113. „Leider ja“

Kann ein Mann wie Gottfried Benn, der mit dem Faschismus sympathisierte, überhaupt ein guter Lyriker sein? Solveig Keller, Düsseldorf

Reich-Ranicki: Leider ja. Ich wiederhole: L e i d e r  ja.

/  Sonntagsfrage, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 3.7.

112. Bier-Ode

Der Oberstabsarzt saß gern im Pilsner Urquell: Eine ungedruckte „Bierode“ Gottfried Benns von 1935 zeigt den Dichter in Trinklaune, wenn auch nicht unbedingt in Höchstform. Für die Forschung ist das Dokument trotzdem von Interesse.

Von Alexander Košenina, FAZ 25.9. (mit Text + Faksimile)

– Der Artikel zeigt ein bißchen das Dilemma der deutschen Ästhetik, die vom Sockel nicht lassen will. Daß auch der stärkste Dichter schwächere Momente hat, geschenkt. Aber hierzulande verursachen „Ausrutscher“ unserer Großen regelmäßig Eiertänze. „Bier taugt einfach nicht für Oden“, dekretiert der Autor, als hätte sich mit Brecht (der ein Sonett mit dem Titel „Kuh beim Fressen“ schrieb) nicht einiges geändert und als hätte nicht vor 60 Jahren der chilenische Dichter Pablo Neruda seine „Elementaren Oden“ veröffentlicht, darin eine auf die Zwiebel, eine auf die Seeaalsuppe.  Komisch auch diese Passage:

Es fällt aber doch schwer, diese über siebenundvierzig Zeilen ausgebreitete schwülstige Rede für nichts als Ironie zu halten. Zumindest sprachlich und metaphorisch bebt hier etwas nach, das noch nicht vollständig bewältigt und verarbeitet ist. Der Abgesang des Gedichtes schließt an den harmlos launigen Eingang an und wiederholt einige Braumarken aus Hannover. Zum Schluss heißt es: „von Bier zu Bier / die große Linie der Menschwerdung / Hallelujah, Pröstchen!“ Texte wie dieser, mit einem im gesamten OEuvre Benns nicht wiederkehrenden Vokabular, waren zum Glück nicht für den Druck bestimmt.

[„Hoffentlich ist es Ironie! zum Glück nicht für den Druck bestimmt!“]

111. Buchmesse Göteborg mit Afrika-Schwerpunkt

Die Augen der Stockholmer Kulturszene richten sich in diesen Tagen auf Göteborg. Das kommt nicht oft vor, mindestens aber einmal im Jahr – immer dann, wenn sich in Göteborg die schwedische Verlagsbranche zur Buchmesse versammelt. Bei der diesjährigen Messe … steht das Thema Afrika im Mittelpunkt. Mehr als siebzig afrikanische Schriftsteller reisen zu dem Ereignis nach Westschweden, einer der Stargäste ist die südafrikanische Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer. Die Messe ist auch Anlass, um wieder ausführlich über den Fall Dawit Isaak zu sprechen. Der Autor wird seit neun Jahren in Eritrea wegen regimekritischer Äußerungen gefangen gehalten. Da Isaak auch die schwedische Staatsbürgerschaft besitzt, hat der Fall in Schweden große Aufmerksamkeit bekommen. Pünktlich zur Buchmesse erscheint nun der Sammelband ‚Hoffnung‘, mit Theaterstücken und Gedichten von Dawit Issak. / Süddeutsche 18.9. S.

110. Sitzungen und Eros

Einer der Literatur-Zyklen umfasst die 22 Tuschzeichnungen Willi Sittes aus dem Jahre 1950 zu Wladimir Majakowskis Gedicht „Die auf Sitzungen Versessenen“ (1920). Sie ermöglichen dem Betrachter Einblicke in Sittes experimentelle künstlerische Phase Ende der 40er Jahre, als er versuchte, seinen akademischen Malstil aufzubrechen. …

Der zwischen 1966 und 1968 entstandene, 14 Blätter umfassende Zyklus zu Ovids „ars amatoria“ dagegen wendet sich bereits zwei von Willi Sittes Hauptthemen zu, dem Akt und dem Liebespaar, und markiert zugleich die Anfänge seiner druckgrafischen Arbeiten – der Leipziger Drucker Horst Arloth führte hier die Abzüge aus.

Der Liebeskunst gilt auch der dritte Zyklus, sechs Zinkografien aus dem Jahre 1983 zu dem Gedicht „Hochzeitsscherz“ (nach Anleitung des Lateinischen aus dem Johannes Secundus) von Johann Christian Günther (1695-1723). / Ostthüringer Zeitung

109. Drangsal und Verstrickung

In dem Interview fasst Herta Müller die tragische Dimension von Pastiors Verstrickung und die möglichen Gründe für sein lebenslanges Schweigen in einen einzigen Satz: «Er war zu skrupulös, um zu sagen, seine Schuld sei mässig, und er hatte wenig Grund zu sagen, sie sei schwer.»

Die reichhaltig mit Ton- und Bilddokumenten illustrierte Ausstellung führt beklemmend vor Augen, unter welch drückender Drangsal Herta Müller und ihre Künstlerfreunde lebten. Vorgeführt wird die Enge in Müllers Geburtsort Nitzkydorf, wo die Banater Bauern von den Kommunisten enteignet worden waren. Ein von Herta Müller im Mai 1983 unterzeichnetes Gesuch zur Benützung einer Schreibmaschine veranschaulicht den Kontrollwahn der Behörden. Und die angeblichen Suizide von Roland Kirsch und Rolf Bossert vergegenwärtigen die Bedrohung im totalitären Staat. / Roman Bucheli, NZZ 22.9.

«Herta Müller. Der kalte Schmuck des Lebens». Ausstellung im Literaturhaus Berlin, bis 21. November. Begleitheft: € 5.–.

108. Übersetzungskritik

Es gibt neue Kommentare zu einer schon ein paar Wochen zurückliegenden Meldung:

2010 Aug #5. Übersetzungskritik

Hier alle Meldungen über Alfonsina Storni

107. Europäische Literaturtage

Am nächsten Wochenende ist es soweit und der Ort Spitz an der Donau verwandelt sich in ein Literaturdorf – zumindest vorübergehend. Denn dann werden dort die europäischen Literaturtage durchgeführt.

Internationale Autoren wie Mathias Enard, Edo Popovic, Aleš Šteger, Bethan Roberts, Matthias Politycki, Klaus Merz, Robert Menasse, Zsuzsanna Gahse, Ferdinand Schmatz u.v.m. treffen sich auf Einladung der AG Literaturlandschaft Wachau auf Schloss Spitz. / mediencircus

106. Weltmusikalischer Keim

Ein wenig Fado, ein bisschen spanische Lyrik, eine Prise Südamerika – Don Phillipe und Laura Lopez Castro leuchten auch auf ihrem dritten Album „Optativo“ die dunkle und traurige Seele der iberischen Welt aus. Tonspion präsentiert die kostenlose Remix EP zum Album mit sechs exklusiven Remixen. …

Vielsprachig und vielstimmig ist „Optativo“, Laura Lopez Castro wechselt vom Spanischen ins Hebräische und trägt so den weltmusikalischen Keim weiter, den Freundeskreis vor Jahren mit „Esperanto“ gelegt haben. / tonspion.de

105. Ruhm

In der Berliner Zeitung ein Gespräch mit Peter Wawerzinek über den plötzlichen Ru(hm)mmel.

104. Jeghische Tscharenz

Jeghische Tscharenz (1897-1937) gilt den Armeniern in aller Welt als einer der bedeutendsten Dichter ihres Volkes. Seine Gedichte erscheinen jetzt im Arco Verlag in einer zweisprachigen Ausgabe: in der Originalsprache Ostarmenisch sowie in deutscher Übersetzung.

Konrad Kuhn hat die Werke nachgedichtet und herausgegeben. Erstmals gibt es damit eine deutschsprachige Buchausgabe der Gedichte von Tscharenz. Am 7. November stellen Verleger Haacker und Herausgeber Kuhn den neuen Lyrik-Band bei einer Lesung im Literaturhaus Wuppertal vor. / Meike Nordmeyer, Westdeutsche Zeitung

Jeghische Tscharenz:
Mein Armenien. Gedichte.
Ostarmenisch/deutsch.
Nachgedichtet und hrsg. von Konrad Kuhn.
Deutsche Erstausgabe.
Paperback, 220 Seiten.
ISBN 978-3-938375-31-0
€ 22 / SFr  33

(Hier eine Leseprobe)

Rezension: Berliner Zeitung 9.9.

NB Beim Todesjahr 1937 ist immer Obacht angezeigt, und auch hier berechtigt. Jeghische Tscharenz wurde im Jahr 1937 unter ungeklärten Umständen, wie es manchmal heißt, Opfer des stalinistischen Terrors. Die deutschsprachige Wikipedia weiß: er „war ein armenischer Dichter, der im Zuge des Großen Terrors ums Leben kam. … Am 13. März 1937 wurde Tscharenz hingerichtet. 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, wurde er rehabilitiert.“ In einer anderen Quelle lese ich: „†29.11.1937“, in noch einer anderen: „starb 1937, verhaftet als Konterrevolutionär, möglicherweise vom Geheimdienst erschossen“.

103. Neuer Gedichtband von Hans Thill

Mit 55 Jahren legt er jetzt seinen erst vierten Lyrikband vor, den ersten seit sieben Jahren, als die „Kühlen Religionen“ erschienen und mit dem Peter-Huchel-Preis geehrt wurden. „Museum der Ungeduld“ nennt der Autor und Mitbegründer des Wunderhorn-Verlags die neue Sammlung. Die Ungeduld ist dabei die eigene wie diejenige einer rastlos gewordenen Gegenwart, und beide nimmt er sich vor, etwas näher zu betrachten, mit Geduld eben, gerade wie in einem Museum. …

Welt- und Kulturgeschichtliches hinterlässt seine Spuren ebenso wie Mythologisches und Märchenhaftes, daneben gibt es, mit kulturkritischem Nebensinn, eher Reales wie das „Brüllen“ der „Diesel aus Blech“. Solche Bilder können einen Sog entfalten, dem man sich nur schwer entzieht – was aber nötig ist, um die vielschichtigen und oft witzigen Bezüge nicht zu verpassen. Mehrmaliges Lesen kann das Dilemma lösen. Zum „Museum der Ungeduld“ werden die Verse dann buchstäblich.

Was ersieht man daraus? Jedenfalls gilt es, den An- und Widerspruch nie zu niedrig anzusetzen. „Lies/ die Wörter von den Mäulern der Hunde./ Pflanze einen geflügelten Wald“, heißt es am Schluss, gefolgt von einem mehrdeutigen „usw.“. Recht eindeutig aber klingt die Aufforderung am Beginn der Versfolge: „Lies“. Hinter diesem Anspruch sollte keiner zurückbleiben. / Thomas Groß, Mannheimer Morgen 24.9.

102. Rückgrat raus!

In der Obernburger Kochsmühle hängen Blätter von A. Paul Weber, dem deutschen Honoré Daumier des 20. Jahrhunderts. Im Main-Netz u.a. die Beschreibung zweier Grafiken:

Das Gerücht: Das Gerücht wurde von Arno Schmidt als »die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci« bezeichnet. …
Rückgrat raus! Nach diesem Blatt entstand ein Gedicht von Hermann Mostar, das Weber 1961 mit dem Bild im »Kritischen Kalender« veröffentlichte: »… Ein schneller Schnitt, dein Rückgrat fehlt,/ und was dich eben noch gequält,/ Ist jetzt direkt vergnüglich,/ Im Wehrdienst robbt sich’s wie geschmiert,/ Im Amt kriecht sich’s vorzüglich./ Und willst du wo geborgen sein,/ Du kriechst ganz mühelos hinein,/ Hat’s doch der Arzt gestanden:/ Ein Rückgrat, das vermißt man kaum -/ Es war nie viel vorhanden …«

101. Christlich-islamisch

Sie lebt in Deutschland, die Verbindung zu ihrer Heimat Bosnien lässt Safeta Obhodjas jedoch nicht abreißen. „Offiziell existiere ich dort nicht,“ sagt sie, ihre Bücher werden jedoch unter der Hand gehandelt und mit Begeisterung gelesen.

Sie arrangiert sich mit diesen Gegebenheiten, so gut es geht, packt multikulturelle Projekte an, um die Verbindungen zwischen Bosnien, Österreich und Deutschland aufzuzeigen. „Begegnung Christen und Muslime“ nennt sie dieses Projekt. Das erste Ergebnis, „Legenden und Staub“, ist 2001 im LIT Verlag Münster erschienen: eine Abendland-Morgenland-Arabeske, entstanden in der Spannung zwischen Prosa und Lyrik, Mann und Frau, Arabischem und christlichen Denken. Ihr Co-Autor Sargon Boulus, einer der renommiertesten Lyriker des Irak, lebt seit 1967 im Exil.

Und Deutschland? „Ich habe in Deutschland eine neue Heimat gefunden, da ich nicht mehr nach Hause kann“, sagt sie. „Ich habe mir die deutsche Sprache zu Eigen gemacht: Ich schreibe deutsch, vergesse aber die Sprache meiner Mütter nicht. Und ich muss zugeben, dass ich es genieße, alle Bücher lesen zu können, die mir in der alten Heimat nicht zugänglich waren, weil sie nicht ins Bosnische übersetzt wurden. Und weil mittlerweile überhaupt keine Übersetzungen mehr gemacht werden. Für wen denn?“ / ORF

Safeta Obhodjas, „Scheherazade im Winterland“, Melina Verlag, ISBN 3929255413

Safeta Obhodjas, „Legenden und Staub : Auf den christlich-islamischen Pfaden des Herzens“, LIT Verlag, ISBN 382585583X

100. Meridian Czernowitz

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

Doch im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen – Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch – und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt. …

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte – nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. Immer wieder ist sie aus Czernowitz geflohen, immer wieder zurückgekehrt: „Eine goldene Kette“, heißt es im Gedicht „Heimatstadt“, „fesselt mich / an meine urliebe Stadt / wo die Sonne aufgeht / wo sie untergegangen ist / für mich“.

Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte ebenso in der habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie mehrere poetische Ikonen der heutigen Ukraine: Olga Kobylanska oder Dmytro Zahul, der in Stalins GULag umkam. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Josef Burg, letzter jiddischer Dichter aus dem Schtetl, ist vorigen August in Czernowitz mit fast siebenundneunzig Jahren gestorben. …

Und auch die Studenten im Festsaal applaudieren überrascht, wenn der Schweizer Schriftsteller Andreas Saurer sie bei der Rezitation seiner aphoristischen Gedichte in fließendem Rumänisch, wenn der deutsche Poet Hendrik Jackson sie in perfektem Russisch anspricht. Man interessiert sich also doch für diesen vergessenen Teil Europas. Durchaus hermetische Lyriker wie Elke Erb oder Brigitte Oleschinski kehren bei der Reise nach Czernowitz zu den Wurzeln des Genres, zu Paul Celans verdichteten und verrätselten Innenbildern zurück.

Wenn Gerhard Falkner sein schönes Poem vom Stadtplan als Gedicht und von den Straßen als Zeilen und den Häusern als Wörtern vorträgt, dann fühlt man sich zu Fuß unterwegs im untergegangenen Czernowitz, das für die Fremden aus magischer Poesie besteht.

/ Dirk Schümer, FAZ.net 22.9.

Zum Thema im FAZ-Archiv:

Über Josef Burg: Uwe von Seltmann: In Memoriam Josef Burg

L&Poe 2009 Aug #041. Josef Burg gestorben

99. sub & main

Aus einer angeregten Leserdiskussion zu Axel Kutschs Anthologie Versnetze_drei bei fixpoetry.com:

was ich beim ersten an-lesen von versnetze_drei erstaunlich fand: das, was ich bislang hier in berlin als – sagen wir – lyrische subkultur wahrgenommen habe, fällt in der masse des mainstreams (naturlyrik, dekonstruktivistische poesie etc.) als solche so gut wie gar nicht mehr auf. haben die untergrund-dichter nur verträgliche gedichte eingesandt, um überhaupt veröffentlicht zu werden? wählte der herausgeber unter den vermeintlich radikalen texten die sanftesten aus? ich weiß es nicht… (Clemens Schittko)