorben

Der Quebecer Lyriker Pierre Mathieu starb vergangenen Montag in Montréal. Er veröffentlichte mehr als 50 Bücher, darunter Gedichtbände, Erzählungen, Theaterstücke und Kinderbücher. Er war auch Maler und stellte seine Werke in Kanada, Frankreich und Tunesien aus. / The Canadian Press 11.9.

71. Eklat in Frankfurt – Direktor entschuldigt sich bei China

Bei einem chinesisch-deutschen Symposium im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse ist es am Samstag zu einem Eklat gekommen. Als die regierungskritische Journalistin Dai Qing und der in den USA lebende Lyriker Bei Ling vor Beginn der Veranstaltung ein Statement abgaben, verließen Teile der chinesischen Delegation den Saal, wie der Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse der Nachrichtenagentur AFP sagte.
Der ehemalige Botschafter Chinas in Deutschland, Mei Zhaorong, erklärt aufgebracht, er und die anderen Delegierten fühlten sich „ungerecht behandelt“. Sie seien anders als die beiden Dissidenten nicht begrüßt worden und seien „hier für eine Diskussion, nicht für Demokratie-Unterricht“. Die Deutschen predigten Demokratie, „diktieren aber die Bedingungen“, schimpft Mei. / FR 12.9.

(Das mag so sein – aber die Bedingungen diktiert doch China. Der Messedirektor entschuldigt sich. Der Skandal geht weiter.)

70. Innerschweizer Kulturpreis

Engagierter Kunstvermittler erhält Kulturpreis Für seine Arbeit als Verleger und Kunstdrucker hat Martin Wallimann den «Innerschweizer Kulturpreis» erhalten. Der mit 20’000 Franken dotierte Preis wurde dem 51-jährigen in Sarnen im Kanton Obwalden überreicht. Martin Wallimann ist ausgebildeter Offsetdrucker und führt seit 1983 ein handwerkliches Druckatelier in Alpnach. Seit 1991 hat er zudem einen eigenen Verlag, in dem Bücher mit Prosa, Lyrik und Anagrammen erscheinen. Weiter ist er Initiant der Buchmesse «Luzern bucht» …   Uneigennützig und feinfühlig Vielen Kunst- und Literaturschaffenden habe Wallimann eine Möglichkeit geboten, ihr meist stilles Schaffen der Öffentlichkeit zu präsentieren, argumentiert die Kulturstiftung weiter. Er sei ein engagierter Vermittler von Kunst. Mit der ersten Obwaldner «Lyrik-Nacht» habe er erst jüngst wieder seinen uneigennützigen und feinfühligen Einsatz bewiesen. / SF Tagesschau

69. Der neue Kindler vs. Wikipedia

Wenn man im Internet detaillierte, verlässliche Informationen über literarische Werke sucht, kommt man gegenwärtig oft noch nicht sehr weit. Und die Wikipedia-Konzeption offenbart erhebliche Lücken. Als kürzlich die Lyrikerin Christa Reinig starb, konnte man im Wikipedia-Artikel lesen, die sprichwörtlich gewordene Redewendung „Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank“ gehe auf sie zurück – ihr erster Gedichtband erschien 1960 in einem bibliophilen Kleinverlag. Mittlerweile ist diese Bemerkung zwar getilgt, aber verlassen sollte man sich auf Wikipedia keineswegs blind. Kann man dies beim Kindler?
Ein Blick in die achtzehn Bände zeigt, dass noch einmal alles in die Waagschale geworfen wurde. Man findet das Gesuchte jetzt schnell, ohne vorher umständlich im Register nachzuschauen oder sich mit diversen Formen einer sich verselbständigenden Binnenlogik befassen zu müssen. Und statt bisher 22 Bänden sind es nunmehr achtzehn. Mit einem Schlag sind viele vorher scheinbar unvermeidliche Werke einer offiziellen Ostblock-Literatur hinfällig geworden. Eine gewisse Verlagerung ist zudem im Zuge der neuen akademischen Kulturmoden festzustellen: Auffallend viele Werke aus dem asiatischen und afrikanischen Raum sind hinzugekommen, der „Eurozentrismus“ ist extrem zurückgefahren, und die letzten Spuren des alten Bompiani, mit seinem Übergewicht der romanischen Literaturen, sind getilgt. Berücksichtigt sind zum Beispiel alle sechzehn indischen Einzelliteraturen, aber der nicht unwichtige zeitgenössische französische Lyriker Jean Daive hat keinen Eintrag. …

So ist diese auf einen Schlag erschienene und in achtzehn Bänden lieferbare dritte Auflage des „Kindler“ gleichzeitig ein Meilenstein und ein Abgesang auf diese Form der Enzyklopädie. Eine vierte Auflage des Kindler in Buchform wird es nicht geben.  / HELMUT BÖTTIGER, SZ 5.9.

68. Hugo Ball

Das Karnevalswochenende von Notting Hill [haben die Karneval im Sommer?] schien mir eine gute Zeit, um ein paar Dadagedichte nachzulesen, speziell jene des fruchtbaren* deutschen Dichters Hugo Ball. Ball beschrieb seinen Auftritt in der berühmten Zürcher Vorführung als „magischer Bischof„, und seine Darbietung dieser Rolle könnte kaum karnevalesker sein, wenn man nach seiner eigenen Beschreibung urtelt…“ / Carol Rumens, Guardian 31.8.

*) exuberant: kann fruchtbar heißen – die Werkausgabe ist auf 10 Bände geplant –, aber auch übermütig, ausgelassen: wie unterscheiden die Briten das bloß? Naja, Karneval im Sommer… – Fremdwort könnte hilfreich sein: sagen wir: des exuberanten Dichters, dann nicken alle und keiner weiß genau.

Hugo Ball: Eröffnungs-Manifest, 1. Dada-Abend

67. »Alles außer Tiernahrung. Politische Lyrik«

Tom Schulz und andere präsentieren »Alles außer Tiernahrung. Politische Lyrik«
»es muss es darf zurückgefeuert werden« (Björn Kuhligk)
Gastgeber:
Rotbuch und SO36

Preis:     3,-

Donnerstag, 24. September 2009 um 20:00

SO36
Oranienstraße 190

Zornig und selbstbewusst meldet sich die politische Lyrik zurück.
Junge Autoren thematisieren die Probleme von heute: Migration, Klimakrise, Globalisierung, Massenarbeitslosigkeit und Abschaffung der sozialen Systeme. Aus Anlass der Buchpublikation »Alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte« kommen acht Dichter auf die Bühne des SO36 und hauen Euch ihre Verse um die Ohren. Anschließend Party mit Politmucke von Brecht bis The Exploited! Stand up and dance – stand up and fight!

Mit Tom Bresemann, Ann Cotten, Daniel Falb, René Hamann, Björn Kuhligk, Angela Sanmann, Tom Schulz, Florian Voß
und DJ Gainsbarez

66. Literarisches Neuland

Arabische Literatur? Ein weites fernes Feld. „Für uns ist das großes literarisches Neuland“, sagt Ulrich Schreiber, Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin, zum diesjährigen Schwerpunkt Arabische Welt.

Die meisten der geladenen Autoren sind zum ersten Mal in Berlin, was auch ein Auswahlkriterium war. „Natürlich steht die literarische Qualität im Vordergrund“, so Schreiber, „allerdings wollten wir neue Beziehungen aufbauen und gerade auch jüngere Autoren vorstellen“. Zu diesen zählen etwa die palästinensische Lyrikerin Dalia Taha und die Ägypterin Rehab Bassam, die über ihr Leben als Frau in der Kairoer Mittelschicht einen Internet-Blog führt. Rehab Bassam stellt sich am 14. September mit einer Lesung im Oberen Foyer des Festspiele-Hauses vor (21 Uhr). Dalia Taha ist am 12. September bei der „Poetry Night IV“ auf der Seitenbühne des Hauses. Die Autoren lesen in ihren Landessprachen, deutsche Sprecher lesen die Arbeiten in der Übersetzung. / Claudia Schumacher, Berliner Morgenpost 11.9.