Jürgen Landt
(* 1957 in Loitz, Kreis Demmin, lebt in Greifswald)

Landt wurde 1983 aus der DDR ausgebürgert und übersiedelte nach Hamburg.
Über den Roman „Sonnenküsser“ schrieb Mathias Schnitzler in der Berliner Zeitung:
Dieser Roman ist maßlos‚ roh, brutal.
Er ist wahrhaftig. Und er ist gut. Eine derartig getriebene, aggressionsgeladene und vor Kraft strotzende Darstellung des DDR—Alltags hat es noch nicht gegeben. Verglichen mit Landt schrieb Plenzdorf zahnlos, schreibt Clemens Meyer zahm wie ein Internatszögling.
Will man Uwe Tellkamps Turm samt seiner Darstellung der späten DDR wie gewünscht mit dem Wilhelm Meister in Beziehung setzen, so fände Landts Roman eine Entsprechung im Anton Reiser von Karl Philipp Moritz. Der Sonnenküsser beschreibt die DDR von ganz unten, aus der realen Unterschicht des existierenden Sozialismus. Landt erzählt nicht vom mehr oder weniger angepassten Bildungsbürgertum und auch nicht von politischer Opposition. Sein Coming-of-age—Roman handelt von willkürlicher Züchtigung und Zerstörung eines Jugendlichen durch die Familie, die Gesellschaft, den Staat.
Berliner Zeitung 8.7.2009
Zum 125. Geburtstag von Bertolt Brecht ein Gedicht des jungen Dichters zusammen mit einer vom Dichter verfassten Gebrauchsanleitung.
Das Buch heißt Hauspostille. Es besteht aus fünf Lektionen und einem Schluss. Die erste Lektion trägt den Titel Bittgänge, sie besteht aus 9 Kapiteln (9 Gedichten). Hier Brechts Gebrauchsanleitung für diese Lektion.
Diese Hauspostille ist für den Gebrauch der Leser bestimmt. Sie soll nicht sinnlos hineingefressen werden.
Die erste Lektion (Bıttgänge) wendet sich direkt an das Gefühl des Lesers. Es empfiehlt sich, nicht zuviel davon auf einmal zu lesen. Auch sollten nur ganz gesunde Leute von dieser für die Gefühle bestimmten Lektion Gebrauch machen. Der in Kapitel 2 erwähnte Apfelböck, geboren zu München 1906, wurde 1919 durch einen von ihm an seinen Eltern begangenen Mord bekannt. Die in Kapitel 3 gezeichnete Marie Farrar, ein Jahr vorher wie der in Kapitel 2 erwähnte Apfelböck zu Augsburg am Lech geboren, kam vor Gericht wegen Kindesmordes in dem zarten Alter von 16 Jahren. Diese Farrar erregte das Gemüt des Gerichtshofes durch ihre Unschuld und menschliche Unempfindlichkeit. Der in Kapitel 9 erwähnte François Villon machte sich einen Namen durch einen Raubmordversuch und einige (wahrscheinlich obszöne) Gedichte.
Hier das 9. Kapitel.
Vom François Villon 1 François Villon war armer Leute Kind Ihm schaukelte die Wiege kühler Föhn Von seiner Jugend unter Schnee und Wind War nur der freie Himmel drüber schön. François Villon, den nie ein Bett bedeckte Fand früh und leicht, daß kühler Wind ihm schmeckte. 2 Der Füße Bluten und des Steißes Beißen Lehrt ihn, daß Steine spitzer sind als Felsen. Er lernte früh den Stein auf andre schmeißen Und sich auf andrer Leute Häuten wälzen. Und wenn er sich nach seiner Decke streckte: So fand er früh und leicht, daß ihm das Strecken schmeckte. 3 Er konnte nicht an Gottes Tischen zechen Und aus dem Himmel floß ihm niemals Segen. Er mußte Menschen mit dem Messer stechen Und seinen Hals so in die Schlinge legen. Drum lud er ein, daß man am Arsch ihn leckte Wenn er beim Fressen war und es ihm schmeckte. 4 Ihm winkte nicht des Himmels süßer Lohn Die Polizei brach früh der Seele Stolz Und doch war dieser auch ein Gottessohn. – Ist er durch Wind und Regen lang geflohn Winkt ganz am End zum Lohn ein Marterholz. 5 François Villon starb auf der Flucht vorm Loch Vor sie ihn fingen, schnell, im Strauch, aus List – Doch seine freche Seele lebt wohl noch Lang wie dies Liedlein, das unsterblich ist. Als er die Viere streckte und verreckte Da fand er spät und schwer, daß ihm dies Strecken schmeckte.
Aus: Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 11: Gedichte I. Sammlungen 1918-1938. Bearbeitet von Jan Knopf und Gabriele Knopf. Frankfurt am Main: Suhrkamp und Berlin:Aufbau, 1988, S. 55f.
Sylvia Plath
(* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)
Kind Dein klares Auge ist das einzig vollkommen Schöne. Ich möchte es mit Farben füllen und Enten, Dem Zoo des Neuen, Über dessen Namen du nachsinnst — April-Schneeglöckchen,* lndianerpfeife,** Kleiner Halm ohne Knitterfalte, Teich, in dem Bilder Groß und klassisch sein sollten, Nicht dieses bange Ringen von Händen, diese dunkle Zimmerdecke ohne Stern.
Deutsch von Judith Zander, aus: Sylvia Plath, Das Herz steht nicht still. Späte Gedichte 1960-1963. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg., aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Judith Zander. Berlin: Suhrkamp, 2022, S. 185
*) Zwar existiert keine Schneeglöckchenart mit diesem Namen, jedoch ist das vierte Charakterstück in Pjotr Tschaikowskis op. 37a, Die Jahreszeiten, (in der englischen Übersetzung) betitelt mit April. Snowdrop.
**) Einer der Trivialnamen von Monotropa uniflora, wegen ihres chrlorophyllfreien, wachsweißen Erscheinungsbildes auch Ghost Plant (Geisterpflanze) oder Corpse Plant (Leichenpflanze) genannt.
(Worterklärungen aus dem zitierten Band)
Child Your clear eye is the one absolutely beautiful thing I want to fill it with colour and ducks, The zoo of the new Whose names you meditate — April snowdrop, Indian pipe, Little Stalk without wrinkle, Pool in which images Should be grand and classical Not this troublous Wringing of hands, this dark Ceiling without a star.
Ebd. S. 184
Eva Strittmatter
(* 8. Februar 1930 in Neuruppin; † 3. Januar 2011 in Berlin)
Sie war schon 43, als ihr erster Gedichtband erschien. Er kam mit dem Geruch des lange Verbotenen oder wenigstens Zurückgehaltenen. Ich las ihn damals gleich und mehrmals. Obwohl ich vor allem bei den nachfolgenden Büchern mehr und mehr Distanz empfand, sind mir Verse aus dem ersten Band hängengeblieben. „Rotdorn meiner Kinderjahre“, das fällt mir tatsächlich jeden Mai ein, wenn der Rotdorn blüht. „Ich war ganz anders entworfen / Hab einst Ästhetik studiert / Komisch, wie leicht man im Leben, / Was man nicht braucht, verliert.“ – „Meine Verse sind gestohlen. Und mein Leben ist geborgt.“ – „Alles kann man, was man will. Und man kann die Welt besiegen. Wenn man eine Liebe hat, kann man über Witebsk fliegen. – „Wir alle haben viel verloren / Täusche dich nicht, auch ich und du / Weltoffen wurden wir geboren / Jetzt halten wir die Augen zu“.
Mit der Zeit nervte sie mich zunehmend, und im ersten Band gibt es schon auch diesen nervenden Ton, ich erinnere mich nicht, ob ich ihn beim ersten Lesen schon empfand, ein paar Stellen sind angestrichen, aber das kann auch von (zwei, drei Jahre) später sein. Aber wenn Zeilen hängenbleiben, wird schon was dran sein. Heute zum Geburtstag ein Gedicht aus dem ersten Band mit dem (eher niedlich-biedermeiernden) Titel „Ich mach ein Lied aus Stille“. Also der Band – das Gedicht heißt „Ich“. Auch in diesem Gedicht stört mich etwas, vor allem der Schluss, der für mein Gefühl die selbstkritische Stelle mit der Ästhetik (sie war mal eine dogmatische Kritikerin) ins allgemein Gefühlige zieht – aber man kann es ja mal lesen.
Ich Noch hab ich nicht begonnen. Noch arbeite ich ab, Was ich mir im ersten Leben Aufgelastet hab. Noch gehn meine Gedanken Nur selten aus dem Haus. Bin wie die alten Landfraun. (Die zogen die Schürze nie aus.) Noch sind meine Worte simpel. Von Sorge und Liebe schwer. Noch fehlt ihnen das Leichte. In Holzschuhn kommen sie her. Ich lebe wie meine Mütter, Die Häuslerinnen, gelebt. (Nur kannten sie keine Bücher Und haben gestrickt und gewebt.) Ich war ganz anders entworfen. Hab einst Ästhetik studiert. (Komisch: wie leicht man im Leben, Was man nicht braucht, verliert.) Lebt man bei Bächen und Bäumen, Wohnt zwischen Wurzel und Wind, Verlangt man selbst von den Träumen, Daß sie faßbar sind.
Aus: Eva Strittmatter, Ich mach ein Lied aus Stille. Berlin und Weimar: 1973, S. 14
Rudolf Ditzen alias Hans Fallada
(* 21. Juli 1893 in Greifswald; † 5. Februar 1947 in Berlin)
Körperlicher Ekel Sie sprach zu ihm: „Das ist nicht abzuwenden: Ich mag dich gern, jedoch mein Leib haßt dich, Er droht in mir mit aufgehobnen Händen Und saugt dich heiß gleich einer Flamme Stich. Mein Leib, sonst jedem Reize schnell gefunden, Erschüttert, wenn er deinen Duft nur riecht, Er blutet wild aus tief verborgnen Wunden, Wenn du im Höchsten ihn dann doch besiegt. Ich möchte herrschen, doch ich bin gefangen In dieser Widrigkeiten kleinem Kreis, Ich möchte dir am Halse hingegeben hangen Und dich ermorden: wild und rasch und heiß.”
Aus: Versensporn 32. Rudolf Ditzen. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 22
Das heutige Gedicht könnte auch zum Ausbremsen eifrigen Interpretierens dienen. Wenn sie nur nicht immer solche Eile hätten.
Geschrieben hat es Heinz Kahlau, der auflagenstärkste Dichter Deutschlands.
(* 6. Februar 1931 in Drewitz, Kreis Teltow; † 6. April 2012 in Greifswald)
Das Lied von der Eile Ein Fleisch wächst auf den Weiden. Die Schlächter stehen bereit, das Fleisch mit Macht zu zerschneiden – es hat zum Wachsen nicht Zeit. Wenn sie nur nicht solche Eile hätten, wäre es besser für sie. Was sie ohne diese Eile hätten, kriegen sie nie. Ein Weib geht durch den Hafen. Die Männer stehen bereit, das Weib mit Macht zu beschlafen, es hat zum Lieben nicht Zeit. Wenn sie nur nicht solche Eile hätten, wäre es besser für sie. Was sie ohne diese Eile hätten, kriegen sie nie. Ein Weiser wurde gefunden. Die Leute stehen bereit, mit Macht ihm Ruhm zu bekunden, er hat zur Weisheit nicht Zeit. Wenn sie nur nicht solche Eile hätten, wäre es besser für sie. Was sie ohne diese Eile hätten, kriegen sie nie. Kriegen sie nie. —
Zuerst in: Heinz Kahlau: Probe. Gedichte (Reihe Antwortet uns! 6). Berlin: Volk und Welt, 1956. Neu in Heinz Kahlau: Sämtliche Gedichte und andere Werke (1950-2005). Hrsg. Lutz Görner. Berlin: Aufbau, 2005, S. 81f
5. Februar ist in Finnland Runebergtag. Man feiert den Geburtstag eines Dichters.
Johan Ludvig Runeberg (* 5. oder 7. Februar 1804 in Jakobstad; † 6. Mai 1877 in Porvoo), finnlandschwedischer Dichter, Nationaldichter Finnlands. Sein Geburtstag ist Runebergtag, da isst man Runebergtorte.
L&Poe schließt sich heute an mit dem Anfang des finnischen Nationalepos „Kalevala“, das zwar nicht Runeberg, sondern Elias Lönnrot aus finnischen Volksliedern zusammenstellte. (Ich weiß nicht, ob es ein Fauxpas ist, Lönnrot statt Runebergtorte, und ob es mir die Finnen übelnehmen werden. In dieser Woche gab es bis jetzt 17 Klicks aus Finnland, sagt mir WordPress. Hallo ihr da!). Das Kalevala erzählt von der Geschichte der Finnen und auch von der Kraft der Worte. So sind sie, die jungen tausendjährigen Völker.
Elias Lönnrot wurde am 9. April 1802 in Sammatti in Schweden geboren und starb am 19. März 1884 in Sammatti, nun Russisches Kaiserreich. (Heute liegt es in Finnland)
Mit seinem Werk legte er den Grundstein für eine finnischsprachige Literatur und die Entwicklung einer finnischen Identität. Er gilt nach dem Bibelübersetzer Mikael Agricola als „zweiter Vater der finnischen Sprache“. Die Banknote zu 500 Finnische Mark, welche von 1986 bis zur Einführung des Euro Zahlungsmittel war, trägt seine Abbildung.
Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Elias_Lönnrot
Hier die erste Seite der Übersetzung von Lore und Hans Fromm, die 1967 bei Hanser und 2005 in einer „Volksausgabe“ bei Marix erschien. Nach dem finnischen Original und einer Strophe der ersten deutschen Übersetzung von 1852 noch der Anfang einer Nacherzählung in Prosa, die 1959 in der DDR erschien. Sie hat zwar nichts mit dem Anfang des Gedichts zu tun, gibt aber etwas Kontext.
Mich verlangt in meinem Sinne, mich bewegen die Gedanken, An das Singen mich zu machen, mich zum Sprechen anzuschicken, Stammesweise anzustimmen, Sippensang nun anzuheben. Worte schmelzen mir im Munde, es entstürzen mir die Mären, Eilen zu auf meine Zunge, teilen sich an meinen Zähnen. Lieber Freund, du mein Gefährte, schöner Jugendspielgenosse! Mach dich mit mir nun ans Singen, schick dich mit mir an zum Sprechen, Da wir uns nun hier vereinten, hierher kamen von zwei Seiten! Selten kommen wir zusammen, kommt der eine zu dem andern In den armen Grenzgefilden, auf des Nordens karger Krume. Laß uns Hand in Hand nun legen, Finger zwischen Finger fügen, Daß wir guten Sang nun singen, unsre besten Weisen bieten; Lauschen sollen ihm die Lieben, wissen sollen, die sichs wünschen, In der Jugend, die emporsteigt, in dem Volke, das heranwächst, Jene Worte, die gewonnen, Lieder, die ans Licht gekommen, Aus dem Gürtel Väinämöinens, unter Ilmarinens Esse, Aus der Klinge Kaukomielis, Joukahainens Bogenflugbahn, Von den fernsten Nordlandfeldern, Kalevalas kargen Fluren. Diese sang mein Vater früher, wenn am Schaft des Beils er schnitzte, Diese lehrte mich die Mutter, wenn sie ihre Spindel spulte, Ich als kleines Kind am Boden krabbelte vor ihren Knieen Als ein kümmerlicher Milchbart, als ein kleingewachsnes Milchmaul. Sampo war nicht ohne Worte, Louhi ohne Zauberlieder: Alt ward Sampo an den Worten, Louhi starb an Zauberliedern, Vipunen verging an Weisen, Lemminkäinen starb am Leichtsinn. Auch noch andre Worte gibt es, zugelernte Zauberkniffe, Von dem Rain am Weg gerissen, abgeknickt von Heidekräutern, Ausgerauft aus Reisighaufen, abgezwickt von frischen Zweigen, Abgestreift von Gräserspitzen, abgepflückt vom Viehzaunpfade, Als ich war beim Herdehüten, war, als Kind noch, auf der Weide, Auf den honigsüßen Höhen, auf den goldnen Hügelhängen, Hinter Muurikki, der schwarzen, Kimmo, der gefleckten, folgend. Auch der Frosthauch sprach mir Verse, Regen sandte mir Gesänge, Andre Weisen brachten Winde, trugen mir die Meereswogen, Sprüche führten zu die Vögel, Wipfel brachten Zauberworte.
Aus: Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Aus dem finnischen Urtext übertragen von Lore Fromm und Hans Fromm. Wiesbaden: Marix, 2005, S. 5
Das Original
Mieleni minun tekevi, aivoni ajattelevi lähteäni laulamahan, saa'ani sanelemahan, sukuvirttä suoltamahan, lajivirttä laulamahan. Sanat suussani sulavat, puhe'et putoelevat, kielelleni kerkiävät, hampahilleni hajoovat. Veli kulta, veikkoseni, kaunis kasvinkumppalini! Lähe nyt kanssa laulamahan, saa kera sanelemahan yhtehen yhyttyämme, kahta'alta käytyämme! Harvoin yhtehen yhymme, saamme toinen toisihimme näillä raukoilla rajoilla, poloisilla Pohjan mailla. Lyökämme käsi kätehen, sormet sormien lomahan, lauloaksemme hyviä, parahia pannaksemme, kuulla noien kultaisien, tietä mielitehtoisien, nuorisossa nousevassa, kansassa kasuavassa: noita saamia sanoja, virsiä virittämiä vyöltä vanhan Väinämöisen, alta ahjon Ilmarisen, päästä kalvan Kaukomielen, Joukahaisen jousen tiestä, Pohjan peltojen periltä, Kalevalan kankahilta. Niit' ennen isoni lauloi kirvesvartta vuollessansa; niitä äitini opetti väätessänsä värttinätä, minun lasna lattialla eessä polven pyöriessä, maitopartana pahaisna, piimäsuuna pikkaraisna. Sampo ei puuttunut sanoja eikä Louhi luottehia: vanheni sanoihin sampo, katoi Louhi luottehisin, virsihin Vipunen kuoli, Lemminkäinen leikkilöihin. Viel' on muitaki sanoja, ongelmoita oppimia: tieohesta tempomia, kanervoista katkomia, risukoista riipomia, vesoista vetelemiä, päästä heinän hieromia, raitiolta ratkomia, paimenessa käyessäni, lasna karjanlaitumilla, metisillä mättähillä, kultaisilla kunnahilla, mustan Muurikin jälessä, Kimmon kirjavan keralla. Vilu mulle virttä virkkoi, sae saatteli runoja. Virttä toista tuulet toivat, meren aaltoset ajoivat. Linnut liitteli sanoja, puien latvat lausehia.
Hier steht der Gesamttext in einer Übersetzung ins Englische, hier in der ersten deutschen Ausgabe, die nur 3 Jahre nach dem Original in der revidierten Ausgabe erschien. Zum Vergleich hier die erste Strophe in dieser Fassung (von Anton Schiefner, 1852).
Werde von der Lust getrieben, Von dem Sinne aufgefordert, Daß ans Singen ich mich mache, Daß ich an das Sprechen gehe, Daß des Stammes Lied ich singe, Jenen Sang, den hergebrachten; Worte schmelzen mir im Munde, Es entschlüpfen mir die Töne, Wollen meiner Zung’ enteilen, Wollen meine Zähne öffnen.
Kalewala. Finnische Heldensagen
Die Vorfahren des finnischen Volkes lebten irgendwo in dem großen Gebiet zwischen dem nördlichen Uralgebirge und dem Finnischen Meerbusen. Kalewala nannten sie dieses Land der Wälder, Seen und Sümpfe nach ihrem Stammvater Kalewa.
In den dichten Wäldern wuchsen allerlei eßbare Beeren, tummelten sich jagdbare Tiere. Ängstliche Hasen, stolze Elche waren häufig anzutreffen, Luchse schlichen durch das Dickicht, Wölfe heulten in der Nacht, und nicht selten trottete ein brauner Zottelbär auf versteckten Pfaden durch stille Gebiete. Auf dem Grunde der Seen standen fette Barsche, im Schilf verborgen lauerten riesige Hechte auf Beute, in Flüssen und Bächen sprangen Lachse und Forellen.
Die fischreichen Flüsse liefen bald ruhig fließend, bald in Stromschnellen brausend mit donnerndem Gefälle zwischen schrofen Felsen durch das Land und ergossen sich ins Meer mit seinen breiten Buchten. Aus dem Wasser ragten Klippen; Landspitzen brachen gegen die brandenden Fluten hervor, und in der Ferne ahnte das suchende Auge einsame Inseln.
In diesem Lande wohnten auf weiter Fläche wenig Menschen, ihre Häuser bauten sie aus roh behauenen Balken. Sie lebten als Jäger, Fischer und seßhafte Bauern, die der Wildnis Stück für Stück Boden entrissen und es zu Ackerland und Weideplätzen urbar machten. Was sie zum Leben brauchten, gab ihnen die umgebende Natur, aber sie mußten es ihr in harter Arbeit abringen. Sie zogen Pferde, Rinder und Schafe, kannten schon das Spinnrad, spannen Flachs und Wolle und webten weißes Linnen. Viele Geräte stellten sie aus Holz her, bauten Boote und Gleitwagen, die sie im Winter wie Schlitten benutzten. Aus Erzen schmolzen sie Eisen und Kupfer und verfertigten aus den Metallen Schmuck, Werkzeuge und Waffen.
Die Menschen in Kalewala waren kräftig von Gestalt, gestählt im Daseinskampf, in strengen, langen Wintern abgehärtet, ausdauernd bei der Jagd und schnell auf ihren leichten Schneeschuhen aus Tannen- oder Birkenholz. Sittsam und fleißig waren die Frauen, mutig die Männer, die keine Gefahr scheuten, weite Fahrten unternahmen und fern der Heimat mancherlei Abenteuer bestanden.
Nördlich von Kalewala, zu Wasser und zu Lande erreichbar, lag Pochjola, in dem die listige Louhi herrschte. Die Männer von Kalewala nannten es das finstere Pochjola, weil es im Winter selten die Sonne sah, unwirtlich war und weil sie mit den Bewohnern oft in Fehde lagen.
Aus: Kalewala. Finnische Heldensagen. Erzählt von Heinz Goldberg. Leipzig: Prisma, 1959, S. 11f
Countee Cullen
(* 30. Mai 1903; † 9. Januar 1946 in New York City)
FÜR EINE DAME DIE ICH KENNE Sie glaubt, daß droben selbst im Himmel Die Weißen lange schnarchend ruhn, Dieweil die armen schwarzen Engel Früh aufstehn und die Arbeit tun.
Deutsch von Karl-Heinz Osterholz, aus: Meine dunklen Hände. Moderne Negerlyrik in Original und Nachdichtung. Hrsg. Eva Hesse und Paridam von dem Knesebeck. München: Nymphenburger, 1953, S. 14f
FOR A LADY I KNOW She even thinks that up in heaven Her class lies late and snores, While poor black cherubs rise at seven To do celestial chores.
Zur Abwechslung was Aktuelles. Außerdem ist es sein Geburtstag.
Johannes Kühn
(* 3. Februar 1934 in Bergweiler, Gemeinde Tholey, Saarland)
DER PREIS Sie sind, die Spötter, über mir wie Vögel mich belästigend im Flug, bei mir gewesen viele Jahre. Nun bietet diese Ehrung ihren Schein, und wie trüber Spuk verschwanden sie. Vielleicht werd ich erlöst auch vom Ruf aus Fernen: Narr, noch immer schwebst du hin mit Versen, für uns belachenswerten. Ich hoffe es.
Aus: Johannes Kühn, Ganz ungetröstet bin ich nicht. Gedichte. Hrsg. Irmgard und Benno Rech. München: Hanser, 2007, S. 115
Eine Stadt, in der Ungarn, Juden, Roma, Rumänen, Deutsche, Russen, Ukrainer und andere lebten, belagert, erobert oder zerstört von Mongolen, Tataren, Österreichern, Osmanen, Polen, Ungarn und wer weiß wem noch. Im 20. Jahrhundert gehörte sie nacheinander zu: Österreich-Ungarn, Rumänien, Tschechoslowakei, einer kurzlebigen unabhängigen Karpatho-Ukraine, Ungarn, Sowjetunion und seit 1991 Ukraine. Die Sowjetunion deportierte den Großteil der Deutschen und Ungarn, die Deutschen ermordeten den Großteil der Juden. Bis 1942 gab es in der Stadt 8 Synagogen. Ein Denkmal für die ermordeten Juden steht heute in Israel.

Holocaust Victims Memorial (Holon, Israel) Bild: Wikipedia, CC BY-SA 3.0
In der L&Poe-Anthologie heute ein Gedicht mit einer ungarischen Perspektive auf die vielschichtig-multikulturelle kleine Stadt.
Ferenc Kölcsey
(* 8. August 1790 in Sződemeter – 24. August 1838)
Huszt Auf den traurigen Trümmern der Ruinenstadt Huszt stand ich. Stille herrschte. Hinter einer Wolke stieg der nächtliche Mond empor. Jetzt erhob sich der Wind, so, wie sich ein Grabeswind erhebt. Und zwischen zerbrochenen Säulen winkt ein schwebender Geist mir zu und sagt: Patriot! Was nützen deiner schmachtenden Brust diese Trümmer? Was nützt es, sich in den Schatten der alten Zeit zurückzuträumen? Mit der fernen Zukunft vergleiche ernsthaft die Gegenwart! Wirke! Gestalte! Mehre! Und ums Vaterland wird’s licht!
Aus dem Ungarischen von Franz Boncourt. In: Jaroslava und Ralf Hahn (Hg.) Europa erlesen. Transkarpatien. Klagenfurt: Wieser, 2004, S. 193f.
Die deutsche Fassung ist eine freie Übersetzung des im Original achtzeiligen Epigramms (vermutlich Distichen). Zum leichteren Vergleichen unten nach dem Originaltext eine automatische Übersetzung.
Kölcsey Ferenc
HUSZT
Bús düledékeiden, Husztnak romvára megállék;
Csend vala, felleg alól szállt fel az éjjeli hold.
Szél kele most, mint sír szele kél; s a csarnok elontott
Oszlopi közt lebegő rémalak inte felém.
És mond: Honfi, mit ér epedő kebel e romok ormán?
Régi kor árnya felé visszamerengni mit ér?
Messze jövendővel komolyan vess öszve jelenkort;
Hass, alkoss, gyarapíts: s a haza fényre derűl!
Cseke, 1831. december 29.
HUSZT Auf deinen traurigen Ruinen, auf der Ruine von Hust stehe ich; Stille, der Nachtmond stieg unter einer Wolke hervor. Nun erhob sich der Wind wie der Wind des Grabes, und die Halle wurde zerrissen Eine Lerche, die zwischen den Säulen auf mich zuschwebt. Und sprich: 'Honfi, was ist der Bauch eines Bauches wert angesichts dieser Ruinen? Was ist es wert, in den Schatten des Alters zurückzukehren? Du sollst die Gegenwart und die ferne Zukunft ernsthaft betrachten; Hassen, schaffen, vermehren, und das Land wird das Licht sehen. Cseke, 29. Dezember 1831. Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
Hugo von Hofmannsthal
(* 1. Februar 1874 in Wien; † 15. Juli 1929 in Rodaun bei Wien)
Terzinen 1. Über Vergänglichkeit Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen: Wie kann das sein, daß diese nahen Tage Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen? Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: Daß alles gleitet und vorüberrinnt Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, Herüberglitt aus einem kleinen Kind Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd. Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war Und meine Ahnen, die im Totenhemd, Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar, So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
Quelle:
Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Erste Reihe in drei Bänden, Band 1, Berlin 1924, S. 14-15.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005088151
Charles-Pierre Baudelaire
(* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda)
Berthas Augen Den herrlichsten Augen seid ihr überlegen, Ihr Augen meines Kindes, süß wie die Nacht Entströmt euch der Güte milder Segen, Ihr Augen, schenkt zaubrischen Dunkels Macht! Ihr Augen, Geheimnisse, die ich verehre, Ihr seid jenen magischen Grotten gleich, Wo hinter der Schatten lethargischer Schwere Vag schimmert verborgener Schätze Reich. Mein Kind hat Augen, tief, weit und dunkel Wie du, o Nacht, voll leuchtender Glut. Glaube und Liebe brennt in ihrem Gefunkel, Das, lüstern oder keusch, auf dem Grunde ruht.
Deutsch von Cajetan Freund, aus: Charles Baudelaire, Strandgut. Wiesbaden: Limes, 1947, S. 31
LES YEUX DE BERTHE Vous pouvez mépriser les yeux les plus célèbres, Beaux yeux de mon enfant, par où filtre et s’enfuit Je ne sais quoi de bon, de doux comme la Nuit ! Beaux yeux, versez sur moi vos charmantes ténèbres ! Grands yeux de mon enfant, arcanes adorés, Vous ressemblez beaucoup à ces grottes magiques Où, derrière l’amas des ombres léthargiques, Scintillent vaguement des trésors ignorés ! Mon enfant a des yeux obscurs, profonds et vastes, Comme toi, Nuit immense, éclairés comme toi ! Leurs feux sont ces pensers d’Amour, mêlés de Foi, Qui pétillent au fond, voluptueux ou chastes.
Les Épaves, à l’enseigne du Coq, 1866 (p. 67-68).
Wie der Sender SWR gestern mitteilte, geht der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik an die 1980 in Anklam geborene und in Jüterbog lebende Lyrikerin Judith Zander.
Der Peter-Huchel-Preis wird in diesem Jahr zum 40. Mal verliehen. Aus diesem Anlass haben die beiden Preisstifter, der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg, das Preisgeld von bisher 10.000 Euro auf 15.000 Euro erhöht.
Verliehen wird der Preis am 3. April, dem Geburtstag Huchels, in Staufen i. Br.
(SWR)
L&Poe gratuliert sehr herzlich. Zum Anlass ein Gedicht aus dem prämierten Band im ländchen sommer im winter zur see.
vorlauf die mittagswelt wird zugestellt als ein leerer parkplatz das fade gericht das der hilfskoch über mich hält und waldfremde gesichter in den lichtspielen erst des abends werden die regeln des buhlens auf deutsch gesagt wieder aktualisiert wer nicht näher kommt verliert einen tag auf der parkbank die sphäre der sessel ist weiter im stande gerückt in harmonik zunehmend ohr an ohr so warfen wir den film aus nichts erfuhrst du über die aussichtslose position die seglererfahrung empfiehlt nichts zu tun alles löst sich auf von alleine
Aus: Judith Zander, im ländchen sommer im winter zur see. Gedichte. Mit Fotografien der Autorin. München: dtv, 2022, S. 20
Heute vor 60 Jahren starb der US-amerikanische Lyriker Robert Frost.
Robert Frost
(* 26. März 1874 in San Francisco; † 29. Januar 1963 in Boston)
STOPPING BY WOODS ON A SNOWY EVENING Whose woods these are I think I know. His house is in the village though; He will not see me stopping here To watch his woods fill up with snow. My little horse must think it queer To stop without a farmhouse near Between the woods and frozen lake The darkest evening of the year. He gives his harness bells a shake To ask if there is some mistake. The only other sound’s the sweep Of easy wind and downy flake. The woods are lovely, dark and deep. But I have promises to keep, And miles to go before I sleep, And miles to go before I sleep.
Nachdichtung von Georg von der Vring
BEI WÄLDERN AN EINEM SCHNEEABEND Wem sind die Wälder rings im Kreis? Sein Haus liegt fern im Dorf, ich weiß. Er sieht mich nicht am Wald hier stehn, ihn anzustarrn voll Schnee und Eis. Mein kleiner Gaul denkt: Was geschehn? Hier, wo kein Stall ist, stillzustehn, bei Wäldern und gefrornem Pfad, die schon im kargen Licht vergehn. Sein Rütteln am Geschell besagt, daß ihm der Schneewald nicht behagt. Eintönig faucht in diese Ruh ein eisiger Wind, der Flocken jagt. Der Wald lockt: Komm, was zögerst du! Doch sag ich Nein und schwör mir’s zu und fahr noch weit, bevor ich ruh, und fahr noch weit, bevor ich ruh.
Prosaübersetzung von Walter Schmiele
Wessen Wälder dies sind, glaube ich zu wissen. Sein Haus ist jedoch
im Dorf; er wird mich nicht hier halten und beobachten sehen wie
seine Wälder sich mit Schnee anfüllen.
Mein kleines Pferd muß es komisch finden, hier anzuhalten zwischen
den Wäldern und gefrorenem See am dunkelsten Abend im Jahr ohne
ein Bauernhaus in der Nähe.
Es schüttelt seine Geschirrglocken, wie um zu fragen, ob das ein
Irrtum sei. Der einzige andere Laut ist das Fegen leichten Windes und
flaumiger Flocken.
Die Wälder sind herrlich, dunkel und tief. Doch ich habe Versprechen
zu halten… Und meilenweit zu fahren ehe ich schlafe, und meilenweit
zu fahren ehe ich schlafe.
Aus: Poesie der Welt. Nordamerika. Auswahl, Prosaübersetzungen und Nachwort: Walter Schmiele. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1984, S. 122f
William Butler Yeats
(* 13. Juni 1865 in Sandymount, County Dublin; † 28. Januar 1939 in Menton, Frankreich).
Der Frieden, den alle wollen. Beim Dichter steht er im Konjunktiv. Gott würde sagen, dass alles gut ist, und den Frieden zwischen Himmel und Hölle verkünden. Erdacht von einem Dichter im 19. Jahrhundert. Mal schaun, wie’s im 21. geht. (Da schlagen wir uns, I guess, darum, wer Himmel und wer Hölle ist.) Und nun Schluss mit garstigen Gedanken, ein schönes Gedicht her.
Die Rose des Friedens Säh Michael einmal, bevor Sich Himmel schlägt mit Hölle, Hinab zu dir vom Himmelstor, Vergäß er die Duelle. Egal wär ihm das Paradies Und Gottes Schlacht sogar, Aus Sternen wände er gewiß Dir einen Kranz ins Haar. Wer säh, wie er sich neigt vor dir, Hört, wie dich Sterne preisen, Käm gleich ins göttliche Revier, Folgte den sanften Weisen; Gott hielte alle Schlachten an, Aus wären die Duelle, Den Rosenfrieden schlösse dann Der Himmel mit der Hölle.
Aus dem Englischen von Christa Schuenke, aus: William Butler Yeats, Die Gedichte. Hrsg. Norbert Hummelt. Neu übersetzt von Marcel Beyer, Mirko Bonné, Gerhard Falkner, Norbert Hummelt, Christa Schuenke. München: Luchterhand, 2005, S. 43
(Ich bitte die Nachdichterin um Vergebung für die Missetat, das linksbündige Gedicht auf Mittelachse zu setzen. Unten sieht man, wie es sein muss.)
The Rose of Peace If Michael, leader of God’s host When Heaven and Hell are met, Look’d down on you from Heaven’s door-post He would his deeds forget. Brooding no more upon God’s wars In his Divine homestead, He would go weave out of the stars A chaplet for your head. And all folk seeing him bow down, And white stars tell your praise, Would come at last to God’s great town, Led on by gentle ways; And God would bid his warfare cease. Saying all things were well; And softly make a rosy peace, A peace of Heaven with Hell.
Written in 1892 and published in The Countess Kathleen and Various Legends and Lyrics. Included in The Rose collection (1893).
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