39. Wichtig

Unter dem Spiegel-Rubrum „Die wichtigsten Bücher der Woche“ findet sich tatsächlich ein Gedichtband. Oder vielleicht, etwas abgemildert: ein „Roman in 47 Gedichten“:

Esther Kinsky:
die ungerührte schrift des jahrs
Matthes & Seitz Verlag; 72 Seiten; 14,80 Euro.

38. Stille Post

Ebenfalls aus New York stammt Lisa Oppenheim, deren Ausstellung bei Klosterfelde zu sehen ist. …

Die Übersetzung von Formen und Worten ist das Thema ihrer zweiten Arbeit, einer filmischen Doppelproduktion, die sich einem Gedicht von Ezra Pound widmet (12 000 Euro). Pound arbeitet mit der Übersetzung eines Gedichts von Li Bai, ohne allerdings Chinesisch zu können; er verließ sich darauf, dass Chinesisch im Kern eine piktographische Sprache sei, man also dem Sinn durch die formale Interpretation der Zeichen nahe komme, was natürlich* ein absurder Irrtum ist, der ein absurdes, stilleposthaftes Gedicht zur Folge hatte. Oppenheim ließ das Originalgedicht von einem Experten für ostasiatische Literatur übersetzen und bekam einen ganz anderen Text; beide werden in der Filmarbeit nebeneinandergeblendet. Oppenheim verwandelt – was ein optisches Echo auf Pounds fragwürdige Übersetzungsstrategie ist – Pounds Gedicht zurück in assoziative Bilder von Schuhen, Beinen, Katzen, die die Künstlerin in New Yorks Chinatown sah – einem Viertel, das ja selbst wiederum eine Art Übersetzung Chinas ist. / Niklas Maak, FAZ.net 8.9.

*) „Natürlich“ sollte man vielleicht nicht so oft gebrauchen; auch dieses führt in die Irre. Den gleichen Effekt, zwei völlig unterschiedliche Gedichte, findet man bei jedem anderen Vergleich. „Stilleposthaft“ ist ja vielleicht jede Übersetzung, aber bestimmt jede aus dem Chinesischen. (Kein Einwand gegen das Kunstwerk, aber gegen den Beschreiber). Hier als kleine Probe der Anfang eines Mondgedichts von Li Bai in mehreren Übersetzungen (jeder Übersetzer hat andere Interessen und andere Kenntnisse, aber keiner, auch nicht Pound, arbeitet so wie oben beschrieben):

Einsamer Trunk unter dem Mond

Unter Blüten meine Kanne Wein –
Allein schenk ich mir ein, kein Freund hält mit.
Das Glas erhoben, lad den Mond ich ein,
Mein Schatten auch ist da, – wir sind zu dritt.
Gewiß versteht der Mond nicht viel von Wein,
Und was ich tue, tut der Schatten blind,
Doch sollen sie mir heut Kumpane sein
Und ausgelassen unterm Frühlingswind.

Günter Eich, in: Wilhelm Gunder, Annemarie Schimmel und Walther Schubring, Lyrik des Ostens, München, 1978; p. 303

Die drei Genossen

In der Laube von Jasmin sitz ich beim Weine.
Gute Genossen heischt die gute Stunde.
Da steigt der Mond übern First, verneigt sich mit goldenem Scheine.
Höflich verneige auch ich mich, und meine Schatten verneigt sich als Dritter im Bunde …

Klabund

Gelage im Mondschein

Mit einem Krug voll Wein saß ich inmitten
duftender Blumen ganz allein.
Ich hob den Becher, um den Mond zu bitten,
für diese Nacht mein hoher Gast zu sein.
Da sah ich meinen Schatten, und als Dritten
lud ich auch ihn, den Ewigtreuen ein. …

Ernst Schwarz, Chrysanthemen im Spiegel, Berlin und Weimar, 1976; p. 93

Alone And Drinking Under The Moon

Amongst the flowers I
am alone with my pot of wine
drinking by myself; then lifting
my cup I asked the moon
to drink with me, its reflection
and mine in the wine cup, just
the three of us; then I sigh
for the moon cannot drink,
and my shadow goes emptily along
with me never saying a word;
with no other friends here, I can
but use these two for company;
in the time of happiness, I
too must be happy with all
around me; I sit and sing
and it is as if the moon
accompanies me; then if I
dance, it is my shadow that
dances along with me; …

Rewi Alley, 1980

Amongst the flowers is a pot of wine

Amongst the flowers is a pot of wine
I pour alone but with no friend at hand
So I lift the cup to invite the shining moon,
Along with my shadow we become party of three

The moon although understands none of drinking, and
The shadow just follows my body vainly
Still I make the moon and the shadow my company
To enjoy the springtime before too late

Ezra Pound

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37. EEE-Teil 7: Neuropolitik beginnt beim königlichen Bewußtseinserror

„Alles bleibt eine Frage der Chemie. Natürlich eine ganz großartige, geheimnisvolle, wunderbare ‚Chemie‘. Was meinen Sie, was das sonst sein sollte? Wer das als Wunder erstmal akzeptiert, der verliert nicht seinen Glauben, bei dem kehrt er wieder zurück.“ J. Allan Hobson (TRAUMFORSCHER), im Interview mit BerlinBlock (11/2009)

„Ich sage es noch einmal, es gibt vollkommene Augenblicke. Nicht nur einfach, dass die Vulgarität der Welt verschwindet; nicht nur einfach schweigendes Einverständnis in den so schlichten Bewegungen bei der Liebe, im Haushalt und beim Baden des Kindes. Sondern die Vorstellung, dieses Einverständnis könnte von Dauer sein; dass nichts, vernünftig angenommen, sich dieser Dauer entgegenstellt.“ Michel Houllebecq, in: „Wiedergeburt“ (1999)

G&GN-Institut, Berlin-Neukölle (September 2010) / Das „ekstatisch-empirisch-esoterische mOMent“ der Direkten Dichtung unterscheidet NICHT zwischen politischen und apolitischen Motivationen, weil die Beschäftigung mit dem „Weltganzen“ im Sinne des Lochismuß‘ stets von beiden psychischen Seiten der randlosen Medaille gespeist wird: der spirituellen (ontologischen) Basis des lyrischen Ichs sowie dessen kritisch-konkret behandelten neurosoziologischen Bewußtseinsphänomenen, die das Menschsein in der Welt beschreiben. Dementsprechend gibt es für das „direkt“ dichtende Ich (also jenes, das sich absichtlich „filterlos“ von der Welt beeindrucken läßt wie in einer Art multidimensionalen Trance) sowohl schwärmerische als auch schockierende Aspekte in der poetischen Erfahrung. Das Endergebnis kann je nach Situation MEHR ODER WENIGER politische UND apolitische Anteile beinhalten, kennt aber KEINEN ABSOLUTEN privatistischen Fluchtort im klassisch-idealistischen Sinne: durch das Loch des Lochismuß‘ zu sehen, bedeutet eben KEIN Schlupfloch aus der sozialen Wirklichkeit auf eine „andere“ (falsch verstandene pseudo-mystische) Seite zu haben sondern wirft das Individuum auf sein „auswegloses“ (bodenloses) Bestandteil-Sein zurück. Damit liegt ein gravierender Unterschied vor zwischen dieser Ekstase transdualistisch-empirischer Daten, die direkt-dichterisch ausgewertet werden, und falsch verstandener redundant-dualistischer Esoterik, die sich hinter weltflüchtigen Illusionen (und deren literarischen Metaphern) abschirmt und damit immer nur autistische Fantasy statt authentischer Phantasie produziert. Zwei aktuelle Gedichte von Tom de Toys mögen verdeutlichen, wie die omnipolitische Schwerpunktverlagerung je nach Auslöser der Inspiration funktioniert, ohne die Welt je gänzlich aus dem Blick zu verlieren – zum einen das Urlaubsgedicht „FÖHRLING“ und zum anderen das jüngste Lochgebet „eRROR ROYALe“:

1) Komplettes „FÖHRLING (INSELFEELING)“ vom 1.8.2010 (Quelle: www.angenommene.de):

Erde Sonne Sehr Dezent Das Wasser Wellen Wind Sandstrand ICH BIN KEIN DICHTER Rauschen Regen Brandung Schaum Kapuze ÜBERBLAUE QUALLE Muscheln Tang Verriegelte Strandkörbe Steine Kleine Kinder Spielen Fahrrad Promenade Billige Postkarten Überall Touristen Urlaub Urlaub Nochmal Urlaub Ja ICH BIN KEIN DICHTER Auto Auto Hinterland Kein Tisch Frei Alles Reserviert Nur Raucherecken Letzte Rettung Essen Garantiert Und Wieder Wolken Wind Kein Regen Regen Radtour Angesagt Die Pläne Ändern Sich Bei Jeder Wetterlage Sonne Kommt Doch Noch ICH BIN KEIN DICHTER Sondern Sohn Und Onkel Bruder Und Die Ganze Literatur Hat Heute Hitzefrei!

2) Schlußzeilen aus „eRROR ROYALe (LOBGeSANG AUF DIe GeSICHTSLOSe GRÜNe GAIA) [17.TRANSRELIGIÖSES GEBET]“ vom 8.9.2010 (Quelle: www.errorroyale.de):

(…) / ein außerhalb von allem / in der tiefsten ebene / mittendrin dieses geheimnis / ist so schockierend / geheimnislos daß wir / jahrtausende brauchen / um uns in den besten werken / daran abzuarbeiten bis / wir uns an dich gewöhnen / du schönste aller wahrheiten / du grausamste liebe / und letzte weisheit / wir wollen diesen planeten / als dein paradies anbeten / und endlich gemeinsam / darüber reden daß wir / die lebenden sind die / das universum bevölkern //

Da in der laufenden Gegenwart ohnedies von vielen Seiten ein Mangel an seelischem Tiefgang beklagt wird (sowohl im verblödenden Volk als auch an pubertären Regierungsspitzen), ließe sich sogar behaupten, daß besonders eine spirituell dem „Leben an sich“ zugewandte Lyrik -womit eben gerade NICHT religiöse oder sonstige dogmatische sondern freigeistige Literatur aus der „Offenheit für die Erfahrung“ (Carl Rogers, 1961) gemeint ist- an sich schon DIE parteilose politische Kritik par excellence am kollektiv-destruktiven Zeitgeist thematisiert, weil sie im krassen Widerspruch zum hektischen Konsumieren unreflektierter Floskeln steht. Stuckrad-Barre möchte man für diese Zwecke einen Aufenthalt in einem Zenkloster zwangsverordnen, damit er über das neurophilosophische Rätsel „WER BIN ICH?“ meditiert, das ihm der mittlerweile erleuchtete Mönch Michel Houllebecq aufgibt, und dessen unerwartete Beantwortung die redundant-deskriptive (pseudo-affirmative) Haltung ganzheitlich-politisch zu erweitern vermag. Nach einem erfüllten Leben als „kritische Visionäre“ sehen sich dann alle literarischen Lager bei ihrer eigenen Beerdigung wieder und gestehen sich gegenseitig ein:

„(…) / Superfans, Dichterlinge, alternde Beatniks & Deadheads, Autogrammjäger, vornehme Paparazzi, intelligente Glotzer / Alle wußten sie waren Teil der ‚Geschichte‘, außer dem Verblichenen / der aber auch zu meinen Lebzeiten nie richtig wußte, was denn nun eigentlich los war. //“ Allen Ginsberg, in: „TOD & RUHM“ (1997)

36. Großraumdichten starten Bremer Netzresidenz!

Liebe Mitglieder und Freunde des virtuellen Literaturhauses,

jetzt geht´s los: Großraumdichten machen was, nämlich: ein blog. Bis zum 30. November können Sie und könnt ihr jeden Mittwoch dabei sein, wenn es heißt:

Großraumdichten produzieren einen neuen Track und ihr bestimmt mit unter

http://grossraumdichten.wordpress.com/

Das Großraumdichten-blog-Projekt entsteht im Rahmen der Bremer Netzresidenz, die die Großraumdichten für die nächsten drei Monate innehaben.

Die Poeten von Großraumdichten schreiben dazu: „die idee ist, sich in der vernetzten welt nicht in die einsame kammer zurückzuziehen, sondern den entstehungsprozess virtuell nachvollziehbar und gestaltbar zu machen. die blogleser dürfen und sollen mitbestimmen: welche beats, welcher text, wie, und warum überhaupt? wir wollen anregen, zu diskutieren und zu kommentieren.

parallel dazu werden wir einen schreibwettbewerb auf einen bestimmten beat von ludwig starten, dessen text am ende samt dem virtuellen enstandenen neue track ganz real auf eine bühne in bremen gebracht wird. aber lest selbst, mittwoch ist großraumdichten-tag!“

In diesem Sinne freuen wir uns über eine rege Teilnahme!

Mit herzlichen Grüßen

Das Team vom Literaturhaus

Silke Behl, Ian Watson, Daniel Tepe und Heike Müller

Literaturhaus Bremen [virt.]
Heike Müller
Goetheplatz 4
D-28203 Bremen
0421-258 18 08
heike.mueller@literaturhaus-bremen.de

35. Poetry magazine presents “Lives of the Dead”

CHICAGO — Poetry magazine is proud to present a theatrical interpretation of Hanoch Levin’s epic poem “Lives of the Dead,” translated from the Hebrew by Atar Hadari.

A deeply macabre and wickedly funny “anti-elegy,” Levin’s rumination on death, decomposition, and the afterlife is at once flagrant and tender, graceful and perverse. The poem, says translator Atar Hadari, is “a look at death by someone who very much did not believe in the ‘afterlife,’ but nevertheless saw and expressed all the hopes which even the most irreligious keep in the deepest, most secret closets of their hearts.”

Directed by Valerie Jean Johnson (managing editor of Poetry), a talented ensemble of young Chicago performing artists bring Levin’s captivating poem to the stage.

What: A theatrical interpretation of Hanoch Levin’s “Lives of the Dead,” conceived and directed by Valerie Jean Johnson, devised and performed by Katie Eberhardy, Joshua Kent, Martine Moore, and Jessie Mutz, with sound design by Noé Cuéller

When: Eight performances
Thursday, September 30, to Sunday, October 10
Thursdays, Fridays, and Saturdays at 7pm
Sundays at 3pm

Where: Viaduct Theater
3111 North Western Avenue
Free admission; reserve tickets by calling 773.296.6024 or visitingwww.viaducttheatre.com

Hanoch Levin (1943–1999), one of Israel’s leading dramatists, was born in Tel Aviv and studied philosophy and literature at Tel Aviv University. Having originally focused on writing poetry, Levin eventually devoted himself to writing for the stage. He served as resident playwright of the Cameri Theater in Tel Aviv and worked with Habimah, Israel’s national theater. A writer of 50 plays (34 of which have been staged), including comedies, tragedies, and satiric cabarets, Levin directed most of his works himself. He published five books of short stories and poems and a book for children, received numerous theater awards, both in Israel and abroad (most notably at the Edinburgh Festival), and has had his plays staged around the world. Levin was awarded the Bialik Prize in 1994.

Atar Hadari was born in Israel, grew up in England, and studied poetry and playwriting with Derek Walcott at Boston University. His Songs from Bialik: Selected Poems of Hayim Nahman Bialik (Syracuse University Press, 2000) was shortlisted for the American Literary Translators Association Award. His poems have won the New England Poetry Club’s Daniel Varoujan Award and the Grolier Poetry Prize.

Hadari’s translation of Levin’s poem was first published byPoetry in May 2009.

34. Hombroich : Poesie

Vom 15. bis 19. September 2010 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das zweite Colloquium für Poesie statt. Dieses Jahr siebzehn deutschsprachige Lyriker und Philosophen, eine Künstlerin, ein Komponist, treffen sich im informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Denken der Sprache des Gedichts und des Denkens betrifft, soll hierbei das Projekt der Poesie – ohne den saisonalen Fürwahrhaltungen gehege oder eingewattet zu sein –, kollegial überdacht und infolge fortgesetzt werden. Teilnehmer der diskreten Akademie sind diesmal: Urs Allemann, Antoine Beuger, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Martin Endres, Hans-Jost Frey, Eleonore Frey, Felix Philipp Ingold, Erich Klein, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Ferdinand Schmatz, Farhad Showghi, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Suse Wiegand (und wohl noch andere).

Eine okkasionelle Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 18. September 2010 um
19 Uhr in der Veranstaltungshalle der Raketenstation statt; ebenso sollen die poetologischen Beiträge wieder unter dem Titel Das böhmische Dorf ediert erscheinen: mit Mobilität zwischen den Medien Buch und Internet: Wer unentwegt oder am Weg baut, hat viele Nachbarn.

Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur und Kunst
Raketenstation Hombroich
41472 Neuss-Holzheim
Tel. 02182 570000

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Insel Hombroich

________________________

Buchhinweis

Nichts tun, Hrsg. Oswald Egger, Das böhmische Dorf 2009
(= Tagungsband zum ersten Colloquium für Poesie in Hombroich ISBN 978-3-902024-14-5, 224S, 22 Euro)

33. Zeichnungen von Else Lasker-Schüler

Weit unbekannter als die Gedichte von Else Lasker-Schüler sind ihre Zeichnungen. Die Kunsthistorikerin Ricarda Dick legt jetzt – nach jahrelanger Arbeit – ein Werkverzeichnis dieser Zeichnungen vor und präsentiert sie in einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt.

Gespräch mit Ricarda Dick beim DLR

Hören Sie das vollständige Gespräch mit Ricarda Dick mindestens bis zum 7. Februar 2011 als mp3-Audio.

32. Meine Anthologie: Narren

<13>

Juden und Heiden hinaus! so duldet der christliche Schwärmer.
Crist und Heide verflucht! murmelt ein jüdischer Bart.
Mit den Cristen an Spies und mit den Juden ins Feuer!
Singet ein türckisches Kind Christen und Juden zum Spott.
Welcher ist der klügste? Entscheide! Aber sind diese
Narren in deinem Pallast, Gottheit, so geh ich vorbey.

Goethe: Venezianische Epigramme. [Nachgelassene Epigramme]. In: Karl Eibl (Hg.): Gedichte 1756-1799. Darmstadt 1998, S. 467

31. Alemannendichter, Hebelwirkung

Der große Alemannendichter Hebel wäre dieses Jahr 250 Jahre alt geworden und dies nahm der Kulturring Wutöschingen zum Anlass, das Stück „Hebelwirkung“ zusätzlich ins Programm aufzunehmen. / Südkurier

30. Hand des Dichters

Oft ist es auch die Hand des Dichters, die einen sinnlichen Kontakt mit den Dingen herstellt und die orientierenden Zeichen entwirft, die es für einige Augenblicke ermöglichen, mit der Welt in Berührung zu kommen: „Eine Hand winkt flattert flackert / eine Stille blickt mich / mit forschenden Augen an // diese dunkel gekleidete Stille / ist mir Geliebte / und Abendkühle zugleich“.

Die Hand ist seit jeher das zentrale poetische Wahrnehmungsinstrument, das Werner Lutz zur Erkundung der Welt einsetzt. In seinem jüngstem Band „Kussnester“ (Waldgut Verlag) spricht er vom „Glücksgefühl der Hand“, das nicht nur erlaubt, „Linien zu ziehen durch den Morgen“, sondern ans Herz der Dinge rührt. Damit nimmt Lutz eine Maxime Paul Celans auf: „Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte.“ Während Celan bald nach der Niederschrift dieses Satzes seine Gedichte in verzweifelte Negativität trieb, beharrte Lutz von Beginn seiner künstlerischen Arbeit an auf der sinnlichen Energie des poetischen Hand-Werks. Es ist mittlerweile schon über ein halbes Jahrhundert her, seit er von den berühmten Dichterkollegen Hans Bender und Rainer Brambach entdeckt wurde. Man mokierte sich damals über den „störrischen Kerl“, weil er sich zunächst gegen die Veröffentlichung seiner Gedichte wehrte. Es dauerte bis zum Jahr 1979, bis im Suhrkamp Verlag Lutz´ Debütbuch „Ich brauche dieses Leben“ erscheinen konnte. Die Wahrnehmungsgeduld und die Sehnsucht nach einer innigen Verbindung zu den Dingen hat er sich bis heute bewahrt. „Fast klösterlich“, nennt Lutz sein Schreib- und Malerleben in seiner kleinen Basler Dachwohnung, „nur die Kutte fehlt.“ Was indes nicht fehlt, ist die kontemplative Innigkeit, mit der sich dieser Meister der Stille den Naturstoffen widmet – und sich schliesslich in die Lüfte erhebt: „Es fliegt sich leichter / mit leeren Händen“. / Michael Braun, Basler Zeitung 3.9.

29. American Life in Poetry: Column 285

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

In our busy times, the briefest pause to express a little interest in the natural world is praiseworthy. Most of us spend our time thinking about other people, and scarcely any time thinking about other creatures. I recently co-edited an anthology of poems about birds, and we looked through lots of books and magazines, but here is a fine poem we missed, by Tara Bray, who lives in Richmond, Virginia.

Once

I climbed the roll of hay to watch the heron
in the pond. He waded a few steps out,
then back, thrusting his beak under water,
pulling it up empty, but only once.
Later I walked the roads for miles, certain
he’d be there when I returned. How is it for him,
day after day, his brittle legs rising
from warm green scum, his graceful neck curled,
damp in the bright heat? It’s a dull world.
Every day, the same roads, the sky,
the dust, the barn caving into itself,
the tin roof twisted and scattered in the yard.
Again, the bank covered with oxeye daisy
that turns to spiderwort, to chicory,
and at last to goldenrod. Each year, the birds—
thick in the air and darting in wild numbers—
grow quiet, the grasses thin, the light leaves
earlier each day. The heron stood
stone-still on my spot when I returned.
And then, his wings burst open, lifting the steel-
blue rhythm of his body into flight.
I touched the warm hay. Hoping for a trace
of his wild smell, I cupped my hands over
my face: nothing but the heat of fields
and skin. It wasn’t long before the world
began to breathe the beat of ordinary hours,
stretching out again beneath the sky.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2006 by Tara Bray, and reprinted from her most recent book of poems, Mistaken for Song, Persea Books, Inc., 2009, by permission of the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

28. Luise Hensel

Luise Hensel (1798 bis 1876), eine Pfarrerstochter aus Linum, war die Schwester des Hofmalers Wilhelm Hensel und Schwägerin von Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Im Hause ihres Bruders lernte sie in den literarischen Zirkeln romantische Dichter wie Brentano und Fouqué kennen. Verehrt und geliebt wurde sie unter anderem von dem Dichter Clemens Brentano, dem Komponisten Ludwig Berger und von Wilhelm Müller, der die Gedichte zu Schuberts-Vertonungen „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“ geliefert hatte. Sie lebte als Lehrerin und Erzieherin in mehreren Haushalten und schrieb Gedichte. Das berühmteste darunter ist das Gedicht in sechs Strophen: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu“, das Luise Hensel schon 1817 mit 19 Jahren geschrieben hatte. / Märkische Allgemeine

27. Mulan

Zhang Ziyi („Die Geisha“) spielt in „Mulan“ die Hauptrolle. Im Mittelpunkt steht die legendäre Hua Mulan, die sich als Mann ausgibt, um der chinesischen Armee beitreten zu können. Zum ersten Mal wurde ihre Geschichte in einem Gedicht* aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus niedergeschrieben. / pro7.de

*) Ballad of Mulan (5th century)

26. Dresden: Spannende Stimmen

In den Dresdner Neuesten Nachrichten ein Bericht von Michael Ernst über die Veranstaltungen zum Dresdner Lyrikpreis:

Die vielen Einsendungen bestätigen einerseits den Stellenwert, den dieser aller zwei Jahre im Rahmen der Bardinale ausgetragene Wettbewerb inzwischen besitzt. Andererseits verlangt er der Vorjury ein immenses Lesepensum ab. Bis zu zehn Texte dürfen die Bewerber jeweils vorlegen, für genau zehn Teilnehmer der Endrunde müssen sich die Fachleute dann entscheiden. Das könnten also immer noch einhundert Gedichte sein, die da zu hören und zu bewerten wären. Wegen der Absage eines Autors lasen am Sonnabend Vormittag „nur“ neun Dichterinnen und Dichter im Erich-Kästner-Museum. Marie Stastná war in der zuvor ausgelosten Reihenfolge gleich als Zweite dran und hat sich mit ihren poetischen Texten um Träume, Ängste, Familie und Liebe der Jury derart eingeprägt, dass sie die anderen acht Lesenden glatt ausstach. Dabei waren etwa dank Iva Kurilová und Ondrej Buddeus mindestens zwei weitere sehr spannende Stimmen aus Tschechien mit von der Partie.

Die 1982 geborene Kurilová überzeugte mit schmerzlich trefflichen Bildern in ihren prägnant kurzen Texten, der zwei Jahre jüngere Prager Buddeus bestach gar durch teils zweisprachigen Vortrag seiner Innerliches mit Welthaltigkeit verbindenden Arbeiten, mit denen er das Anliegen des Wettbewerbs in besonderer Weise erfüllte. Ansonsten waren die deutschen und tschechischen Originale beim Rezitieren in der jeweils anderen Landessprache mitzulesen. Gut gestaltete Vortragskunst gelangen auch dem Saarländer Konstantin Ames, der gegenwärtig am Leipziger Literaturinstitut studiert und in seinen mitunter experimentell lautmalerischen Versen deutliche Zeitbezüge verpackt hat, sowie dem aus Oberbayern stammenden Frank Ruf, der einen bezwingenden Zyklus von Voodoo-Gedichten vortrug.

25. Mitmachen!

Ulf Stolterfoht schreibt aus Argentinien:

lieber michael,

dieser kommentar gehört zur werbeanzeige der brentano-gesellschaft: ich finde, wir sollten da ALLE, alle mitmachen!

wer hätte nicht davon geträumt, einmal bei august v. goethe zu publizieren! ich bewerbe mich jedenfalls, muß nur noch ein bißchen zurechtschneiden auf die erlaubten zwanzig zeilen! könntest du nicht alle deine leser auffordern, das auch zu tun? das wäre doch ein herrliches projekt – auch erkenntnistheoretisch!

ganz herzliche grüße aus argentinien – wo deine zeitung kultstatus genießt unter den deutschsprachigen,

dein ulf

Danke, Gruß zurück! Viel Glück bei August Cornelia Clemens von Goethe-Brentano. Wird aber sicher hart, die nehmen nicht jeden.

Herzlich

Michael

Vgl. auch L&Poe 2009 Jul #10. Meere frei