37. Meine Anthologie: fliegen

Carl-Christian Elze

fliegen


wenn menschen fliegen, ist das kein fliegen
wenn vögel fliegen, ist das kein fliegen
fliegen ist gar nicht zu spüren auf erden
fliegen ist ganz etwas anderes als in der luft
wie ein vogel, dummer vogel, der fliegt
sich fliegend nicht denkt, gerümpel, vergiss es
das ist nicht fliegen & fliegen ist auch nicht
der mensch. fliegen gibts noch gar nicht hier.

Aus: Carl-Christian Elze, gänge. Gedichte. Leipzig: Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke 2009 (Edition Wörtersee)

Als weitere Fachliteratur zum Thema empfohlen: Ernst Jandl: der wahre vogel (in: selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr). – Derselbe: die morgenfeier, 8. sept. 1977. für friederike mayröcker (in: die bearbeitung der mütze)

36. »Etwas fällt, etwas bricht, einer schreit, einer spricht«

Dass Lyrikerinnen und Lyriker sich in erster Linie ihrer selbst vergewissern, bevor sie die Welt ins Kleinste packen, ist geläufig und seit literarischen Äonen nicht neu. Nahezu jede oder jeder begann und beginnt so, um sich dann vorzuwagen aufs Terrain, das alle betrifft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger tut Katrin Marie Merten, eine junge Leipzigerin und einstige Studentin am Deutschen Literaturinstitut, mit ihrem Debüt »Salinenland«, vorgelegt in der Literaturedition 2000, die neben bedeutenden Gedichtbänden des 20. Jahrhunderts auch »neuen Stimmen der deutschsprachigen Lyrik« eine Plattform bietet.

In den Kapiteln »Stadt«, »Schlaf«, »Takt«, »Raum« und »Wach« orientiert sich Katrin Marie Merten. An sich, am Gegenüber, an Realitäten und an den Übergängen zum Traum. Eindrucksvoll gerät das im Zwischenmenschlichen, wo alltäglich stattfindende Trennungen einen neuen, eingängigen Rhythmus erhalten, wo »etwas fällt, etwas bricht, einer schreit, einer spricht, einer geht, einer bleibt«. Oder wo in der Beschreibung des Liebsten die Konturen des beschreibenden Ichs sich zu verlieren scheinen. / Katrin Greiner, ND 7.1.

Katrin Marie Merten: Salinenland. Lyrikedition 2000. 80 S., brosch., 8,50 €.

35. Dichter ohne akademische Bildung

Der Dichter ohne akademische Bildung, jung gestorben, der sich für einen Versager hielt und dessen Gedichte kaum gelesen wurden, und die Schneiderin, die Bücher albern fand und über den schwermütigen Poeten spottete? …

Erst nach seinem Tod triumphierte Keats über die profane Realität: Er stieg zum bedeutendsten* Romantiker Grossbritanniens auf, auch dank Fanny, die Dutzende Liebesbriefe aufbewahrte. Seit ihrer Veröffentlichung zählen sie zu den schönsten der Gattung. / Wolfram Knorr, Weltwoche 1

Als Keats 1821 im Alter von nur 25 Jahren an der Tuberkulose, der Familienkrankheit, starb, war er keineswegs anerkannt für seine Kunst. Ganz im Gegenteil wurde seine Lyrik im einflussreichen «Blackwood’s Magazin» der niedrigen Herkunft ihres Verfassers wegen als «cockney poetry» verunglimpft. Wer heute indes seine Verse liest, kann sich ihrem melancholischen, einen absoluten Ästhetizismus zelebrierenden Reiz nicht entziehen. / NZZ 7.1.

Bright Star
Regie: Jane Campion. GB/AUS/F, 2009

*) sagen wir: einem der

34. Schatz zu entdecken

Sowas ist vor allem Sache der kleinen und kleinsten Verlage: eine Sammlung, die »Junge deutschsprachige Lyrik« vereint. Wer Lust am Entdecken hat, wird hier manchen Schatz heben können.

Die Herausgeber haben sich zu einem dualistischen Publikationsprinzip durchgerungen. Mehr oder weniger bekannte Poeten sprechen über die Poesie meist wenig bekannter Lyriker. Also gibt’s was von Kurt Drawert über Sepp Mall und etwas von Sepp Mall zu lesen. Also etwas von Brigitte Oleschinski über Monika Rinck und etwas von Monika Rinck. Also etwas von Jan Wagner über Steffen Popp und etwas von Steffen Popp. Also etwas von Ron Winkler über Sonja Harter und etwas von Sonja Harter. …

»Endgültig vorbei scheint die Zeit klarer und chronologisch sich fortschreibender Traditionslinien. Die deutschsprachige Dichtung, und nicht nur die, gleicht immer mehr einem Kosmos, der auseinandertreibt«, sagt Jayne-Ann Igel im Nachwort. Am besten damit das Buch anfangen, wenn man es aufschlägt./ Bernd Heimberger, ND 7.1.

Skeptische Zärtlichkeit. Hg. Ulf Großmann, Axel Helbig. Nachwort Jayne Ann Igel. Leipziger Literaturverlag. 202 S., geb., 29,95 €.

33. Heimatloser Europäer

Eine Motte, die sich nach einem Stern verzehrt: So hat Charles Baudelaire den unglücklichen Dichter beschrieben. Den tragisch scheiternden Träumer im Allgemeinen, der in seinem Scheitern nahezu unmerklich die grotesken Züge einer Witzfigur annimmt, die sich dem Himmel schon nah wähnt, nur weil sie ihn als Spiegelbild in einer Regenpfütze erblickt. Und Edgar Allan Poe im Besonderen, den einsamsten Dichter der Neuen Welt, den – auf immer – verlorenen Sohn Amerikas, für den es niemals Wiederkehr gibt. Anders als der Anglist Hans-Dieter Gelfert, der Edgar Allan Poe nun eine schmale Überblicksdarstellung gewidmet hat, wusste Charles Baudelaire diesen amerikanischen Fürsten der Finsternis zutiefst zu verstehen: Weil er sich selbst in diesem wiedererkannte.

Poe war zugleich Meister, Virtuose des Deliriums, als Literat, und er war dessen wehrloses Opfer, zumindest als Quartalssäufer, vielleicht sogar als ein klinisch Kranker. Während seine amerikanischen Zeitgenossen aufbrachen, um den noch unbekannten Westen ihres weiten Landes zu erschließen, hat er in seinen Schriften die abgelegenen Grenzregionen der Trunkenheit, des Rauschs, der Raserei in all ihren Spielarten und Abarten erkundet. Insofern mag man ihn vielleicht, wie es mitunter allzu leichtfertig geschieht, als einen anderen amerikanischen Pionier aus der Pionierzeit Amerikas sehen, obwohl es viel naheliegender ist, ihn mit T.S. Eliot als einen heimatlosen Europäer zu verstehen. Genau so hat ihn natürlich auch Baudelaire beschrieben, der das Unglück Edgar Poes nicht allein auf jene ohnehin unerfüllbare, und darüber hinaus auch noch selbstzerstörerische Sehnsucht der Motte nach einem Stern zurückführte, sondern auf sein völlig deplatziertes Dasein in der Neuen Welt, die gerade in jener Phase – im zweiten Drittel des 19. Jahrhundertes – wie besessen war von jener typischen Melange aus Pragmatismus, Puritanismus und Patriotismus, die sie sich selbst und der restlichen Welt am liebsten in perverser Überdosierung verabreichte. In Europa, so Baudelaire, in Deutschland oder Frankreich besonders, hätte er zumindest ein paar Freunde gefunden. / MANFRED SCHWARZ, SZ 30.12.

HANS-DIETER GELFERT: Edgar Allan Poe. Am Rande des Malstroms. C. H. Beck Verlag, München 2008. 240 Seiten, 19,90 Euro.

32. Gestorben

Im Alter von 56 Jahrern starb die Lyrikerin und Professorin für Creative Writing Margaret Yarborough Rabb am Sonntag in ihrem Haus in Chapel Hill, North Carolina, meldet The Chapel Hill News.

31. Im Scardanelli

Wenn ich im SCARDANELLI lese: »ungewaschen an der Maschine halb 4 Uhr morgens«, oder: »am nächsten Morgen hinauf ins Jubelzimmer wo die Maschine, und der Blick auf die Berge«, dann erinnere ich mich an Hölderlins Homburger Folioheft, in dem er eine Reihe großer Gesänge skizziert hat und das ihm nach der Rückkehr nach Tübingen fehlt, erinnere mich, daß man ihm im Palisadenzimmer der Klinik und noch lange Zeit danach Papier und Stift vorenthält, weil ihn das Schreiben, wie es heißt, zu sehr in Aufregung versetze.

Und ich erinnere mich daran, daß Hölderlin in seiner Verzweiflung einmal in der Werkstatt seines Wirtes nach dem Zimmermannsbleistift greift und rasch einen kurzen Klagegesang auf ein Brett schreibt, als folge er der Maserung des Holzes: »Die Linien des Lebens sind verschieden Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.«

Wenn ich im SCARDANELLI lese: »seitlich den Kopf an dem sprachlosen Lamm das mich schläferte endlich eigentlich Schaafes Locken dessen Schäfer ich war im Traum«, und: »das Lamm wird zum Hirten der Hirte zum Lamm«, dann kommt mir in den Sinn, daß Hölderlin sich, wenn Lotte Zimmer ihn mit aufs Feld nimmt, halbe Tage lang damit beschäftigt, Gras auszureißen, daß seine Hände gewöhnlich schmutzig sind, daß er sich, wie Waiblinger weiter berichtet, einmal im Garten von Conz mit Blumenpflücken unterhält, aber, sobald er einen tüchtigen Strauß beisammen hat, diesen zerreißt und in die Tasche steckt.

Wenn ich im SCARDANELLI lese: »Rinder Schafe und Geiszen welche der Poesie so verwandt, die weich’ Kräuter (Höld.)«, dann werde ich unsicher, in welcher Gestalt das lyrische Ich zu Beginn von Hölderlins »Das fröhliche Leben« spricht: »Wenn ich auf die Wiese komme, Wenn ich auf dem Felde jetzt, Bin ich noch der Zahme, Fromme, Wie von Dornen unverletzt.«

Und ich erinnere mich wieder dreier Zeilen im SCARDANELLI: »Hatte ich im Garten geschuftet Dornen gesät : mir in die Fingerkuppen der rechten Hand Dornen gesät, zerzauster Strauch der sterbenden Nachtviolen neben der schwarzgewordenen Königskerze«.

Wenn ich im SCARDANELLI lese: «die Monstranz der Holunderbaumblüten «, und: »während der Fliederbusch wehte«, und: »sie vermute der Flieder im Schulhof, sie sehe nicht so gut, aber sie habe, es sei I Streifen Fliederfarbe zu erkennen gewesen, nein keine Dolden fliederfarbene Dolden«, dann erinnere ich mich daran, daß »Flieder« auch ein anderes Wort für »Holunder« sein kann, daß der Sambucus nigra Trugdolden ausbildet und aufgrund seiner guten Wirkung auf den menschlichen Körper eine ganze Hausapotheke sei.

Wenn ich im SCARDANELLI lese: »entgegen kam uns I schöner Wanderer mit Alpenhut und einer Blume in seiner Hand wir blickten uns an ohne jedoch einander zu grüssen«, dann kommt mir der Bauernspruch in den Sinn: »Vor dem Holunder soll man den Hut abnehmen.«

Und ich erinnere mich daran, daß die Pflanzen viele Namen haben, die Digitalis ist der Fingerhut, das Leberblümchen ist der Seidelbast, so wie auch Hölderlin viele Namen hat, »Sie sprechen mit Herrn Rosetti«, oder »Scardanelli«, »oder Salvator Rosa, oder so was«, wie er am 27. Januar 1843 nach dem Genuß von Kaffee und einer Zigarre bemerkt, während er in der zweiten Auflage der »Gedichte von Friedrich Hölderlin « blättert: »Ja, die Gedichte sind echt, die sind von mir, aber der Titel ist falsch; ich habe in meinem Leben niemals Hölderlin geheißen.«

Und ich begreife, jener »Wanderer mit Alpenhut« ist »Höld.«, ist »Holder«, ist die Heilpflanze selbst.

Wenn ich im SCARDANELLI wieder an den Anfang gehe: »knallharte Mnemotechnik«, dann weiß ich, daß mir dieser Zyklus immer kostbar sein wird und ich ihn am liebsten als Ganzes memorieren würde.

Aus: Marcel Beyer: Wenn ich im SCARDANELLI lese
Einführung zur Lesung von Friederike Mayröcker, Alte Schmiede, Wien, 20. April 2009

(Der ganze Text hier zum Download)

30. Gestorben

Er wurde der afrikanische Picasso genannt. Der vielseitige Künstler Paul Ahyi, der 2008 den Gedichtband « Togo, mon cœur saigne » (Togo, mein ausgeblutetes Herz) veröffentlichte, starb in Lomé im 80. Lebensjahr. Von ihm stammt auch der Entwurf der togolanischen Flagge (1960). / ici Lomé

29. In memoriam Gisela Kraft

Sie war bemerkenswert. Als Schriftstellerin, Dichterin, politische Einmischerin, Übersetzerin und äußere Erscheinung. Gestern ist Gisela Kraft 73-jährig nach schwerer Krankheit gestorben.

Gisela Kraft, die große, schwere, blonde Frau, konnte laut werden, sang eigne und fremde Gedichte auf Wunsch und hatte ein fast untrügliches Gespür für Qualität. Sie war harmoniebedürftig und manchmal unversöhnlich. Viele hatten es mit ihr nicht leicht, aber man konnte leicht und angenehm mit ihr plaudern. Sie war voll Wissen und so tolerant, wie ältere Frauen nicht immer sind. …

1984 schwamm sie gegen den Strom: Sie ging von West- nach Ostberlin. / Matthias Biskupek, Thüringer Allgemeine 5.1.

Dieser Wechsel hatte kleine politische und große berufliche Gründe: Sie konnte in der DDR vom Schreiben und Übersetzen leben. Ein Manuskript darüber heißt »Mein Leben – ein anderes«. Wenn es denn gedruckt werden sollte, wird man in diesem westöstlichen Diwan Unbekanntes über Schriftstellerkämpfe lesen können. Viel Freund und Feind kommen vor. Letztere erhoben nach 1990 lautstark ihre Stimmen und tönten, ob nicht vielleicht doch die Stasi … ja, die Stasi schrieb Berichte über die Trotzkistin Kraft.

Jahrelang recherchierte die genau arbeitende Schriftstellerin in Oberwiederstedt und Freiberg, in Artern, Dresden und Weißenfels. Sie suchte nach Spuren ihrer literarischen Liebe Novalis. Die Romantrilogie dazu entstand binnen zwei Jahrzehnten. Dieses Leben wurde immer wieder von Gedichten begleitet, die im Berliner Aufbau-Verlag oder bei der Eremiten-Presse in Düsseldorf verlegt wurden. »Matrix«, ihre wichtigste Lyriksammlung, und »Aus Mutter Tonantzins Kochbuch« (Edition Ornament, hrsg. von Jens-Fietje Dwars), ihr letzter Gedichtband, erschienen im Weimarer Jahrzwölft ab 1997, dem vielleicht glücklichsten und produktivsten Lebensabschnitt. / Matthias Biskupek, ND 6.1.

Mehr: Thüringische Landeszeitung (Frank Quilitzsch) / zeit.de /

Ihre Website

In L&Poe

2002    Dez    #    Poesie am Schaufenster
2003    Jul    #    „Die Lyrikerin, Übersetzerin und Islamkundlerin Gisela Kraft,
2004    Mrz    #47.    Der Leipziger Lyriker Thomas Kunst
2008    Okt    #54.    Hikmet-Auswahl
2008    Okt    #62.    Versfelsen
2008    Okt    #69.    Hikmets Traum
2008    Okt    #99.    In  der Berliner Anthologie
2009    Jan    #84.    Odeur de feu – Deutsche Lyrik in Kanada
2009    Mai    #82.    Hafis des Kapitals
2009    Jun    #95.    Gisela Kraft erhält Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis
2009    Aug    #118.    Herrin der Worte

28. Arabizi

Da prangt es. Mitten in Beirut. Das Werbeplakat, auf dem sich eine Zigarettenmarke mit der Aufschrift anpreist: «Betchouf 7alak fiya.» Daneben ist eine junge Frau abgebildet, die sich in einer riesigen Zigarettenschachtel spiegelt. Was den Schriftzug angeht, könnte freilich die Absurdität nicht grösser sein, denn «Betchouf 7alak fiya» bedeutet: «Du erkennst dich selbst darin.» Allerdings fällt die Absurdität wohl nur Aussenstehenden auf – die Araber selbst scheinen sich in dieser latinisierten Variante ihrer Sprache durchaus wiederzuerkennen.

«Arabizi» heisst das neue Zauberwort, eine Kreation aus «Arab» und «easy». Die buchstäblich unerträgliche Leichtigkeit dieses Arabischen besteht darin, dass an die Stelle des arabischen Alphabets das lateinische tritt. Ein Vorgehen, das bei «Inschallah» («so Gott will») oder «Salamat» («Grüsse») noch funktioniert. Komplizierter wird es, wenn die entsprechenden Buchstaben fehlen – im konsonantischen Bereich ist das Arabische teilweise stark ausdifferenziert, so dass sich längst nicht für jeden Buchstaben ein lateinisches Äquivalent findet. Doch auch hier schufen findige Köpfe Abhilfe: Das kehlige «ain» wird mit der Zahl 3 wiedergegeben, da sie seiner arabischen Schreibweise ähnelt – nur spiegelverkehrt. Die 5 ersetzt das «khâ»; es kann aber auch eine 7 sein, wobei diese zugleich für das ähnlich, aber doch anders klingende «hâ» stehen kann. Für alle, die angesichts dieser Fussangeln den Überblick verlieren, hält Wikipedia bereits detaillierte Konversions-Tabellen bereit. / Mona Sarkis, NZZ 4.1.

27. Bibliothek von Timbuktu

In Timbuktu bezieht das Ahmed-Baba-Institut, die bedeutendste Sammlung alter westafrikanischer Manuskripte, demnächst ein modernes Gebäude. Der Bau, der sich vom Stadtbild Timbuktus abhebt, ohne dieses zu stören, ist ein Geschenk der südafrikanischen Regierung an Mali.

Die malische Regierung hatte das Institut 1970 gegründet, um eine damals weitgehend unbekannte Zahl von Manuskripten zu sammeln, zu restaurieren, ferner zu katalogisieren und fachgerecht aufzubewahren. Die in arabischer Handschrift verfassten Texte, zum Teil Originale, zum Teil handschriftliche, oft mit Annotationen versehene Kopien, sind bis zu 700 Jahre alt. Sie sind historisch mit der Islamisierung Westafrikas und der Ausbreitung der Königreiche Mali im 13. und 14. Jahrhundert und Songhay im 15. und 16. Jahrhundert verbunden. Herrscher und Gelehrte, die Ägypten besuchten oder nach Mekka pilgerten, kamen in Timbuktu vorbei, der Handelsstadt am Niger, dort, wo der Strom fast am weitesten nach Norden reicht und die Kamele für die Karawanen gesattelt werden. / Markus M. Haefliger, NZZ 4.1.

Vgl. L&Poe 2004    Apr    #66.    Timbuktu/ Mali – Hort des Wissens

26. Verlorenes Ich

Der 1931 im kanadischen Montréal als Sohn eines englischsprachigen Vaters und einer französischsprachigen Mutter geborene Gelehrte und langjährige Philosophieprofessor an der dortigen McGill University gilt spätestens seit seinem 1989 publizierten Buch „Quellen des Selbst – Die Entstehung der neuzeitlichen Identität“ als einer der wichtigsten Denker der Gegenwart. In diesem Werk versucht Taylor zu zeigen, dass der moderne Individualismus sich aus unterschiedlichen Quellen und Motiven speist, die sich teilweise heftig widersprechen. Denn einerseits geht es dem neuzeitlichen Subjekt um eine kühle, distanzierte, desengagierte Betrachtung der Welt, andererseits aber um eine expressive, leidenschaftliche Verwirklichung des eigenen Potenzials.

Aus diesen Widersprüchen speist sich das „Unbehagen an der Moderne“ (so der Titel eines Essays von Taylor). Wegen dieser Kritik des neuzeitlichen Individualismus hat man Taylor das Etikett eines „Kommunitaristen“ verpasst. Der kanadische Philosoph hat seine Auffassung selbst einmal so zusammengefasst: „Die Idee, dass das Individuum ganz neu den Sinn seines Lebens erfindet, ohne den Anderen, ohne die Gesellschaft und ohne Religion – das ist meiner Ansicht nach eine Illusion.“

Das heißt nun freilich nicht, dass sich Taylor in jene Zeiten zurücksehnt, „als sich alle einer Mitte neigten / und auch die Denker nur den Gott gedacht“ (so Gottfried Benn in seinem Gedicht „Verlorenes Ich“). Er begreift die heutige Situation vielmehr als eine, in der man sich bewusst für den Glauben entscheiden kann – oder auch nicht. / Rolf Spinnler, Tagesspiegel 6.1.

Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter. Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 1300 Seiten, 68 Euro.

25. „Bertolt Brecht und der goldene Drache“

Hanns Friedrich Arnold liest Lyrik und Prosa von Bertolt Brecht, Li-tai-pe, Mei-scheng und anderen chinesischen Dichtern in der Nachdichtung von Klabund. / ottensen.info

Wens interessiert: 12.1. 20:00 Werkstatt 3, Nernstweg 34, 22765 Hamburg-Altona

Na und es stimmt ja auch. Nicht nur daß er von chinesischer Literatur beeinflußt war. Er wollte auch hin, weg aus der kleinsten Deutschen Demokratischen Republik. In einem Gedicht zeichnet er sich gleich mal dort:

BIDI IN PEKING
Im Allgäu Bi
Guten, sagt er
Morgen, sagt sie

(Bidi nannte sich Brecht selber seit seiner Jugend, Bi ist seine frühere Geliebte Paula Banholzer, mit der er ein Kind hatte.)

Quelle: Bertolt Brecht, Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Suhrkamp und Aufbau, Bd. 15 (Gedichte 5), 1993, S. 274

24. RAYMOND DANOWSKI HAS YOUR CHAPBOOK

Amassing the world’s largest collection of 20th-century poetry was easy. Finding a home for it was a different story.

By Jenny Jarvie
Poetry Media Service

The more librarians catalog and curate Raymond Danowski’s vast collection of 20th-century poetry books, manuscripts, and periodicals, the more inscrutable it becomes to him.

“I don’t really know how to lay my hands on stuff anymore,” the heavy-set 65-year-old art dealer and book collector whispers, ruffling his hands through his gray hair. He’s trailing a graduate student through the quiet, orderly corridors of a library at Atlanta’s Emory University.

“Everything gets mixed up when you put it in order,” he sighs.

Over the course of 25 years, Danowski amassed the largest known private collection of 20th-century poetry in the English language, one that includes more than 70,000 books, periodicals, and artifacts.

In addition to a rare, highly coveted first edition of Walt Whitman’s Leaves of Grass, the Raymond Danowski Poetry Library includes more than 1,000 volumes by W.H. Auden, the most complete collection of his work, and almost all the published work of Allen Ginsberg, Charles Bukowski, and Ted Hughes. There is also a first edition of T.S. Eliot’s Prufrock and Other Observations, inscribed to the poet’s first love, “Miss Emily Hale”; Anne Sexton’s heavily annotated review copy of Ariel by Sylvia Plath; and thousands of other fascinating scraps and documents of the last hundred years or so.

Danowski did not confine himself to rare editions of celebrated poets. His obsessive, idiosyncratic collection includes a staggering array of minutiae and counterculture ephemera—everything from English punk rock fanzines to psychedelic posters that were nailed to telephone poles in Haight-Ashbury.

“The key to the collection is that I wanted it to be comprehensive,” he explains as he settles into a chair in Emory’s Robert W. Woodruff Library. “I liken it to a snowflake, a symmetrical structure relating to issues of the 20th century. I wanted it to be more than just a catalog of first editions. I wanted to provide everything.”

When he was growing up in a Bronx housing project, books were off-limits to Danowski. His father, a warehouse worker with a violent temper, would not allow his son to touch his night-school textbooks, so the four-year-old Danowski would sit on the floor, gazing up at his father’s books and straining to read the lettering on the spines.

He developed an early appreciation for Edgar Allan Poe after his young uncle, an aspiring actor, performed highly dramatic presentations of “The Raven.” Later he was introduced to the work of W.H. Auden, thanks to a British man who placed bets in the soccer pools for another uncle, a Manhattan bartender, and sent him carefully typed-out copies of Auden’s poems. To this day, Auden remains Danowski’s major love.

After studying for two years at Fordham University, Danowski began to deal in etchings and lithographs, and went on to roam around Europe, campaigning as a political activist, marrying three women, and fathering six children.

Danowski, who now splits his time between Britain and South Africa, did not begin his poetry collection until the mid-1970s, when he tried to help a London bookseller who had lost the lease on his store. After buying his friend’s entire poetry inventory for a sum of less than 3,000 pounds, he set about building what he calls his bibliothèque imaginaire—a library of all 20th-century poetry in English, not just from the United States but also from countries such as India, South Africa, and Barbados. He says much of his collection was acquired thanks to the generosity of his third wife, Mary, the daughter of the sculptor Henry Moore. They are now separated.

“The whole collection was luck,” he admits. “I was the only person collecting this kind of stuff back then. If you’re willing to buy something, even if it’s only for $10, word gets around.

”

Eventually, he accumulated so much that he had to ship the collection to a warehouse. Having spent more than a decade considering what institution might make a proper repository for his collection, he decided on Emory after enjoying a “meeting of minds” with Ronald Schuchard, an Emory professor who specializes in British and Irish literature. Danowski was impressed that the university had recently acquired sizable collections of the work of poets such as Seamus Heaney and Ted Hughes, and he was reassured by Schuchard’s commitment to the idea of allowing students to hold, as well as see, rare first editions. (Anyone, not only Emory students, can come to the Woodruff Library to explore Danowski’s collection.)

In acquiring such a deep and extensive collection in one fell swoop, Emory’s Manuscripts, Archives, and Rare Book Library (MARBL) pulled off the daunting feat of becoming one of the world’s most renowned destinations for the study of contemporary English poetry. Dana Gioia, poet, essayist, and former chair of the National Endowment for the Arts, says MARBL now rivals any of the nation’s major 20th-century poetry research libraries, including those at Harvard, Yale, and Austin, particularly when it comes to showing the actual shape of a poet’s life.

“We’ve got it all here,” he says, struggling to contain his glee. “Look anywhere and you’ll find wonderful things.”

Jenny Jarvie is a freelance writer. She has worked as a staff reporter for the Los Angeles Times and the Sunday Telegraph in London. She is a past winner of the Catherine Pakenham Award for the most promising young female writer in Britain. This article was originally published at http://www.poetryfoundation.org. Distributed by the Poetry Foundation.

23. »Letternmusik, ein drama giocoso«

Einen Remix zu basteln ist in der Popmusik gang und gebe. Stephan Flommersfeld hat das Selbe mit der „Letternmusik“ von A.J. Weigoni gemacht, herausgekommen ist die aktuelle Variante eines drama giocoso. Die Fertigstellung seines Remix ist gebunden an den Umstand, daß das Ganze wiederum „Sinn“ macht, das unterscheidet den Remix von Stephan Flommersfeld von einem Remake und vom Recycling: Remixen ist hier auch eine Autorenangelegenheit. Die ideale Form für den Remix ist der Clip: ein audiophones Geschehen, das sowohl in der Länge als auch im inneren Aufbau (Refrain, Strophe, Bridge) einem Popsong ähnelt. Tatsächlich benutzt Stephan Flommersfeld gern einen solchen als Grundlage für die Montage. Dieser Remix der »Letternmusik« ist ein Platz für den artistischen Bau autarker Sprachkonstrukte außerhalb der alltäglichen Rede und normierter Sprachregularien. Dieses Freigelassene, Strömende entsteht durch Präzision, Klarheit und Konzentration. Diese Gedichte oszillieren zwischen dem lyrischen Protestgedicht und dem politischen Liebesgedicht. Sie sollen daran erinnern, was Poesie ursprünglich war: Gesang, Melodie und Rhythmus, Reim und Versmass, Litanei und Mythos. In einem beständigen Remix der Töne wird die entzweite Welt neu zusammengefügt. Mit ihrem parlandoartigen Konversationston changiert Flommersfelds neue Komposition zwischen Komödie und Tragödie. Die Klangbilder sind scharf konturiert, agogische und dynamische Verläufe oft abrupt, die Farben abwechselnd grell und düster. Die Wahl der Tempi macht die unerbittliche Dringlichkeit der Verläufe spürbar, und manchmal überstürzen sich die Dinge und die Musik mit ihnen. Sie ist immer mitten im Kern des Geschehens und trägt auch immer zu dessen Deutung bei. Diese Komposition ist von hypnotischer Wirkung, minimalistisch und doch komplex, hochgradig virtuos, ungeheuer rauschhaft in den Ausbrüchen, getragen von einer tiefen Spiritualität und Innerlichkeit. Es ist schwer, sich den Reizen dieser Klangwelten zu entziehen. Flommersfelds Komposition hat viele eindrucksvolle Momente, vor allem im Lyrischen. Nach Spielerei klingt das nicht, alles findet wie selbstverständlich zueinander. Mal hallen düstere Akkorde wie von weit her, mal flirren Melodien in seltsam schillernden Farben. Die Kompositionen von Stephan Flommersfeld entspringen einem emotionalen Kontext. Am Anfang ist das fühlende Subjekt. In ihm entsteht die Musik, die dann nach außen tritt. Ihr Klang ist reine Ästhetik, abhängig von äußeren Einflüssen. »Letternmusik, ein drama giocoso von Stephan Flommersfeld & A.J. Weigoni« findet sich ab Mai 2009 auf: http://www.hoerspielprojekt.de/MetaPhone/ Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

/ Matthias Hagedorn

Dieser Beitrag war ursprünglich ein Kommentar zu #21. Radiokolleg – Poesie am Flügel – Musik im Gedicht

Ich verweise bei dieser Gelegenheit auch auf einen längeren Kommentar von mir zu einem Kommentar über Friederike Mayröcker und die Notwendigkeit, jeden Text zu dekonstruieren, hier: #14. Verluste