81. Eugen Gomringer wird 85

Er gilt als der «Vater der Konkreten Poesie«: Im oberfränkischen Rehau, seinem langjährigen Wohnort, feiert Eugen Gomringer am 20. Januar seinen 85. Geburtstag.

Seit über 50 Jahren bereichert der Schweizer, der in Bolivien geboren wurde, die Lyrik um eine neue Spielart: keine tiefsinnigen Reime, sondern «Konstellationen« sind das Ergebnis – ein raffiniertes Jonglieren mit der Materialität der Schrift und des Schriftbildes. Inspiriert dazu wurde er von der Bildenden, genauer gesagt von der Konkreten Kunst. Deren Prinzipien wollte er auf die Sprache übertragen.

Die ersten Werke dieser Kunstrichtung hatte er bereits als Student der Kunst- und Literaturgeschichte Mitte der 40er Jahre in Zürich gekauft, war damals «erschlagen von der schönen Einfachheit der Kunst«, die es nicht mehr nötig habe, auf etwas zu verweisen, sondern sich selbst genügt. «Es hat mein Leben verändert«, sagt Gomringer über die Begegnung mit diesen Werken. Was ihn daran faszinierte, war die logisch-geometrische Herangehensweise, die radikale Reduktion, die Emotionslosigkeit und Objektivität. Er begann zu sammeln und legte damit den Grundstock für das 1992 in Ingolstadt eröffnete Museum für Konkrete Kunst. / Birgit Ruf, Nürnberger Nachrichten 18.1.

80. American Life in Poetry: Column 252

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

My grandfather, when in his nineties, wrote me a letter in which he listed everything he and my uncle had eaten in the past week. That was the news. I love this poem by Nancyrose Houston of Seattle for the way it plays with the character of those letters from home that many of us have received.

The Letter From Home

The dogs barked, the dogs scratched, the dogs got wet, the
dogs shook, the dogs circled, the dogs slept, the dogs ate,
the dogs barked; the rain fell down, the leaves fell down, the
eggs fell down and cracked on the floor; the dust settled,
the wood floors were scratched, the cabinets sat without
doors, the trim without paint, the stuff piled up; I loaded the
dishwasher, I unloaded the dishwasher, I raked the leaves,
I did the laundry, I took out the garbage, I took out the
recycling, I took out the yard waste. There was a bed, it was
soft, there was a blanket, it was warm, there were dreams,
they were good. The corn grew, the eggplant grew, the
tomatoes grew, the lettuce grew, the strawberries grew, the
blackberries grew; the tea kettle screamed, the computer
keys clicked, the radio roared, the TV spoke. “Will they ever
come home?” “Can’t I take a break?” “How do others keep
their house clean?” “Will I remember this day in fifty years?”
The sweet tea slipped down my throat, the brownies melted
in my mouth. My mother cooked, the apple tree bloomed, the
lilac bloomed, the mimosa bloomed, I bloomed.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Seattle Arts & Lectures. Reprinted from Wake Up In Brightness: Poetry & Prose by Students 2008-2009, Writers in the Schools, 2009, by permission of Seattle Arts & Lectures. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

79. Neruda-Ausgabe

Als der Nobelpreisträger 1973 starb, gehörte sein Werk schon zum poetischen Kanon des 20. Jahrhunderts. In deutscher Übersetzung wurde dieses Werk zuerst in der DDR gepflegt. Im Westen gab es Mitte der Achtziger eine repräsentative Auswahl bei Luchterhand, drei Bände stark; sie ist längst vergriffen.

Jetzt hat der Verlag die verschwundene Ausgabe in erweiterter Form noch einmal publiziert. Beide Editionen enthalten alle großen Zyklen des Meisters, auch viele Texte aus dem Nachlass. Nun stehen die Sammlungen wieder im Zusammenhang: »Aufenthalt auf Erden«, »Spanien im Herzen« (»Kommt, seht das Blut in den Straßen«), »Der Große Gesang«, »Elementare Oden«, dazu »Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung«, ein Frühwerk (von 1924), das bis heute zu dem meistgelesenen Lyrikbänden überhaupt gehört.

Hinzugekommen sind drei Zyklen, die erst in den Neunzigern entdeckt wurden. Auf Deutsch erschienen sie bislang in Einzelausgaben: das recht schwülstige Pennäleropus »Ballade von den blauen Fenstern«, dazu »Hungrig bin ich, will Deinen Mund« (aus dem Jahr 1959) sowie »Mare moto« (1970), als »Beben des Meeres« 1991 von einem Unbekannten mit dem Pseudonym »Tias« in einem Kleinverlag publiziert. Der Leser findet nützliche Zusätze – eine Chronologie zu Leben und Werk, umfangreiche Anmerkungen sowie ein Verzeichnis der Original-Quellen und der Übersetzer.

Die Publikation hat etliche Besonderheiten, aber manche wird der Leser nicht entdecken. Von Luchterhand erfährt man: Anliegen des Verlages war es – damals wie heute –, die verstreuten Übersetzungen zu bündeln. Eine anerkennenswerte Mission. Die Vielfalt der (deutschen) Stimmen ist nun Vor- und Nachteil zugleich. Viele Übertragungen stammen aus DDR-Büchern: Texte von Erich Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Rudolf Fries. Sie wurden für die Neuauflage nicht revidiert. (Arendts Arbeiten, von Neruda autorisiert, gelten als sakrosankt.)

Weiter: Die drei Bände zeigen nicht alle in spanischen Sammlungen enthaltenen Neruda-Poeme. (Aber welche Gedichte fehlen? Und warum?) Die Auswahl ist mithin keine kritische Edition, sondern eine Leseausgabe. Ein Vor- oder Nachwort wäre in Hinsicht auf die Eigenarten hilfreich gewesen; schade, es gibt nicht einmal eine editorische Notiz. / Uwe Stolzmann, ND 18.1.

Pablo Neruda: Die Gedichte. Band 1-3. Übersetzt von Fritz Rudolf Fries, Erich Arendt, Katja Hayek-Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Vogelgsang, Monika López. Luchterhand Literaturverlag. 2922 S., brosch., 49,95 €.

Als der Nobelpreisträger 1973 starb, gehörte sein Werk schon zum poetischen Kanon des 20. Jahrhunderts. In deutscher Übersetzung wurde dieses Werk zuerst in der DDR gepflegt. Im Westen gab es Mitte der Achtziger eine repräsentative Auswahl bei Luchterhand, drei Bände stark; sie ist längst vergriffen.

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Jetzt hat der Verlag die verschwundene Ausgabe in erweiterter Form noch einmal publiziert. Beide Editionen enthalten alle großen Zyklen des Meisters, auch viele Texte aus dem Nachlass. Nun stehen die Sammlungen wieder im Zusammenhang: »Aufenthalt auf Erden«, »Spanien im Herzen« (»Kommt, seht das Blut in den Straßen«), »Der Große Gesang«, »Elementare Oden«, dazu »Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung«, ein Frühwerk (von 1924), das bis heute zu dem meistgelesenen Lyrikbänden überhaupt gehört.

Hinzugekommen sind drei Zyklen, die erst in den Neunzigern entdeckt wurden. Auf Deutsch erschienen sie bislang in Einzelausgaben: das recht schwülstige Pennäleropus »Ballade von den blauen Fenstern«, dazu »Hungrig bin ich, will Deinen Mund« (aus dem Jahr 1959) sowie »Mare moto« (1970), als »Beben des Meeres« 1991 von einem Unbekannten mit dem Pseudonym »Tias« in einem Kleinverlag publiziert. Der Leser findet nützliche Zusätze – eine Chronologie zu Leben und Werk, umfangreiche Anmerkungen sowie ein Verzeichnis der Original-Quellen und der Übersetzer.

Die Publikation hat etliche Besonderheiten, aber manche wird der Leser nicht entdecken. Von Luchterhand erfährt man: Anliegen des Verlages war es – damals wie heute –, die verstreuten Übersetzungen zu bündeln. Eine anerkennenswerte Mission. Die Vielfalt der (deutschen) Stimmen ist nun Vor- und Nachteil zugleich. Viele Übertragungen stammen aus DDR-Büchern: Texte von Erich Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Rudolf Fries. Sie wurden für die Neuauflage nicht revidiert. (Arendts Arbeiten, von Neruda autorisiert, gelten als sakrosankt.)

Weiter: Die drei Bände zeigen nicht alle in spanischen Sammlungen enthaltenen Neruda-Poeme. (Aber welche Gedichte fehlen? Und warum?) Die Auswahl ist mithin keine kritische Edition, sondern eine Leseausgabe. Ein Vor- oder Nachwort wäre in Hinsicht auf die Eigenarten hilfreich gewesen; schade, es gibt nicht einmal eine editorische Notiz.

78. Klára Gombossy

Sichtlich genießt Thomas Sanderling den Klang- und Bewegungsrausch, den er im großen Apparat des Konzerthausorchesters Berlin entfesseln kann. Der Begleitpart für Bartóks „Fünf Lieder auf Gedichte von Klára Gombossy” zwingt ihn allerdings zu differenzierter Zurücknahme. Die Autorin war eine junge Geliebte des Komponisten, der ihre schwärmerische und doch melancholisch vorausschauende Lyrik aufs Expressivste vertonte, nicht unähnlich dem, was Alban Berg um 1916 schrieb. / Isabel Herzfeld, Tagesspiegel 17.1.

77. Kurt Bartsch gestorben

Der Lyriker Kurt Bartsch ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 72 Jahren in Berlin, wie die Zeitungen informieren. Damit ist ein weiterer wichtiger Vertreter der ehemaligen DDR-Lyrik abgetreten. Adolf Endler schrieb einst über ihn, mit der (1969 erschienenen und sogleich durch bestellte Kritiker verbellten) Anthologie „Saison für Lyrik“ sei eine ganze Zwischengeneration der etwa 5 Jahre Jüngeren als die in den 60er Jahren in die Literatur getretenen Autoren der „Sächsischen Dichterschule“ in der Versenkung verschwunden. Der Zensor Tod verwischt die Spuren weiter.

Nachrufe:

Kurt Bartsch blieb illusionslos, lebenslang. Er hat sich weder in Kunst noch in Lebensstil einem biedermeierlichen Sozialismus gefügt. Im Regelzwang des Leipziger Literaturinstituts hielt er es kein Jahr aus. 1965 wurde er, flankiert von Sarah Kirsch und Helga M. Novak, dort relegiert. / Jürgen Verdofsky, FR 18.1.

Mehr: Rheinische Post 17.1.

In L&Poe:

2004    Feb    #82.    1968 kein Jahr für Gedichte?
2005    Sep    #40.    Nicht nur Handke
2006    Dez    #7.    Weihnacht ist, und Wotan reitet
2007    Mrz    #49.    Entdeckungsgeschichten
2007    Mrz    #104.    Keine Saison für Lyrik
2007    Mai    #12.    98% nicht von Rilke
2009    Sep    #41. Lyrik aus der DDR
2009 Okt #31. Von Zürich nach Flamersheim
2009 Okt #143. Der deutsche Lyrikkalender 2010

(alle nicht verlinkten sind im Archiv vorhanden – einfach Jahr-Monat-Nummer auswählen)

76. still

Aus einer Tanztheaterkritik:

Mittendrin greift Lorez zum Mikrofon, rezitiert Lyrik des Neuenburgers Alexandre Caldara – dass darin die Kastration der Männer gefordert wird («Castrez les mâles!»), scheint nur folgerichtig. / Sam Pirelli, ensuite

still

Konzept: Irina Lorez 
Tanz & Choregrafie
: Irina Lorez & Tonatiuh Diaz
Electronics live: Domenico Ferrari
Lyrische Texte: Alexandre Caldara
Licht
: Daniel Schnüriger
Kostüme
: Werner Duss
Dramaturgische Begleitung
: Philippe Bischof

/ mehr

75. Zum Tod des Literaturkritikers Jürgen P. Wallmann

Über den Band „Warngedichte“ (1964) des Lyrikers Erich Fried schrieb der Kritiker Jürgen P. Wallmann: „Es ist nicht jedermanns Sache, einhundertzwölfmal hintereinander gewarnt zu werden. Einige Gedichte basieren nur auf einem ein wenig überstrapazierten Einfall, vieles ist allzu deutlich auf die Pointe hin konstruiert“. Der ungehaltene Ton mochte damit zu tun haben, dass Wallmann sich ungern in Alternativen wie die zwischen dem engagierten und dem hermetischen Gedicht hineintreiben ließ. Er mochte weder dem einen seinen „Eskapismus“ vorwerfen noch dem anderen die Lizenz zur Formlosigkeit erteilen, wenn es nur um eine gute Sache ging. …

Hinzu kam das Interesse an den Autoren der DDR, zunächst Johannes Bobrowski und Peter Huchel, dann Wulf Kirsten und vor allem Reiner Kunze, für den Wallmann vehement eintrat. Seit 1973 lebte Wallmann in Münster, als Kritiker, Anthologist, Zeitschriftenbeiträger und nicht zuletzt Stimme im Rundfunk sowie Anwalt des nicht-provinziellen Westfälischen, etwa des in Hagen lebenden Lyrikers Ernst Meister. Einen Regionalbonus aber gab er nicht. In dem Band „Wein und Wasser. Literatur in Westfalen und westfälische Literatur“ (2000) wird neben Ulla Hahn auch der Ruhrgebietsschriftsteller Max von der Grün zur Zielscheibe eines Verrisses. Am Dienstag dieser Woche ist Jürgen P. Wallmann im Alter von siebzig Jahren in Münster gestorben. / lmue, SZ 16.1.

74. Peter-Huchel-Preis 2010 für Friederike Mayröcker

Der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik geht an die 1924 in Wien geborene Dichterin Friederike Mayröcker. Die Jury würdigte in ihrer Sitzung am 15. und 16. Januar 2010 in Freiburg den im Suhrkamp-Verlag erschienenen Band „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ als herausragende Neuerscheinung des Jahres 2009.

Der Band stelle, so die Jury, einen neuen Höhepunkt im umfangreichen Lebenswerk der Schriftstellerin dar. „Gegenstand der Gedichte ist die künstlerische Existenz Mayröckers, die sich speist aus Begegnungen mit Gefährten und Freunden und der Auseinandersetzung mit Musik, Philosophie und Literatur.“ Dabei verbinde sich genaue Beobachtung der Natur in ihrem Jahreszeitenzyklus mit der Reflexion des Alters und jäh aufblitzenden Erinnerungsschüben. Ihre poetische Sprache zeichne sich durch Vielstimmigkeit, Präzision, Anspielungsreichtum und Farbenvielfalt aus. In einem längeren Zyklus des Bandes, der auch als Einzelpublikation unter dem Titel „Scardanelli“ erschienen ist, begleitet Friederike Mayröcker die Künstlergestalten Ernst Jandl und Friedrich Hölderlin auf Spaziergängen durch Tübingen.

In der Überfülle seiner motivischen ‚Verflechtungen ist der Band „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“, so das Fazit der Jury, „eine große Feier des Lebens“.

Friederike Mayröcker arbeitete zunächst als Lehrerin in ihrer Heimatstadt Wien, bevor sie sich 1969 für ein Leben als freie Schriftstellerin entschied. Von 1954 bis zu dessen Tod im Jahr 2000 war sie die Lebensgefährtin des österreichischen Dichters Ernst Jandl. Friederike Mayröcker ist Trägerin zahlreicher Literaturpreise.

Der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk gestiftete, mit 10.000 Euro dotierte Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik wird seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des vergangenen Jahres verliehen. Er soll die literarische Arbeit deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker würdigen. Zugleich will er das Interesse der Öffentlichkeit auf die von den Medien oftmals marginalisierte Gattung Lyrik lenken.

Der Preis erinnert an den Namensgeber Peter Huchel – geboren am 3. April 1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin, gestorben am 30. April 1981 in Staufen im Breisgau –, den bedeutenden Lyriker und Chefredakteur von „Sinn und Form“. Seinem Anspruch und seiner Unbestechlichkeit fühlen sich Preisgeber und die aus sieben unabhängigen Literaturkritikern, -wissenschaftlern und Autoren bestehende Jury verpflichtet.

Der Peter-Huchel-Preis wird am 3. April 2010, dem Geburtstag Huchels, in Staufen im Breisgau verliehen. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehörten zuletzt Uljana Wolf, Oswald Egger, Ulf Stolterfoht und Gerhard Falkner.

Weitere Informationen zum Peter-Huchel-Preis finden Sie im Internet unter:

www.swr-freiburg.de

73. Prix Goncourt verliehen

Der Prix Goncourt für Poesie wurde gestern in Paris  in aller Stille an den Marokkaner Abdellatif Laâbi vergeben. Laâbi ist ein produktiver Autor der modernen frankophonen Literatur. Die Académie Goncourt würdigt sein Gesamtwerk von rund 30 Büchern. Laâbi, einer der wichtigsten Schriftsteller des unabhängigen Marokko, ist auch Romanautor, Dramatiker und Übersetzer. / Mohammed Yefsah, mediapart.fr 13.1. (mit Leseprobe: Le règne de barbarie (1980))

72. Meine Anthologie: Jauch und Nietzsche

Der folgende Text (was kümmerts mich, obs ein Gedicht ist) schlägt eine heimliche Brücke von Nietzsche nach Greifswald (Wilhelm knows):

Volker Braun

Jauch und Nietzsche

Die letzte Bleibe des Philosophen Nietzsche befindet sich in Weimar, ein ungeliebtes Erbe. Wie er selbst nur als Mumie darin residiert hatte, dämmerte die Wohnung dahin. Der Hausmeister, Karl Jauch, ein ehemaliger und leutseliger Friseur, mußte sie wortkarg hüten. Als sich aber die Neugier des Auslands einmal gar nicht verscheuchen ließ, erklärte Jauch barsch: es käme keiner herein, erst müsse Nietzsche habilitiert sein.

Aus: Volker Braun: Unvollendete Geschichte. Arbeit für morgen. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1988, S. 103

71. Bertolt-Brecht-Preis für Albert Ostermaier

Der mit 15.000 Euro dotierte Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg geht dieses Jahr an Albert Ostermaier.

Der Preis wird seit 1995 alle drei Jahre an Persönlichkeiten verliehen, “die sich durch kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart in ihrem literarischen Schaffen ausgezeichnet haben”. Erster Preisträger war 1995 Franz Xaver Kroetz. Die Entscheidung der Jury, der auch Kulturreferent Peter Grab angehört, fiel vorgestern einstimmig. Verliehen wird der Preis am 10. Februar um 17 Uhr im Goldenen Saal. Ostermaier wird auch die anschließende Brechtgala des Brecht Festivals 2010 besuchen.

Albert Ostermaier leitete von 2006 bis 2008 das Augsburger Brecht-Festival “abc”. Zu einer Verlängerung seines Engagements kam es unter dem neuen Kulturreferenten nicht. Peter Grab sprach gestern von einer “gewissen Pikanterie” der Situation. Bertolt-Brecht-Preis und Brecht-Festival seien jedoch “zwei Paar Stiefel”. Ostermaier erhalte den Brecht-Preis nicht als Festivalleiter, sondern für sein Gesamtwerk als Schriftsteller. Der 43jährige wurde bereits mit dem Lyrik-Preis des PEN Liechtenstein, dem Ernst-Toller-Preis, dem Ernst-Hofrichter-Preis der Stadt München und dem Kleist-Preis ausgezeichnet. / Die Augsburger Zeitung 13.1.

70. Welt verbessern

„Ich glaube, dass die Aufgabe der Kunst im Wesentlichen Verbesserung ist. Das Ziel des Meditierens über die Welt ist es letztlich, die Welt zu ändern. Es ist dieser Verbesserungsaspekt der Literatur, der ihr die ethische Dimension gibt.“

Lesen wir richtig? Solch ein Motto (Zitat Donald Barthelme) für eine neue deutsche Lyrikanthologie überrascht uns. Umso mehr, weil hier nicht einige Veteranen nostalgisch den Geist von 1968 besingen, sondern weil es politische Lyrik jüngerer Autoren ist, die Herausgeber Tom Schulz in „alles außer Tiernahrung“ zusammengetragen hat.

Globalisierung und Gender, Armut und Arbeitslosigkeit – Schulz behauptet, dass der gegebene Zustand der Welt politische Lyrik geradezu provoziert. Politische Poesie versteht er als „Code des Humanen“, als „Ästhetik des Widerspruchs“, allerdings in Abgrenzung zum bloß „politisch Korrekten“ und „moralisch Angesäuerten“.

Solche Töne haben wir lange, zu lange nicht mehr gehört. / Oberösterreichische Nachrichten

69. MISS BISHOP SAYS SO

Remembering Elizabeth Bishop.

By Katha Pollitt
Poetry Media Service

I met Elizabeth Bishop in 1972, when I audited her poetry class (not “workshop”—she would have hated that term) during my senior year at Harvard. She was quite unlike my other professors. She was a woman—at the time Harvard had exactly one tenured woman, and not many women in the lower ranks either—and there was nothing of the grand professeur (or grand poète) about her. She was modest and unaffected, reserved but not cool. We called her Miss Bishop. She was the only teacher I had in four years of college who invited a class to her house—a sunny, rather bare apartment on Brattle Street, I think it was, where she showed us a Joseph Cornell-ish art box she had made that she said drew on the folk art Brazilians made to memorialize dead children.

How I wish I had taken notes! She was a wonderful teacher, the perfect blend of formal and free, just like her poems. She gave us assignments—sonnets, villanelles—but she always said that if we burned to write something else, we should of course do so. One afternoon she gave us end words—“blue” was one—and had us all sit there for half an hour and turn out sestinas. I wonder about that now—Bishop’s “Sestina” being one of the few modern examples of the form that is moving (in both senses) and doesn’t feel like an exercise. My sestina, in fact, was about how boring sestinas are.

What strikes me, having taught a bit myself, is how kind she was. We can’t all have been budding poets, yet she talked about our work as if we were. Bernard Malamud, whose freshman writing seminar I had taken, was a brilliant teacher in the old authoritarian style, who had no trouble telling 18-year-olds that they lacked sufficient gifts to write fiction; he saw himself, I think, as a kind of talent scout from God. Maybe he was—but I had friends who took years to recover from his verdicts. Bishop had the opposite approach: she seemed to enjoy teaching, and was clearly amused by her students, a typical Harvard combination of the bow-tied and the tie-dyed—young fogies and hippies—but I don’t think it was a calling, part of her identity. She wasn’t concerned to make final judgments or peer into our depths.

Toward the end of the semester, in office hours, she said to me, “You should take your poetry very seriously.” Those were the most important words said to me by any teacher, and possibly any person.

I was too shy to keep up with her much after I graduated, but I recently came across two longish letters from her. Both were from 1978, the year before her death. In one she reminisces about Port Clyde, the town in Maine where I was living at the time:

Did I tell you (forgive me if I repeat myself) that I’ve been to Port Clyde, twice, I think—and a year ago last June I actually went on an Audobon [sic] trip that started from there—out to Matinicus Rock, to see puffins, and lots of other sea birds. It was a lot of fun. I stayed with two friends, at a rather dismal, tall, green, Victorian house, near the landing—it had just opened that very day for guests and was very strange.

She invited me to visit her in North Haven the next summer, but like an idiot, I didn’t go.

In the late ’70s, when she read at the Guggenheim, I went to hear her. Bishop is sometimes described as a notoriously poor reader of her own work—flat, low-key, lacking in presence. After all, she was a short, gray-haired woman who wore nondescript wool skirts that fell below the knee, the antithesis of what a poet was supposed to look like. I thought she was a good reader—I dislike theatricality in poetry readings, and that super-sensitive breathy chanting thing poets get into where every line ends with an upward lilt like a question. But more than that, her reading was a kind of gift; it made me see that whatever way a poet reads his or her own work is fine, is, in fact, perfect, because the way they read is part of their sensibility, their own personal expression of their poem. No one else can have that relation to those words: it’s unique. It was interesting that Bishop said “rainbow, rainbow, rainbow” in a straightforward, even way, and not “rainbow! rainbow! (pause) RAINBOW!” She let the words do the shining. The way she read said: the words on the page are the poem, I’m not going to slather a lot of emoting on top of them, I’m going to let them speak for themselves. True or not, this insight has helped me not to be nervous about giving readings: however I perform is all right, I tell myself, because I am the writer reading my own work.

And although I am the one telling myself what is, after all, my own idea, I always imagine it is Miss Bishop saying it to me.

Katha Pollitt’s new book of poems is The Mind-Body Problem (2009), and her most recent collection of essays is Learning to Drive: And Other Life Stories (2007), both published by Random House. This essay originally appeared in the July/August 2009 issue of Poetry magazine. Distributed by the Poetry Foundation.

© 2009 by Katha Pollitt. All rights reserved.

68. Claude Lanzmann: FAZ polemisiert gegen Zeit

Aus Deutschland kommt es gegenwärtig knüppelhart über Claude Lanzmann. In Hamburg wurde Ende vergangenen Jahres die Vorführung seines Films „Warum Israel“ verhindert. Und jetzt veröffentlichte die „Zeit“ in ihrer jüngsten Ausgabe „Eine kleine Warnung an den Rowohlt-Verlag“, der sich anschickt, Lanzmanns Memoiren in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen. „Le lièvre de Patagonie“, bei Gallimard erschienen, wurde in Frankreich mehrfach als Buch des Jahres 2009 ausgezeichnet. Vor diesem Werk warnt die Hamburger Wochenzeitung die deutsche Öffentlichkeit. Vom Verlag fordert sie eine „kommentierte Ausgabe“. Wahlweise schlägt sie eine Revision „unter Rücksprache mit Historikern“ vor. (…)

Claude Lanzmann, [nach 1945] junger Lektor an der [Berliner Freien] Universität, hatte auf Wunsch seiner Studenten ein Seminar über Antisemitismus organisiert. Das wurde ihm vom französischen Stadtkommandanten in Berlin verboten: keine Politik. Deshalb schrieb Lanzmann den Artikel, in dem er gegen die Widersprüche zwischen der Entnazifizierung und den Ereignissen an der FU protestierte. Die Zeitungen im amerikanischen, englischen und französischen Sektor verweigerten den Abdruck, es blieb nur die „Berliner Zeitung“ im Osten. Sie stellte dem Artikel – ohne Lanzmanns Wissen – ein Gedicht zur Seite, das Edwin Redslob Görings Frau Emmy gewidmet hatte. Unsicher in der Grammatik, schreibt Welzbacher zunächst von einem Gedicht, „das aus Redslobs Feder gekommen sein sollte“. Soll das heißen, dass er die Autorschaft anzweifelt? Später teilt er mit, das Gedicht habe Redslob nicht „direkt“ für Emmy Göring geschrieben, „sondern für ein Service der Kopenhagener Porzellanmanufaktur, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur beschenkte“. Dann sieht die Sache natürlich ganz anders aus!

Lanzmann äußert sich gar nicht speziell über Redslob und dessen Vergangenheit – weder 1949 noch 2009. Nach dem Krieg hatte Redslob behauptet, in Kontakt mit dem Widerstand gegen Hitler gestanden und zugesagt zu haben, das Kulturministerium zu übernehmen. „Dreist und nicht überprüfbar“ nennt Johannes Willms in der Besprechung von Welzbachers Biographie in der „Süddeutschen Zeitung“ diese Darstellung. Über Edwin Redslob schreibt Willms: „Kein ,Täter‘, aber ein publizistisch umtriebiger Mitläufer des Nazismus. Das Geschick jedoch, mit dem er es verstand, die drei großen Epochenbrüche der Deutschen Geschichte, die sein Leben wie das vieler anderer kennzeichneten, so überaus erfolgreich wie auffällig unauffällig mit der eigenen Biographie zu vermitteln, macht ihn als Phänotyp exemplarisch.“ / Jürg Altwegg, Genf, FAZ.net

67. Spitzel-Reservat

„Deutschland ist ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“ – Nobelpreisträgerin Müller fordert, dass gegen Ex-Agenten des rumänischen Geheimdiensts ermittelt wird.

Es sei notwendig, die ehemaligen Spitzel des früheren rumänischen Geheimdienstes zur Rechenschaft zu ziehen, wie es auch eine Aufarbeitung der Vergangenheit bei Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des DDR-Staatssicherheitsdienstes gegeben habe, sagte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Das berichtet das ARD-Magazin Report Mainz.

Es gebe nicht nur ein Defizit bei der Strafverfolgung, es sei bisher gar nichts geschehen. „Deutschland ist ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, kritisierte die Schriftstellerin, die während ihrer Zeit in Rumänien vom Geheimdienst verfolgt wurde. Die Securitate-Angehörigen seien auch ein deutsches Problem: „Sowohl Opfer wie auch Täter sind jetzt hier und deutsche Staatsbürger.“ Nach Schätzungen von Wissenschaftlern leben zwischen 500 und 2000 frühere Spitzel des rumänischen Geheimdienstes in Deutschland. / Tagesspiegel