Makarios (Frontmann von Die Art) und Dr. Pichelstein, verarzteten am Freitag ihr Publikum im Cottbuser Klub Chekov. Mit vertonter Lyrik des russischen Dichters Pratajev, Dr. Pichelstein an der Akustik Gitarre und Dr. Makarios begeisterte das Duo mit feinster handgemachter Musik mit Tiefgang. / Lausitzer Rundschau
Vgl. L&Poe
2002 Mrz # Pratajew lebt
2003 Sep # Pratajev-Forschung
2004 Mai #79. Pratajev wieder da
Pratajew lebt
Er muss gelebt haben. Mit an mittelgroßer Sicherheit grenzender Höchstwahrscheinlichkeit ist das Gerücht, Pratajev sei eine Erfindung gesellschaftlich abgedrifteter Spinner, falsch.
lesebühne tEXTRAbatt: der Zehnte
Am 11. Mai gibt die Stralsunder Lesebühne den Zehnten: einen großzügigen tEXTRAbatt für alle ZuhörerInnen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Seit Juni 2009 stehen die tEXTRAbatt-Gründerinnen Odile Endres, Silke Peters und Irmgard Senf jeden zweiten Dienstag im Monat auf der Bühne im Speicher am Katharinenberg – und seit September 2009 ist auch Ulrike Sebert mit von der Poesie-Partie.
Zum 10. Jubiläum werden Texte von allen vier Lyrikerinnen zu hören sein. Außerdem hat tEXTRAbatt zwei Gäste eingeladen: Amina Appelt, Autorin und Künstlerin aus Mecklenburg, und den freien Autor Michael Hüttenberger, der in Darmstadt und Ostfriesland lebt.
Ein prickelndes Programm, das runterläuft wie Prosecco: Ein Grund mehr zum Anstoßen auf den 10. tEXTRAbatt.
tEXTRAbatt gibt es wie gewohnt am zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Mehrgenerationenhaus im Speicher am Katharinenberg 35 in Stralsund. Es gibt auch einen Blog dazu.
Selten präsentierte sich die vermeintlich schwer zugängliche, oft selbstreferenzielle Poesie so erzählerisch und wirklichkeitsnah wie bei der nun zehnten Ausgabe von „Lyrik im Gespräch“ (eine gleichnamige Dokumentation von Grubers Nachfolger Ferruccio Delle Cave und Martin Hanni ist soeben im Bozener FolioVerlag erschienen, mit Audio-CD). Erstmals waren die Texte der neun Finalistinnen und Finalisten sämtlich „unter der nördlichen Automatensonne“ Deutschlands entstanden. Diesen Himmelskörper beschreibt Andre Rudolph mit einer anziehenden Mischung aus Ironie und Leichtigkeit in „confessional poetry“. Schnell war sich die ebenso konziliante wie profund urteilende Jury – bestehend aus Ulla Hahn, Ilma Rakusa, Hans Jürgen Balmes, Christoph Buchwald und dem Innsbrucker Germanistikprofessor Wolfgang Wiesmüller – einig: Ecce poeta, und zwar ein sehr gegenwärtiger, der in einem freien Ton und unverbrauchten Bildern dichtet. …
Auch ein „rundes gedicht“ von Undine Materni aus Dresden bekam gefiederten Besuch – von einer Taube, die sich aus Gedicht und Gedanken nicht mehr vertreiben ließ. Doch Materni geriet wie Myriam Keil mit ihrer resignativ-bissigen Großstadtlyrik oder Eva Christina Zeller, die anrührend schlicht über Menschen- und Autofriedhöfe schreibt, ins Visier des etwas selbstgerechten Klischee-Detektors von Christoph Buchwald. / Katrin Hillgruber, FR 10.5.
Der Lyrikpreis Meran (Juroren: Ilma Rakusa, Zürich; Christoph Buchwald, Amsterdam; Ulla Hahn, Hamburg; Hans Jürgen Balmes, Frankfurt/Main, Wolfgang Wiesmüller, Innsbruck) geht an Andre Rudolph (8.000 Euro). Der Alfred-Gruber-Preis der Stiftung Südtiroler Sparkasse (3.500 Euro) geht an Sünje Lewejohann. Carsten Zimmermann erhält den Medienpreis des RAI-Senders Bozen (2.500 Euro). Träger des Preises der Jury (1000 Euro) ist Christian Rosenau.
Michael Arenz’ Gedichte zu lesen ist, als würde man eine Zeitreise in die Siebziger unternehmen. Es schwingt darin der Sound von Fauser, Brinkmann, Wondratschek – auf eine ganz eigene Art. Es ist eine rotzig-dreckig-lässige Lyrik, eingängig und gut wie ein guter Rocksong, der sich erst erschließt, wenn man all seine Untertöne wirklich erfasst hat. Eine Lyrik, an der Cash, Jagger und Rose ihre Freude hätten. Vermutlich sogar Morrison. / cineastentreff 8.5.
Michael Arenz
„Die Vulgarität der Davongeschwommenen Felle. Poeme“
Silver Horse Edition, Marklkofen 2010
6,80 Euro
Emily Dickinson nannte sich selbst einmal „verrückt nach (Pflanzen-)Zwiebeln“ („lunatic on bulbs“), womit sie auf ihre Leidenschaft für Narzissen, Hyazinthen und andere Frühlingsblumen anspielte, die sie im Winter in ihrem Haus in Amherst, Mass., aufzog. Verrückt wird sie den Nachbarn vorgekommen sein, die sie beobachten konnten, wie sie in mondbeschienenen Sommernächten die Blumenbeete hinter dem Haus bepflanzte. / HOLLAND COTTER, New York Times 29.4.
Im New Yorker Botanischen Garten wurde der viktorianische Garten der Dichterin Emily Dickinson nachgebaut. Dickinson (1830-1886) lebte die meiste Zeit ihres Lebens im Haus ihrer Familie in Amherst, Mass., wo sie 1775 Gedichte schrieb. Nicht einmal ein Dutzend davon wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht.
„Hier müssen satte Menschen friedlich wohnen / Mit runden Köpfen, denen man vertraut. / Es riecht nach saurem Bier und braunem Kraut, / Nach fett und fromm gewordenen Matronen“: So lautet die erste Strophe aus Hans Adlers Gedicht „Das Städtchen“. An dem gleichnamigen Roman, seinem einzigen, arbeitete der Jurist und Textdichter ganze acht Jahre lang. „Das Städtchen“ erschien 1926 und wurde mit dem Künstlerpreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Schon zuvor waren Tucholsky, Klabund und andere auf Adlers satirisches Talent aufmerksam geworden. / Katrin Hillgruber, Tagesspiegel
Wenn etwa der Prosaautor Robert Menasse wortreich seine Überlegungen zur Romantheorie in Anschlag brachte und der Lyriker Nico Bleutge die Wirkungsprinzipien seiner Gattung in bildhaft knapper Diktion dagegenhielt, wenn die Kritikerin Iris Radisch ihr Unbehagen an einer Gegenwartsliteratur zwischen „Ernüchterungsstil“ und „Retro-Chic“ formulierte und ihre Kollegin Sigrid Löffler die grassierende Selbstentmachtung der Literaturkritik durch einen „Konsens der Mittelmäßigkeit“ anprangerte, wenn der eloquente Hubert Winkels die Befreiung der Literatur aus ideologischen, moralischen und pädagogischen Funktionszusammenhängen begrüßte und die stille Marion Poschmann mit leichter Hand die Kategorie des Schönen in die Debatte warf, dann schien nur auf den ersten Blick jeder sein eigenes Geschäft zu verfolgen: Im Kontext der drängenden Fragen und tastenden Antworten, die in diesem Kreis von Literaturliebhabern kursierten, fügte sich alles zum Puzzle eines schönen Schlachtengemäldes, das die Verteidigung der Bücher-Welt gegen ihre vermeintlichen und tatsächlichen Angreifer und Belagerer darstellte. / KRISTINA MAIDT-ZINKE über die Hamburger Begegnung von je etwa einem Dutzend Schriftstellern und Kritikern, SZ 3.5.
(Nun wär noch interessant, wie es wirklich war, zB wie es aus Marion Poschmanns Sicht aussah)
Alle liebten Jean Paul. Greise Anakreontiker überwiesen dem Heim-, Weib- und Mittellosen Kapitalien. Fabrikantengattinnen beherbergten den Herumstreicher, der in Gasthöfen oder zur Untermiete wohnte. Das Ehepaar Herder nahm ihn in familiäre Obhut. Dass eingeweihtere Freunde wie der siebzehnjährige Geiger Paul Emile Thieriot aus Leipzig sogar zu wissen meinten, «wie er es macht», konnte das panikartig um sich greifende Gerücht nicht aufhalten, der Mann sei, wie er schrieb. / Beatrix Langner, NZZ 8.5.
„Da Hebel bekanntlich das Alemannische u.a. mit seinen Gedichten literaturfähig gemacht hat, ist dieser Autor für die Lyrikzeitung einschlägig“, schreibt mir Konstantin Ames, und wie recht er hat. Goethe sagts ja auch:
„Der Verfasser dieser Gedichte ist im Begriff, sich einen Platz auf dem deutschen Parnass zu erwerben“, staunte Johann Wolfgang von Goethe bei Erscheinen von Hebels Erstling, den „Alemannischen Gedichten“. Und die ebenso begeisterte Rezension von Jean Paul, das Lob von Ludwig Tieck und Johann Georg Jacobi zeigten dem jungen Schriftsteller, dass er verstanden wurde. Die erste Auflage von 1200 Exemplaren war noch im Erscheinungsjahr vergriffen. Mit diesen „Alemanischen Gedichten“ wollte Hebel das „Volk“ erreichen, er wollte es teilhaben lassen am Prozess der Aufklärung aller Lebensbereiche, der ganz praktischen wie auch der theologischen. … Das kann man nur unterstreichen oder allenfalls noch Walter Benjamins Bemerkung anführen: „Nicht umsonst war das ,Schatzkästlein‘ ein Lieblingsbuch von Franz Kafka“. / Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Die Welt 8.5.
Am 10. 5. feiert man in Hausen (Baden) und anderswo den 250. Geburtstag des Dichters. Auch andere feiern schon vor: Manfred Koch in der NZZ („Der wahre Universalismus ereignet sich bei Hebel auf der Ebene von Knackwurst und Bier.“) / Niklaus Peter ebenda und als dritte im Bunde Hannelore Schlaffer („Der «farbige Staub» auf Johann Peter Hebels Dialektgedichten“ / „Der alemannische Tasso“) / FAZ 7.5. / Die Presse / Badische Zeitung („Johann Peter Hebel wird hauptsächlich wahr gno als alemannische Dichter, wenn mer ehrlich sin, dörfe mir ihn sogar „alemannischer Dichterfürst“ heiße.“) und und und.
Die Literaturlandschaft in Russland bietet ein uneinheitliches Bild. Während Verlage und Medien gerne junge Prosaautoren favorisieren, die in der Art der alten sowjetischen Romanciers schreiben (nur meist schlechter), existieren Parallelwelten, in denen es viel frischen Wind gibt. In erster Linie hat sich die Lyrik als widerstandsfähig gegenüber den neuen Markt- und Machtverhältnissen erwiesen. Auf den ersten Blick sieht die Situation ähnlich aus wie im Bereich der Prosa: Publikumsverlage drucken neben Klassikern die ehemals populäre sowjetische Lyrik oder deren Nachahmungen. Im Ganzen fällt die Lyrik nicht ins Gewicht, die Poesie ist für die Grossverlage wirtschaftlich uninteressant, sie gehört für sie eher zum «Rahmenprogramm». Zeitgenössische russische Lyriker sind weder mit Geld noch mit Ruhm verwöhnt. Weitgehend sich selbst überlassen, müssen (und dürfen) sie sich selbst organisieren.
Allerlei russische Lyrik wird in kleinen, nichtkommerziellen Verlagen, in neuen (und teilweise auch alten) Zeitschriften publiziert. Die Lyrikszene trifft sich auf Festivals und bei Klublesungen, und gerne tummelt man sich im Internet. Da Russischschreibende auf alle Kontinente verstreut sind, hat das Internet die nicht zu überschätzende Funktion, einen gemeinsamen Kommunikationsraum zu schaffen. Natürlich entstehen beim unkontrollierten Publizieren im Netz Unsicherheiten der Einschätzung, aber der Raum strukturiert sich von selbst. Bei den literarischen Internetprojekten weiss man sofort, wo ernste lyrische Spracharbeit stattfindet und wo sich pubertierende Jugend (jeden Alters) in Versen entlädt. / Olga Martynova, NZZ 8.5.
Der Artikel geht ein auf Dmitri Kusmin,
der inzwischen zu den Schlüsselfiguren des Literaturlebens gehört: als Organisator von Veranstaltungen, als Herausgeber einer der zwei Moskauer Lyrikzeitschriften und von vielem anderem mehr. Eine seiner Lieblingsthesen ist, dass es heute um die sechshundert bedeutende Lyriker russischer Sprache gibt und nicht drei, vier, sechs oder sieben, wie im traditionellen hierarchisch-pyramidalen Verständnis angenommen wird. Sechshundert ist sicher eine Übertreibung und ist wohl auch als solche gedacht. Aber nicht deshalb wird diese These von vielen bestritten. Sie passt einfach nicht in das gewohnte Bild der russischen Lyrik mit einem «Ersten Poeten» an der Spitze (wobei jeweils verschiedene Kandidaten in dieser Rolle gehandelt werden)
Die Autorin nennt dann einige Namen aus allen Altersgruppen, um den Reichtum zu illustrieren. Die Gruppe der über Siebzigjährigen hat in den letzten Jahren durch Todesfälle (wie Sergei Wolf, Gennadi Ajgi, Dmitri Prigow und kürzlich Lew Lossew) herbe Verluste erfahren. Bedeutende Vertreter dieser Altersgruppe sind Natalja Gorbanewskaja (Paris), Wiktor Sosnora (Sankt Petersburg) und Jewgeni Rejn (Moskau).
Unter den über Sechzigjährigen starb vor kurzem Jelena Schwarz. Sie nennt die Petersburger Alexander Mironow und Sergei Stratanowski, den Moskauer Michail Eisenberg sowie den zurzeit auf der Krim lebenden Iwan Schdanow.
Die um die Fünfzigjährigen seien wohl am meisten um die Welt verstreut: Leonid Schwab (Jerusalem), Dmitri Strozew (Minsk), Alexander Beljakow (Jaroslawl), Oleg Jurjew (Frankfurt/ Main – bei uns nur als Romanautor bekannt) und aus Sankt Petersburg Alexei Purin und Waleri Schubinski.
Von den Dreissig- bis Vierzigjährigen nennt sie: Igor Bulatowski (Petersburg), Andrei Poljakow (Simferopol auf der Krim) und Marija Stepanowa (Moskau).
Und bei den Jüngeren zwischen zwanzig und dreissig: Wassili Borodin (Moskau), Alexei Porwin und Alla Gorbunowa (beide Petersburg), Jekaterina Bojarskich (Irkutsk).
Diese etwa 20 sind die Spitze des Eisbergs, sagt die Autorin (die selber auch eine wichtige Lyrikerin ist).
„Was ich einst las erinnere ich nicht / Nur ein paar Freunde, jetzt in Städten. / Kaltes Schmelzwasser aus dem Zinnbecher trinken / Meilenweit hinabschaun / Durch hohe stille Luft.“ So die zweite Strophe des Eröffnungsgedichts seines ersten Lyrikbands „Riprap“, der 1959 in Kyoto/Japan erschienen ist. Ein halbes Jahrhundert ist diese poetische Sammlung mittlerweile in der Welt – und hat noch immer die Kraft der Überwältigung. Durch Einfachheit, Klarheit, den Rhythmus des Atmens.
Seit zehn Jahren liegt die deutsche Übersetzung von Alexander Schmitz im Verlag Stadtlichter Presse vor – zweisprachig, in einer Auflage von dreihundert Exemplaren. Der achtzigste Geburtstag des Dichters am heutigen 8. Mai soll in Deutschland mit zwei Neuheiten gefeiert werden: Matthes & Seitz hat die Essay-Sammlung „Lektionen der Wildnis“ angekündigt, Stadtlichter wird die frühen „Mythen und Texte“ in der Übersetzung von Bernhard Widder herausbringen.
Snyder spielt bei uns eine untergeordnete Rolle. Zweifellos ein Versäumnis, denn Schriftsteller dieser Kragenweite gibt es hier nicht. …
Was die westlichen Gesellschaften brauchen, hat Snyder einmal aufgelistet: Mehr Frauen in der Politik; religiöse Sichtweisen, die Natur nicht ausschließen und Wissenschaft nicht fürchten; politische Führer, die in Schulen, Fabriken oder auf Bauernhöfen gearbeitet haben und Gedichte schreiben; Intellektuelle, die Geschichte und Ökologie studiert haben und gerne tanzen und kochen; Dichter, die sich nicht um die Literaturkritik kümmern. „Aber was wir am meisten brauchen, sind Menschen, die die Erde lieben.“ / Olaf Velte, FR 8.5.
In der Jugend schwankte er lange zwischen Lyrik, Musik und Malerei. Lange galt er eher als Kleinmeister, heute rechnet man ihn zu den originellsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Bei einer Tunesienreise 1914 überwältigen ihn die Farben. Das Museum der Orangerie stellt sein Werk aus, das zum Ursprung der Welt zurückzugehen scheint. / Véronique Prat, Le figaro 7.5.
Bis Ende Juni ist seine Ausstellung im Mumok zu sehen; diesen Freitag tritt der (Sprach-)Künstler im Wiener Akademietheater auf
Mit Andrea Schurian sprach Gerhard Rühm über Religion, Provokation und Grenzerfahrungen.
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Standard: Sie sind heuer im Februar 80 geworden und unglaublich aktiv: Sie unterrichten, stellen aus, treten auf, publizieren: Denken Sie je ans Aufhören?
Rühm: Das wäre mein Tod. Ich habe noch so viele Ideen, ich muss mindestens noch zehn, fünfzehn Jahre leben, um wenigstens die wichtigsten umsetzen zu können.
Standard: Eine verwirklichen Sie jedenfalls am Freitag im Akademietheater: Neben Ihren berühmten Sprechduetten mit Ihrer Frau Monika Lichtenfeld wird es eine Uraufführung geben. Was wird das sein?
Rühm: Es heißt Gespräch über Schweigen und Verjährung und basiert auf einem Zeitungsinterview eines Missbrauchsopfers. Ein Sprecher – der Pianist – stellt die Fragen, das Klavier spielt die Antworten. Ich übertrage die Laute des Textes auf Töne am Klavier, das heißt, es wird im Duktus des Sprechtextes weitergeführt, nur versteht man den Text nicht. Wenngleich man aus den Fragen errät, wie die Antworten sein könnten. Darum geht es: um das Schweigen und Verschweigen. (…)
Standard: Warum ist gerade die katholische Kirche offenbar so anfällig für sexuellen Missbrauch?
Rühm: Missbrauch kommt auch in der protestantischen Kirche vor. Es liegt am total verkorksten Sexualdenken des Christentums überhaupt. Das Schöne am Hinduismus und anderen östlichen Religionen ist ja ihr völlig entspanntes Verhältnis zum Sexuellen. So verkrampft in Sachen Sexualität sind nur monotheistische Religionen, orthodoxes Judentum, Christentum und Islam.
Standard: Beschäftigen Sie sich viel mit Religionen?
Rühm: Ja. Ich besitze eine große religionswissenschaftliche Bibliothek. Natürlich finde ich die Bibel ein großartiges Buch, vor allem in der Luther-Übersetzung. Aber ich halte Religion – mit Ausnahme des Zen-Buddhismus, für den ich eine große Schwäche habe – für ein großes Übel und für Volksverdummung. Ich bin ein Gegner von Religionen. / Standard 5.5.
Im islamischen Königreich Saudi-Arabien steht „Tausendundeine Nacht“ auf dem Index. In Kairo befasst sich der Generalstaatsanwalt gerade mit einer Klage gegen das Werk, die eine Gruppe von Anwälten eingereicht hat. Die empörten Muslime fordern, die Verantwortlichen einer Behörde zu verurteilen, die kürzlich eine vom Kulturministerium subventionierte Ausgabe auf den Markt brachte. Die zwei Bände, die extrem günstig angeboten wurden, waren rasch ausverkauft. Ein Exemplar des Buches, das von hübschen Sklavinnen, listigen Händlern und abenteuerlustigen Königen handelt, fiel auch den sittenstrengen ägyptischen Anwälten – zwei Frauen und acht Männer – in die Hände. Am 17. April übergaben sie den Justizbehörden eine Klageschrift. Darin zitieren sie einige Passagen aus dem Werk, die aus ihrer Sicht anstößig sind und deshalb „der öffentlichen Moral schaden“. In diesen Auszügen geht es unter anderem um erotische Spielchen und die Frage, wie man Erektionsprobleme beheben kann. / Anne-Beatrice Clasmann, Die Berliner Literaturkritik 3.5.
Tausendundeine Nacht. Übersetzung von Dr. Claudia Ott. Verlag C.H.Beck, München 2009. 704 S., 29,90 €.
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