„STOP“ – zwei Gedichte in Ulrike Almut Sandigs Gedichtband enden mit diesem Warnhinweis. In beiden Fällen verweigert das Verkehrszeichen eine vom Text nahegelegte ungeheuerliche Aussage; „hier fängt alles neu STOP“ heißt es am Ende des Gedichts „Angesehen werden“, in dem von dem Ort gesprochen wird, wo 1938 die Juden in Leipzig zusammengetrieben wurden, ehe sie nach Buchenwald transportiert wurden. Ein Gedenkstein, der aus der Gesteinsart Diabas besteht, erinnert daran, und „Diábasis“ bedeutet so viel wie „Übergang“, „Durchgang“; „hier ist der Durchgang, hier fängt alles neu STOP“ – nein! Das darf nicht sein! Vor einer Fortsetzung des Satzes wird gewarnt.
Dieses Gedicht ist zwar nicht im Hinblick auf seine inhaltliche Brisanz, wohl aber auf die ihm zugrundeliegende Verfahrensweise kennzeichnend für Ulrike Almut Sandigs Gedichte: Sie haben es immer wieder mit dem zu tun, was im Gedicht sagbar oder unsagbar ist. „nein, es geht nicht um dich“, so beginnt ein Gedicht, in dem es dann heißt: „es geht um alle Sachen / die aussprechbar sind“. Aber im Ausgesprochenen wird das Unaussprechliche stets mitzitiert; und also auch das Du. / Wulf Segebrecht, FAZ 29.7.
Ulrike Almut Sandig: „Dickicht“. Gedichte. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2011. 100 S., geb., 16,95 Euro.
Ein Kommentar zur gegenwärtigen (aber nicht neuen) Diskussion.
Originalbeitrag von Marius Hulpe
Vor einigen Jahren bemühte Ron Winkler den Begriff des Modus, der innerhalb einer sich entwickelnden Poetik Schwankungen unterliege. Misstrauen gegenüber dem einmal erarbeiteten und nur vermeintlich Eigenen war die Waffe, die er sich und anderen in der Begegnung mit dem eigenen Werk empfahl.
Auf der anderen Seite findet sich, etwa an Schreibschulen, aber auch im Bewusstsein von Feuilletonisten, Lektoren und allerlei Multiplikatoren der Begriff vom Ton, oder auch Sound, den ein Autor macht, wenn er denn – endlich – ganz bei sich angekommen sei.
Beide Begriffe, Modus und Sound, stehen einander nicht nur theoretisch diametral gegenüber. Doch an ihnen lässt sich ganz gut zeigen, worin das Dilemma vieler Lyriker, aber auch manches Prosaschriftstellers besteht. Jenes Dilemma, in dem die nun wieder hochköchelnde Diskussion um eigentlich sehr wenig ihren Ursprung nimmt.
An den Werken Mayröckers (eigentlich möchte ich nun nicht so viele Namen aufzählen, nenne aber der Deutlichkeit halber noch ein paar), Handkes, Ror Wolfs, Brinkmanns, früher Kafkas oder Musils haben wir gelernt und erfahren, dass authentische, grabende, für das Schreiben lebende Schriftsteller unter anderem dadurch zu solchen werden, dass sie ihr eigenes Schreiben immer wieder hinterfragt haben, selten oder nie Maßware geliefert haben, sich nicht den Geschmäckern angebiedert haben, weil ihr innerer Wasserspiegel sie gar nicht erst so weit auftauchen ließ.
Und haben wir auf der anderen Seite nicht immer schon so empfunden, dass es irgendwann billig und fad wird, wenn einstige Großmeister wie Stephen King, Bernhard Schlink oder Durs Grünbein den immer selben Sound reproduzieren, sich nicht mehr weiterentwickeln wollen, weil es doch so gut läuft und sie ganz bei sich angekommen zu sein scheinen? Zweifelsohne förderte dieses bei sich angekommen sein seit jeher ihre Verkäuflichkeit. Doch genauso sicher hatte das noch nie den Effekt, dass nachfolgende Autorengenerationen sie als Vorbilder in Fragen der Beweglichkeit, Glaubwürdigkeit und Innovation empfanden. Germanisten oder Mittelstufenlehrer sprangen hierauf vielleicht schon eher an, da ihre Absicht der des Buchhändlers zumindest verwandt ist, wenngleich mit unterschiedlichen Vorzeichen: wo der eine wiedererkennbare Ware wünscht, um Kunden zu binden, freuen sich die anderen über klare Muster zum Zweck der Pädagogisierung. Wo käme man schließlich hin, wenn man Schülern einen Autor vor die Nase setzt, der heute dies sagt, morgen das, heute so schreibt, morgen so? Die deutsche Öffentlichkeit fordert seit jeher von Autoren, bei sich zu bleiben, nicht abzurücken von der einmal gefundenen und bewährten Haltung.
Hans Magnus Enzensberger war einer derjenigen, wenn nicht derjenige, der über Jahre hinweg die Überraschung selbst zum Wiedererkennungswert gesteigert hat. Dies brachte ihm sicher nicht nur Freunde. Doch war es in jenen Zeiten der ständigen Überraschung nicht spannender, ihn zu lesen, als heute, wo seine Gedichte relativ erwartbar, stromlinienförmig und daher noch besser verkäuflich sind als sie es ohnehin schon immer waren?
Was die Gegenwartslyrik betrifft, so finden sich Jan Wagner und Marion Poschmann vielleicht aus dem Grund im Boot der zumindest ein wenig besser verkäuflichen wieder, weil bei ihnen der Grad der Wiedererkennbarkeit besonders hoch ist. Doch zugleich kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Wiedererkennbarkeit bei Weitem nicht das höchste aller Güter ist. Vielmehr hat eine neue Generation naturalisiert, was, um auf ihn zurückzukommen, schon Ron Winkler Anfang der Nuller Jahre erkannte: die Reboots und Übersprunghandlungen, die Abkehr vom Eigenen und die Wiederentdeckung des Eigenen sind das wahrhaft Spannende, nicht der sich an sich selbst zerstreuende Sound. Dass es ihm dabei – nicht zu seinen Ungunsten – nicht immer gelungen ist, dem eigenen Credo zu folgen – geschenkt. Sieht man sich seine allerneuesten Gedichte an, lassen sich leicht die wünschbaren Langzeitfolgen solch beweglichen Denkens erkennen.
Zugleich herrscht mittlerweile weitgehend Konsens darüber, dass das Experimentelle und das Konventionelle einander überhaupt nicht widersprechen müssen. Die jüngeren scheinen mir dies – grob gesprochen und sicher von mancher Ausnahme unterwandert – noch ein bisschen besser begriffen zu haben als die älteren. Die essayistischen Grabenkämpfe sind etwas für allerspätestens in den 70er Jahren geborene. Wer jünger ist, hat erkannt, dass jedem Autor gelungene und weniger gelungene, tendenziell experimentelle und tendenziell konventionelle Texte unterlaufen können. Vielleicht lässt sich meine These ein wenig vom Jugendwahn blenden. Aber: mir dünkt es so.
Ebenso vergegenwärtige man sich nur einmal, dass es nicht primär das Phänomen Lyrik ist, das sich der Verkäuflichkeit sperrt. Wenn in diesem Herbst der Prosaband des Niederkrüchteners Sebastian Polmans bei Suhrkamp erscheint, ist es trotz eines gewissen zu erwartenden Medienechos kaum denkbar, dass er die 3000er-Marke knacken wird. Sein Buch handelt von einem Tag eines einzelnen Jungen im Dorf seiner Kindheit: Ein Experiment, ein spannendes. Ein Prosatext, unverkäuflich.
Diskussionsbeitrag von Christian Lux
Die Vorwürfe in Richtung „gewollte Originalität“ oder gar „Publikumsfeindlichkeit“ gehen meiner Ansicht nach vollkommen ins Leere. Der Grund für die erfolgreichen Festivals, den „Lyrik-Hype“ (was denn nun Krise oder Hype?) ist doch gerade, dass die jüngere Generation, also eben die Autoren von Lyrik von Jetzt I und II, Neubuch u.s.w. relativ deutlich auf das Publikum zugehen. Und nicht nur sie, sondern auch ihre Publikationsorgane und Verlage in Optik und Marketing. Die Festivals würden ja auch unbesucht bleiben, wenn die Erfahrung permanent frustrierend oder publikumsvergrätzend wäre. (Die mangelnden Buchverkäufe müssen also anders begründet werden und defacto haben ja auch „zugänglichere“ Lyriker keine besseren Verkaufszahlen).
Publikumsfeindlichkeit war doch eher eine Phase der 70er und 80er Jahre, in der Autoren teilweise aus politischen Gründen bewusst gegen ein Publikum schrieben. Auf keiner der Lesungen jüngerer Dichter, denen ich beigewohnt habe, wäre je ein „Hurz“-Moment spürbar gewesen. Natürlich gibt es das, aber sie sind insgesamt untypisch für die Lesefestivals. „Gezwungenes Experiment“ – das war doch eher Merkmal jener Lesungen in Stadtteilbibliotheken, die Dichter inszeniert haben, die ein paar Jahre älter sind als Jürgen Brôcan. Ich sehe da keinen der jüngeren Autoren wirklich getroffen.
In den USA, wo es einen viel heftigeren Streit zwischen „experimentellen“ und „konventionellen“ Lyrikströmungen gab und gibt, wurde vor zwei Jahren eine Anthologie veröffentlicht namens „American Hybrid“. Die Herausgeber hatten erkannt, dass die jüngeren Autoren sich um diese Grenzen nicht scherten, sie nutzen Elemente und Schreibweisen aus beiden Lagern. Sie schreiben ohne ideologische Scheuklappen und das konventionellste Gedicht kann so Experiment werden. Kurz: Die ganze Aufteilung in Lager ist aus der Sicht heute Schreibender grundeigentlich kappes und historisch. Das ist meiner Meinung nach als Beobachtung durchaus auf Deutschland übertragbar. Anders wäre der Erfolg der Lesebühnen und der „Hype“ (was immer das eigentlich genau heißen soll) gar nicht erklärbar. Der Riss zum Publikum ist dort, wo das Publikum den Autoren begegnet – nämlich auf den Festivals und Lesungen (leider nicht in den Buchhandlungen) längst geheilt.
Es sind die jammernden Krisenartikel und die vertanen Chancen, den Platz für die Besprechung von Lyrik zu nutzen, die das zarte Pflänzchen bedrohen, weil vorhandene Vorurteile und der ignorante Generalverdacht, dass man Lyrik nicht wahrnehmen muss, bestärkt werden. Man möchte jedem Rezensenten zurufen: Schert euch nicht um den Zustand der Lyrik! Ihr schreibt doch auch keine Artikel zur Lage der Prosa! Wenn euch ein Band oder ein Autor begeistert, dann schreibt das doch einfach. Die Leute verpassen was, wir alle wissen es. Lasst sie das spüren. Bei der Menge von Begeisterten, die sich in den Redaktionen zu erkennen geben, dürfte das mehr bringen als das ja auch falsche Fazit: die Lyrik ist in Gefahr. Da denkt man als Zeitungsleser, der auf dem Weg bis zum Feuilleton ganz andere Krisenmeldungen zu verarbeiten hatte, unwillkürlich allerhöchstens: na und wenn schon.
Geschrieben hat die 1935 in Csikvánd, Ungarn, Geborene schon als Mädchen, gegen die Enge und Langeweile im Internat, in dem sie war, einem Ort «zwischen Kaserne und Kloster», wie sie später erzählte. Die Theaterstücke und Gedichte musste sie bei ihrer Flucht in Ungarn zurücklassen. Einige Gedichte hat sie Jahre später aus der Erinnerung rekonstruiert und dann aus dem Ungarischen ins Französische übersetzt, andere, neue Gedichte hat sie in einer ungarischen Exilzeitschrift in Paris publiziert. / Martin Zingg, NZZ
Diskussionsbeitrag von Bertram Reinecke
Siehe auch:
Eigentlich ist der Text von Brôcan nicht der Rede wert. Das hat man ja alles schon irgendwie gehört, teilweise bis zum Abwinken. Aber er ist geschickter und mischt Richtigeres mit dem ganz Falschen. Insofern dürfte er exemplarischer stehen für den Stand der Debatte als die ungelenken Rezensionen, die hier jüngst diskutiert wurden. Deswegen lohnt sich eine längere Antwort. Ich will hoffen, dass Brôcan selbst glaubt was er da schreibt. Man könnte ja auch denken, dass er zynisch sich selbst positionieren möchte. Da ließe sich dann jede Aufmerksamkeit und schon gar eine Debatte ummünzen in konkretes Fortkommen.
Um das mindeste zu sagen also ein zwiespältiger Text, der Fragen offen lässt. Pieken wir gleich hinein. Brôcan moniert, der Leser sei konfrontiert „mit der unglaublichen Fülle an Gedichten in Anthologien, im Netz oder auf Poesiefestivals, die es ihm ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium kaum mehr ermöglicht, Amateure von Profis oder gelungene von misslungenen Texten zu unterscheiden.“
Wann aber war denn der Zustand der Dichtung so, dass der deutschsprachige Leser ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium zwischen Amateuren und Profis unterscheiden konnte? Wie tat er das dann? Vermutlich durch Allgemeinbildung? Beklagt Brôcan den Zustand des Deutschunterrichts? Nein, er hält eine sprachliche Grundbildung für gegeben und unproblematisch. Gegeben wird sie durch Schule, früher Gottesdienst usw. Kann sie unproblematisch sein?
Warum soll der Leser überhaupt ohne Sachkenntnis und Instrumentarium gelungene von misslungenen Texten scheiden können? Das ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für den lustvollen Umgang mit Literatur. Schiller konnte nach gängiger Meinung selbst mit Sachkenntnis und Instrumentarium die Gelungenheit Hölderlins nicht einsehen. (Schillers Sachkenntnis mag überbietbar sein, wer weiß was Schiller über Dichtung wusste, den würde ich auch heute ernst nehmen.) Oder war es eher so, dass Hölderlins berühmte Kurzoden und all die Sachen, die wir dann doch lieber lesen als seine pathetischen früheren Texte, die (Antischillersche) spezifisch Hölderlinsche Umgangsweise mit Schillers bohrenden Anfragen war?
Ich vermute, dass Brôcan all diese problematischen Dinge für notwendig hält, weil seine Utopie des Lesers der „ernsthafte Leser“ ist. Der ernsthafte Leser liest mit Achtung seinen bedeutenden Gegenstand, eine Lesebeflissenheit, wie ich sie von mir als Schüler kenne, der durchaus freiwillig, wenn auch mit zusammengekniffenen Arschbacken, Thomas-Mann-Schwarten gelesen hat.1 Ernstes Lesen zum Abgewöhnen. Mein Bild des Lesens ist ein anderes. Wer Proust nicht liest wie Harry Potter, braucht Proust nicht zu lesen. Nicht jeder braucht das. Mut zur Lücke!2
Das ernsthafte Lesen hatte ich im Deutschunterricht kennengelernt: Seht her Kinder, ein bedeutender Gegenstand mit dem ihr Euch beschäftigen müsst, wenn ihr Erwachsene werden wollt. Jede abweichende Lektüre des Schülers, die nicht als falsch dargestellt werden konnte, galt zumindest als unkonzentriert, abseitig, unernst.
Dass es Brôcan um eine solche Fallhöhe, den glaubwürdigen Dichter geht, sieht man auch daran, dass ihm die Phantasie fehlt, vom Betrieb mehr zu fordern, als dass endlich mal wieder die großen Verlage … Eine Sehnsucht, die doch eher die soziale Rolle des Dichters betrifft, als die Art von Text, die der Markt nun befördert oder verhindert, was vordergründig ja das Thema des Essays zu sein scheint.3
Die Sehnsucht nach sozialer Besserstellung hin oder her: zurück zur Frage: Welche Gedichte sollten entstehen und was steht dem entgegen? Ich stimme Brôcan zu, dass der Kritiker als Vielleser hie und da, weil er nicht immer dasselbe lesen will, einen eingebauten Hang zu etwas außergewöhnlicheren, etwas spezielleren Texten entwickeln könnte. So haben wir den Betrieb eben aufgeteilt, bzw. eher: So finden wir ihn eben vor und man könnte das theoretisch kritisieren.4 Diesen Fokus entwickelt Brôcan leider nicht. Mich erschreckt eher was Brôcan beruhigen würde: Wie eingängiger, oftmals gehörter Text von einem Teil der Lyrikkritik gefeiert wird: Wenn das theoretische Argument richtig ist, lesen die dann wohl nicht genug?
Ja, es ist eben so, das finden wir so vor, dass es Spezialistentum gibt und dass der Trend zu immer größerer Auffächerung geht. Man kann das beklagen, aber darf man das in den Rechner tippen und im Netz veröffentlichen? (Vulgo: Wir profitieren auch alle von solchem Expertentum). Von einer Subkultur der Experten in Bezug auf Lyrik zu sprechen5, gestehe ich nur dem zu, der auch von einer Subkultur der Maschinenbauer, einer Subkultur der Politiker etc. spricht. Man kann das machen, wenn man den Kreis nicht so weit zieht, Brôcan tut es nicht, so legt sich der Verdacht nahe, dass lyrische Fachkenntnis in toto verunglimpft werden soll und das implizite Argument dafür die Tatsache ist, dass viele dieser Spezialisten marginalisierte Triebtäter sind. (Andere, Germanisten z.B. und manche Kritiker werden verhältnismäßig gut dotiert.)
Irgendwie scheint Brôcan an den Sänger für alle zu glauben, der mehr tut als „niedere oder höhere Unterhaltungskunst“ zu geben. Ich kenne dieses Dichterbild wieder nur aus dem Deutschunterricht: Der gute Dichter, wie schwer ers auch hatte, setzt sich dann doch durch und das Volk hört ihm zu: Wie sehr das nicht stimmt, habe ich erst später begriffen. In gewissem Sinne loben wir im Deutschunterricht sowieso die, die eben sich durchgesetzt haben. Und der Deutschlehrer erzählt uns die Durch-Nacht-zum-Licht-Geschichte bestenfalls um nicht selbst an seinem Gegenstand zu verzweifeln. Außerdem ist die Geschichte integrativ: Geh selbst durch die Nacht des Deutschunterrichts und Du wirst dann schon sehen: Jeder hat die Chance zum Licht zu kommen. Manche glauben es und irrrlichtern dann mit Hölderlin auf der Fahne durch den Literaturbetrieb. Ich habe meinen Deutschlehrern nie geglaubt, dass sie auf der Seite von Hölderlin oder wem immer ständen. Dies Deutschlehrerversprechen schüttet Konflikte zu.6
Man muss aber zuerst wissen was man will und dann muss man sich eben aufdrängen: Du hast keine Chance? Nutze sie! Brôcan denkt, Gutes müsste sich irgendwie von ganz allein durchsetzen und wenn das offensichtlich nicht passiert, muss jemand schuld sein. Allenfalls ist er bereit, ein Missverhältnis zwischen Produktion und Nachfrage zu sehen. (Offensichtlich liegt es hier eher auf der Produktionsseite.) Wie Thomas Kunst in seinem Sonett bin ich der Meinung, dass Lyrik auch eine Zumutung sein kann und sollte. Diese Zumutung beginnt bei den Netzwerkern: Öfters habe ich bei Anthologieanfragen die Dinge eingesandt, die mir wirklich wichtig sind und zur Sicherheit ein Sächelchen, von dem ich dachte: Das könnte dem Herausgeber liegen. Manchmal bin ich durch die Offenheit der Herausgeber überrascht, manchmal geht es aus wie das Hornberger Schießen.7
Brôcan möchte irgendwie Harmonie: Die guten Dichter, (Deutschunterrichtskompatibel?), sollen endlich Gehör finden, während die schlechten die Bühne zu verlassen haben. Aber irgendwie sind leider die Böslinge des Betriebs davor. (Das ist sehr integrativ solange er keine Namen nennt. Man könnte auch sagen wohlfeil.) Nur steht dann die Bühne voller Sündenböcke: Die Dunkelmänner vom Slam: Ja ich kenne die. Die stehen dann nach Lesungen auf den wenigen Bühnen, wo junge Literatur in anderem (auch: Brôcans) Sinne gemacht wird, und sagen Sätze wie: „Literatur kann auch unterhaltsam sein“, werben für ihre Lesebühne und rümpfen die Nase und versuchen ihre Hausliteraten und Konzepte auch auf diese Bühne zu hieven. Man merkt dann das Imperialistische dieses eigentlich wahren Satzes, nämlich die implizierte Folgerung: „Literatur muss mich unterhalten können.“ Und zwar auch die, die im beschränkten, sagen wir ruhig z.B. geschützten Raum des Literaturinstitutes probeweise vorgetragen wird, muss durch eine ersetzt werden, an der der Slammer Freude hat. Man sollte auf solchen Satz folgendermaßen antworten: „Ja, das finde ich auch, dass Literatur unterhaltsam sein sollte, warum macht ihr auf Eurer Slambühne nur immer so langweiliges, selbstbezügliches Zeug, wo man ohne jeden Erkenntnisgewinn rausgeht?“
Gegen die Dunkelmänner vom Slam setzt Brôcan die Lichtgestalt Les Murray.8 Nun muss man sagen, dass der durch seine Personalityshow (ein alter begeisterter Mann) und durch exotische Themen, die er authentisch verkörpert, auf einem Slam wohl ganz gute Karten hätte. So schlecht ist Slam auch wieder nicht.
Und auch sonstige Sündenböcke sind schneller gefunden als ihre Täterschaft zu erweisen ist: „Die Lyrik heute gleicht jedoch nicht selten einem Laborversuch, dessen Ergebnisse dem Publikum in komplexen Formeln und Geheimcodes präsentiert werden.“ Da ist ihm zuzustimmen, je nachdem, wie oft man sie erwartet, aber was meint der Nachsatz: „Unter diesen Voraussetzungen verwundert ihre Marginalisierung kaum.“ Festgestellt sei: Oft und meist gleicht die Gegenwartslyrik keinem Experimentierfeld: Ich habe im letzten Monat 18 Anthologien zur Gegenwartslyrik durchgesehen und zwölf davon in einem Essay beschrieben. Es lässt sich eine Grundspielform des Gegenwartsgedicht ausmachen. Diese hat genau beschreibbare Merkmale. In 3 von diesen 18 Anthologien ist es ungefähr so, dass die Gedichte, die von dieser Grundform mehr oder minder ins sogenannt Experimentelle abweichen, vielleicht etwas überwiegen. In ca. 6 von diesen gibt es die von Brôcan geforderte Abweichung ins Traditionelle. Wohlgemerkt: Gezählt wurden die, die von der Grundform merklich abweichen. Nicht diejenigen, die sich nun gleich in komplexen Formen und Geheimcodes präsentieren. Diese könnte man dann doch ebenso gut vergleichsweise selten nennen, denn nicht jeder von diesen abweichenden Dichtern möchte unbedingt originell sein, manchem reicht es sicher wie dem alten Hölderlin, sagen zu können, was es eben zu sagen gibt. Wenn Dichtung den geschmähten Mittelweg braucht: Sie hat ihn ganz offensichtlich auch. Warum muss also Herr Brôcan konstatieren, dass die Leser weiterhin verunsichert sind von der Gegenwartslyrik? Herr Brôcan, wenn es Sie interessiert, können Sie das alles in der nächsten „Gegenstrophe“ nachlesen. Oder zeige ich, wenn ich solche Philologie bzw. strukturalistische Analyse treibe, „ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse“ und bin damit per se unglaubwürdig? Anderswo habe ich diese Untersuchungen nicht gefunden. Wo ist die ebenfalls von Ihnen beklagte Expertensubkultur?
Das Experiment wird also nicht als Ursache dingfest gemacht werden können, sollte es die von Brôcan diagnostizierte Entfremdung der Gegenwartslyrik von ihrem Publikum geben. Wenn, dann gibt es sie, obwohl es ein klar umrissenes, also in seinen Verständigungsstrategien relativ leicht erlernbares Gegenwartsgedicht gibt und darüber hinaus eine Spur historischer Verfahren im neuen Gedicht. Die von Brôcan vorgeschlagene Kur „Zurück zum Leser“ hilft also nichts, es muss an etwas anderem gelegen haben. Herr Brôcan, woran liegt es dann? Vielleicht an einem Abwehrreflex „Versteht man doch eh alles nicht“? 9
Natürlich ist dies alles gewissermaßen ein Indizienprozess. Man ist darauf angewiesen, da Brôcan absichtlich verwaschen schreibt und sich weitgehend auf Allgemeinplätze verlässt: «Die Dichtung ist bedroht, wenn die Dichter der Sprache ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse entgegenbringen und sie zum Thema ständigen Tüftelns machen» zitiert er wohlwollend Dana Gioia, das Gegenteil ist sicher ebenso wahr. „Die Dichtung ist bedroht, wo der Dichter allzu unreflektiert seine Wörter einsetzt.“ Alles hängt an dem Wort „allzu“: eine Art kommunikativer Joker. Will man wissen, ob man beipflichten oder widersprechen soll, kann man allenfalls versuchen, das aus dem Kontext zu erschließen. (Herr Brôcan, sie hielten doch sehr darauf, dass der Leser sich ein Urteil bilden kann?10) Brôcans nächster Satz lautet: „Wo die Inhalte ausgehen, wird das Schreiben über das Schreiben und die Sprache selbst rasch zum einzig wahren Stil erklärt.“ Dass Dichter, die sich mit der bedrohten Sprache auseinandersetzen, damit sehr wohl Inhalte haben, zieht Brôcan nicht in Betracht. Wenn Eich gegen „die Einzementierung der Welt“ vorgeht oder Celan seine Gedichte von der Misere der deutschen Diskurse reinzuhalten versucht, haben wir Musterbilder bedrohter Sprache vor uns. Es ist sogar gefordert worden, dass der Dichter seine Sprache im Gefahrenbereich siedeln lassen soll, zumindest ist die Bedrohtheit des Sprechens also kein Argument gegen dieses Sprechen, wie es bei Brôcan aufklingt.
Aber in die Gegenwart geschaut: Ich kann, ehrlich gesagt, nicht angeben, wohin Brôcans Spitze zielt: Wenn es ums Schreiben über das Schreiben geht, dann wurden in letzter Zeit kritisch immer wieder Namen wie Allemann, Ames, Lange, Lentz, Rinck oder Stolterfoht genannt. Diese Leute jedoch, auch wenn teilweise zu ihrem Handwerkszeug eine profunde stilistische Kenntnis gehört, erklären sicher nicht irgendeine Art von Schreiben über die Sprache zum „einzig wahren Stil“. Es ist doch sehr auffällig, dass sie notorisch nicht von Stil, sondern von „Hintergehen der Sprache“, von Verfremdung und „anderem Sprechen“ reden. Ein Allemann- oder Cottenstil sind doch in gewissem Sinne ein Unding. Wenn der germanistische Interpret Linien in deren Werk ausmachen mag: Der und der macht das immer so und so, und dies dann einen sagen wir Stolterfohtstil, einen Lentzstil nennt, dann haben diese Dichter zu akzeptieren gelernt, dass man eben nicht die Kraft hat, alles gemeinsam zu hintergehen, alle Sprechgewohnheiten gleichzeitig zu hinterfragen. Dass sie einen Stil haben und das akzeptieren, lässt sich als eine Konzession an ihre menschliche Fehlbarkeit auffassen. Wen meint Herr Brôcan mit seiner Analyse also?
Ich fürchte, er meint doch die genannten Dichter, wenigstens wird der NZZ-Leser ohne Sachkenntnis ihn so verstehen: Herr Brôcan, ihr Essay ist so geschrieben, dass es viel Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium erfordert, um die Entscheidung zu ermöglichen, ob es ein gelungener oder misslungener Text ist. Oder ist das für Sie nur bei Lyrik ein Problem?
Ein grundsätzlicheres Problem von Brôcans Text scheint hier auf: Brôcan spielt Inhalte gegen Formen aus. Dabei ist es nicht so, dass eine formale Beschäftigung mit der Sprache einem Inhalt irgend etwas wegnähme noch umgekehrt.11 Man sieht es ja an der Diskussion auf der Lyrikzeitung: Tom Bresemann und Thomas Kunst streiten über die Inhalte von Brôcans Essay und geraten auf Dichternamen und, so darf man unterstellen, deren Werke, also auf Formen lyrischen Sprechens. Ich versuche genau zu lesen, was Brôcan eigentlich sagen möchte, untersuche seinen Diskurs, seine Form und sofort komme ich auf massive inhaltliche Differenzen. Es ist also egal, solange man nicht aus Sonderinteressen sondert, wie es der Deutschunterricht tut, hat man immer beides, von welcher Seite man das Knäuel auch in die Hand nimmt.
Jürgen Brôcans Hauptforderung besteht darin, ein gesundes nichomachisches Mittelmaß zu wahren. Das ist mir schon bei Aristoteles verdächtig genug gewesen, weil, um das Problem der aristotelischen Schrift gleich an Brôcans Text festzumachen, immer nicht ganz klar wird, wie sich eine Tugend von einer Untugend unterscheidet: Ungestüm sein ist nach Brôcan schlecht, aber Mut gut. 11a
Ebenso unklar ist folgendes: Wie lässt sich die Vielfalt, die er am Ende seines Artikels einfordert, genau von der am Anfang des Artikels noch als negativ betrachteten Breite der eingesetzten Verfahren und Experimente und der Vielzahl der unterschiedlichen (zumindest unterschiedlich guten, was auch immer das heißt) Stimmen sinnvoll abgrenzen?
Schauen wir uns aber seine Formulierung zum Mittelmaß ruhig einmal genauer an: „Dichtung braucht das Gleichgewicht, den geschmähten Mittelweg, und das setzt voraus, dass sie nicht unter Schutzatmosphäre entsteht, als Absonderung der Lyriktheorie“. Sicherlich, ich bin der erste, der Theoriebildung verteidigen würde, da sie einen weiter bringt. Ja, Theorie kann sogar extremistisch machen, der Zusammenhang zwischen den beiden Satzteilen ist dennoch nicht richtig. Der von Brôcan z.B. gefeierte Lars Reyer hat sich in der Schutzatmosphäre der Seminare des deutschen Literaturinstituts seinen gedämpft gemäßigten Ton erschlossen, indem er sich die Härten und Atavismen seines Vorinstitutsstils nach und nach abfeilen ließ. (Ich war nämlich dabei.)12 Gegen Brôcans Sicht spricht also sein eigenes Beispiel. Wichtiger aber ist mir hier ein Satz von Keynes: „Wer glaubt, er brauche keine Theorie, hängt nicht etwa keiner an, sondern einer veralteten.“ Dafür, dass es alte Bilder aus dem Deutschunterricht sind, an denen sich Brôcan orientiert, habe ich Indizien gesammelt. Ich finde ein weiteres im Vorwort der Umkreisungen: „Vielleicht – nein sehr wahrscheinlich – ist die Welt seit Jahren komplizierter geworden … Darauf kann und soll das Gedicht reagieren, mit scharfen Schnitten und Montagen.“13 Genau so argumentierte der Modernediskurs etwa zur Zeit Döblins und in Abgrenzung zum konservativen Soz-Realismus war das Standard auch im Deutschunterricht der Bonner Republik. Heute dürfte sich doch herumgesprochen haben, dass man Schnitt- und Montageverfahren bis in die Antike zurückverfolgen kann und dass es damit heute im Gegensatz zu damals (als es noch eine eine aufklärerische List der Manifeste gewesen sein mag) eine weltfremde Argumentation ist, von den Verhältnissen der Welt auf die Adäquatheit bestimmter Verfahren zu schließen.14 Manchmal scheint also auch bei Herrn Brôcan seminaristisches unter der Käseglocke erworbenes Wissen in seine Ideen vom Gedicht einzugehen. Er sollte nicht mit Steinen werfen. Vorurteilsfrei betrachtet: Das Publikum von Literatur und nicht etwa nur von Lyrik hat oftmals ein Studium durchlaufen, oftmals ein geisteswissenschaftliches, es ist anders geworden. Immerhin bekommen damit die betonierten Leiterzählungen wihelminischer oder Gruppe-47er Provenienz Risse. Der Deutschunterricht kann seine Vorurteile weniger ungebrochen ausspielen. Das Publikum ist wenigstens ein klein wenig antikanonischer und heterogener geworden. Dem darf und kann die Lyrik Rechnung tragen, wie Hölderlin seinem Publikum Grundkenntnisse in lateinischer, gar griechischer Lyrik zumutete.
„Dazu fehlt derzeit vor allem eine vorurteilsfreie Diskussion und eine mediale Präsentation, die der Vielfalt der Stimmen Rechnung trüge.“ Auch diese Kritik bleibt jedem unbenommen. Auch wenn sich vieles in den letzten Jahren gebessert hat, bleibt ein noch besserer Zustand des Lyrikmarktes immer dringlich wünschbar. Wenn aber fortgesetzt wird: „Denn solange die grösseren Verlage und literarischen Jurys das Wagnis scheuen, die ausgefahrenen Wegspuren zu verlassen, ändert sich nichts an der allseits beklagten Diskrepanz zwischen den Zeichen des Booms und der Empirie der schlechten Verkaufszahlen“, wird einem doch schummrig, wenn diese angemessene Repräsentation sich einzig in Verkaufszahlen und Literaturpreisen widerspiegeln soll. Brôcan wünscht sich die Fallhöhe des Großdichters, den man mit Ehrerbietung liest. Dann soll er sich doch nicht wundern; Ann Cotten lesen Mensch! (Jetzt, wo Seilers Preisregen ein wenig schwächelt.) Denn in jeder anderen Hinsicht stellt die steigende Vielzahl der kleinen Verlage insgesamt sicher eine Verbesserung in Hinblick auf eine angemessene Repräsentation der Lyrik dar, nur ihre Verkaufsabteilungen sind vielleicht etwas schwach auf der Brust.15
Ich halte aber neben der Frage „Was tun die anderen Böses?“ auch immer wieder ein Innehalten für nötig: inwiefern bin ich, der anfangs vom Betrieb so sehr verletzt wurde, mit zunehmendem Erfolg nicht jetzt selbst Bestandteil dieses Betriebs? Wir hatten z.B. gesehen, dass Brôcan für andere Maßstäbe aufrichtet (wie den dass der Laie unterscheiden können muss, ob ein Text gut ist), die er selber allenfalls bedingt an seinen Text anlegt.
Ich hatte ferner beim ersten Lesen Angst: ich nenne ja auch einige Namen des öfteren. Werde ich angegriffen als Bestandteil des Leipziger Zitierkartells? Beruhigt kann ich aufatmen. Wenn ich Namen wie Kuhlbrodt, Reyer, Rugerup oder Rimbaudverlag öfters ehrend im Munde führe, dann lobe ich augenscheinlich die Richtigen, während die anderen ihre Kartelle schmieden. Kartell sind immer die anderen. Alles Stasi außer Mutti.
Hölderlin wollte nicht originell sein, er konnte bloß nicht anders. Brôcan fordert den Dichtern, ob sie wollen, können oder nicht, ein mittelmäßiges Sprechen ab. Hätte da ein Hölderlin eine Chance?
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1 Zwar langweilig, ist aber Bildung. Inzwischen habe ich genug Thomas-Mann-Lesern gelauscht und gesehen, dass die Bildungsbürgerwitze, die ich damals schon oft als etwas schal empfand, genau das waren, was die anderen so schätzten. Es lag also nicht daran, dass ich irgendwas nicht verstanden hatte.
2 Ich lese Proust und ich muss hier etwas an mich halten und ernst(haft) bleiben, auch wenn es dann etwas humorlos aussieht und eventuell über Gebühr scharf wird, Brôcan ist sicher ein spannender Dichter, schließlich haben wir gemeinsame Freunde.
4Wenn man der Literaturkritik nicht abverlangt, dass sie ihren Kenntnisvorsprung fruchtbar macht, um erklärend abkürzende Wege zu interessanten Texten zu bahnen.
5 Kritisiert Brôcan die Ratlosigkeit der Lyrikspezialisten, welcher?, wenn er schreibt: „Es wäre zu überlegen, ob dieses Rezeptionsverhalten, wie behauptet wurde, allein aus der Mentalität des Lesers zu erklären ist, oder ob es nicht auch zu einem beträchtlichen Teil als Reaktion auf eine zunehmende Ratlosigkeit zu verstehen ist.“ Tritt der Leser mit sich selber in Dialog und reagiert auf seine eigene Ratlosigkeit? Oder scheint hier Brôcans eigene Ratlosigkeit durch?
8 Er nennt weitere Namen, ich sage Mayröcker, Stolterfoht und setze mit ihm fort „Anders als manche [andere] deutschsprachige Lyrik machen sie den Leser neugierig und stossen ihn in neue Sichtweisen, aber sie überfordern ihn nicht, weil sie formale Fragen und formale Originalität nicht vor die inhaltliche setzen.“ (Ich habe es jedenfalls so erlebt und nachrecherchiert.)
9 Meine Deutschlehrerin zu Jandl „Auf dem Lande“ sinngemäß: „So was Komisches ist dann die Gegenwartsdichtung, ihr könnt euch das mal allein anschauen.“ Ich weiß nicht, ob ich ihr nicht bis heute dankbar sein sollte, wäre sie fit genug gewesen, uns sagen wir, Grünbein nahezubringen, müsste ich ja bis heute denken, ich kennte mich aus!
10 Wenn ich hier umstandslos seinem Essay das abfordere, was er Gedichten abfordert, dann deswegen, weil sich Jürgen Brôcan in seinem Vorwort zu „Umkreisungen“ für eine Gleichsetzung von Essay und Gedicht stark macht.
11 Jedenfalls nicht, solange man nicht meint, der Inhalt wäre im Gedicht enthalten, wie Wasser in einem Krug und könnte verlustfrei hinausgegossen werden. Diese Vorstellung, die Jürgen Brôcan untergründig zu teilen scheint, dürfte aus dem Kontrollverfahren des Deutschunterrichts erwachsen sein: Irgend etwas muss der Deutschlehrer ja abfragen können. Nur wundert man sich dann immer, warum selbst die großen Dichter und auch die Alten das alles immer so versteckt haben. Man lese Lohenstein, man lese Wilhelm Müller, ja, man lese Goethe. „Die wandernde Glocke“ oder es reicht schon „Sah ein Knab ein Röslein steht“, nur hat da mancher noch reflexartig auf‘m Kasten, was ein altmodischer Deutschlehrer da so wissen wollte.
11a Und diese verwaschene Lesart ist schon vom Prinzip des Wohlwollens diktiert: Genau genommen fordert er Mut von den Kritikern, Verlegern usw., während er über Ungestüm bei Autoren etwas die Nase rümpft. Man warte auf seine Entdeckung!
12 Freilich nicht ohne sich auch sehr schicke ironische Verfahrenszüge anzueignen. Andere freilich haben sich dort radikalisiert.
13 Eng zusammen mit dieser Äußerung scheint mir folgender Satz Brôcans zu stehen: „Die allenthalben frohlockend gerühmte Vernetzung der Lyriker untereinander ist für sich genommen weder Qualitätskriterium noch Qualitätsgarant.“ Zunächst ja ein Satz von trivialer Wahrheit und strotzender Harmlosigkeit. Da Brôcan aber nicht Plattitüden dreschen will, sondern seine Thesen nur mit besonderer Vorsicht vorbringt, wird man hier ebenso wie in den anderen Fällen seine rhetorische Funktion untersuchen müssen und legt man ihn neben die oben zitierte Aussage, dann sieht man, dass es sich um einen Trojaner mit versteckter Implikation handelt, wie die Aussage des Slammers, Literatur könne auch unterhaltsam sein. Er scheint eigentlich zu implizieren: Netzwerken macht weder klüger noch besser. Beides ist falsch: Reyer, siehe oben, mich macht es klüger: Danke liebes Netzwerk für den vollständigen Brôcanartikel. Oder nehmen wir den Netzwerker Hölderlin: Ja wer auf der Studierstube mit einem Hegel und einem Schelling sitzt, kann aufs Internet allemal verzichten. Sicher wird Hölderlin nicht unreflektierter geworden sein durch diese Diskussionspartner!
14 Nur dieser veraltete Diskurs gibt auf solche Methodenfragen pauschale Antworten, wie Brôcan sie anfragt: „Aber steckt die Poesie nicht, so wie ihre Urheber, in historischen, kulturellen, sozialen Kontexten, herausgefordert von virulenten Themen, sogar noch dort, wo sie sich den Moden verweigert? Ist, was nicht experimentell auftritt, automatisch «konventionell» und somit altmodisch, überholt und darum eine ungenügende Verständnis- und Erkenntnismethode?“
15 Außerdem sagt jeder größere Verleger zumindest teilweise zu Recht: Wenn sich Lyrik verkaufte, würden wir sie verkaufen. Was verspricht sich Brôcan für eine Verbesserung in der Leserwahrnehmung, wenn der reisende Vertreter dem Buchhändler neben dem Kochbuch auch noch einen Brôcan aufschwatzt, den der Buchhändler dann, um ihn wieder los zu sein, der Oma für ihre Enkelin empfiehlt?
Die berühmte togolesische Dichterin Claudine Assiba Akakpo, schreibt Afriqueinfos via Xinhua, veröffentlichte am Mittwoch einen pazifistischen Gedichtband unter dem Titel «Les cris de Hoingni» (Die Schreie der Hoingni). In dem 28 Gedichte umfassenden Band prangert sie die Mißhandlung der Frauen in den Formen der Gewalt, sexuellen Belästigung, Verstoßung und Marginalisierung an.
Die Dichterin bedient sich klassischer Versregeln und benutzt einfache, jedem zugängliche Worte, um die Tugenden der Frau zu rühmen. Sie wurde von der Organisation AFRIMUSE als Hoinyigan 2008 geehrt. Zur Zeit ist sie Direktorin der togolesischen Presseagentur ATOP.
Die Dichterin wurde 1958 in Lomé / Togo geboren und absolvierte die Ecole Supérieure Internationale in Yaoundé.
Sie ist die einzige Frau in Togo, die eine verantwortliche Position in den Medien ihres Landes innehat, schreibt apanews.
Hoinyigan (sovielwie ehrwürdige, edle, tapfere Frau) ist der Titel einer Auszeichnung, die die Gesellschaft Afrimuse oder La Muse Africaine seit 2000 alle zwei Jahre an togolesische oder afrikanische Frauen verleiht (mehr).
Der mit 15.000 Euro dotierte Wolfram-von- Eschenbach-Preis 2011 geht an den in Treuchtlingen geborenen Schriftsteller Ludwig Fels. Dies gab Bezirkstagspräsident Richard Bartsch in der heutigen Bezirkstagssitzung bekannt. … Die Preise werden am Dienstag, 4. Oktober, um 17 Uhr in Wolframs-Eschenbach verliehen. …
Eine klare Alltagssprache, oft mit aggressiven Vokabeln versehen, findet sich bereits in seinen ersten Büchern. In Wortwahl, Sprache und Stilistik lässt sich Ludwig Fels in die Nähe von Vertretern des amerikanischen „Beat Poetry“ wie Charles Bukowski und Henry Miller rücken [sic]. Zahlreiche Bände mit Prosa und Gedichten, aber auch Theaterstücke und Hörspiele festigen seinen Ruf, einer der sprachgewaltigsten Autoren der Gegenwart zu sein.
Ludwig Fels, der heute in Regensburg und Wien lebt, erhielt bereits unter anderem den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt, den Kulturpreis der Stadt Nürnberg, den Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds oder den Wolfgang-Koeppen-Preis der Stadt Greifswald.
/ media-an.de, Pressemitteilung Bezirk Mittelfranken
Der Feuerwehrmann, Poet und Liedermacher schrieb früher über die Liebe und wirtschaftlich schwierige Zeiten. Als im Juni in seiner Heimatstadt Hama 65 Menschen durch Bashar al-Assads Sicherheitskräfte umgekommen waren, wurde Ibrahim Quashoush zum Politaktivisten. Sein Gedicht mit dem Refrain «Bashar, es ist Zeit zu gehen» wurde mit einer eingängigen Musik unterlegt. Die Protestbewegung in Hama machte sich das Lied zu eigen. «Die Freiheit steht vor der Tür. Bashar, es ist Zeit zu gehen! Du bist ein gesuchter Mann in Hama. Deine Fehler werden nicht verziehen», ertönte es in den Strassen der Oppositionshochburg.
Der 42-jährige Quashoush wurde über Nacht zur Gefahr für die Regierung. Anfang Juli verschwand der Poet spurlos. Gemäss der «Washington Post» wurde er verschleppt. Nur wenige Tage später wurde Ibrahim Quashoushs Leiche im Orontes-Fluss von Hama gefunden. Seine Kehle war durchgeschnitten. / Basler Zeitung
Ihre eigenen Gedichte sind fein konstruiert, folgen einem ebenmäßigen Metrum, handeln auch einmal vom Verlorensein – als Exilgedichte will sie sie aber nicht verstanden wissen.
Ihrer Lyrik wegen hadert sie mit dem Verleger, der stattdessen lieber einen Roman sehen möchte. Die gängige Auffassung vieler Verleger ist eben, dass sich ein Roman leichter verkaufen lässt.
Ob sie einen Roman schreiben will, muss sie letztlich selbst herausfinden. Die ästhetisch ansprechende Lyrik nicht zu veröffentlichen, wäre aber sehr bedauerlich. / Stephanie Kärn über Ruth Klüger, dieStandard.at 28. 7.
Stephanie Kärn ist Studierende der Germanistik und der Gender Studies sowie Redakteurin des Gender Studies Newsletter an der Universität Salzburg. Sie sprach mit Ruth Klüger, die den Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil 2011 erhielt, anlässlich deren Lesung am 24. Mai 2011.
Diskussionsbeitrag von Simone Kornappel
ein instrumentarium, um einen text für sich selbst als misslungen oder gelungen zu begreifen, ist der kopf. und einen kopf hat jeder leser, jede leserin allemal. die unlust am kauf oder die unlust am lesen eines gedichtbandes, einer anthologie oder einer zeitschrift an der mangelnden fähigkeit der leserInnen festzumachen, die texte zu verstehen, sie qualitativ abschätzen zu können, gesetzt den fall, letzteres täte unabdingbar not, attestiert sicher, dass man es regelhaft mit menschen zu tun hat, denen entweder das denken schwer- oder mindestens missfällt, was ich gelinde gesagt für unverschämt halte oder setzt eben voraus, dass leserInnen ausschließlich oder vornehmlich an schnell bzw. leicht zugänglichen texten gelegen ist, texten mit westerntür oder panikschloss, die man genau so flugs betreten wie man sie wieder verlassen kann, alles ohne jede harm. ich weiß nicht, woher, wann letztlich postuliert wurde, leserInnen hätten mental schwierigkeiten, eine gewisse bringschuld einzulösen. ganz naiv aus blöde gesprochen: als autorIn und sicher auch als verlegerIn geht man doch eher von mündigen, dem kognitiven anvertrauten leserInnen aus, will meinen, auch von solchen, denen bewusst ist, dass ein gedicht in seiner drängung nichts ist, das man binnen fünf minuten nach wasseraufguss abkonsumiert. wenn das schreiben eines gedichtes durchdringung ist, so fordert auch sein gelesenwerden eine solche ein. besagte unlust hingegen mit der behäbigkeit der texte zu erklären, an ihrem vermeintlich klausulierten innern festzumachen, hierbei die intention unterstellend, der autor, die autorin chiffriere um des chiffrierens willen, geht m.e. ebenso fehl. gedichte sind ein anderes sprechen und auch ihr verstehen verhält sich demnach anders. ähnlich einer anverwandten sprache, in der ich anknüpfungspunkte finde, sie aber nicht, noch nicht in gänze fassen kann, ist es ein stetes, ja, langsames vortasten. zwischen leserInnen und gedicht kann man da gerne eine semipermeabele membran anlegen; was und wieviel da diffundiert, hängt mit beiden seiten zusammen. aber mit dem ausgesetztsein passiert etwas, zwangsläufig. wer solche prozesse in kauf nehmen mag, besucht die sogenannten wasserglaslesungen, nimmt einen lyrikband zur hand, kauft ihn womöglich, klaut ihn vielleicht sogar vom messestand. aber dieser jemand wird zumeist ein anderer sein, als jemand, der poetryslams besucht: es sind unterschiedliche formen des unterhaltens und unterhaltenwerdenwollens, unterschiedliche geschwindigkeiten, mitunter auch der unterschied zwischen mittelbar und unmittelbar.
die drift weg vom gedicht darüber hinaus an einem überschwang an originalität festzumachen, halte ich nicht für förderlich, für falsch sogar. originalität ist kein jargon im engeren ekelsinne, sie muss nicht bedeuten, die sprache aus dem experimentellen gedanken heraus in die so oft monierten, angeblichen codes, das unleserliche zu überführen und dabei den inhalt zu verlieren. und auch die abgrenzung zwischen konventionell und experimentell, einem bestenfalls eingängigen, dabei gefühlt altbackenen und einem “stets bemüht” und demnach neu, behagt mir wenig; die genannten zuschreibungen weniger noch.
den vorwurf einer absichtlichen enigmatisierung aus der experimentellen intention heraus sehe ich schlicht so nicht gegeben, geschweige denn sehe ich einen trend zum code. mitunter lese ich dafür dann wieder zu wenig, bin zu touristisch in einer literatur als wissenschaft oder nährmedium anwesend – ohne illustrabele beispiele fällt es mir daher schwer, das ad hoc nachzuvollziehen.
auch wenn sich innerhalb des artikels abzeichnet, dass das missen von inhalten zu beklagen wäre, inhalte eingefordert werden, so ist die absprache von originalität, dem orginären sicherlich kein probates mittel, um zum gedicht zu finden und finden zu lassen. das originäre, die originalität der sprache ist neben seiner thematik bestand des gedichtes. und originalität in diesem falle bedeutet auch nicht, dass ich den stimmgeber vor den text stelle – sie bedeutet mehr die eigenständigkeit des textes, gegenwärtlichkeit als dimensionsgefüge, bei der die stimme dessen, der anhebt, zu sprechen, die neue, eigene stimme, diese sprache eben einen von mehreren parametern einer gegenwärtlichkeit darstellt. kurzum: so hölderlin heute noch lebte, wünschte ich mir, er hieße anders, schriebe anders. und dabei weiß ich wohl darum, dass es herrn brocan nicht um konserven, nicht um konservierung ging, die auch stillstand hieße. ich beiße nur just an dieser originalität an, da sie für mich nicht kausal den mangel an inhalt bedingt. nein, anders: ein gedicht, das inhalt hat, eine thematik, diese aber ohne originaltät schlichtweg listet, ohne orginäres moment der sprache, der bilder zu leisten versucht, bleibt reine sachlichkeit, ein schrebergarten. und letztlich wird damit etwas eingefordert, dass das gedicht m.e. nicht sein kann und will: ein schonraum.
dieser bedeutete, dass trotz der anwesenheit von inhalt der inhalt kaum lebendig würde. das blanke arrangieren ohne originalität generierte phantome, es bedeutete stimm- und divergenzverlust. die freiheit, die die originalität in form und sprache austreibt sorgsam beschnitten richtung einfriedung. gelegentlich vielleicht noch muzak beim flanieren nicht ausgeschlossen.
mehr inhalt, weniger bis kaum originalität scheint mir demnach nicht der honiganstrich zu sein, mit dem die gedichte wieder erfolgreich und seltenschön am rezipienten kleben.
dass verschiedene autoren bei zeiten unter tische fallen, mag sicher stimmen. und hier wird ein jeder jemanden nennen können, an dessen texten ihr oder ihm gelegen ist, der eine breitgefächerte betrachtung nach eigenem dafürhalten verdiente. warum sich also nicht anschicken, diesen missstand auszuhebeln, indem e.g. gedichte von jan kuhlbrodt oder claudia gabler oder klaus f. schneider oderoder in der nächsten NZZ vorgestellt, die stillen unter den zeitschriften genannt und beäugt werden – und die funde an noch unbekannten stimmen, die man dabei zu finden gefahr läuft.
Seels Gedichte sind ebenso überlegt wie eindringlich, und das, obwohl sie ständige Unsicherheit ausstrahlen. Das fängt bei der Kommunizierbarkeit an. Seel führt in den Zyklen »wo ihr körper beginnt« und »fuchsia« die poetische Sprache vor, deckt Situation und Wechselwirkungen auf, in denen sich Dichter, Text und Leser befinden. »es riecht nach frisch geschlagenen kiefern, schnee / fegt durch den zuschauerraum, die luft wird knapp«. Was innerhalb des Textes, bei der Autorin oder beim Leser passiert, ist kaum noch zu verorten. »wenn der raum des gedichts kein auge hat, / das auf ein außen sieht, nur bewegung // im körper des autors, welcher der leser ist«, heißt es und klingt banal, erweist sich aber als konzeptuelles Leitmotiv.
Seels Hauptthema, die Körperlichkeit, weitet sich aus, ihre Gedichte werfen in einer Doppelbewegung immer gleich essentielle Fragen der Lyrik auf. Dabei zieht sich Seel jedoch nie auf die Betrachtung der Schreibsituation zurück, verfängt sich in selbstreflexiver Redundanz oder fällt mit der Tür ins Haus. Das verhindert ihr Ton, dieser gleichermaßen sensibel gesetzte wie gewalttätige Duktus, der in manchen Momenten frenetisch, gar manisch anklingt, hochgradig emotiv ist. Das lyrische Ich, das die Gedichte durchzieht, bleibt jedoch ein unsicheres. / Kristoffer Cornils, junge Welt
Daniela Seel: ich kann diese stelle nicht wiederfinden. kookbooks, Berlin 2011, 64 Seiten, 17,90 Euro
Der US-amerikanische Songwriter und Musikproduzent Jerry Ragovoy ist im Alter von 80 Jahren in New York gestorben. Zu seinen wichtigsten Songs gehören ‚Piece Of My Heart‘ und ‚Try (Just a Little Bit Harder)‘, die in den Sechzigern durch Janis Joplin berühmt wurden, und ‚Time Is On My Side‘, welchen er 1964 für die Rolling Stones schrieb. Auch Elvis Presley, B.B.King, Dusty Springfield und Aretha Franklin spielten Lieder von ihm ein. / SZ 20.7.
Bis zum Mai dieses Jahres war der usbekische Dichter Jussuf Dschuma Gefangener des berüchtigten Lagers Jaslyk in der Wüste im Westen des zentralasiatischen Landes unweit des sterbenden Aralsees. Jaslyk ist der usbekische Vorhof zur Hölle. Von giftigen Salzen durchsetzte Sandstürme durchwehen die glühende Hitze im Sommer gleichermassen wie die klirrende Kälte im Winter. Dschuma selbst erfuhr dort Folter und Demütigungen. Drei Jahre war es ihm untersagt, Stift und Papier zu berühren. «Ich formte meine Gedichte im Kopf», sagt der 53-jährige Usbeke. Nun endlich könne er sie aufschreiben – viele tausend Kilometer westlich im amerikanischen Exil. / Marcus Bensmann, NZZ
Auszüge aus einem Aufsatz von Jürgen Brôcan in der NZZ vom 22.7. (L&Poe #87. Zu Viel Originalität):
Der deutschsprachige Leser wird gegenwärtig mit zwei Phänomenen konfrontiert: Einerseits mit der unglaublichen Fülle an Gedichten in Anthologien, im Netz oder auf Poesiefestivals, die es ihm ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium kaum mehr ermöglicht, Amateure von Profis oder gelungene von misslungenen Texten zu unterscheiden; und mit der oft einseitigen Präferenz der Kritiker für das bemüht Artifizielle andererseits, die letztlich die Freiheit des Gedichts beschneidet und einer nachhaltigen Verbreitung abträglich ist, weil sie «eine Subkultur von Spezialisten» (Gioia) voraussetzt und schafft.
(…)
Es wäre zu überlegen, ob dieses Rezeptionsverhalten, wie behauptet wurde, allein aus der Mentalität des Lesers zu erklären ist, oder ob es nicht auch zu einem beträchtlichen Teil als Reaktion auf eine zunehmende Ratlosigkeit zu verstehen ist. Die Poesie des 20. Jahrhunderts hat mit ungestillter Neugier viele stilistische Möglichkeiten und Wahrnehmungsweisen erschlossen. Sie ist und war das literarische Experimentierfeld. Aber steckt die Poesie nicht, so wie ihre Urheber, in historischen, kulturellen, sozialen Kontexten, herausgefordert von virulenten Themen, sogar noch dort, wo sie sich den Moden verweigert? Ist, was nicht experimentell auftritt, automatisch «konventionell» und somit altmodisch, überholt und darum eine ungenügende Verständnis- und Erkenntnismethode? Die Lyrik heute gleicht jedoch nicht selten einem Laborversuch, dessen Ergebnisse dem Publikum in komplexen Formeln und Geheimcodes präsentiert werden. Unter diesen Voraussetzungen verwundert ihre Marginalisierung kaum.
Die Erfolge von Autoren wie Michael Hamburger, Ranjit Hoskoté oder Les Murray beweisen, dass eine grundsätzliche Lesebereitschaft besteht. Anders als manche deutschsprachige Lyrik machen sie den Leser neugierig und stossen ihn in neue Sichtweisen, aber sie überfordern ihn nicht, weil sie formale Fragen und formale Originalität nicht vor die inhaltliche setzen. Mit Hölderlin möchte man ausrufen: «Ich wünschte um alles nicht, dass es originell wäre. Originalität ist uns ja Neuheit; und mir ist nichts lieber, als was so alt ist, wie die Welt.» Damit soll keinem literarischen Konservatismus das Wort geredet werden; nur darf die sprachliche Sondierung nicht zu Ungunsten der inhaltlichen stattfinden, in den Worten E. M. Ciorans: «Die Dichtung ist bedroht, wenn die Dichter der Sprache ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse entgegenbringen und sie zum Thema ständigen Tüftelns machen.» Wo die Inhalte ausgehen, wird das Schreiben über das Schreiben und die Sprache selbst rasch zum einzig wahren Stil erklärt.
(…)
Ein wichtiges Symptom der zeitgenössischen Lyrik war für Dana Gioia, dass die Dichter sich zurückgezogen hätten; sie suchten keinen Kontakt zum Publikum und würden sich gegenseitig beweihräuchern, zudem würden sie ihre Gedichtbücher in vielen Fällen für ihre Reputation und nicht aus künstlerischer Notwendigkeit schreiben (Ähnliches attestierte Gioia auch der Literaturkritik). Natürlich ist die Formel «Zugänglichkeit = hohe Umsatzzahlen» allzu simpel, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Vernetzung der Dichter und die punktuelle Wahrnehmung weniger literarischer Zentren wie Berlin oder Leipzig zu sich selbst bestätigenden Zirkeln führt, die nicht weltvermittelnd zur Leserschaft, sondern nur noch zu den peers sprechen.
Kritiker und auch Literaturwissenschafter neigen dazu, in den Kategorien «richtungsweisend» und «tonangebend» zu denken, damit bieten sie jedoch dem Leser keine Alternativen und berauben die Dichtung des Nebeneinanders verschiedener Stile. Warum — so liesse sich fragen — tauchen niemals die Namen von Klaus Anders, der in seiner Auseinandersetzung mit der Tradition zu profunden Versen kommt, oder Christian Saalberg und Lothar Klünner auf, die in kreativer Weise mit dem Erbe des Surrealismus spielen? Warum ist es so still um Christine Langer, Jan Kuhlbrodt, Lars Reyer, Ludwig Steinherr oder Ulrich Koch? Was ist mit den Bemühungen von Häusern wie dem alteingesessenen Rimbaud-Verlag oder der anspruchsvollen Edition Rugerup? Oder den kleinen Literaturzeitschriften, die in aller Stille arbeiten und fast nie in den Fokus medialen Interesses rücken?
(…)
Poesie hat Erfolg, wenn — in Dana Gioias Worten — bei Lesungen mehr die Dichtung als das Ego des Dichters gefeiert werde; und wenn der Leser den Eindruck hat, seine Aufmerksamkeit werde belohnt, ob nun mit leichten oder komplexen Gedichten, jedoch solchen, die ihn irgendwo abholen mit dem Versprechen eines wie auch immer gearteten Erkenntnisgewinns. Dazu fehlt derzeit vor allem eine vorurteilsfreie Diskussion und eine mediale Präsentation, die der Vielfalt der Stimmen Rechnung trüge. Denn solange die grösseren Verlage und literarischen Jurys das Wagnis scheuen, die ausgefahrenen Wegspuren zu verlassen, ändert sich nichts an der allseits beklagten Diskrepanz zwischen den Zeichen des Booms und der Empirie der schlechten Verkaufszahlen. Wenn Hölderlin heute lebte, gäbe man ihm eine Chance?
Bella Triste normally comes in, um, magazine-form, but this time each piece got its own special format: poster, pack of cards, door hanger, various booklets, etc. Normally I’m suspicious of potentially gimmicky packaging that could overpower the content, but no worries, Bella Triste is consistently overpoweringly good, and the special edition fits it to a T.
Germany has a great literary magazine culture. Many magazines are subsidized, and therefore affordable, beautifully designed, and willing to take chances on risky writing. Many are unsubsidized, yet still affordable, beautifully designed, and willing to take chances on risky writing. That’s why I thought I’d start a series of posts profiling Germany’s hip, sexy, intellectual, and, yes, stylistically coherent literary magazines.
As you may have guessed, I’ll start with Bella Triste. Just as close to my heart is Edit, which will come next. Between these two alone, you’d have a pretty good survey of the writers your great-grandchildren will know as the creators of “early 21st-century German literature.” / Amanda Demarco, readux.net
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