19. Itzig

Witzige Kölner

Ein kleiner Beitrag von Axel Kutsch zu den närrischen Tagen:

Im Dritten Reich
verspotteten
Kölner Karnevalisten
den „Itzig“.

Kölner Karnevalisten
waren schon
immer witzig.

(Itzig – abwertende Bezeichnung für Jude. Während der Gewaltherrschaft der Nazis wurden Juden in Kölner Rosenmontagszügen verspottet, was noch Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkriegs links und rechts vom Dom ein Tabuthema war.)

18. Pro Pound, contra Rum-pum-pum

Charles Olson war traurig und wütend über Pounds Vorurteile, aber das hinderte ihn nicht daran, ihn regelmäßig in der Nervenklinik zu besuchen, in die man ihn gesteckt hatte. „Olson rettete mein Leben“, sagte er später.

Denn Tatsache ist, Pound ist wichtig und wo er gut ist, sehr gut. Mehr oder weniger allein erfand er die Lyrik des 20. Jahrhunderts, den Modernismus, will sagen die Sorte Literatur, die ehrgeizig ist, intellektuell und musikalisch aufwühlend und oft verstörend. Das Gegenteil, kurz gesagt, der rum-pum-pum-Schule Betjemanesquer Holperverse [rumty-tumty-tum school of Betjemanesque doggerel], die man hier liebt.

Natürlich machte Pound poetische Fehler (obwohl nicht so gravierend wie seine politischen Fehler); er hoffte, daß die Cantos „die Welt zusammenhalten“ würden, und in meiner Jugend glaubte ich tatsächlich, daß sein Werk im Kern die gesamte Weltgeschichte und -literatur umfaßt, was nicht zutrifft; und ich vermute, sehr wenige Leute außerhalb der akademischen Welt haben sie je komplett gelesen.

Aber sie enthalten viele Zeilen von großer Schönheit, und die 130seitige Auswahl in diesem schönen Band gibt eine gute Vorstellung davon (obwohl ich die eine oder andere umstrittene Zeile vermisse). Sie haben auch Anmerkungen, so daß die Anspielungen und Zitate aus fremden Sprachen, die die Leser seinerzeit irritierten und auch den heutigen Leser verblüffen, kein Hindernis mehr darstellen. (Pound sagte, das sei ohnehin nicht wichtig und man könnte das überschlagen, bis man wieder auf ein Stück stoße, das man verstehen kann). / Nicholas Lezard, Guardian 29.1.

Selected Poems and Translations of Ezra Pound 1908-1969
by Richard Sieburth

Hier ein Brief von Ernest Hemingway an Archibald MacLeish mit dem Tenor: „Pound ist offensichtlich verrückt“.

17. Lider Togbuch aufgeführt

Gilead Mishory, 1960 in Jerusalem geboren, Musikprofessor in Freiburg, spielte im Lyrik Kabinett München „vor wenigen Connaisseurs“ seine Vertonung von 13 Gedichten des großen jiddischen Dichters Abraham Sutzkever, berichtet die Süddeutsche:

Für Mishory war Jiddisch in jungen Jahren die (Fremd-)Sprache des Großvaters, mit der der Klavierstipendiat, Ironie des Schicksals, erst 1984 in München näher in Berührung kam. Sutzkevers Sprache – ‚ein immenses Glühen, das übersprang‘ (Mishory) -, bildhaft, heimelig, weh, aber auch voller Humor, hat ihn zu dieser seiner ersten Komposition motiviert, der noch weitere Literaturvertonungen, zum Beispiel von Werken Else Lasker-Schülers und Marc Chagalls, folgten.

Das ‚Lider Togbuch‘ wurde anlässlich des Israel-Schwerpunkts der Münchner Frühjahrsbuchwoche uraufgeführt und damals nicht weiter zur Kenntnis genommen. Ein Fehler. Der Lieder-Zyklus beginnt mit klirrenden Akkorden – ein Sonnenaufgang wie splitterndes Glas. Dieses schmerzende Vorspiel verweist auf die nur angedeutete Düsternis unter dem Sonnenglast und erfasst damit das vieldeutig Schillernde. Mishori selbst singt die Gedichte. Bei den ersten könnte man meinen, er habe Schönbergs Sprechgesang fortgeschrieben. Stimmt. Aber seine Komposition kennt viele Farben und Schichten. Bei der ‚Abgehackten Hand‘, einer gruseligen Ballade, schwingt er scharfe Konsonanten statt einer Axt. /  Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung

16. Pessoa vorgestellt

Am Dienstag, 15. März, stellt Johann Westra im Bad Rothenfelder Literaturforum bei Bücher Beckwermert um 19.30 Uhr ein literarisches Porträt des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa vor. …

Sein literarischer Nachlass umfasste 27543 Manuskripte in zwei Truhen. / Neue Osnabrücker Zeitung

15. „Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch“

Einen Artikel für eine große deutsche Tageszeitung habe er schreiben sollen. Doch Frieder Schuller lehnte ab. Stattdessen setzte er sich an seinen Schreibtisch und verfasste ein Theaterstück.

„Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch. Ein rumänischer Volkstanz mit wechselnden Paaren“ ist Schullers Beitrag zur Diskussion um die Securitate-Mitarbeit des Lyrikers Oskar Pastior. / Siebenbürgische Zeitung

14. In eigener Sache

Bist du sicher, dass du das tun möchtest?

Das fragt mich WordPress, wenn ein Leser erstmals einen Kommentar schreibt. Wenn ich ihn freigebe, sind alle weiteren Kommentare desselben Autors dann frei.

Nein, ich bin nicht sicher. Anonyme Schmähungen sind eine Plage des Internets, der man kaum Herr werden kann. Wenn aber jemand eine Person auf persönliche Weise attackiert und sich obendrein den nom de guerre „Resident evil“ gibt, muß ich passen. Auf solche Meinung kann und will ich verzichten, sela.

Um dieser Nachricht etwas Gehalt zu geben, füge ich die aktuellen Top-Klick-Zahlen ein:

Heute

131. Europa als Gedanke, Gewissheit und Realität 73
113. Literarischer März mit 12 Autoren 69
6. Ana Blandiana in Berlin 24
2. Zurückgetreten 20
10. Und was ist politische Lyrik? 14
4. Kochbuchautorin und Lyrikerin 14
5. Mutiger Protestbrief 1984 13
11. Heute in der „Lyrikmail“ 10

 

(Zum Vergleich: Startseite 864)

Gesamt:

 

100. Thien Tran (31) gestorben 1,115
76. Zeit lobt Lyrik 964
57. Weiszklee schreibt über open mike 728
137. Lyrikstationen 2009 (12) 697
113. Literarischer März mit 12 Autoren 654
25. Mitmachen! 543

(Startseite 282.355)

 

13. Tanz mit dem Tod

Es gibt wenige Texte der deutschen Gegenwartslyrik, deren Tanz mit dem Tod beharrlicher und zugleich zärtlicher wäre als die Gedichte von Ingeborg Kaiser. / NZZ 17.2.

Ingeborg Kaiser: gegen abend oder später. Lyrik und Prosa. OSL-Verlag, Riehen 2010. 100 S., Fr. 30.–.

12. Rilkes Stilblüten

Aus Elke Erbs „Poetics  4“, Poetenladen

nach 4 Rilkezitaten, deren viertes lautet:

Drittes Buch: Buch der Armut und vom Tode (1903)

Und willst du jetzt von mir: so rede recht –, / So bin ich nicht mehr Herr in meinem Munde, / der nichts als zugehn will wie eine Wunde; / und meine Hände halten sich wie Hunde / an meinen Seiten, jedem Ruf zu schlecht. (Mehr)

Immerhin paßt Herr zu Hunde. Ach!

Krasse Beispiele, denke ich, und das Verfehlte ist ja offensichtlich. Läßt es sich thematisieren?

Beim allmorgendlichen Lesen der 300 Seiten Gedichte aus seinem ersten Jahrzehnt hatte ich neben dem Erstaunen über dergleichen immer wieder das Gefühl, als stünde ich an einem flach dahinfließenden Gewässer, flach wie Gebirgsgewässer, dabei aber doch breit.

Das Erstaunen fragte: warum diese Stilblüten, merkt er es nicht?

11. Heute in der „Lyrikmail“

ein Gedicht von Horst Samson:

LYRIKMAIL #2377 SAMSON

SCHWEDENECK

Saukalter Wind zerbrach
Bäume. Kein Stern

Leuchtete, alle Sicherungen
Waren durchgebrannt.

Gott fluchte über dem Meer und schrie
Nach einem Elektriker,

Aber ich hatte zu lieben.
An der warmen Brust lag mir

Eine Sirene. Herrlich roch sie
Nach Fisch und nach Algen

Horst Samson (*1954)

Und wenn du willst, vergiss

www.horst-samson.de

www.lyrikmail.de/

Samson in L&Poe

„Das ist schön“, sagt meine Frau. Recht hat sie. Es muß in meine Anthologie.

10. New Poetry

In der März-Ausgabe von Poetry Gedichte des indischen Mystikers und Dichters Kabir (1440-1518) sowie von Sarah Lindsay („Shanidar, Now Iraq“), Carolyn Forché, Daisy Fried, Paul Hoover, Clive James und neue Benn-Übersetzungen von Michael Hofmann:

Can Be No Sorrow
Little Aster
Beautiful Youth
Threat
Tracing
A Shadow on the Wall
Think of the Unsatisfied Ones
Hymn
People Met
Last Spring

9. Begrabene Gedichte

Über die amerikanische Künstlerin Nancy Holt, die derzeit in Karlsruhe ausgestellt ist, schreibt die Frankfurter Rundschau:

„Buried Poems“ ist Nancy Holts exzentrische Hommage an Freunde und Freundinnen. Sie brachte eigene Gedichte unter die Erde. Die Auserwählten bekamen ein Booklet mit Richtungsangaben, dazu Fotos und Karten, angefangen von der Weltkarte bis zur Region, sowie der Ortsannäherung dienendes geologisches und botanisches Material. Wegen der auf eine lange Zeitspanne, bis auf eine knappe Lebenszeit angelegten Suchaktionen waren die Gedichte in Vakuumbehältern verschlossen.

8. Suze Rotolo gestorben

Die ehemalige Partnerin und Muse von Bob Dylan, Suze Rotolo, ist tot. Sie starb im Alter von 67 Jahren in Manhattan an Lungenkrebs, wie die „New York Times“ berichtet. / Badische Zeitung

 

7. Forderungskatalog

Horst Samson schreibt zur Meldung #5:

Der Protest und die bei diesem Anlass von mir vorgetragenen sehr weitreichenden Forderungen hatten gravierende Folgen: Bedrohung mit langen Gefängnissstrafen durch den damaligen Chef der Temeswarer Securitate, Cristescu, persönlich; Veröffentlichungsverbote für einige der Beteiligten, auch für mich; in meinem Fall dann im März 1986 Morddrohung … und nach etlichen weiteren Schikanen die Emigration in die Bundesrepublik Deutschland. Richard Wagner und Herta Müller verließen am 5. März 1987 (?) das Land, ich am 6. März 1987. Es folgten im Frühjahr William Totok und im Sommer Johann Lippet, und einige Zeit später noch Helmuth Frauendorfer. Balthasar Waitz konnte in Temeswar bleiben, wo er bis heute schreibt und arbeitet. Es war ein schwerer Aderlass für die „rumdeutsche Literatur“, wie ich die rumäniendeutsche Literatur damals bezeichnete. Ich sollte mich mit dem „Rumdeutschen“ täuschen, auch heute wird im Banat und in Siebenbürgen deutsch gedichtet und geschrieben, werden Lesungen abgehalten und Bücher veröffentlicht. Für alle, die sich dafür interessieren und wissen möchten, wie weit meine damaligen Forderungen an die Partei- und Staatsführung, letztlich an den Diktator, reichten, sei hier der gesamte Forderungskatalog wiedergegeben, wie ich ihn zwei Tage vor der direkten Auseinandersetzung im Oktober 1984 formuliert habe.

MEIN FORDERUNGSKATALOG

für den 12. Oktober 1984, 8 Uhr – Vorladung zu Eugen Florescu, ehemaliger stellvertretender Leiter der Propaganda-Abteilung des ZK der RKP, der als Sekretär für Propagandafragen des Kreisparteikomitees Temesch der RKP Ceausescus Kulturpolitik in Temeswar durchsetzen sollte, und Oberst Ion Cristescu, stellvertretender Leiter des Temeswarer Sicherheitsdienstes, sowie Ion Iancu, Funktionär der Propagandaabteilung des Kreisparteikomitees:

KOMPLEX SICHERHEITSPOLIZEI

– Hausdurchsuchungen; Verhaftungen, Verhöre, Bücherbeschlagnahmungen
– man sammelt ständig Aussagen gegen uns, um einen nichtexistierenden Komplott nachzuweisen
– Beschimpfungen (durch Securitateleute: „jicodii“ (Köter), „birlog“ (AMG – Höhle)
– Vorwurf: wir würden jungen Autoren staatsfeindlich erziehen
– nur die Staatsfeinde kriegen AMG-Literaturpreise wirft man uns vor. Da alle 100 Mitglieder abstimmen – sind wohl auch alle AMG-Mitglieder Staatsfeinde
– Versuch, junge Kollegen einzuschüchtern
– Schläge (wie im Fall Frauendorfen) – ist Verletzung der Person und der Menschenrechte

KOMPLEX BÜCHER / VERLAGSWESEN

– Einengung unserer Möglichkeiten, mit unseren Texten die Öffentlichkeit zu erreichen, z.B. das deutsche Programm des Facla Verlags Temeswar wurde von 7 auf 3 Titel reduziert
– Zensur (aus meinem Gedichtband „Reibfläche“, Kriterion Verlag 1982, wurden so viele Gedichte rausgeworfen als drin geblieben sind (42) und das Buch verstümmelt, sogar in Zeitungen und Zeitschriften bereits veröffentlichte Gedichte werden aus den Tiposkripten rausgeschmissen, in der Zeitschrift „Volk und Kultur“ wurden unsere Meinungen zum „Schässburger Dichtertreffen“ 1984 rausgeworfen.
– Probleme der Buchauflagen, die sehr klein sind
– Das AMG-Jahrbuch „Pflastersteine“ durfte erst ein Jahr nach Erscheinen im Buchhandel verkauft werden

AUFNAHME IN DEN SCHRIFTSTELLERVERBAND

– Problem Johann Lippet – Warum hat das Temeswarer Kreisparteikomitee den Beschluss der Schriftstellervereinigung Temeswar, Lippet in den Schriftstellerverband aufzunehmen, nicht bewilligt?
– Fall Peter Motzan (abgelehnt)
– Wir haben im Schriftstellerverband kaum noch Leute, die unsere Interessen vertreten können,
– was geschieht mit den anderen Kollegen, die demnächst in den Verband aufgenommen werden sollen (Herta Müller, William Totok, Stefan Sienerth, Balthasar Waitz, Emmerich Reichrath)

Weiterlesen

6. Ana Blandiana in Berlin

„Die Poesie ist das, was bleibt, nachdem du vergessen hast, wie du gelitten hast“, sagte Ana Blandiana einführend zur Lesung am 17. Februar in Berlin. Zusammen mit ihrem Übersetzer Hans Bergel stellte sie den Gedichtband „Die Versteigerung der Ideen“ vor, der 2009 im Johannis Reeg Verlag in Bamberg erschienen ist. …

Hans Bergel erzählte von seiner ersten Begegnung mit einem Gedicht Blandianas, als er im Zwangsarbeitslager in Rumänien nach einem erschöpfenden Marsch nicht nur die Faust-Übersetzung Blagas sondern auch ein Gedicht Blandianas aus einer Literaturzeitschrift las, das ihn faszinierte. Er spürte die Verwandtschaft zwischen der lyrischen Sprache der beiden. Eingedenk dieser Begegnung übersetzte er später die Gedichte der Lyrikerin, um das innere Klingen dieser Sprache ebenbürtig ins Deutsche zu bringen. Die meisten Übersetzungen wären auf Autofahrten auf dem Beifahrersitz entstanden, erzählte Bergel. Was ihn fasziniert hätte, war die lapidare und geniale Einfachheit des Ausdrucks; kein Gedicht rede nur daher, jedes gebe mehr her als parfümierte Worte, sie lebten aus dem Geist der rumänischen Sprache und aus ihrer Melodie. / Edith Ottschofski, Siebenbürgische Zeitung

5. Mutiger Protestbrief 1984

Der Protestbrief von sieben deutschen Autoren aus Temeswar an die RKP* 1984, die letzte Großaktion der genannten Autorengruppe in Rumänien vor der Wende, muss zu den wenigen richtigen öffentlichen Protestaktionen gegen Partei und Diktatur in jener Endzeit des Ceausescu- Regimes gezählt werden. Obwohl die mutige Aktion – Manche sahen sie als Kamikaze-Aktion an – im Westen großes Aufsehen erregte, ist diese Episode selbst zwei Jahrzehnte nach der Wende vielen, nicht nur den Zeitgenossen aus der hiesigen deutschen und der Mehrheitsbevölkerung, sondern vor allem der jüngeren Generation, leider noch immer eine Unbekannte. Und das spricht Bände über Willen und Interesse an einer wahrheitsgetreuen Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit hierzulande.

[In dem Protestbrief heißt es:]

Wir, junge Schriftsteller mit Temeswar, möchten Sie über folgende Tatsachen informieren:

Am 19., 20., 21. und 24. Juli und,am 20. August, dieses Jahres ist unser junger Kollege Helmuth Frauendorfer, Absolvent der Philologischen Fakultät in Temeswar (1984), der ein beachtliches literarisches Debüt sowie eine vielseitige künstlerische Betätigung (er hat die Theatergruppe des Studentenkulturhauses betreut) und eine publizistische Tätigkeit (als Verantwortlicher der deuschsprachigen Seite der Zeitschrift ,,Forum studentesc’“) aufzuweisen hat, vom Sicherheitsdienst, und zwar von Oberstleutnant Nicolae Păduraru und von Major loan Adamescu verhört wurde. Während des Verhörs ist unser Kollege beschimpft und beleidigt worden, und einmal von Major Adamescu auch geschlagen worden. Er wurde aufgefordert, vorformulierte Erklärungen zu unterschreiben, in denen er bestätigt, daß er ,,staatsfeindliche Gedichte“ schreibe und ähnliche Aktivitäten betreibe. Ebenso hat man von ihm gefordert, Erklärungen zu unterschreiben, die besagen, daß wir, die wir diese Beschtverde unterschreiben, ihn im Sinn dieser ,,staatsfeindlichen Aktivitäten“ beeinflußt hätten. Dies, so der Sicherheitsdienst, sei auch durch den Literaturkreis der Schriftstellervereinigung in Temeswar ,,Adam-Mütter-Guttenbrunn“ geschehen, der von Oberstleutnant Păduraru als „Räuberhöhle“ bezeichnet worden ist. Die ,,Räuberhöhle“ wird vom Schriftsteller Nikolaus Berwanger, Sekretär des Schriftstellerverbandes, geleitet. Einige der Unterzeichner dieser Beschwerde sind Mitglieder des Literaturkreises.

Wir haben uns entschlossen, diesen Brief zu schreiben, da, der Zwischenfall mit unserem jungen Kollegen, der— nebenbei gesagt — mit einem schriftlichen Verweis endete, nicht der erste dieser Art ist. Seit Jahren werden wir von den Vertretern des Innenministeriums aus Temeswar belästigt. Was wir schreiben, wird tendentiös umgedeutet, um zu beweisen, daß unsere Tätigkeit subversiv ist. Man verweigert uns Auslandsreisen, es fanden Hausdurchsuchungen und Festnahmen statt. Einigen Kollegen wird die Aufnahme in denSchriftstellerverband verweigert, obwohl sie die nötigen Bedingungen dafür erfüllen. Junge Schriftstellerkollegen, die am Anfang ihrer literarischen Laufbahn stehen, werden eingeschüchtert oder durch Erpressungen gezwungen, mit dem Sicherheitsdienst zusammenzuarbeiten u.a.m.

Es ist offensichtlich, daß dieser Tatbestand nicht Iänger andauern darf. Wir sehen darin eine offenkundige Verletzung der Rechte der Minderheiten unseres Landes, und letztlich eine Mißachtung der Beschlüsse des IX. Parteitags, der, wie bekannt, für unsere Gesellschaft eine neue demokratische Basis geschaffen hat. (…)

Temeswar, September 1984

Die Unterzeichner

Helmuth Frauendorfer, Herta Müller, Richard Wagner, William Totok, Johann Lippet, Horst Samson, Balthasar Waitz.”

Die Folgen waren dramatisch: Ab Januar 1985 wurden die deutschen — aber auch die rumänischen und serbischen — Sendungen des Temeswarer Rundfunks eingestellt. Dieser Maßnahme war einige Zeit vorher schon das Verbot der deutschen und ungarischen Fernsehsendungen vorausgegangen. Der ,,Adam-Müller-Guttenbrunn“- Kreis nahm nach den Zwischenfällen seine Tätigkeit nicht wieder auf.

/ Balthasar Waitz, Banater Zeitung

* Rumänische Kommunistische Partei