Julian Tuwim
(* 13. September 1894 in Łódź, Russisches Kaiserreich; † 27. Dezember 1953 in Zakopane)
Bürger Schreckliche Burgen. Burgen auf Bergen beherbergen schrecklich schreckliche Bürger. An Wänden wächst der Pilz wie an Särgen. Finsterer Winter, frostiger Würger. Seit frühem Morgen schelten sie, schnaufen, weil Schnee, weil teuer, weil dies, weil das da. Ein bißchen sitzen, ein bißchen laufen, und alles Wahnsinn. Phantome. Basta. Prüfen die Uhren, prüfen die Taschen, zupfen an Schlipsen, glätten die Bärte. Gehen herab in stolzen Gamaschen von ihren Burgen – auf unsere Erde. Und wie sie gehen, peinlich verschlossen, sehen zur Rechten, sehen zur Linken. Und sehend – sehen sie unverdrossen alles in einem: den Baum . . . und den Schinken . . . Die Zeitung nehmen sie in die Finger wie Brei und kaun und kaun diese Massen, bis ihre Schädel, vom Zeitungsdünger gebläht, ganz dick sind und nichts mehr fassen. Und schwatzen wieder, sehr ernst und ernster, daß Gott. . . daß Rußland . . . daß Festlichkeiten . . . In Schichten wachsen Geschwätzgespenster und schwimmen scheußlich im Meer der Zeiten.
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 467
Mieskańcy Straszne mieszkania. W strasznych mieszkaniach strasznie mieszkają straszni mieszczanie. Pleśnią i kopciem pełznie po ścianach zgroza zimowa, ciemne konanie. Od rana bełkot. Bełkocą bredzą, że deszcz, ze drogo, że to, że tamto. Trochę pochodzą, trochę posiedzą, i wszystko widmo. I wszystko fantom. Sprawdzą godzinę, sprawdzą kieszenie, krawacik musną, klapy obciągną i godnym krokiem z mieszkań – na ziemie, taką wiadomą, taką okrągłą. I oto idą zapięci szczelnie, patrzą na prawo, patrzą na lewo. A patrząc – widzą wszystko oddzielnie: że dom ... że Stasiek ... że kon ... że drzewo . . . Jak ciasto biorą gazety w palce i żują, żują na papkę pulchną, aż, papierowym wzdęte zakalcem, wypchane głowy grubo im puchną. I znowu mówią, że Ford ... że kino . . . że Bóg ... że Rosja . .. radio, sport, wojna . . . Warstwami rośnie brednia potworna i w dżungli zdarzeń widmami płyną.
Ebd. S. 466
Bohdan-Ihor Antonytsch
(ukrainisch Богдан-Ігор Антонич, wiss. Transliteration Bohdan-Ihor Antonyč; * 5. Oktober 1909 in Nowica, Uście Gorlickie, Galizien, Österreich-Ungarn; † 6. Juli 1937 in Lwiw, damals Lwów, Polen)
Weihnachten Gott ist geboren auf einem Schlitten im Dorf Dukli tief in der Nacht. Die Dorfbewohner in breiten Hüten haben einen runden Mond gebracht. Die Schneeflocken wirbeln und wüten, wo der Sturm am Strohdach riss. Auf Marias flacher Hand liegt behütet der Mond — eine goldene Nuss.
Deutsch von Adrian Wanner, aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Gedichte ukrainisch-deutsch. Mit einem Vorwort von Juri Andruchowycz. Zürich: Pano, 2008, S. 106f
Різдво Народився Бог на санях в лемківськім містечку Дуклі. Прийшли лемки у крисанях і принесли місяць круглий. Ніч у сніговій завіï крутиться довкола стріх. У долоні, у Маріï місяць – золотий горіх.
Bettina Wegner
Wenn wir unsre Kinder schlagen ins Gesicht und auf den Po, weil wir selbst uns nicht ertragen Traurig bin ich sowieso Wenn die offne Meinung ausstirbt, niemand contra, niemand pro, wenn man nur um Heuchelei wirbt Traurig bin ich sowieso Wenn ich mich bespitzelt sehe, überall und nirgendwo, ganz egal, wohin ich gehe Traurig bin ich sowieso Wenn ein Freund in' Westen abhaut, jemand lächelt schadenfroh, und kein Mеnsch dem anderen traut Traurig bin ich sowiеso Wenn man höchste Preise bietet für gedroschnes leeres Stroh und man sein Gehirn vernietet Traurig bin ich sowieso Wenn das Ideal im Arsch ist, und die Hoffnung weiß nicht wo, uns die Langeweile auffrißt Traurig bin ich sowieso Und ich denke an den Dichter, der in Optimismus floh, nur für freundliche Gesichter Traurig bin ich sowieso Wenn die Häuser uns erschlagen mit dem Kacheldrahtniveau, Tränen nur bei Saufgelagen Traurig bin ich sowieso Wenn ich ans Gefängnis denke, das von uns und anderswo, all die abgesess'nen Bänke Traurig bin ich sowieso Wenn ich trotzdem weitersinge, trag ich auch das Risiko und den Kopf schon in der Schlinge Traurig bin ich sowieso Mensch, solange wir noch lachen, und wir fühln uns nicht allein, und wir können noch was machen, kann ich ruhig traurig sein Darf ich ruhig mal traurig sein! 1976
Aus: Bettina Wegner, In Niemandshaus hab ich ein Zimmer. Lieder und Gedichte. Berlin: Aufbau [nicht 1977 sondern] 1997, S. 55ff
Selma Merbaum
(geboren 5. Februar 1924 in Czernowitz, Rumänien / heute Ukraine; gestorben 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Mychailiwka im rumänischen Okkupationsgebiet „Gouvernement Transnistrien“ / heute Ukraine)
Tragik Das ist das Schwerste: sich verschenken und wißen, daß man überflüßig ist, sich ganz zu geben und zu denken daß man wie Rauch ins Nichts verfließt. 23. XII. 1941
Anm. Unter dem Datum steht mit anderem Stift:
Ich habe keine Zeit gehabt zuendezuschreiben. Schade daß du dich nicht von mir empfehlen wolltest. Alles Gute Selma.
Aus: Marion Tauschwitz, Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben. Springe: zu Klampen, 2014. – 1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014 ISBN 9783866743649
Hinweis: Die meisten Veröffentlichungen ihrer Werke benutzen den falschen Namen Meerbaum-Eisinger.
Da wir gerade zwischen den Festen liegen.
(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)
Heilige Nacht Geboren ward zu Bethlehem ein Kindlein aus dem Stamme Sem. Und ist es auch schon lange her, seit's in der Krippe lag, so freun sich doch die Menschen sehr bis auf den heutigen Tag. Minister und Agrarier Bourgeois und Proletarier – es feiert jeder Arier zu gleicher Zeit und überall die Christgeburt im Rindviehstall. (Das Volk allein, dem es geschah, das feiert lieber Chanukka.)
L&Poe Journal #02-2022
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| Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung und Schluss ) | Kommentar Michael Gratz |
| Eine ganze Lyrik-Generation steht in den Startlöchern. Sie wird nichts zu sagen haben. Wie die Generation zuvor. Gebt diesen „einzigartigen“ Subjektivitäten (Darmstadtjury) Geld. Am meisten denen, die am gründlichsten schweigen; völlig rille, ob en plein air oder downtown. Und die wortbrüchigen Verdachtsmomente müssen blechen, aber so richtig. | Generation ist natürlich ein schwieriger Begriff. Wenn es eine Alterskohorte sein soll: auf welchen Punkt genau wollte man die Generation von (nur mal Geburtsjahrgang 1940) Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Gudrun Ensslin, Franz Müntefering, Joachim Gauck, Hubert Burda, Lothar de Maizière, Hans Olaf Henkel, Rolf Dieter Brinkmann, Frank Zappa, Jürgen Todenhöfer und Hermann L. Gremliza – habe ich jemand vergessen, Armin Maiwald, Rudi Moshammer … – denn bringen? In der Lyrik wird es nicht viel anders sein. Vergessen wir auch nicht, die Textsorte ist Essay oder Pamphlet, nicht Doktorarbeit. Wenn man sich nicht gemeint fühlen muss, kann man sich auch mal zurücklehnen… Ein amüsanter Vorschlag ist es schon. |
| Man wird noch träumen dürfen: Dringlichkeitssimulationen (aktuell: Anthropozän) werden als das behandelt, was sie sind, als Ausreden von Leuten mit Geltungsdrang, nicht therapierter Infamie und Drittmittelbedarf. Noch mehr trotziger Optimismus: Die ersten Dichter, die Preise ablehnen werden, sind schon geboren. Dann stirbt König Lyrik endgültig. Übernehmen wird das Volk der Poesien. | Ob sich die Verfasser von Gedichten schon heimlich prüfen, ob sie „Lyrik“ oder „Poesie“ sind? |
| Nur ein Narzisst guckt vom Podium auf die Mitfinalisten herab, und strahlt oder heult fette Tränen in die Pressekameralinse, so gerührt ist er von sich selbst … jeder halbwegs selbstkritische Mitmensch kommt im Fall des Bepreistwerdens ins Grübeln. Ich bin als Preisträger Teil des Problems, wenn ich auch nie die Dummdreistigkeit besaß, einen leer ausgegangenen Mitbewerber zu fragen: „Naaa, wie fühlst du dich jetzt?“ Umgekehrt sind mir diese und manche andere Kleinbürgerlichkeiten schon begegnet … | |
| Preise sind als Mittel der Poesieförderung völlig ungeeignet. Es ist an der Zeit, Teil der Lösung zu werden; gerade angesichts des sich nur vermeintlich auflösenden Kulturstaus. | Hören die Lyrikstaatsminister zu? (Ich hab mal einer Diskussion zugehört, paar Jahre her, natürlich über die Rolle der Lyrik und ihrer Förderung, bei der man Hoffnung auf Robert Habeck setzte, promovierter Germanist und Lyrikleser und wer weiß, noch mal auf höherem Posten? Sire, geben Sie Lyrikfreiheit!) |
| So weit ging der Text von Konstantin Ames. Was folgte, war kein Ruhmesblatt der Königsdisziplin, keine Sternstunde der unsozialen Medien und auch überhaupt kein Versuch, zur – eigentlich wichtigen – Debatte beizutragen. Mir fällt der Begriff Catch as catch can ein, sicher zu Unrecht, weil das sorgfältig choreografierte Kämpfe mit hohem Schau- und Einschaltwert sein sollen. |
Sophie Reyer
Epitaph: wohin klirrendes Mädchen weißt du noch damals: der Friede zerbrach und am Rücken der Druck von Flügeln die Last ein Engel zu sein bis der Wind kam: klirrendes Mädchen wohin
L&Poe Journal #02-2022
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| Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung ) | Kommentar Michael Gratz |
| Die Rede von einem „Lyrik-Boom“ trifft durchaus zu, bloß: Lyrik hat in der beschriebenen soziokulturellen Konstellation nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern ist ein fast durchgängig verfilztes Kulturkapitalisierungsräderwerk. Lyrik hat aufgehört, eine präzise Gattungsbezeichnung zu sein, sie selbst ist zum Problem geworden. In der Gleichsetzung von Lyrik mit Poesie ist im oben skizzierten Kontext das Wort Lyrik zu einem Schibboleth geworden. | Ames verficht seit längerem die Unterscheidung zwischen „Lyrik“ und „Poesie“. (Schwierig natürlich für eine Webseite, die das Wort „Lyrik“ im Namen führt.) Wie immer muss man bei Verwendung von Begriffen auf den jeweils benutzten Code achten, damit man nicht bloß um Worte streitet, die einer so und eine andere ein bisschen anders definiert oder umgekehrt. (Ich denke auch an den im vorigen Jahrhundert häufig benutzten Begriff „Anti-Poesie“. ) In diesem Abschnitt erklärt er seinen Wortgebrauch. |
| Wer es verwendet, muss sich darüber im Klaren sein, dass er zur Kunstgentrifizierung bereitwillig beiträgt. Das ist opportun, aber – aus Sicht eines Kunstfreunds – so unappetitlich wie jene bräsige Wortmeldung, die „Lyrik“ und „Körperhygiene“ und „Benehmen“ und „perfekte Umgangs-formen“ in einen Satz drängte. Es handelt sich dabei um den bisher größten anzunehmenden klassistischen Ausrutscher. Denis Scheck wusste sicher, was er tat (so sein claim), aber ich vertraue ihm und seinen Fließbandmeinungen nicht. | |
| Deswegen leide ich aber noch lange nicht – wie es ein Meme der Tempelwächter suggeriert – an einer „Aufmerksamkeitsstörung“. Dieses kleinkarierte gatekeeping-mindset tröpfelt allmählich in die unteren Ränge hinab: Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien verloren? Wer selbst zu 100 % von Förderungen abhängig ist, kann kein unabhängiges Urteil fällen, sondern wird seine Entscheidungen strategisch treffen (müssen). Das ist dann keine Kunstförderung mehr, sondern institutionalisierter Tribalismus. | „Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien zu suchen?“ Einer der Sätze, an denen sich die Debatte entzündete. Dem liegt natürlich die Misere der Literaturförderung zugrunde, etwa im Vergleich zu Österreich oder nordeuropäischen Ländern. Jeder, der sich damit beschäftigt, kennt genügend böse Beispiele. |
| Ein feste Burg ist unser Kook! Keiner hasst wirklich Gedichte, aber d i e s e Lyrik ist ein Elitenprojekt für Claqueure und Adepten. | Bis hierher war in Bezug auf die Lyrikszene(n) allgemeingültiges angesprochen. Jetzt wird es mit der Nennung des einen prominenten Verlagsnamens kompliziert. Für meinen Geschmack wäre die Positionierung mit einem Verlagsnamen zu pauschal ausgreifend. Die bisherigen Aussagen hatten ja auf Generelles gezielt, jetzt wird eine Autoren“gruppe“ (ist sie das wirklich? Das wäre im einzelnen zu untersuchen, allerdings weniger im Rahmen des hier verfolgten literatursoziologischen Ansatzes.) |
| Wer nicht in der Lage ist, vier Jahre ohne Staatskohle weiterzumachen, ist kein Dichter. Wer drei Stipendien und einen Förderpreis braucht, b e v o r er debüthalber aus dem Knick kommt, soll nachhaltiger handeln lernen. Das steht schon im Biosupermarkt um die Ecke an der Kasse: „Mehr als genug ist zuviel“. Klare und faire Regeln braucht das Kunstspiel, sonst ist es kein Spiel, sondern nur das arme Lieschen Leben, das es sowieso schon gibt. Ich schneide Fotos der letzten unbelehrbaren Leichenanspitzer aus, klebe sie in den Neckermannkatalog, den es auch nicht mehr gibt. | Diese gewisse Fokusverschiebung soll aber im Rückblick nicht verdecken, dass hier nicht Personen angegriffen werden, sondern Strukturen. Wer würde sich offen gegen die Aufstellung klarer Regeln aussprechen? Prekäre Strukturen, über die es nicht weniger, sondern mehr Gesprächs bedarf. Wer will entscheiden, wer hier mitreden darf? |
| Über den Schluss des Aufsatzes morgen. |
Heute vor 50 Jahren starb Günter Eich. Ich denke an ihn mit einem meiner Lieblings-Maulwürfe. (Maulwürfe, so nannte er eine Gattung absurder Prosagedichte seines Spätwerks, sein Beitrag zur Poesie). Die Sache mit den kurzen Gedichten ist eine ironische Anspielung auf Walter Höllerer, der in einem programmatischen Text lange Gedichte gefordert hatte.
Günter Eich
(* 1. Februar 1907 in Lebus; † 20. Dezember 1972 in Salzburg)
BEETHOVEN, WOLF UND SCHUBERT
Ach und O sind zwei Gedichte, die jeder versteht. Und verhältnismäßig kurz, sie erfordern keine langjährige Übung im Lesen. Ob sie jedem gefallen, ist eine andere Frage, sie passen nicht, wenn man den schönen Götterfunken voraussetzt. Bravo oder bis bis wäre da viel besser, aber nicht so kurz. Jedenfalls führt Schwermut in die Anarchie, so einfach ist das. Entzückt verzehrt der Wolf sein Bein, das ihm ein Tellereisen abgerissen hat. Gesegnet sei der Tag, der mir Nahrung gab, ruft er. Der Wolf soll uns ein Beispiel sein. Eine tabula rasa ist besser als ein leerer Tisch, von der fabula rasa kam ich darauf, die Welt ist ein Druckfehler.
Das soll uns nicht verdrießen. Was man fürs Leben braucht, lernt man in jedem Tellereisen, und für Kybernetik hat man Fachkräfte. Oder Geometrie, — sie ergibt sich von selbst: Beim Sitzen kann man Wechselwinkel an Parallelen erreichen, wenn man sich Mühe gibt; Schlafen, das heißt hundertachtzig Grad; rechte Winkel beim Kartoffelklauben. Die Welt ist auch eine harmonische Anstalt, ob wirs wissen oder nicht. Franz Schubert schlief mit Brille, aber das geht, und wenn sie zerdrückt wird, setzt das den Optiker in Bewegung. Für äußerste Fälle habe ich ein Medikament erfunden, eine Art Whisky mit Yoga, kleine grüne Pillen, die für und gegen alles helfen, vor allem für alles, wogegen sie helfen. Jeder weiß wie wichtig das ist. Meine Erfindung, mein Beitrag zum Staat. Auf dieser Lorbeere ruhe ich aus.
Aus: Günter Eich: Die Gedichte. Die Maulwürfe. Hrsg. Axel Vieregg (Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe Band 1). Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 382
Walter Höllerer
(* 19. Dezember 1922 in Sulzbach; † 20. Mai 2003 in Berlin)
manches kehrt zurück manches wandert aus
manches wird erschreckt
beiseite gesteckt
manches im Land manches in Sicht
gibt manchem die Hand
gibt sie ihm nicht
mancher freilich
hinter das Licht
hinter den Schultern
bleibt breit die Pflicht sitzen
Journalisten
schwenkten schon ein
Juristen
beraten
Aufstieg und Fall von Diplomaten
manche Daten wie
fünfter Mai
manches Gesicht im Profil
manches verliert Stumpf und Stil
manches gesucht und nur manches freilich
bleibet aber
die Polizei

Aus: Walter Höllerer; Systeme. Neue Gedichte. Berlin: Literarisches Colloquium, 1969 (LCB-Editionen), S. 20.
Dirk Uwe Hansen
hast du das fliegen verlernt / war deine landkarte falsch
ό τέττιξ έκ των κόλπων έηήχησεν όμοιον ικέτη
in zwischen
räumen bewegung entsteht
flug durch interesse ohne
wohlgefallen sind fallen sind
immer erste und zwischen
zwei ist nie ein ende am ende
hilft auch kein herz in der brust
AUCH DIESEN RAUM VERLASSEN DURCH GESCHLECHT — SAY
THAT AGAIN — BETRETEN AUS ANGST HEISST AUS RICHTUNG
VERMEINTLICH GEREGELTER FOLGEN
Aus: Dirk Uwe Hansen: sirenenecho. gedichte. Frankfurt/Main: gutleut, 2022, S. 49
Wulf Kirsten
(* 21. Juni 1934 in Klipphausen bei Meißen; † 14. Dezember 2022 in Bad Berka)
vereinfachtes gedicht zwei diktaturen ohne zwischenraum selbstgenossen gezwungenermaßen, wenn auch überstanden mit halbwegs heiler haut, andere vom hörensagen etwas weiter weg und noch in voller blüte, wieder andere, die schon vergangen, aber kenntlich aus den aufzeichnungen ihrer gegner, die sie überlebten um ein weniges an lebenszeit, möchte keine vor mir-uns-euch allen liegen und denen, die nachzufolgen gedenken meinesgleichen.
Aus: Wulf Kirsten, fliehende ansicht. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2012, S. 19
L&Poe Journal #02-2022
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| Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung ) | Kommentar Michael Gratz |
| Auch von daher nimmt das Interesse an der Sparte Lyrik beim kunstsinnigen Teil der Republik ab: Freunde stellen Freunde vor, nichts sonst. Wer will wissen, wer warum wen wie sehr mit welchen Mitteln mag? | |
| Es wird solche Zentralisierungsversuche weiterhin geben, aber nie ein Zentrum. Großmannssüchte enden mit zuverlässiger Publikumsverödung. | Kritik am Berliner Projekt „Zentrum für Poesie“ |
| Poesie heute krankt daran, dass institutionalisierte Elitelangweiler eine ganze Sparte in Verruf bringen. Und nicht selten versuchen die institutionalisierten Häuser die freien Szenen zu nützlichen Handlangern zu machen. Als säße man im selben Boot … | „Poesie heute krankt an“. a) Institutionen b) von diesen instrumentalisierte (oder die Instutitionen instrumentalisierende) Autorenprominenz, die er Elitelangweiler nennt. Er weist aber darauf hin, dass sie nur scheinbar im selben Boot sitzen. |
| Brisant wird diese Beobachtung nun erst recht in Verknüpfung mit der Frage: Warum päppelt ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen überhaupt so etwas wie eine „Königsdisziplin“ – finanziert also im Grunde verkappte Demokratieverachtung? Spitzenlyrik in Deutschland ist weiß und bürgerlich, eben homogen hochdeutsch und allzeit karrierebereit. | Kritik an dem Klischeewort „Königsdisziplin“, das meiner Meinung nach ja nur die tatsächliche Marginalität der „Königsdisziplin“ verhüllen soll. Wer das Wort verwendet, meint es nicht ernst. Kritik an dieser Sprechweise tut not. Ames münzt es auf „Spitzenlyrik“, Elitenförderung und verweist auf die nur dürftig verhüllte antirepublikanische Semantik. |
| Cliquistische Identitätspolitik („wehrhafte Poesie“) scheint auch diese Aspekte aus den Augen zu verlieren. | „Wehrhafte Poesie“, in seiner Sicht ein weiteres Klischeewort, diesmal von innerhalb der Lyrikszene. |
| Mir kann es mit dem Ableben der Lyrik gar nicht schnell genug gehen. Leider werden immer neue Lebenserhaltungsmaßnahmen eingeleitet. Schwieriglyrik, Tierlyrik, Hörlyrik. Ob das nun klimatisch oder antiklimatisch ist, sei jedem selbst anheimgestellt. Die drei eben genannten Peaks sind jedenfalls unter dem Rubrum „Interessantismus“ unterzubringen. So lässt sich Förderkohle auf scheinbar ganz natürlichem Weg herbeischreiben. Vielleicht ist das auch eine Art Nature-Writing … | Polemische Spitzen gegen (sehr) diverse Richtungen in der Gegenwartslyrik. |
| Man wohnt einer Farce bei. Alle Beteiligten wissen, dass es kein nennenswertes Publikum für Lyrik mehr gibt. Von daher ist der schelmisch-rhetorische Aufwand zu erklären, mit dem Kritiker des lyrischen Einerlei von vornherein ins kommunikative Abseits gedrängt werden sollen: „Ihr lest keine Lyrik? Seid ihr wahnsinnig?“ – Ein klasse Lehrbeispiel in Sachen Normalismus. Selbstgenügsamer ist hierzulande nur das Filmförderwesen. | Ich persönlich fand den hier kritisierten Slogan eher witzig. und würde ihn nicht so direkt auf das kritisierte Phänomen beziehen. Aber ja, jeder, der einen pointierten Text schreibt, produziert eine relativ geschlossene Interpretationsdecke, in der jedes Detail eingewebt erscheint. Jeder von uns würde andere Details anders gewichten, aber das ist halt sein Text, nicht meiner. |
| Um einige heroisierte Beuysʼ and Girls ist eine Entourage entstanden. Eine Legitimation dafür kann aber nicht durch Gunstbezeugungen und die ständige Förderung derselben vier, fünf Nasen geschaffen werden; einfach weil das System Kunst nicht nach sympathisch/unsympathisch codiert ist, sondern nach neu/kitschig. Alles andere ist ein Rückfall in die Zustände der Gruppe 47, oder waren sie nie vorbei? | Spätestens hier drängt sich mir der Gedanke auf, dass die fast geschlossene Abwehrhaltung der meisten an der „Debatte“ Beteiligten daher kam, dass eben zu viele sich mitgemeint fühlten. Zu Recht oder zu Unrecht. Und klar auch, warum ich Debatte in Anführungsstriche setze. Sie ging zum überwiegenden Teil auf ein dumpfes Beleidigtsein zurück und lehnte es ab oder vermied es zumindest, auf einzelne Argumente einzugehen. Einer schrieb gleich zu Beginn der Debatte zu irgendeinem der hier bisher zitierten Sätze: hier habe er aufgehört zu lesen. |
| Klar ist mir jetzt, dass ich die „Amesdebatte“ gesondert und mit anderen Mitteln analysieren muss. Ich fahre dennoch fort, zuvor den Text selbst noch einmal (hier öffentlich) zu lesen. | |
| Warum bringt der Dlf am 6. Mai 2021, den sich die Dichter Christian Morgenstern, Franz Mon und Erich Fried als (runde) Geburtstage teilen, zwei Beiträge zu Fried, aber jeweils 0 („null“) zu Mon und Morgenstern? Ist Sehereiauskunftei unbedingt wichtiger als überbordende Kreativität und poetischer Humor? |
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