154. Autopsie

Der Burscheider Dichter und Lyriker Georg Pawlak und sein musikalischer Partner, Gitarrist Tobias Schaaf, konnten einen erfolgreichen Abend auf der RÜ-Bühne in Essen gestalten. Im Rahmen der Literatur- und Kleinkunstprogramme zur Kulturhauptstadt Europas präsentierte Georg Pawlak im Rahmen einer szenischen Lesung sein neues Programm „Autopsie – Das Innere offen gelegt.“ / Lokale Informationen

153. American Life in Poetry: Column 271

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Barnyard chickens, which are little more than reptiles with feathers, can be counted on to kill those among them who are malformed or diseased, but we humans, advanced animals that we think we are, are far more likely to just turn away from people who bear the scars of misfortune. Here’s a poem by Ned Balbo, who lives and teaches in Maryland.

Fire Victim

Once, boarding the train to New York City,
The aisle crowded and all seats filled, I glimpsed
An open space—more pushing, stuck in place—
And then saw why: a man, face peeled away,
Sewn back in haste, skin grafts that smeared like wax
Spattered and frozen, one eye flesh-filled, smooth,
One cold eye toward the window. Cramped, shoved hard,
I, too, passed up the seat, the place, and fought on
Through to the next car, and the next, but now
I wonder why the fire that could have killed him
Spared him, burns scarred over; if a life
Is what he calls this space through which he moves,
Dark space we dared not enter, and what fire
Burns in him when he sees us move away.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Ned Balbo, whose most recent book of poetry is Something Must Happen, Finishing Line Press, 2009. Poem reprinted from Lives of the Sleepers, University of Notre Dame Press, 2005, by permission of Ned Balbo and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

152. Abschied von Frankfurt

Sie schaut demonstrativ nach vorne. Und spricht erst einmal über das, was sie in der bayerischen Landeshauptstadt erwartet. Die 40.000 Bände große Bibliothek im Lyrik Kabinett München zum Beispiel, dessen Führung Maria Gazzetti Ende des Jahres übernimmt. Seit ihr Abschied von Frankfurt am 30. Juni feststeht, hat sich die langjährige Leiterin des Frankfurter Literaturhauses öffentlich eine Formel zurechtgelegt, um den Wechsel zu begründen: „Konzentration auf die Kunst“ sei nun angesagt. Auf die Lyrik, auch auf Buch-Publikationen, die in München zum Profil des Hauses gehören. / Claus-Jürgen Göpfert,, FR 31.5.

151. Unwirsche Antwort an Tom

(vgl. L&Poe #146. Beton)

Ach Tom, darauf kann man nicht rasch antworten. Du fragst, warum ich Eva Strittmatter nicht großartig finde? Wärst du hier, holte ich den Stapel Bücher vor und würde mit dem Finger HIER und DORT zeigen, was ich meine. Viele HIERS und DORTS.

So schreibe ich ein paar schnelle Beobachtungen hin.

Ob es nur eine Geschmackssache ist oder ob ich es „als Germanist“ beweisen kann? Ach beweisen… Daran glaube ich nicht wirklich, aber bloße Geschmackssache ist es meiner Meinung nach auch nicht. (Wer sie verehrt, wird es sich von mir nicht ausreden lassen, und wozu auch?)

Was ich sehe. Zu viele falsche Töne. Zuviel Vermischung von Konkretem und Abstrakten. „Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe“. Naja, und die Kunst geht nach Brot, ich geh nach Haus und die Uhr geht nach. Das irritiert mich schon. Ich schrieb, daß mir einzelne Zeilen und Gedichte haftengeblieben sind. Aber immer wieder daneben Dinge, die mir als Ausrutscher erscheinen, oder als Abstürze.

Zuviel Hoffnung. Zuviel Seele. Zähl mal, wie oft die Worte vorkommen. Und wie. Die Seele erbebt. Sonne die Seelen entfaltet. Viel zuviel Dualismus für meinen Geschmack. Nie, oder selten, sind die Dinge durch sich selber, meist in der Beleuchtung einer fühlenden Seele. „September ist der Sehnsuchtsmonat“ . So beginnt „September II“. Schon in der ersten Zeile ist die Fühligkeit das eigentliche Zentrum. Tolle Septembergedichte, von Mörike, von Huchel, geben dem Sichtbaren viel mehr Raum. Sie versucht das auch, schafft es manchmal. Ahnte sie das, als sie schrieb: „Es wäre für die Welt viel besser,/ Ich käme in meinen Werken nicht vor.“ („Van Gogh, die anderen und ich“). Davon abgesehen, daß das auch gleich falsch ist, oder komisch. Der Welt wärs egal, es sei denn, man hält das lesende Publikum für die Welt. Da les ich lieber Ringelnatz: „Was geht mich Friedrich der Große an?“

Und Tom, du sprachst neulich vom perpetuum mobile. Sieh mal das Gedicht „Bewegung“ (aus: „Die eine Rose überwältigt alles“). Seele reimt sich da auf „ das „Lied aus meiner Kehle“ („Leibseele“). In der letzten Strophe erfindet sie es: das Geheimnis ist in den Worten: „Man kann sie so sagen, daß die Schwerkraft der Seele in ihnen bebt.“ Dieses Vertrauen in Worte, ach. „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen!“

Überhaupt enden die meisten Gedichte mit einer Art Pointe. Wäre ich Kritiker, würde ich der Autorin zu bedenken geben, was Ulf Stolterfoht über Pointenzwang schrieb (in der Nachbemerkung zum Jahrbuch der Lyrik 2008). Wenn man vom Gedicht „diese Sensation der Ungeläufigkeit“ erwartet, dann wird man bald verstimmt, wenn zu oft das Erwartbare kommt. Schlimmer noch: das von dieser Autorin Erwartbare. Das sind oft, allzu oft pathetische Leerformeln an Gedichtschlüssen:

Die Graugänse „führen die Hoffnung mit sich im Flug“.

„Und nur in der Schatulle/ Erinnrung verwahrt man sie, / Da wächst und wächst ein Reichtum,/ Und der entwertet nie.“ („Nähe“). [„entwertet nie“!]

1 Seite davor: „Und manches mal sind wir ganz dicht daneben/ und gehen doch vorbei am Glück.“ [Peng! Absturz!]

Noch 1 Seite davor: „Doch wird die Weisheit nur genossen,/ wenn man den Hunger nicht vergißt.“ Ach ach ach.

„Es mag mir ruhig Schaden geschehen./ Geschieht nur dem Geist der Wahrheit kein Leid.“ Bloß nicht! Oi oi oi.

So viele billige Schlüsse: „Das geb ich ganz und geb mein Leben“. (Originalhervorhebungen) – „Daß wir auf Paradiesvögel warten,/ Läßt uns über alle Zweifel obsiegen.“ Obsiegen! Benn nannte das zu Recht den „seraphischen Ton“

„Wieder ist Morgen! Ich breche singend [o Gott ich auch, aber nicht singend!] / Tränendes Herz und weiß nichts von Leid“.

„Die meisten leben für ein Haus/ Doch manche für ein Lied“. Ja ja.

Und klingt es nicht manchmal wie Friederike Kempner (bloß weniger komisch?):

„So ging ich hin, vergaß alle Pflicht / und lebte mein Leben. Da war es Gedicht.“

Bei Kempner ist das schöner: „O wißt ihr, was ich denke? / O nein, ihr wißt es nicht! / Wenn ich mich ganz versenke, / Dann denk ich ein Gedicht!“

Strittmatter: „Und fügen die Worte sich gar zum Gedicht [gar zum Gedicht!]/ Lassen selbst mich sie am Ende erbeben.“ Gar zum Gedicht, selbst mich sie, selbst sie mich… Immer zum Gedicht hochblickend: zum eigenen!

Und das Gedicht „Frage“ („Die eine Rose…“), könnte es nicht von Friederike sein? Vielleicht ist das ein Lob. Sieh es dir selber an.

Noch eins. „Wer hat den Drang mir eingezwungen/ Die Welt in Worten nachzubauen? / Wer hat in mich hineingesungen/ Beim allerersten Morgengrauen?“ (Strittmatter)

Kempner: „Tröstend senkt die Poesie / Sich auf meine Seele.“

Ein Kempneresker Schluß zum Schluß: „Umlärmt von Parteiung und Fehdegeschrei/ Singe ich stumm mein menschliches Lied.“ (Eva Strittmatter)

Ach Tom, das kannst du nicht meinen?!

Halb germanistischer Nachsatz

Wäre ich Kritiker, schrieb ich. Ach, warum auf den Kritiker hören! Den Teufel wird sie. Einmal bemühte sie Puschkin zum stolzen Vergleich. Auch bei dem irrten die Kritiker. Die Nachwelt, die Nachwelt geht oft dem Dichter „zugunst“! (Wörtlich aus dem Gedächtnis zitiert).

Aber mal seriös: Manchmal ahnt sie das schon. Im Brief an einen jugoslawischen Dichter, den sie verehrt, schreibt sie: „Ihre Poesie ist wie aus Elementarteilchen gemacht. Das ist etwas, was ich mir von Anfang an beim Schreiben gewünscht habe. Alles andere lockt mich nicht. Trotzdem weiß ich wohl, wie fern meine Gedichte den Ihren sind: ein anderes Leben und noch dazu das einer Frau, die vielleicht nie etwas anderes schreiben wird als Damenlyrik, wenn sie sich auch einbildet, nichts damit zu schaffen zu haben.“ (ihre Hervorhebung, aus: Eva Strittmatter, Briefe aus Schulzenhof. Berlin und Weimar: Aufbau 1977, S. 260f)

Eva Strittmatter in L&Poe

Friederike Kempner in L&Poe

150. Brodsky und das Englische

Als Joseph Brodsky im Jahr 1977 seine erste englische Schreibmaschine kaufte – ein Exemplar der Marke ‚Lettera‘ – geschah dies, weil er, wie er sagte, W. H. Auden ’näherkommen‘ wollte. Denn Brodskys Verhältnis zur englischen Sprache war einfach und kompliziert zugleich. Einfach, weil er sie liebte, kompliziert, weil diese Liebe nicht ganz auf Gegenseitigkeit beruhte. ‚In seinen Englischkenntnissen herrschte ein ziemliches Durcheinander‘, meinte Susan Sontag, ‚während er die Sprache gleichzeitig verehrte.‘

… Brodsky hat als Kind ein wenig Englisch gelernt, doch als Zensur lediglich ein ‚mangelhaft‘ erhalten. Sein Interesse an dieser Sprache entstand erst, als er Ende der fünfziger Jahre zu dichten begann. Anfang 1963 schrieb er die ‚Große Elegie an John Donne‘, ein Gedicht, das den Eindruck einer tiefen Vertrautheit mit dem englischen Poeten und dessen Dichtung erweckt. Tatsächlich wusste Brodsky zu dieser Zeit ‚unerhört wenig über John Donne‘, wie er später bekannte, ‚praktisch nichts‘, nur ‚ein paar Fragmente aus seinen Predigten und einige Gedichte, die in Anthologien gedruckt sind‘. Geweckt worden war sein Interesse durch das Motto in Ernest Hemingways Roman ‚Wem die Stunde schlägt‘: ‚Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; …und darum verlange nie zu wissen, wem die Glocke schlägt; sie schlägt dir. ‚ …

Insgesamt schrieb Brodsky ungefähr dreißig Gedichte auf Englisch, denen ungefähr neunhundert russische Gedichte gegenüberstehen. Doch umfasst Brodskys englische Produktion auch diejenigen russischen Gedichte, die er selbst (manchmal in Zusammenarbeit mit anderen) ins Englische übertrug. Das sind noch einmal etwa 120 Gedichte. / Bengt Jangfeldt, SZ 22.5.

149. Charms lesen

Ganze zwei Gedichte hatte Juwatschow, der sich (er hatte viele Pseudonyme) als Dichter meistens Charms nannte, zu Lebzeiten veröffentlicht. 1905 geboren, Mitte der Zwanziger zum verrückten Star der russischen Literatur aufgestiegen, verboten, verfolgt, verhaftet, verhungert 1942 in der Gefängnispsychiatrie des belagerten Leningrad. Nach und nach wurden die Schätze aus seinem Nachlass gehoben, nach und nach fügte sich das literarische Bild. Gudrun Lehmann fügt alles zusammen. Die Spuren seines Lebens und die Analysen seines Werkes. Mehr muss man nicht wissen über Daniil Charms. Bleibt nur noch lesen. Das sollte man allerdings unbedingt. Und dazu wird es auch von Herbst an mit einigen Neuausgaben noch mehr Gelegenheit geben. / WIELAND FREUND;ELMAR KREKELER, Die Welt

Daniil Charms – Leben und Werk. Von Gudrun Lehmann. Arco, Wuppertal. 736 S., 39,90 Euro.

148. Wie Rauch ins Nichts

»Das ist das Schwerste: sich verschenken / und wissen, daß man überflüssig ist, / sich ganz zu geben und zu denken, / daß man wie Rauch ins Nichts verfließt«, heißt Selma Meerbaum-Eisingers Gedicht Tragik, entstanden Ende Dezember 1941, das sich wie ein Testament liest. Sie fügt hinzu: »Ich habe keine Zeit gehabt, zu Ende zu schreiben. Schade, daß du dich nicht von mir empfehlen wolltest. Alles Gute Selma.« / kulturkurier.de

Iris Berben liest Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, Schinkelkirche Neuhardenberg

147. Arabisch-Deutscher Versschmuggel

Das Konzept hinter „VERSschmuggel“ verzichtete auf den üblichen Ablauf, nachdem die Dichter ihre Texte einreichen und von einem Übersetzer bearbeiten lassen. Stattdessen bildeten sich fünf Dichterpaare, die einander gegenseitig ins Deutsche bzw. Arabische übersetzten, ohne die jeweils andere Sprache zu beherrschen. In langen und tiefschürfenden Gesprächen tauschte man sich über die Bedeutung der eigenen Verse aus, um dem Gegenüber eine adäquate Nachdichtung zu ermöglichen – was bei zwei so unterschiedlichen Sprachen sicher nicht einfach ist. Neben Schulz und Al-Nabhan nahme Ron Winkler, Mohamad Al-Harthy, Nora Bossong, Nujoom Al-Ghanem, Sylvia Geist, Mohammad Al-Domaini, Gerhard Falkner und Ali Al-Sharqawi an dem literarischen Experiment teil. …

Überhaupt gibt es viel zu entdecken in diesem wundervoll bibliophil gestalteten Band – neben großartigen deutschen LyrikerInnen auch Einblicke in die moderne arabische Dichtung, aus der leider allzu wenig auf deutsch vorliegt. „Das Blau / (des Meeres) wirft meine Worte zurück / wenn es der Welt unter der Haut kribbelt“, heißt es bei Ali Al-Sharqawi; oder in Mohamad Al-Harthys beeindruckendem Gedicht „entschuldige dich beim frühlicht“: „doch immer wieder vergesse ich das frühlicht, / so wie ich vergesse, dass ich den fels des sisyphos zu bewältigen habe / (der stark ramponiert ist, weil man ihn ständig durch bücher wälzt)“.

… VERSschmuggel“ ist ein kleiner, höchst lesenswerter West-Östlicher Divan.  / Gerrit Wustmann, cineastentreff 29.5.

VERSschmuggel – Eine Karawane der Poesie
Arabisch- und deutschsprachige Gedichte
Herausgeber: Aurélie Maurin, Douraid Rahhal
Mit 2 CDs
Verlag Das Wunderhorn
141 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden
Erscheinungsjahr: 2010 | ISBN: 978-3-88423-346-7

146. Beton

Ich bin nicht unbedingt ein Freund von Eva Strittmatters Gedichten; aber gar nicht wenige Verse hängen mir im Kopf. Der trochäische Rotdorn meiner Kinderjahre fällt mir jedes Frühjahr ein, und ein Pasternakgedicht beginnt: „Einer ist hinausgegangen./ Und der Winter fiel auf ihn./ Mit ihm hat es angefangen“, und endet mit einem Pasternakzitat: „Und er schrieb: es schneit, es schneit…“ Es erschien 1980 in dem Band „Zwiegespräch“. Ein weiteres Gedicht aus dem gleichen Band habe ich damals beim Lesen ebenfalls auf Pasternak bezogen (es liegt vielleicht nahe):

Bitte

Sei sanft, wenn du kannst, das Leben
Ist sowieso hart und schwer.
Vielleicht hat es das früher gegeben,
Jetzt gibt es das nicht mehr:
Leicht sein und einfach leben
Ohne Nutzungs- und Musterungsschein.
Wenn wir uns nicht Liebe geben,
Uns umfangen und uns erheben,
Betonieren sie uns ein.

Das gefällt mir immer noch. Es hält die Balance zwischen dem leichten Ton und der Einsicht, daß das Leichtsein, das Einfach leben, das nicht wenige ihrer Gedichte (für mich) zu propagieren scheinen, nicht (mehr) möglich ist. Es hat ein großes Trostpotential, viele Leser und auch ich brauchten und benutzten das.

Eva Strittmatter: Zwiegespräch. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau 1980, S. 92 (In späteren Ausgaben trägt es den Titel „Bitte II“)

145. Neue Inhalte, zu Ende gedacht

Mit dem sozialistischen Realismus hatte Pasternaks Art zu schreiben nichts zu tun. Er war auf anderes aus:

„Erkenntnisse, Erkenntnisse – die möchte ich in der Kunst sehen, nicht Richtungen, die ich schon erprobt habe und die ich kenne. Und nicht den Kampf zwischen den Richtungen, linken Richtungen und rechten Richtungen. Aber neue Inhalte, bis zu Ende gedacht.“

Mit solchem Programm stand Pasternak im Russland Stalins quer zur Zeit, sodass er, an den äußersten Rand gedrängt, seinen Lebensunterhalt mit Übersetzungen von Goethe, Kleist und Rilke verdienen musste. Er selbst hatte sich zurückgezogen in die Künstlerkolonie Peredelkino bei Moskau.

… am 30. Mai 1960, starb Boris Pasternak an Herzversagen. In dem Gedicht „Wiedersehen“ hatte er geschrieben:

„Schnee begräbt die Wege und überlädt das Dach. Ich trete vor die Schwelle und lauf dir in den Arm. Wer wird nach diesen Zeiten noch wissen, wie es uns ging, wenn Schwätzer sich verbreiten, doch wir schon nicht mehr sind.“ / Christian Linder, DLR (auch als podcast erhältlich)

144. Zuflucht:Literatur!

„Neue Heimat – neue Sprache – neue Literatur?“, fragt die Runde am 3. Juni ab 20 Uhr im Literaturhaus, mit der Rumänin Carmen-Francesca Banciu und dem Iraker Abbas Khider, seit 2000 in Deutschland. „Die ganze Welt im Gedicht“ am 4. Juni ab 20 Uhr im Literaturhaus versammelt den syrischen Poeten Fataj Bayrakdar, den jemenitischen Dichter Mansur Rajih, die iranische Poetin Pegah Ahmadi und den Exil-Kubaner Carlos Aguilera. Ahmadi ist derzeit in Frankfurt Stipendiatin des Netzwerks, Aguilera war zuvor hier Gastautor.

Zuflucht:Literatur!, 1.-4.6., mehr unter www.litprom.de

143. Stirbt nicht

In der Welt verkündet Alan Posener „die gute Nachricht: Der Buchhandel stirbt nicht, der Untergang des Abendlandes ist auf unbestimmte Zeit verschoben.“

142. George-Renaissance

Seit einigen Jahren erlebt ein großer, fast vergessener Dichter eine erstaunliche Renaissance: Stefan George, der als Ästhetizist und Erneuerer der deutschen Lyrik um 1900 begann und sich, umgeben von einem Kreis ihm ergebener junger Männer, zum poetischen Staatsgründer und Kritiker der Moderne wandelte. Im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit hob die Neugier auf den früh gealterten, eisig von erlesenen Fotos blickenden Meister 2007 mit der vielbeachteten Biografie Thomas Karlaufs an, die durch freimütigen Umgang mit Georges lange tabuisierter Homosexualität einen Nerv traf.

Verblüffend war dann der Erfolg von Ulrich Raulffs jüngst mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Studie „Kreis ohne Meister“, die aus einem Puzzle verblasster Lebensläufe rund um den Tod des von den Nazis umworbenen, 1933 aber stillschweigend in die Schweiz ausgereisten Dichters eine intellektuelle Gegengeschichte der Bundesrepublik entwarf.

Das Bedauerliche an der George-Renaissance war nur: Sie konzentrierte sich auf die Person des Autors, nicht auf sein Werk mit den sperrigen, von steilem Kunstwillen diktierten Gedichten Georges. Hier setzt nun der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Germanist Ernst Osterkamp mit seiner Deutung von Georges letztem Gedichtband „Das Neue Reich“ von 1928 ein. …

Dass sich aber im Werk Georges, besonders in den frühen Bänden und noch in den späten „Liedern“ des „Neuen Reichs“, die Osterkamp nur streift, schlichtweg schöne, durch keine Deutung zu erledigende Versgebilde finden, ist vielleicht die nächste Meldung, die uns die George-Renaissance noch bringen wird. / Norbert Hummelt, Tagesspiegel

Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte. Stefan Georges Neues Reich. Hanser Verlag, München 2010. 292 S. 19, 90 €.

141. Anderer Band, andere Frau

In #133 berichtete ich über die neue französische Ausgabe der Moskauer Hefte Ossip Mandelstams. Dort ist als letztes Gedicht ein Liebesgedicht vom Februar 1934 enthalten, das in Ralph Dutlis Ammann-Ausgabe „Moskauer Hefte. Gedichte“ fehlt. Es gibt einen Grund dafür, den Ralph Dutli dankenswerterweise aufklärt. In seiner Ausgabe steht es nicht in den Moskauer, sondern im Folgeband, den Woronescher Heften:

Ossip Mandelstam: DIE WORONESCHER HEFTE. Letzte Gedichte 1935-1937. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1996, S. 7.

Es hat in seiner Übersetzung folgenden Wortlaut:

Deine Schultern so schmal, rotgepeitscht an der Wand,
Rotgepeitscht an der Wand, und vom Frostwind verbrannt.

Deine kindliche Hand, die das Plätteisen hebt,
Die das Plätteisen hebt, und die Stricke verwebt.

Deine Füße so zart, müssen nackt übers Glas,
Müssen nackt übers Glas, und den Sand blutig-nass.

Als ein Kerzenlicht schwarz, muss ich brennen für dich,
Muss ich brennen für dich, und nicht beten darf ich.

Dutli schreibt:

Die beiden Bände „Mitternacht in Moskau“ und „Die Woronescher Hefte“ habe ich bezüglich der Reihenfolge und Ordnung der Gedichte nach den Aufzeichnungen Nadeschda Mandelstams ediert. Sie wollte das zitierte Gedicht
auf sich beziehen und damit die Woronescher Hefte eröffnen. Allerdings ist diese Entscheidung umstritten, worauf ich auch in meinem Kommentar zum Gedicht auf Seite 258/259 desselben Bandes hingewiesen habe:

„Nadeschda Mandelstam bezieht dieses Gedicht, wenn auch mit einem gewissen Zögern, auf sich; M. habe es aus Angst um sie geschrieben, als sie im Sommer 1934 an Flecktyphus und Dysenterie erkrankt war. Wie bereits die ‚Moskauer Hefte‘, mit dem Anfangsgedicht ‚Die Angst ist bei uns, mit im Bund‘ (30. Oktober 1930), in: MITTERNACHT IN MOSKAU, S. 7, würden somit auch die WORONESCHER HEFTE mit einem – tragischen – Liebesgedicht an Nadeschda Mandelstam eröffnet, mit einem Gedicht voller schrecklicher Vorahnungen.
Doch Nadeschda Mandelstams Sicht wurde aufgrund der Briefe Sergej Rudakows, eines Woronescher Bekannten der Mandelstams, angezweifelt bei Emma Gerstejn, Novoe o Mandel’stame, Paris 1986, S. 168; das Gedicht sei in Wirklichkeit der Dichterin und Übersetzerin Marija Petrowych (1908-1974) zugedacht gewesen. M. war im Winter 1933/1934 in sie verliebt und widmete ihr das letzte Gedicht der ‚Moskauer Hefte‘, ‚Meisterin der schuldbewussten Blicke‘ (Februar 1934), in: MITTERNACHT IN MOSKAU, S. 217. Falls diese Sicht zutrifft, könnte das vorliegende Gedicht ebenfalls bereits um den Februar 1934 entstanden sein und läge damit vor der Woronescher Periode.“

140. Lyriker sucht Wohnwagen

Heute in der Süddeutschen Zeitung (Kleinanzeigen, Verkäufe/Kaufgesuche):

Lyriker sucht Wohnwagen zu leihen od. schenken (zum Leben). 08153/984929