Die Moderne ist kein Handstreich, erst Intervalle geben sie frei. Ihre Aura bleibt ein Phänomen der Wahrnehmung. Wann setzt sie ein? Wulf Kirsten sieht ein „eruptives Poesie-Ereignis“ im Zyklus „Heidebilder“ der Annette von Droste-Hülshoff. Oder in dem Gedicht „Die Felswand“ von Conrad Ferdinand Meyer. Das ist der Blick des Dichters als Landschafter. Oder beginnt alles bereits mit Brentano und Schlegel, wie Apollinaire und Breton meinen? Mit Heine und seiner säkularen Wirkung? Nun gut, Deutschland hatte sich ohnehin verspätet. Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und Mallarmé, aber auch Whitman finden keine Entsprechung, entfalten im deutschen Sprachraum erst nach 1900 Wirkung.
Die „Wortwende“ im deutschen Gedicht löst um 1880 ein Philosoph aus – Friedrich Nietzsche. Wulf Kirsten stellt ihm zur Eröffnung der poetischen Moderne Detlev von Liliencron als Widerpart an die Seite. Und das bleibt Programm. Jedes Gedicht ist ein Gegenstück zu einem anderen. Das Neue fließt immer aus dem „Disparatesten“, wie man später auch mit der Entgegensetzung von George und Brecht, von Benn und Lehmann sehen wird. Der Dichter Kirsten verhält sich polemisch zum „Stimmen-im-Kanon“-Unwesen. Es gibt keinen Kanon. Alles, was allgemein gelten soll, ist in sich beschränkt. Das einzelne Gedicht ist durch nichts anderes darzustellen als durch sich selbst. …
Der Shoa hat Kirsten nicht nur mit bekannten Gedichten von Gertrud Kolmar, Nelly Sachs, Karl Wolfskehl und Theodor Kramer gedacht, sondern auch mit kaum genannten anderen, unter denen Arthur Silbergleit und Moriz Seeler, aber auch Silja Walter (eine der großen Entdeckungen des Bandes) poetisch hervortreten. Celans „Todesfuge“, der Schluss-Stein dieser Sammlung, ist kaum denkbar ohne die leidvolle Dichtung aus der Bukowina, die uns nicht zuletzt vor den Versen von Alfred Kittner, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz, Selma Meerbaum-Eisinger, Alfred Gong und Immanuel Weissglas verstummen lässt.
… Gleichsam die letzte verlegerische Großtat des Zürcher Ammann-Verlages. Der Band hat das Zeug zum Standardwerk, die Überschüsse sind bedeutsam. Für Lyrik-Leser unverzichtbar. Am Samstag wird Wulf Kirsten für sein lyrisches Werk in Cuxhaven der Ringelnatz-Preis verliehen. / JÜRGEN VERDOFSKY, FR 24.4.
Babel auch in der Schweiz:
Seit ein Genfer Politiker den systematischen Gebrauch der Mundart durch die «compatriotes alémaniques» als eine Belastung der Beziehungen zwischen den Schweizer Sprachregionen bezeichnet hat (NZZ 6. 4. 10), ist die Eruption in vollem Gang und ist nicht aufzuhalten: Ein Lavastrom von Stellungnahmen für und wider das Schweizerdeutsche ergiesst sich durch die welsche Öffentlichkeit … NZZ 23.4.
Edouard Glissant ist Dichterphilosoph, Wissenschaftspoet und kosmopolitischer Akademiker in einem. Seit fast sechzig Jahren schreibt er Romane, Traktate, Gedichte und Essays über die Beziehungen zwischen den Kulturen. Auf Martinique, wo er 1928 als Sohn eines Plantagenverwalters geboren wurde, fand er diese Beziehungen in ihrer ganzen historischen Ambivalenz: Das gewaltsame Aufeinandertreffen weisser Kolonisatoren und der von ihnen dann ausgelöschten Kariben, die ausbeuterische Beziehung der französischen Herren zu ihren afrikanischen Sklaven und die weitere Verdichtung einer von Anfang an gemischten Kultur durch asiatische Kontraktarbeiter. Aus diesem ursprünglich gewaltgeprägten Milieu entstand das Kreolische, eine vitale Kunstsprache gemischter Herkunft. …
In Glissants Romanen führen die verschiedenen Sprachpraktiken zu komplexen, nicht immer und nicht für alle durchschaubaren Szenerien und Verständnisebenen. So entsteht eine Vielstimmigkeit mit wechselnden historischen Subjekten und Erkenntnishorizonten. Sie bildet den Kampf der Kulturen ab und vollzieht zugleich nach, wie eine weitgehend friedliche, komplexe Kultur entsteht und sich verständigt. / Martin Zähringer, NZZ 23.4.
Wenn man gelobt wird, freut man sich. (Und hofft, man wird auch gekauft.) Bei einem Verriß wird man sich ärgern. (Aber vielleicht kann der auch den Verkauf ankurbeln?).
Nadja Küchenmeister wurde für ihren Debütband gelobt von Dorothea von Törne. Darüber konnte sie sich freuen. Mich hats auch gefreut. Trotzdem hatte Norbert Lange recht, als er einwarf:
Schöne Gedichte, aber über die Rezension sprechen wir noch mal. (Ich unterstelle Zeitdruck oder Routine. So ist das wenn man Geld mit Rezensionen verdient.)
Er fügte eine „beeindruckende“ Liste mit Blüten des Lobwesens von verschiedenen Rezensenten bei. Mußte sich jemand darüber ärgern? Die Rezensentin, vielleicht. Aber sie wurde mit einem Preis entschädigt.
Der Großlyrikkritiker bzw. Groß-Lyrikkritiker Harald Hartung hat sich ein bißchen darauf kapriziert, junge Lyriker zu „bashen“. Besonders hart und ungerecht hieb er vor 2 Jahren auf Mara Genschel ein. Jedenfalls vermute ich, daß „Er“ sich hinter dem FAZ-Kürzel „H.H.“ mehr oder weniger verbarg. „Da möchte man doch vom Genuss abraten“, so ging sein Fazit. Er hats vielleicht mit dem Magen? Einige Leser sprangen der Autorin zur Seite: ihnen gebührt Dank. (Links finden Sie weiter unten)
Jetzt hat Er sich unter seinem vollen Namen zu Nadja Küchenmeister geäußert. Verglichen mit Mara Genschel ist Er diesmal gnädig. „Sie kultiviert ein leicht anämisches Ich. Man möchte an den jungen Rilke denken…“ (FAZ 17.4. S. Z5) Bei Mara Genschel hatte er an den mittelalten Stramm gedacht. Man hat halt viel gelesen und muß den Magen ein bißchen schonen. Nicht mehr so viel durcheinander lesen. Die jungen Leute haben „das übliche Stück Biografie aufzuweisen“ (ach nein: Biographie natürlich), das ist ein Problem für den verwöhnten Gaumen. „Umso mehr ist man [sind jetzt die jungen Dichter gemeint oder Man selbst? ich weiß es nicht genau] auf das verwiesen, was ihre Gedichte bieten.“ „Altmodisch“, fällt dem alten Herrn ein, „und ebendeshalb bemerkenswert ist auch eine Lebensstimmung, die man längst vergangen glaubte…“ Trotzdem, er findets charmant und sagt das auch zum Schluß, verstärkt um 2 weitere Lobworte: „frisch und naiv“. Die Autorin kann eigentlich zufrieden sein. Und Herr Hartung? Seine Meinungen, Lob oder Tadel, klingen meinem Ohr immer ein bißchen herablassend. Er ist ja auch wer. Auch seine Gedichte wurden oft gelobt. Ich persönlich fand sie immer ein bißchen blaß, das kann er verschmerzen.
Norbert Lange warf seinerzeit gleich (listigerweise) zwei rasch skizzierte Karten der jungen Leipziger Szene in den Raum, die mir mehr sagen als die kränkliche Besprechung. Ich rücke sie noch einmal ein. (Den Kontext finden Sie, wenn Sie dem Link darunter folgen).
1. Sprachreflexive, Subjektive oder Sprachmalerische (mir fällt kein besserer Begriff eben ein) ließen sich vielleicht DichterInnen zuordnen. Dass dabei welche zusammenkommen, die nicht gemeinsam genannt werden wollen, versteht sich von selbst. Z.B.:
2. Wahlweise geht auch so…
In: L&Poe 2010 Mrz #77. Sanft und gelassen … aus dem Fegefeuer
ALLE LICHTER.
Von Nadja Küchenmeister. Schöffling, Frankfurt/M. 104 S., 16, 90 Euro.
Mara Genschel: „Tonbrand Schlaf.“ Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008. 76 S., br., 10,- [Euro].)
Im L&Poe-Archiv:
Im zarten Alter von 17 Jahren veröffentlichte die in Temeswar geborene Dichterin mit dem bürgerlichen Namen Ottilia Valeria Coman in der Klausenburger LiteraturzeitschriftTribuna ihr erstes Gedicht mit dem Titel „Originalität“ („Originalitatea“) unter dem von ihr gewählten Pseudonym Ana Blandiana. Blandiana – ein Dorf in Transsylvanien – war der Geburtsort ihrer Mutter. Ihre Geschichtslehrerin schrieb an den Verlag, dass sich hinter dieser Autorin die Tochter eines „Vaterlandsverräters“ verstecke. Ihr Vater, ein in Czernowitz studierter Theologe, wurde von den Kommunisten ins Gefängnis gesteckt. Die Autorin erhielt daraufhin ihr erstes Veröffentlichungsverbot. Fünf Jahre später starb ihr Vater wenige Monate nach seiner Freilassung in Großwardein. …
Nun sind zwei weitere Lyrikbände auf dem deutschen Buchmarkt erschienen: „Uhren auf Schienen“ im Verlag Ralf Liebe – Auswahl und Nachdichtung aus dem Rumänischen von Franz Hodjak –, und „Die Versteigerung der Ideen. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Hans Bergel“ im Johannis-Reeg-Verlag. / Katharina Kilzer, Siebenbürgische Zeitung 23.4.
Ana Blandiana: „Uhren auf Schienen“, Gedichte von Ana Blandiana – Auswahl und Nachdichtung aus dem Rumänischen von Franz Hodjak, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2009, 140 Seiten, Broschur. Preis: 15 Euro. ISBN 978-3-941037-46-5.
Ana Blandiana: „Die Versteigerung der Ideen. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Hans Bergel“. Johannis Reeg Verlag, Bamberg 2009, 183 Seiten. Preis: 12,50 Euro zzgl. Versand. ISBN 978-3-937320-16-8.
Der Lyriker Norbert Hummelt und der Lektor Klaus Siblewski haben (…) gemeinsam ein Buch geschrieben mit dem lapidaren Titel „Wie Gedichte entstehen“. Im Rahmen von „Coburg liest“ boten sie mit Hilfe dieses knapp 300 Seiten starken Bandes mancherlei interessante Einblick in den kreativen Prozess lyrischer Produktion, ohne dabei freilich eine fürsorgliche Warnung zu vergessen: Ein Rezeptbuch für ehrgeizige Hobbypoeten will ihr Buch nicht sein. / infranken.de
Das Buch von Brigitta Eisenreich „Celans Kreidestern“ (Suhrkamp) bringt mehr, als ich erwartet hatte. Etwa Details, die Celans zunehmende Verdunkelung, seine beiden letzten Jahre, auch dokumentarisch belegen. Etwa wenn die Autorin die von Celan angestrichenen Stellen im Tod des Empedokles (Hölderlin) mitteilt (Opfertod).
Bestechend, was man über Celans Blick auf die Rolle des Dichters erfährt. Etwa Celans Beschäftigung mit „Von einer Generation, die ihre Dichter vergeudet hat“ (Roman Jakobson), wo auch der in seinen Texten längst vorweggenommene Selbstmord Majakowskis Thema ist. Oder ein Vortrag aus dem Jahr 1907, „Der Dichter und diese Zeit“ (Hugo von Hofmannsthal). Daraus hat der der bereits extrem fremd wirkende Celan Brigitta Eisenreich vorgelesen. Darunter waren auch diese Zeilen.
„So ist der Dichter da, wo er nicht da zu sein scheint, und ist immer an einer anderen Stelle als er vermeint wird. Seltsam wohnt er im Haus der Zeit, unter der Stiege, wo alle an ihm vorüber müssen und keiner ihn achtet. Dies unbekannte Wohnen im eigenen Haus, unter der Stiege, im Dunkel, bei den Hunden, fremd und doch daheim; als ein Toter, als ein Phantom im Munde aller, ein Gebieter ihrer Tränen, gebettet in Liebe und Ehrfurcht, als ein Lebendiger gestossen von der letzten Magd und gewiesen zu den Hunden und ohne Amt in diesem Haus, ohne Dienst, ohne Recht, ohne Pflicht, als nur zu hungern und zu liegen und in sich dies alles immerfort bei Tag und Nacht abzuwiegen und ein ungeheures Leiden, ungeheures Geniessen zu durchleben … “
Auf 266 Seiten über Paul Celan erfährt man von Brigitta Eisenreich, wie „anders“ alles gewesen ist. Ein verblüffend „abweichend“ geschriebenes Buch. Mit vielen Dokumenten, Briefen, Anmerkungen, und Verweisungen. Selbst der Kundige wird staunen. Kompliment an die Autorin und den Verlag.
Wilhelm Fink, Hamburg
vgl. # 99. Celans Tausend und drei Leben
Lied der Maler
Johannisbeerfarbene Töne:
Man schafft das unvergleichlich schöne
Wunder der Lippen nur durch jene.
Das Ockergelb, das Braun, das Rot,
Das sich Parfümen gleich darbot,
Färbt wie Landstriche, welche tot.
Strahlt auf der Leinwand das moderne
Und helle Bleiweiß als Laterne,
Hält’s Nacht und trübe Öde ferne.
Zinnober, Kobalt, Ultrameer
Und Kadmium, Millionen schwer,
Uber euch wundern wir uns sehr.
Indem sie auf die Leinwand kamen,
Entstanden unverhüllte Damen,
Sonne und Sterne in dem Rahmen.
Man kriegt nur eine Kleinigkeit;
In dieser wechselhaften Zeit
Sind Käufer nicht eben gescheit.
Was soll es! Tau wird einen nähren,
Kann man dich irisiert aufstören,
Schöne Natur, die du in Ehren!
Chanson des peintres
Laques aux teintes de groseilles
Avec vous on fait des merveilles,
On fait des lèvres sans pareilles.
Ocres jaunes, rouges et bruns
Vous avez comme les parfums
Et les tons des pays défunts.
Toi, blanc de céruse moderne
Sur la toile tu luis, lanterne
Chassant la nuit et l’ennui terne.
Outremers, Cobalts, Vermillons,
Cadmium qui vaux des millions,
De vous nous nous émerveillons.
Et l’on met tout ça sur des toiles
Et l’on peint des femmes sans voiles
Et le soleil et les étoiles.
Et l’on gagne très peu d’argent,
L’acheteur en ce temps changeant
N’étant pas très intelligent.
Qu’importe ! on vit de la rosée,
En te surprenant irisée,
Belle nature, bien posée.
Aus: Charles Cros, Die Krallenkette und verstreut gedruckte Gedichte. Übersetzt und benachwortet von L. Partisander. Essen: Die Blaue Eule 1995, S. 12f.
Charles Cros, „Dichter-Physiker“, 1842 – 1888, erfand vor Edison den Phonographen.
© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2000.
Der YouTube-Kanal des G&G-Instituts präsentiert die Video-Dokumentation
über 8 gesellschaftskritische Gedichte von Karl-Johannes Vogt, die von seinem
Herausgeber Tom de Toys am „Welttag der Poesie“ (21.3.2010) als Opener der
Poesieschlacht im Düsseldorfer zakk performt wurden: http://www.artNewCologne.de
Bereits seit dem 18.3.2010 lassen sich sechs Wochen lang ausgewählte Gedichte von Karl-Johannes Vogt als Schachtel in ehemaligen Zigarettenautomaten in NRW ziehen:
„WIEVIEL EWIGKEIT VERTRÄGT DER MENSCH?“ enthält auch „HAB MITLEID“!
http://www.LiteraturAutomat.eu (u.a. im „zakk“-Foyer, Fichtenstr.40, Düsseldorf)
SPEZIAL-DOKU ZEIGT VOGT BEIM ZIEHEN SEINER SCHACHTEL IM ZAKK:
http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=104022191
Heute in der Lyrikmail ein Gedicht von Karl-Johannes Vogt: Hab Mitleid
Einen würdigen Abschluss fand die Ausstellung im Künstlerhaus mit Stahlskulpturen von Bernd Dürr. Sie war von der Archivarin im Stadtarchiv Ursula Thamm angestoßen worden als Erinnerung an den aus Marktoberdorf stammenden Bildhauer. Exakt zu seinem zehnten Todestag griff eine Lesung noch einmal die Gedichte auf, die Paul Wühr dem jüngeren Künstler gewidmet hatte. Sie beschäftigen sich kenntnisreich mit dem Themenkreis von Form und Skulptur im Raum. Die wiederholten Treffen und Gespräche mit dem in Italien lebenden Dichterfreund waren Meilensteine in der künstlerischen Entwicklung von Bernd Dürr. / Allgäuer Nachrichten, Marktoberdorf
Greifswald, Koeppenhaus
Freitag | 23.04.2010 | 20:00 Uhr | Eintritt frei
Lesung und Ausstellungseröffnung
Angelika Janz stellt eine Auswahl ihres beeindruckend umfangreichen bildkünstlerischen und poetischen Schaffens in der Galerie des Literaturzentrums Vorpommern aus. Seit den 70er Jahren ist die gebürtige Düsseldorferin künstlerisch tätig und hat dabei einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt. Weithin bekannt ist die doppelbegabte Künstlerin vor allem durch ihre Textfragmente. Sie spielt mit Worten, verknüpft sie und lässt mit den Fragmenttexten eine hinreißende Poesie entstehen. Angelika Janz zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen der deutschen Visuellen Poesie. Nicht nur der experimentelle Umgang mit der Literatur, auch die Verbindung von Wort und Bild durch Bildtextcollagen gehört zum Oeuvre der Künstlerin.
Angelika Janz wurde 1952 geboren. Die studierte Germanistin, Kunsthistorikerin und Philosophin war Gründungsmitglied der Jazzband TRILEMMA und mehr als 20 Jahre Mitarbeiterin am Folkwang Museum in Essen. Ihre Gedichte, Hörspiele, Aktionen, Performances und Ausstellungen sind mit einer Reihe von Preisen bedacht worden. Neben Einzelpublikationen ist sie mit zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien vertreten. Darüber hinaus ist ihre Lyrik in die polnische Sprache übertragen worden.
Heute lebt Angelika Janz in Aschersleben (Vorpommern), wo sie u. a. Schreib- und Hörspielwerkstätten organisiert. Seit 2005 ist sie Leiterin der mobilen Kinderakademie im ländlichen Raum. Für ihr ausserordentliches Engagement ist Angelika Janz 2008 mit dem ZeitzeicheN, dem Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis der Deutschen Umwelthilfe und der Grünen Liga ausgezeichnet worden.
Zur Eröffnung der Ausstellung wird Angelika Janz eine Auswahl an Gedichten und Prosa vortragen.
Der Eintritt ist frei.
Eine Anthologie wird präsentiert. Es vibriert, es rumort, es bewegt sich etwas in der jüngsten deutschen Literatur. Neben den Versuchslaboren Leipzig und Berlin haben sich in Städten wie Kiel, Hamburg, Hildesheim und Köln magnetische Zentren für junge Autoren gebildet
Eingeladen sind einige der wichtigsten Stimmen, deren Debüts in den nächsten zwei Jahren erscheinen werden: Konstantin Ames (Gewinner des Open Mike 2009), Simone Kornappel, Thien Tran (Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln).
22.04.2010, 20 Uhr
Buchhandlung Wiederspahn
Wilhelmstraße 8
65185 Wiesbaden
Eintritt: 8/5 Euro
IN MEMORIAM
Mit lauten Worten für die Belange des Arbeitgebers
Schriftsteller ERICH WEINERT wurde am 4. August 1890 in Magdeburg geboren. Er starb am 20. April 1953 in Berlin / B.Z. 20.4.
– Er war auch als Politiker tätig, so im Krieg als Präsident des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ und in der frühen DDR als Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung. In Wilmersdorf erinnert eine Gedenktafel an sein Wohnhaus, sagt die B.Z. Jeder Schüler in der DDR kam mit seinen Gedichten, Balladen, Liedern in Kontakt, mancher wird noch Zeilen auswendig wissen, vielleicht aus der Ballade „John Scheer und Genossen“, aus „An einen deutschen Arbeiterjungen“, vielleicht auch: „Mit milder Würze gehts nicht mehr / Gebt mal den roten Pfeffer her“. Ernst Jandl wird ihn nicht gekannt haben, als er um 1957 das Wort „Sprechgedicht“ prägte („Das Sprechgedicht wird erst durch lautes Lesen wirksam“). Weinert schrieb 1934: „Wie ich Sprechdichter wurde“. Was er in seiner kurzen DDR-Zeit schrieb, wirkte müde und blaß. Manche seiner Gedichte bleiben aktuell, oder werden’s wieder. Hier paar Zitate und ein Gedicht:
1923 schrieb er in dem Gedicht „Der Antisemeeting“: „Und als man zu Tätlichkeiten schritt, / Da machten sogar die Hammel mit.“
Die Staatsgewalt geht vom Volke aus, klar. (Brecht frug: „Aber wo geht sie hin?“ Peter Paul Zahl hat auch was beizutragen). Weinert 1928:
Natürlich muß unsere Staatsgewalt
Vom Volke ausgehen!
Aber natürlich mit Vorbehalt!
Wir brauchen doch nicht alles zu wissen!
Denn manches hinter den Staatskulissen
Könnte die Staatssicherheit
Und die nationalen Belange gefährden.
Drum muß eben mal von Zeit zu Zeit
Die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden!
[jetzt wirds aktuell, auwei!:]
Z.B., wenn Stresemann für unser Geld
Die verarmte Ruhrindustrie unterhält,
Das geht doch höchstens Herrn Stresemann,
Aber uns nichts an!
Aus „Der Reichsdichter“, 1933:
Geschult an Wessels trittgefaßten Jamben
Vom Skrupel der Grammatik nicht befleckt,
litt Lanzenknöbel nie am Intellekt.
In seinen eisernen Bandithyramben
War nichts als Aufbruch, der im Blute steckt.
Auch nicht schlecht: „Bei Dichters“ (1925):
Neulich war ich bei Dichters eingeladen
Da roch es nach Lorbeern und Gesprächen mit Gott.
Es gab lyrische Hammelkarbonaden
Und hinterher Aphorismenkompott.
Herr Dichter sprach über die letzte Schaffensepoche
und kaute gedankenvoll Petersilie.
Es kam mir vor wie ein Bild aus der Woche:
Der Dichter im Kreise seiner Familie!
Frau Dichter machte in Seelenergüssen
Und sprach, als Herr Dichter mal austreten ging,
Von der Tragik derer, die dichten müssen.
Worauf sie noch mal mit Kompott anfing.
Mehr hier (12.3.). Jetzt ein Gedicht:
Ein Ochse meldet sich zu Wort
Verehrte Anwesende, lassen Sie mich
Ein bescheidenes Wort in die Waagschale werfen!
Ich finde es unverantwortlich,
Die Gegensätze im Volk zu verschärfen.
Ich bin nicht von der modernen Art,
Ich habe noch meinen deutschen Glauben
und schlichten Ochsenverstand bewahrt.
Den kann man mir Gott sei Dank nicht rauben.
Sie vertreten heute so radikal
Umsturz und Auflehnung gegen das Schlachten,
Ich meine, man sollte die Dinge mal
Von einer höheren Warte betrachten.
Den Schlächterstand und den Ochsenstand
Gab es zu allen Zeiten auf Erden:
Sie sind geschaffen, fürs Vaterland
Zu schlachten und geschlachtet zu werden.
Und wenn der Schlächter sein Banner entrollt,
Dann müssen wir Ochsen zu sterben wissen!
Das hat die Vorsehung so gewollt,
Vor der auch wir Ochsen uns beugen müssen.
Nur eine gottverlassene Partei
bezeichnet die heilige Sache mit Morden.
Und außerdem ist die Schlächterei
Doch heute wirklich human geworden.
In dieser zivilisierten Zeit
Hat jeder Schlächter seinen Betäuber.
Was tun die nicht für die Ochsenheit!
Und so was nennen Sie Mörder und Räuber?
Nein, freiwillig gehen wir in den Tod!
Sie treffen mich nicht mit ihrem Gelächter.
Ich bin ein Ochse von altem Schrot
Und stehe in Treue zu meinem Schlächter!
(Und so rutscht Weinert, ohne daß ichs wollte, in meine Anthologie. Die DDR ist tot, es lebe Weinert.)
Der zwölfjährige Matthias Paulsen aus Miesbach hat ein Computerprogramm geschrieben, mit dem sich Muttertagsgedichte kreieren lassen. Die Erfindung seines Lyrik-Generators brachte Matthias jetzt den ersten Preis beim Landeswettbewerb „Schüler experimentieren“ ein. Das Programm muss lediglich mit Details wie Reimtyp oder Beruf der Eltern gefüttert werden – und schon spuckt der Rechner ein fertiges Gedicht aus. Die Software ist auch für Vatertage geeignet. / Die Welt 21.4.
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