Wien sei, ähnlich wie sonst nur Berlin, „ambivalent: Die Stadt kann pure Literatur erzeugen“, sagte Schindel. Dabei sei es ihm kaum möglich, Themen für seine Lyrik und Prosa zu wählen: „Es schreibt aus einem heraus“, erklärte er das Dichten. Und dass es eine schwere Arbeit sei, das Schreiben. „Erst in letzter Zeit fällt es mir etwas leichter“, ließ Schindel seine Zuhörer wissen, die seine wie spielerisch gedrechselte und doch scharf geschmiedete Lyrik und Prosa um so mehr genossen. / Brigitte Hess, Stuttgarter Nachrichten 7.5.
Herr Djerassi, wollen Sie überhaupt noch über die Pille reden?
Haha, die Frage gefällt mir. Die Antwort ist: Nein!
Warum nicht?
Weil ich seit einer Ewigkeit über nichts anderes reden muss. Ich führe aber jetzt ein anderes Leben, ich schreibe seit 20 Jahren Theaterstücke, Gedichte und Romane, ich bin ein intellektueller und literarischer Schmuggler und befasse mich nur mit Themen, die mich interessieren.
Sex und Liebe sind der rote Faden in Ihrem Werk.
Das stimmt – aber auch verbunden mit Naturwissenschaft. Wie verändern sich Sexualität und Liebe in Zeiten technischer Reproduzierbarkeit? Zuletzt habe ich mich allerdings mit jüdischer Identität befasst und das beste und wichtigste Buch meines Lebens geschrieben, aber da ging es eben gar nicht um die Pille. Also dürfte Sie das wohl kaum interssieren …
Ich muss zugeben, dass die sexuelle Revolution, die ohne die Pille undenkbar gewesen wäre, für mich persönlich sehr wichtig war. Ich habe in San Francisco gelebt, das vielleicht das aggressivste Zentrum dieser Revolution war. Ich habe darüber sogar ein Gedicht geschrieben, es heißt „Die Uhr läuft rückwärts“. Da beschreibe ich das sehr ehrlich.
Würden Sie es aufsagen?
Es handelt von einer rückwärts laufenden Uhr, die ein Mann zum Geburtstag geschenkt bekommt:
Amüsant – genau das Geschenk für den Mann, der alles hat
Wie faustisch, dachte der Freund
Als die Zeiger die 50 ereichten, hielt er sie an: Bücher, Hunderte von Artikeln, Dutzende von Ehren
Nicht schlecht, dachte er, die Uhr gefällt mir
Doch 50 war auch die Zeit, als seine Ehe zerbrochen war …
/ FR 7.5.
(Das Gedicht geht weiter – Zeileneinteilung ist online unsichtbar, ebenso wo genau es anfängt und aufhört)
Göppingen. Lyrische Visionen von Moses Rosenkranz sind am Sonntag ab 17 Uhr im Göppinger Stadtmuseum im Storchen zu erleben. In einem Vortrag mit Lesung wird an den bedeutenden Dichter erinnert.
Fast 100-jährig starb Moses Rosenkranz 2003 im Schwarzwald, wo er seit der Nachkriegszeit mit seiner Frau Doris Rosenkranz lebte. Die Witwe, deren fotokünstlerisches Werk derzeit im Museum im Storchen zu sehen ist, gab nach dem Tod ihres Mannes einen Band mit seinen Gedichten unter dem Titel „Visionen“ heraus, für den sie auch ein Nachwort schrieb. …
Als Dichter machte sich Rosenkranz bereits in den 1930ern einen Namen, in diesem Zeitraum erschienen drei Gedichtbände. Erst in den 1980er Jahren erschien das zweibändige Werk „Im Untergang“. Sein Untertitel „Ein Jahrhundertbuch“ verweist auf die Grundthematik der darin versammelten Gedichte. Erst 1998, mit Erscheinen des Gedichtbandes „Bukowina“ und vor allem mit „Kindheit – Fragment einer Autobiografie“ (2001) begann ein später Ruhm – da war Moses Rosenkranz schon über 90 Jahre alt. / Südwestpresse
VERNISSAGE Galerie Musenstube:
http://www.musenstube.de/galerie.html
8. Mai 2010, offen ab 18.30 Uhr, Aktionismus ab 19 Uhr
De Toys ist zwar als Lyrik-Performer bekannt, aber wenige wissen, daß er mit MALEREI begann und diese zeitlebens ernster nahm als seine Gedichte. Sogar seine Erfindung der QUANTENLYRIK (2001) resultierte aus der Vision, die integral-impressionistische Bildsprache in transrealistische Wörter zu ÜBER-setZen. Seine Werke gelten als Angewandter Lochismuß und berufen sich auf Turner, Monet & Mondrian.
Tom de Toys (1968-2091) wartet der Musenstube auf, nicht wie man es von ihm gewöhnt ist mit Wahrheit und Dichtung, sondern ganz visuell mit Werken seines Integralen Impressionismuß anläßlich des 20-jährigen Jubiläums dieses neuen “transrealistischen” Stils: Von ausgewählten Miniformaten (auf Industriekarton) bis zu einem brandneuen Großformat (auf Bettlaken) zeigt der Neuköllner Künstler erstmals Zeichnungen, Skizzen und Vorstudien zu seinem großen philosophisch-forscherischen Thema des Lochismuß in bildnerisch angewandter Form.
Mehr Backgrounds zum Künstler: http://www.transrealistik.de
AKTIONEN:
19h PERFORMANCE: Mini-Lochismuß-Perhappening, siehe beispiele unter http://www.beingcomplete.de
Die deutsche Schriftstellerin Ulrike Draesner erhält den mit 20’000 Franken dotierten Solothurner Literaturpreis. Die Jury würdigt damit die „sprachliche Leidenschaft und brennend aktuellen Diskurse“, die in ihrer Prosa und Lyrik „zu einer aufregenden Einheit“ finden.
Die am 20. Januar 1962 in München geborene Ulrike Draesner schreibt laut Jury „gestochen präzise Erzählprosa, fundierte Essayistik und eigensinnig kraftvolle Lyrik“. Daneben erarbeitet sie mit anderen Autoren und Künstlern „intermediale“ Projekte, so 2002 ein begehbares „space poem“. … In ihrer Lyrik „konfrontiert sie das lyrische Pathos stets mit wachem Gegenwartsbewusstsein“, lobte die Solothurner Jury. / swissinfo.ch
Nicht von Goethe und Schiller sollen die Gedichte sein, die jene sächsische Zeitung todesmutig drucken will, und auch nicht von Hinz und Kunz. Die ersteren sind mir bekannt, und ich ahne auch, warum sie sie nicht unbedingt drucken wollen (obwohl es die eine und andere sächsische Spur dort auch gibt). Aber wer sind Hinz und Kunz, und warum kommen sie zum Abdruck nicht in Frage? Der Metallarbeiter Günter Hinz („ich schreibe ungebeten“) stammt aus Essen, okay: vielleicht der rechte Mann, aber am falschen Platz. Der Berliner Expressionist Hugo Hinz (1894-1914), die Pommern Erich Karl und Johannes Hinz, Ulrich P. Hinz aus Nienberg oder auch der Berliner Marco Kunz (Jahrbuch der Lyrik) fallen gleichfalls heraus.
Nicht ganz so einleuchtend, warum Nadine Hinz von vornherein ausgeschlossen ist, die in der in Dresden erschienenen Sammlung „Das Spinnennetz der Sappho“ erotische Verse veröffentlichte. Und was ist mit Gregor Kunz, der zwar 1959 in Berlin geboren wurde, aber dann in Forst und Cottbus aufwuchs und nach Dresden ging, wo er schrieb (und auch: worüber). Ich kenne und besitze Poet’s Corner 13 (Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße 1992) und fand ihn in Anthologien und Zeitschriften wieder, u.a. neue deutsche literatur, Sklaven, Sklavenaufstand und Gegner. Also schon dafür: hinsehenswert.
Die Romantiker sind nicht romantisch, sage ich oft. Um 1800 entstehen viele der Probleme, die uns heute beglücken und quälen, und nicht Goethe und Schiller, sondern die jungen Leute in Jena, Weißenfels, Halle oder Göttingen sahen sie zuerst. Davon spricht dieses Zitat aus einem klugen Buch von 1967. Gut geschrieben obendrein – ich könnte sie ununterbrochen zitieren:
Ein wesentliches Feuerzeichen der Revolte war, daß man sich sprachlich voneinander absetzte. Künstler und Bürger beginnen in allen Städten Europas aneinander vorbeizusprechen. Das ergibt eine neue Sprache, in der hinter dem Gesagten immer mehr ist, als gesagt wird. Man steckt mit diesen konstruierten und auch vernetzten Formen die Distanz zum Biedermann ab. Sprache wird eine neue Aufgabe. Im dichtstrukturierten Dasein der Stadt hat Kunst sich anders zu behaupten. Sie ist als höchste menschliche Vollendung längst in Frage gestellt. Sie ist eine umstrittene Tatsache geworden und hat ein Existenzproblem. Durch ganz Europa geht die Unruhe des Stadtmenschen, die verblüfft, virtuos, reizvoll und gespannt in einer poetischen Weltsprache den Umbruch zu neuen Ordnungen unternimmt. Man versucht die labile Welt mit ästhetischen Mitteln zu meistern, vom Ungesicherten ins Sublime vorzustoßen. Es bereitet sich das Nietzschewort vor – die Welt ist im tiefsten Grund ein ästhetisches Phänomen –, das nicht durch Wissen und Sittengesetze ausgeschöpft werden kann. Und gerade dieser Umstand hat die angelsächsischen Länder immer wieder veranlaßt, die deutsche Romantik, an der ihnen die Verantwortung für Fortschritt und Wahrheit zu fehlen schien, als Stimmungsmache in Verruf zu bringen.
In: Marianne Thalmann: Zeichensprache der Romantik. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag, 1967, S. 12.
Bereits mit seinem ersten Gedichtband „Violine und andere Fragen“ brachte er es in seiner Heimat als Dichter zu einiger Berühmtheit. Typisch für seine Poesie sind die zahlreichen Heteronyme, Gelman begnügt sich nicht mit einem alter ego, sondern erfindet, in einem Spiel aus Masken und Simulationen, immer wieder neue: ob John Wendell oder Yamanokuchi Ando, ob Julio Greco oder Jose Galvan, hinter allen diesen fiktiven Personen verbirgt sich immer derselbe, Juan Gelman. …
„Die Poesie“, hat er einmal gesagt, „ist vor allem ein stetiges Hinterfragen. Die Wirklichkeit hat derart viele Gesichter, dass es schwierig ist zu wissen, welches das wahre Gesicht ist.“
Die „äußerste Einsamkeit des Exils“ hat Gelman auch dazu gedrängt, sich auf die Suche nach den Wurzeln einer (seiner) fast vergessenen Sprache zu begeben, des Sephardischen. Das Sephardische, dem heutigen Spanisch sehr ähnlich, ist eine alte jüdisch-spanische Sprache; „Dibaxu / Debajo“ (Darunter) heißt der Zyklus von Gedichten, den Gelman 1984 zweisprachig veröffentlichte (und der auch, im Verlag der Kooperative Dürnau, 1999 dreisprachig, auf Sephardisch / Spanisch / Deutsch erschienen ist).
„Sieh nur: / ich bin ein zerbrochenes Kind / ich zittere in der Nacht / die von mir fällt“, heißt es dort. Es ist in diesen Gedichten die Liebe, die einen kleinen Vorrat an Hoffnung gewährt. Geschichte ist bei Gelman, wie bei vielen lateinamerikanischen Lyrikern, oft genug vor allem Leidenserfahrung. Doch gibt es in diesem Werk eben auch den glühenden Augenblick – der Liebe und des Körpers: „…mein Herz ist eine zerkratzte Schallplatte / sie dreht sich immer um dich / sie hält, sobald sie deine Schönheit trifft.“
Im Zürcher teamart-Verlag ist eine der schönsten deutschsprachigen Ausgaben der Gedichte dieses bedeutenden Lyrikers erschienen, „Spuren im Wasser“, übersetzt und sehr kundig eingeleitet von Juana und Tobias Burghardt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 3.5.
Seit kurzem erst ist Homosexualität in Indien straffrei, nun soll erstmals eine Kuss-Szene zweier Männer in „Dunno Y . . . Na Jaane Kyun“ auf der Leinwand gezeigt werden. Bisher wurden Küsse aller Art im indischen Kino durch farbenprächtige Einstellungen auf Blumenfelder oder Wasserfälle symbolisiert. / Süddeutsche 27.4.
Mi. 12.05. 20 Uhr
Dichterleben
Richard Pietraß im Gespräch mit Thomas Kunst
Dieser 1965 am Stralsund geborene Mähnenlöwe, der seiner Fleischarbeit im berühmtesten Lesesaal des Landes, dem der Deutschen Bücherei in Leipzig, reviertreu nachgeht, lebt zugleich das entgrenzte Dasein eines welttrunkenen Dichters mit dem unstillbaren Hunger nach Schönheit und Liebe, deren Winkel und Weiten er auszuloten weiß. Er machte seinem Namen nicht höchste Ehre, würde er nicht in seinen vogelfreien und regeltreuen Gedichten zu einem artistisch Preisenden, einem spitzfindigen Lobsänger auf das feuchtfrohe, ungebügelte Leben.
Literaturforum im Brecht-Haus
Trägerverein Gesellschaft für Sinn und Form e.V.
Chausseestraße 125
D-10115 Berlin-Mitte=
Noch einmal Rilke-Oper:
Illés: Ich habe mir überlegt, was meine Musik mit der Sprache von Rilke zu tun hat. Auf den ersten Blick gar nichts. Rilke hat eine sanfte, fast süßliche sprachliche Oberfläche. Meine Klangsprache indes ist manchmal sehr rau, sehr bodenständig. Die Musik ist zusammengesetzt aus etwas, was ich Urgestalten nennen würde. Dann fiel mir auf, dass dieser symbolistische Text von Rilke alles von einem tiefen Grund her aufbaut. / Süddeutsche Zeitung 27.4.
(darin auch: Philipp Maintz über seine Oper nach Lautréamonts „Gesänge des Maldoror“)
Soeben erschienen ist das 10. Heft der Zeitschrift „Kultur und Gespenster“ mit dem Schwerpunkt „Literarische Hermeneutik“. Darin viele Beiträge, die sich spezifisch mit Lyrik beschäftigen:
– Tim Trzaskalik: „Die Mausefalle oder was Rimbaud über Banvilles Opheleien sagt“
– Jean Bollack: „Vom Hinauswachsen der Dichtung. Über Mallarmés Sonett ,Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui‘“
– Arnau Pons: „Vor Morgen. Bachmann und Celan. Die Minne im Angesicht der Morde“
– Jean Bollack: „Die Liebe – in Schranken“
– Massimo Pizzingrilli „,Orchis und Orchis‘ unterwegs nach Todtnauberg“
– Werner Wögerbauer: „Das Gesicht des Gerechten. Paul Celan besucht Friedrich Dürrenmatt“
Aber auch sonst ist dieses „spröde, querdenkende Intellektuellen-Magazin“, wie Till Briegleb in durchaus lobender Absicht schreibt (SZ vom 8. 4. 2010), sehr zu empfehlen, unter inhaltlichen ebenso wie unter (typo)graphischen Gesichtspunkten.
Kultur & Gespenster H. 10, 2010
Textem Verlag, Gefionstraße 16, 22769 Hamburg. 246 S., 12 €
My favorite anthologies of international poetry are Another Republic: 17 European and South American Writers (edited by Charles Simic and Mark Strand), The Poetry of Survival: Post-War Poets of Central and Eastern Europe (edited by Daniel Weissbort), The Vintage Book of Contemporary World Poetry (edited by J.D. McClatchy), and the beautifully-illustrated This Same Sky (edited by Naomi Shihab Nye). There’s some overlap in the collections. Sometimes I’ll read a certain poem, like Dan Pagis’s “Scrawled in Pencil in a Sealed Car,” in as many translations as I can find. Sometimes I’ll imagine that a favorite poem is in there, when it isn’t, like that Ruben Dario poem that starts, “I was a soldier who slept in the bed/ of Cleopatra the Queen.”
What makes a poem, a poem? In the new edition of Fernando Sorrentino’s Seven Conversations with Jorge Luis Borges, Borges says that he finds the idea that “all arts aspire to the condition of music” to be possibly true, because in music form and content are one. But he also thinks poetry has its own music: “For instance, when I was told that certain compositions of Verlaine had been set to music, it occurred to me that Verlaine would have been indignant about this, because the music is already in the words.” My own favorite poems are music, even when they’re not officially lyric poetry. …
Joseph Brodsky says: “…Every speech, every speech’s truth,/ is sleeping.”
Blaga Dimitrova says: “Write each of your poems,/ tersely, mercilessly,/ with blood–as if it were your last.”
Yannis Ritsos says: “Every word is a doorway/ to a meeting, one often cancelled,/ and that’s when a word is true: when it insists on the meeting.”
Anna Kamienska says: “Lord let me suffer much/ and then die.”
Vasko Popa says: “Let’s see you find the world now.”
Gloria Fuertes says: “…my body is an endless eye/ through which, unfortunately, I see everything.”
Paul Celan says: “It is time the stone made an effort to flower.”
Wislawa Symborska says: “The joy of writing./ A chance to make things stay./ A revenge of a mortal hand.”
/ ELIZABETH BACHNER, Bookslut.com
Komponistenverschwörung klingt nach Konspiration. Kühn ist dieser Name für ein Sextett – Tonschöpfer und Interpreten zugleich -, das sich der Moderne verschreibt. Sich verschwören heißt aber auch, sich mit voller Kraft für ein Ziel einzusetzen – und das traf bei ihrem Konzert in der Galeria Cervino den Kern.
Inspirationsquellen waren Lyrik, stereotypes Textmaterial, Kirchenlatein wie Musikzitate, die signifikante Klangphänomene ergaben. …
Martin Wistinghausen schuf sich mit den „Lamentationes Jeremiae“ und „Vier poetischen Skizzen“ ein breites Spektrum für seine markante Bassfülle: Flüsternd, rezitierend, singend sondierte er den Text, der Silbe wie dem Wort verpflichtet, zeigte er die Dimensionen zwischen Bibel und Trakl-Expressionismus auf. / Ulrich Ostermeir, Augsburger Allgemeine
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