Ich will Kunst als Poesie. Poesie! Kunst ist Poesie! Menschen brauchen Poesie. Das war von Anfang an so. Belehren tut die Theologie oder die Philosophie oder die Ethik. Aber nicht die Kunst. Kunst war immer Poesie. Und die besten Künstler waren immer Poeten – alle anderen waren Handwerker. …
Es geht darum, das Unmittelbare zu sehen und es in Verbindung zu bringen mit anderen Sichtweisen, mit solchen, die eine emotionale Aufgeladenheit besitzen. Man muss nichts erfinden: Es geht darum, uns die Welt so vor Augen zu führen, wie wir sie potenziell in uns tragen – aber nicht sehen können, weil wir an unseren Gewohnheiten hängen. Das ist das Poetische. / Der Ausstellungsmacher Jean-Christophe Ammann im Gespräch mit der NZZ, 12..6.
In der Badischen Zeitung gratuliert Hartmut Buchholz:
Meckel hat seinem Vater Eberhard Meckel 1980 ein in seiner Radikalität einzigartiges „Suchbild“ gewidmet, dem 2002 ein „Suchbild“ der Mutter folgte, das mit dem unerhörten Satz einsetzt: „Ich habe meine Mutter nicht geliebt“. Diese Suchbilder dokumentieren private Erschütterung, wenn nicht Entsetzen und Fassungslosigkeit, in ihnen werden die Lebenslügen deutscher Bürgerlichkeit im 20. Jahrhundert entlarvt, Mitläufertum und humanistischer Dünkel attackiert, Gefühlsverkrüppelung und Charakterpanzerung beklagt. Im Binnenraum der eigenen Familie entdeckt Meckel eine spezifisch deutsche Misere – und damit ist der Fall, sein Fall, nicht länger privat.
„Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird. … Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.“
Über ein halbes Jahrhundert kontinuierlicher lyrischer Produktion: In seinen Gedichten, von denen einige durchaus die Schönheit pflegen, ist Meckel auf eine Wahrheit aus, die nur hier, in diesen Versen, in diesem lyrischen Sprechen zur Kenntlichkeit gebracht, in Reim und Strophe, Laut und Klang, Rhythmus und Melodie fixiert werden kann. Ein gelungenes, ein haltbares Gedicht wäre in diesem Sinn ein Gedicht, dessen Verse wahr sind auf nur einmal mögliche Weise. In „Nachricht für Baratynski“ (1981), auch ein Suchbild wie die grandiose Erzählung „Licht“ (1978), notiert Meckel: „Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist. Er ist eine Zumutung oder er ist Parfüm. Ein Steinschlag, oder Dünger fürs Feuilleton.“
Das Feuilleton hat ihn offenbar vergessen. Mit Wichtigerem beschäftigt. Nicht wichtig. Die Leser gratulieren.
Christoph Meckel in L&Poe:
2001 Apr # Kurz gemeldet
2002 Sep # Kurz gemeldet
2005 Mai #41. Schiller-Ring
2005 Jun #40. Christoph Meckel 70
2006 Okt #43. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2007 Mrz #74. Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (3): 22.3.
2007 Mai #89. Hellsichtiger Träumer
2007 Dez #113. Blick zurück nach vorn
2008 Dez #72. Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz
2009 Feb #21. Prosa
2009 Mai #2. Meckel über Kaschnitz
2009 Jun #77. Melancholische Hommage(alle im Archiv erreichbar)
Neuere seit Sommer 2009 hier
Ich kenne einen leidenschaftlichen Leser, der Meckel lesend erkannt hat, hier seine Ehrentafel:
KELLY, BRAUTIGAN, TAMMUZ, LANDOLFI,
Koeppen, Buber, Brodsky, Eigner, Barnes,
Cheever, Kristof, Bove, Guibert, Onetti,
Herhaus, Hilbig, Meckel, Coetzee, Charms.Faulkner, Vesper, Frisch, Eich, Schmidt, Vian,
Babel, Barthes, Bataille, Albert-Birot,
Hofmannsthal, Koltes und Maupassant,
Pynchon, Bernhard, Cortazar, Blanchot.Neumann, Nooteboom und Kennedy,
Fauser, Brinkmann, Strauß, Linhartova,
Inoue, Rougemont, Zürn, Robbe-GrilletHandke, Tschechow, Selby, Ferenczi,
Kafka, Murakami, Baudrillard,
Pavel, Bloch, Roussel und Depardieu./ Thomas Kunst
Kein Sprachenstreit ist zu erwarten, wenn am 23. Juni die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn: Belgien“ im Künstlerhaus Edenkoben ihre Arbeit beginnt. Philologisch begleitet von Beate Thill (Französisch) und Stefan Wieczorek (Niederländisch) werden bis zum 28. Juni deutschsprachige Lyriker ihre flämischen und wallonischen Kollegen ins Deutsche übersetzen. Die Erfahrung zeigt, dass neben den 3 Schriftsprachen noch viele weitere Idiome ihren Einsatz finden werden, ein schönes Babylon im gemeinsamen Bemühen zur Erstellung von Nachdichtungen herausragender Autoren Belgiens: Dirk van Bastelaere, Eric Brogniet, Karel Logist, Els Moors, Erik Spinoy, Liliane Wouters werden übersetzt von Gerhard Falkner, Zsuzsanna Gahse, Norbert Lange, Michael Speier, Ulrike Almut Sandig, Hans Thill (der auch die Leitung innehat). Das Projekt „Poesie der Nachbarn“ geht nunmehr ins 23. Jahr, es wurde von Gregor Laschen begründet und wird von Ingo Wilhelm organisatorisch betreut. Erste Ergebnisse der Werkstatt werden bei einer dreisprachigen Lesung am Sonntag in Edenkoben (Künstlerhaus 11 Uhr) und am Montag in Mainz (Villa Musica 19 Uhr) präsentiert. Im März 2011 wird eine Anthologie im Verlag Das Wunderhorn erscheinen.
Interviews sind bereits ab 21. Juni möglich, Anreise der belgischen Gäste 23. Juni.
Bitte wenden Sie sich an 0049 (0)6323.2325 (Künstlerhaus Edenkoben)
buero@kuenstlerhaus-edenkoben.de
www.kuenstlerhaus-edenkoben.de
www.wunderhorn.de/wunderhorn/content/buecher/literarische_reihen/poesie_der_nachbarn/index_ger.html
In der gleichen Ausgabe der Wiener Zeitung bespricht Hermann Schlösser drei Lyriker aus Österreich mit neuen Gedichtbänden:
Im Sommer 1975 reiste der damals zwanzigjährige Bernhard Widder durch Großbritannien. Unterwegs schrieb er Gedichte in englischer Sprache, die er damals allerdings nicht veröffentlichen konnte. In den späten achtziger Jahren übertrug er sie ins Deutsche, wobei er sie grundlegend überarbeitete und durch neue Texte ergänzte. Unter dem Titel „Handgerede“ erschienen diese Gedichte 1991 in Buchform. Widder hat sie später noch einmal revidiert, und jetzt ist sein „Handgerede / Slang of hands“ zum ersten Mal zweisprachig erschienen. Das ist dem risikofreudigen Mitter Verlag in Wels zu verdanken, der sich durch anspruchsvolle Editionen empfiehlt. …
Während Widder im Wesentlichen auf das Kunstmittel der Reduktion vertraut, macht Dine Petriks Gedichtband „wortreich.verschwiegen“ Gebrauch von Assoziationen, die sich nicht aus dem Sinn der Wörter ergeben, sondern aus deren Klang: „stark vom wermuts / hopfen / schwach von hoffmans / tropfen / aber ob hopp oder / drops / das genialste dann ist bald/ rian . . .“ …
Und was hat Christian Teissl Besonderes für sich? Am ehesten wohl die Schrift. Denn dieser Lyriker, der geschrieben hat „Vor mir schlägt ein Tag / seine Augen auf / hinter mir wird eine Schrift / als Geheimschrift erkannt“, versteht sich etwa auf das barocke Sprachspiel des Akrostichon , dessen Pointe sich einzig und allein im Schriftbild zeigt: Liest man die ersten Buchstaben der Verszeilen von oben nach unten, ergibt sich ein Wort, dessen Bedeutung sozusagen wie ein Wasserzeichen durch das Gedicht schimmert. In den neun Akrosticha, die in Teissl Gedichtband „Die Blumenuhr“ enthalten sind, heißt dieses Wort: „Silvana“ und manchmal auch „Anavlis“. (Und das ist ein „Palindrom“: Wer das Wort von rechts nach links liest, wird verstehen, wovon die Rede ist.)
Dine Petrik und Bernhard Widder gehören zu den Lyrikern, die am 24. Juni ab 19 Uhr in der Alten Schmiede in Wien das große „Dicht-Fest“ bestreiten. Mehr dazu unter http://www.alte-schmiede.at
Dine Petrik: wortreich. verschwiegen. Mit Fotografien von Gerald Zugmann. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 2009, 87 Seiten, 20 Euro.
Bernhard Widder: Handgerede /slang of hands. Mitter Verlag, Wels 2009, 181 Seiten, 22 Euro.
Christian Teissl: Die Blumenuhr. Mitter Verlag, Wels 2010, 136 Seiten, 19,80 Euro.
verkündet jemand: „Die Stelle des Festivaldirektors wird outgesourct und durch einen Vertreter der Avantgarde ersetzt, um im Volk das Feuer der Poesie zu entfachen.“
… deutscher Lyriker bespricht Andreas Wirthensohn in der Wiener Zeitung vom 11.5.
Im einzelnen:
Vergnügt und wagemutig lässt Kathrin Schmidt ihrer Sprachphantasie freien Lauf. Vor allem vermag sie die Wortbildungsproduktivität des Deutschen eindrucksvoll zu nutzen: „sensenfräulein“, „urstromteller“, „körperklangpendel“, „schlupflungenklamm“, „gedachtschneckenspuren“, „wittchenschnee“. Das ist nur eine kleine Auswahl all der Neuschöpfungen und -bildungen, die Schmidts aktueller Gedichtband (es ist ihr fünfter) zu bieten hat. Zwar sind nicht alle auf Anhieb verständlich, aber darum geht es nicht. Gerade die nicht sofort dechiffrierbaren Wörter erzeugen das für die Lyrik so typische Bedeutungsflimmern, den viel dimensional „verdichteten“ Gedicht-raum, der aus der Mehrdeutigkeit eine Tugend macht. /
Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 90 Seiten, 17,50 Euro.
Ins Surreale hinüber lappen dagegen die Alltagsgedichte von Ron Winkler. Dieser Autor ist ganz hart an der neuesten technisch-digitalen Realität dran – „es muss am Downloadshop gewesen sein“, beginnt bei ihm ein Liebesgedicht –, entwickelt daraus aber höchst disparate lyrische Gebilde, die hemmungs- doch nie gedankenlos die unterschiedlichsten Sprachebenen miteinander verzahnen: „Meldungen aus der aleatorischen Zone“ strahlen etwas aus, was man durchaus als „Coolness“ bezeichnen kann.
Ron Winkler: Frenetische Stille. Berlin Verlag, Berlin 2010. 96 Seiten, 16,90 Euro.
Ein Abenteurer des Alltags ist Hendrik Rost, der mit „Der Pilot in der Libelle“ schon seinen fünften Gedichtband vorlegt. Ob die „Brandschutzvorschriften / auf dem Pressspanschrank / in diesem Hotel“, ob eine „nervige Fliege“ auf dem Käse, ob die eigene Tochter oder der „Eiskremkopfschmerz“ – all das wird dem beobachtenden Ich dieser Gedichte zum Ausgangspunkt, um Erinnerungen wachzurufen, Wahrnehmungen und Assoziationen „driften“ zu lassen, das Flüchtige des Augenblicks in eine Form zu bannen, die über den Moment hinausreicht. „Ich setze nicht auf Ansichten / Neigung bleibt in Rufweite von Traurigkeit / Tradition läßt sich nur zahm vorstellen / Es geht um wunderschöne Zerstörung / Perlen wachsen um Lüge“.
Hendrik Rost: Der Pilot in der Libelle. Wallstein, Göttingen 2010. 111 Seiten, 18,50 Euro.
Am besten ist Jacobs dort, wo er mit den Traditionen spielt, etwa in „Parken verboten“, einer sehr hübschen Parodie auf Stefan Georges „komm in den totgesagten park“.
Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Wallstein, Göttingen 2010. 88 Seiten, 18,50 Euro.
Das Faszinierende an Poschmanns Gedichten besteht nun aber gerade darin, dass sie das Geistersehen gleichsam auf den Kopf stellen: Sie versuchen nämlich hinter das Sichtbare der Dinge zu blicken, doch dort verliert der Blick sogleich radikal an Schärfe: „was uns die Sicht verbarg, / war das Sichtbare; und wir / kontemplierten das Ding aus Dunst“. Diese Poetik der Unschärfe zeigt sich schon an den Titeln der einzelnen Gedichtgruppen: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ heißen einige. Das Ich dieser Gedichte, nicht selten auch ein Wir, sieht sich ständig mit dem Problem konfrontiert, dass die ganz realen Dinge umso ferner zurückschauen, je näher man sie anblickt.
Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2010. 126 Seiten, 18,30 Euro.
Das Ungeheuer hat viele Namen und keine feste Gestalt. Neun Jahre lang malträtiert es Sarah Manguso und zeigt ihr jedes Mal eine andere Fratze. Es lähmt ihr die Beine, verseucht ihr das Blut, fällt als Depression über sie her, schwemmt sie auf, fährt ihr als Katheter in die Brust und macht sie von Steroiden abhängig. Die Gravur ihres Notfallarmbands fasst das medizinische Schicksal der 1974 in der Nähe von Boston geborenen und heute in Los Angeles lebenden Dichterin im Begriff einer „chronisch idiopathischen demyelierenden Polyradikuloneuropathie“ (CIDP), einer schweren Schädigung des Immunsystems, die die Zerstörung der Nervenzellen zur Folge hat. Aber was anderes ist diese Wortreihe als eine weitere Chiffre für ein mysteriöses Geschehen, das beim Versuch, es in Schach zu halten, seinen eigenen Gesetzen folgt.
Zur Erklärung von Mangusos einzigartiger Variante taugt CIDP ohnehin nur halb. Der Begriff „Landrys aufsteigende Paralyse“ ist überholt und das Guillain-Barré-Syndrom nicht mehr als verwandt. Warum das Ganze nicht gleich Mallarmé-Apollinaire-Syndrom nennen, wenn es wie ein undurchdringliches Stück Poesie entziffert werden will. CIDP, könnte man mit der Verwegenheit sagen, die Sarah Manguso beim Schreiben über ihre Schreckensjahre geleitet hat, ist nichts anderes als das pathologische Gegenstück zu Wallace Stevens’ berühmter Vision des Gedichts als eines Texts, der sich dem Verstand fast vollständig widersetzt: „The poem must resist the intelligence/Almost successfully.“ Denn ums Verstehen, so viel macht Manguso gleich zu Anfang klar, geht es nicht. Es geht ums Erinnern. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 30.5.
Sarah Manguso: Zwei Arten von Verfall. Aus dem Amerikanischen von Annette Kühn und Ron Winkler. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 241 S., 22,80 €.
Bei Luxbooks erschien von der Autorin auch der Lyrikband „Komm her o Klarheit„
-AUSSER HAUS-
Di 15.6. 19:00
Mit Ludovic Bablon (Autor, Berlin)
Wiederverwenden, aufbereiten, umkrempeln – das Werk von Ludovic Bablon lässt sich schwer fassen: Seine Einflüsse reichen vom zeitgenössischen US-amerikanischen Roman über die moderne Philosophie hin zur japanischen Mediävistik. Seine Form findet er nicht nur im Gedicht, sondern auch im Roman oder feuilletonistischen Texten. Einerseits schreibt er seit 2002 an einem sechsbändigen Roman über das Leben Klaus Kinskis, andererseits sind seine Gedichte oft sehr kurze Texte skizzenhaften Charakters, kleine Aufnahmen des Moments.
Der Vortragsstil Bablons pendelt zwischen Spoken Word und Slam Poetry – also Lyrik zum Hören, weshalb man ihn live erleben sollte.
Diese Möglichkeit bietet sich im Institut français de Berlin, wo Ludovic Bablon im Rahmen der Ausstellung „Marianne Cresson – Envers singulier“, die in Kooperation mit der Literaturwerkstatt Berlin stattfindet, auftritt und eine poetische Performance darbietet.
Ludovic Bablon (*1977, Chaumont/Frankreich) hat bislang sechs Bücher veröffentlicht. Seine Arbeit wurde mit diversen Stipendien unterstützt. Gemeinsam mit dem Grafiker Julien Bach gründete er das „Atelier Überall“ in Kreuzberg, wo er auch wohnt. Das Atelier soll privater und öffentlicher Raum in einem sein und damit neue Möglichkeiten für die Rezeption und Produktion von Kunst schaffen.
Eintritt frei
Ort: Institut Français de Berlin, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin
Eine Veranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit dem Institut français de Berlin
Die Ausstellung „Marianne Cresson – Envers singulier“ wird am 9.6. eröffnet und ist bis 31.7. Mo 10:00–18:00, Di–Fr 10:00–19:00, Sa 11:00–15:00 zu sehen.
-AUSSER HAUS-
Di 29.6. 18:00
In Lesung und Gespräch: László Márton (Autor, Budapest)
Moderation: Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin)
„Europa literarisch“ präsentiert im Juni einen Dialog: Über Ungarn, Europa und die Verwunderung, die sich einstellt, wenn der Innenblick dem Blick von außen begegnet. László Márton und Yoko Tawada haben das schriftliche Gespräch geführt, das 2009 in der Edition Thanhäuser erschien: „Sonderzeichen Europa“. László Márton schreibt über Budapest, das Leben in dieser Stadt in den letzten Jahren und das Abflauen postsozialistischer Hoffnungen; Yoko Tawada reagiert darauf, setzt den melancholischen Tönen ihre bilinguale Lebendigkeit entgegen. Beständig wird darüber sinniert, wie ein Dialog zwischen verschiedenen Kulturen überhaupt zu führen sei … László Márton wird dieses Buch nun in Berlin vorstellen, Yoko Tawada wird der Lesung beiwohnen und als Diskussionspartnerin zur Verfügung stehen.
Heute im Programm des poesiefestivals berlin:
Gefilde der Unseligen – die Insel als poetische Möglichkeit
Mit Nora Nadjarian und Adrian Grima; Moderation: Ron Winkler
Nora Nadjarian und Adrian Grima, zeitgenössische Lyriker aus Malta und Zypern, loten im Gespräch mit Ron Winkler die poetischen Räume aus, die eine Insel bieten kann als Sehnsuchtsziel vieler Reisender – als Ort der Jungfräulichkeit, aber auch als Insel begrabener Hoffnungen.
17:00 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Clubraum; Eintritt € 5/3
illa – կղզի- gżira – νησί – ada: Wort-Inseln
Mit George Christodoulides, Zypern; Adrian Grima, Malta; Nora Nadjarian, Zypern; Carles Rebassa, Mallorca; Neşe Yaşin in Zypern; Moderation: Brigitte Oleschinski, Berlin
Fünf Dichter entfalten ein lyrisches Panorama zwischen Katalanisch, der semitischen Sprache Maltesisch, Türkisch, Griechisch, Armenisch und Englisch. Sie verorten ihre Heimat zwischen Massentourismus und Isolationsängsten, zwischen der Insel als Kreuzungspunkt der Kulturen und Religionen und der Insel als Reibungspunkt der Geschichte. Der Abend wird durch das Werk „En plo/Auf See“ des zyprischen Komponisten Marios Ioannou Elia eröffnet.
20:00 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg, Kleines Parkett; Eintritt € 6/4
Das Klappern der Flügel einer aufschiessenden Taube, die vom Streunen durch Goldruten und Lupinen brennenden Knie betrachtet der Autor heute als Epiphanie seines Schreibens und zitiert entsprechende Strophen.
Eine andere unabdingbare Voraussetzung ist die existenziell erfahrene Literatur: von Arthur Rimbaud und Annette von Droste-Hülshoff, Gottfried Benn und Johannes Bobrowski, T. S. Eliot, Ezra Pound und Isaak Babel bis zurück zu den Griechen und Römern. Und dann war da der «vom Himmel» gesandte Mentor, der Dramatiker Heiner Müller, der den vor sich hin «werkelnden» Jungdichter aus der Prenzlauer-Berg-Isolation holte und dem Suhrkamp-Verleger empfahl.
Da geht es rücksichtslos um den Satz und um das Verhältnis der Wörter darin. Im «elektrischen Feld eines präzisen Kontexts» können sie Funken schlagen, die auf den Leser überspringen. Grünbeins aus äusserster Konzentration, in einer Art Trance entstehende «absolute Wortkonstellationen» erzeugen eine Aura, die wir so sonst nirgends finden. Erfahrung, Gedanke und Bild kommen in den extrem verdichteten Versen zur Deckung. Ihre vibrierende Präsenz wiegt das Zurücktreten des lyrischen Melos auf. / Beatrice von Matt, NZZ 9.6.
Durs Grünbein: Vom Stellenwert der Worte. Frankfurter Poetikvorlesung 2009. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 59 S., Fr. 12.50.
Leslie Scalapino, amerikanische Dichterin, die zu den West Coast Language poets gehörte, starb am 28. Mai im Alter von 66 Jahren. / The Daily Californian 7.6.
Mehr: http://epc.buffalo.edu/authors/scalapino/ / East Bay Express / The Bay citizen /
auf Deutsch ein Gedicht in Zwischen den Zeilen
http://www.engeler.de/floatingseries.html
und hier Tonaufnahmen ihrer Lesungen
http://writing.upenn.edu/pennsound/x/Scalapino.php
Wenn sich eine große deutsche Baumarktkette damit brüstet, dass ihre Gaga-Werbung nach Ernst Jandl klinge, dann hat der große österreichische Dichter das wirklich nicht verdient.
Vor genau zehn Jahren ist Jandl gestorben, und man darf an ein Werk erinnern, dessen Massentauglichkeit jedenfalls nicht um den Preis geschmacklicher Verflachung erkauft war. Es stecken tiefe Melancholie und anarchischer Witz in Gedichten, die sich scheinbar umstandslos in den Zitatenschatz humorbedürftiger Intelligenz eingeschlichen haben. Politische Kommentatoren wählen gerne Jandls „lichtung“, wenn sie wieder einmal ironisch festhalten wollen, dass man „lechts und rinks“ nicht „velwechsern“ kann: „werch ein illtum!“ Ewig kotzt „ottos mops“, und man kann diese Arie auf einen Buchstaben noch um den „kurzen spruch mit o“ ergänzen: „so!“ Wer ein ambivalentes Verhältnis zur Lyrik hat, der kann dieses mit einem völlig unverdächtigen Zitat begründen: „die rache / der sprache / ist das gedicht“. …
In Wahrheit hat Jandls Ernst den mehrheitsfähigen Humor stets unterlaufen. / Paul Jandl, Die Welt
Die Reihe der deutschen Übertragungen der homerischen «Odyssee» hat der Schweizer Ludwig Bernays um eine interessante neue Version verlängert. …
Ludwig Bernays bemüht sich nicht primär darum, den Sinn des griechischen Originals philologisch korrekt wiederzugeben, sondern strebt «eine klar verständliche Wiedergabe des Epos in heutigem Deutsch» an. Der Wunsch, sich von dem «altväterischen» Ton zu entfernen, der die Übertragung von Johann Heinrich Voss kennzeichnet und sie für den heutigen Leser so sperrig und unzugänglich macht, hat alle neueren Homer-Übertragungen geleitet: Er bestimmt die – eine Anregung Goethes aufgreifende – Prosaübertragung des Tübinger Gräzisten Wolfgang Schadewaldt (1957), dem es vor allem darauf ankam, im Deutschen die Reihenfolge zu bewahren, in der im griechischen Original die Bilder und Vorstellungen heraufgeführt werden.
Während Schadewaldts Übersetzung mit ihrer Orientierung an der sprachlichen Struktur der Dichtung der Schwarz-Weiss-Fotografie eines Gemäldes entspricht, kommt in dem so verblüffend «unvossischen» Hexameter, den der Heidelberger Archäologe Roland Hampe (1979) gefunden hat, wiederum der Schmuck des Verses zur Geltung – jedoch ohne all die um des Metrums willen bei Voss gesetzten Füllwörter, die dem behutsamen Abtönungscharakter griechischer Partikeln überhaupt nicht entsprechen. …
In Steinmanns Versen findet sich das ganz griechische Epitheton «funkeläugig»: «Aber Ikarios‘ Tochter, der klugen Penelopeia, / gab Athene den Rat ein, die funkeläugige Göttin, / Bogen und graues Eisen vorzulegen den Freiern / in des Odysseus Hallen zum Wettkampf und Auftakt des Mordens.»
Bei Bernays lautet die Stelle nun: «Dies aber legte ans Herz die scharfsicht’ge Göttin Athene / der Ikariostochter, der weltklugen Penelopeia: / anzusagen den Freiern ein Bogenschiessen als Wettkampf / heute im Saal des Odysseus – in Wahrheit war es ein Mordplan.» / Hans-Albrecht Koch, NZZ 9.6.
Homer: Odyssee. Übersetzt von Ludwig Bernays. Rombach-Verlag, Freiburg i. Br. 2010. 397 S., Fr. 74.90.
Manuskripte und Briefe des französischen Schriftstellers und Lyrikers Jacques Prévert sind in Paris für insgesamt 2,3 Millionen Euro versteigert worden. / NZZ 10.6.
Von Sonnenaufgängen, Nebel, Frost und Schnee, von Feuerrändern und Fragestellungen, von klaren Nächten und „immerwährendem Heimweh“ ist in den Gedichten des Gustav Januš, des im deutschen Sprachraum meistübersetzten und meistgelesenen Lyrikers slowenischer Sprache, die Rede.
Als ich zum ersten Mal Verse von ihm in dem von Handke übersetzten Band „Gedichte“ der Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ las, war ich überrascht. Zum einen enthielt das Buch fast satirische, auf eine Pointe hin geschriebene Gedichte. Zum anderen aber von Zweifeln und Fragen über das Sein geleitete, von den stillen Regungen der Seele durchwobene Texte, die dem, was Handke in seiner Petrarca-Preisrede auf Januš formulierte, viel näher kamen: dem „Absichtslosen; Willen-Losen“.
Gustav Januš als einen Naturlyriker zu begreifen, hieße ihn falsch zu verstehen. Die Natur ist im Kosmos dieses Dichters ja eigentlich Sprache geworden, eine Sprache, die es ermöglicht, Innenbilder aufleuchten zu lassen und Erkenntisse über ihn und die Welt zu präzisieren. Der Schriftsteller Arnold Stadler befand, alle „Aussagesätze und Verse“ im Werk Gustav Januš`seien „Existenzbeweise“ und zitiert als Beispiel den Satz „Die Zugvögel sind wieder da.“ Stadler: „Eine Art cogito, ergo sum – Die Zugvögel sind da. Also bin ich auch da.“ …
„Kalkberge, Hügel, Täler, Steine; ihre Strukturen, Spuren, Zeichen, Farben“, so hat Gustav Januš eimal gesagt, seien die Elemente, aus denen er seine Bilder im Gleichgewicht von Vitalität und Ruhe zu entwickeln versuche. Es ist spannend zu sehen, wie Bilder und Gedichte bei ihm aufeinander antworten, obgleich beides auch für sich stehen kann und muß. In Bildern und Gedichten, so Januš, suche er „nach Zuständen oder Orten, die vorher nicht da waren.“
Alltägliches und Transzendentes und ein wacher Sinn für die uns umgebende Natur gehören bei diesem Dichter zusammen: „Mein Ideal ist der zweifelnde Mensch“, sagt der ehemalige Volksschullehrer. „Wenn wir zweifelnde Menschen erziehen könnten – das wäre eine große Aufgabe.“
/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 9.6.
Gustav Januš ist am 15. Juni, 20 Uhr, in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden in der Sächsischen Akademie der Künste zu Gast. In Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste.
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