Selten begegnet man einem Gedichtband, der eine so sorgfältig gestaltete thematische Gesamtkonzeption mit weitreichender Gedanklichkeit und sinnlich wahrnehmbarer, konkreter Bilderwelt verbindet, ohne das denkende, fühlende und redende Ich auszuschließen. Es ist allerdings kein von den Befunden überwältigtes Ich, das bekennt, wie es leidet oder was es beglückt. Ein Rest von Distanz gegenüber den Phänomenen bleibt immer präsent. Das äußert sich schon darin, dass die meisten Gedichte die Vergangenheitsform bevorzugen: Das Imperfekt regiert, das Referat; nicht gegenwärtiges Empfinden, sondern das Nachdenken über Vergangenes. Ein epischer Grundzug, der Hauch der Historizität haftet den Gedichten an. Man könnte fast von Berichtgedichten sprechen.
Distanzierend wirken auch die Kunstmittel der Mehrdeutigkeit, der Anspielungen und Zitate (sogar Rilkes „verneinende Gebärde“ kommt einmal vor) und besonders die auf neue Art verbundenen Hauptwörter, in denen man jeweils ebenso poetische wie reflexive Konzentrate der Betrachtungen erkennen kann: „Zerpflückungswünsche“, „Verwirrungsmuster“, „Auflösungsängste“ – seit Gottfried Benn hat niemand solche Kombinationen so souverän produktiv gemacht.
Marion Poschmanns Gedichte wenden sich geist- und kunstvoll dem Heikelsten zu, was der Lyrik nachgesagt werden kann: dem Unklaren, dem Unfassbaren, dem „holden Ungefähr“. Aber sie zählen dabei nicht auf das gefühlige Mitschwingen, sondern auf das um Aufklärung bemühte Nachdenken des Lesers. Das macht sie zu einem beglückenden Leseerlebnis. / FAZ 17.4.
Marion Poschmann: „Geistersehen“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 126 S., geb., 17,80 €.
Zumeist sind diese Texte knapp, die Zeilen kurz und alle Formulierungen auf ganz Konkretes fokussiert. Auch wenn ihr Sinn vielfach verrätselt scheinen mag und gängiger Bedeutungssuche zunächst wenig zugänglich, entsteht ihr Reiz und Witz oftmals im Spielerischen, als wollten sie die Welt- und Sprachpartikel erst einmal gründlich durchschütteln, um sodann zu erkunden, was sich neu daraus ergibt: „Satzteile schütteln / wie den Flaum / in der Schneekugel- / so ähnlich wie der Schlaf / im Lebensmüll wühlt. / Jedes Gedicht sagt: ‚Ich verzweifle‘ / dann: ‚Alles muss raus!‘“ In dieser Weise umspielt Armantrouts Lyrik die Verzweiflung, indem sie danach forscht, wie in und mit der Sprache überhaupt je was herauskommt, das heißt auf welche Weise wir der Wirklichkeit je mit Schriftzeichen und Wörtern beikommen: „Es ergibt Sinn / um die Ecke zu biegen / in einer schwarzen Limousine / und aufzuschreiben / was alles passiert. / In einer roten Strickmütze / die Straße entlang zu steppen / ein einziges Mal.“
Darin erneuert sich die Tradition der sogenannten „Language Poets“, einer Gruppe der amerikanischen Avantgarde, die sich in den siebziger Jahren in Kalifornien formiert hat und seither nach Möglichkeiten sucht, den gesellschaftlichen Aufbruch jener Zeit mit der Erbschaft der großen Modernisten wie William Carlos Williams oder Gertrude Stein aufs Neue zu verbinden. Jeder Indienstnahme von Wörtern zur Bezeichnung vorfindlicher Wirklichkeit steht hier die Auffassung entgegen, dass Sprache sehr viel mehr und sehr viel anderes leistet, als bloß Mittel eines derart fremden Zwecks zu sein. Im Verzicht auf alles Mittelbare dennoch nicht das Mitteilbare sprachlicher Hervorbringungen aufzugeben bildet daher das Programm; es versucht, das Eigentliche aller Sprache dadurch freizulegen, dass es die uneigentliche Redeweise unseres Sprachgebrauchs herausstellt, beispielsweise in den gängigen Naturbeschreibungen: „Zweige spreizen / die Finger. / Naturliebe ist eine Übersetzung. / Heimliches Nicken / im übertragenen Sinn“. / Tobias Döring, FAZ 17.4.
Rae Armantrout: „Narrativ“. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling und Matthias Göritz. Mit einem Nachwort von Marjorie Perloff und Fotografien. Lux Verlag, Wiesbaden 2009.
Im vergangenen Jahr erschien «Geheimbrief», ein weiterer Band der Dichterin und der erste ihrer «Schmerztrilogie» (der zweite Band wird Anfang Mai herauskommen). In diesen Gedichten geht es um den Schmerz und die Einsamkeit eines Menschen, der im Alter der Flüchtigkeit dessen inne wird, was er als Dichter mit Geist und Körper gelebt hat. Burkarts «Schmerztrilogie» ist die bewegende Nachricht von einem Menschen, der mit offenen Augen ins Zwielicht der Schöpfung blickt und in einer Sprache Antwort gibt, in der Scharfsinn, Intuition und Empathie gleichermassen aufgehoben sind. Diese Sprache hat uns Erika Burkart hinterlassen – als Schatz und als Geschenk zum eigenen Geleit. / Markus Bundi, Berner Zeitung 16.4.
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Mit diesem ebenso aufwendig wie liebevoll gestalteten Ziegelstein von einem Buch endet das Programm des Ammann-Verlags in Zürich. Schweren Herzens hat sich Egon Ammann bereits im vergangenen Jahr entschlossen, 2010 die Geschäfte einzustellen. Der Schwanengesang ist die vorliegende Gedicht-Anthologie von Wulf Kirsten. Zwanzig Jahre lang hat der Weimarer Dichter an dieser Sammlung gearbeitet. Ihm ist mit dieser Kollektion Großartiges gelungen! Von Friedrich Nietzsche bis Paul Celan reicht die Anthologie, deren Obertitel sich der Herausgeber bei Oskar Loerke geliehen hat. … Auch jeder gestandene Germanist wird hier Namen finden, von denen er bis dato nicht gehört hat. Vergessene Dichter wie Adolf Geck und Jacob Audorf, Adolf Schafheitlin und Otto zur Linde. / Kai Agthe, Mitteldeutsche Zeitung
Wulf Kirsten (Herausgeber): Beständig ist das leicht Verletzliche. Ammann Verlag, 1 119 Seiten, 79,95 Euro.
Wie – Gedichte? Für die einen komplett unzugänglich, geraten andere ins Schwärmen. Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck.
Die Zahl derer, die sich von den Bildern der Klangzauberer und Sprachmagier verführen lassen, nimmt zu: Es wird öffentlich gelesen, über Poesie debattiert, die Verlage trauen sich wieder zu produzieren… / Börsenblatt für den deutschen Buchhandel #15
Auch NILS KAHLEFENDT schwärmt im gleichen Heft vom Lyrik-Boom:
Poesie-Engpass? Gedichtverknappung? Im Gegenteil: Das Lyrik-Jahr 2010 startet mit starken Auftritten, von toll choreografierten Deüts bis zu spannenden Anthologien.
… Das Lyrik-Jahr beginnt als eines mit starken weiblichen Stimmen, die – eine interessante Tendenz in Poesie und Prosa gleichermaßen zu Hause sind. … Traumwandlerisch sicher choreografiert die ausgebildete Tanzpädagogin Martina Hefter Wörter und Körper in ihrem Lyrik-Debüt »Nach den Diskotheken« (Kookbooks); ihr genauer, häufig ironischer Blick lässt uns die Welt neu sehen. …
Kritiker-Heißsporne wollten für Ron Winklers Verse schon mal eine Popband gründen, und in der Tat lässt er es in »Frenetische Stille« (Berlin Verlag) krachen: »wir spürten die Mischung / aus Revolte und Parkplatz. spürten das / Potenzial der Geisha -Chicas so, wie wir / ihre angeborenen Schmauchspuren spürten. tief / in uns selbst, wo 17Fronten-Kriege tobten.« Wenn die Amplituden von Winklers Metaphernstakkato stärker ausschlagen als in den letzten Büchern, mag das auch seiner intensiven Beschäftigung mit junger amerikanischer Lyrik als Übersetzer und Herausgeber geschuldet sein.
Dass er nicht nur einer der sprachmächtigsten Dichter seiner Generation, sondern auch ein Anthologist mit gutem Händchen ist, stellt Winkler mit einer Sammlung von Ostsee-Gedichten unter Beweis. »Die Schönheit ein deutliches Rauschen« (Connewitzer) versammelt Texte von 5o Autoren der jüngeren Lyrik-Garde; wer als Hühnergott-Sucher glücklos blieb, wird beim Blättern »im Inhaltsverzeichnis der See« (Ulrike A. Sandig) jede Menge toller Entdeckungen machen.
Besprochen wird:
Deutschsprachige Lyrik
Anthologien
Übersetzungen
In der Zeit #15 erklärt Silke Scheuermann, was ihr heilig ist:
Zu Engeln hatte ich seit jeher ein gutes Verhältnis. Das fing im katholischen Kindergarten an, als ich die Erzengel in ungefähr 700 Zeichnungen verewigte und zu Weihnachten goldene Pappflügel trug fürs Krippenspiel. Das setzte sich im Studium fort, wo das Bild vom „Engel der Geschichte“ der Anfang meiner Leidenschaft für Walter Benjamin war. … Natürlich schwirrt in jedem meiner Lyrikbände mindestens ein Engel.
… Kann man also sagen, daß mir Engel heilig sind? Ja.
Lili Marleen als Auftakt eines Abends über Jazz und Lyrik aus dem Hamburg der 1920er-Jahre am Dienstag Abend im prall gefüllten Literaturhaus funktioniert wie keine klassische Ouvertüre: In der instrumentalen Version des Pianisten Matthäus Winnitzki spielt die Landser-Hymne die verschiedenen Register des Abends an – schon 1915 hatte Hans Leip den Text geschrieben, ein Künstler und Modernist, der sich unter dem Eindruck der Schlächterei des Ersten Weltkriegs dem von Blut und anderen Säften triefenden Tonfall des Expressionismus zuwandte und in den 20er-Jahren immer wieder Gedichte schrieb, die zu Songs auskomponiert wurden. / STEFAN HENTZ, Die Welt 15.4.
(Das muß man auch erst mal fertigbringen, Krieg und den bluttriefenden Expressionismus in einem Satz unterzubringen. Hamburger Moderne – offenbar etwas wie Landser- und Pfadfinderlied)
Der koreanische Lyriker Ko Un hat sein episches Großprojekt „Maninbo“ (Zehntausend Lebensläufe) abgeschlossen. 1986 erschien der erste Band, nach 25 Jahren sind es 30 Bände.
Der heute 77jährige konzipierte das Werk, als er während eines Militärputsches im Jahr 1980 unter dem falschen Vorwurf des „Hochverrats“ verhaftet wurde. Er nahm sich vor, jeden Menschen, den er im Leben getroffen hat, darin zu beschreiben.
Nach der Haftentlassung 1982 begann er mit dem Schreiben.
„Maninbo“ besteht aus 4001 Gedichten über 5600 Menschen, die Zeugen von Augenblicken der neueren koreanischen Geschichte wurden. / Chung Ah-young, Korea Times 16.4.
Es war nicht nur der Sarah-Sound. Es war der Lyrik-Sound. Lyrik lesen in der DDR bedeutete für junge Menschen mehr. Es war so etwas wie ein Code.
Man war schon ein bisschen anders als die anderen, man gehörte schon ein bisschen zu einem Zirkel. Und die metaphernreiche, uneindeutige Gattung Lyrik bot mehr, viel mehr Spielraum für das ungesagt Hörbare. Lyrik ist so etwas wie die Musik des Schreibens, klangvoll und assoziationsreich. / Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 15.4.
Als der russische Futurist Welimir Chlebnikow um 1909 in Gedichtform einen «Dingaufstand» beschrieb, bei dem die Dinge ihre herkömmlichen Bezeichnungen abwerfen, um sich neu zu einem gewaltigen Maschinenwesen – halb Kran, halb Kranich – zu formieren, eröffnete er damit eine Debatte, die in der Folge von Künstlern und Kunsttheoretikern, von Dichtern und Philosophen kontrovers ausgetragen wurde. Einig war man sich darin, dass die Dinge gegenüber den sie semantisch wie funktional determinierenden Begriffen und Metaphern «befreit» werden sollten – befreit auf immer wieder neuen Gebrauch hin, wofür es in der frühen Sowjetzeit auch viele neue Einsatzbereiche gab: Gerätedesign, Möbel, Kleidung, architektonische und industrielle Formbildungen, aber auch Malerei, Plastik, Film, Propaganda, Warenästhetik und selbst literarische Techniken wie die Faktografie in der Gesellschafts- und Industriereportage. … In einem umfangreichen Reader dokumentiert Anke Hennig diesen Emanzipationsprozess am Leitfaden von Programmschriften, Lehrplänen, Arbeitsberichten, theoretischen Abhandlungen, Statements von Künstlern, Literaten, Pädagogen. … / NZZ 6.4.
Über die Dinge. Texte der russischen Avantgarde. Herausgegeben von Anke Hennig. Fundus-Bücherei 181. Verlag Philo Fine Arts, Hamburg 2010. 910 S., € 26.–.
Gleichsam als Einleitungsformel sind dem Band drei Tekerleme – Gedichte, welche die «Sinnlosigkeit und verkehrte Welt» widerspiegeln – vorangestellt; zwei wurden von Dichtern des 15. Jahrhunderts verfasst, eins aber auch von Orhan Veli, der 1950 starb. So wird deutlich, dass das Spiel mit der Realität, die Lust am Absurden und das Verkehren des Rationalen ins Irrationale in der Vergangenheit so gut wie in der Gegenwart ihr Recht beanspruchen. / Monika Carbe, NZZ 3.4.
Erika Glassen / Hasan Özdemir (Hg.): Im Reich der Schlangenkönigin. Märchen, Schwänke, Helden- und Liebesgeschichten. Aus dem Türkischen von versch. Übersetzern. Unionsverlag, Zürich 2010. (Türkische Bibliothek) Fr. 33.90.
Sie trägt ihre Gedichte auswendig vor, im Stehen, und mit jeder Hebung wiegt sie sich ein bisschen mehr in den Rhythmus der Sprache hinein. Assonanzen und Reime steigen wie Luftbläschen auf und zerplatzen, jede Schlusswendung ist der Auftakt zu einem neuen Text, und zwischen den Gedichten entspinnen sich Klangkorrespondenzen, untergründige Bezüge, ein Frage-Antwort-Spiel. Sprache wird Musik. Es entsteht ein Sog, der die Zuhörer mitreisst. Einen Moment lang erreicht Patrizia Cavalli genau das, was sie in vielen Versen beschwört: die Auflösung der Zeit, einen punktuellen Stillstand.
Es geht um kleine Epiphanien, Momente, in denen das lyrische Ich unvermutet eins wird mit seiner Umgebung und sich aufgehoben fühlt im eigenen Dasein. Dieser Zustand kann immer nur von kurzer Dauer sein. «So etwas passiert ausser in Gedichten nur beim Kartenspiel oder beim Sex», kommentiert die 1947 in Todi geborene Lyrikerin im Gespräch. / Maike Albath, NZZ 8.4.
Patrizia Cavalli: Diese schönen Tage. Ausgewählte Gedichte 1974–2006. Aus dem Italienischen von Piero Salabé. Mit einem Nachwort von Giorgio Agamben. Edition Lyrikkabinett, Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 152 S., Fr. 26.90.
Lyrik hatte hierzulande ein Gesicht, das ihre: ein schmales, zur Seite geneigtes Gesicht mit grossen sehnsuchtsvollen Augen, umrahmt von hellen Locken. Lyrik hatte ihre zarte, weissgewandete Gestalt. Bis heute gilt Erika Burkart als die Lyrikerin der deutschsprachigen Schweiz. Mit Jahrgang 1922 gehörte sie zu einer Generation grosser Dichterinnen. Sie war vier Jahre älter als Ingeborg Bachmann, zählte zwei Jahre mehr als Friederike Mayröcker. Sie brauchte das Abseits, den ungestörten Umgang mit Jahreszeiten und Pflanzen und war trotzdem alles andere als eine Sängerin der heilen Welt. …
Um sie herum entwickelte sich seit Kriegsende – mit Günter Eich, Kurt Marti und andern – jene karge Moderne, die sie las und schätzte, die aber das Singen verbot und die schönen Wörter unterdrückte, welche sie eigentlich liebte. Aus der Not hat sie wunderbare Tugenden gemacht: die Wohlklänge ihrer manchmal festlichen, oft aber auch gedankenvoll fragenden Texte. / Beatrice von Matt, NZZ
– lernt man jedenfalls im Germanistikstudium (vielleicht außer in *** und ### ) 1) Dabei weiß jeder Medienkonsument, daß wir uns fast nur für den Autor interessieren. Wer soll schließlich all die Gedichtbände kaufen und gar noch lesen? Biografien aber kaufen wir gern. Eine neue mit interessanten Enthüllungen zeigt Iris Radisch in der neusten Zeit an: sie besucht in Paris die Ethnologin Brigitta Eisenreich, die in ihrem Buch „Celans Kreidestern“ von ihrer neunjährigen Liebesbeziehung mit dem Dichter berichtet. Auf einer ganzen Zeit-Seite (und wer nicht kaufen & lesen will, muß hören).
1) Namen der Redaktion bekannt.
Die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker erhält den Horst-Bienek-Preis für Lyrik der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wird der 85-Jährigen am 18. Mai in der Münchner Residenz überreicht. Mayröcker sei eine „der kreativsten und vielseitigsten Sprachkünstlerinnen der Gegenwart“. Ihre imposante Produktion zeichne die „magische Art und Weise“ aus, wie es ihr gelinge, ihre Werke immer wieder durch neue Sprach- und Schreibfindungen zu übertreffen. / Süddeutsche 15.4.
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