151. Unwirsche Antwort an Tom

(vgl. L&Poe #146. Beton)

Ach Tom, darauf kann man nicht rasch antworten. Du fragst, warum ich Eva Strittmatter nicht großartig finde? Wärst du hier, holte ich den Stapel Bücher vor und würde mit dem Finger HIER und DORT zeigen, was ich meine. Viele HIERS und DORTS.

So schreibe ich ein paar schnelle Beobachtungen hin.

Ob es nur eine Geschmackssache ist oder ob ich es „als Germanist“ beweisen kann? Ach beweisen… Daran glaube ich nicht wirklich, aber bloße Geschmackssache ist es meiner Meinung nach auch nicht. (Wer sie verehrt, wird es sich von mir nicht ausreden lassen, und wozu auch?)

Was ich sehe. Zu viele falsche Töne. Zuviel Vermischung von Konkretem und Abstrakten. „Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe“. Naja, und die Kunst geht nach Brot, ich geh nach Haus und die Uhr geht nach. Das irritiert mich schon. Ich schrieb, daß mir einzelne Zeilen und Gedichte haftengeblieben sind. Aber immer wieder daneben Dinge, die mir als Ausrutscher erscheinen, oder als Abstürze.

Zuviel Hoffnung. Zuviel Seele. Zähl mal, wie oft die Worte vorkommen. Und wie. Die Seele erbebt. Sonne die Seelen entfaltet. Viel zuviel Dualismus für meinen Geschmack. Nie, oder selten, sind die Dinge durch sich selber, meist in der Beleuchtung einer fühlenden Seele. „September ist der Sehnsuchtsmonat“ . So beginnt „September II“. Schon in der ersten Zeile ist die Fühligkeit das eigentliche Zentrum. Tolle Septembergedichte, von Mörike, von Huchel, geben dem Sichtbaren viel mehr Raum. Sie versucht das auch, schafft es manchmal. Ahnte sie das, als sie schrieb: „Es wäre für die Welt viel besser,/ Ich käme in meinen Werken nicht vor.“ („Van Gogh, die anderen und ich“). Davon abgesehen, daß das auch gleich falsch ist, oder komisch. Der Welt wärs egal, es sei denn, man hält das lesende Publikum für die Welt. Da les ich lieber Ringelnatz: „Was geht mich Friedrich der Große an?“

Und Tom, du sprachst neulich vom perpetuum mobile. Sieh mal das Gedicht „Bewegung“ (aus: „Die eine Rose überwältigt alles“). Seele reimt sich da auf „ das „Lied aus meiner Kehle“ („Leibseele“). In der letzten Strophe erfindet sie es: das Geheimnis ist in den Worten: „Man kann sie so sagen, daß die Schwerkraft der Seele in ihnen bebt.“ Dieses Vertrauen in Worte, ach. „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen!“

Überhaupt enden die meisten Gedichte mit einer Art Pointe. Wäre ich Kritiker, würde ich der Autorin zu bedenken geben, was Ulf Stolterfoht über Pointenzwang schrieb (in der Nachbemerkung zum Jahrbuch der Lyrik 2008). Wenn man vom Gedicht „diese Sensation der Ungeläufigkeit“ erwartet, dann wird man bald verstimmt, wenn zu oft das Erwartbare kommt. Schlimmer noch: das von dieser Autorin Erwartbare. Das sind oft, allzu oft pathetische Leerformeln an Gedichtschlüssen:

Die Graugänse „führen die Hoffnung mit sich im Flug“.

„Und nur in der Schatulle/ Erinnrung verwahrt man sie, / Da wächst und wächst ein Reichtum,/ Und der entwertet nie.“ („Nähe“). [„entwertet nie“!]

1 Seite davor: „Und manches mal sind wir ganz dicht daneben/ und gehen doch vorbei am Glück.“ [Peng! Absturz!]

Noch 1 Seite davor: „Doch wird die Weisheit nur genossen,/ wenn man den Hunger nicht vergißt.“ Ach ach ach.

„Es mag mir ruhig Schaden geschehen./ Geschieht nur dem Geist der Wahrheit kein Leid.“ Bloß nicht! Oi oi oi.

So viele billige Schlüsse: „Das geb ich ganz und geb mein Leben“. (Originalhervorhebungen) – „Daß wir auf Paradiesvögel warten,/ Läßt uns über alle Zweifel obsiegen.“ Obsiegen! Benn nannte das zu Recht den „seraphischen Ton“

„Wieder ist Morgen! Ich breche singend [o Gott ich auch, aber nicht singend!] / Tränendes Herz und weiß nichts von Leid“.

„Die meisten leben für ein Haus/ Doch manche für ein Lied“. Ja ja.

Und klingt es nicht manchmal wie Friederike Kempner (bloß weniger komisch?):

„So ging ich hin, vergaß alle Pflicht / und lebte mein Leben. Da war es Gedicht.“

Bei Kempner ist das schöner: „O wißt ihr, was ich denke? / O nein, ihr wißt es nicht! / Wenn ich mich ganz versenke, / Dann denk ich ein Gedicht!“

Strittmatter: „Und fügen die Worte sich gar zum Gedicht [gar zum Gedicht!]/ Lassen selbst mich sie am Ende erbeben.“ Gar zum Gedicht, selbst mich sie, selbst sie mich… Immer zum Gedicht hochblickend: zum eigenen!

Und das Gedicht „Frage“ („Die eine Rose…“), könnte es nicht von Friederike sein? Vielleicht ist das ein Lob. Sieh es dir selber an.

Noch eins. „Wer hat den Drang mir eingezwungen/ Die Welt in Worten nachzubauen? / Wer hat in mich hineingesungen/ Beim allerersten Morgengrauen?“ (Strittmatter)

Kempner: „Tröstend senkt die Poesie / Sich auf meine Seele.“

Ein Kempneresker Schluß zum Schluß: „Umlärmt von Parteiung und Fehdegeschrei/ Singe ich stumm mein menschliches Lied.“ (Eva Strittmatter)

Ach Tom, das kannst du nicht meinen?!

Halb germanistischer Nachsatz

Wäre ich Kritiker, schrieb ich. Ach, warum auf den Kritiker hören! Den Teufel wird sie. Einmal bemühte sie Puschkin zum stolzen Vergleich. Auch bei dem irrten die Kritiker. Die Nachwelt, die Nachwelt geht oft dem Dichter „zugunst“! (Wörtlich aus dem Gedächtnis zitiert).

Aber mal seriös: Manchmal ahnt sie das schon. Im Brief an einen jugoslawischen Dichter, den sie verehrt, schreibt sie: „Ihre Poesie ist wie aus Elementarteilchen gemacht. Das ist etwas, was ich mir von Anfang an beim Schreiben gewünscht habe. Alles andere lockt mich nicht. Trotzdem weiß ich wohl, wie fern meine Gedichte den Ihren sind: ein anderes Leben und noch dazu das einer Frau, die vielleicht nie etwas anderes schreiben wird als Damenlyrik, wenn sie sich auch einbildet, nichts damit zu schaffen zu haben.“ (ihre Hervorhebung, aus: Eva Strittmatter, Briefe aus Schulzenhof. Berlin und Weimar: Aufbau 1977, S. 260f)

Eva Strittmatter in L&Poe

Friederike Kempner in L&Poe

2 Comments on “151. Unwirsche Antwort an Tom

  1. Ganz unsemtimental: Die Kritik sagt mir zu, wie auch deren Bezugspunkte. Als Lyrik allerdings funktioniert diese Vorgehensweise nicht (wie ich heute Morgen anhand von „verquer“ herausfand- das wird zu nomial und konzeptlastig).

    Liken

  2. DANKE !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! irre – es gibt ungeahnte synchronizitäten in genau dieser sekunde zu deinen vielen wunderbaren argumenten, eine günstige verkettung von sprachlichen wie seelischen zufällen… ich könnte das labyrinth der zusammenhänge nicht mit einem punkt enden, um es dir hier zu erklären, daher einfach nur ein riesen riesen DANKE für deine ausführungen, die folgen davon werden sichtbar werden, und zwar nicht nur seelisch 🙂

    P.S. eins noch: vielleicht liegt strittmatters stärke ja eigentlich in ihren METApoetologischen reflexionen anstatt der gedichte selber (abgesehen von ein paar wirklich tollen!)??? mir wird nämlich grade bewußt, daß das, was ICH an ihr NICHT mag, dasselbe ist, was ich an Fried nicht mag: das allzu „gedanklich“ plumpe, banale, eindimensional-direkte der gedankenlyrik – während ich ihre briefe & reflexionen als sehr klar und bereichernd empfinde. vermischt Fried denn nicht ganz so arg konkretes und abstraktes? ist er DESHALB nicht „ganz so“ peinlich wie sie? und pointen… oh je, die hab ich, glaub ich, auch öfters, ich hoffe, nicht immer, das muß ich mal prüfen, denn den vorwurf erhielt ich mal vor jahren von einem geliebten kollegen, der zum glück ehrlich ist 🙂 ich glaube, die passieren (jedenfalls bei mir), wenn ich UNBEDINGT fertig werden will, weil ich das gefühl habe, der text wäre sonst ein „fass ohne boden“. ich mag zwar als lochist die bodenlosigkeit* an sich, aber manchmal eben nicht am ende eines gedichtes. das elende bedürfnis, es „rund“ zu machen, wodurch es dann prätenziös wird… also, ich werd jetzt meine eigenen werke einer prüfung unterziehen, inwiefern sie „herrenlyrik“ sind… ehrlich! oh gott, mir wird schlecht… NICHT singend!

    *auch bei Hans Arp! was ist ER eigentlich??? konkret? abstrakt? überkonkret??? wie „funktioniert das im dadaismus, daß es NICHT peinlich ist? aber später etwas katholisch

    P.P.S. eine solch ehrliche inhaltliche kritik hätte ich selbst total gern von dir, und zwar ganz konkret bzgl meiner 13 angeblich „besten“ gedichte: http://www.neuropoesie.de – ich werde SEHR dankbar für deine ehrlichkeit! auch wenn es mich in eine krise stürZEN sollte!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: