Wer schafft es schon, mit Genuss mehr als vier oder fünf Gedichte hintereinander zu lesen?
fragt einmaleingedicht, „das lyrische Langzeitprojekt“ des Münchner Frühling Verlags.
Gut, wir kennen ein paar, die es schaffen. Das Projekt klingt dennoch nicht uninteressant:
Wir haben uns vorgenommen, über die Jahre einen Kanon herausragender Gedichte zu schaffen. Wenige Gedichte können wirklich allein stehen, auch wenn jedes ein selbständiges Kunstwerk ist. Wenige Gedichte berühren das Universale, obwohl die Dichter mit jedem ihrer Kunstwerke dieses Ziel verfolgen.
Der einmaleingedicht Kanon vermeidet bewusst die Buchform. Das Buch ist nicht die geeignete Form für jedes Gedicht. Ein großes lyrisches Werk sollte und kann allein stehen. Die Gedichtsammlung hingegen verbreitet oft den Charme eines lyrischen Museums. Und wer schafft es schon, mit Genuss mehr als vier oder fünf Gedichte hintereinander zu lesen?
Wenn das besondere Gedicht allein stehen soll, so braucht es einen besonderen Auftritt.
Was bisher dabei ist: Nora Bossong – Standort; Ernst Jandl – Schtzngrmm; Sappho – In der mitte des tages; Oskar Pastior – das durchsichtige gedicht…; Roza Domascyna (und so fort)
Jeweils eine CD mit einem (wos geht) vom Autor gesprochenen Gedicht. Zum Sammeln oder verschenken.
Hörprobe Erich Fried: Es ist was es ist
Yang Lians Lyrik hat eine lange Entwicklung hinter sich: Das Gedicht „Yi“(1985 bis 1989) umfasste noch an die 200 Seiten. Dazu sein Übersetzer Wolfgang Kubin: „Das ursprüngliche Pathos (…) beginnt sich zu verlieren, die Langform wird durch die Kurzform (…) ersetzt, der Bezug zu China tritt in doppelter Hinsicht zurück: Die chinesische Welt ist nicht mehr der unmittelbare Gegenstand des Schreibens, und Anspielungen auf die chinesische Geistesgeschichte weichen immer mehr einer Verarbeitung abendländischer Literatur und Philosophie.“ Vergänglichkeit und Tod bleiben jedoch die wichtigsten Motive in den Gedichten Lians.
Yang Lian liest, 25.1., 20 Uhr, Die Fabrik, Frankfurt, Mittlerer Hasenpfad16, Tel. 069/60605803
Die Lyrikerin besteht auf der magischen Kraft ihrer Sprache; sie selbst wird zur „Sprachzauberin“ mit höchster dichterischer Autorität, reiht sich ein in die Gruppe von Künstlern, deren Kriterium für Kunst, wie sie behaupten, in ihnen selbst liegt: Ihr Werk ist, inspiriert von ihnen, immer Kunst. Das Schreiben ist für Mayröcker, wie sie in einem Gespräch mit der „Zeit“ erläutert, ein „total anderer Zustand, es ist fast, wie wenn ich eine Droge nehmen würde. […] Es ist ein magischer Zustand. Ich rede nicht gerne darüber. Ich empfinde es beinahe als Verrat, darüber zu sprechen. Es ist auch für mich ein Geheimnis.“
Die Schlusszeilen ihres Gedichts ähneln in ihrer herausfordernden Bestimmtheit einem frühen Tagebucheintrag Franz Kafkas vom 19. Februar 1911: „Die besondere Art meiner Inspiration […] ist die, daß ich alles kann, nicht nur auf eine bestimmte Arbeit hin. Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe z. B. Er schaute aus dem Fenster so ist er schon vollkommen.“ So wie sich Kafka als „vollkommener“ Dichter sieht, sieht sich die Lyrikerin als eine Schöpferin von Sprachbildern, deren Wahrheit durch nichts als den dichterischen Text selbst konstituiert wird und darin vollständig zum Ausdruck kommt. Nicht die Frage, was sie „bedeuten“, ist die angemessene Haltung den Mayröcker’schen Versen gegenüber, sondern allein, was sie im Kontext des Gedichts „sind“ und welche Bilder und Vorstellungen sie evozieren. Von daher sind das ganz Private der Gedichte, das scheinbar Hermetische und Rätselhafte, die zahlreichen Namen zum Beispiel, die Kürzel, die kursiven Sätze, die Zitate, die unvermittelten Anfänge und scheinbar nicht zu Ende gebrachten Schlüsse, die Wortspiele und innertextlichen Verweise Teile eines lyrischen Schreibprozesses, die gewollt sind und auch nicht ohne weiteres bis in ihre Einzelheiten aufgelöst werden sollten. Das Un(aus)deutbare, das Geheimnisvoll-Besondere und die faszinierende Fremdheit der Verse sind ein Teil der lyrischen Welt Mayröckers. / Herbert Fuchs, literaturkritik.de
Friederike Mayröcker: dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Gedichte 2004-2008.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
343 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421062
Wer hat zum Beispiel jemals etwas von Wolfgang Frommel, Manfred Streubel oder George Forestier gehört? Michael Braun und Michael Buselmeier lassen diese Geistergestalten der deutschen Literatur noch einmal, für einen kurzen Moment, sichtbar werden. Seit 1991 haben der ganz auf Lyrik spezialisierte Kritiker Braun und der Dichter Buselmeier in der Wochenzeitung Freitag im Wechsel je ein Gedicht eines im weitesten Sinne zeitgenössischen Dichters vorgestellt. Viele davon sind heute längst tot, Max Kommerell etwa oder besagter Wolfgang Frommel. Braun ist eher für die Hochdichtung zuständig. Er erklärt in seiner besonnenen Art vor allem die Verse der Meister, von Friederike Mayröcker beispielsweise, Thomas Kling oder Marcel Beyer. Buselmeier ist es, den die minderen Dichter, diese Randexistenzen immer wieder faszinieren. / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 18.1.
MICHAEL BRAUN, MICHAEL BUSELMEIER: Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. Verlag Poetenladen, Leipzig 2009. 360 Seiten, 19,90 Euro.
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DER GELBE AKROBAT
Dienstag, 26.01.2010, 20 Uhr
Haus des Buches, Leipzig
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Lesung mit
Nora Bossong
Richard Pietraß
Moderation: Michael Braun / Michael Buselmeier
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Animals are incapable of reason, or so we’ve been told, but we imaginative humans keep talking to our dogs and cats as if they could do algebra. In this poem, Ann Struthers looks into the mystery of instinctive behavior.
Not Knowing Why
Adolescent white pelicans squawk, rustle, flap their wings,
lift off in a ragged spiral at imaginary danger.
What danger on this island in the middle
of Marble Lake? They’re off to feel
the lift of wind under their iridescent wings,
because they were born to fly,
because they have nothing else to do,
because wind and water are their elements,
their Bach, their Homer, Shakespeare,
and Spielberg. They wheel over the lake,
the little farms, the tourist village with their camera eyes.
In autumn something urges
them toward Texas marshes. They follow
their appetites and instincts, unlike the small beetles
creeping along geometric roads, going toward small boxes,
toward lives as narrow or as wide as the pond,
as glistening or as gray as the sky.
They do not know why. They fly, they fly.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Seit rund 40 Jahren gräbt sich der Germanist und Historiker Gerhard Wagner aus Höchberg durch Archive und forscht damit nach eigenen Worten in einem Raum, in dem noch nie jemand geforscht hat“. Aus einer Indizienkette heraus kommt er zu der Erkenntnis, dass der Dichter als Sohn des Ritters Walther von Stollberg 1170 geboren und 1220* als königlicher Vogt in Herlheim gestorben ist.
Allerdings sind die Thesen, die Wagner in seinem 2008 erschienenen Buch „Herr Walther von der Vogelweide – ein Minnesänger aus dem Steigerwald“ belegt, umstritten. Und obwohl 2002 seine erste Veröffentlichung zu diesem Thema erschienen ist, wartet Wagner bis heute darauf „dass jemand kommt und mich widerlegt“. Ein bisschen hat er den Verdacht, dass man einen „nicht von der Uni Stammenden“ eben nicht ernst nehmen will. / Mainpost Schwebheim
*) weiter unten im Text steht: 1230
Als eine der „intensivsten europäischen Dichterstimmen“ würdigen ihn angesehene Literaturkritiker, für manche gehört Karl Lubomirski zu „den besten Lyrikern, die heute in deutscher Sprache schreiben“.
In seiner Wahlheimat Italien erleben Karl Lubomirskis Gedichtbände rasch mehrere Auflagen, mehrere Literaturpreise zeugen von der Wertschätzung, die man dem Schriftsteller aus Österreich in Italien entgegenbringt. Seine Liebe zur italienischen Poesie und Kunst ließ ihn auch zum literarischen Vermittler werden, mehrmals hat Lubomirski Texte italienischer Autoren übersetzt, so etwa die Gedichte des florentinischen Malers und Lyrikers Paolo Frosecchi.
„Sie sollten auch Prosa schreiben“, hatte Ernst Jünger dem schreibenden Kollegen einst geraten. Karl Lubomirski hat den Rat befolgt. …
Was beim Blick auf seine Lyrik auffällt: Seine Gedichte brauchen nur wenige Zeilen, kommen mit wenigen Worten aus. Ein Gedicht ohne Titel lautet:
Was ist eine Säule
die keinen Tempel trägt?
/ Heinz Janisch, Ö1
Aus Stan Lafleurs Blog rheinsein:
Jüngst telefonierte ich mit HEL alias Herbert Laschet-Toussaint, Ostbelgiens und Deutschlands großem Dichter, und natürlich kam die Rede alsbald auf den Rhein. “Du kennst das von dem Holländer?”, meinte HEL und ich antwortete: “Vondel, dem der Park in Amsterdam gehört?” “Genau. Das mußt du aber im alten Original lesen und bringen, das läßt sich ganz gut verstehen”, meinte HEL, der selbst aus dem passenden Sprachraum stammt und gerade erfolgreich eine Suche nach einer im Internet verborgenen Liste mit Vokabeln einer jüngst katalogisierten altthrakischen Nebensprache in Auftrag gegeben hatte, deren Verständnis dem Deutschen an sich ungleich schwieriger erscheinen mag als barockes Niederländisch. Ich kannte Vondels furioses Rheinpoem bis zu diesem Zeitpunkt einzig auf Deutsch und hielt aufgrund der Kölner Herkunft des Dichters irrigerweise sogar für möglich, daß es im Original auf Deutsch abgefaßt worden sein könnte. HEL wußte es besser, er weiß eigentlich sowieso fast alles über Lyrik. An dieser Stelle nun kommt Google ins Spiel, dessen ausufernde Scan-Bibliothek die Recherchen zu Rheinsein seit Frühjahr 2009 enorm erleichtert und bereichert hat. Die Entwicklung von Google Books habe ich seitdem mit großer Euforie verfolgt, dort bin ich umstandslos an seltene oder vergessene historische literarische Zeugnisse gelangt (nicht alle, aber zunehmend mehr von denen, die ich suchte), die ich mir sonst nie hätte leisten können oder nur unter sehr hohem Aufwand für kurze Zeit hätte einsehen können. Solche Schriften sind nun also gebührenfrei und Vollzeit auf Selbstzugriff verfügbar. Ich empfinde das als revolutionär, mit der Sprache der Unterdrückten, und als Segen, mit der Sprache der Unterdrücker. Bei aller Euforie bleibt gegenüber Google Books eine gesunde Skepsis: positive Entwicklungen können sich in negative kehren, häufig genug passieren solche Kehren allzu schnell. Daher ließe sich jedem Interessierten empfehlen, sich mit elektronischen Downloads historischer Ausgaben zu versorgen, solange sie derart umfangreich und frei verfügbar sind.
Unbekannte Bilder um Arthur Rimbaud hier beim Figaro (Bilderserie)
Les Dessins d’Arthur Rimbaud de Jean-Jacques Lefrère. Flammarion, 167 p., illustrations, 45 €.
Die kanadische Lyrikerin P.K. Page starb am 14.1. im Alter von 93 Jahren. Sie war mit Sicherheit eine der größten Dichter des Landes. Bis zuletzt produktiv – im November erschienen zwei Bücher, ein langes Gedicht mit dem Titel „Cullen“ und eine Trilogie von Kinderfabeln. „The Sky Tree„.
„Um am Leben zu bleiben“, sagte sie, „muß ich schreiben.“ / Rosemary Sullivan, CBC News 15.1.
Vgl. L&Poe 2004 Aug #19. P.K. Page
Am Sonnabend wurden in New York die Finalisten des National Book Critics Circle – Preises bekanntgegeben. In der Kategorie Lyrik sind es
Ganz schlecht sieht es im deutschen Buchmarkt nicht aus: von Louise Glück gibt es zwei Bände bei Luchterhand, von Rae Armantrout erschien „Narrativ“ bei luxbooks, ebenfalls dort ist „Museum of Accidents“ von Rachel Zucker in Vorbereitung (Probe beim Poetenladen)
Bei L&Poe:
Louise Glück (gesprochen wie „glick“):
2003 Aug # Die amerikanische Dichterin Louise Gluck
2003 Sep # Aus einer lesenswerten Sammlung
2004 Aug #25. Der Dichter Ted Kooser
2006 Mrz #64. Vor und nach Vergil
2006 Apr #60. Neuer amerikanischer Kanon?
2006 Sep #50. 30 amerikanische Dichterinnen
2006 Sep #80. Eine gute Anspielung funktioniert
2006 Sep #114. Die Threepenny Review
2006 Nov #90. National Book Award verliehen
2006 Dez #74. Lyrisches Querbeet im VOLLTEXT
2007 Aug #36. Merkbare Sätze
2008 Feb #49. Averno
2008 Mrz #14. Robust und verletzlich
2008 Apr #114. Oppen
2008 Aug #111. Irrwitzig & melodiös
2009 Aug #023. DEADPAN DISASTERS
2009 Sep #113. Rilkes Botschafter
Rae Armantrout:
2005 Sep #26. Schönes Chaos
2009 Sep #59. Rae Armantrout in Frankfurt und Darmstadt
2009 Sep #115. Luxbooks
2009 Okt #33. METAPHYSICAL COMFORTS
2009 Okt #98. Rae Armantrout bei luxbooks
2009 Nov #148. Gedichtbände auf Platz 2 und 8 der SWR-Bestenliste
2010 Jan #41. Spring 2010 Events Schedule Released
D.A. Powell:
2004 Aug #44. American pastoral
2006 Jan #103. Lyrik des 21. Jahrhunderts auf den Spuren von Eliot und Stein
2009 Mrz #114. Liebe und Tod
2009 Dez #139. Best poetry books 2009
Rachel Zucker:
2009 Feb #1. 100 Poems, 100 Days
Auch Rilke gab der Abteilung Aufwind mit seinem „Marienleben“ in Erstausgabe der Insel-Bücherei, das er der „Fürstin Marie Taxis mit eines ganzen Jahres Dankbarkeit“ widmete. Ein österreichischer Sammler hielt bis 4000 Euro (500) durch, um den Band zu bekommen, und nahm im Anschluss für 2800 Euro (400) auch Rilkes „Sonette an Orpheus“, gleichfalls mit einer Huldigung an die Fürstin versehen. …
Spitzen notierten hier Robert Frosts Gedichte mit eigenhändigem Poem für eine Schweizerin für 4000 Euro (2000). / faz.net Kunstmarkt (mit Faksimiles)
Wenige Tage vor Weihnachten 2009 hat das Banat seinen Volksdichter verloren. Wie soll man ihn nennen? Er wurde Stefan Heinz getauft. Dann hieß er aber auch Hans Kehrer oder Vedder Matz. Ein langes, ereignisreiches, durch unermüdliche Arbeit geprägtes Leben hat ein Ende gefunden. / Siebenbürgische Zeitung
Bei peter-hacks.de schreibt ein anonymer Blogger:
Kalte Konserve
StO
am 24/01/2010
in Tagesmeldungen
.
Der Artikel ist fast drei Jahre alt und taucht nun noch einmal in dem Blog Lyrikzeitung auf. Stephan Wackwitz schrieb in dem Magazin Literaturen über Peter Hacks und kanzelte seine Dichtung als „preußisch-sozialistischen Staatsrokoko“ ab:
Der kommunistische Schriftsteller Peter Hacks hat seine geniale Lyrik, seine anregend skurrilen Essays und seine leider sterbenslangweiligen Dramen zeitlebens unter dem Einfluss eines narzisstischen Phantasmas geschrieben: Er war heimgesucht von der Vorstellung, der Molière oder Goethe des ersten sozialistischen Staates zu sein. Diese phantasmatische Identifikation mit der deutschen oder der französischen Klassik findet sich als (meist ironisch-kokette) Anspielung überall dicht unter der Oberfläche seines Werks und der zahlreichen darin verstreuten Selbstdeutungen.
Der Blogger ohne Namen fragt nun, ob man das vielleicht auch umgekehrt sehen könne: geniale Dramen, überschätzte Lyrik? – und wartet auf eine Antwort.
Gut, ich warte nicht länger auf eine Antwort und geb sie selber, gern auch unter meinem Namen. Der Artikel von Stephan Wackwitz war von 2007 (meine Kommentar-Frage von 2010). Hier eine L&Poe-Meldung vom März 2003:
Hacks über Hacks (Wem gehört die Lyrik)
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht. Thomas Mann gehört die Prosa und Brecht das Drama und die Lyrik.
Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, daß die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört. Arno Schmidt für Prosa, mir für Dramatik und die Lyrik. Das sage ich mit dem Vorbehalt eines Menschen, der wirklich weiß, daß dies eine Art von Urteilen ist, die eigentlich nicht fällbar sind. Aber ich kann ja nicht so tun, als hätte ich kein Urteil. / junge Welt 21.3.
Peter Hacks wird heute 75. Er hat schöne und gute Sachen geschrieben – törichte auch. Man soll seine (auch seine) Texte nicht für seine Meinungen haftbar machen. Der Untergang des Sozialismus scheint ihm irgendwie als die logische Konsequenz einer Verschwörung gegen Hacks (oder umgekehrt). L&P gratuliert. …
Zu seinem Geburtstag erschien ein Band mit Beiträgen von Klaus Ensikat, Eberhard Esche, Georg Fülberth, Hermann Kant, Rainer Kirsch, Wolfgang Kohlhaase, Sahra Wagenknecht etc. pp.
André Thiele (Hrsg.): In den Trümmern ohne Gnade. Festschrift für Peter Hacks. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003, 256 Seiten, 14,90 Euro
Das war vor fast sieben Jahren. Inzwischen scheint sich Hacksens Selbsturteil durchgesetzt zu haben. Immer öfter liest und hört man von dem großen oder genialen Lyriker Peter Hacks, so auch bei Wackwitz. Und stimmt es? Nein, ich halte beide Seiten des Urteils für falsch. Ob Hacks ein sterbenslangweiliger Dramatiker ist? Ich habe etliche Aufführungen gesehen und mehr Stücke gelesen, wenn auch nicht alle. Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe sterbenslangweilig? Moritz Tassow Staatsrokoko? Ach, das ist nichts als ein Klischee.
Und seine Lyrik? Hacks ist meist originell und witzig, selbst da, wo man die darin ausgedrückten Meinungen für abwegig hält. Aber genial? Gar der König seines Halbjahrhunderts? Er ist ein geschickter Lyriker, nicht ohne eine Neigung zum Kunsthandwerk. Das ist gut und fast immer lesenswert. Das ist doch schon viel. Und die Namen, die mir unter den Lyrikern 1950-2000 wichtiger sind, ersetze ich hier mal durch je einen Punkt:
………………………………………………………………
Greifswald, 24.1. 2010
Michael Gratz, lyrikzeitung.de
E R S T E L E S U N G & PUBLIKATION :
ERIKA BURKART / MISCHA VETERE
G E H E I M B U N D
D E R S T I L L E
– ein Lyrik-Abtausch aus 15 Jahren
oder von der poetischen
Zwiesprache im virtuellen
Zeitalter
am donnerstag, 28. januar 2010 um 19 uhr
in der projektgalerie, werdstrasse 128, zürich-wiedikon
(S-Bahn, Tram 9 / 14 Haltestelle Bhf-Wiedikon; 2 Gehminuten)
der auf die Lesung erscheinende, gleichnamige privatdruck kann am abend bezogen und/oder über e-mail-adresse mischa.vetere@gmx.ch reserviert werden (erste auflage 100 exemplare – first come, first serve).
lang lebe erika!
& herzlich
mischa vetere
ps: als vorgeschmack eine abfolge aus GEHEIMBUND DER STILLE (I-10) * :
haiku
das brot ist der laib
und die krume –
das ganze als EINHEIT
und teil
mischa vetere (1994)
[in „rimbaud reaming“,
XII-2008]
*
DER HAIKU-SCHREIBER
Für M.
Den Blick haben
für den einen
Tropfen im Regen:
Spiegel dem All
einen Augenblitz kurz,
eine Erdzeit lang.
E r i k a B u r k a r t
[in „Geheimbrief“, II-2009]
spiegel bild
(haiku)
spiegel dem all,
einen augen
blick kurz
erklang unser
lang, kurz,
lang.
mv
[in
„post-trauma -versuch
einer antwort“, V-2009]
* es fehlt das gedicht ’sputnik (von der läuterung)’ [XII-08], av anfang der I. von VII strophen mit titel ’schrott’: “hundert gedichte frieden, / fünfzig schützend die welt um verbesserte / kommunikation im all / nabelschau aus der vogelperspektive / worte verhindern kriege immer wieder / pflanzen bäume in den himmel (…)”
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