108. Poe-Fan schweigt

Der rätselhafte Fan des Dichters Edgar Allan Poe, der seit 60 Jahren den Geburtstag des Dichters am 19.1. zelebrierte, trat dieses Jahr nicht in Erscheinung. Er hatte am Grab in Baltimore seit 1949 Rosen und Kognak niedergelegt. Es war der 201. Geburtstag Poes./ Guardian 20.1.

107. Molière der DDR?

Der kommunistische Schriftsteller Peter Hacks hat seine geniale Lyrik, seine anregend skurrilen Essays und seine leider sterbenslangweiligen Dramen zeitlebens unter dem Einfluss eines narzisstischen Phantasmas geschrieben: Er war heimgesucht von der Vorstellung, der Molière oder Goethe des ersten sozialistischen Staates zu sein. Diese phantasmatische Identifikation mit der deutschen oder der französischen Klassik findet sich als (meist ironisch-kokette) Anspielung überall dicht unter der Oberfläche seines Werks und der zahlreichen darin verstreuten Selbstdeutungen. / kultiversum (Stephan Wackwitz / Literaturen / Seite 65 / März 2007)

(Vielleicht kann man es ja auch umgekehrt sehen: geniale Dramen, überschätzte Lyrik?)

Peter Hacks
Verehrter Kollege. Briefe an Schriftsteller

Hg. und mit einem Nachwort von Rainer Kirsch.
Eulenspiegel, Berlin 2006. 367 S., 19,90 €

Ulrich Raulff (Hg.)
Vom Künstlerstaat. Ästhetische und politische Utopien
Hanser, München 2006. 187 S., 16,90 €

Vgl. L&Poe 2010 #110. Wem gehört die Lyrik?

106. „Verlinken ist ein Recht“

Links setzen zu können, ist sehr viel mehr als nur eine technische Fähigkeit des Internets. Verlinken ist ein Recht. Ein Link macht gleichberechtigte Anmerkungen möglich. Er ist Motor der Link-Wirtschaft, die Medien am Leben erhält. Er ist ein Werkzeug, um Verantwortung zu übernehmen. Er ist der Kern der Idee der freien Rede im Netz. / Jeff Jarvis, Zeit online

– Ja, und ich füge hinzu: Wenn ich hier zB Ausrisse bringe, nehme ich keinem Urheber was weg, sondern mache etwas auffindbar, zumindest für alle, die nicht jede dieser Zeitungen pp. abonniert haben und jeden Tag verfolgen. Archivieren ist zugänglich machen (und dient damit sogar der „Link-Wirtschaft“). Außerdem ist es, Brecht wußte es, selber produktiv:

»Heute« beklagte sich Herr K., »gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt.«

105. Erinnerung an Peter Huchel

Meckel, selbst ein bedeutender Lyriker und Prosaautor, gelingt mit diesen siebzig Seiten Vergegenwärtigungsprosa etwas Außerordentliches: Peter Huchels Biographie als politischer Fall skizziert in anteilnehmender Präzision, Peter Huchels dichterisches Werk dokumentiert als exemplarisches Gelingen von Poesie. …

Man wünscht sich als Leser, Meckel könnte sich entschließen, der Serie der „Erinnerungen“ an Kaschnitz und Huchel noch eine dritte „Erinnerung“ folgen zu lassen – an Günter Eich. / Hartmut Buchholz, Badische Zeitung 23.1.

Christoph Meckel: Hier wird Gold gewaschen. Erinnerung an Peter Huchel. Mit Graphiken des Autors. Libelle Verlag, Lengwil 2009. 80 Seiten, 14,90 Euro.

104. Gegenstrophe. Blätter für Lyrik

Eine neue Zeitschrift ist anzuzeigen, ein Jahrbuch eher, etwas blässlich Gegenstrophe. Blätter für Lyrik getauft, herausgegeben von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector, und zwar im Zusammenhang mit dem im September 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis. Die Herausgeber sind bemüht, über die Dokumentation des Preises hinaus ein Forum für Lyrik zu etablieren. Zwar mangelt es, angesichts der verschiedensten Zeitschriften, nicht an Möglichkeiten zur Publikation von Gedichten, doch erscheint das einflussreiche, von Christoph Buchwald 1979 begründete Jahrbuch der Lyrik seit 2009 nicht mehr, und vielleicht kann die Gegenstrophe ja diese Lücke ausfüllen.

Die neue Publikation scheint dafür gerüstet. Die erste Ausgabe ist jedenfalls kenntnisreich und übersichtlich gegliedert: Unter der Rubrik „Premiere“ werden Gedichte bislang wenig bekannter Autoren vorgestellt. Die „Porträts“ widmen sich Dichtern, die 2008 beim Lyrikfest in Hannover gelesen haben: Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. In der Rubrik „Essay“ analysiert Michael Braun unter dem schönen Titel Ein Lied aus reinem Nichts den „Sprachstoff“ der Jungen Lyrik. „Gute Dichtung“, heißt es dort etwas apodiktisch, beginne „mit dem Totalverlust aller Gewissheit.“ Sie müsse „vertraute Sprach-Strukturen aus den Angeln heben, sie dynamisieren und semantischen Zerreißproben aussetzen.“ / Michael Buselmeier, Freitag 22.1.

Gegenstrophe. Blätter für Lyrik: Nr. 1, 2009 (Literaturbüro Hannover, Sophienstr. 2, 30159 Hannover), 12,80 €.

 

103. Macíntosh-Ode

Gary Snyder, amerikanischer Lyriker mit Wurzeln in der Beat Poetry, ist wahrscheinlich nicht der beste Zeuge, wenn es darum geht, die Meilensteine des digitalen Zeitalters zu reflektieren. Er ist 79 Jahre alt und lebt am Fuße der Sierra Nevada in Nordkalifornien. Und doch haben sich seine Welt und die der frühen Computerhersteller, wie Mr. Job, in Zeit und Raum überlappt.

Er ist passionierter Macintosh-Nutzer, obwohl er, wie er selbst sagt, mit allem schrieb, was so zur Hand war.

In der New York Times vom 22.1. seine Macíntosh-Ode „Why I Take Good Care of My Macintosh“,

102. Gebennt

In der Mitteldeutschen Zeitung / Elbe-Kurier berichtet  CORINNA NITZ über eine Veranstaltung mit der Schriftstellerin Eva Zeller, die in Wittenberg bei Christian Lehnert zu Gast war. Worum es ging:

Zum Beispiel um autobiografisches Schreiben. Man müsse die Freiheit haben, gelebtes Leben so darzustellen, „dass es wieder lebendig wird“, erklärte Zeller unter Hinweis auf Goethes Werk „Dichtung und Wahrheit“. Oder um den Arzt und Dichter und „Sprachverführer“ Gottfried Benn, den sie einmal so verehrte, dass sie beim eigenen Schreiben immer „gebennt“ hat. Auf die Frage, ob das Etikett der christlichen Autorin, das ihr nicht nur, aber auch wegen ihrer geistlichen Lyrik anhaftet, ihrem Selbstverständnis entspricht, hob sie die Schultern. Das sei mit erbaulicher Erwartung verbunden, die sie nicht bedienen könne. Ganz abgesehen „von der Distanz zwischen Literatur und Kirche, die zum Katholischwerden ist, weil die katholische Kirche ein vitaleres Verhältnis zur Sprache hat“. Für sie selbst sei der Glaube denn auch ein Sprachereignis, und die Bibel habe sie nicht nur gelesen, um sie zu lesen. Vielmehr habe sie „das unverschämte Glück, am Tropf dieser Worte zu hängen“.

101. Derek Walcott 80

Große Schriftsteller – darunter die Nobelpreisträger Séamus Heaney aus Irland und den Nigerianer Wole Soyinka – lud Walcott in seine Heimat nach Castries ein, der Hauptstadt des karibischen Inselstaats St. Lucia, der zum britischen Commonwealth gehört. Doch dann erschütterte ein schweres Erdbeben Haiti. Dort wurzelt Walcotts künstlerisches Schaffen. / Monsters & Critics

100. Lyrischer Februar in Kiel

Im Februar setzt sich die Reihe „Lyrik im Gespräch“ zum einen mit Antonio Colinas (02.02.) und zum anderen mit dem Besuch von Michèle Métail (08.02.) fort. Sie präsentieren jeweils im Gespräch mit ihren Übersetzerinnen ihre aktuellen Gedichte und sprechen über ihr lyrisches Schaffen. Antonio Colinas ist bis jetzt nur in Anthologien und mit keiner Einzelveröffentlichung vertreten. Er hat mit seiner Wahl der klassischen Gedichtform versucht ein Regionalbewusstsein für den gesamten romanischen Raum zu schaffen. Hingegen bewegt sich Michèle Métail mit „Weg Fünf Füße Breit“ im asiatischen Raum. Ihr aktueller Gedichtband ist das Ergebnis mehrerer Reisen nach China und Japan. Entsprechend verfasste sie ihre Gedichte im klassischen 5-Silber, der für den asiatischen Raum typischen Form. / foerdeflüsterer (Kiel)

99. Zum Tod des jiddischen Dichters Abraham Sutzkever

Von Uwe Wittstock, Die Welt 22. Januar 2010:

Der große jiddische Dichter Abraham Sutzkever ist im Alter von 97 Jahren in Tel Aviv gestorben. Er zählte zu den jüdischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts, deren Leben durch Vertreibung und Verfolgung in kaum vorstellbarem Maße gezeichnet war und die ihre Zuflucht nicht zuletzt in der Sprache fanden. Bei Wilna geboren, wurde Sutzkever während des Ersten Weltkriegs im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie erstmals vertrieben und lebte bis 1920 im sibirischen Omsk.

Abraham Sutzkever: Wilner Diptychon (Wilner Getto 1941 – 1944 / Gesänge vom Meer des Todes), 2 Bände im Schuber, Ammann Verlag, Zürich, 34,95 Euro.

„Geh über Wörter wie über ein Minenfeld“. Campus, 389 S., geb., 34,90 €.

Mehr:

Spiegel 21.1. (Jiddische Lyrik-Legende) / NZZ 22.1. (Stefana Sabin) / faz.net / Haaretz („one of the greatest Jewish poets to have lived“ / „the greatest poet who ever lived in Israel“) / NZZ 21.1. / Hilpoltsteiner Zeitung / Der Standard 21.1.

Vgl. L&Poe

2009 Dez #33. Minenfeld

2009 Nov #112. «Wilne schtot fun gajst un tmimes»

2009 Aug #40. Ammann hört auf

2009 Aug #5. Dantes Allegorie und die wirkliche Hölle

2009 Jul #31. Poesie aus der Hölle

2008    Jul    #47.    Grünbeins Essays

98. Lebt weiter…

sagt Peter von Matt im Tagesanzeiger, 21.1. Nämlich die Kultur : Kulturkritik … auch Lyrik. Und zwar auch ohne die Printmedien. (Überleben die’s auch?):

Seit die Printmedien in der Krise stecken, gehört es zu den Lieblingsbeschäftigung der Kulturkritik, ihren Untergang zu beklagen und darin eine Krise der Kultur insgesamt zu wittern. In diesem Sinne befragte gestern die Sendung «Kulturzeit» auf 3Sat den Literaturprofessor Peter von Matt zum Thema. Statt Kulturpessimismus bekamen die Journalisten aber eine gewohnt intelligente Analyse der Situation zu hören. So anerkannte von Matt zwar, dass der Raum für die klassischen Medien enger würde. Das sei aber weder das Problem des Publikums noch der Kultur selbst. Das Bedürfnis nach Kulturkritik sei nämlich nach wie vor da, nur hätten sich sowohl die Bedürfnisse wie auch die Informationskanäle verändert.

So konzentriere sich die öffentliche Debatte heute zunehmend auf die Highlights. Dennoch sei die Bandbreite kultureller Produktionen nicht schmäler, sondern eher breiter geworden. Und wofür in den Feuilletons kein Platz sei, dafür biete sich heute das Internet an. Als Beispiel führt von Matt die Lyrik an. Diese sei zwar inzwischen aus den Feuilletons verschwunden, habe aber im Internet eine neue Heimat gefunden, wo sie ihr Publikum findet und sie rege diskutiert wird. «Kulturkritik verschwindet nicht, sondern diversifiziert, verschiebt, verstreut sich.»

97. Eugen Gomringer

Gomringers Werke sind nicht nur im deutschsprachigen Raum in jedem Schulbuch zu finden, sondern werden auch international wie beispielsweise in China und Russland veröffentlicht. Gleichzeitig hat sich der Sohn einer bolivianischen Halbindianerin und eines Schweizer Kaufmanns als Kulturvermittler in der ganzen Welt einen Namen gemacht. Denn trotz seines großen Erfolgs wollte Gomringer seinen Lebensunterhalt nie ausschließlich mit Lyrik bestreiten. / BR, Studio Franken

96. Papiertauben für Haiti

Hier nenne ich mit Entschiedenheit, aus der Ferne aufgeschnappt, drei junge Stimmen der haitianischen Poesie:  Bonel Auguste (geboren 1973), James Noël (1978), Farah Martine Lhérisson (1970).

Die beiden ersten habe ich zufällig durch Internetpublikationen entdeckt, durch Flüsterpropaganda, namentlich aus der Feder des Kritikers und Schriftstellers Lyonel Trouillot (siehe seine aktuelle Chronik aus Port-au-Prince bei lePoint.fr). / Patrice Beray, mediapart.fr

(beigefügt je ein Gedicht der Autoren)

95. „Es ist nichts geblieben von der Revolution!“

1985 suspendierte ihn der Vatikan endgültig von der Ausübung des Priesteramtes. Er bemühte sich jedoch nie um eine Rückgängigmachung dieser kirchlichen Sanktion. Ein berühmtes Zitat Cardenals: „Das Evangelium hat uns radikalisiert, ich bin durch das Neue Testament zum Marxisten geworden.“ …

Cardenal sitzt als zorniger alter Mann daheim im Schaukelstuhl und grantelt vor sich hin. Nicaragua habe sich unter Ortega in eine Diktatur verwandelt, schimpft er. „Es ist nichts geblieben von der Revolution!“, klagt Cardenal, der heute seinen 85. Geburtstag feiert. / Kurier 20.1.

94. Königin der Literatur

Mit Fug kann man von N Scott Momaday sagen, daß die Literatur der Indianer (Native Americans) ohne seine Bücher nicht das wäre, was sie heute ist. Sein erster Roman „House Made of Dawn“ brachte ihm den Pulitzer Prize 1969. Als bevorzugte Berufsbezeichnung würde er „Dichter“ wählen. Lyrik ist für ihn die Königin der Literatur. Schon als Kind wollte er Schriftsteller werden – wie seine Mutter. In der Schule fing er an, Gedichte zu schreiben, und er tut es bis heute. Lyrik, sagt er, ist das Beste, was man mit Worten anfangen kann. / Santa Fe Reporter 20.1.