Nach dem Tod Richard Leisings, Karl Mickels und dem Adolf Endlers vor wenigen Wochen lichten sich die Reihen jener ostdeutschen Dichtergeneration, die, um die Mitte der dreißiger Jahre geboren, und durch die Charismatik Brechts und Georg Maurers geprägt, als Sächsische Dichterschule Furore machten. Weltwissen und Traditionsbewusstsein waren ihre Wirkungskonstanten. Selbstbewusste Generationsgeselligkeit und die Ausprägung kräftigen Ich-Bewusstseins im Rahmen ihrer kollektiven Gesellschaft führten zur Reibung am ideologisch Vorgegebenen – nach dem Plenum des ZK der SED 1965 und auch noch nach Wolf Biermanns Ausbürgerung im Herbst 1976.
Heinz Czechowski, 1935 in Dresden geboren, war von Beginn an der Streithans des lose gefügten Freundeskreises mit starkem literarischen Zusammengehörigkeitsgefühl und an Galle dem geborenen Polemiker Endler kaum nachstehend. Doch war er weicher und elegischer als der mehr dem schwarzen Humor zuneigende Düsseldorfer. …
Unduldsam bis ungerecht, anfällig für Kollegenneid und krasse Unterschätzung des Erreichten blieb er, in zuweilen fast krankhafter Zuspitzung, bis zuletzt. Keiner konnte ihm im exzessiven Klagen das Wasser reichen. Das hätte nur ein Jakob Haringer, ein Thomas Bernhard gekonnt. Czechowski war einer derjenigen, deren Wunde Dresden nicht heilte. / Richard Pietraß, Tagesspiegel 28.10.
Nachrufe:
Badische Zeitung 28.10. (Ein Hiob aus dem brennenden Dresden, Michael Braun) / Mitteldt. Zeitung (Christian Eger) /Märkische Allgemeine (Ulf Heise, Der Trakl der DDR) / Neues Deutschland 28.10. / MDR /
Robert Creeley in the outfield.
By Fernando Perez
Poetry Media Service
I write from Caracas, the murder capital of the world, where I’ve been employed by the Leones to score runs and prevent balls from falling in the outfield. At the ankles of the Ávila Mountain amongst a patch of dusky high-rises, the downtown grounds of el Estadio Universitario packed beyond capacity are ripe for a full-bodied poem. A mere pitching change is an occasion para rumbiar, and the pursed-lipped riot squad is always on the move with their spanking machetes swinging from their hips. The game isn’t paced necessarily by innings or score. It’s marked by the pulsating bass drums of the samba band that trails bright, scantily clad, headdressed goddesses strutting about the mezzanine. The young fireworks crew stands mere feet from flares that don’t always set out vertically, sometimes landing in the outfield still aflame. “The wave” includes heaving drinks into the sky.
In earning my stripes as a professional baseball player, I’ve been through many cities and have stared out of hotel windows all over the Americas. Ballplayers are mercenaries, taking assignments indiscriminately. Throughout the minor leagues you’ll find yourself slouched on a bus, watching small towns roll by matter-of-factly like stock market tickers, on your back in a new nondescript room, or “shopping for images” (Allen Ginsberg) in a Wal-Mart, hunched over a cart in no rush.
Like poetry, baseball is a kind of counterculture. The (optional) isolation from the outside world (which I often opt for); the idleness about which—and out of which—so many poems are written or sung: I see this state of mind as a blessing. Sometimes, in fact, when I haven’t turned on a television or touched a newspaper for months, freed from the corporate bombast, poetry is the only dialect I recognize.
Long ago Robert Creeley confirmed my suspicion that words strung even sparingly together can be as aurally powerful as anything else we have. He has been my most important poet, because I can take him anywhere, like oranges—even reduced to nothing in both physical and mental exhaustion, nauseous and half asleep busing from a red-eye.
One of my first managers always preached separation from the game for the sake of our own health, and for the sake of our performance. The game can be maddening, and we ought to corner ourselves in this trade only so far. I’m in love with baseball, but eventually my prime will end, and she’ll slowly break my heart. Baseball has remained remarkably impervious to modernity, but is, like any modern industry, highly alienating. I turn to poetry because it is less susceptible to circumstance. I’m not especially touched when a poet deals with a ball game; I’m not especially interested in having one world endear itself to the other. Right now I need them apart; right now I’m after displacement, contrast. The thick wilderness of, say, late Ashbery can wrangle with the narrowness of competition.
Fernando Perez is an outfielder for the Tampa Bay Rays. He received a degree in American studies and completed the creative writing program at Columbia University in New York City, where he lives in the off-season. This essay originally appeared in the September 2009 issue of Poetry magazine, and is available at http://www.poetryfoundation.org. Distributed by the Poetry Foundation.
© 2009 by Fernando Perez. All rights reserved.
Der Dichter und Schriftsteller Heinz Czechowski ist tot. Dies meldete unser Sender unter Berufung auf den Sohn des Verstorbenen, Janek Czechowski, der dem Sender gegenüber bestätigte, dass sein Vater bereits am 21. Oktober „nach langer und schwerer Krankheit in einem Frankfurter Krankenhaus“ gestorben sei.
Der Schriftsteller Günter Kunert würdigte Czechowski nun als einen „ungeduldigen“ und „unduldsamen“ Dichter: „Er war ein Mann des Realismus. Er hat die Dinge ganz scharf gesehen und kenntlich gemacht, nichts geschönt, nichts romantisiert.“
Heinz Czechowski wurde 1935 in Dresden geboren und studierte nach einer Ausbildung zum grafischen Zeichner am Leipziger Literaturinstitut. Sowohl in der DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen. Zuletzt erschien von ihm die Autobiografie „Die Pole der Erinnerung“ (2006).
Das vollständige Gespräch mit Janek Czechowski können Sie bis zum 27.4.2010 als
MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.
/ dlr 26.10.
In Ron Winklers Blog gab es im Frühjahr eine Debatte um eine Zeile von Czechowski: „Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß“ – eine der Stellen, die sich mir im Gedächtnis eingehakt haben. Es ist die erste Zeile eines frühen Gedichts von 1957 (aus dem ersten Gedichtband „Nachmittag eines Liebespaares“, 1963). Später reduzierte er das Gedicht auf diese eine Zeile.
Ich picke einige weitere Zeilen heraus, um die herum es auch noch Gedichte gibt, die Zeilen im Kopf, die Gedichte im Regal:
Tätigsein. Gleichzeitig untätig sein. (Reisen)
Hier möcht ich bleiben… / Aber Bedenken melden sich an (Wasserfahrt)
Ich widerrufe die nutzlosen Verse (…)
Ich kann nichts tun außer tun. (Widerruf)
Vor dem Fabriktor stehn sie in der Sonne. (…)
Der Vorstadtmittag ist durchkräht mit Hähnen. (Liebesgespräch)
Schön war sie, aber sterblich (Der Morgen)
Aber die Lügen strafen die Verse (Nichts was ich dir jetzt zu geben vermag)
Ich will nicht nachdenken / Über den Frühling: er / Ist gekommen mit Sturm
Die Luft ist gepfeffert mit Rücksichten (Gesellschaft)
Schreibweisen, Klassiker, Stellungen, Rauch über Leuna (Thüringen grün…)
Versehen / Mit guten Ratschlägen / Geh ich im Kreis (Notiz für U.B.)
Wir schreiben uns / Briefe mit blauen Siegeln. / Wer aber / Soll das rezensieren? (An Freund und Feind)
Man kommt nicht umhin / Von Halas zu sprechen (Kunštát im Regen)
Mein Herz ist polnisch… (Polens Tragik)
Was mich betrifft / So bin ich ich.
De Toys produziert Poetryclip zu Vogts 90.Geburtstag
G&GN-Institut – BERLIN NewCologne, 27.10.2009 / Der Jülicher 10.Nahbell-Preisträger KARL-JOHANNES VOGT wurde am 29.10.1919 geboren. Die Lokalzeitung berichtete bereits im Spätsommer über den von Heinrich Böll seinerzeit zum „Weitermachen“ ermutigten Lyriker & Prosaisten (1 Roman erhältlich!), siehe Autorenportrait unter www.naHbellPREIS.de (Galerie aller Preisträger seit 2000). Anläßlich seines 90. Geburtstages produzierte G&GN-Herausgeber Tom de Toys einen 9-minütigen „Luxury-Trash-Art“-Poetryclip mit Vogts 4-teiligem Zyklus „4 OBLIGATE GEDICHTE – DIE ALTEN BETREFFEND“ unter Verwendung eines Videos, das er tags zuvor mit seiner Mobiltelefonkamera (Nokia 6300) auf der Lessinghöhe in Berlin-Neukölln gedreht hatte. Darin sind Kastanien, die Hündin Malou sowie eine für Berlin typische rote Parkbank in der Mitte der Wiese zu sehen. Der Zyklus ist der allerersten Lyrik-Einzelpublikation Vogts entnommen, die unter dem Titel „DAS FLUGZEUG ÜBER MIR WECKT KEINE SEHNSUCHT“ pünktlich zu seinem Jubiläum in der Edition naHbell des G&GN-Verlags erscheint.
Mittwoch, 28. Oktober 2009, 20 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
Eine Versuchsanordnung junger deutschsprachiger Gegenwartslyrik an fünf Abenden
Teil 3: Stefan Schmitzer und Herbert Hindringer
Gastgeber: Ron Winkler und Björn Kuhligk
Im Jahr 2008 sind zwei Anthologien erschienen, die man zu Recht als Bestandsaufnahmen aktueller deutscher Lyrik der jüngeren Generation bezeichnen kann: Lyrik von JETZT zwei, herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner (Berlin Verlag, 2008), sowie Neubuch, herausgegeben von Ron Winkler (yedermann Verlag, 2008). Die Autorinnen- und Autoren-Auswahl der beiden Bücher überschneidet sich, jedes setzt jedoch auch eigene markante Akzente.
Vor diesem Hintergrund ist in der Lettrétage die Idee einer kompakten Gesamtschau der aktuellen deutschsprachigen Lyrik jüngerer Autorinnen und Autoren an fünf Abenden entstanden, einer einmaligen Inventur, die sich aus den Quellen der genannten Anthologien speist, wobei Seitenarme, Gegenströmungen, Stromschnellen und Untiefen billigend in Kauf genommen werden. Jeweils zwei der genannten Anthologie-Herausgeber laden pro Abend zwei Lyriker/innen ein, um Neuestes aus ihrer Feder zu hören sowie um mit ihnen über Lyrik zu sprechen, poetologische Positionen zu diskutieren und auf jeweils einen besonderen Aspekt zu sprechen zu kommen.
Herbert Hindringer, geboren 1974 in Passau. Preise u.a. beim bolero-shortstory-preis 2005 und beim pussyprosapreis 2005. Veröffentlichungen in Anthologien u.a. Jahrbuch der Lyrik 2009 und Gedichtbände biete bluterguss und suche das weite (2003). Distanzschule (2007), zuletzt Der letzte Mensch mit Segelohren (2009).
Stefan Schmitzer, geboren 1979 in Graz. Comics, Gedichte, Prosa in u.a. Zeitschriften und Anthologien. Mitbegründer und Redakteur des „unzine“. 2007 erhielt er den Literaturförderungspreis der Stadt Graz, 2008 den Förderpreis der Zeitschrift manuskripte.
NEUES VOM JETZT wird gefördert von der Stiftung Preußische Seehandlung, vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V., vom Berlin Verlag sowie vom österreichischen Kulturforum in Berlin. Für die Unterstützung bedanken wir uns sehr herzlich!
—
Lettrétage
Methfesselstr. 23-25
10965 Berlin
Die Gedichte von Michael Donhauser sind Grenzgänge, sie vertrauen sich nicht schlechthin einem lyrischen Sprechen an, sondern finden zu Formen, welche bald nahe der Prosa, bald nahe dem Gesang ein Sagen jenseits der Metapher suchen.
Und der Abend, das Verlangen, zu bewahren
all das Sehen, zu empfangen, was da blühte
als die Dahlien nah den Beeten, sich enthüllte,
so als würde, wäre Schein all dies Leben in den
Gärten, wo die Farben sich vermehrten.
(Donhauser, Schönste Lieder, S.52)
Michael Donhauser liest Gedichte und stellt seine soeben unter dem Titel „Nahe der Neige“ erschienene Poetik vor.
30.10.2009 um 20.00 Uhr
Buchhandlung & Galerie Böttger
Maximilianstraße 44
53111 Bonn
Michael Donhauser
Nahe der Neige
Sammlung Urs Engeler Editor, Band 81ISBN 978-3-938767-72-6
Gebunden, Schutzumschlag, mit 4 Abbildungen
19,5 x 15,5 cm, 72 Seiten
Euro 17.- / sFr. 29.-
(Probe)
September 2009
(…) Bilder weiß der Autor trefflich zu malen. Etwa im Porträt Hemingways: „…Aficiado, Boxer, Macho / Hochseefischer, Schriftsteller / Antifaschist erschrocken / Vor dem anderen Geschlecht…“ Oder im Gedicht „Krieg und Frieden“, geschrieben für den Freund Ernst Köhler: „ Über die grüne Grenze / im Abend schon Nacht / … gehe ich zum Gespräch / dem Glas Wein oder zwei / … wir können / uns nicht einigen in Frieden / Gehe ich zurück / den Narben dem Ufer lang / über die grüne Grenze …“. Da gibt es fast klassisch schöne Verse, etwa unter dem Titel „Wenn die Luft keimt“: „Wohin sollen wir / ziehen uns wenden wenn die / sonnige die graue Kralle / des Winters ihren eisigen / Griff löst …“ mit dem auf alte Überlieferung zurückgreifenden Schluss: „Etwas Besseres als den Tod / werden wir überall finden.“ / Walter Neumann, Südkurier
Jochen Kelter: Eine Ahnung von dem was ist. Gedichte. Tübingen: Klöpfer& Meyer 2009. 118 Seiten. 16,00 € bzw. 27,90 CHF.
Kelter liest am 29. Oktober um 18.00 Uhr im Rahmen der Baden-Württembergischen Literaturtage in der Dreifaltigkeitskirche in Konstanz.
Bei fixpoetry.com stellt Theo Breuer den Deutschen Lyrikkalender 2010 vor – 365 Gedichte auf 408 Seiten. Aus der Autorenliste:
Willi ACHTEN • Urs ALLEMANN • Andreas ALTMANN • Klaus ANDERS • Friedrich ANI • Jochen ARLT • Wilhelm BARTSCH • Rudolph BAUER • Eva-Maria BERG • Mirko BONNÉ • Eva BOSSMANN • Thomas BRASCH • Markus BREIDENICH • Claus BREMER • Jürgen BRÔCAN • Helwig BRUNNER • Werner BUCHER • Joseph BUHL • Hans Georg BULLA • Markus BUNDI • Manfred CHOBOT • Ann COTTEN • Heinz CZECHOWSKI • Róža DOMAŠCYNA • Dominik DOMBROWSKI • Michael DONHAUSER • Jutta DORNHEIM • Richard DOVE • Ulrike DRAESNER • Alex DREPPEC • Viviane EGLI • Hans EICHHORN • Carl-Christian ELZE • Adolf ENDLER • Peter ENGEL • Elke ERB • Jolanda FÄH • Tobias FALBERG • Gerhard FALKNER • Karin FELLNER • Gerald FIEBIG • Claudia GABLER • Silke GALLA • Marjana GAPONENKO • Peter GEHRISCH • Mara GENSCHEL • Nora GOMRINGER • Dieter M. GRÄF • Roman GRAF • Greta GRANDERATH • Alexander GUMZ • Hans GYSI • Irena HABALIK • Christine HAIDEGGER • Dieter HANS • Caroline HARTGE • Simone HEEMBROCK • Martina HEFTER • Manfred Peter HEIN • Guy HELMINGER • Nico HELMINGER • Henning HESKE • Stefan HEUER • Andrea HEUSER • Herbert HINDRINGER • und viele viele andere bis • Johannes ZULTNER.
Shafiq Naz (Hg.): Der deutsche Lyrikkalender 2010. Jeder Tag ein Gedicht. 365 Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 408 Seiten plus Anhang. Tischkalender mit Spiralbindung. Alhambra Publishing, Bertem (Belgien) 2009.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
We haven’t shown you many poems in which the poet enters another person and speaks through him or her, but it is, of course, an effective and respected way of writing. Here Philip Memmer of Deansboro, N.Y., enters the persona of a young woman having an unpleasant experience with a blind date.
The Paleontologist’s Blind Date
You have such lovely bones, he says,
holding my face in his hands,
and although I can almost feel
the stone and the sand
sifting away, his fingers
like the softest of brushes,
I realize after this touch
he would know me
years from now, even
in the dark, even
without my skin.
Thank you, I smile—
Im FAZ- Gespräch Ulrich Raulff:
Zunächst passiert da etwas, das ich als nachholende Normalität beschreiben würde. Wir haben zwanzig, dreißig Jahre lang erlebt, dass alle paar Jahre eine neue Geschichte der Frankfurter Schule herauskam. Dieses linksliberale Stratum unserer Ideen und Geistesgeschichte, unserer bundesrepublikanischen Formationsgeschichte ist bis auf den Grund erforscht worden. Besenrein ausgeforscht. Auf der rechten oder konservativen Seite dagegen herrschte immer ein angenehmes Halbdunkel. Man wusste, es gibt da auch ähnlich virulente Orte. Plettenberg im Falle von Carl Schmitt. Dann Wilflingen – im Süden gibt es dieses Heidegger-Jünger-Netz, das über Ernst Klett und Klostermann, die Verleger, mit dem George-Netz verknüpft ist. Hans Grimm hatte im Norden seine „Lippoldsberger Dichtertage“. Und es gibt das Netz um Arnold Gehlen. Das war alles sehr wenig erforscht, und jetzt ändert sich das. Auch Münster und die Schule von Joachim Ritter sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Mit anderen Worten, jetzt wird die konservative Seite stärker beforscht, erweist sich auch langfristig als interessanter – weil vermutlich doch der interessantere Teil der Geistesgeschichte sich auf dieser Seite abgespielt hat. Auf diese Entwicklung habe ich lange gewartet, und immer noch fehlt da vieles. Dass nun George plötzlich so interessant geworden ist, kann man aber nicht nur aus seiner Leistung als Lyriker erklären, sondern es begreift sich dann doch wirkungsgeschichtlich über den Kreis . . .
. . . den Kreis zwischen Bendlerblock mit Stauffenberg, der am Sterbebett Georges die Totenwache hielt, und dem Wilhelmstraßenprozess mit dem Angeklagten Ernst von Weizsäcker, der den Kranz des Deutschen Reiches am Grab niederlegt.
Das sind die entscheidenden Daten. Das „kleine schmutzige Geheimnis“, also die Sexgeschichten, hingegen erklärt wenig.
Und keiner redet mehr von Robert E. Norton und seiner George-Kreis-Monographie . . .
Die „Zeit“ brachte kürzlich einen Artikel von Robert Norton, in dem er nachweisen wollte, dass von George nur Wege in die geistige Knechtschaft führten und damit in den Geist des Nazitums und eben keine Wege in den Widerstand oder zum Einsatz für die Unterdrückten. Aber George war so ambivalent und hat mit solchem Fleiß darauf geachtet, die Ambivalenz zu wahren, um im entscheidenden Moment sagen zu können: Das ist das Gemeinte. Man kann ihn für alles in Anspruch nehmen, für Akte des Widerstands, aber auch für Akte der Knechtung und der Selbstknechtung.
Der irakische Lyriker Saâdi Youssef erhielt in Rabat den internationalen Lyrikpreis Argana, der vom „Beit Achiîr“ (Haus der Poesie) Marokkos verliehen wird.
Während der Zeremonie las der Autor im Beisein namhafter Vertreter der Kultur und Politik einige seiner Gedichte vor, begleitet von der Musik des irakischen Komponisten Nacer Chama. / Biladi (Marokko)
Was für eine Herausforderung, Ihnen Anna Achmatowa ans Herz zu legen!
Wenn Sie russophil sind, werden Sie sie anbeten. Wenn Sie ein Herz haben, das schlägt, werden Sie sie anbeten, wenn Sie in Ihrem Leben ein geliebtes Wesen verloren haben, wird sie Ihre Gallionsfigur werden…
AA verkörpert also auf wunderbare Weise den Schmerz, den Widerstand gegen die Diktatur und einen absoluten Willen, trotz alledem zu leben. So sehr, daß man von ihrem Werk nur „Requiem“ kennt, das Ende der Dreißigerjahre verfaßt wurde für Millionen kleiner Leute, die in den großen stalinistischen „Säuberungen“ Angehörige verloren.
Dieser Text wird als geheime Waffe von Hand zu Hand weitergegeben. Er wird ein Volk trösten und elektrisieren, das den mäandrischen Launen Stalins ausgeliefert ist.
Er wird in Rußland offiziell erst in den 80er Jahren veröffentlicht!!!
Ihr Werk reicht von der Erneuerung der russischen Lyrik bis zur Zeugenschaft des Schmerzes der Welt.
Immer nannte man sie „Renegat“, Verderber der Jugend, reaktionär, morbide, depressiv, masochistisch, doch nie konnte die Macht sie unterwerfen. Nur ihr Renommé rettete sie vor dem Gulag. / pointscommun.com
„Altern muss ich, aber sterben würde ich lieber nicht.“ Heißt es – bar jeder Naivität – in einem der Gedichte, die an Geburtstagen entstehen. In einem anderen: „Meine Haut … hängt lose, wellig, wie Dünen auf dem Mars.“ In „Darmspiegelung“ betrachtet er, „wie der eigene Dickdarm sich gelassen vorbeischlängelt“. Noch bedrohlicher als die physische Malaise des Alterns kommt eine Angst vor Verlust des Handwerkzeugs, der Sprache. „Bleibt bei mir Wörter, bleibt noch ein bisschen.“ Doch Gewissheit reift. „Anscheinend hat der Tod das Tor gefunden, durch das er eintreten wird: meine Lungen.“
Da ist kein Erzählerfilter zwischengeschoben, kein Medium, das eigenes Empfinden stellvertretert. Es ist John Updike, entblößt, der fühlt: „innen bin ich matt, am Ertrinken“. Todesbangigkeit und Klarsicht, Betroffensein und auch Ironisieren, tja ein Kokettieren, mit dem unabwendbaren Urteil – das Unvereinbare zu vereinen, ist, was hier Literatur werden lässt. / Roland Gutsch, Nordkurier
John Updike: Endpunkt und andere Gedichte. Rowohlt Verlag, Reinbek. 109 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-498-06888-2.
supplement zur augustliste stand oktober (25) 2009
2865 das innere näschen des umlaut-kosmos‘ (kösmös)
2866 sültkrumpli
2867 blitze im wurmloch
2868 das blutgretschen
2869 herrenbravoismus
2870 live-frottage (mit nitro)
2871 die in nitro getauchte muse
2872 wolke in der verzimpertheit
2873 orientkörbchen
2874 logos hinterm ofen hervor
2875 spannhang eichern
2876 kraft eines rasters
2877 häppchenweise, rücken handverlebt
2878 drei-steine-restaurant in der westdeutschen pampe
2879 ein sehr begabter amateur
2880 das minzmäulchen
2881 den schwutz nungen
2882 die welt als ingenieursproblem
2883 majestät den mosaiken
2884 zahlen, demut und geschmack
2885 beim thema der verlorenen stolen
2886 haariges kuscheltierchen asien, freches frettchen europa
2887 metaphernsalatbar
2888 ein schwerer haydn-hund im stockwerk über mir
2889 toben in der wörtlichen herberge
2890 rachezug der nähe
2891 die hexen vom wolford-stand
2892 an die grenzen der gitarre
mit freundlichen grüßen
mrinck
Die Berliner Festwoche der Lyrikline findet auf mehreren Bühnen statt. Der Eintritt ist bis auf die Abschlussveranstaltung frei. Anmeldungen sind aber erwünscht. Infos: www.lyrikline.org
Mo, 26. 10, 19.30 Uhr, Palais der Kulturbrauerei. Passwort: Poesie. Mit Leobogang Mashile (Südafrika) und Monika Rinck (Deutschland). Geschlossene Festveranstaltung mit Horst Köhler.
Di, 27. 10., 18.30 Uhr, Griechische Kulturstiftung. Griechenland: Der Knall der Zeit. – 20 Uhr, Nordische Botschaften, Felleshus. Nord Nordost: Ein nordisch-baltischer Abend. Anmeldung unter info@nordischebotschaften.org.
Mi, 28.10., 18 Uhr, Kroatische Botschaft. Kroatien: Im Spiegel der Wörter. Anmeldung: 030/219 15514. – 20 Uhr, Botschaft des Königreichs der Niederlande. Flandern/Niederlande: Poesie unterm Meeresspiegel. Eintritt frei. Anmeldung: bln-pcz@minbuza.nl
Do, 29. 10., 18 Uhr, Slowakisches Institut. Slowakei: Elektromagnetische Liebe. – 20 Uhr, Literaturwerkstatt. Katalonien/Québec: Lyrik mit Eigensinn.
Fr, 30. 10., 17 Uhr, Botschaft der Republik Mazedonien. Makedonien: An den Grenzen der Lyrik. – 18.30 Uhr, Botschaft der Republik Slowenien. Die Magie slowenischer Dichtung. – 20 Uhr, Instituto Cervantes. Argentinien/Italien. Transeurope Hotel & Argentinian Visions. – 22 Uhr, Literaturwerkstatt. Die lange Nacht der jungen rumänischen Lyrik.
Sa, 31. 10, 20 Uhr, Tape Club. World Wide Poetry. Eintritt 4/3€.
LIVE STREAM of the final anniversary event!!!
Follow the closing ceremony on Oct 31 at 8pm CET via live video stream on our lyrikline.org blog
With the poets: Nicole Brossard (Québec), Babangoni wawa Chisale (Malawi), Elke Erb (Germany), Claudia Keelan (USA), Nikola Madzirov (Macedonia), Thomas Möhlmann (Netherlands), Remi Raji (Nigeria), Daniel Samoilovich (Argentina), Lutz Seiler (Germany)
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