38. Schinkels Dichten

André Schinkels Verse sind in klassischer Metrik gesetzt, durch Reim gebunden, Genitivmetaphern finden sich häufig, Komposita ebenso wie das schmückende Beiwort, das ganze Programm also: Er beruft sich auf das Pathos tradierten lyrischen Sprechens. Dieser Anspruch zeigt sich vom ersten Buchstaben an: Er schreibt die Zeilenanfänge groß, ein hoher Ton ist angezielt, er beherrscht ihn mit Sicherheit. Das Erinnern wird als Bestandteil lesenden Genusses ernster genommen, als ein einseitig auf den Moderne­diskurs ausgerichtetes Poesieverständnis das gern hätte. Neben klassi­scher Lyrik (auch: klassisch moderner) schimmern vor allem Dichter der sächsischen Dichterschule (R. Kirsch und Czecho) durch. (Überhaupt scheint aus diesem abgesägten Ast in Halle kräftig ein grüner Reiser zu sprossen. Mit Wilhelm Bartsch sei ein dortiger Kollege erwähnt.) Ein Dichten, das poetische Normen als objektiv gegeben (für sich) hinnimmt und eher auf Kommunikation setzt, als auf hochgezüchtete Individualität. / Bertram Reinecke, Poetenladen 7.6.

André Schinkel
Apfel und Szepter
Fixpoetry Lesehefte No 16
Verlag im Proberaum, Klingenberg
6,90 Euro

37. Sekt

„Als ich geboren wurde, im Dezember 1909, trank mein Vater eine Flasche Sekt, er konnte es sich leisten.“ So stellte sich der junge jüdische Autor Hans Keilson der Öffentlichkeit vor, als 1933 sein Buch „Das Leben geht weiter“ im S.-Fischer-Verlag erschien. / FAS 6.6. (der Rest kost was)

(Und als wir am Sonnabend in Saßnitz picknickten, tranken wir zu Wurst Zwiebel und Gurken Champagner, das ging auch.)

36. American Life in Poetry: Column 272

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Whether we like it or not, we live with the awareness that death is always close at hand, and in this poem by Don Thompson, a Californian, a dead blackbird can’t be pushed out of the awareness of the speaker, nor can it escape the ants, who have their own yard work to do.

Yard Work

My leaf blower lifted the blackbird—
wings still spread, weightless,
floating on the loud, electric wind
almost as if it were alive.

Three or four times it flew,
but fell again, sideslipped down
like a kite with no string,
so I gave up. . . I had work to do,

and when the dust I raised
had settled in that other world
under the rose bushes, the ants
came back to finish theirs.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Don Thompson, and reprinted from his most recent book of poems, Where We Live, Parallel Press, 2009, by permission of Don Thompson and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

35. Friesische Lyrik als Widerstand

Der Kieler Frisist Dr. Ommo Wilts würdigt am Mittwoch, 11. August, Mungards besondere Persönlichkeit, der Vortrag heißt „Friesische Lyrik als Widerstand“. / Die so angekündigte Pressemitteilung ist „bislang nicht für Journalisten freigegeben“.

Wikipedia weiß:

Jens Emil Mungard (* 9. Februar 1885 in Keitum; † 13. Februar 1940 in Sachsenhausen) war ein bedeutender Dichter der nordfriesischen Sprache. …

In einigen Gedichten prangerte er das Regime an, verspottete es. 1935 wurde Mungard zum ersten Mal verhaftet. Weitere Verhaftungen folgten. Wegen seiner Kontakte zu niederländischen Westfriesen galt Mungard auch als „national unzuverlässig“. In dem Schutzhaftbefehl vom 13. Juni 1936 hieß es: „Ihr bisheriges Verhalten rechtfertigt den dringenden Verdacht, daß Sie auch weiterhin im Ausland das Ansehen des Deutschen Reiches schwer schädigen.“ 1938 wurde Mungard mit einem Schreibverbot belegt. Als er dem keine Beachtung schenkte, wurde er Ende 1938 erneut verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er 1940 an den Folgen der Haft nach 377 Tagen starb.

34. Dichter, Propheten und Wahnsinnige

Warum denn jede Diktatur so viel Angst vor Dichtern habe, fragte Matthias Göritz, Lyriker und Moderator des Abends, gegen Ende des Gesprächs in die Runde. Weil, so antwortete der Kubaner Carlos A. Aguilera, die Literatur einen Raum der Reflexion schaffe, der unkontrollierbar sei. Weil Poesie grundsätzlich ein Praktizieren von Freiheit sei, antwortete der im Nord-Jemen geborene Mansur Rajih. Die originellste Replik kam vom Syrer Faraj Bayrakadar: Alle Systeme hätten Angst vor Dichtern, Propheten und Wahnsinnigen, weil die sich nicht scheuten, die Wahrheit zu sagen.

/ CHRISTOPH SCHRÖDER, FR 7.6.

33. Jonkes Gedichte

Nein! – dieses Gedicht ist nicht Thomas Bernhard gewidmet. Doch fast jedem Helden Bernhards würde dieses Gedicht in seiner Hermetik und in seinem Zwang zur gedanklichen Wiederholung gut zu Gesicht stehen. Doch Jonkes Gedicht spricht eben auch vom Gehen, vom „Aufundabgehen“ der Dichter wie wir es seit Hölderlin kennen – erst im Gehen kann der Rhythmus des Gedichts seine ihm eigene Form gewinnen.

Aber Jonkes Gedicht zeigt noch etwas anderes: Der Autor hat auch eine Prosafassung des Gedichts erstellt, für den Band „Beginn einer Verzweiflung“ von 1970. Und selbst 26 Jahre später hat Jonke diese Prosafassung im Buch „Stoffgewitter“ leicht variiert abgedruckt. Das heißt, viele Gedichte Jonkes nähern sich dem poème en prose, dem Prosagedicht an. / Andreas Puff-Trojan, Ö1 6.6.

Gert Jonke, „Alle Gedichte“, Jung und Jung Verlag

32. Nelly Sachs in Berlin

Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm« im Jüdischen Museum zählt zum Intimsten der Berliner Ausstellungslandschaft. Danach macht die Schau zum 40. Todestag der Lyrikerin in Stockholm, Zürich und Dortmund Station – Orte, die für sie wichtig waren. …

Ihre Gedichte erscheinen ab 1933 in Zeitungen, bald nur noch in den wenigen jüdischen. Als der Straßenzug, in dem Nelly und die Mutter wohnen, »entjudet« wird, gelingt, den Deportationsbefehl schon in der Tasche, mit einer der letzten zivilen Maschinen von Tempelhof aus die Flucht nach Schweden. Eine Empfehlung von Lagerlöf hatte das Visum erwirkt, die Habe fasst ein Lederkoffer.

In Schweden wird sie bis zu ihrem Tod 1970 bleiben, zunehmend hoch geehrt, dennoch tief verletzt. Höhepunkt wurde 1966 die Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Krankheit prägt die späten Jahre: Krebs und Paranoia, im Glauben, von einer »Naziliga« verfolgt zu werden. Einmal nur, 1965, zur Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, besuchte sie noch die Geburtsstadt, deren Ehrenbürger sie wurde. / Volkmar Draeger, ND 7.6.

31. Verdienter Genosse

Der neuseeländische Dichter Sam Hunt liebt es, die Geburtstagsehrung der Queen mit seiner Liebe zu einem berühmten chilenischen Dichter in Zusammenhang zu bringen: sie beide seien nun „Genossen“.

Hunt wurde für seine Verdienste um die Poesie Mitglied des Neuseeländischen Verdienstordens  (New Zealand Order of Merit).

„Genosse“ nennt er sich nach Pablo Neruda, an dessen Grab die Trauergäste 1973 aus Protest gegen Chiles Militärdiktatur „Genosse Pablo Neruda“ riefen.

„Ich bin Genosse. Ich weiß nicht, was man im Buckingham Palace davon hält, aber das bin ich: Genosse“, sagte Hunt.

Der hochgewachsene Mann ist einer der bekanntesten Dichter unseres Landes.

Hunt veröffentlicht seit über 40 Jahren, und der Verdienstorden folgt des Königlichen Verdienstmedaille, die er 1986 erhielt. / New Zealand Herald

30. Alle biblischen Religionen sind frauenfeindlich

Sind Sie religiös erzogen?

Nein. Ich habe eine Zeit lang noch an einen Gott geglaubt – aber der hat sich zunehmend vergeistigt, und irgendwann war er ganz weg. Die jüdische Religion ist ja wie alle biblischen Religionen frauenfeindlich. Auch wenn es heute weibliche Rabbis gibt, ich weiß: Sie werden sich nur die Köpfe blutig schlagen. Im Judentum sind zehn Männer eine Gemeinde. Keine Frauen. Männer. Und ich habe spät erfahren, dass es ein Morgengebet gibt, in dem sich die Männer beim Herrgott dafür bedanken, dass er sie nicht als Frau erschaffen hat.

Der Protestantismus ist in diesem Punkt am weitesten.

Da lohnt sich ein genauerer Blick. Warum gibt es etwa so wenige protestantische Autorinnen*? Die Klöster haben auch mit sich gebracht, dass Frauen am geistigen Leben teilnehmen durften. Man denke nur an die Nonnenlyrik. Bei den Protestanten war eine nicht verheiratete Frau eine alte Jungfer. Oft verkehrt sich ein Nachteil so in einen Vorteil.

/ Ruth Klüger, Die Presse 6.6.

*) Aber in Greifswald haben wir eine: Sibylla Schwarz, 1621-1638, die hat sich als Mädchen das Recht ertrotzt, am geistigen Leben teilzunehmen und war keine alte Jungfer. Man nannte sie die pommersche Sappho, die zehnte Muse, die pommersche Sibylle. Ich nenne sie jetzt die protestantische Dichterin. Den weiblichen Opitz. Den Widerstand ihrer (männlichen) Kritiker beschrieb sie im Motiv des Neides, wie hier:

Ein Gesang
wieder den Neidt

HAtt zwar die Mißgunst tausendt Zungen /
Und mehr dan tausend ausgestreckt /
Und kompt mit macht auf mich gedrungen /
So werd ich dennoch nicht erschreckt;
Wer Gott vertrawt in allen dingen /
Wirdt Weldt / wird Neidt / wird Todt bezwingen.

Hör ich gleich umb und umb mich singen
Die sehr vergifftete Siren;
So soll mich dennoch nicht bezwingen
Ihr lieblichs Gifft / und hell gethön;
Ich will die Ohren mir verkleben /
Und für sie frey fürüber schweben.

Gefellt dir nicht mein schlechtes Schreiben /
Und meiner Feder edles Safft /
So laß nur balt das Läsen bleiben /
Eh dan es dir mehr unruh schafft;
Das / was von anfang ich geschrieben /
Wird kein verfalschter Freund belieben.

Weistu mich gleich viel für zuschwetzen /
Von meiner Leyer ab zustehen;
So soll mich doch allzeit ergetzen
Das Arbeitsahme müssig gehen;
Laß aber du dein Leumbden bleiben /
Damit du mich meinst auff zureiben.

Ich weiß / es ist dir angebohren /
Den Musen selbst abholt zu sein /
Doch hat mein Phoebus nie verlohren /
Durch deine List / den hellen Schein;
Die Tugend wird dennoch bestehen /
Wen du / und alles wirst vergehen.

Ein grimmes Thier hat dich erzeuget /
Die Höllgöttinnen haben dich
An ihrer harten Brust geseuget /
Und Momus nennt dein Vater sich;
Dein Vaterland ist in der wüsten /
Da Basilisk und Eulen nisten.

Solt ich üm deinet willen hassen
Den allzeit grünen Helicon /
Und mich zu dir herrunter laßen /
So hett ich warlich schlechten Lohn.
Nein / ich bleib auf Parnaßus Spitzen /
Du magst in Plutons Reiche sitzen.

Was würde wol mein Phöbus sagen /
Wen ich das grüne Lohrberlaub
Mir würde selbst vom Häupte schlagen /
Und werffen in der Erdenstaub?
Euterpen würd es ja verdrüßen /
Wenn Ihre Magd wehr außgerißen.

Thalia würd es hoch empfinden /
Und Clio würde zürnen sehr /
Ließ ich die werthe Leyer hinden /
Und liebte Neid und Leümbden mehr:
Drüm laß nur ab mit deinen Rencken /
Mein zartes Alter baß zu krencken /

Vermeynstu / daß nicht recht getroffen /
Daß auch dem weiblichen Geschlecht
Der Pindus allzeit frey steht offen /
So bleibt es dennoch gleichwohl recht /
Daß die / so nur mit Demuht kommen /
Von Phoebus werden angenommen.

Ich darf nun auch nicht weitergehen /
Und bringe starcke Zeugen ein;
Du kanst es gnug an disem sehen /
Daß selbst die Musen Mägde sein:
Was lebet soll Ja Tugendt lieben /
Und niemandt ist davon vertrieben.

Gantz Holland weiß dir für zusagen
Von seiner Bluhmen Tag und Nacht;
Herrn Catzen magstu weiter fragen /
Durch den sie mir bekant gemacht:
Cleobulina wird wol bleiben /
Von der viel kluge Federn schreiben.

Was Sappho für ein Weib gewesen
Von vielen / die ich dir nicht nenn /
Kanstu bey andern weiter lesen /
Von den ich acht und fünffzig kenn /
Die nimmer werden untergehen /
Und bey den Liechten Sternen stehen.

Sollt ich die Nadel hoch erheben /
Und über meine Poesey /
So muß ein kluger mir nachgeben /
Daß alles endlich reisst entzwey;
Wer kann so künstlich Garn auch drehen /
Das es nicht sollt in stücken gehen?

Bring alles her auß allen Enden /
Was je von Menschen ist bedacht /
Was mit so klugen Meister Händen
Ist jemahls weit und breit gemacht /
Und laß eß tausend Jahre stehen /
So wird es von sich selbst vergehen.

Wo ist Dianen Kirch geblieben?
Des Jupters Bild ist schon davon;
Sind nicht vorlengst schon auffgerieben
Die dicken Mauren Babilon?
Was damahls teuer gnug gegolten /
Wird jetzt für Asch und Staub gescholten.

Doch daß / was Naso hat geschrieben /
Was Aristoteles gesagt /
Ist heut bey uns noch überblieben /
Und wird auch nicht ins Grab gejagt /
Sie leben stets und sind gestorben /
Und haben ewigs Lob erworben.

Was uns die Schar der Klugen lehret /
Wird heut noch durch der Feder Macht /
Auff Fama Pfeiffen angehöret /
Und uns zur Nachricht fürgebracht /
Ihr Lob wird weit und breit erschallen /
Bis alles wird zu Boden fallen.

Wan selbst das weite Rund von innen
Auch wehre lauter schwartze Dint /
So wird es doch nicht leschen können /
Wes man von den geschrieben findt /
Die mit geflügelten Gedancken
Nicht von der Weißheit bahne wancken.

Mein Opitz (dem das Lob gebühret /
Das Teutschlandt / seiner Sprachen Pracht
Und edlen Leyer halben führet /
Weil Er den anfang hat gemacht)
Wird billig oben an geschrieben
Bey den / die Kunst und Tugend lieben.

Sein Lob wird nicht verdecket werden /
Kein Neid verbirget seinen Preiß /
Weil selbst das große Rund der Erden
Mit seiner Kunst zu pralen weiß;
O möcht ich halb so guht nur singen /
Und so den Thon der Leyer zwingen!

Laß nur / O Neid! dein Leumbden bleiben /
Ich weiß es ohn dich mehr als wol /
Wen ich nicht mehr Poetisch schreiben /
Undt dieses hinterlassen soll.
Ich wil mich in die Zeit wol schicken /
Du solt mich doch nicht unterdrücken.

Ich wil hinfüro GOTT vertrawen /
Von dem soll sein mein Tichten all /
So kan mich auch für dich nicht grawen /
Drüm sag ich billig noch einmahl:
Wer GOTT vertrawt in allen Dingen /
Wird Welt / wird Neid / wird Todt bezwingen.

29. Greifswalder Gastspiel

Lesebühne tEXTRAbatt. Lyrik Live

Am 7. Juni kommt die Lesebühne tEXTRAbatt nach Greifswald ins Koeppenhaus. Seit Juni 2009 stehen die tEXTRAbatt-Gründerinnen Odile Endres, Silke Peters und Irmgard Senf jeden zweiten Dienstag im Monat auf der Bühne im Speicher am Katharinenberg in Stralsund – Ulrike Sebert ist seit September 2009 mit von der Partie.

Die Lyrikerinnen bringen auch musikalische Gäste mit: Katrin Möller-Lazarus (Querflöte) und Wieland Möller (Drums, Jazz- und Experimentalmusik). Poesie und Musikimprovisation werden sich an diesem Abend zu einem spontanen Sprach-Klang-Gewebe verbinden. Lassen Sie sich überraschen!

http://www.textrabatt.de

http://textrabatt.blogspot.com

28. Leipziger Sommerfest

Der Leipziger Literaturverlag feiert den Sommer. Zum diesjährigen Sommerfest

am Freitag, den 02.07.2010, ab 18 Uhr

gibt es reichlich Literatur, Kunst und Kulinarisches. Jürgen Große liest aus seinem preisgekrönten Aphorismenband „Fünf Zeitbilder“, dazu stellt die Berliner Künstlerin Elke Pollack ihre bildnerischen Arbeiten aus. Zu schmackhaften Häppchen entpuppen neue Inskriptionen-Autoren ihre Identität – und lesen, was das Zeug hält …

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Aus den geschichtsphilosophischen Glossen „Fünf Zeitbilder“ liest der Berliner Freigeist Jürgen Große, der am 11. Juni 2010 (!) mit dem Günter-Bruno-Fuchs-Preis geehrt wird. Literarisch herausfordernd und scharfsinnig zugleich pointiert Große, wie jede Auflehnung gegen die Zeit – und gegen ihre selbsternannten Agenten – zum Scheitern verurteilt ist. Keine Niederlage jedoch gleicht der anderen. Alles hängt davon ab, wie man sie zu ertragen versteht. In den fünf Kapiteln seines Buches zeigt der Autor fünf Haltungen, mit denen Menschen sich ihre Ohnmacht gegen die Zeit erträglich machen: Sarkasmus, Wehmut, Resignation, Ironie, Heiterkeit.

Veranschaulicht wird dieses Sisyphosschicksal durch großformatigen Monotypien und Mischtechniken Elke Pollacks. Ihre holzschnittartigen Figuren wirken komisch, fast einfältig vor den komplex strukturierten Hintergründen. Sie symbolisieren Menschen auf ihrer Suche nach der Wahrheit in einer undurchschaubaren Welt aus vielschichtigen Oberflächen. Elke Pollack wurde für ihr Werk mit dem IMPULSE Kunstpreis 2010 ausgezeichnet.

Ist es ein wortverliebtes Geflüster im Netz? Eine Textschlacht ohne Gesicht? Oder ist es ein kollektives Experimentieren mit den Möglichkeiten des Digitalen? Die gedruckte Ausgabe ist die Jahresbilanz der INSKRIPTIONEN mit Beiträgen von Patrick Beck, Thomas Böhme, Wassili Busskläff, Maria Clara, crysantheme, Flo, karolin, Herbert Kollenz, Roy Kral, Nurio Quevadis, J. W. Rosch, Lena Ryschkova, Arno Schmidt, Tan Go & Zhenja. Die Anthologie summiert unnütze, kollabierende, hermetische, hermeneutische, orthopädische, asklepiadeische, elegisch wimmernde, im Plusquamperfekt oder im Indikativ träumende Hymnen und Geschichten ohne Inhalt – Anzeichen luziden Wahnsinns.

www.l-lv.de
www.leipzigerliteraturverlag.de

27. Mainzer Literaturschiff

Das Mainzer Literaturschiff legt am 10. Juni um 18.30 Uhr an der Anlegestelle Fort Malakoff ab und lädt zur Mitfahrt ein.

Mit an Bord sind die Autoren Ulrike Draesner und Markus Orths. / Allgemeine Zeitung

26. Walasse Ting gestorben

Ein Leserin fragt:

Sie haben nicht zufällig das Gedicht „One Cent Life“ von Walasse Ting oder können mir sagen, wo ich es finde? Ich sah kürzlich in einer Ausstellung eine Lithographie von ihm, auf der es zu lesen war

Nein, ich habe es leider nicht. Nicht ganz meine Preisklasse. Auch die meisten Bibliotheken, auch wissenschaftliche Bibliotheken, werden es sich nicht leisten können. So heißt eine bis 5, 6 Tausend Euro teure Mappe mit Gedichten des chinesischen Künstlers und Originalgrafiken vieler der berühmtesten und teuersten Künstler der Welt. Die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf hatte das Glück, es geschenkt zu bekommen und stellte es 2002 aus. Sie schrieb dazu:

One Cent Life: Mit Gedichten von Walasse Ting, herausgegeben von Sam Francis erschien 1964 im Verlag der Berner Galerie Kornfeld.

Der Band enthält 62 teils farbige, doppelblattgroße Original-Lithographien und zahlreiche Textillustrationen und wurde in losen Bogen in einer farbig illustrierten Leinenmappe herausgegeben. Seine Auflage betrug 2000 Exemplare. Das berühmte, kühn gestaltete Künstlerbuch der sechziger Jahre bildet eine Synthese europäischer und amerikanischer Avantgarde die von abstraktem Expressionismus und Tachismus bis zur Popmalerei reicht. Mit Original-Farblithographien von Pierre Alechinsky, Karel Appel, Enrico Baj, Alan Davie, Jim Dine, Sam Francis, Robert Indiana, Asger Jorn, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, Andy Warhol, Tom Wesselmann u.a.

Das Exemplar der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf ist ein großzügiges Geschenk von Herrn Jörg-Michael Bertz (Vice President, Sotheby’s Germany).

Googlesuche nach „one cent life“ (in Anführungsstrichen) findet Seiten von Antiquaren, von denen einige Faksimiles im Netz zeigen. (Einzelblätter kann man für bis zu 500 Euro kaufen – teure Gedichte.) Die Abbildungen im Netz sind oft so klein, daß man den Text der Gedichte kaum lesen kann. Es lohnt sich trotzden zu suchen, vgl. hier. Auch über die englische Wikipedia findet man vieles. Ein Blatt mit gerade diesem Text, „one cent life“, konnte ich im Netz nicht finden.

Dafür aber zufällig die traurige Nachricht, daß der chinesisch-amerikanisch-niederländische Künstler-Dichter vor kurzem gestorben ist:

Walasse Ting (Xiongquan Ding) Dies at the age of 80

AMSTERDAM, May 19, 2010 /PRNewswire/ — Walasse Ting has passed away at the age of 80 last Monday May 17. Ting died in New York after he was moved from the Netherlands two weeks ago. Ting suffered a brain hemorrhage in 2002 in his home in Amsterdam, the town where he lived since 1985. His most popular theme was the female nude surrounded by lush flowers and animals, painted in his typical way. Brilliance and vitality characterizes Ting’s painted women, flowers and animals. Ting came to prominence in the 60s along with pop giants like Andy Warhol, Roy Lichtenstein and Tom Wesselmann. / Mehr

Eine bezahlbare Ausgabe seiner wunderbaren Gedichte scheint es bisher nicht zu geben, und so bleiben es Gedichte für Zahlungskräftige.

Vgl. L&Poe 2010 Feb #42. Meine Anthologie: Walasse Ting

25. Das Leben und seine Fülle

Die Summe des poetischen wie politischen Werks des englischen Autors John Berger: „A und X“, eine Liebesgeschichte in Briefen.

Als A’ida, von Beruf Apothekerin, auf dem Markt zufällig einem Mann begegnet, dem sie vor ein paar Jahren mit einer Portion Zucker das Leben gerettet hat, lädt er sie zum Dank auf einen Kaffee ein. Dabei erfährt sie, dass er als Straßenkehrer arbeitet, morgens und abends aber seiner eigentlichen Berufung folgt und Gedichte schreibt: „Vielleicht schreibt kein Dichter mehr als ein einziges Gedicht, und es dauert sein Leben lang. Er glaubt, er schreibe an mehreren kurzen Texten, aber in Wirklichkeit sind es nur Teile von einem einzigen langen.“ Und als A’ida ihn fragt, wovon dieses eine lange Gedicht handle, antwortet er: „Es preist das Leben und seine Fülle.“ / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung 5.6.

John Berger: A und X. Eine Liebesgeschichte in Briefen. Aus dem Englischen von Hans Jürgen Balmes. Hanser, München 2010, 208 Seiten, 19,40 Euro.

24. Engeler: Wie es weitergeht

Alles anders machen — neue Konzepte, neue Bücher, http://www.roughbooks.ch.

Jetzt erschienen: Christian Filips, Heiße Fusionen

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In Vorbereitung: Elke Erb, Meins

http://www.roughbooks.ch/elke erb/meins.html <http://www.roughbooks.ch/elke%20erb/meins.html>

In Fortsetzung: Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie

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Blacklist: Noëlle Revaz, Von wegen den Tieren

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Mit freundlichem Gruß
Urs Engeler

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