Lichtung

Zum gestrigen Todestag des Dichters Rainer Malkowski (* 26. Dezember 1939 in Berlin; † 1. Dezember 2003 in Brannenburg) ein Gedicht von Andreas Köllner.

Lichtung

Ein Gedicht von Malkowski
in den Morgen gedacht:

Das Nichtgesagte
zwischen den Zeilen
sich selbst aussprechen lassen

Zuhören
wie der Nebel
sich lichtet

Andreas Köllner (*1992 in Leipzig)

Studium der Philosophie sowie Deutscher Sprache u. Literatur; Lyrik mit Grafik im Netz unter dem Pseudonym wortegewand; Veröffentlichungen in Anthologien, Kalendern u. Zeitschriften – „Saitenwechsel: Gedichte“ (tredition, Hamburg 2022)

Gerichte

Michał Sobol

GERICHTE

In jedem von uns fließen ein paar Tropfen schwarzes Blut, und das Gericht
spürt sie auf. In der Verhandlung gähnen wir heimlich, damit das Rasseln

der Kette die Geschworenen nicht vom Prozeß ablenkt, oder betrachten
stumm unsere hologrammartigen Spiegelbilder auf der Scheibe

aus Plexiglas. Die Gerichte durchleuchten alles für uns. Manch einer
merkt nicht einmal, wo die Grenze verläuft zwischen Gericht

und Friseursalon — gut möglich, daß es gar keine gibt.
In der Zelle wartet auf jeden von uns ein Handtuch und ein Stück Seife.

Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, aus: Sinn und Form 5/2022, S. 590

Der Tänzerin

Kasimir Edschmid 

(* 5. Oktober 1890 in Darmstadt; † 31. August 1966 in Vulpera, Engadin)

DEM GEDÄCHTNIS DER TÄNZERIN
ANGELIQUE HOLOPAINEN

Über der stahlgrellen Straffung von tausend entflammten Gelenken,
o wie liegt im Tanz ihr zweckloser Bizeps da kühl wie ein sänftiger Hund.
Und alle die andern, die Muskeln, entzündete Sehnen schwenken
Lächeln hinauf nach der Demut, die verzuckt an dem slavischen Mund.
Und da befällt mich die wütende Angst, in diesen verzückten Posen
sei nicht mehr Angelique, die bebt, wenn der Metro schrillt,
die wie ein Dolchstoß süß sich erhob und den Ansturm verfaulter Leprosen,
den zischenden Geifer zurückschlug und als glänzenden Schild
einzig den Ordinat trug der Pflegerin über den kindlichen Brüsten . . .
Apachenpfiffe zerrissen, Türme durchschwammen das Wetter, wie ein Blinkfeuer schlug Sacré Coeur
zerspiegelte Blitze hinein in die Stadt, und unter der Donner verdunkelten Lüstern
hing ihre madonnige Demut geneigt im Dächermeer.
Und nun ist mir die einzige Lösung, während in blinden Exstasen
ihrer Schenkel Bogen, ihre Brust ins Unermeßliche rollt:
Der silberne Brand dieser Lippen, in dessen verrauschenden Phasen
ein Monat der Liebe sich schaukelt bei Passy in Abend und Gold.

Aus: Kasimir Edschmid, Stehe von Lichtern gestreichelt. Gedichte. Hannover: Steegemann, 1919 https://www.gutenberg.org/files/40805/40805-h/40805-h.htm

Angst

Hart Crane

(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 im Golf von Mexiko)

Fear

The host, he says that all is well
And the fire-wood glow is bright;
The food has a warm and tempting smell,—
But on the window licks the night.

Pile on the logs . . . Give me your hands,
Friends! No, — it is not fright . . .
But hold me . . . somewhere I heard demands . . .
And on the window licks the night.

1918

Angst

Es steht zum besten, sagt der Wirt
Und des Holzfeuers Glut, die lacht
Das Essen riecht warm, sein Duft verführt —
Doch an den Scheiben leckt die Nacht

Legt Holz auf, Freunde, reicht die Hand
Nicht Schreck ist’s‚ doch habt acht . 
Ich hört mich’s fordern von unbekannt . . .
Und an den Scheiben leckt die Nacht

Deutsch von Dieter Leisegang. Aus: Hart Crane, Moment Fugue. Englisch-Deutsch. Darmstadt: Bläschke, o.J. [1966] (Das Neueste Gedicht Bd. 21), unpaginiert

Wenn einst ein kühneres Geschlecht

Hedwig Lachmann

(* 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; † 21. Februar 1918 in Krumbach)

Unter der Schwelle

Ich bin ein Weib, zag, furchtsam, feig wohl gar –
Geschreckt von dem Gewühl auf lautem Markt;
Kleinlaut vor jähem Männerzwist und bar
Der Kampflust, die am Widerstand erstarkt.

Blut macht mich schaudern. Schwach und hilflos bin
Ich vor der Wunde, die im Fleische klafft,
Und fremd und feindlich wendet sich mein Sinn
Von Waffentaten, noch so heldenhaft.

Weich schuf mich die Natur. In Tränen bricht
Mein Unmut sich wohl leicht, nach Frauenart,
Und traumhaft legt sich eine Zuversicht
Mir oft verhüllend um die Gegenwart.

Doch lebt in mir ein Etwas, eine Kraft,
Mir selber kaum bewusst und unbewährt,
Die gegen herrische Gewalt sich strafft
Und eine Glut in ihrem Kerne nährt.

Ich weiss: wenn einst ein kühneres Geschlecht,
Von Machtbegehr und Ruhmsucht nicht verführt,
Allein der Stimme seines Bluts gerecht,
Die Freiheit forderte, die ihm gebührt –

Dies Herz, das jetzt noch zittert vor dem Strahl,
Es hielte stand, so fest und ungebeugt,
Wie, trotz der Übermacht von Erz und Stahl,
Ein Mannesherz für reine Wahrheit zeugt.

Quelle:
Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 98-100.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005229375

Gerd Adloff zum 70.

mit herzlichem Glückwunsch!

Gerd Adloff

Immer das Mädchen am Nachbartisch

Das Kleid schwarz
mit Gold durchwirkt
nur ein wenig
Witwe des goldenen Zeitalters
einer schon immer verheißenen Zukunft

Die grüne Strähne im Haar, erschreckend
wie ein vergessener Streifen Gras
in toter Landschaft

Augen, tief
die nichts mehr glauben
in die du fallen möchtest
besser ein Sturz
als gar kein Leben

Du stehst auf 
während sie den Kaffee umrührt
wieder und wieder
rufst an
und von der Bandschleife die Stimme
gibt dir Auskunft: 
Wir erwarten die Zukunft in Kürze.

Aus: Gerd Adloff: Wir erwarten die Zukunft in Kürze (Schock Edition). Berlin: EdK / Distillery, 2012 (unpaginiert)

Wir sind die Moorsoldaten

Am 27. August 1933 wurde im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland das „Moorsoldatenlied“ aufgeführt (es wurde 2 Tage später von der Lagerleitung verboten).

Texter des Liedes waren der Bergmann Johann Esser und der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, die Musik stammt von dem kaufmännischen Angestellten Rudi Goguel. Das Lied wurde am 27. August 1933 bei einer Veranstaltung namens Zirkus Konzentrazani von 16 Häftlingen, überwiegend ehemaligen Mitgliedern des Solinger Arbeitergesangvereins, aufgeführt. (Wikipedia)

Lied vom Börgermoor

1. Wohin auch das Auge blicket.
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehn kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

4. Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

5. Auf und nieder geh´n die Posten,
keiner, keiner kann hindurch,
Flucht wird nur das Leben kosten,
vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann´s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen: Heimat,
Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!
Gesungen von Ernst Busch in der Bearbeitung von Hanns Eisler

Das war Meer

Dieter Roth

(* 21. April 1930 in Hannover; † 5. Juni 1998 in Basel)

Man sah, das Meer war, wie man sah,
das Meer, war, als man Wellen dachte,
doch sah man Wellen nicht. Man machte
aus Wellen Meer. Doch was man sah

war Meer. Das war geworden was man sah,
was nicht in Wellen sachte
sich selbst zu Meer aus Wellen machte,
aus Wellen Wellen machte. Das

war Meer. Das war geworden was
man sah, was nicht in Wellen dachte,
was selbst sich auf sich selber machte,
aus Wellen Wellen machte, das,

da man in Wellen machte (was
man machen darf so man es dachte),
so sagt : Das waren Wellen was man sah,

nicht was man dachte. Ach, so sachte
man auf den Wellen die man sah
in Wellen machte. War das was ?

Aus „Roth, Scheisse“-Büchern, in: Zwei Jahrzehnte Rainer Verlag. Ein Almanach, hrsg. Rainer Pretzell. Berlin 1986, S. 117

Zwielicht

Robert Gray 

(* 23. Februar 1945 in Port Macquarie, Australien) 

Twilight

These long stars
on

stalks
that have grown up

early
and are like

water
plants and that stand

in all
the pools and the lake

even
at the brim

of
the dark cup

before
your mouth these

all of them are
the one

slit
star

Zwielicht

Diese langen Sterne
auf

Stengeln
die früh

hoch wuchsen
und gleich

Wasser-
pflanzen in all

den Weihern
und im See stehen

selbst
am Rand

des
dunklen Kelchs

vor
deinem Mund diese

alle sind
der eine

aufgeschlitzte
Stern

Deutsch von Joachim Sartorius, aus: Robert Gray, Schwindendes Licht. Gedichte. Neumarkt / Oberpfalz: Thomas Reche, 2007, S. 56f

Sommer

Georg Trakl 

(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau) 

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

Aus: Georg Trakl, Sebastian im Traum. Leipzig: Kurt Wolff, 1915, S. 68

Abschied vom Frieden 1913

Vor 100 Jahren war ein heißer Sommer und soweit Frieden in Europa. Viele und namentlich auch viele der von uns „Expressionisten“ genannten Dichter empfanden die relative Ruhe als bedrückend und erhofften im Gedicht einen Sturm. Den bekamen sie auch bald. Viele verloren das Leben, andere die Freunde oder das Land. (Wir im 21. Jahrhundert sind auch nicht besser). Wie dem sei, mit diesem unbehaglichen Gedicht geht die Lyrikzeitung in eine kurze Sommerpause. In fünf Tagen gehts weiter.

Albert Ehrenstein 

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich; † 8. April 1950 in New York, USA)

Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
entkäm ich endlich dir .. O hätt ich Flügel –

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind .. zerriß mit Eisenklauen
die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.
Wär doch ein Sturm .. der müßt den schönen blauen
ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

Aus: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. 3. Jg., Nr. 40, 4. Oktober 1913, Sp. 945

Abschied von der Poesie

Enweri (12. Jahrhundert)

Ewhadeddin Enweri, das Haupt der persischen Panegyriker, als Dichter ausgezeichnet durch den Glanz seiner Phantasie, die Pracht der Bilder und den Wohllaut der Sprache, wurde in dem Dorfe Bedna nahe bei Mehna (Distrikt Abjurd) geboren. Zu Tus am Kollegium Manssurs hatte er seinen Studien obgelegen und ward dann Hofdichter Sultan Sandschars, Nachfolgers Malikschahs in Chorassan, den er in mehreren seiner besten Kassiden überschwänglich besungen hat. Auch der Astrologie widmete er sich, aber mit weniger Glück. Als einige seiner Vorhersagungen nicht eintrafen, verfiel er dem Spotte und ging deshalb nach Balch, wo er im Jahre 1152 starb und begraben liegt. Ebenso ausschweifend wie im Lob, ist er auch im Tadel, ein beißender, galliger Satiriker alsdann. Die Triebfedern seiner poetischen Thätigkeit, seinen Charakter hat er mit einem gewissen Cynismus in dem untenfolgenden Gedichte »Ein Dichterlein frug gestern mich…« aufgedeckt.

Aus: Divan der persischen Poesie. Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen. Hrsg. Julius Hart. Halle/Saale: Otto Hendel, 1887, S. 50

Abschied von der Poesie

Ein Dichterlein frug gestern mich: Schreibst du noch oft Gedichte? 
Ich sagte: Nein, da ich seit lang auf Lob und Schimpf verzichte. 
Warum? frug er. Weil klar mir's ward, daß Dichten nur Verirrung. 
Jetzt floh der Wahn, nie wieder kehrt der Zustand der Verwirrung. 
Einst schrieb ich Panegyriken, Satiren und Ghasele, 
Weil Habsucht, Zorn und Leidenschaft mir heiß durchtobt' die Seele. 
Pfui Liebesdichter, die die Nacht in heißer Angst verbringen, 
Wie sie am besten Zuckermund und Lockenpracht besingen; 
Pfui Lobpoeten, die den Tag in bittrer Qual durchsinnen, 
Von wem und wo am besten wol fünf Drachmen zu gewinnen; 
Pfui Satiristen, die sich freun gleich schwachen kranken Hunden, 
Wenn einen Schwächren als sie selbst, sie packen und verwunden. 
Weh euch ihr drei, die hungernden und grimmen Hunden gleichen, 
Mög' euch der Herr auf ewiglich aus meiner Nähe scheuchen! 
Ich selbst schrieb Panegyriken, Ghasele und Satiren; 
Wie konnt', o Gott, Verstand und Geist so grausam ich torquiren! 
Geschwätz und Schein, o Enweri, sind keines Mannes Werke, 
Du fehltest, segne Gott dein Wort mit Mannheit jetzt und Stärke. 
Im Winkel birg bescheiden dich, den Pfad der Rettung gehe, 
Und denke, daß des Lebens Frist dem Odem gleich verwehe.

Deutsch von Schlechta Wssehrd.

Aus: Ebd. S. 64f

Fakten und Vermutungen über den Autor hier

Paul Wiens 100

Zum 100. Geburtstag des Dichters Paul Wiens eine Flaschenpost aus dem Jahr 1957. Damals kriegte der Dichter Prügel (später hat er selber geprügelt bzw. gespitzelt, ein anderes Kapitel).

Paul Wiens 

(* 17. August 1922 in Königsberg; † 6. April 1982 in Ost-Berlin)

VERZWEIFLUNG

Wenn sich die letzten Staaten tödlich reiben
was wird von Land und Leuten übrigbleiben?
Ach, schwarze Wogen himmelgroß,
die auf die Städte schlagen . . .
Wer wird die letzte Geschichte schreiben?
Wer wird zu Grabe tragen
den armen Erdenkloß?

Es bleibt auch nicht einer — ihm nachzudenken . . .
Es bleibt auch nicht einer — sich mitzuversenken . . .
Schnell, schreibe noch dein Schlußgedicht,
eh wir zu Nichts erkalten,
eh wir vom roten Gestirn abschwenken —
für keinen zu erhalten
das letzte Sonnenlicht!

Schnell, sammle letzten Glimmer, letzte Feder,
mit letztem Duftöl schmier dein Hosenleder
und schwill und spreiz dich wie ein Pfau
und schmück mit Geist und Haaren
den wehen Schädel — zu gefallen jeder,
wie immer wunderbaren, 
wie nie noch letzten Frau!

Schnell, eh zerspellt Weltbild und Weltenrahmen!
Schnell, Sämann, säe deine letzten Samen
dem letzten Frühling in den Wind!
Ins Nichts wird er sie tragen . . .
Ehe vergessen sind die süßen Namen,
laß uns noch einmal sagen:
Geliebte, Brot und Kind . . .

Aus Paul Wiens: Nachrichten aus der dritten Welt. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1957 (Lyrikreihe: Antwortet uns! 8), S. 30f

Gelbe Blumen

Antonín Sova 

(* 26. Februar 1864 in Pacov (Patzau); † 16. August 1928 ebenda)

Gelbe Blumen

Todesäcker gelb verglimmen,
Land voll dunkler Saiten Stimmen.
Brach die Blüte wer zur Stund,
preßt’ sie auf den Fiebermund.

Hocken Greise noch am Rain,
schlucken sachte ihren Wein,
gleitet Mond von ihren Haaren,
welker, schlaffer Brüste Paaren.

Sitzen, noch dies kurze Stück —
etwas finden für den Blick —
wolln so rasch ins Feld nun doch nicht.
Gelbe Blumen rascheln knochig. —

Wolln so rasch nicht sterben. Doch nicht.

Deutsch von Uwe Kolbe. Aus: Ludvík Kundera / Eduard Schreiber (Hg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: DVA, 2006, S. 277

Žluté květy

Role Smrti ve tmách žloutnou,
kraj se chvěje Smutků loutnou.
Kdosi šel a utrh’ květ,
tisk’ jej na horečný ret.

Starci ještě na mezích
víno pijí po doušcích,
měsíc sklouzá po jich vlasu,
v prsů svislém, svadlém masu.

Ještě chvíli posedět —
na něco se zahledět —
ještě se jim v Pole nechce.
Žluté květy šumí lehce. —

Nechce se jim umřít. Nechce.

Aus: SOVA, Antonín. Vybouřené smutky. Praha : Moderní revue, 1897. s. 25.

Als er sie das erste mahl küßte

Benjamin Neukirch 

(* 27. März 1665 in Rydzyna (dt.: Reisen) in Schlesien; † 15. August 1729 in Ansbach)

Als er sie das erste mahl küßte

B.N.

Ich habe/ Sylvia/ dich einmahl nur geküßt/
Und meynt' ich würde mir mein kranckes hertze laben;
O! aber weit gefehlt! ich weiß nicht/ wo es ist/
Und glaub/ es hat sich gar in deinen mund begraben.
Dann meine krafft ist hin: Ich fühle nichts als glut/
Und stürbe/ wenn ich nicht aus liebe leben müste.
Ach! wann ein eintzig kuß so grosse würckung thut/
Wie solte mir geschehn/ wann ich dich zehnmal küßte?

Quelle:
Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster Teil, Tübingen 1961, S. 93. (Originalausgabe 1695)
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005444322