14. Vertont

Uraufführung im Frankfurter Kaiserdom: Am Samstagabend wird dort eine Vertonung von Gedichten des vormaligen Papstes Johannes Paul II. präsentiert. Geschaffen wurde das Werk für Orgel und Sopran vom französischen Komponisten und Organisten Naji Hakim. / Rheinische Post

13. Veropert

Lässt sich ein Rilke-Gedicht veropern? Die künftige Stuttgarter Hausregisseurin Andrea Moses zeigt bei der Münchner Biennale, dass es geht: mit einer szenisch durchaus kräftigen Handschrift. „Die weiße Fürstin“ heißt Rainer Maria Rilkes „dramatisches Gedicht“ – und ausgerechnet auf diesen heiklen, symbolisch befrachteten Text stützt sich die erste Oper von Márton Illés. / Südwestpresse

Termine: 8., 16., 24. Mai, 13. Juni.

12. Ausgestellt

Nach so vielen Schreckensdokumenten klingt die Ausstellung mit einem weichen Tupfer aus, der die Schriftstellerin von einer ganz anderen Seite zeigt. Zu sehen sind die Bild- und Textcollagen, die Herta Müller seit vielen Jahren aus Zeitungsausschnitten verfertigt, über tausend sind es mittlerweile, und die ursprünglich als Grußpostkarten entstanden.

Diese Arbeit, sagt Herta Müller, fordere sie genauso wie das Schreiben von Büchern. Die Schwierigkeit sei, dass man nichts mehr verändern könne, wenn die Schnipsel erst einmal auf dem Papier haften, so gleiche eben das Kleben dem Leben, sagt sie und lacht. Diese Collagen, in denen sie ihre heitere und ausgelassene Seite auslebe, für die in ihren Büchern kein Platz sei, zeugen mit ihrem anonymen Schriftbild von einem Leben, das jahrzehntelang durch Zensur und Schreibverbot bestimmt war. Und durch Denunziationen, die bis heute nachwirken.

Eines der Gedichte klingt wie eine Reaktion darauf: „dass Gefühle Röcke / aus Glas mit Rüschen / aus Eisen tragen / rührt beides nicht / an Grundsatzfragen“. Gläsern hat Herta Müller sich oft gefühlt – und ist es in den Jahren, da sie abgehört und observiert wurde, auch gewesen. Und wenn sie sich mit einem kalten Schmuck aus Eisen schützt, dann darum, weil es ihr zumal in ihren Büchern nie nur um sie selbst geht. / CHRISTOPHER SCHMIDT, SZ 24.4.

„Herta Müller. Der kalte Schmuck des Lebens.“ Im Literaturhaus München noch bis zum 20. Juni. Danach vom 24. September bis zum 21. November im Literaturhaus Berlin und in veränderter Form ab 9. Dezember im Stuttgarter Literaturhaus.
Das Begleitheft kostet 6 Euro.

11. Meine Anthologie: Galper und Gitler

Alex Galper

Galper und Gitler

Gitler haßt solche wie Galper –
Galper haßt solche wie Gitler.
Gitler mag Krebse mit bayrischem Bier –
Galper mag jüdische Frauen von hinten.
Gitler verheimlicht die Nationalität seines Opas –
Galper liest die Thora ohne die Kippa abzunehmen,
schläft mit schwarzen Frauen.
Gitler wollte die ganze Welt erobern und hat sich verschluckt –
Galper kostete alle Speisen der ganzen Welt und leidet an Verstopfung.
Einmal wird Galper Gitler an den Eiern packen,
ihm die Hose ausziehen,
und ihm den Hintern auspeitsche
n.

Aus: Gegner. quartalsschrift. heft 27, april 2010. EVP 6, S. 14

(Alex Galper: Echte Tragödien [Gedichte]. Aus dem Russischen von Alexander Filjuta, Ilia Kitup und Bert Papenfuß)

Die soeben erschienene Nummer enthält 17 Seiten mit Texten russischer Autoren.

10. American Life in Poetry: Column 267

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a poem by Susan Meyers, of South Carolina, about the most ordinary of activities, washing the dishes, but in this instance remembering this ordinary routine provides an opportunity for speculation about the private pleasures of a lost parent.

Mother, Washing Dishes

She rarely made us do it—

we’d clear the table instead—so my sister and I teased
that some day we’d train our children right
and not end up like her, after every meal stuck
with red knuckles, a bleached rag to wipe and wring.
The one chore she spared us: gummy plates
in water greasy and swirling with sloughed peas,
globs of egg and gravy.

Or did she guard her place

at the window? Not wanting to give up the gloss
of the magnolia, the school traffic humming.
Sunset, finches at the feeder. First sightings
of the mail truck at the curb, just after noon,
delivering a note, a card, the least bit of news.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by the Univ. of So. Carolina Press. Susan Meyers’ most recent book of poems is Keep and Give Away, Univ. of So. Carolina Press, 2006. Poem reprinted from Tar River Poetry, Vol. 48, no. 1, Fall 2008, by permission of the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

9. Literarische Aktion

Die Berliner Dichterin und Sängerin Maroula Blades gehört zu den wichtigsten englischsprachigen Poeten der Stadt. In Southampton geboren, lebt und arbeitet sie nun seit fast zwanzig Jahren in Berlin. Ihre Gedichte und Performances finden internationale Aufmerksamkeit, manchmal anderswo mehr, als hier bei uns. Höchste Zeit, diese ungewöhnliche Frau und ihre starken Texte sowie ihre außergewöhnliche Stimme und die beeindruckende Vortragsweise näher kennen zu lernen! Für uns wird sie einige ihrer neuesten, frisch veröffentlichten Gedichte lesen, die eigens für diesen Abend erstmals in Deutsche übertragen wurden.

***

Und wir werden wieder einen Überraschungsgast begrüßen…

LITERATURSALON AM KOLLWITZPLATZ

„Sehr angenehm durch den Abend führt – wie immer – der freundliche Schriftsteller Martin Jankowski.“ (Die Kritiker) „Jankowski holt einen Moment des Austauschs und der Reflexion in die Berliner Vorlesekultur, der auch anderen Bühnen gut anstehen würde.“ (TAGESSPIEGEL)

Für Getränke zu fairen Preisen sorgt wie stets die kleine Hausbar des Theaters O.N.

Karten & Informationen unter: Tel. 030-4409214
oder im Internet unter http://www.theater-on.com
Eintritt: 5 ,- € / erm. 3,- €

3.5. 20:00 Uhr – Theater O.N.

Berliner Literarische Aktion e.V.
Lychener Str. 73
10437 Berlin

info@berliner-literarische-aktion.de
http://www.berliner-literarische-aktion.de

8. Protest

Eine Nachricht aus Spanien vom 24.4. (Nachrichten aus Spanien, Javier Cáceres), Süddeutsche Zeitung):

Am Samstag werden viele der namhaftesten Kulturschaffenden Spaniens in 20 Städten demonstrieren: Für den Ermittlungsrichter Baltasar Garzón, dem bekanntlich ein Amtsenthebungsverfahren droht, weil er den Versuch unternommen hat, Gräueltaten aus der Zeit des spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) sowie der folgenden Diktatur von Francisco Franco (1939-1975) zu verfolgen. Bei der zentralen Kundgebung werden der Kino-Regisseur Pedro Almodóvar, die Schriftstellerin Almudena Grandes und der Poet Marcos Ana sprechen. Marcos Ana saß unter Franco 23 Jahre im Gefängnis, so lang wie niemand sonst.

Vgl. FAZ 19.4.

7. Gefundener Haiku

Im Fernsehkrimi, einem „Polizeiruf“ des DDR-Fernsehens von 1974, höre ich eben einen richtigen Haiku. Ein alter Mann sagt wörtlich (ich mußte nur das letzte Wort in den Plural setzen, damit die Silben stimmen):

Die Knospen brechen
auf, und schon liegt der Schnee auf
den Fensterbrettern.

Hier lesen Sie, daß der dichtende EU-Ratspräsident Herman van Rompuy nicht immer richtig zählt.

6. Berns seltsame Anthologie

Auch ein Kabarett das sich „Roland von Berlin“ nannte, öffnete 1904 seine Pforten in der Potsdamer Straße.

Der Autor des Gedichtes „Strassenreiniger“ allerdings ist ein anderer. Der dieses Pseudonym für sich benutzte, war der Dichter und Flaneur Leo Leipziger. Im Januar 1896 flanierte er durch Paris, stieg die Stufen zu einem Kellerlokal hinab, weil in dem etwas Unbekanntes geschah: lebende Fotografien! Aus dem Cinématographen der Gebrüder Lumière. Leipziger war sofort fasziniert. Nur wenig später, im April schon, lud er zur ersten Filmvorstellung in den Isolatograph Unter den Linden 21 ein. Der jüdische Rechtsanwalt und Schriftsteller, hatte, unabhängig von den Gebrüdern Skladanowsky, die bereits mit ihrem Bioscope lebende Bilder im „Wintergarten“ gezeigt hatten, das Kino in seine Heimatstadt Berlin gebracht und deshalb kennt man heute Leo Leipziger (1861–1922) eher in der cinematographischen Fachliteratur, als in der schöngeistigen. Er gab seit 1903 eine Zeitschrift gleichen Namens heraus und textete satirische und zeitkritische Gedichte und ebensolche Lieder, unter anderem auch für Claire Waldoff, die ihre Karriere aus dem kleinen Figaro Theater der Olga Wohlbrück (am Kurfürstendamm) ins Kabarett in der Potsdamer verlegt, in den „Roland von Berlin“. Sie steht dort im Hosenanzug auf der Bühne und singt Texte von Paul Scheerbart und die Zensur zeigt ihre Muskeln. Ein Skandal droht – eine Frau in einer Hose sagt, was Sache ist! unduldbar! – man komponiert rasch ein anderes Liedchen und kleidet sich nett und wallend und alles geht gut. Waldoff wird zum „Sternchen von Berlin“.

Das Gedicht „Strassenreiniger“ muß um 1905/07 herum entstanden sein und hat überlebt, weil um diese Zeit Maximilian Bern sich anschickte genau diese „Brettl-Dichtungen“, wenn man das als Genrebegriff einer vorexpressionistischen, großstadtgewohnten, liedhaften Poesie auffassen wollte, in seiner Sammlung „Die zehnte Muse“ zu dokumentieren. „ … oft übermütige Dichtungen, die sich den pedantisch strengen Grundsätzen der alten neun Musen nicht recht fügen wollen und daher eine neue Schutzgöttin – die zehnte Muse – beanspruchen“, schrieb 1909 der Verlag ins Vorwort. Das Buch etabliert sich rasch, wird zu einer Institution. Ein Freund von Leo Leipziger, der Libretto-Schreiber Georg Okonkowksi, muß im Anschluß sogar bis zur „elften Muse“ aufstocken, für eine Operette von Jean Gilbert, die 1912 in Hamburg uraufgeführt wird und etwa zeitgleich beginnt der renommierte Musikverlag Oscar Brandstetter in Leipzig Noten einer neuen Reihe aufzulegen: Die elfte Muse. Eine Sammlung moderner Cabaretlieder.  …

… es hat in Berns seltsamer Anthologie, die zwischen Brettl-Poesie und Vagabundenlied umher wackelt, mancher überlebt, der woanders in Vergessenheit geriet, die Münchnerin Gisa Tacchi beispielsweise, der man Pessimismus nachsagte, weil sie das Graue in der Welt sehen konnte, die Gynäkologin Margarete Beutler, die auch in Ostwalds Dirnenliedern herumberlinerte, um spontan nur zwei Damen zu nennen. 1902 erschien die Zehnte Muse erstmals mit einer Auflage von 6000 Stück im Verlag Otto Elsner (der sich damals just mit seiner „Zeitschrift für Theaterwesen, Litteratur und Musik“ Bühne und Welt aus seiner angestammten Spezialnische Eisenindustrie herauswagte und erfolgreich im Schöngeistigen etablierte) und Bern schob immer wieder erweiterte und umgestaltete Auflagen nach. Die Gedichte des „Roland von Berlin“ bspw. findet man erst ab dem vierundfünfzigsten Tausend von 1910. Die ernste Literaturkritik ignorierte das Buch weitgehend (bis heute), das dennoch sein Publikum fand. Im Jahre 1974 erschien die vorerst letzte Auflage (immer noch im gleichen Verlag) mit dann insgesamt 730 000 Exemplaren. / Frank Milautzcki, cineastentreff (vorher bei Fixpoetry – dort mit dem Text von Leipziger)

5. Sprache der Steine

Das WortReichteam will in seiner Maiveranstaltung am 2.Mai beweisen, dass es mit der Stille von Steinen nicht allzu viel auf sich hat. Die Kurzprosa und Lyrik der fünf Literaten kreist um die Sprache der Steine, lautstarkes Geröll, grantigen Gneis und so manch anderes, die Petrologie oder auch die Psychologie betreffende Phänomen. / mvregio

Wismar
Lesebühne WortReich- an jedem ersten Sonntag eines Monats –
2. Mai 2010, 19.00 Uhr. Einlass 18.30 Uhr Ort: Alte Löwenapotheke, Bademutterstr. 2, Tel. 03841 252538 Eintritt: 9,- EUR – Um Platzreservierung wird gebeten.

4. Es Läbe blybt es Läbe

Der als Mitglied der Berner Troubadours bekannt gewordene Liedermacher und Autor Fritz Widmer ist gestorben. Er erlag am frühen Mittwochmorgen einem langen Krebsleiden. Widmer war als Weggefährte von Mani Matter später auch mit dessen Nachlass beschäftigt. Widmer war im Februar 72 geworden. / NZZ 28.4.

Di nöie Stimme

Was ufhört, isch nid fertig,
s gseht mängisch zwar so uus,
es Läbe blybt es Läbe,
bis zletscht u drüberuus,
u ou we üsi Stimme
jetz nümm so heiter klinge:
Es chöme nöji nache,
wo nöji Lieder singe.

Fritz Widmer; übersetzt nach Mikael Wiehe

3. Deutsch-Französisch

Alain Lance, der Übersetzer von Autoren wie Christa Wolf, Volker Braun und Ingo Schulze, klagte über den Rückgang der Literaturförderung, wovon auch der Transfer der deutschen Literatur nach Frankreich betroffen sei. In Deutschland sieht das Bild insofern anders aus, als das Interesse seitens der Verlage an französischen Autoren nach wie vor gross sei, so Hella Faust, Literatur-Scout für den Hanser-Verlag. Französische Literatur werde zwar übersetzt und verlegt, das Problem jedoch liege in der Wahrnehmung: Nach ihrem Erscheinen erhalten französische Bücher seitens der Leser wenig Aufmerksamkeit, weshalb es bei unbekannten Autoren oft bei einem einzigen Werk bleibe. / Sieglinde Geisel, NZZ 29.4.

2. Meine Anthologie 41: Timur Kibirow, Gedicht

Gedicht

Das ist natürlich kein Dichtwerk und auch kein Diktat, sondern einfach so eine Darlegung.

Nicht ein Dichter bin ich, nur ein Exekutor, nicht mal ein Dilettant, nur schlicht ein Amateur.

Auch als Interpret tauge ich nicht, bin bloss ein artiger Begleiter.

Also wäre zu schreiben: Die Dichter Russlands und der Welt, auf der Leier begleitet von Timur Kibirow.

Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold

Aus: Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Montag, 21.08.2000 Nr.193 S. 23 (gefunden in der Online-Ausgabe, in der bei Gedichten die Absätze verloren gehen).

© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2000.

1. Von Ermüdung keine Spur

Der australische Dichter Les Murray verfiel der Lyrik mit 18. Es begleitete Herz, Geist und Körper mehr als 50 Jahre, von Ermüdung keine Spur. „Es bleibt immer noch was zu schreiben. Ich hab noch nicht alle Gedichte geschrieben. Und wenn ich tot bin, werden es andere weiter tun.“ …

In Bunyah machen sie kein Gewese um ihn. „Da bleibst du Les Murray, Cecils Junge.“ Aber in großen Städten wird er im Schnitt einmal am Tag erkannt. Manchmal schmeichelt das der Eitelkeit. Einmal saß er mit einem Übersetzer in Barcelona. „Als wir aufstanden, sagten zwei Mädchen am Nebentisch: ‚Schön daß Sie hier sind, Mr. Murray. Lassen Sie’s sich gut gehen.'“ “Es kostete ein Vermögen, das zu arrangieren, sagte ich zu ihm.“

Jedes Jahr im November taucht er auf dem Wettlisten auf für den nächsten Nobelpreis. „Es bedeutet mir nichts. Ich fühle, daß es ein riesiges Unglück wäre. Es krempelt dein Leben um und macht aus dir eine Berühmtheit“, sagt er. / Sydney Morning Herald 30.4.

Zuletzt in L&Poe

150. Istanbul

„Ich höre Istanbul zu, meine Augen geschlossen. /
Erst weht ein leichter Wind, /
Ganz leicht bewegen sich /
Die Blätter in den Bäumen. /
Weit, ganz weit in der Ferne, /
Die unaufhörliche Klingelei der Wasserverkäufer.
Ich höre Istanbul zu, meine Augen geschlossen.“

Das wohl berühmteste Gedicht Orhan Velis (1914-1950) ist natürlich auch zu hören in Joscha Remus‘ großem, abwechslungsreichem Porträt der Stadt am Bosporus. / Alexander Kluy, DER STANDARD 30.4.

Joscha Remus, „Istanbul“ . € 25,20 / 2 CDs / 157 min. Headroom-Verlag, Köln 2010