18. Letternmusik

Für den eingebürgerten Rheinländer A.J. Weigoni ist das Buch eine Partitur, die es in Konzerten der Sprache aufzuführen gilt. Mit hoher Konzentration komponiert er eine Elegie über die entzweiende Kraft des Eros. Seine Sprache hat Eleganz und Musikalität, und seine „Letternmusik“ ist voller Weisheit und Humanität. Wer sich die Mühe macht, die Gedichte laut zu lesen – was für diese Gattung eigentlich generell zu empfehlen ist – merkt schnell, mit welch unglaublicher Präzision und Raffinesse sie rhythmisiert sind. Das Spielen mit Wörtern und das Verschieben der Semantik mit anderen Worten generiet eine Worterotomanie, Linguistik als tanzbares Mantra. Eine Musik aus Buchstaben komprimiert: Polyphonie aus Silben und Wörtern, absolute Musik wie beim späten Monteverdi als Äquivalent für das, was mit Sprache den eigenen Beschädigungen und denen der Welt um diesen kleinen Ich–Mittelpunkt herum entgegengestellt werden kann. Die Rettung hinein ins kulturelle Gedächtnis, auch wenn der Anteil auch noch so gering ist. Für einen Moment nur, über die Konventionen unserer Vorstellungen von Lebenszeit hinaus gedacht, sich an einem bestimmten Punkt in die große Gleichzeitigkeit der Künste eintragen zu können, ist das unbescheidene Sehnsuchtsziel für A.J. Weigoni. / Matthias Hagedorn, jetzt.de

(in einem langen Artikel, der, zum Teil frühere Veröffentlichungen recycelnd, u.a. über Axel Kutsch, Theo Breuer, Wolf Doleys, Francisca Ricinski, Haimo Hieronymus und andere schreibt)

17. Thomas Kunst / Feridun Zaimoglu

„Ich liebe jeden, der mir gefällt“ – Thomas Kunst und Feridun Zaimoglu

lesen Liebespoeme und Liebesgeschichten aus ihren Werken

Kennen und schätzen gelernt haben sie sich vor einigen Jahren in der Villa Massimo in Rom: Thomas Kunst, Lyriker und Romancier aus Leipzig, der zuletzt »Estemaga« und »Strandkörbe ohne Venedig« veröffentlichte und im Herbst seinen neuen Gedichtband »Legende vom Abholen« in der Edition Rugerup vorlegt, und Feridun Zaimoglu, Kieler Erzähler und Theaterautor, der zuletzt die Romane »Liebesbrand« und »Hinterland« veröffentlichte und im Juni mit dem Kulturpreis der Landeshauptstadt ausgezeichnet wurde.

»Ich liebe jeden, der mir gefällt« – die Zeile aus Zarah Leanders Lied »Nur nicht aus Liebe weinen« leitet den Abend der beiden mit Liebespoemen und Liebesgeschichten aus ihren Werken. Zwei poetische Schreibweisen verbinden sich, zwei wunderbare Interpreten der eigenen Texte finden unter dem großen Thema »Liebe« zusammen. Die Dichtungen und lyrische Prosa von Thomas Kunst, 1965 in Stralsund geboren, zeichnet seit seinem Debüt »Besorg noch für das Segel die Chaussee« (1991) Bildphantasie, hohe Musikalität der Textkomposition und Wortmagie aus. Der Dichter glühe »vor Zorn und vor berechtigtem Haß auf all jene, die nichts davon wissen wollen, daß man als Liebender aufhört, ein Zivilist zu sein«, schrieb Zaimoglu in seinem flammenden Plädoyer »Warum die Welt den großen Dichter Thomas Kunst endlich kennenlernen muß«.

Literaturhaus Kiel
17.09.2010
20:00
www.literaturhaus-sh.de

16. Augmented Reality

Die britische Royal Mail hat die nach eigenen Angaben „erste intelligente Briefmarke der Welt“ veröffentlicht. Sie ist Teil einer Serie von Marken, auf der jeweils alte britische Eisenbahnen zu sehen sind. Betrachtet ein Smartphone-Besitzer die Marke über seine Handy-Kamera, erscheint auf dem Bildschirm des Gerätes ein Video, in dem der britische Schauspieler Bernard Cribbins das Gedicht „The Night Mail“ von WH Auden vorträgt.

Die Handy-Besitzer müssen dafür das Programm Junaio des Technologie-Unternehmens Metaio auf ihrem Gerät installieren. Durch die Bilderkennung des „Augmented-Reality-Browsers“ wird das Video abgerufen. / onetoone.de

15. Lyrik, Festival und Preis

Mit dem [Basler Lyrik-]Festival soll das Gedicht thematisiert und ins Gespräch gebracht werden. Aber es geht auch darum, dass die Lyriker mit diesem Zugriff auf die Texte der Autorenkollegen und dem Austausch über deren Entstehung und Hintergrund untereinander ins Gespräch kommen, sagt Eckert. Die Auswahl der Autoren obliegt Basler Lyrikgruppe, die aus den Dichtern Urs Allemann, Rudolf Bussmann, Ingeborg Kaiser, Peter Gisi und Wolfram Malte Fues besteht. „Das ist das Besondere an unserem Festival“, sagt Katrin Eckert, dass hier nicht eine Organisation, sondern Lyriker andere Lyriker einladen. Die Autoren der Gruppe sind es auch, die den Träger des Lyrikpreises auswählen. …

Der Sonntag startet mit der Verleihung des Basler Lyrikpreises an Werner Lutz. Der 1930 geborene Lutz gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Lyriker der Gegenwart. Er ist ein Meister der sprachlichen Reduktion und Präzision – und es sei längst überfällig, ihm diesen Preis zu verleihen, so Eckert. In der Reihe „Begegnungen“ treffen dann jeweils für eine Dreiviertelstunde zwei Lyriker aufeinander, tragen Gedichte vor und diskutieren darüber. So liest der 1979 im Saarland geborene Konstantin Ames seinen 39-teiligen Text „zuss, der wimpernknecht“ und trifft mit dem Schweizer Urs Allemann auf einen anderen, älteren Kreuzworträtsler; gemeinsam wollen sie die Frage klären: Wozu ist „zuss“ da? / Claudia Gabler, Badische Zeitung

8. Internationales Lyrikfestival Basel, 4. und 5. September, Literaturhaus Basel, Barfüssergasse 3. Weitere Informationen: http://www.literaturhaus-basel.ch

14. Ereignis

Leider übersehen: Am 5.8. im ND eine Besprechung von Silke Peters‘ Gedichtband „Parnassia“ durch Peter Huckauf. Nicht mehr im Netz, nur noch dies:

Ereignis Gedicht

Silke Peters: »Parnassia«

Fast hätte ich diese Kurzbesprechung »Abdankung der Metropole« überschrieben, um meine anhaltende Begeisterung über eine Buchneuerscheinung auszudrücken.

Peters und Huckauf: beides interessant. Falls jemand die Besprechung hat: bin interessiert!

13. Fraglos

Eines der schönsten Gedichte ist fraglos »Schlüsselfrage«. Das liebevolle Porträt über ein Baby, den »kindskörper«, mündet – dank der doppelten Bedeutung des Verbs »aufziehen« – in die Verse: »wissen wirst du / schon dass du ihn aufziehen musst oder? der schlüssel steckt.«

An den Gedichten von Kathrin Schmidt wird man lange Freude haben. Denn wie jede gute Lyrik, wollen auch diese Texte immer wieder und wieder gelesen sein. Und am besten laut. / Kai Agthe, ND 3.9.

Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch. 84 S., geb., 16,95 €.

12. Gestorben

George Hitchcock, Dichter, Maler und emeritierter Professor der Universität California, starb im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Eugene, Oregon. Als Herausgeber der Literaturzeitschrift „kayak“ half er die amerikanische Lyrik von der Orthodoxie des Jahrhundertmitte zu befreien und bot Autoren wie Robert Bly, Raymond Carver und Philip Levine früh ein Forum. Er gründete die Zeitschrift 1964, um dem lauwarmen Eklektizismus, der seiner Meinung nach viele Zeitschriften jener Zeit behinderte, etwas entgegenzustellen. Mit schrulligen Illustrationen und einer Vorliebe für surrealistische Dichter fand die Zeitschrift schnell Beachtung als Bollwerk der literarischen Avantgarde… /  ELAINE WOO, Los Angeles Times

Nachruf: New York Times

11. Filmpoem

Perlentaucher verlinkt Forough Farokhzads Filmpoem über eine Leprakolonie, „The house is black“ (1962):

In L&Poe:

  • 2003 Nov # Frauen in der iranischen Lyrik
  • 2006 Aug #18. Weibliche Perspektive
  • 2006 Okt #125. Modernisten und Ghaselen-Meister in Iran

10. Unter dem Namen karawa.net

meldet sich eine neue Netzzeitschrift zu Wort. Nicht nur durch schicke Gestaltung besticht das Projekt, sondern auch durch eine spannende Mischung bekannter und unbekannter, deutscher und auswärtiger  Autoren. Zum Themenschwerpunkt  Hugo Ball finden sich Gedichte und Essays und Audioaufnahmen von:  Urs Allemann / Konstantin Ames / Tobias Amslinger / Hugo Ball / Charles Bernstein / Jaap Blonk / Christian Bök / Michael Braun / Alan Courtis / Ulrike Feibig / Eckhard Faul / Mara Genschel / Jorge Kanese / Norbert Lange / Léonce W. Lupette / Anat Pick / Johann Reißer / Marcus Roloff / Kurt Schwitters / Valeri Scherstjanoi / Manuel Stallbaumer / Mathias Traxler

Unter anderem dabei ein Video einer Interpretation des bruitistischen Krippenspiels von Hugo Ball auf der Weihnachtsfeier des deutschen Literaturinstituts

Die Zeitschrift wird herausgegeben vom Direktorium der Lyrikknappschaft Schöneberg  „… ausgehend von der Feststellung, dass qualitativ hochwertige Literatur heutzutage längst nicht mehr nur an Schöneberger Kneipentischen produziert wird, sondern dass brauchbare Texte inzwischen auch an anderen Orten (beinah) gefasst werden …“

Außerdem sagt sie über sich:

Es wird daher deutlich, dass aus den erwähnten Gründen das Ausmaß der oben genannten Konsequenzen für die Ästhetik absehbar, und daher nicht nur eindeutig, sondern, dass es einstimmig ausfällt – ein Faktum, das den Experten und spezialisierten Lasern zwingend ein leuchten wird, weshalb die sofortige Vernetzung als grundlegende Maßnahme. Vor allem hinsichtlich der konsequenten und allumfassenden Durchsetzung – unter besonderer Bezugnahme auf aber –, macht die Strukturierung in das exakte Gegen teil. Was dagegen die Öffentlich keit, hat sich herausgestellt, dass dies in den folgenden Jahn, wenn im Leuchtturm, das Rauch verbot.

karawa.net

9. Hikmet vorgetragen

Anknüpfend an orientalische Erzähltradition erneuerten Nâzım Hikmet und andere im 20. Jahrhundert die türkische Lyrik in Sprache und Inhalt und sind heute Klassiker der türkischen Dichtkunst. Von dieser lyrischen, musikalischen und rhythmischen Sprache ließ sich das Duo lézarde jazz zu neuen Kompositionen inspirieren. / Lauterbacher Anzeiger

8. Goethe-Medaille

Für seine zahlreichen Übertragungen deutschsprachiger Lyrik ins Arabische erhält der libanesische Lyriker, Philosoph und Übersetzer Fuad Rifka die Goethe-Medaille, den offiziellen Orden der Bundesrepublik Deutschland. Ein Interview von Rainer Traube bei qantara.de

7. Steigerung (Meine Anthologie)

Erich Fried

Steigerungsstufen für Aufsteiger

Arsch-
lecker

Arsch-
leckerer

Arsch-
leckerster

In: Erich Fried: So kam ich unter die Deutschen. Gedichte. Für Peter-Paul Zahl, Karl-Heinz Roth und alle Lebenden und Toten, die ihnen etwas bedeuten. Hamburg: Verlag Assoziation 1977, S. 59

[Irgendwie immer noch bei H.]

6. Schlimm

Andreas Noga

schlimm

wenn man schlafen will
ein bett sehen in das man sich
nicht legen darf

freie tage wollen
und nicht bekommen

einen wecker haben der nicht
im kühlschrank steht wie es manchmal
in gedichten vorkommt

nachts den sekunden beim kreislauf zuhören
und wissen daß es bald morgen ist

schlimmer: zur arbeit fahren
wenn zuhause die nacht länger
der tag friedlicher
und kein termin nötig ist

am schlimmsten:
im autoradio kein lied hören
das im kopf den morgenhimmel aufreißt
und bis zum abend klingt

**************************************************

Der Wecker steht in einem Gedicht von Gabriel Rosenstock (zu finden in dem Band „Ein Archivar großer Taten“, Edition Rugerup) im Kühlschrank

5. Meine Anthologie: Was schlimm ist

Gottfried Benn

Was schlimm ist

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

Gottfried Benn: Gedichte. In der Fassung der Erstdrucke. Fischer Taschebuch Verlag 1982, S. 440

Erstdruck in: Destillationen. Neue Gedichte. Wiesbaden 1953, S. 15

[Ich umkreise nicht das Sterben, sondern Hölderlin]

4. Leichlingerin und Lyrikautorin: Mara Genschel

Die gebürtige Leichlingerin und Lyrikautorin Mara Genschel hat ihrer Heimatstadt eine Lesung gewidmet. Gemeinsam mit Musiker Stevko Busch tritt sie am Sonntag im Leichlinger Bürgerhaus auf.

Im Kölner Stadt-Anzeiger ein Gespräch, das Frank Weiffen mit der Autorin führte:

Ich war in den vergangenen Monaten mehrmals in Leichlingen und habe mit dem Mikrofon typische Geräusche aufgenommen: den Verkehrslärm, die Geräusche und Klänge in Cafés, Restaurants oder Geschäften. Diese Klänge habe ich hinterher zusammengemixt und geschnitten und werde sie am Sonntag als Hörspielstücke und Klangkunst ins Programm einfließen lassen.