83. William Carlos Williams (1883 bis 1963)

Seit 2006 gibt es bei den Kunstfesten auf dem Campus der DRK-Kliniken im Westend in Berlin den Programmschwerpunkt ‚Dichter und Ärzte‘. Nach Gottfried Benn, der 1911/12 als junger Pathologe im Westend Brustkörbe öffnete, und Alfred Döblin, der in der Weimarer Republik am nahen Kaiserdamm wohnte, stand in diesem Jahr der amerikanische Landarzt, Lyriker und Romancier William Carlos Williams (1883 bis 1963) im Mittelpunkt. Das war eine gute Wahl. Williams gehörte der gleichen Generation an wie die deutschen Ärzte, war wie sie von den Aufbruchsbewegungen der europäischen Avantgarden geprägt. Er hatte die ‚Armory-Show‘ 1913 in New York mit den Bildern der Kubisten gesehen, verkehrte in den Zirkeln der Ostküste, in denen 1916 Marcel Duchamp auftauchte, war ein Jugendfreund von Ezra Pound und Hilda Doolittle. …

Aber wie vollzog sich die Wechselwirtschaft zwischen medizinischer Erfahrung und lyrischer Form? Michael Krüger, als Lyriker und Williams-Herausgeber eingeladen, versuchte es mit dem Rückgang auf die archaische Nähe von Poesie und Heilkunst. Gehörte zum Zauberspruchwesen der Dichtung nicht auch, dass man den Worten heilende Wirkung zutraute? Es kam aber bei Williams, wie der Amerikanist Heinz Ickstadt zeigte, etwas sehr Modernes hinzu: Für den Arzt in Rutherford war der Geburtsvorgang, das ‚Nackt-in-die-Welt- Kommen‘ eine Schlüsselmetapher, weil sie den Kern seiner Poetik umschloss, die Skepsis gegen die Gelehrsamkeit Ezra Pounds ebenso wie gegen die Feier der Tradition bei T. S. Eliot. / LOTHAR MÜLLER, SZ 7.6.

(Anmerkung: Nachträglich nehme ich diesen Beitrag in meine Anthologie auf – siehe Anmerkung).

82. Musikalische Morsezeichen – Bayerische Gesänge, Berliner Gassenhauer und Texte von Ernst Herbeck

Ernst Herbecks köstliche, tief gründelnde und zugleich naive Weltbetrachtungen, eingeflochten in eine humorvoll, musikalisch performative Rahmenhandlung.

Seit Jahren trägt die Performerin Ruth Geiersberger ein Buch mit sich herum und zitiert bei Performances daraus: Ernst Herbecks gesammelte Texte „Im Herbst da reiht der Feenwind“. Jetzt widmet sie ihm einen Abend.

Der Kultautor Ernst Herbeck (1920-91) war durch eine Verkettung von bösen Umständen 1946 für den Rest seines Lebens in der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging gelandet. „Weder als Kanonenfutter noch als williger Befehlsausführer taugte Herbeck.“ so der Literaturwissenschaftler Uwe Schütte. Angeregt von dem Arzt Leo Navratil begann er dort zu schreiben und hinterlies rund 1200 Gedichte und Prosatexte. Seine Gedichte überbrücken den Abgrund seiner Zurückgezogenheit, seines Schweigens – unverhofft angelangte Flaschenpost aus der Ferne, rätselhafte Botschaften, die die Konventionen des Denkens in Frage stellen. Und genau diese Art zu denken, zu formulieren, dreist, provokant aber auch liebevoll, schätzt Ruth Geiersberger auch an den Darstellern von Thikwa.

Herbecks Werke haben weltweiten Kultstatus mit Übersetzungen insArabische, Englische, Esperanto, Französische und weitere Sprachen.

Mit Torsten Holzapfel und Tim Petersen | Idee, Konzept, Regie und Leseverrichtungen: Ruth Geiersberger | Musik und Kontrabass: Klaus Janek | Produktionsbegleitung: Nicole Hummel | Koproduktion: Theater ThikwaTamS Theater (Theater am Sozialamt)

Mehr hier (auch einige Texte von Herbeck)

16.06.2010 20:00 Uhr – F40 – Theater Thikwa | Studio
17.06.2010 20:00 Uhr – F40 – Theater Thikwa | Studio

81. Das Geschäft der Besserwisserei

Die zehnte Nummer von Kultur & Gespenster ist zugleich eine der sonderbarsten Ausgaben welche die Redaktion je zusammenstellte: Ein umfangreiches Dossier zum Thema »Literarische Hermeneutik«.
Eifersüchtige Autoren ringen mit ihren Kollegen um die jeweils schlagendere Gestaltung eines Themas. Es geht so sehr wie noch nie im Magazin Kultur& Gespenster um Besserwisserei bei der Empfindung. Paul Celan ist beleidigt, Ingeborg Bachmann hat da ein Wörtchen mitzureden. Heidegger sitzt eingebildet auf seinem Berg, und um ein wenig weiter auszuschweifen, kann man diese Phänomene natürlich auch in antiken Texten aufspüren. Hans Imhoffs großer Stuttgarter Vortrag von 1976 begleitet und pointiert dieses Dossier, da sein Text die wissenschaftlichen Würdeformeln, die das Geschäft der Besserwisserei notwendig begleiten, grandios parodiert.
Ein Dossier mit Texten von: Jacob BernaysJean BollackTimo GüntherNora HammerschmidtStéphane Mallarmé, Massimmo PizzingrilliArnau PonsArthur RimbaudRossella Saetta-Cottone,Denis ThouardTim Trzaskalik und Werner Wögerbauer. Die Bildstrecken kommen von Frank Hesse, Bernhard Johannes Blume und dem Comiczeichner Sascha Hommer. Die Reisestrecke, in der es auch um das Spurenlesen geht, kommt von der Künstlerin Verena Issel.

Kultur&Gespenster, 344 Seiten, ISBN: 978-3-938801-73-4, 12 Euro, Textem Verlag, Hamburg 2010

www.textem-verlag.de

80. Matinee

Gedicht von Ludvík Aškenazy (1921-1986)

Dichter sein ist nicht leicht.
Am Ende versteht einen keiner.
Bei einer literarischen Matinee schlief eine zweiundfünfzigjährige
Philosophiestudentin ein.
Sie hatte damit gerechnet, daß geheizt war.
Es war.
Aber der Dichter?
Die Poesie?
Die Seele?
Die Träume?

Aus: Ludvík Aškenazy: Die schwarze Schatulle. Songs, Balladen und Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau 1965, S. 101

Zugabe aus dem gleichen Band, S. 107:

Träume

Wecke die Frauen nicht zu früh.
Sie haben am Morgen die schönsten Träume!

(Ähnlich schon sein Kollege Salomon: „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, daß ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt.“ Hohesl. 3, 5)

79. Carson’s Sappho

In her translation of Sappho’s surviving words, Carson has rendered the silences along with what remains. Using lineation and square brackets to indicate the ragged edges of damaged papyrus and open space to imply the setting from which individual lines were plucked, Carson places the poems in an aesthetic of loss, opening their absences, rather than framing them.

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] in a thin voice
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The beauty, the achievement of Carson’s translation, is this aesthetic of loss, her embrace of the very little we actually have, allowing it to be all. With a modernist poetic sensibility, she enlists the very brokenness of Sappho’s lines to intensify their emotional import, their longing, their dilations of desire. Carson’s Sappho seems to pant, rather than sing, her syntax fragmenting even where a sentence would be as accurate.

no: tongue breaks and thin
fire is racing under skin

In her visualization, as in her language, Carson is faithful to how Sappho exists now, a lost poet, an aura around fragments. This Sappho is not the one who lived, but the one we have left. / Glenn Kurtz, Southwest Review

Sappho/ Anne Carson, If Not, Winter: Fragments of Sappho (English and Greek Edition) Vintage Books 2002

„There’s not much poetry in this one, yet the whole thing is poetry…“
Anne Carson’s Nox reviewed by Ben Ratliff. (The New York Times)

78. Basler Lyrikpreis 2010 an Werner Lutz

Der 79-jährige Dichter Werner Lutz erhält den Basler Lyrikpreis 2010. Übergeben wird der mit 4000 Franken dotierte Preis am 5. September anlässlich des Internationalen Lyrikfestivals im Literaturhaus Basel.

Der Dichter Werner Lutz habe in den letzten 50 Jahren ein lyrisches Werk geschaffen, «das sich um rhetorische Effekte und grosse Gesten nicht kümmert», schreibt die Lyrikgruppe Basel, die den Preis vergibt, am Dienstag in ihrer Begründung.

Der Ausgezeichnete habe seine Technik der sprachlichen Reduktion und Präzision zu einer Meisterschaft entwickelt, «die ihn zu einem der bedeutenden Schweizer Lyriker der Gegenwart macht». / BaZ

77. 11. poesiefestival berlin erfolgreich beendet

Am 12. Juni 2010 ging das 11. poesiefestival berlin erfolgreich zu Ende.

Mit der szenischen Uraufführung von Pasolinis Gedichtzyklus „Dunckler Enthusiasmo“in der Regie von Leopold von Verschuer ging das 11. poesiefestival berlin am Samstag, 12. Juni 2010, erfolgreich zu Ende. Die Übersetzung des Gedichtzyklus stammt von Christian Filips (Urs Engeler Editor 2009).

Zu den 50 Veranstaltungen kamen über 8000 Zuschauer. Auf dem Festival traten 170 internationale Dichter und Künstler auf. Mit dabei waren u.a. Nanni Balestrini (Italien), Mohammed Bennis (Marokko), Abbas Beydoun (Libanon), Pierre Guéry (Frankreich), Elke Erb (Deutschland), Michael Ondaatje (Kanada), Ginesa Ortega (Spanien), Titos Patrikios (Griechenland), Anat Pick (Israel) und Raúl Zurita (Chile).

Der Fokus lag dieses Jahr auf dem Mittelmeer. Zum ersten Mal in Deutschland wurde Poesie und Kunst aus allen Anrainerstaaten präsentiert. Die erste Station des Festivals war ein Colloquium zu Migration und zu der literarischen Figur des Flüchtlings, in dem auch eine „Europäische Verfassung in Versen“ gelesen wurde, die von Dichtern aus Europa und darüber hinaus verfasst wurde. Der Nahe Osten, der Maghreb, Spanien, Italien, Griechenland und die Hafenstädte Marseille und Istanbul waren weitere Passagen. Dank des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel sind jetzt die Werke von acht deutschen Dichtern in Italienisch verfügbar – und umgekehrt.

Das poesiefestival berlin diskutierte die neuen Medien und Präsentationsformen der Lyrik und erprobte sie in Poesiefilmen, Konzerten und Videoperformances. Komponisten elektronischer Musik vertonten eigens für das Festival die Werke zeitgenössischer Lyrik und brachten sie in vier Uraufführungen auf die Bühne. Sabine Scho und Ulf Stolterfoht vertexteten Chamisso und Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und – leben“ neu. Gemeinsam mit der Neukomposition von Jan Müller-Wieland kam die neue Version auf dem poesiefestival berlin zur Uraufführung.

Zwei Lehrerworkshops und Lesungen in Berliner Schulen brachten Poesie in die Schulen und die Berliner Dichter lasen in den Bezirken, in denen sie wohnen.

Ergänzt wurde das umfangreiche Programm durch Ausstellungen in zahlreichen Berliner Kulturinstitutionen, Botschaften und in der Akademie der Künste. Noch bis 18. Juni sind die Ausstellungen „Jorgos Seferis“ und „All-in-One“ mit Werken von Susanna Kraus und Michalis Papamichael sowie Fotografien aus dem Leben von Jorgos Seferis in der Griechischen Kulturstiftung zu sehen. Bis 25. Juni läuft in der Botschaft des Königreichs Marokko die Ausstellung „Rencontres“ mit Werken von Aziza Alaoui (Marokko) und im Institut français sind noch bis 31. Juli Textilskultpturen von Marianne Cresson (Frankreich) ausgestellt.
Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

76. Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund

Wo der Bulgare Gospodinov mit dem alten Fotoapparat „Smena“ die Leerstellen der Geschichte einzufangen sucht, zoomt der Pole Tadeusz Dabrowski aus einem Nacktfoto ein Auge heraus – bis auf Bildschirmgröße – um mit einem „letzten klick / auf die andere Seiten zu kommen, die Seele“. In seinen Versen macht er sich die Verfahren digitaler Medien zu Nutze. Das mailt, zoomt und telefoniert per Handy, dass es nur so pixelt. Und dennoch bricht das lyrische Haus nicht auseinander. Es steht in einem anderen Alltag als dem der dörflichen Beschaulichkeit. Die Pose des nächtlich durch Table-Dance-Kneipen tourenden sexbesessenen Abenteurers übt Dabrowski gern. Sein Alter Ego bildet sich Hunger und Durst ein und probt verschiedene gewöhnliche und absurde Todesarten. Seine Entwürfe schickt der dreißigjährige Dichter durch eine Hölle der Verwandlung. So geht er mit der Liebe um, mit dem Traum, der Wahrheit und den Zeiten. Die unendlichen Möglichkeiten, die der Pole bedenkt, leben nur für Augenblicke: als Bild, als Bewegung oder herausfordernde Geste. Worte weiten sich zu begehbaren Räumen, zu einem Haus, in dem das zeitgenössische Gedicht Signale sendet und empfängt. Auch die Identität des Ich ist nichts Festgelegtes. „Dieses Gedicht ist das Leben, ich mache alles, um in jedem Vers ich selbst zu bleiben“ – ein aussichtsloser Überlebenskampf – und zugleich ein ironisches Spiel mit Sprache und Klischees vom Dichten. / DOROTEA VON TÖRNE, Die Welt 12.6.

Tadeusz Dabrowski: Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund
Der erste Band der luxbooks.slavica, zweisprachig. Aus dem Polnischen von Andre Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz.
Mit einem Nachwort von Michael Krüger
Christian Lux, Wiesbaden. 138 S., 19,80 Euro.

75. Liebe ist auch eine Form

Hundert Gedichte sollten es werden, so hat es sich der 1964 geborene Autor für seinen vierten Gedichtband vorgenommen, und diese kühne Programmatik hat ihm nicht geschadet. Sprachbewusst und schön kontrolliert erkundet „Offene Unruh“ den Liebesschmerz in allen Varianten. Dabei erzählen die Gedichte nicht bestimmte Situationen nach. Statt zur Identifikation einzuladen, spielen sie mit dem Liebesdiskurs, so als könnte man die Worte, die sich um die Liebe ranken, wie einen Rosenkranz dahersagen, ohne dass sich je der lästige Eindruck des Gebetsmühlenhaften einstellt. Alles geschieht mit souveräner Nebensächlichkeit. Das Material bleibt kalt. Wir werden nicht zum Voyeur eines leidenden Ich. Erfahrungspartikel geistern durch diese Gedichte wie etwas Objektives, als hätten sie sich tatsächlich in der Sprache abgelagert und könnten ganz nach Bedarf aktiviert werden. …

Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ und Roland Barthes’ „Fragmente einer Sprache der Liebe“ sind, so scheint es, die Paten dieses Bandes. Vom einen nimmt sich Lentz den systematischen Zugriff auf die Codes, mit deren Hilfe wir von Liebe sprechen, vom anderen die emphatische Evokation. Nach seinem Roman „Liebeserklärung“ hat er mit „Offene Unruh“ ein weiteres Mal bewiesen, wie gut sich die Sprachartistik mit der Liebe verträgt. Auch sie ist eine Form und beileibe nicht nur ein Gefühl, das ganz von selbst den richtigen Ausdruck findet. / Meike Fessmann, Tagesspiegel

Michael Lentz:
Offene Unruh.
100 Liebesgedichte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2010. 167 Seiten, 16,95 €.

74. „Postalisches Pathos, epistelisches Ethos, eingeschriebener Eros“

Ein Lyriker war er am laufenden Fließband. Ein Einmischer in linke Parteiungen jederzeit. Allüberall Übersetzer aller Shakespeare-Szenen. Jetzt wird der Schriftsteller Erich Fried vorgestellt als unermüdlicher Briefsteller. Postalisches Pathos, epistelisches Ethos, eingeschriebener Eros; flächendeckend Moral und Moralin, Empathie und Sympathie, spediert in Poetik & Politik mit Poetik & Politik. Lieb gehabt wollte er werden, und Lieb-Haber war er, mit Honig, Schmäh und Schmalz; sogar vor seiner dritten Ehefrau protzt er altherrlich in einem Love-Letter mit seiner Vielweiberei: „My flaunted polygamy“.

Ein Büchlein für Friedianer, die in seiner Schreibmaschine sitzen, in seinen Tagebüchern stibitzen und eben Kibitz sein mögen beim Dichterers zuhaus. Interesse bedient! Mit unfreiwilligem Selbstporträt als Psychogramm. Die Kontur eines Kommunikators, die Agenden eines Agitators, die Botschaften des Brambassierens und des Belehrens, das Profil eines Poetasters, der hyperaktiv und ruhelos redet, redet, redet, selbst wenn er schreibt. Aus den Kuverts dieser Korrespondenz heraus entlarven sich seine Gedichte zukünftig auch als bloße Sprech-Sprache, die nach schnellem Dialog mit dem Leser ruft. Mundkost, Ohrenschmaus. Gedichte bei Gelegenheit von Geschichte/n. (…)

Bitterer Höhepunkt der Kollektion ist der Konflikt, den Verleger Wagenbach seinem Autor und Freund aufgezwungen hat. Fried wurde zutiefst verletzt vom rüden Jargon der Linkssoldateska, mit der sein Lektor seine Lyrik zusammenrüffelt. Fassungslos. Aber er setzt sich zur Wehr gegen Wagenbachs „bornierte Selbstsicherheit, Schulmeisterei, Engstirnigkeit, Überheblichkeit, gegen seine politischen Irrsinnserscheinungen aus der unerträglich vergifteten Atmosphäre des Post-ApO-Berlins, die auch Ulrike Meinhof in die RAF getrieben habe.“ Fazit: „Es wäre nicht praktisch, nach der Revolution dort Schriftsteller zu sein, wo du tonangebend bist!“ / Peter Roos, Die Presse 12.6.

73. Regina Ullmann

Am Freitag, 11. Juni, um 19 Uhr eröffnet Kargl mit einem Vortrag eine von ihr kuratierte Ausstellung über die „bayerischen Jahre der Dichterin Regina Ullmann (1884-1961)“ im Café Zam in Kirchseeon. Denn hier in Eglharting verbrachte die Dichterin ihre letzten Lebensjahre. Neben Vita und Werk zeigt die Schau faksimilierte Briefe von und an Regina Ullmann. Die Enkelin Helene Kahl wird über ihre Erinnerungen an die Großmutter sprechen (Termin wird noch bekannt gegeben).

1884 als Kind jüdischer Eltern in der Schweiz geboren, kam Regina als junge Frau nach München, wo sie Anschluss an die Schwabinger Bohème fand. Das „zurückgebliebene Kind“, wie der Germanist Peter Hamm schreibt, fasziniert von Anfang an durch eine unergründliche Art: Langsam wie eine „verschämte Bäuerin“, so beschreibt sie Kargl – andererseits eine geradezu eruptive Erzählerin. Ihr großer Förderer war Rainer Maria Rilke, der für die Veröffentlichung ihrer Erzählungen und Gedichte sorgte. Ihre „langsam knetende Prosa“ hatte es auch Kollegen wie Hermann Hesse angetan. / Süddeutsche

72. Pat Lowther

Es war der 24. September 1975. Die Metallarbeiterhalle in Vancouver war voller Gewerkschaftsmitglieder, die gekommen waren, um junge Dichter zu hören. Drei von ihnen, David Day, Pete Trower und Patrick Lane, gingen im Foyer auf und ab. Sie hörten die Unruhe im Publikum, die Geräusche der Metallsitze, aber sie bestanden darauf, auf den vierten zu warten. Es war Pat Lowther. Am Vortag hatte sie zu Patrick Lane gesagt, daß sie kommen würde, obwohl ihr Ehemann Roy sie bedroht hatte. Er sei der Dichter, hatte er gebrüllt. Er müßte vor den Arbeitern lesen, nicht sie. Patrick rief im Haus der Lowthers an, aber keiner meldete sich. Nach 10 Minuten begann die Lesung ohne die Pat.

Pat Lowther tauchte nie wieder auf. In der Nacht vor der Lesung hatte ihr Ehemann sie mit dem Hammer erschlagen und die Leiche verscharrt. Christine Wiesenthal schrieb in der Einleitung zu ihren Gesammelten Werken: „Das abrupte Ende von Pat Lowthers erfülltem und kreativem Leben, ermordet von ihrem Ehemann im September 1975, bleibt eins der traurigsten Ereignisse unserer jüngeren Literaturgeschichte.“ / Lorna Crozier, Globe and Mail 11.6.

The Collected Poems of Pat Lowther, edited by Christine Wiesenthal, NeWest Press, 333 pages, $24.95

Lorna Crozier gewann zwei Pat Lowther Awards für den besten Gedichtband einer kanadischen Autorin. Sie lebt auf der Vancouver Island mit dem Dichter Patrick Lane zusammen.

71. Angela Rohr

Nur als Fußnote geistert sie durch Literaturgeschichten des Expressionismus. Im Jahr 2004 stieß die Berliner Literaturwissenschaftlerin Gesine Bey auf einen bis dahin unbekannten Brief Bertolt Brechts, geschrieben am 29. Mai 1941 an den russischen Schriftsteller Konstantin Fedin. Brecht empfahl darin die Ärztin und Autorin Angela Rohr der Aufmerksamkeit Fedins. Vier Wochen später wurden sie und ihr Mann unter Spionageverdacht – weil sie deutschsprachige Emigranten waren – verhaftet. Nach wenigen Nächten in der Lubjanka verlegte man sie ins Butyrki-Gefängnis, dann kam sie über Saratow, wo Wilhelm Rohr starb, nach Sibirien. Dank ihre Medizinkenntnisse vermochte sie als Lagerärztin zu überleben.

Durch Brechts Empfehlungsschreiben neugierig geworden, suchte Gesine Bey weiter und fand im Nachlass Fedins die Erstschriften von zwei Erzählungen Angela Rohrs: ‚Der Vogel‘ und ‚Die Zeit‘. Sie wurden nun zum ersten Mal gedruckt, ergänzt um Prosastücke, die Angela Rohr Franz Pfemfert für seine legendäre Zeitschrift ‚Die Aktion‘ überlassen hatte: Reportagen, in denen sie den Lesern der Frankfurter Zeitung zwischen 1928 und 1937 aus Sowjetrussland berichtete; sowie zwei Texte, die Johannes R. Becher 1941 in die Zeitschrift Internationale Literatur / Deutsche Blätter aufnahm.

Wer in dem Band blättert, stolpert über viele berühmte Namen. Dada-Freunde haben ebenso ihren Auftritt wie Rainer Maria Rilke, Lenin kommt ebenso vor wie Karl Abraham, an dessen Berliner Psychoanalytischem Institut Angela Rohr studierte, bevor sie mit ihrem dritten Mann, einem von Kommunismus und Psychoanalyse Überzeugten, nach Moskau ging. / JENS BISKY, SZ 4.6.

ANGELA ROHR: Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Herausgegeben von Gesine Bey. Basisdruck Verlag, Berlin 2010. 200 Seiten, 18 Euro.

70. Ausgezeichnet

Am 27.5. erhielt der Dichter John Ridland den diesjährigen Balint-Balassi-Gedächtnis-Preis für seine Übersetzung des ungarischen Volksepos*) János Vitez (Held János) bei einer Feier in Los Angeles. Der Preis hat die Form eines gravierten Schwertes. Ridland sprach mit dem Santa Barbara Independent.

*) Folk Epos sagt die Zeitung. Gemeint ist das Versepos des ungarischen Nationaldichters Sándor Petöfi.

69. Kein Sternenhimmel seit Jahrzehnten

Was im Golf von Mexiko eine Ausnahme darstellt, ist im Golf von Guinea Alltag. Nigerias Ölgebiete im Nigerflussdelta halten den Weltrekord in Verschmutzung und Unfällen mit Ölaustritt: 13 Millionen Barrel „verlorenes“ Öl seit Förderbeginn vor gut fünfzig Jahren – das ist eine komplette Exxon-Valdez-Ladung Rohöl pro Jahr, die direkt in den Mangrovenwäldern und Sümpfen des dicht besiedelten Nigerdeltas landet statt in Pipelines und auf Tankern. Felder und Flussläufe sind heute chronisch verseucht, es gibt Gegenden, in denen das Grundwasser schwarz ist, und andere, wo aufgrund des Abfackelns des bei der Ölförderung austretenden Erdgases seit Jahrzehnten kein Sternenhimmel mehr zu sehen ist.

Wegen dieser Zustände stand der Ölmulti Shell vor 15 Jahren ähnlich als globaler Buhmann da wie heute BP. Als nigerianische Umweltschützer mit friedlichen Mitteln gegen die menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Nigerdelta und gegen die Kumpanei zwischen dem Ölkonzern und Nigerias damaliger Militärdiktatur protestierten, wurde ihr Anführer Ken Saro-Wiwa samt seinen Mitstreitern im Jahr 1995 erhängt. Nigeria wurde mit internationalen Sanktionen belegt, Shell wurde Ziel globaler Boykottkampagnen, und die Unzufriedenen im Nigerdelta griffen zu den Waffen. / Dominic Johnson, taz 10.6.

Ken Saro-Wiwa in L&Poe:

2002     Mrz     #     New Nigerian Poetry
2006     Mrz     #115.     Nigerianische Dichter-Barden huldigen ihren Vorbildern
2006            Jul            #79.            „Jäger und Sänger sind meine Vorbilder“ – Akeem Lasisi

(im Archiv)