Makedonien, vormals südlicher, an Griechenland und Bulgarien grenzender Teil Jugoslawiens, ist hierzulande weitgehend unbekannt. Noch unbekannter dürfte die Lyrik dieses Landes sein. Ihr Beginn wird mit den Werken der Brüder Konstantin und Dimitar Miladinov auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Seit den 1960er-Jahren findet alljährlich in Struga, dem Geburtsort der Brüder, ein internationales Poesiefestival statt, und der wichtigste Literaturpreis des Landes ist nach ihnen benannt. 2007 erhielt ihn der 1973 geborene Lyriker, Essayist und Übersetzer Nikola Madzirov für einen Gedichtband, der nun unter dem Titel „Versetzter Stein“ auch auf Deutsch erschienen ist.
Der Name Madzirov leitet sich ab von „Madziri“, einem arabischen Wort. Es bezeichnete ursprünglich die Anhänger Mohammeds, die ihm von Mekka nach Medina folgten und bedeutet heute: Menschen ohne Zuhause. So wurden die Vorfahren des Autors bezeichnet, die infolge früherer Balkankriege ihre Heimat verlassen mussten, als diese an Griechenland fiel. / Carsten Hueck, DLR
Nikola Madzirov: Versetzter Stein
Aus dem Makedonischen von Alexander Sitzmann
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011
61 Seiten, 14,90 Euro
Google News meldet:
Misere des zeitgenössischen Gedichts
Cineastentreff
Brôcan spielt auf einzelne Kritikerkollegen an, die nicht müde würden, permanent zu verkünden, dass die Lyrikbranche „boome“, dann aber Autoren als Boomer ausgäben, deren Lyrik „nicht selten einem Laborversuch“ gleiche, „dessen Ergebnisse dem Publikum …
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Allmählich wird die Sache undurchdringlich. Hier mal eine Biblio- bzw. Netographie der laufenden Lyrikdebatte:
65. Hohle Nüsse und Saftbetrieb
Ein Kommentar von Axel Kutsch
Lyrikzeitung 15. Oktober (52 Kommentare)
Hohle Nüsse und junge Milde. Axel Kutsch zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb
Erstellt am 16. Oktober 2011 von Anton G. Leitner
VIEL SAFT UND WENIG WÜRZE
Ein Gastbeitrag von Axel Kutsch zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb
Erstellt am 16. Oktober 2011 von Anton G. Leitner
Götterschöner Freudefunken: Die 19. Folge der Zeitschrift DAS GEDICHT ist erschienen. Arne Rautenberg und Anton G. Leitner haben sie ediert.
Erstellt am 24. Oktober 2011 von Anton G. Leitner
107. Aufgescheuchte Kinder
Auszug aus dem vorigen Beitrag von Anton G. Leitner
Lyrikzeitung 24. Oktober (16 Kommentare)
Misere des zeitgenössischen Gedichts
Von Anton G. Leitner
Cineastentreff 25.10.
Kampagne? Networking? Trotz der vielen Titel handelt es sich nur um 2 Texte, einen von Axel Kutsch, den er am 15.10. an die Lyrikzeitung schickte, und einen von Leitner auf seinem Blog vom 24.10., der gestern abend unter signifikant anderem Titel bei Cineastentreff wieder erschien und von mehreren Google-Newslettern gestern und heute gestreut wurde. Eine Fundgrube für philologische, sprachkritische, sozio- und psychologische, logische usw. Untersuchungen. Auch ich werde mich aus ihr bedienen und versichere: erfreulich wird es vielleicht nicht, aber genau hinsehen lohnt immer.
Ein neu erworbenes Buch sendet bereits Signale aus, bevor man es aufschlägt. Die vierte Luchterhand-Ausgabe von Norbert Hummelt ist diesmal ein Hardcover-Band mit Umschlag. Im Vergleich mit den beiden ersten Sammlungen („Zeichen im Schnee“ 2001 und „Stille Quellen“ 2004), deren Äußeres mit dem umlaufenden Textzeilen-Band betont nüchtern wirkte, hat er eine fast erlesene Aura: der grau schattierte Titel auf zartfarbigem Schilfblätter-Hintergrund scheint auf einer Wasserfläche leicht zu schwanken, ebenso das Zitat auf der Rückseite „u. jeder/ von uns /träumt u. treibt/dahin.“ Das erweckt die Assoziation des träumerisch Verschwommenen, naturhaft Gefühligen – aber so kennen wir Norbert Hummelt gerade nicht. Er verwebt doch sonst allerhand handfeste Alltagserfahrungen in seine lyrischen Teppiche, mit Ortsnamen und konkreten Szenerien bis hin zu den kleinen Peinlichkeiten des bürgerlichen Lebens. Oder erwartet uns ein panischer Schrecken, wird der Ziegennasige, Bocksfüßige in der stillen Mittagsstunde mit seinem Schrei hervorbrechen? Hat er sich vielleicht resigniert, aber pfiffig, nachdem ihm die schöne Syrinx entwischt ist, aufs Flöteblasen verlegt? Jedenfalls, wer eine Gedichtsammlung „pans stunde“ nennt, gibt sich nicht postmodern, sondern deutet einen Zusammenhang mit unserem abendländischen Bildungshintergrund an. / Christa Wißkirchen, fixpoetry
Norbert Hummelt: Pans Stunde. Gedichte. Luchterhand Verlag, München 2011.
Anlässlich dieses wunderbaren Jubiläums am 3. November 2011, 18 Uhr, im Musikgymnasium Belvedere Weimar, freuen wir uns besonders, so außergewöhnliche und vielfältige lyrische Stimmen präsentieren zu können. Neben Jayne-Ann Igel, Marlen Pelny, Steffen Popp und Olaf Weber können wir auch den diesjährigen Thüringen-Preisträger Jürgen Becker begrüßen. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, verbrachte seine Jugend in Erfurt, immer wieder schöpfen seine unverwechselbaren Gedichte Motive aus dieser wiederentdeckten Landschaft. Seine Gedichte sind beispielhaft für die Präzision des Wahrnehmens und die Intensität des Erinnerns.
Auch dem gebürtigen Greifswalder Steffen Popp darf man gratulieren, er erhielt u.a. in diesem Jahr den Leonce-und-Lena-Preis. Er widmet sich – mit metaphorischer Kühnheit – der klassischen Gattung der Landschaftsgedichte und entwirft in ihnen ein aufgeklärtes, zeitgenössisches Antiidyll. Die Gedichte der Dresdener Lyrikerin Jayne-Ann Igels hingegen zeichnen sich durch ein mäanderndes, sensibles Textgewebe aus: Der literarische Urstoff dieser Dichterin ist der Traum, eine Materie, die keine Begrenzungen kennt, eine Materie auch, mit der die Poeten seit Novalis’ Hymnen an die Nacht an „den Schlaf der Welt rühren“ wollen. Durchaus musikalisch, von großer Leichtigkeit, mit einem Gespür für den Zauber des Alltäglichen, sind die Gedichte der in Nordhausen geborenen Musikerin und Dichterin Marlen Pelny. Dass es für die Entdeckung eines lyrischen Talents kein Alter gibt, beweist der Weimarer Prof. Olaf Weber. Seine Gedichte feiern die Freude am Absurden, dem akrobatischen Wortwitz, der nichts zu ernst verstanden wissen will. Doch gerade zu diesem Jubiläum soll besonders Gisela Kraft, der leidenschaftlichen Initiatoren und großen Weimarer Dichterin gedacht werden, aus diesem Grund werden nicht nur die Schüler und Schülerinnen des Musikgymnasiums den Abend musikalisch begleiten, ihnen zur Seite steht auch die Musikerin Reinhild Cleff, die mit ihrem Kollegen Frank Fiedler, eine musikalische Improvisation auf ihrer Schwester Gisela Kraft aufführen wird.*) Es moderiert: Nancy Hünger.
Die Mitteldeutsche Lyriknacht ist eine gemeinsame Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., des Lesezeichen e.V., der Stadt Weimar und dem Musikgymnasium Belvedere. / stadt.weimar.de
*) hier geht was schief, M.G.
(Originaleintrag von 2001. Nachträge 2011 vielleicht später)
| Selbstvergessenheit Der Strom – floss, Der Mond vergoss, Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß Mich selbst, als ich so saß Beim Weine. Die Vögel waren weit, das Leid war weit, und Menschen gab es keine. Li Bai (Li Tai Bo), deutsche Fassung von Klabund , in: Klabund. Chinesische Gedichte. Nachdichtungen. Stuttgart Zürich Salzburg: Europäischer Buchklub, ca., 1958 (S. 53) (ursprünglich Phaidon Verlag Zürich). (Eigentlich ein Gedicht von Klabund nach einem Motiv von Li Bai.) |
Selbstvergessenheit Ich saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln, Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten. Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln – Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten. (Franziska Meister aus dem Englischen des Arthur Waley) Ist das dasselbe Gedicht? Man muß schon ein wenig grübeln und schauen. |
Self-Abandonment I sat drinking and did not notice the dusk, Till falling petals filled the folds of my dress. Drunken I rose and walked to the moonlit stream; The birds were gone, and men also few. (Englisch von Arthur Waley) Nach einem Kommentar hier |
| Selbstvergessen Vor mir der Wein. Ich spürte kaum das Nahn der Dunkelheit. Von niederfallendem Blütenflaum war mein Gewand beschneit. Das stand ich auf und stieg den Bach entlang in Trunkenheit. Der Mond… – kein Vogel war mehr wach; die Menschen waren weit. (Günther Debon) |
Verlassenheit Trinkend saß ich und achtete nicht, Wie das Dunkel der Nacht mich umhüllte. Blütenblätter rieselten dicht, Daß des Mantels Falte sich füllte. Ich erhob mich trunken und wanderte schwer, Und der Mondstrahl wies mir die Straße. – Die Felder dehnten sich menschenleer, Die Vögel schliefen im Grase. (Vincenz Hundhausen) |
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| Gedichte von Li Bai kann man Chinesisch hören (und Chinesisch und Englisch lesen) auf dieser Seite: http://www.chinapage.com/libai/libai2e.html – aber wohl nicht dieses. |
Often caused by the conflict between Word Of God vs Word Of Dante. At its most extreme, it leads to Death Of The Author. / tvtropes.org
Endlich kommt Niveau in der Debatte:
Axel Kutsch hielt sich in seinem zornigen Kommentar bewusst mit der Nennung von Namen zurück. Sein kleiner Kunstgriff erwies sich als wahrer Kunstkniff, da sich etliche vermeintlich Betroffene – die ersten von ihnen schon wenige Minuten nach der Publizierung des Beitrags – erbost im Internet zu Wort meldeten. So begannen ausgerechnet viele geförderte Autoren und Kleinverleger, darüber wilde Spekulationen anzustellen, wen Kutsch mit seiner Attacke wohl gemeint haben könnte. Manche Kommentare lesen sich fast so, als wären sie von aufgescheuchten Kindern gepostet worden, denen zuvor ihre Eltern bzw. Vater Staat mit Taschengeld-Entzug gedroht hätten. Einige Kommentierungen wirken seltsam naiv und geradezu entwaffnend ehrlich. So wundert sich ein vielfach preisgekrönter Lyriker selbst darüber, von seiner „Lyrik leben zu können“ und vermutet, er würde aus sozialen Gründen gefördert: „Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte“. Was er – wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen – übersieht, ist, dass ihn nicht die Lyrik, also seine Leserschaft, ernährt, sondern Subventionen und Preisgelder, die größtenteils aus Steuergeldern stammen.
Und wieder einmal war es Wilhelm Müller, der ewig Unterschätzte, der eine genuin moderne Problematik auf den Punkt gebracht und deutlich gemacht hat: noch zu Lebzeiten Goethes: der stach im Divan, mit füchsisch ziselierten Gedichten wie Phänomen, durch schiere Spracharbeit schon Quellen an, die in das einflossen, was wir Moderne nennen. Müller machte geradeaus inhaltlich und motivisch dem Vorgängigen den Garaus. Ob wir es einmal noch erkennen? Müllers Dichtung wurde kein Schicksal für uns, da sie sich in das Lied zurückgezogen hatte und mit den Zyklen Schuberts den schönsten Kokon erhielt, um ungestört und unerkannt zu überwintern. Müllers fintenreiche politische Dichtung, seine unvertonten Lieder schlummern gänzlich ungelesen; seit 1994 schlummern sie zumindest in einer verlässlichen und vollständigen Ausgabe. Wie genau und präzise er den Bildvorrat der ausgehenden Romantik ein Stückchen drehte, um eine ganz andere Erfahrung zum Ausdruck zu bringen, ist jedes Mal wieder die Entpuppung eines großartigen, aber düsteren Falters, wenn man sich etwas Zeit nimmt, um zuzusehen. / Tobias Roth, fixpoetry
Feliu Formosa liest aus seinen Gedichten (katalanisch).
Moderation, Übersetzungen und Lesung der deutschen Texte: Àxel Sanjosé
Montag, den 7. November 2011, um 20 Uhr
Lyrik Kabinett München
Eintritt: €7,- / € 5,-; Mitglieder: freier Eintritt
Feliu Formosa, geb. 1934 in Sabadell, Katalonien, erhielt 2011 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland: Er übertrug über hundert Theaterstücke, Gedicht- und Essaybände der deutschen Literatur ins Katalanische und Spanische (Goethe, Kleist, Heine, Rilke, Trakl, Wedekind, Musil, Kafka, Th. Mann, K. Valentin, Achternbusch und vor allem Bertolt Brecht und Thomas Bernhard); seine Übersetzungen von Dramen brachte er z.T. als Regisseur und Schauspieler selbst auf die Bühne. Über dieser Vermittlertätigkeit blieb in Deutschland lange übersehen, dass Formosa selbst mit seinen Gedichten und Tagebüchern zu den bedeutendsten Autoren der katalanischen Gegenwartsliteratur zählt und dafür auch zahlreiche renommierte Preise erhielt.
Àxel Sanjosé, geb. 1960 in Barcelona, ist Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer (u.a. von P. Gimferrer); hauptberuflich für das Designbüro KMS tätig; Lehrauftrag am Institut für Komparatistik der LMU. Für das Lyrik Kabinett kuratierte und übersetzte er die katalanische Anthologie: Vier nach (2007) mit Gedichten von E. Casasses, E. Escoffet, A. Pons und V. Sunyol.
COM SI RES
I anar-te fent a la idea
Del no-res
Tot des-
Sacralitzant-la
I descobrir que no es tracta
Sinó d’habituar-se
A la pròpia solitud
I així cada vegada
Desvetllar més el gaudi
De l’instant
I sempre retornar
Als records i al combat
Com si res
Com si tot
Als ob nichts wäre
Und dich langsam mit der Vorstellung
Des Nichts anfreunden,
Indem du sie ent-
Heiligst
Und entdecken, dass es um weiter nichts geht,
Als sich an die eigene Einsamkeit
Zu gewöhnen
Und so jedesmal
Den Genuss des Augenblicks
Weiter wecken
Und immer zurückkehren
Zu den Erinnerungen und zum Kampf
Als ob nichts wäre
Als ob alles wäre
Feliu Formosa, übertragen von Àxel Sanjosé
Exemplarisch für viele Häfner-Texte werden hier mehrere Signalketten verknüpft: eine astronomische („sternhagelvoll“, „Milchstraße“, „schwarzes Loch“), eine sexuell konnotierte („Nagel“, „schwarzes Loch“), eine mythologisch-geschichtliche („Engel“, „Hieroglyphen“) und eine computertechnische („Portal“, „runtergeladen“). Das Wort Sehnsucht rahmt in der ersten und letzten Zeile das Geschehen, und auf der Mittelachse („sternhagelvoll“) funkelt doppelbödiger Humor. So entsteht ein Flechtwerk unterschiedlicher Sprachstränge in rätselvoller Verdichtung. Diese für Häfner charakteristische Methode hat durchaus mit seinen früheren Tätigkeiten zu tun. Bis Mitte der achtziger Jahre arbeitete Häfner als Silberschmied, Metallgestalter und Restaurator in Erfurt, bevor er wie so viele Künstler nach Berlin-Prenzlauer Berg übersiedelte. Zunächst publizierte er in Undergroundzeitschriften, nach 1989 trat er mit Künstlerbüchern, Romanen und immer wieder mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit.
Am heutigen Tage wird der mocking bird, wie auf Englisch jene Spottdrossel heißt, die immer wieder seine Gedichte durchschwirrt, siebzig Jahre alt. Da zu seinen Tugenden neben einem scharfen Verstand, außerordentlicher Belesenheit, Neugier auf das Schaffen jüngerer Kollegen auch eine herzöffnende Freundlichkeit und schamanesker Charme gehören, nimmt es nicht wunder, dass viele gratulieren wollen. / Peter Geist, Tagesspiegel
Zu Ehren von Eberhard Häfner lesen am Samstag, den 29. Oktober ab 19 Uhr in der Villa Elisabeth (Invalidenstr. 3b) unter anderem die Schriftsteller Volker Braun, Kurt Drawert, Bert Papenfuß, Björn Kuhligk und Steffen Popp. Der Gedichtband „Per Anhalter durch den Verstand“ (100 Seiten, 9,50 €) ist im Münchner Allitera Verlag erschienen.
Am 21. Oktober tagte im Rahmen des Wettbewerbs postpoetry.2011 die Jury/ Kategorie „Lyrikerinnen und Lyriker NRW“.
Aus den fast 300 anonymisierten Gedichten wählte die Jury folgende als Preisträgertexte aus:
als Herr Bauer schon gestorben war
von Marius Hulpe (Soest)
fièvre marrakechien
von Christoph Wenzel (Aachen)
Gelübte
von Jovan Nikolic (Köln)
TELENOVELACRIMO
von Ralf Thenior (Dortmund)
Und überall können wir singen
von Marie T. Martin (Köln)
In der Kategorie „Nachwuchsautorinnen und –autoren“ fallen die Entscheidungen am 29. Oktober.
Das Schnepfenfeld
Ich habe alle aufgestellt
Die einen ganz nach rechts gestellt
Die andern ganz nach links gestellt
Die übrigen erst mal zurückgestellt
Die Polen habe ich zurückgestellt
Franzosen habe ich zurückgestellt
Die Deutschen habe ich zurückgestellt
Hab meine Engel herbestellt
Und oben Raben hingestellt
Und andere Vögel hingestellt
Darunter dann ein Feld gestellt
Ein Feld zur Schlacht bereitgestellt
Ich habe Bäume draufgestellt
Hab Eichen, Fichten draufgestellt
Und ein paar Sträucher draufgestellt
Ich habe es mit Gras bedeckt
Mit kleinen Käfern vollgesteckt
Nun sei’s, wie ich’s mir vorgestellt!
Nun lebe man, wie ich’s bestellt!
Nun sterbe man, wie ich’s bestellt!
Drum siegen heute mal die Russen
Sind nämlich nette Jungs, die Russen
Und nette Mädchen auch, die Russen
Sie litten schrecklich viel, die Russen
Ertrugen Schlimmes, nicht von Russen
Drum siegen heute mal die Russen
Was soll noch werden, wenn schon jetzt
Die Erde bröcklig wird schon jetzt
Der Staub den Himmel schwärzt schon jetzt
Gesteine bersten in der Erde
Und Wasser rasen in der Erde
Und Tiere rasen in der Erde
Und Menschen laufen auf der Erde
Gehn vor und rückwärts auf der Erde
Und Vögel ziehn über der Erde
Die Raben ziehn über der Erde
Und doch sind die Tataren netter
Ich finde die Gesichter netter
Und finde ihre Stimmen netter
Und finde ihre Namen netter
Und find auch ihr Betragen netter
Die Russen find ich zwar adretter
Und doch sind die Tataren netter
Drum sollen die Tataren siegen
Von hier aus kann ich alles sehn
Ich sagte, die Tataren siegen
Und morgen wird man weitersehn
(1976)
Dmitri Prigow: Der Milizionär und die anderen. Gedichte und Alphabete. Leipzig: Reclam 1992, S. 9f. (Übertragungen von Günter Hirt und Sascha Wonders)
Es gibt Stimmen, die sagen, Sprache wäre entstanden aus sich berührenden Gebärden. Wenn zwei Personen voreinanderstehen und die Phase der langsamen Annäherung geschafft ist, mag es dazu kommen, dass eine flache Hand auf die Brust des anderen gelegt wird. Oder, ein starkes Ding, die vier Hände schliessen sich so ineinander, dass alle Finger und Daumen mit ‚eingeschlossen‘ sind. Taktile Reize. Berührungs-Meldungen! Der Daumen in seiner Druckbewegung sagt etwas anderes als der Zeigefinger. – Diese intensive Gebärde im Ganzen (vier Hände, 16 Finger, 4 Daumen) kommt mir vor wie der erste Hauptsatz, den Menschen gesprochen haben.
Ein sich Vorfinden im Raum für jede Person und beide im Zusammenschluss wird erlebt. Vielleicht ist die eine Seite aktiver als die andere. Oder die Finger bleiben still und nur die Daumen erlauben sich, den Handballen der Gegenperson in Druck und im Reiben zu erkunden.
*
Dass die Sprache „auf etwas hin“ gerichtet ist, wird besonders beim Spiel Frage und Antwort klar. Diese Gesprächsfigur ist brüderlich, geschwisterlich. Denn in meine Frage baue ich ein Stück meines Gegenüber und der (erwarteteten, erwünschten) Antwort sein.
Ein Tipp fürs Denken und Schreiben wäre also, dabei mit sich selbst in einen Dialog zu treten und so zu tun, als wüsste ich das, was ich meinem eigenen Gegenüber erzähle, noch gar nicht.
Solche Konstellationen sind schöpferisch-produzierend.
/ Wilhelm Fink (Hamburg)
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