96. Papiertauben für Haiti

Hier nenne ich mit Entschiedenheit, aus der Ferne aufgeschnappt, drei junge Stimmen der haitianischen Poesie:  Bonel Auguste (geboren 1973), James Noël (1978), Farah Martine Lhérisson (1970).

Die beiden ersten habe ich zufällig durch Internetpublikationen entdeckt, durch Flüsterpropaganda, namentlich aus der Feder des Kritikers und Schriftstellers Lyonel Trouillot (siehe seine aktuelle Chronik aus Port-au-Prince bei lePoint.fr). / Patrice Beray, mediapart.fr

(beigefügt je ein Gedicht der Autoren)

95. „Es ist nichts geblieben von der Revolution!“

1985 suspendierte ihn der Vatikan endgültig von der Ausübung des Priesteramtes. Er bemühte sich jedoch nie um eine Rückgängigmachung dieser kirchlichen Sanktion. Ein berühmtes Zitat Cardenals: „Das Evangelium hat uns radikalisiert, ich bin durch das Neue Testament zum Marxisten geworden.“ …

Cardenal sitzt als zorniger alter Mann daheim im Schaukelstuhl und grantelt vor sich hin. Nicaragua habe sich unter Ortega in eine Diktatur verwandelt, schimpft er. „Es ist nichts geblieben von der Revolution!“, klagt Cardenal, der heute seinen 85. Geburtstag feiert. / Kurier 20.1.

94. Königin der Literatur

Mit Fug kann man von N Scott Momaday sagen, daß die Literatur der Indianer (Native Americans) ohne seine Bücher nicht das wäre, was sie heute ist. Sein erster Roman „House Made of Dawn“ brachte ihm den Pulitzer Prize 1969. Als bevorzugte Berufsbezeichnung würde er „Dichter“ wählen. Lyrik ist für ihn die Königin der Literatur. Schon als Kind wollte er Schriftsteller werden – wie seine Mutter. In der Schule fing er an, Gedichte zu schreiben, und er tut es bis heute. Lyrik, sagt er, ist das Beste, was man mit Worten anfangen kann. / Santa Fe Reporter 20.1.

93. Ginsbergs „Howl“ verfilmt

1956 trug Allen Ginsberg ein Gedicht über Sex, Drogen, Religion und Wahnsinn. Es wurde zum Kampfschrei der Avantgarde und brachte ihm einen Prozeß wegen Obszönität. Jack Kerouac und Lawrence Ferlinghetti waren anwesend. Ginsberg war 29 Jahre alt. Die spätere Choreographin und Filmemacherin Yvonne Rainer, damals noch Teenager, erinnert sich: „Ginsberg war ziemlich betrunken, glattrasiert, in schwarzem Anzug und kragenlosem weißem Hemd. Er hielt ein Glas Rotwein in der Hand und sprach und sang sein Gedicht.“ / B Ruby Rich, Guardian 19.1.

Howl
Production year: 2010
Country: USA
Directors: Jeffrey Friedman, Rob Epstein
Cast: Alessandro Nivola, James Franco, Jeff Daniels, Jon Hamm, Mary-Louise Parker

92. Philip Gross gewinnt TS Eliot-Preis

Philip Gross, Professor für Creative writing an der University of Glamorgan in Pontypridd (Wales) gewinnt den diesjährigen TS Eliot Poetry Prize (mit £15,000 ein ganzes Stück besser dotiert als unser Huchel) für den Band „The Water Table“.

Der ursprünglich aus Cornwall stammende Autor hat sich gegen hochklassiger Mitbewerber, unter ihnen zwei frühere Preisträger, durchgesetzt. Nicht einen Augenblick habe er damit gerechnet, sagt er. Er sei schon hoch erfreut darüber gewesen, daß er es auf die Shortlist gebracht hat. „Ich bewundere die 9 anderen Autoren und bin froh darüber, daß ich Autor war und nicht Juror.“ Der Erfolg sei eine große Ermutigung für ihn. Es bedeute, daß seine Arbeit gelesen werde, gründlicher gelesen – was die Lyrik am meisten brauche, seien gute Leser. / Karen Price, Western Mail 20.1.

91. Diva

Sie war die erste Diva der deutschsprachigen Literatur, und da es Stars zwar nach wie vor, das Modell der Diva assoluta aber offenkundig nicht mehr gibt, dürfte sie auch die einzige bleiben: Ingeborg Bachmann, am 25. Juni 1926 in der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt geboren, im Jahr 1950 an der Univer­sität Wien im Fach Philosophie promoviert und seit dem Frühjahr 1953, als sie für ihre Gedichte den Preis der Gruppe 47 gewann, mit dem Ruf der aura­tischen Seherin und Künderin moderner Dichtkunst behaftet.

Mondän, solange sie nicht ihres Amtes als lyrische Pythia waltete, attraktiv und eigenwillig in Auftreten wie Auffassungen, mit einer Neigung zur Ausschweifung wie zur Hysterie, dann wieder betörend in ihrer ostentativen Hilflosigkeit. Bei ihrer ersten, wegen schamhaften Flüsterns nur schwer verständlichen Lesung vor der Gruppe 47 war sie im Jahr 1952 ohnmächtig vom Stuhl gesunken und musste in ihrem Zimmer von hilfsbereiten Herren versorgt werden – der «Mythos Bachmann» war geboren. / kultiversum

90. Mayröcker im Fallada

Der Greifswalder Verein pom-lit im Falladahaus startet diese Woche eine neue Reihe. An jeweils einem Donnerstag im Monat wird künftig Literatur in vielerlei Form präsentiert. Diese Woche beginnen wir aus aktuellem Anlaß mit der Vorstellung der vergangene Woche in Freiburg/ Breisgau gewählten Peter-Huchel-Preisträgerin Friederike Mayröcker. Jurymitglied Michael Gratz stellt im Falladahaus den Peter-Huchel-Preis und das von der Jury als besten Gedichtband des Jahres 2009 ausgewählte Buch „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif*. Gedichte 2004 – 2009“ (Suhrkamp) vor.

Donnerstag, 21.1.
20:00 Uhr
Falladahaus, Steinstraße 59 (Eingang über den Hof)
Eintritt 2 Euro

*) „und Greifswalds Vogel ist Greif“ heißt eine Zeile aus einem Gedicht der Huchelpreisträgerin Elke Erb: na bitte!

89. DIE VOLLENDUNG DES LOCHISMUß‘ (1989-2009)

„Aktivste Denktätigkeit verbindet sich hier mit tiefster Stille und Leerheit. (…) Von dieser Wahrheit aus gesehen ist die Bewegung des ganzen Universums von keiner größeren Bedeutung als das Surren einer Mücke oder das Schwenken eines Fächers.“
Daisetz Teitaro Suzuki: ‚DIE GROSSE BEFREIUNG‘ (1958)

G&GN-INSTITUT Berlin-NewCologne, Januar 2010 / Wie erst jetzt bekannt wurde, konnte Tom de Toys bereits am 5.12.2009 nach zwei Jahrzehnten sein Lochismuß-Projekt vollenden dank der Niederschrift des letzten 16.Teils des Zyklus‘ sogenannter „transreligiöser Lochgebete“. Dadurch nähert sich seine Vision der diesjährigen Fertigstellung einer „Fastgesamtwerkausgabe“ von 1111 ausgewählten Gedichten ab 1986 in 4 Bänden unter dem Titel „LOCHiSMUß LEiCHTGEMACHT“ tatsächlich einer sinnvollen Realisierbarkeit, die seit der ersten Planung im Jahre 2000 immer wieder verschoben werden mußte. Der Hauptgrund dafür lag einerseits im ständig mißglückten Versuch, das erhoffte „allerletzte“ Gedicht zu schreiben (erste Symptome dieser manischen „A-version“ traten bereits 1994 auf), andererseits aber auch an den speziellen Lebensumständen, unter denen De Toys seinen „lochistischen“ Ansatz einer neurosoziologischen Poetologie für das 23.Jahrhundert quasi nebenbei entwickelte – man könnte fast von einem „holEistischen Hobby“ sprechen; denn während sich angebliche „Berufslyriker“ gerne brav an das Fabrizieren netter Gedichte machen, vergißt De Toys seine Identität als Lyriker zwischen den Inspirationsschüben absichtlich, um permanent offen zu bleiben für die authentische innere „Urstimme“, die manchmal eher von ganz weit draußen aus dem Universum mit Lichtgeschwindigkeit ins Ohr zu klatschen scheint wie eine unerwartete Zen-Peitsche. Und genau darum geht es ihm eigentlich in all seinen mystisch-materialistischen Gedichten: dem Leser postparadoxe Enttarnungen „geheimnisloser Geheimnisse“ weiterzureichen. Mit einer solchen radikal-spirituellen Intention bedient er nicht gerade das gutbürgerliche Bedürfnis nach Ablenkung vom Alltag durch einen möglichst eventösen Unterhaltungswert ohrenbetäubender Hiphop-Stabreime – das transpersonal-tinnitöse Moment liegt bei seinen Gedichten eher im zen-ähnlichen Selbstverschlucken von vordergründig trivial anmutenden Wörtern, die immer wieder und wieder nur das eine große Thema umkreisen, das sich durch sämtliche Kulturen und Disziplinen der Menschheit zieht: Die Frage nach der SEELE, dem SINN und dem SEIN des Ganzen. Während allerdings Quantenphysiker ganz legal das angebliche Urteilchen Higgs suchen (ohne als psychotisch zu gelten), das von Malewitsch bereits unter schwerem Schluckauf als schwarzes Quadrat identifiziert wurde, begibt sich De Toys an den Rand jenes Loches, das schon von Tucholsky völlig antineurologisch ins Spiel gebracht wurde… Folgen wir ihm doch einfach einmal in diesen „unscharfen“ Grenzbereich und testen die Brauchbarkeit seiner Forschungsergebnisse anhand des erwähnten letzten bilingualen Teils:

Tom de Toys, 5.12.2009

ERWEITERTER SEELENBEGRIFF OHNE SYSTEM
(Extended Expression of Systemless Soul)
[16.TRANSRELIGIÖSES GEBET (16.PRAYER OF TRANSRELIGIOUS HOLeISM)]

i
am
circling
around
my
empty
center
of
gravity

ich
kreise
um
meine
leere
mitte

© 2009 by Trademark POEMiE™

Oder lauschen wir der vom Autor selbst produzierten transzentrischen Verfilmung:

Tom de Toys ist einer der wenigen zeitgenössischen deutschen Dichter, der überhaupt eine fundierte eigene Poetologie (unter dem Oberbegriff „Direkte Dichtung“ mit diversen Untergliederungen) betreibt und sogar mit zahlreichen Erfindungen (Quantenlyrik), Entdeckungen (Erweiterte Sachlichkeit), Manifesten (Tiefenpop), Essays (Dr.Egon Denkmal) und parodistischen Pressemeldungen (Samuel Lépo) gegen alle betriebsinternen Anfeindungen bzw. Ignoranzien zu verteidigen weiß. Sein G&GN-Institut (unter der Leitung von Sebastian Nutzlos) synthetisiert seit den 90ern des 20.Jahrhunderts „integrale Informationen“ aus parapsychologischen & neuropolitischen Ebenen des Bewußtseins im Sinne einer ganzheitlichen Fusion hin zum Übermenschlich-Natürlich-Kosmischen – ähnlich wie schon Fritjof Capra in den 70ern Physik und Mystik interdisziplinär zusammendachte bzw. zusammen „schaute“. Am 24.Januar 2010 wird De Toys 42 Jahre alt, feiert allerdings aufgrund seines Ekels vor der katholischen Kirche und ihrem gregorianischen Kalendersystem derlei Anlässe nie und nimmer. Stattdessen eröffnet er am 8.Mai 2137 um 19 Uhr mit einem klassischen Lochismuß-Perhappening seine Ausstellung transrealistischer Zeichnungen in der Neuköllner Galerie „MUSENSTUBE“… Der Leser ist herzlich eingeladen, sich dort ebenfalls zu vergnügen!

Weiterführendes Linklabyrinth:

SÄMTLICHE LOCHGEBETE MIT ZITATEN VON ALAN WATTS: www.HOLeISM.de
ORIGINALQUELLE DES „16.LOCHGEBET“-POETRYCLIPS: www.transZENtrik.de
UNTERSCHIED ZWISCHEN RELIGION & SPIRITUALITÄT: www.praesentOMatik.de
FOTO-DOKUMENTATIONEN VON LOCH-PERHAPPENINGS: www.BEingcOMplete.de
MALEREI DES „INTEGRALEN IMPRESSIONISMUß“: www.TRANSREAListIK.de
ERLÄUTERUNGEN ZUR BEWUßTSEINS-POETOLOGIE: www.DirekteDichtung.de
REDE ANLÄßLICH DER VERLEIHUNG DES 1.NAHBELLPREISES: www.naHbell.de
ALLE MANIFESTE DER QUANTENLYRIK: www.quaNTUmpoETRy.de

88. Dichter als Nationalheld

Nicaragua feiert den Dichter Rubén Darío (1867-1916) zum 143. (!) Geburtstag, berichtet Inside Costa Rica. In Metapa, Provinz Matagalpa, wurde das Geburtshaus neugestaltet. Am Sonnabend proklamierte Nikaraguas Präsident Daniel Ortega in León Viejo den Rubén-Darío-Tag der kulturellen Unabhängigkeit. Ende 2009 war der Dichter vom Parlament des Landes zum „Nationalhelden“ erklärt worden. Darío gilt als bedeutendster Vertreter des spanischen Modernismo.

87. Ernesto Cardenal 85

Zum heutigen 85. Geburtstag des nikaraguanischen Dichters Ernesto Cardenal schreibt Erich Hackl, ND 20.1.:

Diese Talleres de Poesía, an denen Soldatinnen, Tagelöhner und Kleinbauern teilnahmen, auch solche, die im Zuge der Alphabetisierung eben erst Lesen und Schreiben gelernt hatten, sollten die vorhin erwähnte Kette weiterspannen. Cardenal wollte aber die Gedichte nicht erzwingen; er wollte vor allem keine schlechte Poesie jener Machart fördern, die nach dem Triumph der kubanischen Revolution vielerorts in Lateinamerika entstanden war: in der sich imperialismo auf comunismo reimte und abstrakte Termini überwogen, in der jeder gefallene Guerrillero als mártir verherrlicht wurde, mit jeder Morgenröte eine neue Hoffnung den Horizont erhellte. Er wollte keinen Optimismus um jeden Preis, er wollte die Gedichte nicht an die Kandare der Agitation nehmen. Deshalb verfasste er ein kleines, kaum eineinhalbseitiges Regelwerk, das die Errungenschaften der avancierten nicaraguanischen Lyrik mitteilte: 1. Ein Gedicht braucht sich nicht zu reimen. 2. Du musst kennen, worüber du schreibst. Und wenn du es nicht kennst, finde es heraus. 3. Konkrete Begriffe sind abstrakten vorzuziehen. Schreib also nicht »Baum«, sondern … Usw.

86. NICHOLSON BAKER TALKS POETRY

Can a novel capture contemporary poetry’s (dour, curmudgeonly) zeitgeist?

Nicholson Baker interviewed by Jesse Nathan
Poetry Media Service

Paul Chowder—the protagonist of Baker’s latest novel, The Anthologist—is a minor poet. He writes forgettable verse. He is deeply enamored of rhyme and meter. He is suspicious of the waves of free verse that have flooded the last one hundred years of literary history.

The novel that unfolds centers on Chowder’s quest to finish a long-overdue introduction to an anthology of rhyming poetry he’s editing.

I called Nick at his home in Maine to have a conversation about all this. What follows is what followed.

Jesse Nathan: Why a novel?

Nicholson Baker: Because some lines of poetry make me happy. How do you capture that pleasure? A novel lets you write sloppily about the things you love. You can be as selective as you want to. It’s very freeing, and it’s truer to the way poems live in the mind.

JN: Poetry is the art form you can carry in your head, and you can give it to somebody by opening your mouth and reciting, or you can say a line aloud to yourself in an empty hayloft. You can’t do that with any other art form.

NB: It’s true. You can’t carry around a Turner landscape and recite bits of it. You can hum a Brahms piano piece, but it isn’t the same.

JN: Paul Chowder says there’s too much poetry being written.

NB: It’s a feeling of simple unmanageability. So many poems every year. And the fearful onslaught of this much production, combined with the knowledge that you can’t possibly know where to find the gems, can be overwhelming. You need to find a rock and sit still for a bit.

JN: Paul Chowder is alarmingly normal. Is he too normal to be a great poet?

NB: I think that’s his deep fear. And it’s certainly—well, how much to say?—it has certainly been a worry of my own. He thinks that to be a great poet, you have to have a life marred by some kind of great . . .

JN: Pain?

NB: Pain, yes. But of course he’s wrong. It’s a fallacy. Even if he were in terrible pain, it wouldn’t guarantee that he had what it took to be a great poet.

JN: Why does so much American verse sound like it’s been translated from another language?

NB: Maybe it’s that certain poems are looking for some identifying plumage in order to say, “I’m a poem. I may be read aloud and then you won’t be able to see any of the oddities of my layout, but still I am a poem, I am speaking to you with a recognizably translated-sounding accent.” It’s kind of what happened to Poe. If you read “The Bells” or “The Raven,” I mean, it’s just a chocolate-covered cherry of lyricism, it’s so sweet. And then people like Mallarmé seized on those poems and translated them into beautiful pure French prose, and that de-rhymed prose fed back into American Modernist poetry. I think it was Alice Corbin Henderson in Poetry, way back when, who first wrote about that phenomenon: Poe in French translation fueled Modernism in English.

JN: Has poetry been important to your novel-writing?

NB: Yes, poetry taught me to write prose. I don’t have the talent to be a poet, and that’s a disappointment, of course, but there are other ways to put truths down on the page. So I felt that I could recover from the shock.

JN: Paul Chowder meditates on Marinetti, the Italian poet and the father of Futurism, and he describes the way Marinetti’s writing made a fetish of destruction, and how it emphasized the need for hardness and coldness and machinelike attitudes toward everything.

NB: Right, and this in turn so obviously overstimulated people like Ezra Pound and Benito Mussolini—and I’m sure you can take it too far almost instantly, because there are a lot of other reasons why huge, horrifying political movements arise, but at the very beginning there’s Marinetti.

JN: Paul very directly traces Marinetti’s ideas to the rise of fascism.

NB: And in some ways the question about the violent beginnings of Modernism is answered directly, because during the war Ezra Pound went even further off the deep end than Marinetti ever had.

JN: What is the question at the beginning of Modernism?

NB: What’s the energy that motivates us? Is it the energy to make new, or is it simply the desire to break? If it’s just to break, if it’s just hostility, then it doesn’t get you very far. And in Marinetti and Pound there’s an awful lot of hostility, and a bossiness, of insisting that your way is the right way. A really good poem makes its case without making its case. It doesn’t insist that its way is the only way. That’s what’s so beautiful about “The Fish,” by Elizabeth Bishop. She just bends over the fish and looks it in the eye and then lets it go. Her description of what happened is just one description. She’s not insisting on something big. She’s not a manifesto writer. She’s a letter writer. Those are the two antipodes of Modernism, I think: manifestoes versus letters. A letter is anchored in a single day and is to a particular person and is not attempting to change anything.

Jesse Nathan is an associate editor at McSweeney’s Publishing in San Francisco, managing editor of the Best American Nonrequired Reading, and a contributing editor at theRumpus.net. His writing has appeared in the San Francisco Chronicle, Tin House, Adbusters, and elsewhere. This article first appeared at http://www.poetryfoundation.org. Distributed by the Poetry Foundation.

85. Gedichte aus dem Buchenland

Alfred Margul-Sperber, 1897 im österreichisch-ungarischen Bukowiner Städtchen Storozynetz geboren, ist vor allem als eine Art Standbild bekannt. Als jener bebrillte, nicht allzu gelenke Zweimetermann, der, auf einem alten Foto in einer Celan-Biographie, in einem hellen Trenchcoat neben dem kleinen Dichter Moses Rosenkranz durch Paris spaziert. Buchalterssohn Sperber, der den Mädchennamen seiner Mutter nach deren Tod ehren wollte und von 1927 an für das Czernowitzer Morgenblatt als literarischer Korrespondent tätig wurde, war nicht nur ein entschiedener Förderer Paul Antschels, wie der dreiundzwanzig Jahre jüngere Celan hieß, als die beiden sich 1945 kennen lernten.

Der zweitbeliebteste Grund, den offensichtlich notorisch großherzigen Riesen zu kennen, ist seine Funktion als Herausgeber der legendären Lyrik-Anthologie „Die Buche“, in der Margul-Sperber Mitte der dreißiger Jahre drei Dutzend Autoren aus der Bukowina versammelte. Dass es diese „Anthologie deutschsprachiger Judendichtung“ damals nicht geben konnte – noch im Dezember 1938 schickte Schocken aus Berlin eine Absage aufgrund „der Verhältnisse“ – und vor allem, dass sie bisher noch immer nicht vorlag, macht nun ihr um gut sieben Jahrzehnte verspätetes Erscheinen zu einer kleinen editorischen Sensation.

Der Ruf der Anthologie rechtfertigt sich nicht zuletzt aus ihrer damaligen Wegweiser-Funktion. Margul-Sperber war auch einer der Entdecker von Rosalie Scherzer, verheiratete, dann geschiedene Ausländer. Als Sperber sie in seine Anthologie aufnahm, war noch nicht einmal ihr erster Gedichtband „Der Regenbogen“ (Bukarest 1939) erschienen, und auch Paul Antschel, der in eine spätere Fassung der geplanten Sammlung aufgenommen werden konnte, durfte zu diesem Zeitpunkt von seinem Erstling „Der Sand der Urnen“ erst träumen.

Doch es geht nicht bloß um die bekannten Namen. In der Auswahl, die George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth als Publikation des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas jetzt schön gestaltet und sorgfältig kommentiert haben, sind zwei der im Bukarester Nachlass von Margul-Sperber aufgefundenen Fassungen mit teils weitgehend unbekannten Autoren vereinigt. Eine erste, frühe und eine späte. Von der Lo Jaslowitz – vielleicht die nachmalige Scherenschneiderin Lo shuee-jü? – waren nicht einmal die Lebensdaten zu eruieren. Von anderen, wie Salome Mischel-Grünspan oder Klara Blum, die nach China kam und als Lhu Bhailan Gedichtbände mit Scherenschnitten von Lo shuee-jü veröffentlichte, kann Peter Motzan in seinen kenntnisreichen Kurzbiographien ganze Romane erzählen. …

Eine wichtige Leistung der jetzt erschienenen „Buche“ sind neue Fakten und drei wenig bis unbekannte Aufsätze von Margul-Sperber, die, 1928 bis „nach Hitlers Machtergreifung“ geschrieben, den nicht nachträglich stilisierten, auf einer jüdisch-deutschen Position beharrenden Charakter des Unternehmens zeigen. Ein Aufsatz trägt den schönen Titel „Der unsichtbare Chor“.

Klar wird darin jedoch auch, dass die Bukowina nicht unbedingt ein gesegnetes Bücherland war. So gab es, laut Margul-Sperber, Ende der zwanziger Jahre kaum Verlage, wenige Bücher. Einem ansonsten aktiven, vor allem von deutschsprachigen Juden betriebenen Czernowitzer Kulturleben, das bis 1933 einen „Deutschen Theaterverein“ kannte, standen am Ende die deutschen Tageszeitungen, derer es in der 110·000 Einwohner-Stadt viere gab, als einzige Möglichkeit zur Veröffentlichung von Lyrik zur Verfügung. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 11.1.

ALFRED MARGUL-SPERBER: Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009. 469 Seiten, 28,50 Euro.


84. Der Dichter, der den Taliban trotzte

„Wenn es ein Paradies auf Erden gäbe, wäre es das schöne Swat-Tal. Es war voller Geschichte und Traditionen der Liebe und des Friedens“, sagt Abdurrahman Roghani, 58, ein wichtiger Pashtuni-Autor und sozialer Aktivist aus dem pakistanischen Swat-Tal. Als Bewohner der Stadt Matta wurde er von den Taliban wegen seiner romantischen Verse, progressien Ideen und seiner geachteten Stellung in der Region angegriffen.

Nach Ausbruch der Kämpfe zwischen Talibankämpfern und der pakistanischen Armee im Mai 2009 war der Dichter einer von bis zu 2,5 Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mußten.

Aber in der Endphase der Kämpfe kehrte auch er in seine Heimatstadt zurück.

„Man kann  die Seelen der Menschen nicht mit Gewalt unterdrücken. Es ist unmöglich, den immerwährenden Strom des Lebens aufzuhalten. Man kann ihn mit Geschick und Weisheit verändern, aber er läßt sich nicht aufhalten, indem man Mauern errichtet“, sagt er mit Bezug auf die Maßnahmen der Militanten, die jeden künstlerischen Ausdruck verboten und hunderte Musikläden im Tal schlossen. … Seine Gedichte haben einen traurigen Ton angenommen, seit er soviel Tod und Zerstörung erleben mußte, sagt er. … „Dieses Gefühl der Verzweiflung spiegelt sich in meinen Arbeiten“, sagt er und rezitiert ein neues Gedicht:
„Der Imam flößt meinem Herzen Furcht ein / Die Worte meiner Geliebten wurden schal und verloren die Wärme ihres Herzens / Der Führer der Nation hat sein Gewissen verkauft / Die Blumen der Hoffnung sind versengt / Der Fluß Swat ist mit Menschenblut getränkt.“ / Shaheen Buneri, Radio Free Europe/ Radio Liberty 28.12.

83. Schwedisch-Deutsch

Poeten Wilhelm Fink läser egna dikter, somliga med gotlänsk anknytning och i svensk version. Östersjön, solen, fossiler, – det är mycekt som lockat till Gotland på Visby..
Mein Gedicht „Ausfahrt“ bündelt in Kürze unsere Lebensfahrt. Das uralte Motiv des Wesens, das, Ankunft und Ende, unterwegs ist.

Utfärd / Ausfahrt

Nerbäddade I grått och grönt,
Gebettet grau und grün,
ömsom gula, ömsom bruna,
bald gelb, bald bräunlich,
ligger marken
lagen Flächen
vid de många vattenarmarnas nät,
am Geflecht der vielen Wasserarme,
översållade med stenar.
von Steinen übersät.

Måsar bet fräckt
Möwen bissen frech
I luftens blånad.
ins Blau der Luft.
Klippor, ungt gräs och stenmossa
Steine, junges Kraut und Felsmoos
Illustrerade flodens lopp.
bebilderten den Flußlauf.

På stranden, under en björk,
Am Ufer, bei der Birke,
satt blekt och lysande
saß bleich und leuchtend
ett benrangel.
ein Skelett.

Jag låg i min brokiga båt
Ich lag im bunten Boot
Och drev iväg.
und trieb hinaus.

(Wilhelm Fink)

82. Eva Strittmatter wird 80

Eva Strittmatter stand ihr komplettes künstlerisches Leben im Schatten ihres Mannes, Erwin Strittmatter. Ausgerechnet an ihrem kommenden Geburtstag könnte sie ins Rampenlicht katapultiert werden – am 8. Februar wird Eva Strittmatter 80 Jahre alt. …

Mit ihrer klaren und poetisch-schönen Lyrik, und einer scharfen Bildsprache, verschafft sich Eva Strittmatter in deutschen Literaturkreisen immer mehr Gehör. Allein zum Anlass ihres Geburtstages wird sie zahlreich gefeiert werden: Der Aufbau-Verlag wird sie würdigen, in Rheinsberg und Berlin sind Lesungen geplant. / Ilia Castellanos, Märkische Allgemeine 18.1.