Was für ein Theater um ein Fragezeichen! Welcher Lärm wegen ein paar gestrichener Stellen! Und doch kommt es auf sie an, wenn man bedenkt, daß mancher Schriftsteller einen Vormittag damit verbringt, ein Komma zu setzen, das er am Nachmittag wieder löscht. Der Dichter Machmud Darwisch, einer der größten in arabischer Sprache, war von der Art. Das Erscheinen seines letzten Buches, Le Lanceur de dés et autres poèmes (Actes Sud, 88 p., 21 euros), ausgestattet mit verstörenden Bildern von Ernest Pignon-Ernest, stellt eine entscheidende Frage: was soll man veröffentlichen, wenn der Autor nicht mehr da ist?
Am Tag nach seinem Tod im August 2008 entdeckten sein Bruder und eine kleine Gruppe seiner Freunde unter seinen hinterlassenen Papieren jene Gedichte, manche knapp skizziert, andere augenscheinlich vollendet, an denen er arbeitete. Was tun damit? Manche wollten nur das tatsächlich Vollendete veröffentlicht sehen, andere alles. / Pierre Assouline, Le Monde 29.4.
Der kürzere Bogen
Laß mich, oh Herr, daß ich nicht höre,
versunkene Jahre schweigend mich entblößen,
daß alle Pein in freien Fluß sich wandelt:
der kürzere Bogen
des Lebens verbleibt mir.
Mach mich zu Wind, der selig weht,
zu Gerstensamen oder Aussatz,
der sich in vollem Werden zeigt.
Und sei es leicht, dich zu lieben
als Pflanze, die ihrem Licht entgegenwächst,
als Wunde, die das Fleisch zerfrißt.
Ich versuche ein Leben:
ein jeder wankt ermattend
auf der Suche.
Du verläßt mich wieder: allein bin ich
im Schatten, der zum Abend sich weitet,
und keine Pforte öffnet sich dem süßen
Verströmen des Blutes.
Deutsch von von Gianni Selvani
Curva minore
Pèrdimi, Signore, ché non oda
gli anni sommersi taciti spogliarmi,
sí che congi la pena in moto aperto:
curva minore
del vivere m’avanza.
E fammi vento che naviga felice,
o seme d’orzo o lebbra
che sé esprima in pieno divenire.
E sia facile amarti
in erba che accima alla luce,
in piaga che buca la carne.
Io tento una vita:
ognuno si scalza e vacilla
in ricerca.
Ancora mi lasci: son solo
nell’ombra che in sere si spande,
né valico s’apre al dolce
sfociare del sangue.
Aus: Salvatore Quasimodo, Das Leben ist kein Traum. Ausgewählte Gedichte Italienisch/ Deutsch. Übertragung und Nachwort von Gianni Selvani. München Zürich: Piper 1987 (Neuausgabe), S. 22f.
© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2000.
Die Gedichte Marion Poschmanns haben ihre eigene Logik zwischen der Prosa und dem lyrischen Sprechen. Manchmal nähert sie sich zu sehr den Wortmoden von heute an: Wenn sie ein Bild „bis zum Anschlag“ ausweitet und „bis zum Abwinken offen halten“ will. Das weiße Rauschen der Medien, natürlich, es ist auch in der Lyrik kaum zu unterdrücken. Auch manches Bild verwässsert Poschmann mehr, als sie es verdichtet. Etwa wenn sie einer Verkehrsampel die Ironie zumutet: “ irgendwie süß: denn wir sollen hier eine Anweisung / für unser weiteres Leben entnehmen“. Doch Marion Poschmann ist unterwegs. Sie startet auf dieser neuen Station ihres „Geistersehens“ eine vorsichtige Extratour, um durchs Prosaische hindurch auf Spuren des Lichts zu treffen. / Wilhelm Hindemith, Badische Zeitung 30.4.
Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2010. 126 Seiten, 17,80 Euro.
Wenn man Worte so aneinanderreiht, dass sie nicht das ergeben, was man landläufig als Sinn begreift, dann heben sie sich in ihrer Bedeutung gegenseitig auf. Es entsteht vielleicht etwas, dass man als eine Art Stille betrachten kann. Ist das Wortmaterial, mit dem diese Form von Stille erzeugt wird, ausgefallen, laut, vielleicht sogar schrill, dann kann man wohl von einer „Frenetischen Stille“ sprechen.
Ron Winkler ist mit seinem gleichnamigen Gedichtband endgültig in der Postmoderne angelangt. Es geht ihm nicht mehr darum, Realität mit Hilfe eines technisch-wissenschaftlichen Vokabulars zu beschreiben und dadurch zu brechen, wie dies noch in „vereinzelt Passanten“ oder „Fragmentierte Gewässer“ der Fall war. Es geht darum, Sprache zu dekonstruieren und neu zueinander in Beziehung zu setzen („laut Statistik waren wir vorgesehen. ich formatierte / ein Lächeln und du, du, was sah dein Elektroplan vor?“ – „place to beast“ oder „wir hatten Diät miteinander. demnach / Organe / und „Kabbala-Wasser.“ – „draußen. ein Märchen“). Häufig arbeitet Ron Winkler mit Neologismen wie „Punkpraktikanten“, „Heideggerkeit“ oder „Endvierzigerjesusfüße“, Tautologien („inwiefern Sprache eine Vorschau auf Sprache sein konnte“ – „vereinzelt Pulp Fiction“ oder „das Wasser war so klar, wie Wasser, das klar ist“ – „kaltes klares Nordmeer“) oder belebt alte rhetorische Figuren wie Variatio und Correctio („als uns selbst. als unser Selbst. als selbst uns“ – „Fächer: von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag“ oder „hatten sprechen wollen. sprechen können. hätten sprechen dürfen“ – „die ideale Welt“). …
… Ein wenig wehmütig denkt man an Zeiten zurück, als Autoren noch klar erkennbare inhaltliche Positionen – auch im Gedicht – vertreten haben. / Andreas Hutt, literaturkritik.de
Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte.
Berlin Verlag, Berlin 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783827009203
Bedingtheiten
Mein Bekannter versteht
die Gedichte nicht. Und das ist in Ordnung, aber
die Gedichte verstehen meinen Bekannten
nicht. Und damit
muß etwas geschehen. Unbedingt.
1980
Ü: Karl Dedecius
Aus: Ein Jahrhundert geht zu Ende. Polnische Gedichte der letzten Jahre. Hg. Karl Dedecius. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 57.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors 2001 in meine virtuelle Anthologie eingereiht
Platz 3 (7) 50 Punkte
MICHAEL LENTZ: Offene Unruh 100 Liebesgedichte
S. Fischer Verlag
Mittelschwere Lektüre
176 Seiten, 16,95 Euro
es regnet/das ist unser/hintergrund/wir gehen in deckung/
vom regen verstehen/wir/mehr als von uns
Platz 4-5 (9-10) 25 Punkte
JAN FAKTOR: Georgs Sorgen um die Vergangenheit
oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Leichtere Lektüre
640 Seiten, 24,95 Euro
„Es ist die allgegenwärtige Wehmut, von der die weise Komik
dieses Coming-of-Age-Romans kündet, eine Empfindsamkeit,
die nicht ausgestellt wird, aber durchschimmert und die Groteske
vor dem Leerlauf rettet.“ (Felicitas von Lovenberg)
Verschiedene Chöre und Orchester, darunter das Akademische Orchester Zürich, intonieren gemeinsam Ende Mai das «War Requiem» von Benjamin Britten. ETH Life verlost für die Konzerte in Zürich und im KKL Luzern je 5×2 Tickets.
… Er verband die katholischen Requiems mit Texten des englischen Kriegspoeten Wilfred Owen. Dieser starb am 4. November 1918 – eine Woche vor Kriegsende – und hinterliess Gedichte, die er in den zwei letzten Kriegsjahren geschrieben hatte. Britten wählte neun davon aus. Die Verwendung der Verse beeinflusst den Aufbau des Werkes stark. Die vertonten Gedichte werden nicht nur zwischen die einzelnen Sätze des Requiems geschoben, sondern teilweise mitten hinein. Die englischen Gedichte Owens bilden zudem in vielerlei Hinsicht einen Kontrast zum lateinischen Text.
Britten ordnet dem Text der Totenmesse das grosse Orchester, den Chor und Knabenchor und die weibliche Solistin zu. Owens Gedichte hingegen werden von einem Kammerorchester, dem Tenor und dem Bariton vorgetragen. Die Dramaturgie des Werkes ist von dieser Gegenüberstellung geprägt. / ETH Zürich Life
Wie benenne ich das Weltgefühl, das die Texte verbindet? Verlorenheit? Und was wäre damit gesagt über das bodenlos Schwingende dieser Gedichte, die so viel mehr sind, als die Worte sagen? Beschreibst du ihren Inhalt, erfasst du sie doch nicht. Du liest und siehst die Welt mit den Augen eines anderen, der mehr Weltbürger ist als du, obwohl oder gerade weil er weit im Osten Europas lebt. (…)
Andruchowytsch – ein Romantiker, der cool tut, einer, dem die Erde nicht reicht, für sich einen Platz zu finden. – Aber das ist auch bloß ein Klischee … / Irmtraud Gutschke, ND 29.4.
Juri Andruchowytsch: Werwolf Sutra. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn. 92 S., brosch., 17,80 €.
Ein ganzes Frauenleben von der ersten überschwänglichen Liebe über die innig herbeigesehnte Hochzeit und das Glück des Mutterwerdens bis zur Einsamkeit der früh Verwitweten packte der Dichter Adelbert von Chamisso in neun prägnante Gedichte.
Acht davon vertonte Robert Schumann zum Liederzyklus «Frauenliebe und -leben» opus 42. Ob Schumann ahnte, dass er damit auch den Lebensweg seiner eigenen Frau Clara künstlerisch darstellte, verarbeitete und vorwegnahm, darüber ließe sich trefflich spekulieren. Die Gedichte Chamissos, die das Frauenideal des 19. Jahrhunderts ebenso sprachkräftig wie ernst spiegeln, erfreuten sich jedenfalls zur damaligen Zeit großer Beliebtheit und Wertschätzung. / Ulrich Boller, Frankfurter Neue Presse
Ein Buch mit Gedichten, Gedanken und anderen wenig bekannten Schriften von Marilyn Monroe erscheint im Herbst bei Farrar, Straus & Giroux. Es wird auch Fotos und Reflexionen des Stars über ihren dritten Ehemann Arthur Miller und andere Männer in ihrem Leben enthalten, ferner über Literatur, u.a. über Samuel Beckett und James Joyce. / Le monde 27.4.
„Kleiner Joseph“ sagt Else Lasker-Schüler zum bunt angezogenen Buben, der vor ihr steht, vielleicht sieben, acht Jahre alt und somit etwas zu jung scheint, um Teil ihres Publikums zu sein.
Dieser hält die Dichterin, ohne es ihr natürlich zu sagen, für eine Hexe und ist noch ganz ergriffen von der Magie der eben erlebten Lesung, die vermutlich einer ihrer letzten Auftritte vor ihrem Tod 1945 sein wird.
Der Junge heißt Paul Koppel und soll als Elazar Benyoëtz einige Jahrzehnte später selbst ein Dichter, ein berühmter israelischer Aphoristiker werden. Und als Israeli wird er auf Deutsch schreiben, in der Sprache von Else Lasker-Schüler, in einer Sprache, die er Mitte der 40er Jahre als „kleiner Landstreicher“ in Tel Aviv eigentlich noch nicht wirklich versteht, obwohl sie jene seiner Kindheit, seine „Vatersprache“ ist. / Alexander Emanuely, Die Jüdische
Mi 12./Fr 14./Sa 15.5.
Literaturwerkstatt Berlin
Das dreitägige Lyrikfestival Brücke 2010 ist ein Ort der Begegnung mit den aktuellen Strömungen der Dichtung in Deutschland und Spanien, neuen Tendenzen ihrer unterschiedlichen Ausdrucksmodi und ihren derzeitigen Interpretationsmöglichkeiten der literarischen Sprache. Mit dabei sind einige der interessantesten Protagonisten der jungen deutsch- und spanischsprachigen Lyrik. In verschiedenen Veranstaltungsformen etabliert Brücke 2010 einen Dialog zwischen Lyrik, Musik und Bildender Kunst und überschreitet die Grenzen des dichterischen Wortes. Orthodoxe poetische Formate werden mit Hilfe von Audiovisualität, Klang und neuen Technologien modernisiert und erweitert.
Eine Veranstaltung des Brücke e.V. in Zusammenarbeit mit: Instituto Cervantes, Literaturwerkstatt Berlin und Kulturbüro Sophien.
Gefördert durch: Botschaft von Spanien, ProSpanien, Capitalidad cultural »Córdoba 2016«.
-AUSSER HAUS-
Mi 12.5. 19:00
In Lesung und Gespräch: Ana Gorría (*1979 Barcelona), Abraham Gragera (*1973 Madrid), Jan Wagner (*1971 Hamburg), Uljana Wolf (*1979 Berlin)
Video „hacia una poesía puer“ / „über kindliche Poesie“ von Susana Velasco
Ort: Instituto Cervantes, Rosenstraße 18/19, 10178 Berlin
Eintritt 5/3 EUR
Fr 14.5. 19:00
In Lesung und Gespräch: Juan Antonio Bernier Blanco (*1976 Córdoba), Ann Cotten (*1982 Ames, USA), Daniel Falb (*1977 Kassel), Elena Medel(*1985 Córdoba), Carlos Pardo (*1975 Madrid)
Lesung und Performance von Yolanda Castaño (*1977 Santiago de Compostela)
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97, 10435 Berlin
Einritt: 5/3 EUR
-AUSSER HAUS-
Sa 15.5. 18:00
In Lesung und Gespräch: Juan Andrés García Román (*1979 Granada), Hendrik Jackson (*1971 Düsseldorf), Björn Kuhligk (*1975 Berlin), Monika Rinck (*1969 Zweibrücken), Sandra Santana (*1978 Madrid)
Konzert/Performance: Uraufführung von „Ruinas“ des Klangkünstlers Miguel Álvarez-Fernández mit dem Duo Rivera (Geige und Klavier), Stefan Kersten (Saxophon und elektronische Klänge), Carlos Chacón del Pino (Performer), Isaac Diego (Stimme)
Ort: Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin
Eintritt 7/5 EUR
Weitere Informationen unter: http://bruecke2010.blogspot.com
28.04.10 20:00 – 29.04.10 20:00
Das Neue Theater am Bahnhof Dornach
brief im april
Einladung zur Lyrik von Inger Christensen
mit Sandra Löwe (vox) und Thomas K. J. Mejer (sax)
am 28 & 29. April im Neuen Theater am Bahnhof Dornach, 20 Uhr
brief im april ist die delikate Lyrik der im letzten Jahr verstorbenen, dänischen Dichterin Inger Christensen (1935-2009). 2005 wurde sie zum Nobelpreis für Literatur nominiert und erhielt zahlreiche, bedeutende Literaturpreise; u. a. der Österreichische Staatspreis für Literatur und der Siegfried Unseld Preis. Sie ist noch heute ein Geheimtipp moderner Lyrik.
Sandra Löwe ist Schauspielerin, Sprecherin und Regisseurin.
Thomas K. J. Mejer ist Saxophonist und Komponist.
Gemeinsam bringen sie das dritte Werk von Inger Christensen zur Ur-Aufführung in der Schweiz. / Radio Basel
fixpoetry.com ist eine wahre Pfundgrube. Man kommt garnicht nach mit all dem Lesenswerten. (Da hilft nur: Selberlesen). Hier noch ein Beitrag aus dem neuen Feuilleton:
Jürgen Dziuk kennt – man verzeihe mir die Direktheit – keine Sau. Und das ist traurig. Zwar ergeht es den meisten Dichtern so, da keine Sau mehr Lyrik liest (ausgenommen Klings 300), aber Dziuk ist wirklich nur einem winzig kleinen Kreis bekannt. Und vermutlich wäre er selbst das nicht, hätten nicht Axel Sanjosé und Richard Dove sich intensiv, mühe- und liebevoll durch seinen Nachlass gewühlt. …
Jürgen Dziuk wurde nur 44 Jahre alt. Er starb an seinem Geburtstag 2004 in Kuala Lumpur. Bis dahin hatte er gerade mal einen selbstgeflickten Band von ca. 20 Exemplaren an Freunde verteilt und eine Handvoll Gedichte in Anthologien veröffentlicht. In München hatte er Sinologie, Ethnologie und Amerikanische Kulturgeschichte studiert, hatte ausgiebige Reisen nach Asien unternommen und die Liebe zur asiatischen Kultur schließlich zum Beruf gemacht – aber nicht künstlerisch, sondern eher bürgerlich im Exportgeschäft. Eine Organinsuffizienz beendete sein Leben.
Wie zu erfahren ist, hatte Dziuk eine Abneigung gegen das Schwere, das Bedrängende, das Düstere in der deutschen Lyrik, auch gegen das Verkopfte. Man spürt das in seinen Gedichten, die all das haben, was die heutige, oft pseudo-intellektuelle Germanistenlyrik so schmerzlich vermissen lässt. Dziuks Verse sind nah, ganz nah am Leben, so nah, dass die von ihm gezeichneten Bilder und Emotionen im Moment des Lesens spürbar, erlebbar werden. Man kann Dziuk nicht in einen Trend oder eine lyrische Tradition einordnen, und das macht ihn umso sympathischer. / Gerrit Wustmann, fixpoetry.com
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