66. Titten, Tresen, Temperamente

Mit dem Programm „Titten, Tresen, Temperamente“ gastierten sie auch in Kolbermoor im Bistro „Grammophon“.

Das gleich vorweg: dieses Programm ist nicht jugendfrei. Komik ist zwar durchaus vorhanden, aber vor allem geht es um Erotik. Heftig, unzensiert, eindeutig. Die beiden Damen nehmen kein Blatt vor den Mund, sie unterstreichen die Texte teils sogar mit eindeutigen Geräuschen und Gesten. Vom Gedicht „Der Schwanz in meinem Mund“ über die detaillierte Sex-Beichte der Wiener Hure Josefine Mutzenbacher bis hin zur Synchronisation eines Pornofilms, das alles und viel mehr ist geboten bei der erotischen Lesung. / Julia Binder/Oberbayerisches Volksblatt

65. Thomas Meinecke in Greifswald

Thomas Meinecke „Jungfrau“
Mittwoch | 13.01.2010 | 20:00 Uhr | Lesung + Gespräch | Eintritt: 5,-/3,- Euro

Lothar erforscht mit heiligem Eifer das gemeinsame Werk des Theologen Hans Urs von Balthasar und der Mystikerin und Ärztin Adrienne von Speyr. Er glaubt sich einer unglaublichen Liaison auf der Spur. Und Lothar selbst, ein von den Theaterwissenschaften zur katholischen Theologie sowie zu sexueller Enthaltsamkeit konvertierter Student, gerät zunehmend in Gewissenskonflikte mit seiner hoch und heilig gelobten Haltung: Denn das Charisma der schönen Klavierspielerin Mary Lou stellt den armen Lothar vor Versuchung und Versagung.

Wie in Meineckes früheren Arbeiten entwickelt das Diskursnetz in „Jungfrau“ ein burleskes Eigenleben. Hollywoods B-Film-Ikone Maria Montez ist darin ebenso verstrickt wie die Jazzpianistinnen Jutta Hipp und Mary Lou Williams, Clemens Brentano sowie der „Seidene Schuh“ des liebeskranken französischen Schriftstellers Paul Claudel und nicht zuletzt Jack Smiths epochaler Camp-Film „Flaming Creatures“. Es ist ein interessantes und originelles Kompendium kurioser Anekdoten und angesammelten Wissens, das Verbindungen – trotz mancher scheinbarer Abseitigkeiten – zieht und zeigt, wie interessant es ist, Religion, insbesondere katholische Theologie, nicht als überholte Folklore zu betrachten.

Prof. Dr. Eckhard Schumacher, Professor am hiesigen Institut für Deutsche Philologie, wird den Abend und das Gespräch mit Thomas Meinecke begleiten.

Der Kartenvorverkauf findet im Café Koeppen, im Antiquariat Rose und in der Greifswalder Stadtinformation statt.
Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit dem Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald statt.
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Mittwoch | 13.01.2010 | 22:00 Uhr | Jazz-Musik | Eintritt frei
Jazz-Lounge – ausgewählt und aufgelegt von Thomas Meinecke

Vielseitiger geht es fast nicht: Der Popkulturkenner Thomas Meinecke ist nicht nur als Schriftsteller unterwegs, sondern auch als Hörspielautor, Journalist, Musiker und DJ. Nach der Lesung aus seinem jüngsten Roman „Jungfrau“ wird er im Café Koeppen Jazz-Musik, u. a. von den Pianistinnen Jutta Hipp und Mary Lou Williams, auflegen.

Der Eintritt ist frei.

Thomas Meinecke: Lob der Kybernetik. Songtexte 1980-2ßß7. edition suhrkamp 2007

64. Fühmanns Nachdichtungen

Fühmann dichtete tschechische, polnische und ungarische Lyrik nach. Auf der Grundlage der Fremdsprachenkenntnisse des Autors steht im ersten Kapitel der Dissertation die Fühmann’sche Nachdichtung ungarischer Lyriker im Vordergrund, die anhand von Gedichten Attila Józsefs, Miklós Radnótis und Ágnes Nemes Nagys betrachtet wird.

Ein deutlicherer Hinweis auf die Gründe für diese Auswahl wäre hier vielleicht für den Leser hilfreich gewesen. Fühmann hat nämlich auch andere ungarische Dichtungen übersetzt und sogar in einzelnen Bänden veröffentlichen lassen. Dies erfolgte im Rahmen eines groß angelegten Projektes der 1960er- bis 1970er-Jahre in der DDR, in dem Fühmann mit anderen Dichtern vor allem zeitgenössische Lyrik aus den sogenannten ‚kleinen‘ Sprachen nachgedichtet hat. Dies war mit Hilfe von Interlinearübersetzern möglich, die die Rohübersetzungen verfertigt haben, denen die Dichter poetische Form verliehen, so dass die Nachdichtung inhaltlich und formal dem Original glich.

Außer der eingehenden übersetzungskritischen Zusammenschau von Original und Nachdichtung stellt die Dissertation die Bemühung Fühmanns dar, mit seiner Version dem Original zu entsprechen, was vor allem aus nachgelassenen Notizen und aus Briefen an den Interlinearübersetzer Paul Kárpáti sichtbar wird. Diese bisher fehlende wissenschaftliche, in Einzelheiten gehende Darstellung nachdichterischer Arbeiten Fühmanns und ihre erste Erörterung von deren anerkennender Rezeption in Ungarn beweist den Erfolg des Lyrikers. Fühmann mag allerdings seine Tätigkeit nicht als ein Gelingen angesehen haben, da er wusste, dass inhaltlich und formal treue Übersetzungen oder Nachdichtungen wohl unmöglich sind. Sie waren für ihn eher eine stetige Anstrengung, ein einzig möglicher Ort dichterischen Tuns, da er sich einer Lyrik widmete, die ihm selbst sehr nahe stand. Das Wort Topografie im Titel der Studie ist dabei für Fühmann wichtig, während die Unvollendbarkeit die unmögliche formale und inhaltliche Treue zum Original meint, die meistens als Kriterien für die Repräsentierbarkeit fremder Lyrik in einem anderen Kulturgebiet angesehen werden. In dem betreffenden Kapitel fehlt allerdings die Intertextualitätsanalyse, die der Untertitel der Dissertation verspricht. In der Postmoderne kann die Übertragung oder Nachdichtung als eine Form intertextuellen Weiterschreibens verstanden werden, bei dem die Übertragung möglichenfalls als eigenständige Lesart betrachtet wird, bei der die Konsequenzen der unvertretbaren Treue zum Original bereits gezogen worden sind. / Valéria Lengyel, literaturkritik.de

Stephan Krause: Topographien des Unvollendbaren. Franz Fühmanns intertextuelles Schreiben und das Bergwerk.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009.
391 Seiten, 52,00 EUR.
ISBN-13: 9783825356170

63. Untote Securitate

Die Münchner Securitate-Tagung vom 7./8.12. fand ein breites Echo in den deutschen Medien, berichtet wurde aber fast nur über den „Fall“ Werner Söllner. Ein Bericht in der Siebenbürgischen Zeitung gibt jetzt (für mich erstmals) weitere Informationen. Wie gern etwa erführe ich Näheres über die hier angedeutete Erklärung Rolf Bosserts oder über die Beiträge der anderen im folgenden Auszug genannten Autoren:

Gerhardt Csejka fand nicht nur, aber vorrangig als Spiritus rector der „Aktionsgruppe Banat“ über 3 000 Seiten Aktenmaterial zu seiner Person in den Archiven des CNSAS vor, was auf das Misstrauen und das Unbehagen hinweist, das der aufmüpfige Aufbruch junger Autoren aus dem Banat Anfang der 1970er Jahre bei den Aufpassern ausgelöst hatte. Gerhardt Csejka verlas auch eine nach einer Verwarnung der Securitate verfasste Erklärung Rolf Bosserts – ein erschütternder Ausdruck der existentiellen Sackgasse, in der er sich kurz vor seiner Auswanderung in die Bundesrepublik sah.

Sarkastisch und treffsicher gestaltete der Schriftsteller Richard Wagner seinen Angriff auf die „untote“ Securitate. Er sprach über den Überlebenswillen und die heutige Geschäftstüchtigkeit ehemaliger Geheimdienstler, über das unbehelligte Dasein einiger ihrer ehemaligen Helfer in der Bundesrepublik und über seine Art des Kampfes mit dem Leviathan. Von Diskreditierung als bewährter Vorgehensweise des rumänischen Geheimdienstes berichtete auch William Totok, in dessen Beobachtung und Verfolgung ab 1970 über hundert Geheimdienstoffiziere involviert waren, eine im Verhältnis zur planwirtschaftlichen Leistungsschwäche des Landes mehrfach festgestellte überdimensionierte Ressourcenverschwendung. Prof. Dr. Anton Sterbling schilderte seine Überwachung durch die Reschitzaer Securitate in den frühen 1970er Jahren und stellte Fragen zu den Lücken in seiner Opferakte. In die Form eines arabischen Märchens goss Horst Samson die Behandlung mehrerer Banater Autoren durch Securitate-Schergen. Erschütternd und befreiend zugleich wirkte seine „Erzählung“ über den Protest der jungen Schriftsteller gegen die systematische Zurückdrängung des Kulturlebens der deutschen Minderheit in Rumänien auf jeden, der diese chauvinistischen Maßnahmen damals erdulden musste.

Der Autor Johann Lippet gewährte anhand seiner Securitate-Akte einen erhellenden Blick auf die Gratwanderungen, die ein Schriftsteller im kommunistischen Rumänien unternehmen musste, und auf die destruktive Tätigkeit der Denunzianten im Rahmen des deutschen Literaturbetriebs Rumäniens. Wie erbarmungslos die Securitate von einem jungen Autor Besitz ergreifen wollte, mit welchen unkonventionellen Methoden er sich aus ihren Fängen zu lösen vermochte und wie brutal er anschließend ihre Rache zu spüren bekam, davon berichtete Helmuth Frauendorfer. Nicht weniger fesselnd waren dessen Schilderungen der „Maßnahmen“ des rumänischen Auslandsgeheimdienstes gegen die nach West-Berlin emigrierten Schriftsteller der Banater Autorengruppe. Die Absurditäten der Securitate-Überwachung standen im Zentrum der anschaulichen und geistreichen Ausführungen des Siebenbürger Sachsen Hellmut Seiler, der in den 1980er Jahren befürchtete, dass die Securitate seine Verhaftung vorbereite, um ihn an der Ausreise in die Bundesrepublik zu hindern. Das Studium seiner Akte hingegen ergab, dass die Securitate ihn der Spionage für den Bundesnachrichtendienst verdächtigte und deshalb bezweckte, ihn zu einer raschen Ausreise aus Rumänien zu bewegen. …

„Die Securitate ist ein toter Planet, die Satelliten kreisen aber weiter“, konstatierte nicht ohne Verbitterung Richard Wagner.

Außerdem eine Presseschau zur deutschen Berichterstattung über den „Fall“ Söllner.

62. Reiner Klang

Es ist ein unerhörter Klang, der sich entfaltet, weich und dabei bestimmt. Ein sanftes Raunen, das sich durch den Klassenraum zieht, Großes verkündet, vor allem aber durch sich selbst wirkt, durch die in Rhythmus gebrachten Konsonanten und natürlich den Reim, mit dem die beiden Verse schließen. Acht Worte nur, aber unendlich verheißungsvoll: „Mon enfant, ma sœur, Songe à la douceur“. Charles Baudelaire, „Einladung zur Reise“, das 53. Gedicht der „Blumen des Bösen“. Als reiner Klang schwebt es durch den Klassenraum im kolonialen Algerien, irgendwann in den späten vierziger Jahren, frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als es noch ruhig ist in dem nordafrikanischen Land. Ungeduld und Zorn der von Paris aus regierten Araber sind zwar unterschwellig zu spüren, haben sich aber noch nicht offen Bahn gebrochen.

Die Zeichen weisen in Richtung Aufstand. Aber noch schweben die Zeilen durch den Raum, und sie sind geeignet, die junge Schülerin auf immer zu verzaubern, ihr klarzumachen, dass die Franzosen zwar auch Schöpfer einer effizienten Kriegstechnik sind, mit deren Hilfe sie das Land bereits hundertzwanzig Jahre im Griff halten; aber ebenso Schöpfer großer Dichtkunst sind, einer Poesie, die geeignet ist, den algerischen Untertanen die andere, hellere Seite der Kolonialmacht zu zeigen; eine Seite, die sich mit dem Zynismus der Militärs und Verwaltungsbeamten nur schwer in Zusammenhang bringen lässt.

Baudelaires Einladung hat die junge Assia Djebar, deren bürgerlicher Name Fatima-Zohra Imalayène lautet, auf immer an das französische Mutterland gebunden und ihr den Weg zu jener zunächst unbekannten Sprache eröffnet, in der sie später ihre Romane schreiben würde. / Kersten Knipp, FAZ 11.1.

61. Kunqu-Oper in Wien

Sie ist die klassische chinesische Oper mit 400-jähriger Tradition, war in Österreich allerdings noch nie zu sehen: „Kunqu“ kommt am 13. und 14. Jänner erstmals in den Festsaal der Akademie der Wissenschaften. Die Opern-Truppe aus Suzhou – eine von nur sieben verbliebenen Ensembles, die den alten Stil pflegen – bringt an zwei Abenden die „Best Ofs“ aus sechs Stücken, sowie eine Kostümausstellung.

„Beim Kunqu ist die Musik nicht auf Noten geschrieben, sondern auf Texte“, erklärte die Hauptdarstellerin und bekannteste Sängerin der Truppe, Wang Fang, am Montag. Die Rollen sind in jedem der Stücke, deren Texte zum Großteil aus der Lyrik des 13. Jahrhunderts stammen, etwa gleich: Die junge Frau, die ältere Frau, die Dienerin, der junge und ältere Mann sowie die „komische Figur“ bevölkern die historischen Geschichten, in denen gemeinsam mit dem Melodieinstrument Dizi (eine Bambusflöte), der Spießgeige Erhu und der Trommel Bangu gesungen und strenge, oft nur winzige Bewegungsabfolgen ausgeführt werden.

„Weil das Chinesische eine Tonsprache ist, bestimmt die Tonhöhe der Sprechsilben die Melodie“, erklärte Musikethnologe Rudolf Brandl die impressionistischen Klangfarben, die Stimme und Flöte gemeinsam nachzeichnen. Stark überzeichnet ist die ebenfalls an Gesang erinnernde „Bühnensprache“, stark gezeichnet die traditionelle Kostümierung und Schminke auf einer fast leeren Bühne. Als Vorläufer der Peking-Oper („eher mit unserer Operette zu vergleichen“) gilt die Kunqu-Oper als Kulturkost für gebildetes, traditionsbewusstes Publikum. / Kleine Zeitung 11.1.

60. American Life in Poetry: Column 251

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The poet Lyn Lifshin, who divides her time between New York and Virginia, is one of the most prolific poets among my contemporaries, and has thousands of poems in print, by my loose reckoning. I have been reading her work in literary magazines for at least thirty years. Here’s a good example of this poet at her best.

The Other Fathers

would be coming back
from some war, sending
back stuffed birds or
handkerchiefs in navy
blue with Love painted
on it. Some sent telegrams
for birthdays, the pastel
letters like jewels. The
magazines were full of fathers who
were doing what had
to be done, were serving,
were brave. Someone
yelped there’d be confetti
in the streets, maybe
no school. That soon
we’d have bananas. My
father sat in the grey
chair, war after war,
hardly said a word. I
wished he had gone
away with the others
so maybe he would
be coming back to us

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Lyn Lifshin, whose most recent book of poems is Persephone, Red Hen Press, 2008. Poem reprinted from Natural Bridge No. 20, Winter, 2008, by permission of Lyn Lifshin and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

59. Kargschwäbisch

Thaddäus Trolls kargschwäbische Lyrik ist zeitlos meisterhaft. Sein Humor grad und krumm, bös und gütig. Kommet, mir ganget, se kommet. / Südkurier

58. Présence africaine

Die afrikanische Kulturwelt feierte gestern den 100. Geburtstag Alioune Diops. An seinem Wohnhaus in Saint-Louis, Senegal, wurde eine Tafel angebracht: „Hier lebte Alioune Diop (1910-1980), Gründer der Présence africaine“. „Die Toten sind nicht tot“. Mit diesem Vers des Dichters Birago Diop wurde die Gattin des Geehrten angesprochen. Alioune Diop war der erste Afrikaner, der rigoros das Amt des Verlegers ausübte. Der Gelehrte, Historiker, Philosoph und Verleger spielte eine bedeutende Rolle bei der Emanzipation Afrikas und seiner Diaspora.1949 gründete er den Verlag Présence africaine, der zahllosen Erzählern, Essayisten, Dichtern und Denkern des schwarzen Afrika Raum bot. / Le soleil (Dakar)

Die erste Ausgabe der wie der später gegründete Verlag „Présence africaine“ betitelten Zeitschrift erschien 1947 gleichzeitig in Paris und Dakar. Zum Gründungskomité gehörten Michel Leiris, Paul Rivet, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, André Gide, Théodore Monod, Richard Wright und Aimé Césaire. / Wikipedia (frz)

57. Iranische Exilautorin liest in Frankfurt

Die Stipendiatin des Netzwerks „Städte der Zuflucht“, die preisgekrönte iranische Lyrikerin Pegah Ahmadi, tritt erstmals öffentlich in Frankfurt auf. Sie wird im Hessischen Literaturforum im Mousonturm Gedichte vortragen. …

Die Gedichte trägt sie gemeinsam mit dem Frankfurter Lyriker Matthias Göritz vor. Obwohl sie mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, darf Ahmadi in ihrem Heimatland nur eingeschränkt veröffentlichen. Im Rahmen des Programms „Städte der Zuflucht“ gewähren die Stadt Frankfurt für zwei Jahre eine Wohnung und die Frankfurter Buchmesse ein Stipendium für den Lebensunterhalt. …

Pegah Ahmadi studierte Persische Literatur an der Universität Teheran und übersetzte u.a. Sylvia Plath. Ahmadi hat zahlreiche Lyrikbände veröffentlicht, zuletzt 2008 Ahu Khani (dt.: Fehlersuche). / HR 10.1.

Hessisches Literaturforum im Mousonturm,
Waldschmidtstraße 4, in Frankfurt
13. Janaur 2010, 19:30 Uhr

56. Curth Flatow

„Oh je, ist der alt geworden“ – das war der meistgehörte Satz am Sonntag im Theater am Kurfürstendamm. Hier traf sich, in die Jahre gekommen, das West-Berliner Milieu, um den 90. Geburtstag dessen zu feiern, der mit unzähligen Stücken, Gedichten und Drehbüchern den Sound dieser Stadt mitgeschrieben hat: Curth Flatow. / Tagesspiegel 11.1.

55. Gipfeltreffen der jungen deutschsprachigen Literatur und Musik in Hamburg

Am 4. Februar präsentiert HAM.LIT das Spannendste, was junge deutschsprachige Literatur und Musik aktuell zu bieten hat – in einer Nacht, unter einem Dach: im Terrace Hill undUebel & Gefährlich, dem besten Club der Hansestadt.

18 Autorinnen und Autoren lesen parallel auf drei Bühnen, geben einen Einblick in die aktuelle Literaturszene und einen Ausblick auf ihre wichtigsten Vertreter im kommenden Jahr. Dabei sind nicht nur etablierte Autoren, wie der Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt und der Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, Clemens Meyer, sondern auch gefeierte Debütanten wie Verena Rossbacher und Patrick Findeis und aufregende, bislang unveröffentlichte Autoren, die es in dieser Nacht zu entdecken gilt.

Gustav & Band aus Wien verbinden im Anschluss großartige Texte mit elektronischer Popmusik. Gustav ist selten in Deutschland zu hören und gehört zum Feinsten, was ambitionierte deutschsprachige Musik derzeit hervorbringt.

Für alle, die HAM.LIT zu schön finden um nach Lesungen und Konzert nach Hause zu gehen, legt ab 0 Uhr im Turmzimmer DJ Floschiedler (LaRance) Musik zum Tanzen auf.

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54. Meine Anthologie: Vier neue Gedichtbände

Blätternd in 2009 erschienenen Gedichtbänden (nein, sooo vielen nicht, nur halt anno 2009), beglückt mich Fülle und Verschiedenheit. Ich lese verschiedene Arten von Gedichten, ja doch! Was mich eben, heute nachmittag, traf, drängt in meine Anthologie. Leonhard Lorek, von dem ich zuletzt, auch schon ein Weilchen her, Songtexte las, ist da mit Gedichten wie diesem:

Monika Rinck ist da im Doppelpack, wunderbar verspielt und ernst zugleich. Etliches, was ich mir merken werde, von Katzen und Stefan George, Quitten und Emily Dickinson. Welches nehmen, Irrgum Burrgum? Ich entscheide mich für die Grammatik, also die Ratte:

ratte, stille einfalt

arrgh. die geometrie dieser ratte, harte fügung. darf das die grammatik? sie entlehnt sich. wo hatte ich das nur gelesen? angstbelastete formen, jaja. es grollt. ein rollender reiter. ein bote. am teich aber die einfalt und der schatten des aufgezogenen buschwerks. ich muß wieder fragen: die grammatik, sie darf? sie darf das so fügen? es grollt, als ob krieg wär, wahrscheinlich feiert sich jemand. der rollende reiter ist nicht zu verstehn, am teich vibrieren die kreise im kreis ihrer einfalt. „so war das“, sagt die grammatik. das heißt implizit: so ist es nicht mehr. ich will nur ein einziges mal ohne sie sprechen, denn ich, in meiner rattigen einfalt, wollte doch eben noch einiges mehr. „ist das nicht eher entlegen?“, fragt die grammatik. sie darf.

Daniel Falbs zweiter Gedichtband eminent politisch und poetisch in jedem einzelnen Gedicht, aufregende Lektüre:

Anja Utler hat es auch mit der Geschichte, aber sie verfolgt sie bis in den Einzellaut hinein. Auch den unbekanntesten, den Glottis. In diesem Ausschnitt ist er nicht einmal sichtbar:

nicht: frage ich wie: ist dir da, großmutter, und nicht
frag ich wie: war dir da wie ihr – wie du gemerk- h-s- i-–

was wolltst du, frag nicht, nur herz sagen lass mi-
wie aufgelassen
es geh-

gehn,n – dein,m gehnlassen muss ich jetzt d-rch d-
-i- dein strauch sprüchlein muss knüpf ich m-

noch einmal nach –

______________________

Leonhard Lorek: daneben liegen
Verbrecher Verlag 2009

Monika Rinck: Helle Verwirrung. Gedichte / Rincks Ding- und Tierleben.  Texte & Zeichnungen
Kookbooks 2009

Daniel Falb: Bancor. Gedichte
Kookbooks 2009

Anja Utler: jana, vermacht
Edition Korrespondenzen 2009

53. Dialog

… zwischen der Gruppe Tocotronic und Welt am Sonntag (10.1.):

Jan Müller: Es ist mannigfaltig und ein sehr soundorientiertes Album.

Welt am Sonntag: Was sind die Themen?

von Lowtzow: Ich kann auf solche Fragen nicht antworten. Man kann es ja hören und sehen.

Welt am Sonntag: Die Texte sind sehr assoziativ und lassen Raum für Interpretationen.

von Lowtzow: Ja, aber das ist ja nun schon seit fünf, sechs Alben so. Wenn es nicht schon immer so war.

Welt am Sonntag: Aber man möchte doch trotzdem gerne erfahren, worum es geht. Was bedeutet denn es zum Beispiel, wenn Sie in dem Titel „Bitte oszillieren Sie“ „Bitte oszillieren Sie zwischen den Polen Bumms! Und Bi!“ singen?

von Lowtzow: Also, ich kann auf solche Fragen nicht antworten, es tut mir leid.

Welt am Sonntag: Empfinden Sie sie als unangenehm?

von Lowtzow: Ich finde sie, ehrlich gesagt, doof.

Müller: Es ist ja keine Fremdsprache. Das ist ein deutscher Satz.

Welt am Sonntag: Okay.

von Lowtzow: Bumms und Bi heißt Bumms und Bi.

Welt am Sonntag: „Bumms“ ist aber doppeldeutig.

von Lowtzow: Bumms. Krawumm. Peng eben. Und Bi heißt Bi. Bisexuell, bipolar …

Müller: …Bi-ne.

von Lowtzow: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich kann als Texter nicht sagen, was etwas bedeutet. So arbeiten wir nicht.

Welt am Sonntag: Aber Tocotronic ist eine der wenigen deutschen Bands, die textlich zu ertragen ist …

von Lowtzow: Das ist doch schön.

52. Chinesische Lyrik auf Amerikanisch

… etwas außerordentlich Intimes von fast fotografischer Transparenz liegt in der Art, wie amerikanische Dichter des vergangenen Jahrhunderts über die alten Chinesen dachten. In der Einleitung seiner Übersetzung des Eremitendichters Han Shan aus der Tangzeit schreibt Gary Snyder, weil die Bilder von Kälte, Höhe, Einsamkeit, Berg unserer zeitgenössischen Erfahrung immer noch zugänglich seien, habe er mit der Sierra Nevada verbundene Bilder als „Analogie (‚Übersetzung‘) der niedrigeren, nasseren, grüneren Berge Südchinas“ benutzt. Mit anderen Worten, Snyder sieht sich, ohne es direkt zu sagen, als ein Han Shan des 20. Jahrhunderts, als ein Einsiedler in Gedanken an einen anderen.

Daß darin beträchtliche künstlerische und intellektuelle Hybris liegt, scheint kaum der Rede wert. Wir glauben zu wissen, was chinesische Lyrik ist, wie wir (in einem gewissen sozialen Milieu) wissen, was Zen und feng shui und das Taoteking sind. Einer der großen Vorteile eines solchen Zeitalters ist, daß hochgebildete Gelehrte wie David Hinton ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können, Gedichte neu zu übersetzen, die es bereits in zahlreichen englischen Fassungen gibt. Das Erscheinen seines Bandes Classical Chinese Poetry: An Anthology – der virtuosesten Sammlung von Übersetzungen für eine ganze Generation – ist auch Anlaß, zwei grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie kam es zu dieser wunderbaren Verwandtschaft? Und können wir es guten Herzens dabei belassen; können wir das Seil weiterreichen, ohne es zu zerreißen?

Die amerikanische Romanze mit der klassischen chinesischen Lyrik beginnt wie aus dem Nichts mit der von Ezra Pound redigierten Fassung von Ernest Fenollosas Essay „Das chinesischen Schriftzeichen als Medium der Poesie“. In Pounds Version präsentiert der Essay das chinesische Schriftzeichen als Ideogramm, als erkennbares Bild der Wortbedeutung. Diese  Übereinstimmung von Wort und Bild war für Pound am besten in dem Zeichen  信  sichtbar, welches „Glauben“ oder „Vertrauen“ bedeutet und aus den Elementen 人  „Mensch“ und 言  „Wort“ zusammengesetzt ist, also „ein Mensch, der zu seinem Wort steht“. Pounds Anrufung des Ideogramms als exakte Analogie zur imagistischen Poetik schuf einen Rahmen, wenn nicht den Rahmen für die amerikanische Lyrik nach den 1920er Jahren. Die Übersetzung chinesischer Lyrik bewegte sich weitgehend, wenn nicht ausschließlich in diesem Rahmen.

/ Jess Row, from The Threepenny Review, Winter 2010 (bei Poetry Daily)

  • Classical Chinese Poetry: An Anthology, edited and translated by David Hinton
  • The Chinese Written Character as a Medium for Poetry: A Critical Edition, Ezra Pound and Ernest Fenellosa; edited by Saussy, Stalling, and Klein