95. Bei Ling über das Frankfurter Symposion (und über Celan und China)

Das war das sowohl absurdeste als auch unvergesslichste Symposion, an dem ich je teilgenommen habe. Willkommen zurück im Kalten Krieg – ähnlich bizarr und unberechenbar ging es hier zu. Bis zuletzt, als ich in letzter Minute mein Flugzeug nach Frankfurt bestieg, hatte ich keine genaue Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Ich war auf alles gefasst, auf Demütigungen, selbst darauf, möglicherweise gar nicht eingelassen zu werden. …

Beim letzten Panel des Symposions, als endlich die Rolle der Literatur auf der Tagesordnung stand, versuchte ich also als Verleger, auf Paul Celan zu sprechen zu kommen. Ich habe in meinem Verlag „Tendenzen“ eine chinesische Biographie mit ausgewählten Werken von Paul Celan herausgebracht, ein Band, der für mich persönlich zum wichtigsten Werk während der Zeit meines schriftstellerischen Exils in den vergangenen Jahren geworden ist. Was ich auf der Konferenz nur kurz ansprechen konnte und den Gästen aus meinem eigenen Heimatland klarmachen wollte, war, dass Celan sein Leben lang, als Dichter in einer schwierigen Zeit, keinen Moment lang aufgehört hat, das auch nach dem Krieg noch in seinem Vaterland – Deutschland – fortbestehende faschistische Denken bloßzustellen und zu kritisieren. Zu jeder Lesung, die er bei seinen Besuchen in Deutschland hielt, brachte er sein ganz persönliches Leid mit und spürte das kleinste Detail auf, mit dem dieses Land seine eigene finstere Geschichte zu kaschieren versuchte.

Doch, was mich immer zutiefst berührt hat, ist, dass dieses Deutschland, das Land seiner Muttersprache (und der Sprache seiner Mutter, die von Deutschen getötet wurde), Celan empfangen hat. Und nicht nur empfangen hat, sondern ihn auch als einen der großen Dichter der eigenen Literatur geehrt hat. Nicht nur, dass er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde; die Deutschen zollten ihm aufrichtigen Respekt. Und was mich noch tiefer beeindruckt ist, dass seine deutschen Schriftstellerkollegen ihn stets als ihresgleichen betrachtet und empfangen haben.

In China wird das, was nach offizieller Vorstellung als chinesische Literatur gilt, in die geographischen wie ideologischen Grenzen der Volksrepublik gezwängt. Jede chinesischsprachige Literatur, die sich außerhalb dieser Grenzen bewegt, wird ignoriert, der in Frankreich lebende Nobelpreisträger Gao Xingjian wird gar als „französischer Schriftsteller“ bezeichnet. Nestbeschmutzer wirft man eben aus dem Nest. Dabei haben gerade diese in der chinesischen Literatur Tradition: Kaum ein klassischer chinesischer Dichter, von Qu Yuan bis Du Fu, der nicht vom einem Landesherrn verstoßen worden wäre. Die heute im Exil lebenden Schriftsteller zu ignorieren heißt, einen wichtigen Teil der zeitgenössischen chinesischen Literatur zu verleugnen.

Nein sagen zu können gehört zu den wichtigsten Traditionen chinesischer Schriftsteller. Aber das gehörte zu den vielen Dingen, über in diesem Symposion zu kulturellen Fragen nicht gesprochen wurde. / Bei Ling, FAZ 19.9.

94. Selbsttor eines Dorfkickers

Kommentar von Axel Kutsch

Wir Älteren erinnern uns noch gerne an die Selbsttore von Franz Beckenbauer. So elegant hat vor und nach ihm kein anderer Fußballspieler den eigenen Keeper überlistet. Für uns Zuschauer war es die reine Augenweide, ein ästhetisches Vergnügen, ein Fest der Sinne.

Beim großen Franz hatte das Selbsttor Kultur. Bei Stefan Mesch, einem Mann der Kultur, der nun auch in der ZEIT ein Spielfeld gefunden hat, verkommt es zur bloßen Lachnummer – wie bei kuriosen Eigentoren auf holprigen dörflichen Sportplätzen.

In einem oberflächlichen Erguß über Lyrik im Netz (und anderswo), den er unter dem Titel „Wo Poeten laut werden“ in jener nicht vor Poesiekenntnissen strotzenden Wochenzeitung absondern durfte, holt er an einer Stelle kräftig zum Tritt gegen den Poetenladen aus, dessen professionelle Website vor allem in der Lyrikszene hohen Stellenwert genießt. Der „unübersichtliche und egalitäre Poetenladen“ verstecke Perlen blöd zwischen krauser Literaturkritik und Amateurtexten, konstatiert unser Dorfkicker voller Elan.

Allerdings geht dieser Tritt nach hinten los, hatte er sich doch vor vier Jahren vergeblich um eine Aufnahme in diesen nun von ihm geschmähten Poetenladen bemüht, die damals von der Redaktion aus qualitativen Gründen abgelehnt wurde.

War es Frust? War’s gekränkte Eitelkeit? Jedenfalls ist selten ein plumperes Selbsttor geschossen worden – nicht einmal auf holprigen Dorfplätzen, aber dafür in einer Zeitung, deren Ansehen trotz gewisser Defizite im Bereich der Poesie nach wie vor beträchtlich ist.

Was Franz Beckenbauer wohl dazu sagen würde? Aber fragen wir ihn lieber nicht.

93. Georg Drozdowski

Ein kaum bekannter Dichter der Bukowina soll dem Versinken entrissen werden – der Rimbaud Verlag fügte den in Czernowitz geborenen Georg Drozdowski (1899 – 1987) zu einer größeren Reihe deutsch schreibender Autoren aus diesem Raum. Herausgeberin des jüngst erschienenen Lyrikbandes ist Helga Abret, die bis zum Jahr 2005 als „Professorin für Neuere deutsche Literatur“ an der Universität Metz in Frankreich tätig war. …

Die Erfahrung der unbeschwerten Jugendjahre im Völkergemisch des Balkans samt dem nachfolgenden Grauen – dieses Wechselbad von geistiger Weite und fanatischer Verblendung ließen den Katholiken Drozdowski bis ins hohe Alter nicht zur Ruhe kommen: „Ich spähe nach dir, allein dein Schein überblendet […] Mein Ruf ist verschwendet […] Tu dich doch auf! Oder soll ich genesen, suchend aus mir?“ Er mag auch nicht unterscheiden zwischen (Juden-)Stern und Kreuz, da doch beide schmerzen. So ist in Lehrhaftem der Suchende zu finden, und die Mahnung ist sich des eigenen möglichen Irrtums bewusst.

Drozdowski, ein Unzeitiger, bezeugt in seinen Gedichten nicht nur eigenwilliges Beharren in der Form, er verteidigt seinen Anspruch auf Freiheit gegenüber sich nicht selten überschätzenden Strömungen. / Christa Hagmeyer, literaturkritik.de

Georg Drozdowski: Mit versiegelter Order. Ausgewählte Gedichte 1934 – 1981. 
Herausgegeben von Helga Abret. 
Rimbaud Verlagsgesellschaft, Aachen 2009. 
227 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783890865256

92. Nachtrag zum Teufel

In dem Roman „Tal der Issa“ des polnischen Nobelpreisträgers Czesław Miłosz lese ich:

Die Besonderheit des Issatals liegt in der Zahl seiner Teufel. Sie ist dort größer als sonstwo. (…) Es ist wahrscheinlich, daß die Teufel, da sie die abergläubische Bewunderung des Volkes für die Deutschen kennen – Menschen des Handels, der Erfindung und der Wissenschaft –, sich mehr Ansehen zu geben versuchen, indem sie sich wie Immanuel Kant von Königsberg kleiden. Nicht umsonst ist an der Issa der andere Name für unheimliche Macht Niemczyk* – der bedeuten soll, daß der Teufel auf der Seite des Fortschritts ist.

Czesław Miłosz: Tal der Issa. Leipzig u. Weimar 1988, S. 8

*) Diminutiv von „Deutscher“

91. In eigener Sache

Liebe Leute von textenet.de,

ich bitte Euch und Sie noch einmal dringend, die Lyrikzeitung aus dem Minifenster zu befreien oder, wenn das nicht möglich oder gewünscht ist, ganz rauszunehmen. Ein Fenster, in dem man nicht einmal eine Nachricht ganz lesen kann, ohne zu scrollen, und in dem man die Werkzeuge, wie die „Textwolke“ (aus der man beiläufig sieht, daß Leipzig nach Berlin die am häufigsten mit Nachrichten bedachte Stadt ist – klickt doch mal dort auf „Leipzig“), nicht sieht, ist eine Zumutung für Benutzer und nicht in meinem Sinne.

– Daß die Lyrik nicht fehle, füge ich ein Gedicht von Elke Erb bei, das mir, ich weiß nicht warum, gerade einfällt:

Hoch in den Jahren

Du? – sprichst zu schnell.
Und dann ins tote Ohr.

September 1976

Aus: Der Faden der Geduld, Berlin u. Weimar 1978, S. 102

90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag

Ein wichtiges Buch ist anzuzeigen, eine Anthologie von 100 Gedichten der Gegenwart, jeweils mit einem etwa zweiseitigen Kommentar versehen. Die Kommentatoren sind verbürgte Fachleute, Michael Braun und Michael Buselmeier, ihre Kommentare sind nützlich und ärgerlich, wie es zu gehn pflegt. Denn wenn man sich über die eine und andere Aussage ärgert und gaaanz anderer Meinung ist, war es doch der Kommentar, der einen drauf gebracht hat. Also ein Buch, das Profis ebenso wie interessierten Laien etwas bringt: anschaffen! lesen! Eine Quelle meines Dissents mache ich im Vorwort der Herausgeber aus: das häuft schon im zweiten Satz mit „chiffriert“, „vieldeutig“ und „verstehen lernen“ recht kopflastige Begriffe auf die mehr oder weniger zarten Gedichtpflänzchen. „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen“, meint Stolterfoht: Michael B + Michael B, seid ihr des Teufels?
Indes bietet das Vorwort einen weiteren Stolperstein. Am Ende der ersten Seite lese ich, schon im Sprung beifällig nickend: „So stehen neben den Texten prominenter Dichter der Gegenwart vorzügliche Gedichte (Bravo!) von oft ganz unbekannt gebliebenen (Bravissimo!) oder schnell vergessenen Autoren, wortmächtigen Außenseitern (Toll!), und man kann daraus folgern, wie ungerecht die selektierende (sehr gut!) Literaturkritik häufig (ich hätt es nicht besser sagen können!) –
an dieser Stelle muß man umblättern und liest weiter: „verfährt.“ Sehr richtig, denkt der Leser, und selbstkritisch ja auch! Aber der nächste Satz bleibt, jetzt sage ich mir und nicht einem: bleibt mir im Halse stecken: „Gedichte zum Beispiel von Friederike Mayröcker, Marcel Beyer oder Monika Rinck, die nach ungewohnten, offenen Formen für ihre ästhetischen Erfahrungen suchen…“ (der Satz geht weiter mit Namen wie Wulf Kirsten, Christoph Meckel oder Gregor Laschen). Friederike Mayröcker, nach Form suchend? Marcel Beyer, unbekannt geblieben? Monika Rinck, schnell vergessen? Wo leben die denn, bzw. ich?  Welcher Teufel (da ist er wieder) hat die erfahrenen Leser und Kritiker geritten, diese Namen mit diesen Adjektiven zu koppeln? Hat man das in Wien schon bemerkt? Typisch deutsch, wird man dort denken, wenn man liest, wie Mayröcker zur Außenseiterin stilisiert wird. Eingedenkend, daß Suhrkamp in Frankfurt seit langem Friederike Mayröckers Hausverlag ist, borge ich mir lieber ein Wort von Thomas Kunst und mutmaße, hier spricht wohl die Heidelberger Ästhetik. Wenn das zutrifft, wird es Zeit, ihr eine Leipziger Ästhetik entgegenzusetzen.
/ Michael G

Michael Braun / Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert
Gebundene Ausgabe 360 S. | 19,95 €
Poetenladen 2009

89. Sunne


«Wenn man ans Gute in der Welt glauben will, vielleicht Gott, aber nicht die Dichter für tot erklärt und der Populärkultur einen Funken Interesse entgegenbringt – dann kann man nicht anders: Man muss ‹Sunne› lieben.»
(Aargauer Zeitung)

«Ein Werk, vor dem man sich verneigen darf: Das neue Album ‹Sunne› von Kutti MC.»
(Der Bund)

«Er zeigt sich dabei so vielseitig und experimentierfreudig wie nie zuvor, sprachlich hingegen so virtuos und pointiert wie eh und je.»
(St. Galler Tagblatt)

«Morgen geht die ‹Sunne› auf: Das grossartige neue Album von Kutti MC erscheint endlich.»
(Tages-Anzeiger)

«Dieser Rapper, der irgendwie gar keiner ist und doch der Interessanteste seiner Zunft bleibt.»
(Neue Luzerner Zeitung)

«Die Berner Songwriter-Tradition erfährt durch Jürg Halter eine Frischzellenkur. Kutti MC hat seine eigene Form von Mundartmusik geschaffen.»
(78s.ch)

«Die Sonne als Hiebe austeilende, verstrahlende Institution, aber doch gütig, wegweisend, wärmend noch die letzte Sünderin. Ist es Rap, Soul, Pop? Songwriting 3000.»
(Weltwoche)

Über die Schweizer Szene schrieb die NZZ vor einiger Zeit:

Als viersprachiges Land multipler Mundarten bietet die Schweiz ein pralles poppoetisches Potenzial – und mit dem «Menschenversand» ein engagiertes Label, welches seit einem Jahrzehnt die Originalität solcher oralen Offenbarungen dokumentiert. Die Doppel-CD «Mund auf, Wort raus» kann als Kompendium von nicht weniger als 26 Formen der Mund(un)artigkeit bereits bei ihrem Erscheinen den Rang eines Klassikers beanspruchen.

Dabei muss es ( im Unterschied zum Kabarett ) nicht direkt witzig zugehen, der Rede Dreh speist sich nicht selten aus mehr oder minder sublimierter Aggression: vom stoischen Antiwitz Pedro Lenz‘ ( geb. 1965 ) über die paranoiden Szenarien eines Jürg Halter ( 1980 ), die atemlos abgehaspelten Kleinbürgerglücksmomente der wirkungssicheren Stefanie Grob ( 1975 ) bis hin zu den geniesserischen Gewaltphantasien Lara Stolls ( 1987 ) in der Rolle eines John-Deere-180-PS-Supertraktors.

/ NZZ 6.3. 2009 (gefunden bei in|ad|ae|qu|at)

«Sunne» (Two Gentlemen/Irascible) ist überall im Handel erhältlich. Z.B. hier kann es probegehört werden: cede.ch

Kutti MC & One Shot Orchestra live:

2. Okt. Bern (Dampfzentrale), 3. Okt. Luzern (Südpol),
10. Okt. Aarau, Flösserplatz, 23. Okt. Nyon (Usine à Gaz),
30. Okt. Fribourg (Le Nouveau Monde), 31. Okt. Zürich (Moods),
6. Nov. St. Gallen (Kugl), 19. Nov. Basel (Kuppel),
20. Nov. Winterthur (Albani), 21. Nov. Thun (Mokka).

88. Keusch und sexy (also britisch)


Eine „Ode an die heiße englische Keuschheit“ nennt der Kritiker der New York Times den neuen Film von Jane Campion über die Liebe des Dichters John Keats:

John Keats war ein romantischer Dichter. Der Film „Bright Star“, der die Geschichte von Keats und Fanny Brawne, der Liebe seines kurzen Lebens, erzählt, ist ein romantischer Film. Der Jargon der Populärkultur und die irgendwie sehr spezielle Sprache der Literaturgeschichte verwenden das Wort in unterschiedlicher Bedeutung, aber Jane Campions gelehrter und hinreißender Film schafft es, sie zu vermengen und die Überschneidungen und Spannungen zwischen poetischem Schaffen und Liebesleidenschaft aufzuspüren. …
„Bright Star“ ist als „PG“ eingestuft [parental guidance suggested = Begleitung durch die Eltern empfohlen]. Er ist vollkommen keusch und wahnsinnig sexy.

Bright Star
Opens on Wednesday in Manhattan. Written and directed by Jane Campion; director of photography, Greig Fraser; edited by Alexandre de Franceschi; music by Mark Bradshaw; production designer, Janet Patterson; produced by Jan Chapman and Caroline Hewitt; released by Apparition. Running time: 1 hour 59 minutes.
WITH: Abbie Cornish (Fanny Brawne), Ben Whishaw (John Keats), Paul Schneider (Mr. Brown), Antonia Campbell- Hughes (Abigail O’Donaghue) and Kerry Fox (Mrs. Brawne).

87. Arabische Welt


Und so schwanken auch die literarischen Begegnungen auf dem Festival zwischen der Bewunderung eines grandiosen kulturellen Erbes und der schwer zu fassenden politischen Realität der arabischen Welt. Der Begriff selbst lässt unbestimmt, was er doch anerkennend zusammenfassen möchte.

Zu ihrer Eröffnungsrede wunderte sich die indische Schriftstellerin Arundhati Roy auf charmante Weise darüber, warum sie mit ihrer Rede (siehe FR vom 10.9.) ein Festival eröffnete, das doch zu Ehren der arabischen Literatur abgehalten werden solle. Iranische Autoren sind mit von der Partie, doch wehren sich gerade Iraner vehement gegen die Zuordnung zur arabischen Welt.

Der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Najem Wali wiederum hat in seinen unlängst erschienenen Reisereportagen die Geschichte der irakischen Juden erzählt und darüber hinaus deutlich gemacht, wie synthetisch und von machtpolitischen Interessen geleitet unter Saddam Hussein irakische Kultur- und Sprachpolitik instrumentalisiert wurde.

Die arabische Welt gibt es nicht, und das Literaturfestival Berlin ist der Ort, auf dem die unterschiedlichen Lesarten von Mangel, Leerstelle und Vielfalt kenntlich gemacht werden. Zu Beginn hat Joachim Sartorius, der Leiter der Berliner Festspiele, von der Überforderung der Kultur durch die Erwartung versöhnender Aspekte gesprochen und die Hervorbringung des Fremden als wesentliche Leistung von Literatur hervorgehoben. Das ilb liefert das Material dazu auf beeindruckende wie irritierende Weise. / Harry Nutt, FR 16.9.

86. Frühreif

Jim Carroll, who died Friday of a heart attack at 60 in Manhattan, was a legend by the time he was 13. That’s when the poet Ted Berrigan took him to visit Jack Kerouac, who took a look at some of Jim’s writing and said, „Jim Carroll writes better prose than 89% of the novelists working today.“ / Lewis MacAdams, Los Angeles Times 16.9.

85. Pontus


Mit „Pontus“ hat die 1976 in Eisenach geborene, heute in Halle lebende Daniela Danz den erfolgreichsten deutschen Gedichtband der letzten Jahre geschrieben. Die prekären Bruchlinien westlicher und östlicher Imperien, Kulturen und Religionen werden in fünf Zyklen nachgedichtet. Pontus ist der Raum ums Schwarze Meer, aus dem sich Europa seit Anbeginn definiert. „Durch die Schlacken sind wir gekommen / durch Schlachtensediment / persönliche Kämpfe und Dunkelziffern“, heißt es eingangs. Das dichterische Ziel: „Du willst / doch zurück mit leichtem Gepäck“. Das Reiseoutfit besteht aus Turnschuh und klassischer Antike, aber wenn Homer oder Ovid angesprochen, mit Goethe und Hölderlin erhabene Töne angeschlagen werden, klingt es nie bildungsbürgerlich aufgesetzt. „Das ist der Anfang ein Sturz / übers Meer betrunken / vom Wunsch sich drüber zu spannen / Europa am Abend und Asien nach / dem Gang durch die Nacht“. / Erich Klein in Falter : Woche 38/2009 vom 16.9.2009 (Seite 21)

Pontus
Gedichte
Daniela Danz
2009 | Wallstein, Göttingen
76 Seiten
EUR 15,40

84. 2009 Prizes for Contributors to Poetry Announced

Nine prizes awarded to poets, critics and essayists featured in the magazine over the past year

CHICAGO — The Poetry Foundation and Poetry magazine are proud to announce the winners of nine awards for contributions to Poetry over the past year. The prizes are awarded for poems and prose published during the past 12 months, from October 2008 to September 2009.

THE LEVINSON PRIZE, presented annually since 1914 through the generosity of the late Salmon O. Levinson and his family, for the sum of $500, is awarded to Ilya Kaminsky for his poems in the May 2009 issue. Kaminsky was born in Odessa, in the former USSR, and came to the United States in 1993, when his family received asylum from the American government. He is the author of Dancing in Odessa (Tupelo Press, 2004) and currently teaches poetry and comparative literature at San Diego State University.

THE BESS HOKIN PRIZE, established in 1948 through the generosity of Mrs. David Hokin, our late friend and guarantor, for the sum of $1000, is awarded to Roddy Lumsden for his poems in the December 2008 and January 2009 issues. Lumsden’s fifth collection is Third Wish Wasted (Bloodaxe Books, 2009). He teaches at City University and for the Poetry School in London. He is currently preparing Identity Parade, a major new anthology of recent British and Irish poetry.

THE FREDERICK BOCK PRIZE, founded in 1981 by friends in memory of the former associate editor of Poetry, for the sum of $500, is awarded to Don Paterson for his poems in the September 2009 issue. Paterson works as an editor and musician, and teaches at the University of St Andrews. Recent publications include Best Thought, Worst Thought (Graywolf Press, 2008), a collection of aphorisms, and Orpheus, a version of Rilke’s Die Sonette an Orpheus (Faber and Faber, 2007). A new collection, Rain, is forthcoming.

THE J. HOWARD AND BARBARA M.J. WOOD PRIZE, endowed since 1994, in the sum of $5000, is awarded to Sarah Lindsay for her poems in the October 2008 issue. Lindsay is the author of Primate Behavior (1997) and Mount Clutter (2003), both from Grove Press, as well as Twigs and Knuckle-bones (Copper Canyon Press, 2008).

THE JOHN FREDERICK NIMS MEMORIAL PRIZE FOR TRANSLATION, established in 1999 by Bonnie Larkin Nims, trustees of the Poetry Foundation, and friends of the late poet, translator, and editor, in the amount of $500, is awarded to Susana Nied for her translations from Inger Christensen in the May 2009 issue. Nied is a former instructor of English and comparative literature. She has received a PEN/American-Scandinavian Foundation Translation Prize, was one of two finalists for a PEN Award for Poetry in Translation, and was co-recipient of the Harold Morton Landon Translation Prize from the Academy of American Poets.

THE FRIENDS OF LITERATURE PRIZE, established in 2002 by the Friends of Literature, in the amount of $500, is awarded to Sandra Beasley for her poems in the July/August 2009 issue. Beasley won the 2009 Barnard Women Poets Prize for I Was the Jukebox (W.W. Norton), selected by Joy Harjo. Her first collection is Theories of Falling (New Issues Poetry & Prose, 2008).

THE EDITORS PRIZE FOR FEATURE ARTICLE, established in 2005, in the amount of $1000, is awarded to Daisy Fried for her essay in the July/August 2009 issue. Fried’s My Brother Is Getting Arrested Again (University of Pittsburgh Press, 2006) was a finalist for the National Book Critics Circle Award in poetry. She lives in Philadelphia.

THE EDITORS PRIZE FOR REVIEWING, established in 2004, in the amount of $1000, is awarded to Jason Guriel for his reviews in the October 2008 and March 2009 issues. Guriel’s new collection of poems is Pure Product (Vehicule Press, spring 2009). He lives in Toronto.

THE EDITORS PRIZE FOR BEST LETTER, established in 2009, in the amount of $250, is awarded to Reagan Upshaw for his letter in the May 2009 issue.

The prizes are organized and administered by the Poetry Foundation in Chicago, publisher of Poetry magazine.

83. ARTFUL ARTLESSNESS

John Koethe on Henri Cole’s Blackbird and Wolf, winner of the 2009 Lenore Marshall Prize.

By John Koethe
Poetry Media Service

Blackbird and Wolf, by Henri Cole. Farrar, Straus and Giroux, $13.00.

To appreciate what’s so distinctive about Henri Cole’s Blackbird and Wolf, it helps to have a sense of his development as a poet, for more than any other I can think of, he has remade himself over the course of a career leading to this, his sixth book. His first two books, The Marble Queen and The Zoo Wheel of Knowledge, were mandarin performances, full of highly polished verse conspicuous for its sheer artfulness, exhibiting a delicacy and a mental and linguistic dexterity somewhat reminiscent of James Merrill. But starting with some of the poems in the 1995 The Look of Things and continuing with the harshly direct poems in The Visible Man and the equally direct though somewhat mellower poems in Middle Earth, Cole developed a style and a sensibility, characterized by a relentless self-examination, almost diametrically opposed to those he began with, and which have reached full fruition in Blackbird and Wolf.

The poems in the book are as artful as those of anyone writing, but it’s an artfulness so subtle and skillful that they seem almost artless in their directness and simplicity, as in these lines from “Gravity and Center”:

I’m sorry I cannot say I love you when you say
you love me. The words, like moist fingers,
appear before me full of promise but then run away
to a narrow black room that is always dark,
where they are silent, elegant, like antique gold,
devouring the thing I feel.

The artfulness here reminds me a bit of Elizabeth Bishop in its invisibility (more so than, say, Robert Lowell, in whose work the effort too often shows), though certainly in style and subject matter Cole’s work is nothing like Bishop’s. The poem concludes with a kind of ars poetica:

I don’t want words to sever me from reality.
I don’t want to need them. I want nothing
to reveal feeling but feeling—as in freedom,
or the knowledge of peace in a realm beyond,
or the sound of water poured into a bowl.

This artful artlessness is not an end in itself, impressive though it is, but works in the service of what I’ve just indicated I take to be Cole’s true subject, the inward subjective self and its problematic relation to the objective external world of things and other people. One might call it confessional poetry, though that term seems increasingly quaint, and I prefer to think of it as autobiographical poetry that uses the raw materials of the poet’s life to fuel an intense exploration of the kind of self-consciousness Gerard Manley Hopkins describes when he writes “Nothing else in nature comes near this unspeakable stress of pitch, distinctiveness, and selving, this self being of my own. Nothing explains it or resembles it, except so far as this, that other men to themselves have the same feeling. But this only multiplies the phenomena to be explained so far as they are like and do resemble. But to me there is no resemblance: searching nature I taste self at one tankard, that of my own being.”

What is so maddening and mysterious about individual consciousness is that it is utterly commonplace and ordinary and at the same time absolutely unique, as intimated by the passage from Hopkins quoted above or these lines from “Beach Walk”:

Later, I saw a boy, aroused and elated, beckoning from a dune.
Like me, he was alone. Something tumbled between us—
not quite emotion. I could see the pink
interior flesh of his eyes. “I got lost. Where am I?”
he asked, like a debt owed to death.

Poetry that puts an emphasis, as Cole’s does, on directness and the avoidance of comforting illusions and consolations inevitably raises questions about the relation between poetry and truth. But I think that worries about the truth of the poet’s discoveries and revelations are misplaced; what matters, it seems to me, about the thoughts expressed in poetry is not whether they’re literally true but whether the poet entertains and inhabits them in a convincing manner and whether the reader can enter into them along with him. Wittgenstein says in a related connection that “the importance of a true confession does not reside in its being a correct and certain report of a process. It resides rather in the special consequences which can be drawn from a confession whose truth is guaranteed by the special criteria of truthfulness.” Wittgenstein’s meaning is difficult and obscure, but I think it is in something like that sense that Henri Cole’s Blackbird and Wolf contains some of the most truthful poems in modern American poetry.

John Koethe’s newest book of poems is Ninety-Fifth Street. He is Distinguished Professor of Philosophy at the University of Wisconsin-Milwaukee, and will spend the spring of 2010 at Princeton as the Bain-Swiggett Professor of Poetry. This article originally appeared in the Nation. Distributed by the Poetry Foundation at www.poetryfoundation.org.

© 2009 by John Koethe. All rights reserved.

82. Reprisen

Die Form des Langgedichts, die er zu kunstvollen Faltungen von Räumen und Zeiten nutzt, ist seine Domäne. Aber so kraftvoll durchgeformt wie das erste sind unter den jüngeren Gedichte die wenigsten. Sonnevi neigt inzwischen zu redseligen Reprisen von Tagesaktualitäten, die er ins Gegenlicht poetischer Bekenntnisse („Die Vision ist in mir“), Sentenzen und Kindheitserinnerungen rückt. Durch die Haut des deutschen Textes hindurch spürbar bleibt seine poetische Kraft im Bild und einzelnen Vers. Aber den Eindruck eines aufgelockerten Altersstils zerstreut auch der Zyklus „Mozarts Drittes Gehirn“ nicht, für den Sonnevi 2006 den Preis des Nordischen Rates erhielt. / SIBYLLE CRAMER, SZ 7.9.

GÖRAN SONNEVI: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 – 2005. Übersetzung und Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Carl Hanser Verlag, München 2009. 137 S., 14, 90 Euro.

81. Sprachsalz-Archiv

Egon Günther weist darauf hin, daß Mitschnitte von den Lesungen des 7. Sprachsalz-Festivals in Hall/Tirol im Weblog zu finden sind. Darunter Audio / Text / Video von Jack Hirschman, Gerhard Rühm, Juri Andruchowytsch und Arne Rautenberg.

sprachsalz09
weblog zu den 7. tiroler internationalen literaturtagen hall – sprachsalz. 11.09. – 13.09.2009
(im Archiv aber auch ältere Jahrgänge)

Das 8. Sprachsalz-Festival findet vom 9. bis zum 11. September 2010 statt.

In L&Poe

2005    Sep    #78.    Sprachsalz
2006    Sep    #87.    Sprachsalz
2007    Jan    #35.    Denken in Bewegung
2007    Sep    #55.    Drei Tage „sprachsalz“ in Hall
2008    Nov    #34.    Far from Cherry Valley – Charles Plymell in Tirol