106. Laute Worte

IN MEMORIAM

Mit lauten Worten für die Belange des Arbeitgebers

Schriftsteller ERICH WEINERT wurde am 4. August 1890 in Magdeburg geboren. Er starb am 20. April 1953 in Berlin / B.Z. 20.4.

– Er war auch als Politiker tätig, so im Krieg als Präsident des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ und in der frühen DDR als Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung. In Wilmersdorf erinnert eine Gedenktafel an sein Wohnhaus, sagt die B.Z. Jeder Schüler in der DDR kam mit seinen Gedichten, Balladen, Liedern in Kontakt, mancher wird noch Zeilen auswendig wissen, vielleicht aus der Ballade „John Scheer und Genossen“, aus „An einen deutschen Arbeiterjungen“, vielleicht auch: „Mit milder Würze gehts nicht mehr / Gebt mal den roten Pfeffer her“. Ernst Jandl wird ihn nicht gekannt haben, als er um 1957 das Wort „Sprechgedicht“ prägte („Das Sprechgedicht wird erst durch lautes Lesen wirksam“). Weinert schrieb 1934: „Wie ich Sprechdichter wurde“. Was er in seiner kurzen DDR-Zeit schrieb, wirkte müde und blaß. Manche seiner Gedichte bleiben aktuell, oder werden’s wieder. Hier paar Zitate und ein Gedicht:

1923 schrieb er in dem Gedicht „Der Antisemeeting“: „Und als man zu Tätlichkeiten schritt, / Da machten sogar die Hammel mit.“

Die Staatsgewalt geht vom Volke aus, klar. (Brecht frug: „Aber wo geht sie hin?“ Peter Paul Zahl hat auch was beizutragen). Weinert 1928:

Natürlich muß unsere Staatsgewalt
Vom Volke ausgehen!
Aber natürlich mit Vorbehalt!

Wir brauchen doch nicht alles zu wissen!
Denn manches hinter den Staatskulissen
Könnte die Staatssicherheit
Und die nationalen Belange gefährden.
Drum muß eben mal von Zeit zu Zeit
Die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden!

[jetzt wirds aktuell, auwei!:]

Z.B., wenn Stresemann für unser Geld
Die verarmte Ruhrindustrie unterhält,
Das geht doch höchstens Herrn Stresemann,
Aber uns nichts an!

Aus „Der Reichsdichter“, 1933:

Geschult an Wessels trittgefaßten Jamben
Vom Skrupel der Grammatik nicht befleckt,
litt Lanzenknöbel nie am Intellekt.
In seinen eisernen Bandithyramben
War nichts als Aufbruch, der im Blute steckt.

Auch nicht schlecht: „Bei Dichters“ (1925):

Neulich war ich bei Dichters eingeladen
Da roch es nach Lorbeern und Gesprächen mit Gott.
Es gab lyrische Hammelkarbonaden
Und hinterher Aphorismenkompott.

Herr Dichter sprach über die letzte Schaffensepoche
und kaute gedankenvoll Petersilie.
Es kam mir vor wie ein Bild aus der Woche:
Der Dichter im Kreise seiner Familie!

Frau Dichter machte in Seelenergüssen
Und sprach, als Herr Dichter mal austreten ging,
Von der Tragik derer, die dichten müssen.
Worauf sie noch mal mit Kompott anfing.

Mehr hier (12.3.). Jetzt ein Gedicht:

Ein Ochse meldet sich zu Wort

Verehrte Anwesende, lassen Sie mich
Ein bescheidenes Wort in die Waagschale werfen!
Ich finde es unverantwortlich,
Die Gegensätze im Volk zu verschärfen.

Ich bin nicht von der modernen Art,
Ich habe noch meinen deutschen Glauben
und schlichten Ochsenverstand bewahrt.
Den kann man mir Gott sei Dank nicht rauben.

Sie vertreten heute so radikal
Umsturz und Auflehnung gegen das Schlachten,
Ich meine, man sollte die Dinge mal
Von einer höheren Warte betrachten.

Den Schlächterstand und den Ochsenstand
Gab es zu allen Zeiten auf Erden:
Sie sind geschaffen, fürs Vaterland
Zu schlachten und geschlachtet zu werden.

Und wenn der Schlächter sein Banner entrollt,
Dann müssen wir Ochsen zu sterben wissen!
Das hat die Vorsehung so gewollt,
Vor der auch wir Ochsen uns beugen müssen.

Nur eine gottverlassene Partei
bezeichnet die heilige Sache mit Morden.
Und außerdem ist die Schlächterei
Doch heute wirklich human geworden.

In dieser zivilisierten Zeit
Hat jeder Schlächter seinen Betäuber.
Was tun die nicht für die Ochsenheit!
Und so was nennen Sie Mörder und Räuber?

Nein, freiwillig gehen wir in den Tod!
Sie treffen mich nicht mit ihrem Gelächter.
Ich bin ein Ochse von altem Schrot
Und stehe in Treue zu meinem Schlächter!

(Und so rutscht Weinert, ohne daß ichs wollte, in meine Anthologie. Die DDR ist tot, es lebe Weinert.)

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