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Rae Armantrout (*1947) erhält dieses Jahr den Pulitzer Prize for Poetry für ihren Band „Versed“, der zuvor bereits für den National Book Award nominiert war. Sie war letztes Jahr in Deutschland zu Gast und hat mit Matthias Göritz im Literaturhaus Frankfurt und in Darmstadt aus dem 2009 bei luxbooks erschienenen Auswahlband „Narrativ“ gelesen. „Narrativ“, das auch Gedichte aus „Versed“ enthält, wurde übersetzt von Matthias Göritz und Uda Strätling. Der Band präsentiert Gedichte aus allen veröffentlichten Bänden Rae Armantrouts und ist mit einem Nachwort von Marjorie Perloff versehen. Die Auswahl stand im Dezember 2009 auf der SWR Bestenliste auf Platz 2. Rezensiert wurde sie bisher in der NZZ von Thomas Leuchtenmüller, über die Lesung im Literaturhaus Frankfurt berichtete Florian Balke in der FAZ.
Wir laden erneut ein, diese großartige Stimme der Gegenwartslyrik (in der nun 3. Auflage) zu entdecken!
http://www.luxbooks.de/narrativ.html
Leseprobe hier (darin, in Original und Übersetzung wie zwischen beiden, eine schöne Etüde über „zungensprachliche Liebesabenteuer“, wie sie vor sehr kurzem hier westen)*
*) Peng, schmeißt es sich in meine Anthologie. Ich muß den Verleger fragen.
Auszug aus der Rezension des Bandes „Frenetische Stille“ durch Tom Schulz, Poetenladen 24.3.:
Seitdem hat sich sein Blick fokussiert auf metropolitane Dichtung. Fanden sich in Fragmentierte Gewässer (Berlin Verlag, 2007) deutliche Spuren von Rudimenten des Naturgedichts, die Winkler in hohem Maße ironisch-süffisant verabschiedet hat, so sind im neuen Werk Kühe und andere (halb) tierische Freaks Großstädtebewohner geworden. Freaks wie „die verschiedenen obdachlosen Sloterdijks“, die man sich vor dem Cartier- oder Appleladen vorstellen muss. Konzessionslose Fruchtfleischdesigner, die der Dichter in Urbanitätsreservaten gescoutet hat für das Gegenwartsgedicht. Denn schließlich geht es an die Blutbank- und Liegewiesenreserven. Ron Winkler weiß das: „bitte tank noch einmal leer. vom Trost, / den der Leser braucht.“ Allenthalben sind Winklers Gedichte für Fünfsternelyrik-Leser tröstlich in dem Sinn, dass sie auch „zungensprachliche Liebesabenteuer“ sind. Ihre Berücktheit entspringt dem unbedingten Willen zu gedanklicher Luzidität. Sie erhellen sich und den Leser ohne kassenärztliche Zahnbrücken. Sie kommen ganz ohne geistige Stützstrümpfe und Einlagen aus.
Technischer Nachtrag:
Schon mehrfach fiel mir auf, daß Beiträge beim Poetenladen in meinem Programm einen interessanten, sozusagen, Zusatzeffekt erzeugen. Irgendwelche Zeichen, vermutlich bedingte Trennstriche aus einem Schreibprogramm, verwandeln sich automatisch in Leerzeichen, die man manuell herausnehmen muß. Oder stehenlassen, was so aussähe:
Seitdem hat sich sein Blick fokussiert auf metropolitane Dichtung. Fanden sich in Frag mentierte Gewässer (Berlin Verlag, 2007) deutliche Spuren von Rudi menten des Natur gedichts, die Winkler in hohem Maße ironisch-süffisant verab schiedet hat, so sind im neuen Werk Kühe und andere (halb) tierische Freaks Groß städte bewohner geworden.
Bei Textem führt Carsten Klook ein Gespräch mit Ron Winkler über seine neuen Gedichte. Zwei Ausschnitte:
Eine der Ideen für die neuen Gedichte war die der Kontamination. Einer Kontamination mit Interessen und Sprechweisen des eigenen Oeuvres, vor allem aber einer Kontamination mit jener grundlegenden Verstörung, die uns umgibt und erfasst und die voller struktureller, aber auch individueller Absurditäten ist.
Zudem hat mich die Vorstellung abgeschreckt, ein spezielles Label zu repräsentieren. Repräsentieren zu müssen. Spätestens nach „Fragmentierte Gewässer“ gab es den zementenen Anwurf, ein Naturlyriker zu sein. In dieser Enge wollte ich nicht leben. Das bedingte hier und da eine Art Selbstabkehr. Auch um mich selbst zu überraschen. Mit Surrealismen und anderen Formen. Formwandlerisch zu operieren, schien mir immer schon mehr als nur reizvoll. Es gibt die tollsten Autoren, die jedoch in prächtiger Zombiehaftigkeit verharren. Sie sind schön, aber irgendwie tot.
Was bleibt, ist der Wunsch, für besonderes Wahrnehmen zu sensibilisieren. Die Sprache zu elektrisieren, wenn auch da und dort mit einem sehr kalten Strom.
(…)
Carsten Klook: Was wünschen Sie sich für die Literaturszene, speziell für die Dichtung im deutschsprachigen Raum?
Ron Winkler: Für die Lyrik gesprochen: Dass der derzeitige Facettenreichtum erhalten bleibt. Keine Schulen, keine Dogmen. Wenngleich gebündelte Revolteabordnungen hier und da nichts Schlechtes wären. Und immer wieder neue chimärische Schreibweisen. Sinnlichkeit, Dekonstruktion und Gärung.
Frenetische Stille
Gedichte
Berlin Verlag 2010
ISBN 978-3-8270-0920-0
96 Seiten
Hardcover, Schutzumschlag
(unter Verwendung eines Bildes von Christopher Winter)
18,00 Euro
Eine Position des Außerhalb, des kunstvollen, aber randständigen Schreibens nehmen oft auch die Autoren der nach wie vor besten deutschsprachigen Lyrik-Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ ein. In der aktuellen Nummer 31 von „Zwischen den Zeilen“ präsentieren sich einige Autorinnen und Autoren, die ihre literarische Sozialisation am Literaturinstitut in Leipzig durchlaufen haben. Aber welch unterschiedliche Temperamente sind da anzuzeigen! Der aus Völklingen stammende Konstantin Ames favorisiert ein sprachexperimentelles Schreiben, das auf die „Ironiefähigkeit“ und semantische Biegsamkeit des lyrischen Sprechens vertraut. Die in Mecklenburg aufgewachsene Kerstin Preiwuß entwickelt eine aus alptraumhaften Visionen und Schreckensmythen sich speisende „Rede“, in die sich existenzielle Elementarerfahrungen eingeschrieben haben. Der literaturhistorisch versierte Bertram Reinecke schließlich schreibt lyrische Texte nach Quelltexten unterschiedlichster Art, als könne Dichtung nur noch entstehen durch die Anverwandlung und Überschreibung älterer Sprachschichten. So wird von Reinecke eine Übersetzung des walisischen Dichters Dylan Thomas in vier verschiedenen, höchst kunstvollen Versionen durchgespielt oder ein altes Andreas Gryphius-Sonett auf das aktuelle Thema Finanzspekulation hin transformiert. …
Eine weitere eigensinnige Stimme aus Leipzig wird im neuen Heft, der Nummer 57 der Dresdner Zeitschrift „Ostragehege“ vorgestellt: die Dichterin Mara Genschel, die in ihren Texten die musikalische Verwandtschaft der Poesie mit dem Gesang zu zelebrieren versteht. In einem Porträt Mara Genschels bescheinigt ihr Anja Utler eine „(volksliedverwandte) Direktheit“ und „Klangverläufe körperlichen Hierseins“ – wobei in den abgedruckten Texten Mara Genschels nicht recht deutlich wird, ob sich ihr Sprechen wirklich einer musikalischen Inspiration oder eher einer sprachgestischen Willkür verdankt.
/ Michael Braun 13.04. Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2010, Poetenladen
Zwischen den Zeilen: H. 31, 2010
Urs Engeler, Postfach, CH-4718 Holderbank SO. 190 S., 10
Ostragehege: H. 57, 2010
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 78 S., 4,90 €
poet: No 8, 2010
Poetenladen, Blumenstr. 25, 04155 Leipzig. 256 S., 8.80 €
Krachkultur: H. 13, 2010
Bunte Raben Verlag, Martin Brinkmann, Hollerallee 6, 28209 Bremen, 180 S., 10 €
Sinn und Form: H. 2/2010
Redaktion: Postfach 210250, 10502 Berlin. 140 S., 9 €
Fast zeitgleich mit dem von Felicitas von Lovenberg in der FAZ (vgl. Meldung Nr. 184 vom 27. Februar 2010) überschwenglich gelobten Band „Offene Unruh“ mit 100 Liebesgedichten und der von Raoul Schrott herausgegebenen Sammlung mit altägyptischer Liebeslyrik „Die Blüte des nackten Körpers“ (vgl. Meldung Nr. 17 vom 4. März 2010) ist im Verlag Ralf Liebe der Gedichtband „skype connected. Ein Liebesbrevier“ von Michael Basse erschienen.
Armin Steigenberger schreibt in seiner Besprechung in poetenladen.de: „Basse zeichnet die reife Liebe zweier Menschen, die sich am Morgen ihre Träume mitteilen, um so nachzuträumen, was der andere geträumt hat; zwei, die mitunter alles in Frage stellen, was man überhaupt in Frage stellen kann. Wer meint, Liebe sei etwas zwischen zwei Herzen und ginge allenfalls durch den Magen, der kann studieren, wie sehr Liebe hier auch durch den Geist geht.“
Heute wird „skype connected“ im Lyrik Kabinett (20 Uhr, Amalienstraße 83/Rgb., München) vorgestellt. Michael Basse liest, Einführung von Katrin Schuster
Michael Basse: „skype connected. Ein Liebesbrevier“, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2010, 67 S., 15 Euro
Der Pulitzerpreis für Lyrik geht in diesem Jahr an Rae Armantrout.
For a distinguished volume of original verse by an American author, Ten thousand dollars ($10,000).
Awarded to “Versed,” by Rae Armantrout(Wesleyan University Press), a book striking for its wit and linguistic inventiveness, offering poems that are often little thought-bombs detonating in the mind long after the first reading.
Also nominated as finalists in this category were “Tryst,” by Angie Estes (Oberlin College Press), a collection of poems remarkable for its variety of subjects, array of genres and nimble use of language; and “Inseminating the Elephant,” by Lucia Perillo (Copper Canyon Press), a collection of poems, often laced with humor, that examine popular culture, the limits of the human body and the tragicomic aspects of everyday experience.
RAE ARMANTROUT: Narrativ. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. luxbooks.americana
Vgl. L&Poe 2009 Okt #98. Rae Armantrout bei luxbooks
Hochkarätige kroatische Künstler verwandeln Fellbach während des 4. Europäischen Kultursommers in ein pulsierendes Zentrum für Musik, Tanz, Literatur, Theater, Kleinkunst und bildende Kunst. Neben Kroatien ist als zweites Gastland Österreich geladen. …
Die kroatische Lyrik, die von der Schönheit der Sprache und den dunklen Flecken der Vergangenheit erzählt, meldet sich in der Übersetzung sechs namhafter deutscher Lyriker zum ersten Mal auch auf Deutsch zu Wort. Den neuen Band „Konzert für das Eis“aus der Reihe „Poesie der Nachbarn“ stellen Hans Thill und Zvonko Makovic am Mittwoch, 28. April, 20 Uhr in der Stadtbücherei vor.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Wendy Videlock lives in western Colorado, where a person can stop to study what an owl has left behind without being run over by a taxi.
The Owl
Beneath her nest,
a shrew’s head,
a finch’s beak
and the bones
of a quail attest
the owl devours
the hour,
and disregards
the rest.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Der iranische Lyriker Ali Ghazanfari und der Kölner Gerrit Wustmann geben gemeinsam eine Buchreihe heraus, die auf 4 Jahre, 40 Bände und ca. 80 deutsche und iranische LyrikerInnen ausgelegt ist. Die Bände werden zweisprachig sein und ab Sommer bei Karapayam Publishing in Teheran erscheinen.
Die ersten 3 Bände, die Wustmann zur Zeit zusammenstellt und die Ghazanfari dann ins Farsi übersetzt, beinhalten Beiträge von Axel Kutsch, Stan Lafleur, Marie T. Martin und Christoph Wenzel. Umgekehrt wird Ali Ghazanfari iranische LyrikerInnen auswählen, die ebenfalls zweisprachig erscheinen sollen.
Mit der Edition soll ein intensiver Kulturaustausch zwischen deutschen und iranischen LyrikerInnen angeregt werden. Lesereisen sollen u.a. in Teheran, Isfahan, Shiraz, Köln, Berlin und München stattfinden.
Vgl. die im Aufbau befindliche) Website www.deutsch-iranische-lyrikedition.de
Mit dem Einkommen von Schriftstellern befaßte sich die FAZ am Wochenende, zB mit dem von Marcus Roloff:
Marcus Roloff, der als Lyriker in Frankfurt lebt, denkt stattdessen gerne an die Auszeit zurück, die ihm im vorigen Sommer ein Aufenthalt im brandenburgischen Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf beschert hat. „Man kann da wunderbar arbeiten.“ Da von der Lyrik niemand leben kann, hat Roloff beschlossen, das Geld von vornherein nicht durch Schreiben zu verdienen. Wie bei etlichen anderen Autoren wird das Haushaltsbudget vom Verdienst des Partners gestützt. „Meine Frau verdient gottlob okay.“ Roloff selbst verfasst Gutachten für Verlage. Bis Februar hat er zusätzlich in einem Antiquariat gearbeitet. / Florian Balke, FAZ 10.4.
Zum National Poetry Month stellt Fleda Brown, Professor emerita der University of Delaware und ehemalige poet laureate des Staates Delaware bei record-eagle.com ein Gedicht des russischen Dichters Ossip Mandelstam vor:
Alone I stare into the frost’s white face.
It’s going nowhere, and I — from nowhere.
Everything ironed flat, pleated without a wrinkle:
Miraculous, the breathing plain.
Meanwhile the sun squints at this starched poverty —
The squint itself consoled, at ease …
The ten-fold forest almost the same …
And snow crunches in the eyes, innocent, like clean bread.
— January 16, 1937
Seit meiner Kindheit kenne ich dieses wunderbare Gedicht von Daniil Charms: Ein Mann mit Säckchen und mit Stock / trat einmal aus dem Haus / und in die Wolt / und in die Wult / und in die Welt hinaus. So beginnt es in Alexander Nitzbergs Übersetzung (Daniil Charms: Seltsame Seiten, Bloomsbury, Berlin 2009). Ein berühmtes Gedicht. Und ein seltsames. Sofort nach seinem Erscheinen in einem sowjetischen Kindermagazin wurden Inhalte hineingelesen, die es nicht hatte. Am 1. Juni 1937 schrieb Charms in sein Tagebuch: „Nun ist eine Zeit gekommen, die noch schlimmer für mich ist. Im Kinderverlag hat man ein Gedicht von mir bekrittelt …” Später interpretierte man das Gedicht als mutige Parabel zum Großen Terror. Ich bezweifle das: Charms war kein Selbstmörder. Aber ich spürte immer, dass eine Geschichte dahintersteckt, nur wusste ich nicht, welche. Jetzt habe ich eine Vermutung. / Oleg Jurjew, Tagesspiegel 11.4.
Nazi-Dichterin, wie sie die MV genannt hat? Mitläuferin, von den Nazis „verführt“? Oder war sie die bloß die „Mutter Ostpreußens“, die Dichterin, die einem ganzen Landstrich Identität gegeben hat? Bürgermeister Franz Möllering will am kommenden Dienstag, 13. April, mit den Anliegern der Agnes-Miegel-Straße sprechen. Wollen sie ihre Straße umbenennen? Muss man das? Die MV will nachfolgend die Heimatdichterin vorstellen und darlegen, wie die Forschung ihr Verhalten während des Nationalsozialismus und danach bewertet. …
„Wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus kann Agnes Miegel kein pädagogisches Vorbild sein.“ Zu diesem Ergebnis kam ein Gutachten, angefertigt vom Uni-Historiker Hans-Jürgen Döscher. Dabei geht es dem Professor nicht allein um ihre Mitgliedschaft in NS-Organisationen oder Weihegedichte auf den „Führer“. Es geht ihm vor allem um die „unbeugsame Haltung“ der Dichterin Ostpreußens nach 1945: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemandem sonst“, hat Agnes Miegel auf entsprechende Fragen nach ihrer Vergangenheit damals geantwortet. Distanziert hat sie sich nie. …
Im Oktober 1933 gehörte sie zu den 88 deutschen Schriftstellern, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichneten – mit ihr unter anderem der Dichter Gottfried Benn, der Schriftsteller Max Halbe und der Dichter Hermann Kasack. …
1944, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, wurde sie von Hitler in die „Gottbegnadetenliste“ mit den sechs wichtigsten deutschen Schriftstellern aufgenommen – neben ihr Gerhard Hauptmann, Hans Carossa, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer und Ina Seidel. / Bocholter-Borkener Volksblatt
Was haben Friedrich Hölderlin und Georg Kreisler gemeinsam? Nichts. Deshalb erhält Kreisler den Friedrich Hölderlin-Preis 2010 der Stadt Bad Homburg. …
Als wär’s ganz einfach. Und wenn sich die in seinen Gedichten entfaltende Leichtigkeit des Reims mit schönem Wortglück paart, entstehen so seltene Reimpaare wie diese: Krokodil – Profil, Verschnürung – Globalisierung, erzählt – geölt, Juli – Patschuli, Töchter – Gelächter, Erdbeeren – wert wären, Formosa – Prosa, renitenter – Einkaufs-Center, Paprikatee – Adieu.
Erinnert das nicht an Fritz Grünbaum und Karl Farkas? Gewiss, wie ja Kreislers Lyrik überhaupt, auch in Tonfall und Thematik, eine sehr anklangreiche ist: man erkennt Spurenelemente u.a. von Ringelnatz, Kästner, Tucholsky, Eugen Roth, Wilhelm Busch, ja sogar von Heine. …
Und wenn der aus seinen Träumen erwacht, paraphrasiert er vielleicht Hölderlin: Größers wolltest auch du, aber das eigne Talent zwingt / All uns nieder . . .
/ David Axmann, Wiener Zeitung 10.4.
Georg Kreisler: Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte. Verbrecher Verlag, Berlin 2010, 119 Seiten, 19 Euro.
„wir kontrollierten die, die uns beobachteten, indem wir genau das machten, was sie sahen.“
Wenn die Musikkritik die „Hamburger Schule“ wegen ihrer alltagsphilosophischen Songtexte als „Diskurspop“ bezeichnet, könnte man Falbs Lyrik analog dazu Diskurslyrik nennen. Er experimentiert an den Rändern dessen, was Lyrik vermag. Provokant testet er lyrische Verfahren, ohne neue Worte zu erfinden oder Metren zu bemühen, durch semantische Collagen und Kombination verschiedenster Diskursformen, durch permanente Cut-ups aktueller Slangs und sprachlicher Milieus: Fragen, Behauptungen und Aphorismen, die sich thematisch gegenseitig annähern, sich gekonnt ins Wort oder in die Arme fallen, wo ein einziger Gedanke zum Thema nicht genügen kann. Denn dass ein einziger Gedanke selten genügt, dass immer auch ein aber, eine Brechung, eine andere Seite mitgedacht werden muss, ist ja kein Problem von Falbs Texten, sondern der Lyrik, der Literatur mittlerweile insgesamt.
„foyers oder lobbys, in denen die zahlungsbereitschaft für ein einfaches glas wasser beständig steigt.“
Der Literaturkritiker Michael Braun vermisst in einer eher argwöhnischen Besprechung („Kühler Mischer der Diskurse“ Tagespiegel, 18.10.2009) in Falbs Texten das lyrische Ich und diagnostiziert nichts als „eine poetische Relaisstation … in der keine Gefühle mehr zählen, sondern einzig noch das beiläufige Registrieren von Sprachbewegungen“. Das ist angesichts der einander regelrecht ins Wort fallenden Gefühlsströme in Falbs Texten eine höchst erstaunliche Einschätzung.
/ Martin Jankowski, Die Berliner Literaturkritik 19.3.
FALB, DANIEL: Bancor. Kookbooks, Berlin 2009. 64 S., 19,90 €.
Neu bei der Berliner Literaturkritik:
Monika Thees über
„Die Schlange“ von Markus Epha
Kurzprosa, Notate und Gedichte
© Die Berliner Literaturkritik, 01.04.10
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