68. Mutlos?

Mit den Kindergedichten von Chibo Onyeji werden die Phantasie und vor allem die Neugierde von Kindern geweckt.

Vorausgesetzt man beherrscht Igbo, denn erschienen ist der neue Band des in Österreich lebenden Autors in einem Verlag in Enugu/Nigeria. Mit diesen Gedichten kehrt Chibo Onyeji an die Stätten seiner Kindheit zurück und es ist kein Zufall, dass er dieses Buch in seiner Muttersprache vorlegt. …

Anlässlich der Verleihung des Olaudah Equiano Prize for Fiction (New York, 2007) bekräftigte der Autor in Interviews die Bereicherung des Lebens in mehreren Kulturen und Sprachen. Als Dichter und Reisender zwischen den Welten hat Chibo Onyeji „ỊTỤ AGWA KA AGỤ“ bereits ins Deutsche übersetzt. Es fehlt nur noch ein mutiger Verlag, der diese phantastischen Gedichte dem deutschsprachigen Lesepublikum nahe bringt. / Afrikanet

Chibo Onyeji, ỊTỤ AGWA KA AGỤ, Fourth Dimension Publishing Co., LTD., Enugu / Nigeria, 2009, ISBN: 978-156-608-6

67. Nicht wutlos

Keineswegs leiser und wutloser ist auch der 88-jährige Georg Kreisler geworden, der über Lyrik, Kritiker, sowie politische Zustände sprach und mit Barbara Peters Liedtexte wie „Taubenvergiften im Park“ oder, leicht modifiziert, „Wien ohne Wiener“ las. Ein Highlight, das von jungem Publikum gestürmt wurde und eindrücklich die Kreisler-Renaissance der letzten Jahre unterstrich.

Um Wut, Herzbrüche und Sinnkrisen ging es bei Peh (alias Paula Gelbke), der Entdeckung dieses Festivals. Sie gilt als Königin des deutschen Poetry Slams und ließ mit ihren fulminanten Auftritten eine Ahnung davon aufkommen, dass es sich bei Slam-Texten um ein unterschätztes Genre der deutschsprachigen Literatur bzw. Lyrik handelt. Sprachsalz 2010 war ein gelungenes Festival, das nur vom überraschenden Abgang des langjährigen Mitorganisators Robert Renk getrübt wurde.  / Stefan Gmünder, DER STANDARD 15.9.

66. Meine Anthologie 56: Peter Hacks, Rote Sommer

ROTE SOMMER

Derweil der große Haufen sich, in überengen
Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten,
Aus Deutschlands nördlich milden Breiten oder Längen
Hinquält zu seinen grauenhaften Urlaubsorten,

Begeben Preußens dünkelhafte Kommunisten,
Gewohnt, in völliger Absonderung zu glänzen,
In Linnen leichtgewandet, duftenden Batisten,
Nach ihren Dörfern sich und Sommerresidenzen.

Und sie verharren vor Parterren mit Verbenen
Und nippen edlen Wein in schattigen Remisen.
Manchmal, nicht allzu oft, empfängt wohl dieser jenen,
Beziehungsweise jener bewillkommnet diesen.

Dann nehmen sie den Tee aus köstlichen Geschirren,
Plaudernd vom Klassenkampf, während ein Pfau, ein bunter,
Gekrönter Mohrenvogel, mit metallnem Flirren
Durch Heckenwege schreitet und zum See hinunter.

Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus 2000, S. 306

(F.W. Bernstein las das Gedicht in der Reihe „Archiv der Poesie“, die der Sender NDR 3 jeden Sonntag um 19.20 Uhr ausstrahlt)

Dieses Gedicht erschien zuerst in der Zeitschrift „konkret“. F.W. Bernstein, der es in der genannten Radiosendung las und kommentierte, hält die im Gedicht besprochenen „dünkelhaften Kommunisten“ für „durchaus arschlochhafte Spitzenfunktionäre“ des SED-Regimes. Davon abgesehen, daß Hacks Bernsteins Meinung über jene anscheinend nicht teilt, halte ich diese Lesart für wenig plausibel. Wer die „Enthüllungsbilder“ des DDR-Fernsehens im Wendeherbst/Winter 1989 gesehen hat, weiß, daß diese eher in einer freiwilligen Kasernierung lebten als in der von Hacks beschriebenen arkadischen Landschaft, und daß selbst ihr „Luxus“ eher militärpreußisch-dürftig als idealpreußisch (im Sinne des Gedichts) leicht und locker war. Außerdem ergibt mit seiner Lesart die erste Strophe keinen Sinn; denn seit wann konnte der große Haufen in der DDR in überengen / Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten , vulgo Auto genannt, gen Süden hin zu seinen grauenhaften Urlaubsorten reisen??

Neinnein, wir müssen uns damit abfinden, daß Preußens dünkelhafte Kommunisten hierheute unter uns leben. Leute, die wider alles bessere Wissen ihrer (West-)Kollegen, daher dünkelhaft und starrsinnig, an ihren utopischen Ideen festhalten. Jajaja, die Szene spielt heute, lieber Herr Bernstein. Kann es sein, er verspottet Leute wie Sie (und mich)?

Aber obwohl ich weder Bernsteins Interpretation noch – spätestens seit er 1976 dem gerade ausgebürgerten Wolf Biermann einen Schmäh nachrief, auf den jener nicht antworten konnte – Hacksens politische Auffassungen teile, sind wir alle drei, Bernstein, ich – und Hacks sowieso – der Meinung, daß dies ein gutes Gedicht ist.

(Numerierte Einträge meiner Anthologie stammen aus der Anfangsphase 2000/ 2001)

65. Datenschreiber IV: Nemesis Divina – Marc Bolans Bein

Den vierten Teil der Lettrétage-Datenschreiber-Serie widmen Ann Cotten und Bert Papenfuß dem Superstar des Glamrock, Marc Bolan an dessen 33. Todestag. Aber auch Carl von Linné könnte eine gewisse Rolle spielen. Neugierig?

Weiteren Aufschluss erhalten Sie – vielleicht – unter www.datenschreiber.net. Auch ein Besuch auf www.lettretage.de kann informativ sein.

Donnerstag, 16. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,- Euro

Datenschreiber IV: Nemesis Divina – Marc Bolans Bein

Ann Cotten und Bert Papenfuß

Acht Daten, elf Autoren, rund sechzig Jahre Geschichte. Um den Nukleus eines mehr oder minder zufällig »Gegebenen« (lat. datum) herum – sei es tragisch oder trivial, esoterisch oder paranoid – sammelt sich der Sternenstaub der Historie zu einem »schmutzigen Schneeball«.

Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu? (Paul Celan)

Immer wieder scheint es, als wäre alles aus. Doch jedes noch so stumpfe Ende lebt als Anlass weiter. Unsterblich ist das Relikt. Sterblich ist allein der Geist, dem es nicht gelang, sich vollständig auszudrücken. Was gelebt wird, geht unter, es bleibt, was behauptet wird. »Vor zwei Jahren hätte ich nicht im Radio auftreten dürfen, jetzt kann ich sogar mein Bein zeigen. « Die Zeit hält Schritt. Geht in die Bibliotheken!

Ann Cotten, geboren 1982 in Ames, Iowa, wuchs in Wien auf, lebt heute als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Debütierte 2007 mit dem bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband Fremdwörterbuchsonette. Aktueller Einzeltitel: Floriada-Räume (Suhrkamp 2010). Erhielt 2008 den Clemens-Brentano-Preis.

Bert Papenfuß, geboren 1956 in Stavenhagen. Gelernter Elektronikfacharbeiter, Ton- und Beleuchtungstechniker, arbeitete ab 1976 als Theaterbeleuchter in Berlin, ab 1980 als freier Schriftsteller. Er war eine der prägenden Gestalten der Prenzlauer-Berg-Literatenszene der späten DDR. Ab 1999 lange Jahre Mitbetreiber des Kaffee Burger. Zahlreiche Auszeichnungen und Publikationen, zuletzt Ation-Agenda. Gedichte 1983-1990, Urs Engeler 2008.

64. Kein Religionsstifter

Schon die beiden Ägyptologen James Henry Breasted (USA) und der Brite Arthur Weigall hatten vor rund hundert Jahren nach dem Fund des so genannten Großen Sonnenhymnus in Amarna Echnaton zum ersten Kandidaten für die Stelle des Ur-Monotheisten gekürt. Damit begründeten sie eine Genealogie, deren Glaubwürdigkeit in erster Linie auf der Behauptung basiert, die Amarna-Texte seien die frühesten Dokumente einer Buchreligion. Fortan kaprizierte sich die Ägyptologie auf die Auslegung überlieferter Texte – Schrift, Schriftgedächtnis und Sinngeschichte waren und sind seither die privilegierten Orte der Forschung.

Man muss es deshalb uneingeschränkt begrüßen, dass wir jetzt mit einer Echnaton-Deutung konfrontiert werden, die das semantische Feld neu aufrollt, indem sie Bild, Körpergedächtnis und Sinnlichkeit in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt und damit gewissermaßen eine „heiße“ Theorie der Amarna-Epoche präsentiert. Der Heidelberger Privatgelehrte Franz Maciejewski, dem wir mehrere Freud-Studien verdanken und der mit dem ägyptologischen Terrain ebenso vertraut ist wie mit dem der Gedächtnisgeschichte und der Psychohistory, entziffert die geheimnisvolle Gestalt des „Ketzerkönigs“ Echnaton gleichsam materialistisch.

Löst man sich nämlich einmal von der durch Freud, Thomas Mann und Jan Assmann beglaubigten Monotheismusthese, so tritt eine Figur ans Licht, der alle Züge eines idealen Gottsuchers und Religionsstifters abgehen. Der Autor stellt sogar mit Gründen in Zweifel, ob der Große Sonnenhymnus, „Grundtext der Amarnareligion“ (Assmann), auf Echnaton persönlich zurückgeht, wie die Ägyptologie mehrheitlich annimmt. Wenn aber nicht Echnaton selber der Urheber des Textes ist, dann bricht die ganze Konstruktion der Atonreligion aus dem Geiste des Monotheismus wie ein Kartenhaus in sich zusammen, weil ihr der Kopf fehlt. …

Maciejewski rekonstruiert die abenteuerlichen macht- und sexualpolitischen Spiele einer Familie, die nicht weniger im Auge hatte als die Tilgung des Makels ihrer bürgerlichen Herkunft und damit einen dynastischen Umsturz. / Hans-Martin Lohmann, FR 13.9.

63. Lieblingsgedichte

Die neue Ausgabe des „Echtermeyer − Deutsche Gedichte“, erschienen im Cornelsen Verlag, nimmt die FR zum Anlass einer Serie „Lieblingsgedichte“: FR-Redakteure stellen geschätzte Werke vor. Am 13.9. Lia Venn über ein GHedicht von Conrad Ferdinand Meyer.

62. Neuropolitik Teil IV & EEE-Teil 8: Taugt „DAS GROßE STAUNEN“ als Lebensphilosophie für das 23.Jahrhundert?

„Auch ist nichts Mystisches oder Übernatürliches in der Natur vorhanden – was nicht bedeutet, daß wir mit unserem Gehirn alles verstehen können. Es liegt aber soviel Wunderbares – für uns offen oder noch versteckt – in der Natur, daß schon dadurch unsere Ehrfurcht davor geweckt wird.“

Christian Holzapfel, 2005 in: EINE KLEINE GESCHICHTE DES ELEKTRONS

G&GN-INSTITUT B-NEUKÖLLE 13.9.2010 / ERGÄNZEND ZU DEN POLITISCHEN GEDICHTEN (siehe Ticker Nr.52 vom 10.9.2010) sind nun 17 (von insg. 61) ausgewählte „Very Best Of“ E.S.-BEISPIELE für Erweiterte Sachlichkeit ab 1994, der gesamte 17-teilige „JA(HR…HUNDERT/TAUSEND“-Zyklus ab 1998 und die vollständige Serie aller 17 LOCHGEBETE ab 2004 von Tom de Toys zu Forschungszwecken als kostenloser PDF-Kombipack in der brandneuen Edition „PoemieDigitalFusion“ des Berliner G&GN-Verlags feigegeben! Garniert wird die 3 mal 17 Gedichte umfassende Sammlung von 7 ausgewählten Fotos des Lyrikers aus seinem „Best of Fotomie“-Album (www.fotomie.de), die er mit seinem Mobiltelefon knipste…

Download des kostenlosen PDF im L&Poe-Doku-Archiv: 17×3 DAS GROSSE STAUNEN incl 7x Fotomie)

3 Probetexte aus jeweils einem der drei Werksektoren:

Tom de Toys, 9.4.1995

ENTARTETE

[02.E.S.-Beispiel für Erweiterte Sachlichkeit]

geteiltes glück ist millimeterarbeit
morgens neben dir
erwacht geteiltes
glück ist
millimeterarbeit unverbrauchter
schenkel schmiegen sich im
hinterland der öffentlichen
brennstoffmängel noch nach jahren
schamlos sachlich als
ein zuckerfreies grab mit
neongrüner beleuchtung von allen
seiten aufgerichtet wie
die echte stunde null
mein weltkrieg endet
bei dir

Tom de Toys, 3./4.7.1998

Ü B E R D U

[„JA(HR…-HUNDERT/-TAUSEND“-Zyklus Teil VI]

ich lese in dir
die geschichte eines universums
das sich dauernd neu gebirt
und höre deine seele
wie die stimme einer reinen
existenz aus energie und
leere dringt durch alle
körperzellen wie planeten
einer unendlichen umlaufbahn
die mitte leuchtet überall
wenn wir uns treffen
trifft sich die materie
gegenseitig selbst und
lacht im angesichte dieser
unbarmherzigen fraglosigkeit

Tom de Toys, 8.+9.12.2005

ÜBEREVENT

(NEUROASTRONOMIE)

[05.TRANSRELIGIÖSES LOCHGEBET FÜR DAS 23.JHD.]

hautlos
tanzen wir
den krummen
raumzeittango
aufrecht !
ja wir LEBEN
schon verdichtet
im unendlichen
bewußtseinsloch:
das universum
IST ein superhirn
die galaxien sind
synapsen in der leere
zwischen den planeten
nervenbahnen und
die erdregion:
als sitz der seele !
JETZT beginnt
die ewigkeit im
stillen

61. Meine Anthologie: Grammatik

Hölderlin und Goethe müssen warten. Ablenkung vor nicht ganz freudvoller Arbeit findet sich trotzdem. Ein Zufallsfund im Netz erinnert mich an ein Buch: „Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren“, herausgegeben von Annemarie Schimmel (C.H. Beck 1996). Qadi Qadan – Qadi ist hier kein Vorname, sondern eine Art Berufsbezeichnung: der Kadi Qadan nämlich war ein indischer Richter, Kadi, und mystischer Dichter im 16. Jahrhundert. Sein Vier- bzw. richtiger Zweizeiler, ein Dōha, ist in Sindhi geschrieben, er ist ein Pionier der Dichtung dieser Sprache. Mystiker nicht, aber gelehrte Mystikforscher und Zeloten werden mir sagen, daß es ganz anders gemeint ist – für mich ist es ein großartiges Liebesgedicht (und nur so auch anderes mitbedeutend). Wenn ich keinen Wein kenne, wie könnte mir Wein ein göttliches Symbol sein?

Laß die Grammatik den Leuten –
ich studier‘ den Geliebten,
Und eine einzige Letter
les‘ ich und les‘ immer wieder!

QADI QADAN (gest. 1551)

60. American Life in Poetry: Column 286

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

One of my friends told me he’d seen a refrigerator magnet that read, PARENTING; THE FIRST 40 YEARS ARE THE HARDEST. Here’s a fine poem about parenthood, and about letting go of children, by Chana Bloch, who lives in Berkeley, California.

Through a Glass

On the crown of his head
where the fontanelle pulsed
between spongy bones,
a bald spot is forming, globed and sleek
as a monk’s tonsure.

I was the earliest pinch of civilization,
the one who laced him
into shoe leather
when he stumbled into walking upright.
“Shoes are unfair to children,” he’d grouse.

Through a pane of glass
that shivers when the wind kicks up
I watch my son walk away.

He’s out the door, up the street, around
a couple of corners by now.
I’m in for life.
He trips; my hand flies out;

I yank it back.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

59. Der Lyriker Walle Sayer wird heute 50

… und arbeitet an einem neuen Gedichtband, berichtet die Südwestpresse.

In Freiburg stellt Walle Sayer im Rahmen des Literatursommers 2010 seine Beiträge zu der Anthologie „Unverhofftes Wiedersehen“ vor: am 22. September um 20 Uhr in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof. In Nordstetten liest er am 29. September um 19.30 Uhr im Berthold-Auerbach-Museum aus der „Hommage an Johann Peter Hebel“, außerdem Texte aus dem neuen Sammelband „Zusammenkunft“ und Unveröffentlichtes aus einem für 2012 geplanten Gedichtband.

58. Böhmers Meta-Gedicht

Nie zuvor war der Tod, das Ende aller Erfahrung, aller Assoziationen und aller Worte, so tief und klar in Paulus Böhmers Gedichte eingeschrieben wie „Am Meer. An Land. Bei mir“. Das Meta-Gedicht in drei großen Abschnitten ist ein einziges atmendes, pulsierendes Todesschäumen und Verwesen und Mineralisieren, ein Insistieren auf Übergangsphänomenen, auf der dennoch grundlegenden Differenz zwischen organischen Prozessen und chemischen und physikalischen Vorgängen. Es ist ein tief beklagtes, aber nie jammerndes Kapitulieren vor der Einsicht, dass es mit dieser Differenz zu Ende gehen wird. Die Worte in diesem Bewusstseinsstrom – auch die, die man noch nie zuvor gelesen zu haben meint und darum bisher für nicht existent gehalten haben könnte – erscheinen nicht wie ausgedacht, eher wie gefunden. Sie kommen recht vertraut oder zumindest in rätselvoll vertrauten semantischen Umgebungen daher oder erscheinen zumindest plausibel; und sobald sie in der Welt sind, gibt es sie schließlich unwiderruflich auch.

Es empfiehlt sich also eine linguistische Demut gegenüber dem Bedeutungssystem und den Verweisungszusammenhängen, -verästelungen und den Rhythmen in in Böhmers Gedichten. Wer sich diesem Strom nicht ausliefern mag, wird in merkwürdige Lesesituationen kommen. / Hans-Jürgen Linke, FR

Paulus Böhmer: Am Meer. An Land. Bei mir. Verlag Peter Engstler, Ostheim/ Rhön, 148 Seiten, 29 Euro. Paulus Böhmer liest zusammen mit Peter Heusch am Dienstag, 14. September, 20.30 in der Frankfurter Romanfabrik.

57. Mark Linenthal gestorben

Mark Linenthal starb am Sonnabend nach langer Krankheit in San Francisco im Alter von 88 Jahren. „Er war liberal. Er war gut. Er besaß eine große Ausstrahlung“, sagte Beat-Poet Michael McClure.

Er wurde 1921 in Boston geboren. Er studierte an der Harvard-Universität, wo er sich mit Norman Mailer anfreundete. Im 2. Weltkrieg wurde er beim ersten Flug über Deutschland abgeschossen und kam in ein Internierungslager, das bei Kriegsende von sowjetischen Truppen befreit wurde. 1954 kam er an die San Francisco State University, deren Lyrikzentrum er 1966 bis 1972 leitete. Es waren die Jahre der Studentenunruhen. Er setzte sich für die Rechte der Studenten ein  und hatte großen Einfluß auf junge Menschen. Beim Obszönitätsprozeß gegen Allen Ginsberg wegen „Howl“ verteidigte er Ginsbergs Gedicht. „Er sagte immer, „Howl“ habe die Vorstellungen von einem Gedicht verändert“, sagt sein Sohn Peter Linenthal. / San Francisco Chronicle

56. Fliegen

«Fliegen summten in den stillen, niedrigen Stuben», heisst es einmal in einem Gedicht von Jürgen Becker, schon dehnt sich der Augenblick aus, und es beginnt eine «lange Reise, hin und her / zwischen den Flügeln des Einst und Nochnicht». / NZZ 9.9.

55. Ungereimt und ungedeutet

«Das Leben ist kein Roman», schreibt Einzinger in «Ein Messer aus Odessa». Also ist es ein Gedicht! Wenn aber das Leben schon ein Gedicht ist, wozu dann noch Gedichte schreiben? Noch radikaler als im Roman beschränkt Einzinger in der Lyrik seine Rolle als Autor auf das blosse Anordnen des Ungeordneten. Seine Gedichte gleichen mittelalterlichen Gemälden, auf denen die Dinge ohne Raumperspektive bloss auf einer Fläche verteilt sind. Einzingers Lyrik ist nicht «minimal art», aber sie kommt mit wenig lyrischem Aufwand aus. Sie ist auch nicht «trash», aber die monoton geformten Strophen gleichen doch Halden, auf denen sich ansammelt, was abfällt vom Brauchbaren und Mitteilenswerten. Nur ist vielleicht dieser «Schutt, den die Tage anhäufen» (so eine Gedichtüberschreibung), schon wieder neues Baumaterial. … Seine lyrische Kunst ist die Kunst, die Dinge ungereimt und ungedeutet zu lassen. Alles steht für alles – und also nichts für nichts: «Friede den Schachteln & dem Entengemüse!» / Samuel Moser, NZZ 11.9.

Erwin Einzinger: Ein Messer aus Odessa. Gedichte. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2009. 142 S., Fr. 33.50. Erwin Einzinger: Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach. Roman. Jung und Jung, Salzburg 2010. 471 S., Fr. 36.50.

54. Instandsetzung des Morgens

Das „Aktuelle Forum“ hat es wieder einmal geschafft: Zum Programmstart des zweiten Halbjahres war mit Reiner Kunze ein Schwergewicht der deutschen Nachkriegsliteratur zu Gast im Rinkeroder Pfarrzentrum. Über 100 Zuhörer waren gekommen, um von dem Schriftsteller etwas zum Thema „Instandsetzung des Morgens – Tagebuchnotizen und Gedichte aus 40 Jahren“ zu hören. / Ahlener Zeitung