103. Reif für Lyrik

Die Münsteraner sind reif für Erotik, lese ich in der Zeitung. Gut, daß die das jetzt auch geschafft haben. Sonst gibt es dort auch Kultur, hohe und niedere bzw. alte und hippe (Foto und Programm anbei):

Die selbsternannten „sechs schönsten Dichter der Welt“ kommen am 1. April nach Münster, um die Damen mit erlesener Lyrik zu betören. [Es sind] F.W. Bernstein, Thomas Gsella und Reinhard Umbach … Georg Raabe, Klaus Pawlowski und Christian Maintz. …

[Das gehört zu „Poetry“, einer] Art langer Vorspann vor dem traditionsreichen münsterschen Lyrikertreffen im April. Während dort die Dichter Hochkultur mit schwindelerregendem Anspruch pflegen, will Münsters Kulturamtsleiterin Frauke Schnell mit „Poetry“ beweisen, dass Gedichte auch jung, cool und hip sein können. / Münstersche Zeitung

In einer Ausstellung sind auch Ben Lerner und „große und kontroverse Namen wie Oskar Pastior“ dabei

102. Auszeichnung für Friedrich Achleitner

Die Wiener Ärztekammer vergibt den diesjährigen Paul Watzlawick-Ehrenring an den Architekturtheoretiker und Schriftsteller Friedrich Achleitner. Eine Fachjury hat Achleitner dazu einstimmig nominiert, teilte die Ärztekammer am Montag in einer Aussendung mit. Die Auszeichnung wird dem 80-Jährigen am 14. März in Wien überreicht. / Die Presse

101. Fictional poets

In der Guardian-Reihe „ten of the best“ diesmal 10 der besten erfundenen Dichter, von Jeffrey Aspern über Yuri Zhivago bis John Shade.

100. Einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn

Zum Semesterstart des Frühjahr- und Sommerprogramms der Volkshochschule (VHS) Germering erwartet alle Kunstinteressierten von 26. Februar bis 6. März die Ausstellung mit dem Titel „Einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn“, ein Zitat aus dem Gedicht von Pavel Friedmann, einem jüdischen tschechoslowakischen Dichter, der in Auschwitz ermordet wurde. / Wochenanzeiger München

99. Allen Ginsberg Reading Howl

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98. American Life in Poetry: Column 309

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

I love poems that celebrate families, and here’s a fine one by Joyce Sutphen of Minnesota, a poet who has written dozens of poems I’d like to publish in this column if there only were weeks enough for all of them.

 

The Aunts

 

I like it when they get together
and talk in voices that sound
like apple trees and grape vines,

and some of them wear hats
and go to Arizona in the winter,
and they all like to play cards.

They will always be the ones
who say “It is time to go now,”
even as we linger at the door,

or stand by the waiting cars, they
remember someone—an uncle we
never knew—and sigh, all

of them together, like wind
in the oak trees behind the farm
where they grew up—a place

I remember—especially
the hen house and the soft
clucking that filled the sunlit yard.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Joyce Sutphen from her most recent book of poetry, First Words, Red Dragonfly Press, 2010. Poem reprinted by permission of Joyce Sutphen and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

97. Schreibender Kumpel

1984 schickte ich einen Brief an die Junge Welt. Dort gab es die Poetensprechstunde. Ich stellte mich mit einigen Arbeiten vor. Sie müssen wohl Interesse geweckt haben. Über die Poetensprechstunde kam ich zum Zirkel Schreibender Arbeiter der Wismut. Ich lernte dort den DDR-Schriftsteller Martin Viertel kennen. Er war in seiner Jugend Bergmann wie ich, bei der Wismut. Wir verstanden uns. Er hat mich beraten, begleitet. Viele dieser Gespräche sind mir bis heute wertvoll.

Dabei war mir ja klar: Ich passte genau in das ideologische Raster. Greif zur Feder, Kumpel, hatte es schon in den 60er Jahren geheißen. Noch immer war man als schreibender, gar dichtender Bergmann einer, den man gerne vorzeigte. Die Parteiführung suchte händeringend Leute, die die Arbeit in der Literatur verewigten, mit allem Schweiß und allen Schwielen.

Ich hatte dabei durchaus genügend Selbstvertrauen in mein Talent und habe mich 1985 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig um ein Studium beworben. Und wurde prompt abgelehnt. Trotzdem ich ein schreibender Bergmann war.

Weil dort in Leipzig nur alle drei Jahre 30 Studenten immatrikuliert wurden, hatte ich erst 1988 meine nächste Chance. Da war ich schon 33. Diesmal wurde ich angenommen. Die Wismut verabschiedete sich von mir mit einem Vorvertrag. Nach dem Studium sollte ich die Leitung des Arbeitertheaters und des Zirkels Schreibender Arbeiter übernehmen. / Jürgen Frühauf, Thüringer Allgemeine

96. Schwule Lyrik

Was kann man mit Lyrik machen? Abitur zum Beispiel. So in BaWü:

Aufgabe IV: Liebeslyrik

Zu vergleichen war ein Sonett von Rainer Maria Rilke mit einem Gedicht von Volker Braun, thematische Gemeinsamkeit die notwendige Veränderung des Individuums durch die Liebe bis zu Selbstverlust und Hingabe.

Sprachlich gesehen waren diese Gedichte recht einfach zu deuten, da nicht so metaphernüberfrachtet wie z.B. das von Dagmar Nick im Abitur 2009. Dennoch bilden die Rilkeschen Enjambements und religiösen Anspielungen sicherlich einige Stolpersteine.

Volker Brauns Sprache wirkt alltäglich, ist dennoch mit Bedacht konstruiert. Stolperstein ist hier für mich die Frage nach dem Geschlecht des lyrischen Ichs. Alle mir bekannten Interpretationen haben es bei Volker Braun ebenfalls, wie im Rilke-Gedicht, weiblich gesehen. In meinen Augen ist jedoch trotz „er küsst mich, ich küsst ihn“ nicht festgelegt, dass das lyrische Ich weiblich sein muss. Einige Textstellen lassen das Gedicht auch als ,outing‘ („Reden uns aus uns heraus“) eines männlichen lyrischen Ichs klingen, was endlich mit sich und seiner sexuellen Orientierung im Einklang sein kann: „Meinen ganzen Leib / Nehm ich nun ein“ – „Ich geb mich ihm hin / Und gehör doch mir.“

Aber solche offene Denkweise war von den SchülerInnen, zumal in einem Abituraufsatz, sicherlich nicht zu verlangen.

/ Lehrerfreund.de

Aber schön, daß da die Lehrer so offen sind. Obwohl ich immer sage: dieser Inhalt existiert nur, weil es diesen Deutschunterricht gibt. Ist für den Rest der (Lyrik-)Welt aber sooowas von Null. (Sollte man mal Braun sagen, daß seine Liebesgedichte schwul sind. Der weiß das bestimmt noch nicht.)

 

95. Fußnote

Ihr irrt, ihr Irren! (Enzensbergersches Spiel mit einem Gryphius-Gedicht in: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen)

Neulich hab ich mir an anderer Stelle das Zitat, so verlockend es war, verkniffen. Jetzt steht es da. Anlaß eine historische Fußnote aus

Stenographischer Bericht des Processes gegen den Dichter Ferdinand Freiligrath

 

Dort findet sich eine schöne Berichtigung oder Irrtumsanzeige in einer Originalfußnote:

*) Das Brockhaus’sche Conv.-Lex. irrt abermals, wenn es berichtet, Freiligrath habe in Soest „mit Grabbe freundschaftlich verkehrt“, da wir genau wissen, daß Grabbe nie in Soest geweilt und Freiligrath nur als einen Knaben gekannt hat, da er bedeutend älter war.

Hier der Brockhaus von 1865 (Band 6) mit der Freiligrath-Ente

94. Aroma

Denn die angekündigten Roman-Erkundungen, die Grünbein als Stipendiat der Villa Massimo unternommen hat und die im Lyrik und Prosa kombinierenden Band „Aroma“ ihren Niederschlag fanden – ein sinnlich-eindrückliches ebenso wie aufforderndes Lob und zugleich Huldigung versprechender Titel („a Roma“ heißt eben auch in, nach oder auf Rom) – erweisen sich im Vortrag des Autors als faszinierend-eindrücklich, so klangvoll wie tiefsinnig. / Mannheimer Morgen 21.2.

93. „Bekämpfen Sie weniger die armen Besucher von Schreibschulen“

Franz Schuh war Juryvorsitzender beim Literaturwettbewerb Wartholz. Die Presse sprach am 12.2. mit ihm u.a. über Schreibschulen:

Ein gutes Drittel der Kandidaten beim Wartholz-Bewerb hat am Literaturinstitut Leipzig studiert. Verbessert das die Literatur, wenn die Bewerber aus „Schreibschulen“ kommen?

Die Frage ist eher, ob solche Schreibschulen die Literatur verschlechtern. Sie sind das Resultat der Akademisierung geistiger Leistungen. Wenn man sich bedenkt, wie unendlich lange es gedauert hat, bis die Medizin universitär untergebracht war! Diesen Weg geht nun auch „die Kunst“, weil auch hier die wilden Jahre vorbei sein sollen. (…)

Sind Schreibschulen nicht auch eine Form der Vereinheitlichung der Literatur?

Vereinheitlichen kann der Markt auch ohne Schulen. Für einen Kafka war die Tatsache, dass er die Gesellschaft als Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherung kennengelernt hat, mindestens ebenso entscheidend wie seine unverfügbare, unglaubliche Sprachbegabung. Nur: Einen Kafka werden wir nicht mehr kriegen! Die Kreativität ist selbst kreativ: Sie ist zu jeder Zeit anders. Denken Sie daran, wie viele kreative Prozesse durch das gewöhnliche Leben zerstört werden. Weil es eine unendliche Anzahl von Menschen gibt, die solche Begabungen haben, aber nicht mit ihnen arbeiten können: Die Umstände verhindern es. Beseitigen Sie diese Umstände, und bekämpfen Sie weniger die armen Besucher von Schreibschulen.

 

 

92. Literaturpreis Wartholz

Im österreichischen Schloß Wartholz in Reichenau an der Rax gibt es ein öffentliches Wettlesen, das von einem in Gartenbaubetrieb initiiert wurde. Er fand dieses Jahr zum vierten mal statt. Anders als in Klagenfurt ist es ein „gemischter“ Wettbewerb – vergangenes Jahr gewann ein Lyriker. Aber das Wunder wiederholte sich nicht:

Der Hauptpreis (10.000 Euro) ging schließlich, wie der Publikumspreis (2000 Euro), an die 1982 in Mannheim geborene Schriftstellerin Regina Dürig, die in Biel (Schweiz) lebt, wo sie am Literaturinstitut studierte. Auch wenn die Lyriker (u. a. Semier Insayif) unter Wert geschlagen wurden und die beachtlichen Texte von Jürgen Lagger und vor allem Norbert Müller leer ausgingen, überrascht die Juryentscheidung nur auf den ersten Blick. / Der Standard

Über die Preisträgerin schreibt „Die Presse“:

Doch der Wunsch, dem literarischen Schreiben größeren Raum zu geben, ließ sie sich in Leipzig und Biel an den jeweiligen Literaturinstituten bewerben. In Biel hat es geklappt. … „Ich habe dort gelernt, Texte so zu schreiben, dass sie in dem entstehen, der sie wahrnimmt.“ Vor allem lerne man also Klarheit und Präzision. Und was sind ihre literarischen Vorbilder? Klassiker möchte sie da nicht nennen. Da komme man so schnell in irgendwelche Schienen hinein. Beim nun ausgezeichneten Text wurde sie jedenfalls von einem Langgedicht von Inger Christensen mit dem Titel „Alphabet“ inspiriert. / Die Presse

Die bisherigen Preisträger:

  • 2008: Andrea Winkler
  • 2009: Michael Stavarič
  • 2010: Christian Steinbacher
  • 2011: Regina Dürig


91. Lerner, Liebmann, Lazic

Sammelrezension von Dorothea von Törne, Die Welt 19.2.

Mit der Sammlung von 52 Sonetten wurde der 1979 in Topeka, Kansas geborene Ben Lerner auf einen Schlag berühmt. Wie bei sogenannten „Lichtenberg-Figuren“, die auf vom Blitz getroffenen Körpern für kurze Zeit als baum- und farnartige Muster sichtbar werden, ordnet sich hier ein Kosmos aus dem Zusammenprall von Gegensätzlichem. Aktuelle Diskurse und alltägliche Wahrnehmungen, literarische Zitate und Dialogfetzen verschmelzen zu einer Collage im Gewand des entgrenzenden Sonetts. / Mehr

Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. A. d. Engl. v. Steffen Popp. Luxbooks, Wiesbaden. 120 S., 18,50 Euro.

Selten fangen Verse die aktuelle gesellschaftliche Atmosphäre so genau und pointiert ein wie diese Prosagedichte. Wörtliche Alltagsrede macht die Verse authentisch. Obwohl sie mittels Selbstironie, Fantasie, Über- und Untertreibung haarscharf am bloßen Abbild der Realität vorbeischlittern, verdichten sie alltägliche Lebensmomente. Von neu aufkommendem Judenhass und Aggressionen gegen Randgruppen weiß das Gedicht „Es saßen drei Leute mit mir am Tisch“. „Fangse nicht von Schuld an“ ist ein typischer Gedichttitel, der Neugier weckt und den Leser mit Einblicken in existenzielle Situationen überrascht und nachdenklich stimmt. / Mehr

Irina Liebmann: Die schönste Wohnung hab ich schon. Transit, Berlin. 72 S., 12,80 Euro.

Solche rasierklingenscharf feministischen Verse hatten wir aus dem patriarchalischen Serbien nicht erwartet. Obwohl die international bekannten Übersetzungen von Charles Simic schon ahnen ließen: Hier geht es um die Dinge selbst und um die ungeniert aus dem Ei gepellten alltäglichen Dämonen. Eine Auswahl aus den Gedichten der 1949 geborenen Grande Dame der serbischen Frauenpower erscheint anlässlich der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal auf Deutsch. / Mehr

Radmila Lazic: Das Herz zwischen den Zähnen. A. d. Serb. v. Mirjana u. Klaus Wittmann. Leipziger Literaturverlag. 150 S., 19,95 Euro.

90. Der Freiligrath-Prozess

Der Dichter Ferdinand Freiligrath durchlebte 1848 einen Prozess um freie Meinungsäußerung und dichterische Freiheit, wie man sich ihn in vielen Ländern der Welt auch heute gut vorstellen kann, wenn beispielsweise von festgenommenen Bloggern berichtet wird. War sein Gedicht „Die Todten an die Lebenden“ ein Aufruf zur Gewaltanwendung? Im folgenden Teil unserer kleinen Freiligrath-Reihe mit den damals veröffentlichen Verhandlungsmitschriften werden wir in den „Fall“ eingeführt und lesen, was die Zeugen dazu sagten.

Es war in den ersten Tagen des Augustes, als mit einem Male überall in unserer Stadt ein Gedicht von Ferdinand Freiligrath: „Die Todten an die Lebenden“*) — genannt, gekauft, gelesen und besprochen wurde. Es machte dasselbe solches Aufsehen und nahm so sehr die öffentliche Meinung in Anspruch, daß wir das Erscheinen des Gedichtes wohl „ein politisches Ereignis“ nennen dürfen. Vielen war das Gedicht eine unwillkommene Gabe, viele dagegen begrüßten es; alle aber sprachen die gleiche Besorgnis aus, der Dichter könne leicht dadurch auf einige Zeit in Untersuchungshaft gebracht werden.

/ Dirk Jürgensen, einseitig.info

*) Zuverlässiger ist der Text bei Wikisource, vgl. Kommentare

89. Die Palimpseste der Judith Zander

Die Palimpseste der Judith Zander vereinen schlagkräftige Satire und subtile Ironie. Auf der Folie von Hölderlins Pathos, Robert Burns‘ Liebes-Säuselei oder der harschen Melancholie der Sarah Kirsch wird die eigene Stimme souverän behauptet. So locker, leicht und frisch werden Traditionen selten entstaubt. Mit Goethes Prometheus spielt sie „in strauchengen himmeln“. Mit Sylvia Plath verwandelt sie sich in fließenden Tau, was in plötzlichen Wendungen wie „seele zu blutsuppe“ durchaus böse enden kann. Die Gedichte der 1980 in Anklam geborenen Autorin waren bisher nur in Zeitschriften und Anthologien zu lesen. Dort verblüfften sie mit präzise beschriebenen Augenblicken und fantasievollem Gebrauch mündlicher Rede. Hier nun bricht sich eine geniale Verknüpfungsgabe Bahn. Von den Erinnerungen an Kindheit und frühe Jugend über die Liebes- und Körpertexte bis zu den Raum-Gedichten und unorthodoxen Wind- und Wetterversen entwickelt sie ihren eigenen Stil. / Dorothea von Törne, Die Welt