14. Wosnessenski II

Frank O’Hara

(Deutsch von Marcus Roloff)

Den Originaltext können Sie hier in der Google Books-Suche lesen

13. poesiefestival berlin

Eröffnet wird das poesiefestival am 4. Juni mit dem Kolloquium »Mittelmeer und Europa – die andere Geschichte der Literatur«. Es fragt, wie sich der Flüchtling in der Dichtung jener Region spiegelt und wie er heute zivilrechtlich behandelt wird. An der verlesenen »Europäischen Verfassung in Versen« haben gut 50 Dichter mitgeschrieben. Der Abend gehört »Weltklang – Nacht der Poesie« in der Akademie der Künste, wo das Festival bereits im dritten Durchgang sein Domizil hat. Stars der Szene tragen in Originalsprache ihre Gedichte vor, so die Deutschen Elke Erb und Michael Krüger, der Russe Dmitry Golynko, Nina Kibuanda aus dem Kongo, Yang Lian aus China, Michael Ondaatje aus Kanada, Anat Pick aus Israel, Cole Swensen aus den USA, Raúl Zurita aus Chile. In einer eigens publizierten Anthologie kann man dem Weltklang jener Gedichte in deutscher Übersetzung folgen. Auch Berliner Autoren haben ihr Podium: In sechs Bezirken lesen sie an öffentlichen Orten.

Tägliche »Poesiegespräche« forschen bis zum 12. Juni dem Stand der Dichtung in den Anrainerstaaten und darüber hinaus nach. Ondaatje, bei uns mehr für seinen Roman »Der englische Patient« bekannt, obwohl Autor von 13 Gedichtbänden, ist dabei; Abbas Beydoun aus dem Libanon, Alaa Khaled aus Ägypten berichten über die Hafenstädte Beirut und Alexandria sowie – mit Kollegen aus Palästina und Syrien – über Poesie als Ort der Freiheit. / Volkmar Draeger, ND 3.6.

12. Roger Manderscheid gestorben

Der luxemburgische Schriftsteller Roger Manderscheid ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Er schrieb Romane, Erzählungen und Gedichte in luxemburgischer und in deutscher Sprache. / kuvi.de

11. Wosnessenski I

Ein Geist, der bei Wosnessenski, wie jedem wahren russischen, sowjetischen Dichter von Liebe zum Land erhitzt und zugleich von den stalinistischen Praktiken zerfrostet wurde. Das ewige Wechselklima. Die Tapferkeit des Aushaltens. Die Sinnwidrigkeit der Kulturpolitik, aber im Dichter die trotzige Energie des obsiegenden Hintersinns. Auch Wosnessenski erfuhr das Urteil, wie ein Feind im eigenen Staat zu leben, als Amerikanist zu gelten. War der Nestbeschmutzer, der im Hass der Bürokraten aber einer blieb, der im Schmutz der Wirklichkeiten weiter ein Nest baute, für eine Literatur des visionären sozialen Gesprächs.

Wosnessenski, der Versdramatiker (»Antiwelten«, in Moskau über 700 mal aufgeführt), der moderne Jessenin-Erbe, der Pasternak-Freund – er war Architekt (wie Max Frisch), ein Utopist auch da: Er entwarf zum Beispiel ein goldenes sechsstöckiges Kugelhaus, das nur durch den Luftstrom aus gewaltigen Kompressoren über der Erde gehalten wird.

Die kosmopolitische Welthaltigkeit seiner Poesie schlug sich gern in lyrischen Reisereminiszenzen, in gereimten Freundschaftsadressen und Gedenkversen sowie in alexandrinischen Paraphrasen über Themen klassischer Litereturwerke nieder. Gedichttitel wie biografische Wegweiser: Auf den Tod Pasolinis. Newyorker Abzeichen. Striptease. Italienische Garagen. Gangster. Es sang im nächtlichen Florenz Twardowski. Ophelias Lied. Michelangelos Gebet. In letzterem Werk die Zeilen: »Verse sind papierne Merkzeichen/ im Leben, das vergangen ist.« Eines seiner eindringlichsten Gedichte: »Der Ruf des Sees«. Auf dessen Grund Reste eines jüdischen Gettos, ein Grab der Ermordeten. Ein ukrainischer Badesee heute. / Hans-Dieter Schütt, ND 3.6.

Weitere Nachrufe: New York Times / Stimme Rußlands / Rußland aktuell / Guardian 3.6.

Mehr: Books: When Poets Rocked Russia’s Stadiums (June 3, 2010 New York Times)

10. Horst Samson

Am 06.06.2010, 15:00 – 16:00 Uhr

Kulturpalast – Freies Radio für Stuttgart

Büchersendung: Und wenn du willst, vergiss

Der in Rumänien geborene Schriftsteller, Lehrer und Journalist Horst Samson stellt im Gespräch mit Sabine Gärttling seinen neuen Gedichtband vor und bringt eigene Musik mit.

FARBE BEKENNEN

Im Namen des Apfels spreche ich
Uns schuldig. Wir schätzen ihn gering.
Er aber führte uns aus dem Garten
Der ewig gleichgestellten Uhren,
Würde Schiller sagen. Wir wissen nicht wie
Uns geschah, nur verführbar
Sind wir immer. Aber nichts haben wir
Begriffen. Und alles nahm seinen Gang.

9. XII Festival de Poesia de la Mediterrània

Bei der heutigen „Nacht der Poesie“ im Rahmen des zwölften Festival de Poesia de la Mediterrània (Festival der Poesie des Mittelmeerraums, geleitet von Biel Mesquida) lesen ab 21 Uhr im Teatre Principal von Palma (Mallorca):

Saleh Abdalhi Hamudi, auf Spanisch
Nicole Brossard, auf Französisch
Nevena Budimir, auf Serbisch
Antoni Canu, auf Katalanisch
Jacques Dupin, auf Französisch
Mustafa Köz, auf Türkisch
Josep Pedrals, auf Katalanisch
Jaume C. Pons Alorda, auf Katalanisch
Arnau Pons, auf Katalanisch
Peru Saizprez, auf Spanisch
Remi Raji, auf Englisch
Carles Santos, auf Katalanisch
Christian Uetz, auf Deutsch 
José Viale Moutinho, auf Portugiesisch
Blancallum Vidal, auf Katalanisch

8. Der weite Weg

Am meisten an diesem Buch traut man den Bildern.

[So beginnt eine Rezension zu Raoul Schrotts Übersetzung altägyptischer Gedichte; eigentlich nichts Gutes über die Texte verheißend, denkt man. Und irrt!]

Das ist ganz wunderbar. Der goldrote Fisch macht kein Hehl daraus, dass er ein phallisches Symbol ist; ebenso aber bedeutet er den Geliebten überhaupt und dazu das eigene klopfende Herz der Sprecherin. Denn hier kommt, was in der europäischen Liebesdichtung der nächsten Jahrtausende nur selten geschieht, die Frau zu Wort. Der Rhythmus ist frei, ohne je ins Haltlose zu verfallen, die Sprache schlicht und lebendig, trotz des hohen Alters des Originals einem Heutigen mühelos verständlich. Raoul Schrott, der viel Übung in diesen Dingen besitzt, hat ein Kunstwerk der Vergegenwärtigung geschaffen. …

Es mag ungewöhnlich sein, eine Rezension mit einer Bitte zu schließen. Hier sei es trotzdem getan: Herr Schrott, wenn dieses Buch, was ihm sehr zu wünschen wäre, weitere Auflagen erlebt, dann fügen Sie doch noch drei, vier Seiten hinzu, die den weiten Weg ausleuchten, der von einer Hieroglyphenkette zu spätneuhochdeutschen Versen wie diesen führt: ‚willst du jetzt etwa aufstehen und bier trinken gehen/wo ich dir meine brüste darbiete?/Sie geben dir was du brauchst: ein tag in meinem bett/macht reicher als zehntausend felder!‘ / BURKHARD MÜLLER, SZ 1.6.

DIE BLÜTE DES NACKTEN KÖRPERS. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten. Übertragen, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Raoul Schrott. Carl Hanser Verlag, München 2010. 96 Seiten, 16,90 Euro.

7. Im Beiläufigen finden

Mit dem Gedichtband „Herzschlag“ wurden 2008 seine Liebesgedichte von 1958 bis 2007 vereint und chronologisch abgedruckt. Er lädt zum Verweilen im Augenblick ein, „damit die Zeit / eine Pause hat“: Die ersten Strahlen der Sonne an einem reglosen Tagesbeginn, wenn sich die Sommersonne einem „schwebenden, / leichten Feuer“ gleich über den Horizont schiebt, wärmen in seinen Gedichten. …

Fritz operiert mit wenigen Wörtern, doch diese überreden, inne zu halten: „August, / der die Minuten verschmilzt / und sie überredet / zu bleiben“. Hierzu braucht er keine wilden Neologismen und zieht keine hektischen Fratzen sinnloser Verfremdung. Leise Töne und heiter-elegische Gefühle werden in lakonische Wörter und genau gesetzte, zielsichere Kollokationen verwandelt – ohne falsche Erhöhung oder künstliche Verschleierung. Fritz experimentiert nicht. Wie lächelnd erklärt er: „Es ist die Linie deines Gesichts, / sie ist da, / ich muß sie nicht erfinden.“ Doch es ist mehr als die Linie des Gesichts der Geliebten, die in den Gedichten skizziert wird. Die Stärke der Gedichte ist die präzise Weltwahrnehmung.

Fritz sieht seine Frau, rote Strümpfe, Erdbeeren, das Lachen, die Schönheit, „die Fortdauer des Glücks“. So entstand mit der Sammlung von Liebesgedichten aus mehreren Jahrzehnten das wohl diskreteste Credo für eine Beziehung von Mann und Frau, „deren Liebe die Jahre zusammenhält“, das sich erdenken lässt. …

Kußmann hat es geschafft, zu beweisen, dass Fritz über fünf Jahrzehnte seinen Tonfall unabhängig von jeder literarischen Mode bewahrt hat. Die Schönheit der immer wiederkehrenden Meeresmetaphorik, der mediterranen Landschaften, der Beobachtungen, der zeitlosen Liebe – diese schlichte Eindringlichkeit der Gedichte ist ergreifend. Michael Krüger erhebt den Gedichtband gar zum „Lehrbuch über die Liebe, eines der schönsten, das sich denken lässt.“ Fritz ist ein bedeutender deutscher Lyriker, der das Überzeitliche, die stille Liebe, im Beiläufigen findet. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de

Walter Helmut Fritz: Herzschlag. Die Liebesgedichte.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008.
118 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783455401370

6. Lyriker der Stille

„Walter Helmut Fritz gilt als Lyriker der Stille“, schreibt Thorsten Schulte bei literaturkritik.de. Womit wir wieder bei Eva Strittmatter wären. „Ich mach ein Lied aus Stille“ hieß ihr erster Gedichtband von 1973. Im Jahr darauf erschien ein Gedichtband von Adolf Endler, „der erste gute“ wohl, Titel „Das Sandkorn“, sein Durchbruch zu „Phantastischen Erzählungen in Versen“, die ersten noch vergleichsweise milden Beispiele jener – das Wort ist schon da – „aggressiven Fratzenhaftigkeit“, die sein Markenzeichen werden sollte. Er polemisiert gegen eine Lyrik, „die man für geschmackvolle Reiseprospekte verwenden könnte“ und entschuldigt seinen Pendelausschlag: „Mag sein, daß ich im Haß auf diese heftig popularisierte, sehr bequeme Lyrik oft übers Maß hinaus schrill und höhnisch werde. Aber um mit Hölderlin zu sprechen: «An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören…», warum nicht die der Krähe?“

Dieser auf Sommer 73 datierte Text Endlers, der den „Waschzettel“ ziert, endet mit dem Satz: „Diese Lieder sind nicht aus Stille gemacht.“

Und Walter Helmut Fritz? Nun, Stille ist nicht gleich Stille. Nichts von dem, was ich bei Eva Strittmatter sehe, ist bei ihm zu finden, nirgends.

5. Andrej Wosnessenski gestorben

Der russische Dichter Andrej Wosnessenski starb heute im Alter von 77 Jahren in Moskau. Er war einer der bekanntesten russischen Dichter, einer aus einer Gruppe mutiger Schriftsteller, die die russische Literatur nach Stalins Tod aus dogmatischer Ängstlichkeit und Dienstbarkeit befreien halfen. Seine Lyrik drückte die Rückschläge, Erfolge und Hoffnungen der poststalinistischen Ära aus. Dichter wie Wosnessenski, Jewgeni Jewtuschenko, Bella Achmadulina und Robert Roshdestwenski eroberten die Bühne im kulturellen Tauwetter nach dem Tod des Diktators und erlangten Kultstatus in den 60er Jahren, wo sie Stadien füllten und weltweite Aufmerksamkeit errangen durch ihre kraftvollen Verse und als Sinnbilder jugendlichen Trotzes. (Ausführlicher Nachruf auf nytimes.com folgt) / New York Times Blog, RAYMOND H. ANDERSON

Vgl. L&Poe 2009 Jul 18. Aufregung in der russischen Lyrik

4. Wer ist das Du?

Höchst anregend ist, was Eisenreich zur Entstehung einiger Gedichte berichtet, etwa zu „Benedicta“. Als sie Celan eine gerade erstandene Schallplatte mit jiddischen Volksliedern vorspielte, blieb die Nadel hängen, so dass sich der Satz „´s mus asoj sajn“ immerfort wiederholte. Dieser Satz war die Antwort auf die im Lied an Gott im Himmel gestellte Frage: Darf das so sein? Celan lag auf dem Sofa und lauschte.

„Benedicta“ ist die Frage vorangestellt: „Zu ken men aroifgejn in himel arajn / Un fregn baj got zu´s darf asoj sajn?“ Die dritte Strophe lautet: „Du, die du´s hörtest, da ich die Augen schloss, wie / die Stimme nicht weitersang nach: / ´s mus asoj sajn“.

Ein mechanischer Zwischenfall wie dieser, so erklärte ihr Celan, sei für ihn ein geheimes Zeichen. Der Vorgang zeigt anschaulich, wie unmittelbar dichterisches Gespür der „gelebten Wirklichkeit“ die treffende „poetische Wendung“ zu entnehmen vermag.

In seiner großartigen Celan-Biographie widmet John Felstiner diesem Gedicht fast drei Seiten. Er fragt: Wer ist das „du“ darin? Hans Mayer, so Felstiner, habe vermutet, dass es sich um ein Liebesgedicht handele. / RENATE WIGGERSHAUS, FR 29.5.

Brigitta Eisenreich: Celans Kreidestern. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 266 Seiten, 22,80 Euro.

3. Carlo Bordini

Aus Anlaß der Herausgabe seiner sämtlichen Gedichte in Italien, eines langen Gedichts in Frankreich und eines Dossiers in der Zeitschrift Europe liest Carlo Bordini im Juni dreimal in Paris. Luca Sossella, der Verleger von Marco Baliani, Carmelo Bene und in jüngerer Zeit des legendären Roberto Roversi, veröffentlicht in diesem Monat das lyrische Gesamtwerk Carlo Bordinis, den manche für den wichtigsten zeitgenössischen Dichter halten, in einem Band. / Olivier Favier, L’Italie à Paris

Présentations à Paris en juin: le 16 juin 2010 à partir de 20h sur le marché de la Poésie place Saint-Sulpice, le 17 à 19h à la Librairie L’Odeur du book, 13 rue Ramey, Paris (métro Château Rouge), le 22 à 18h pour la semaine italienne à Paris (Place d’Italie face à la Mairie du treizième arrondissement Métro Place d’Italie lignes 5, 6 et 7)

Danger / Pericolo, Évian, Alidades, 2010.
Olivier Favier, Francesco Pontorno, « Haute Simplicité, entretien avec Carlo Bordini, suivi d’une prose et de sept poèmes », Europe Juin/ Juillet 2010.

Poussière / Polvere, Évian, Alidades, 2007. Suivi d’un essai sur Luigi Ghirri.

Olivier Favier, « La poésie narrative italienne, suivi d’un choix de poèmes de Carlo Bordini, Mauro Fabi et Andrea di Consoli », Décharge n° 139, septembre 2008.
Olivier Favier, « Une douce lucidité, parcours dans l’œuvre en prose de Carlo Bordini », Siècle 21 n° 13, automne-hiver 2008.

En italien:

Carlo Bordini, I costruttori di vulcani, Tutte le poesie 1975-2010, Luca Sossella editore, Bologna,
496 pagine
ISBN 978-88-89829-77-6
Prezzo € 20,00

2. Allererstes Schema

Der Juni gehört traditionsgemäß dem Poesiefestival. Schon zum elften Mal findet es dieses Jahr statt – vom 4. bis zum 12. in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10) – und widmet sich dieses Mal dem Mittelmeer. Wunderbares Festival, wunderbares Thema! In über 50 Veranstaltungen stellen 170 Dichter aus allen Anrainerstaaten ihre Arbeiten vor, „schaffen Querverbindungen, legen Bezüge und Brüche offen“, wie es im umfangreichen Programmheft heißt. …

Und am Montag eröffnet in der Griechischen Kulturstiftung (Wittenbergplatz 3a, 17 Uhr) eine Ausstellung zum Leben des griechischen Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis, der in seinen Gedichten immer wieder das Meer und die ihm zugehörigen Gegenstände aufgerufen hat: den Hafen, das Schiff, die Insel, das Haus.

„Hier legten wir mit den Schiffen an um die abgebrochenen/ Ruder zu flicken,/ um Wasser zu trinken und zu schlafen. Das Meer, das uns verbittert hat, ist tief und nicht zu ergründen …“, heißt es in „Flasche im Meer“. Was Christian Enzensberger in einem Nachwort einmal über Seferis’ Gedichte schrieb, gilt wohl auch für andere Dichter des Meeres. Es scheint ganz einfach. In ihren Gedichten hat sich ein „allererstes Schema“ bewahrt: „Die Dinge sind, die Menschen tun.“ (Gesamtes Programm unter: www.literaturwerkstatt.org) / Tagessspiegel

1. Alice-Kommentator

Als Martin Gardner 1960 seinen Lewis Carroll-Kommentar ‚The Annotated Alice‘ herausbrachte, machte er gleich die erste Fußnote zu einem Rattenschwanz nicht enden wollender Zitate. Er heftete den Rattenschwanz an die erste Zeile des Gedichtes, mit dem ‚Alice in Wonderland‘ beginnt (‚All in the golden afternoon…‘), datierte diesen goldenen Nachmittag unwiderleglich auf Freitag, den 4. Juli 1862, referierte sodann sämtliche Quellen, die über den Themse-Ausflug Lewis Carrolls mit den Liddell Schwestern einschließlich der zehn Jahre alten Alice Auskunft gaben, vergaß nicht, die Bemerkung W. H. Audens zu erwähnen, dass durch diesen goldenen Nachmittag der 4. Juli in der Literaturgeschichte eine ähnlich herausragende Bedeutung erlangt habe wie der ebenfalls auf den 4. Juli fallende Unabhängigkeitstag in der amerikanischen Geschichte, nur um am Ende mit der betrüblichen Mitteilung aufzuwarten, eine Überprüfung beim Amt für meteorologische Daten in London habe ergeben, der 4. Juli 1862 sei ein kühler und ziemlich nasser Tag gewesen.

Der Rattenschwanz war die Parodie eines positivistischen Philologen-Kommentars, und er war eine Visitenkarte von Martin Gardner. …

Am vergangenen Samstag ist Martin Gardner im Alter von 95 Jahren in Norman, Oklahoma gestorben. / LOTHAR MÜLLER, SZ 26.5.

155. Angelika Janz – kreide

Neu bei fixpoetry.com:

Künstler der Woche

zur Galerie des Künstlers Angelika Janz

Angelika Janz

„kreide“
visuelle poesie

Dort außerdem von der Autorin: Autorenbuch, Gedichte

Prosa: Barackenleben

In den Barackenwintern der Nachwende –
brandiger Kaffeeduft in überheizten Räumen,
mit einer Handvoll Menschen aus dem Nichts der Statistik-
beginnt, eiskalt,  brühwarm, die Schule des Erinnerns –
vor der statischen Kulisse
aneinandergerückter Fernen junger Geschichte.

Ferdinandshof im Nov. 1996