Er liebt mich, er liebt mich nicht, das altverträumte Gänseblümchen Spiel heißt jetzt “I love U, I don’t love U”. Unter diesem Motto stellt Alexa Hennig von Lange ihre gleichnamige, ganz persönliche Auswahl von Lyrik und Lyrics zum Thema Liebe und Herzschmerz vor. Unterstützt wird sie dabei u.a. von Zoe Jenny, Jan Wagner, Jenny-Mai Nuyen, Karin Fellner und den Manuskriptum-Absolventen Markus Michalek und Gregor Locher. Mit poetischer Instrumentalmusik von Tobias Heitzer (Perplex Poesie).
Die Kellergeister feiern die Liebe
Doonnerstag, 29. April 2010, 20 Uhr
Uni Lounge, Geschwister-Scholl-Platz 1
Eintritt: € 8/4
Das Herz gibt den Takt vor, der Puls zeichnet ihn nach. So verstanden ist der Puls ein Seismograf für unser Befinden, ein Code für Gefühle. Auch die Gedichte Cornelia Schmerles sind codierte Abbilder von Gefühlszuständen. Außenwelt findet Eingang in die inneren Landschaften der Dichterin, die sprachlich gestaltet werden. Folgerichtig nennt Cornelia Schmerle ihr literarisches Debüt „In Pulsen.“ Der Band aus dem jungen Berliner Verlagshaus J. Frank enthält Gedichte, die kein Abbild der Realität sein wollen, sondern dem Leser dichte sprachliche Kompositionen für schöpferische Prozesse im Leser zur Verfügung stellen.
Auffällig bei der Lektüre der Texte ist vor allem die Bildsprache. Die Gedichte sind reich an Metaphern, deren Sinn sich dem Leser durch rationale Analyse nicht erschließt, sondern intuitiv erfasst werden muss („Hier betet ein Traum um seine Richtigkeit“ – „Unter Ulmen“ oder „Sieh, meine kleinen Opiate streuen Wolken über die Naht“ – „Lotus“). Den Kern vieler Gedichte bilden sinnlich aufgeladene Hauptwörter: Puppe, Trommeln, Katzen, Lippe, Licht und Jungfrau. Überhaupt spielt eine sinnliche Verwendung von Sprache für die Autorin eine große Rolle („Im welken Licht – Das Tuscheln der Wände“ – „Chronik“/ „Wir zählen, was wir haben, Hand und Mund und Auge und Ohr und Haut, Haut auch“ – „Wacht“/ „du streust dem Sandmann dein Licht“ – „Posen“). In Cornelia Schmerles Gedichten wird angefasst, gesehen, gehört und gehandelt. Doch die Narration schafft keine im rationalen Sinne nachvollziehbare Handlung. Dazu wird das, was erzählt wird, zu sehr durch die Bildsprache der Autorin verfremdet. Konsequenterweise benennen oder kategorisieren die Überschriften nicht. Sie wirken eher wie ein zusätzlicher Vers, der dem Text einen neuen Aspekt hinzufügt. Dadurch wird der Resonanzraum der Gedichte vergrößert. / Andreas Hutt, literaturkritik.de
Cornelia Schmerle: In Pulsen. Gedichte.
Verlagshaus J. Frank, Berlin 2009.
92 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783940249333
Bisher in L&Poe: 2002 Jun # Bardinale in Dresden / 2007 Nov #14. außer.dem Nr. 14 / 2008 Okt #12. Neubuch / 2009 Jun #66. In Bienen / 2010 Feb #65. Vierte Ausgabe der Literaturzeitschrift [SIC] erschienen / 2009 Nov #16. Zeitkunst Festival
Das Instituto Cervantes in Marrakesch organisiert gemeinsam mit der École Supérieur des Arts Visuelles de Marrakech (ESAVM) und dem Goetheinstitut eine Schau des Lyrikfilms mit dem Ziel, diese in Marokko noch wenig bekannte künstlerische Richtung auszubreiten. Solche Filme werden alle zwei Jahre beim Berliner Zebra Poetry Film Festival vorgestellt, bisher ohne afrikanische Teilnehmer. Spanien wird von der Madrider Lyrikerin Verónica Aranda vertreten, die mehrere Gedichtbände veröffentlicht hat uns bisher u.a. mit dem Prix International de Poésie Margarita Hierro ausgezeichnet wurde. / eMarrakech 26.4.
Und Deutschland vertreten durch…? Auf den Seiten des Goetheinstituts Marokko habe ich es nicht gefunden.
„Die lyrischen Palimpseste Norbert Langes werden tiefe Spuren hinterlassen in der Lyrik des 21. Jahrhunderts.“ hat Michael Braun über die Gedichte von Norbert Lange geurteilt, der mit „Rauhfasern“ 2005 ein beachtenswertes Debüt hingelegt hatte. Mara Genschel schrieb seinerzeit: „In seinem ersten Gedichtband wetzt Norbert Lange gehörig an den altehrwürdigen Wänden und gelangt zu Schichten, Rissen, Fasern, die in ihrer spröden, dringlichen Schönheit freizulegen sicher nicht möglich wäre ohne eine listige, von gewissem Misstrauen zeugenden [sic] Zerstörungslust.“ Vielleicht war es nicht die Zerstörung, sondern eher der Wille zur Ablösung, das Bedürfnis nach Auflösung. Das läßt sein neues Buch vermuten, das soeben bei Reinecke & Voß erschienen ist.
Norbert Lange hat verschiedene poetologisch relevante Aufsätze aus den letzten Jahren zusammengefasst unter dem Titel „Das Geschriebene mit der Schreibhand“. …
Daß es etwas wie Sprache gibt, ist ein Wunder, das wir nicht zu verantworten haben. Aber wir dürfen das Geschenk annehmen und es uns genau anschauen. Damit umgehen. Unter anderem Gedichte schreiben. Letztenendes ist alles nur Spiel. Und dabei gibt es begabte und weniger begabte Leute, melodische Klänge und weniger melodische. Knochentrockene Gehirnkekse und flüssiges Gold. Das ganze Gedönse um zu schreibende oder nicht zu schreibende Lyrik ist vollkommener Blödsinn. Und die ganze Kliquenbildnerei und Abgrenzerei, die betrieben wird, ist einfach nur schädlich. Es geht darum, das individuelle Spiel anzunehmen und die chemischen Zulassungen in sich selbst aufzubrechen oder zu verändern. Sprachchemie zu haben, die zu einem passt. Manche pflegen sie nur und schreiben trotzdem passable Gedichte. Andere zerhauen alles und schreiben nur Schrott.
Mit Norbert Lange hat das alles soweit zu tun, daß er aktuell zu den Poeten gehört, die tief und stark reflektieren und alles auf eine Weise in Frage stellen, die fruchtbar ist. Über weite Passagen seines Buches führt er den Leser, manchmal etwas zu angestrengt und anstrengend, zu den Fragen, die Sinn machen. Die also Sinnfindungen im Leser evozieren. Das ist wunderbar. Das ist man gar nicht mehr gewohnt, es gibt zu viele überschätzte, hochbeachtete Wortmelder, die einfach nur Unsinn erzählen und auf lange Sicht der Poesie mehr schaden als nutzen, weil sie ein Schott nach dem anderen dicht machen, um in ihren Kabinen alleine zu sein. Lange löst sich, kappt Seile und schwebt erst mal herum, und dann dockt er an und deklariert nicht gleich das entdeckte Land zu einem lebenslangen Hinterindien. / Frank Milautzcki, fixpoetry.com
Norbert Lange
Das Geschriebene mit der Schreibhand
Aufsätze
Taschenbuch 12 x 19, 112 Seiten
Originalausgabe
Reinecke & Voß 2010
9,95 Euro
ISBN: 978-3-9813470-2-9
Der Dichter Erich Mühsam (1878 bis 1934) war am Sturz der bayerischen Monarchie sowie der Gründung der anarchistischen Münchner Räterepublik führend beteiligt und verbrachte danach mehrere Jahre in Festungshaft. Von seinem Wirken im Raum Rosenheim zeugt u.a. das Gedicht „Bayerisches, Allzubayerisches“ von 1926, in welchem er satirisch die offene Zusammenarbeit des konservativ-königstreuen Bürgertums mit völkisch-nationalistischen Kräften kritisiert. Der Antimilitarist, Antifaschist und Radikaldemokrat wurde in der Nacht des Reichstagsbrands verhaftet und in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 von der bayerischen SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.
Gemäß des Mühsam-Mottos “Sich fügen heißt lügen“ sind viele seiner Gedichte auch heute, 75 Jahre nach seinem Tod, noch aktuell. Sie können anspornen, alle Formen von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung zu kritisieren und für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Nation, Rasse, Geschlecht und kapitalistischer Verwertungslogik einzutreten. / bgland24.de
Die republikfeindlichen Reden, die zu diesem Anlass in Rosenheim gehalten werden, kontert Mühsam mit einem satirischen Gedicht, das mit den unheilschwangeren Zeilen anhebt: „Sie zogen auf in Rosenheim / mit Pauken und Trompeten / mit Ehrenjungfraun, Rührungsschleim / mit Jodlern und Gebeten“. Unter dem Titel „Bayerisches, Allzubayerisches“ legt Mühsam darin die denkbar unglücklichen Annäherungsversuche eines konservativ-königstreuen Bürgertums an dieselben völkisch-nationalistischen Kräfte offen, denen es nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten selbst zum Opfer fallen sollte. Noch aber grüßen die Rosenheimer den Kronprinzen ebenso „bierstimmig“ und „hofbräutönig“ wie den rechtsradikalen Sympathisanten der Thule-Gesellschaft – ersteren konsequenterweise mit „Hoch!“, letzteren mit „Heil!“. Mühsam reimt: „Hoch schlug der Rosenheimer Herz; / der Jubelschrei erschallte: / Heil Arco, der von hinterwärts / Kurt Eisner niederknallte!“ Von seiner linken Position aus schloss der Autor dieses Kampfgedicht aber gleichermaßen drohend wie ironisch: „Und wie’s in Rosenheim geschehen, / stets soll – so wolln wir hoffen – / der Mörder mit dem König gehen … / Wohin? – – – Das bleibt noch offen!“ / Michael Pilz, pressewoche.de
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
The great American poet William Carlos Williams taught us that if a poem can capture a moment in life, and bathe it in the light of the poet’s close attention, and make it feel fresh and new, that’s enough, that’s adequate, that’s good. Here is a poem like that by Rachel Contreni Flynn, who lives in Illinois.
The Yellow Bowl
If light pours like water
into the kitchen where I sway
with my tired children,
if the rug beneath us
is woven with tough flowers,
and the yellow bowl on the table
rests with the sweet heft
of fruit, the sun-warmed plums,
if my body curves over the babies,
and if I am singing,
then loneliness has lost its shape,
and this quiet is only quiet.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Rachel Contreni Flynn, whose newest book, Tongue, is forthcoming from Red Hen Press. Reprinted from Haywire, Bright Hill Press, 2009, by permission of Rachel Contreni Flynn and the publisher.
Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Der britische Schriftsteller Alan Sillitoe starb am 25.4. im Alter von 82 Jahren. Er wurde bekannt mit Romanen und Erzählungen („Samstag nacht und Sonntag morgen“, „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“), aber er debütierte mit Gedichten („Without Beer or Bread“, 1957) und veröffentlichte auch in der Folge etliche Gedichtbände. (1993 „Collected Poems“).
Nachruf im Guardian
Die Dschihadisten trauern: Mit Gedichten, in denen vom „Löwen Abu Omar“ oder vom „schwertschwingenden Abu Ajjub“ die Rede ist, Nachrufen und Durchhalteparolen reden sich Terror-Sympathisanten den Tod der Führungsspitze von al-Qaida im Irak schön. Doch das ändert nichts daran, dass die Terrortruppe möglicherweise vor dem Ende steht. / Spiegel.de
‚Lyrical terrorist‘ convicted for jihad poems – Times Online
September 17, 2006
As-Sahab, al Qaeda’s media propaganda unit, today released a new 23-minute video on radical message boards called „Jihad Poems of Sheikh Abu Yahya al-Libi“ that features Mohammad Hassan (alias Abu Yahya al-Libi), an al Qaeda fighter originally from Libya who escaped from Bagram prison in July 2005. He appears wearing a suicide vest as he reads handwritten notes in front of at least 14 al Qaeda militants, some of which clutch kalashnikovs. During the introduction of the video the crowd fires the weapons into the air. / osint
Lover of Jihad – A Poem by Mujahid Abu Hafs („a member of the Islamic Army in Chechnya.“) / youtube
Und so schreibt Michael Lentz ausgesprochen zumutbare Gedichte, die von Chaos, Terror und Wahnsinn, mit denen Liebe ja durchaus auch einhergehen kann, meilenweit entfernt sind. Sie zielen ganz und gar auf das Einverständnis mit dem Leser. Ihnen ist nichts Widerständiges eigen: Wir wissen ja im Grunde alle, was Liebe ist, scheint jeder Vers hier zu sagen: Ist es nicht schön, dass wir das gleiche fühlen?
Nicht anders als ihr magerer Gehalt lässt auch die Form dieser Gedichte an das gefällige Geklimper bloßen Kunsthandwerks denken. So arbeitet Lentz beispielsweise gerne mit Wiederholungen, was durchaus seinen Reiz haben kann, in „Offene Unruh“ aber eher zu ahnungsvollen Evokationen führt als zu tatsächlich Unruhe stiftenden, verunsichernde Versen: „in einem anderen zustand sein / in einem anderen zustand sein wollen / in einem ausweglosen zustand / ausweglos unzuständig / für den ausweg zuständig sein / in einem zustand“.
Überhaupt klingt hier vieles auswendig gelernt, und manches klingt wie an der Universität: „ich bin dein eingeschriebener text“. Anderes will Aphorismus sein und ist doch nicht weiter als pseudo-poetische Spielerei, Kalenderblattlyrik: „du bist / eine falte / und ich falle / in dich.“ Selten ist einem ein so anbiedernder Gedichtband begegnet. / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 19.4.
MICHAEL LENTZ: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 176 S., 16,95 Euro.
Aus Anlaß des Todes von Peter Porter verlinkt der Guardian-Nachruf auf ein Gedicht des Autors und auf eine von ihm verfaßte Besprechung von 2006. Ich hätte sie früher finden sollen, aber ich fand sie jetzt:
Die beiden israelischen Autoren sind keine Stilisten – ihr Ton ist kantig und direkt – aber sie zeichnen sehr detailliert das Leben einer bemerkenswerten Frau, die viele von uns kannten und liebten, und doch ließen wir zu, daß sie aus der Literaturgeschichte gestrichen wurde. Es kommt mir feige vor, wie wir warteten, bis die Hauptakteure tot waren, um uns vor Ted Hughes und dem literarischen Establishment zu verneigen und Assias tatsächlichen Anteil am Erbe von Hughes / Plath wegzuschneiden, um sie auf die Rolle der marginalen Versucherin zu reduzieren. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur auf den Mangel an schriftlichen Überlieferungen verweisen, der bis jetzt bestand. So wurde bald nach ihrem Tod Front gegen sie gemacht. Im Namen einer größeren Legende mußte sie im Hintergrund gehalten werden.
Als Hughes im Jahr 1962 Assias Liebhaber wurde und Sylvia Plath verließ, begann Assias Stern zu sinken. Gewiß, sie war kein Genie wie Plath, aber sie war doch mehr als nur die schöne Frau, die sich den berühmten Dichter angelte. Sie hatte Witz, Charme und Großzügigkeit, und wenn sie eigensinnig und melodramatisch sein konnte, wo war sie auch natürlich und geradlinig und niemals die „femme fatale“.
Der Titel des Buches stammt von ihrer selbstverfaßten Grabschrift: „Hier liegt eine Liebhaberin der Unvernunft und eine Verbannte.“ Es gibt noch einen anderen Epitaph: „Assia war meine wirkliche Frau und der beste Freund, den ich hatte.“ (aus einem Brief von Hughes, geschrieben nach ihrem Selbstmord 1969. Und doch leugnete er jede Verbindung zu ihr und schlimmer, in seinen Schriften, wie in „Träumer“ („Dreamers“) in den „Birthday Letters“, erscheint sie nur am Rande oder gar dämonisiert:
Wir fanden nicht sie – sie fand uns.
[…]
Die dunkle Tiefenströmung ihres deutschen Akzents
In der funkelnden, goldenen Kensington-Aussprache
War das Schwarzwaldflüstern deiner Vorfahren –
Sanft verbrämt mit dem fettigen Ruß der Todeslager.*
[…]
Halbherzig hieltst du Kontakt zu ihr,
Ihrem jüdischen Wesen, ihrer vielblütigen Schönheit
[…]
Wer war diese Lilith der Abtreibungen,
Die das Haar deiner Kinder mit tigerlackierten
Fingernägeln streichelte?
[…]
Sie saß da, mit ihrer rußfeuchten Wimperntusche,
In flammendorangener Seide, mit goldenen Armbändern
Und einem Hauch obszöner erotischer Mystik
Eine deutsch-
Russische Israelin mit dem Blick eines Teufels
Zwischen Vorhängen aus schwarzem Mongolenhaar.
Das sind Zeilen aus einem gewalttätigen, feindseligen Text. Das Gedicht endet so: „In diesem Moment verliebte sich / Der Träumer in mir in sie, und ich wußte es.“
(…)
Yehuda Koren und Eilat Negev haben ihre hinterlassenen Texte und Tagebücher durchforstet, die zum Großteil bei ihrer Schwester in Kanada liegen, und haben Menschen befragt, die sie in Israel, Kanada und England kannten. (…)
Assia Gutmann wurde 1927 in Berlin geboren. Ihr Vater, Dr. Lonya Gutmann, war ein mit einer evangelischen Krankenschwester verheirateter russischer Jude. In den 30er Jahren ging er mit seiner Familie nach Palästina, weil ihm klar war, daß er trotz seiner „arischen“ Frau keine Zukunft in Deutschland hatte.
Weder er noch Assia fühlten sich als Juden, noch weniger in dem neuen jüdischen Staat. Sie liebten die europäische Hochkultur – die großen Romanautoren, Dichter und Komponisten, deren Namen durch ihre Korrespondent schwirren. Sie wuchs dreisprachig auf, Deutsch, Hebräisch und Englisch.
*) Diese Zeile ist bei Porter weggelassen, ich zitiere sie mit, um die Bosheit des Textes noch deutlicher zu zeigen. Der deutsche Text von Andrea Paluch und Robert Habeck aus: Ted Hughes: Birthday Letters. Gedichte. Frankfurter Verlagsanstalt 1998 (Taschenbuchausgabe Piper 2000)
A Lover of Unreason
by Yehuda Koren and Eilat Negev
320pp, Robson Books, £20
Der britische Lyriker Peter Porter, Gewinner des Forward- und des Whitbread-Lyrikpreises und der Königlichen Goldmedaille für Lyrik (Queen’s Gold Medal for poetry), starb am 23.4. im Alter von 81 Jahren. Sein Freund und Kollege Anthony Thwaite nannte ihn „einen der besten Dichter unserer Zeit“. Porter war ein fruchtbarer Autor, der Belesenheit und Raffinesse mit einer menschlichen Note vereinte und so über fünf Jahrzehnte eine Reihe wunderbarer Bücher schuf.
Er wurde 1929 in Brisbane, Australien, geboren und kam 1951 nach London, wo er als Buchhändler und in der Werbung arbeitete, bevor er für den Observer über Lyrik schrieb. Wie Thwaite sagte, wußte er nie genau, wohin er gehörte. „In Australien galt er als Engländer und in England als Australier.“ / Richard Lea, Guardian 23.4.
“He was one of the two or three great heirs of W.H. Auden.“
An appreciation for Peter Porter. (The Sydney Morning Herald)
In L&Poe:
2008 Jan #73. Doppelsieger
2009 Mrz #8. Braucht das Land einen Hofpoeten?
2009 Jul #70. Shortlist für britischen Forward Prize veröffentlicht
Der in Tirol lebende Künstler und Autor (es läßt sich bei ihm nicht trennen) starb am Montag im Alter von 85 Jahren. Er war einer der wichtigsten Vertreter der visuellen Poesie. Hat die Nachricht (schon) den Weg in die deutschen Medien gefunden? Ich habe es erst durch den Hinweis eines Lesers erfahren. Nachruf im Standard vom 20.4.:
Es war die Materialität von Sprache, die Heinz Gappmayr interessierte. Der 1925 in Innsbruck geborene Künstler analysierte das Verhältnis der visuellen Schriftcodes, von Buchstaben, Zahlen und ganzen Begriffen zum umgebenden Raum, zu der sie tragenden Fläche. Daraus resultierten zurückhaltende Kompositionen, häufig nur in Schwarz und Weiß, manchmal ergänzt von Linien und einfachsten geometrischen Formen. „Die Fläche besitzt die ihr eigene Grammatik. Die Fläche nötigt dazu, den Text von ihr her zu denken, damit ihre Funktion zur Geltung kommen könnte“, betonte Gappmayr 1965 die Macht des Freiraums, den Einfluss der zwischen den Zeichen liegenden Fläche.
In Gappmayrs Arrangements von zentralen Begriffen sollte sich auch ihre Bedeutung herausschälen. „Die visuelle Dichtung macht sichtbar, wie sich bloße Striche in sinnhaft logische Welt ermöglichende Zeichen verwandeln.“ Und seine konzeptuellen Arbeiten wechselten ihre Träger:Sie hefteten sich etwa auf Papier und Leinwand oder führten installativ – als „Raumtexte“ – auf den Wänden der White Cubes oder im öffentlichen Raum ihre dynamischen Kraftgefüge vor.
Weitere Nachrufe: Kurier 21.4. / ORF Ö1 / Bücher.at /
In L&Poe:
2001 Mai # Nicht die Bibel
2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste
Immer wieder liest man da Sätze von wunderbar archetypischer Schlichtheit: «Und die Mutter im Fenster / Mit der Hand über den Augen.» Sie ist die intimste Gesprächspartnerin, auch nach ihrem Tod: «Weisst Du, Mama, nur Dir kann ich es im Alter sagen, (. . .) ich bin Dichter. Ich fürchtete dieses Wort und habe es Vater nie gesagt.» Tadeusz Różewicz rekonstruiert hier seine Familie, den engsten und doch wichtigsten Kreis des Lebens. Wer mehr über den Dichter wissen möchte, dem ist mit einem Sammelband gedient: «Schwarze Gedanken. Zum Werk von Tadeusz Różewicz», 2007 in demselben Verlag erschienen. / Gerhard Gnauck, NZZ 21.4.
Tadeusz Różewicz: Mutter geht. Aus dem Polnischen von Jolanta Doschek, Bernhard Hartmann und Alois Woldan. Verlag Karl Stutz, Passau 2009. 146 S., € 16.80.
Bekannt ist er mittlerweile weltweit, seine bilderreichen, archaisch-kryptischen Gedichte (die in China zur avantgardistischen Richtung der «obskuren Lyrik» zählten) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschienen seit 1987 mehrere Bände, nun liegt im Suhrkamp-Verlag die bisher umfangreichste Auswahl von Gedichten und Essays vor – eine faszinierende Lektüre. …
Über die chinesische Sprache notiert Lian treffend: «Das Chinesische verfügt über keine den europäischen Sprachen entsprechende Grammatik, die eine Handlung oder eine Sache mittels genauer Definition von Person, Tempus, Kasus und Numerus einzufangen versucht. Das auffälligste Charakteristikum des Chinesischen ist die Unveränderlichkeit der Verben und damit der Verzicht auf raumzeitliche Konkretion zugunsten ihrer Abstraktion. Dadurch wird suggeriert, dass nicht eine Wirklichkeit an sich besteht, sondern nur die Sprache.» Anders ausgedrückt: Das Chinesische strebt zum Universellen und Allgemeingültigen, wobei «jedes Schriftzeichen bereits ein Gedicht ist, ein vielschichtiger Bedeutungsraum». Hinzu kommt der freie Satzbau, der eine «unbekümmerte und assoziative Fügung der Bilder» sowie eine «schnelle Folge poetischer Einfälle erlaubt». Lian formuliert damit implizit seine eigene Poetik, ohne zu verschweigen, was er seinen Übersetzern abfordert. / Ilma Rakusa, NZZ 24.4.
Yang Lian: Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons. Gedichte und Reflexionen. Aus dem Chinesischen von Karin Betz und Wolfgang Kubin. Mit einem Nachwort von Uwe Kolbe. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 287 S., Fr. 49.50.
Die Presse (Wien) nimmt sich der Unsinnspoesie an
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