Der Dichter (poet, lyricist) Mullanezhy Neelakanthan starb am Sonnabend nach einer Herzattacke im Alter von 63 Jahren.
Mullanezhy, den Freunde und Kollegen gewöhnlich ‘Mullan Mushu’ nannten, glaubte fest daran, daß die Lyrik nicht nur um der Literatur willen da sein dürfe, sondern auch als Katalysator für soziale Reformen fungieren müsse. Seine Gedichte wurden meist auf der Bühne und bei sozialen Kampagnen vorgetragen. / The Hindu 22.10.
Sogar Gedichte könne man Kindern schmackhaft machen, sie zum Beispiel zum Nachdichten animieren. / Wiesbadener Kurier
In der Tat. Der Berliner Literaturwissenschaftler Remigius Bunia sagte neulich in einem anderen Zusammenhang, „da brauchte man Germanisten, die sich für irgendwas ernsthaft interessieren“, fand ich süß (und gar nicht falsch). Hier ist es noch einfacher. Man brauchte nur Erwachsene, die selber keine Angst vor Gedichten haben (und sie nicht nur als Objekte der Interpretation mißbrauchen).
Pech für die Stiftung Weimarer Klassik und die Öffentlichkeit: Die überraschend aufgetauchte Reinschrift von Friedrich Schillers berühmter «Ode an die Freude» gelangt in Privatbesitz. Bei der zweitägigen Autografen-Auktion, welche die Antiquariate Moirandat (Basel) und Stargardt (Berlin) am Freitag im grossen Saal von Basels Schmiedenhof begonnen haben, erhielt ein anonymer telefonischer Bieter den Zuschlag. …
Philologisch ist das Autograf von Bedeutung, weil sein Text erhebliche Abweichungen zur gedruckten Ausgabe aufweist. So wurde etwa aus dem handschriftlichen «Jeder Schuldschein sei zernichtet» (Vers 69) im Druck ein «Unser Schuldbuch sei vernichtet». Die «helle Abschiedsstunde» in Vers 105 verwandelte sich in eine «heitre Abschiedsstunde», und in Vers 108 erwartet die Bruderschaft der Menschen einen sanften Spruch nicht «aus des Sternenrichters», sondern «aus des Todtenrichters Mund». Es gibt noch weitere Abweichungen. / Joachim Güntner, NZZ (der Artikel enthält ein schönes Faksimile)
A C H T U N G
Thou shalt be-Nothing.- OMAR KHAYYAM
Tombless, with no remembrance.-SHAKESPEARE
Dead thou shalt lie; and nought
Be told of thee or thought,
For thou hast plucked not of the Muses´ tree:
And even in Hades´ halls
Amidst thy fellow-thralls
No friendly shade thy shade shall company!
Translated by Thomas Hardy, with his reference to Khayyam and Shakespeare.
Confucius to Cummings. An Anthology of Poetry. Edited by Ezra Pound and Marcella Spann. New York: New Directions, 1964 (Tenth printing) 1.1926. S. 18.
Manfred Hausmann
Gänzlich, wenn du einst stirbst,
schwindest du hin,
niemand wird dein gedenken,
niemand wünscht dich zurück,
denn du hast nie
Rosen gebrochen im
Land der Musen, und so
wehst du hinab
ruhmlos ins Land des Hades
und verlierst dich alsbald
irrenden Flugs
unter den fahlen Toten
Manfred Hausmann: Sappho. Lieder und Bruchstücke (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung) Hamburg Heinrich Ellermann, 1948 (Nr. XIV)
[Achtung: so deutsch überschreibt der englische Autor Thomas Hardy (1840 – 1928) seine Nachdichtung eines Sappho-Fragments, aufgenommen in Ezra Pounds Anthologie „Confucius to Cummings“, 1926.
Durch die Original-Referenzen an Omar Khayyam und Shakespeare entsteht ein Palimpsest aus den vier Schichten: Antike, Persien, Elisabethanisches England, Viktorianisches England. Ich bin so frei, der deutschen Spur eine weitere deutsche Schicht hintenanzufügen.
Das deutsche Wort – bei Hardy noch ohne Ausrufezeichen; das im 20. Jahrhundert für viele Völker neue Bedeutung annehmen sollte – verstärkt die Drohung des Gedichts – während der Deutsche sie in Poesie abschwächen möchte.]
Nachtrag 2011
Fassung von Anne Carson
55
Dead you will lie and never memory of you will there be nor desire into the aftertime–for you do not share in the roses of Pieria, but invisible too in Hades' house you will go your way among dim shapes. Having been breathed out.
Aus: If not, winter. Fragments of Sappho. Translated by Anne Carson. New York: Vintage Books 2003, S. 115.
55LP/58D
κατθάνοισα δὲ κείσῃ οὐδέ ποτα
μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ‘ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ
γὰρ πεδέχῃς βρόδων
τῶν ἐκ Πιερίας· ἀλλ‘ ἀφάνης
κἠν Ἀίδα δόμῳ
φοιτάσεις πεδ‘ ἀμαύρων νεκύων
ἐκπεποταμένα
An eine ungebildete Reiche
Wenn du starbest, du wirst liegen
und wird keine Erinnrung mehr
Dann hinfüro zurückbleiben von
dir, denn an Pieria’s
Rosen hast du nicht Teil. Nein un-
gesehn auch in des Hades Haus
Wirst du wandeln , dahinschwebend mit
lichtloser Gestorbenen Schar.
[Übersetzung: G.Thudichum (33)]
Aus der Tusculum-Ausgabe:
55 Voigt
Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch [niemals] später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades‘ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.
In: Sappho: Gedichte (Tusculum) Hrsg. / Übers. Andreas Bagordo, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2009, S. 126f.
Von Kai Pohl
Ann Cotten ist etwas kleiner als Bertolt Brecht,
aber etwas größer als Bert Papenfuß.
Bertram Reinecke ist größer als Dorothea von Törne.
Durs Grünbein ist kleiner als Elke Erb.
Ernst Jandl ist kleiner als Friederike Mayröcker.
Gottfried Benn ist etwas größer als Greifswald.
Hans Magnus Enzensberger ist kleiner als Herta Müller,
die wiederum kleiner als Jan Wagner ist.
Friedrich Hölderlin und Johann Wolfgang Goethe sind gleich groß,
genauso wie Kathrin Schmidt und Marion Poschmann
oder Konstantin Ames und Michael Lentz.
Monika Rinck ist größer als Oskar Pastior,
aber kleiner als Paul Celan.
Rainer Maria Rilke ist so groß wie Thomas Kling,
jedoch nicht so groß wie Ron Winkler.
Thomas Kunst ist größer als Tom de Toys,
Tom de Toys ist größer als Tom Schulz,
und Tom Schulz ist kleiner als Ulf Stolterfoht,
der größer ist als Thomas Kunst und Tom de Toys.
Valeri Scherstjanoi ist kleiner als Volker Braun,
der die Größe von Wien hat.
Ted Kooser ist der Größte.
Quelle: Schlagwortwolke der Lyrikzeitung & Poetry News (lyrikzeitung.com) vom 18.10.2011
„Matthias“ BAADER Holst (1962 Quedlinburg – 1990 Berlin)
sackratte als lyrikfreak ich liebe dichter weil sie saufen ficken und kaputt sind und einer konnte sprechen ich habs selbst gehört der lebt von mongolei und vorhaut wie du von cad cam echt regimegestört totaler assi schnabeltassen/inti so syphmeschugge wie kein andrer gott die schärfste ratte seit bokassa
Aus: Versensporn 2: „Matthias“ BAADER Holst. Jena: Edition Poesie schmeckt gut 2011. 32 S., 3 € (Dieses Gedicht wie 9 weitere in dem Heft aus dem Nachlaß)
Bestellung: poesieschmecktgut@web.de
Zur Zeit der sandinistischen Revolution verkaufte sich Nicaragua als «Land der Vulkane und der Poesie». Dichten, Singen und Träumen von einer besseren Zukunft gehören zur zweiten Natur der Nicaraguaner. Spätestens seit der Nationaldichter und Erneuerer der spanischen Lyrik Rubén Darío Weltruhm erlangte, hat jeder «Nica» – so die geläufige Bezeichnung für die Nicaraguaner – seine eigene poetische Ader entdeckt. Ob Politiker oder Anwalt, ob Student oder Sekretärin, wer etwas auf sich hält, schmiedet Verse. Man erzählt sich, dass in früheren Zeiten sogar Eingaben ans Finanzamt in Verse gegossen wurden und auf Grabsteinen die letzte Gedichtzeile des Verstorbenen prangte.
Granada selber hat sich zur lyrischen Hochburg des Landes erklärt, nicht zuletzt weil eine der auffälligsten Gestalten der Revolutionszeit, der Priester und Poet Ernesto Cardenal, hier geboren wurde und weil hier das der Völkerverständigung gewidmete Kulturzentrum «Casa de los tres Mundos» (Haus der drei Welten) steht. Dessen Gründung geht auf die Initiative Cardenals und des österreichischen Schauspielers Dietmar Schönherr zurück. Cardenal selber richtete als Kulturminister in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts im ganzen Land «Werkstätten der Poesie» fürs Volk ein. / Richard Bauer, NZZ
Interessantes vermeldet der Artikel auch über das Poesie-Festival von Granada, dessen 8. Auflage für Februar 2012 geplant ist:
Auf dem taghell erleuchteten weiten Platz neben der barocken Kathedrale werden vor Hunderten verzückter Zuhörer nächtelang Gedichte rezitiert und Balladen gesungen. An einer Buchmesse signieren die Autoren ihre Werke. Zum Abschluss des Festivals fährt – dem Papamobil ähnlich – ein mit Lautsprechern bestücktes «poeta-móvil» durch die Strassen, auf dem Dichter ihre Verse lesen. Begleitet werden sie von einem Umzug wild lärmender Tanz- und Fasnachtsgruppen.
Die neue „Volltext“-Ausgabe wartet mit einem Experiment auf, das auf die Enthierarchisierung des Literaturbetriebs zielt, im Grunde aber nur eine uralte Idee neu auflegt. Die Namen der Heft-Autoren sind nämlich anonymisiert, um die Aufmerksamkeit ganz auf den Inhalt und den stilistischen Habitus der einzelnen Beiträge zu lenken. Die Sabotage am eitlen Autorenkult ist jedoch nur halbherzig durchgeführt, denn wer die Autorennamen erfahren will, braucht nur die Internet-Seite von „Volltext“ aufzurufen. Das biedere Anonymus-Spiel sollte uns daher nicht weiter beschäftigen, dafür aber die durchweg von Schriftstellern verfassten Kritiken in dieser Ausgabe.
Volltext Nr. 3/2011
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.
Die Dichterin Sylvia Geist folgt in ihrem Essay „Das Aber der Aprikosen“ den Spuren der Konjunktion „Aber“ vom Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm bis hin zur Weltdichtung Inger Christensens. Hier isst ein sehr poetischer, auch in seiner Vielgestaltigkeit großartiger Essay entstanden, der ein kleines Wort in seiner äußeren Gestalt wie auch in seinen inneren Hallräumen und Konnotationen prüft.
Solche mikroskopischen Untersuchungen an unscheinbaren Wörtern oder Naturphänomenen sind in der deutschen Essayistik selten geworden.
Edit Nr. 56,
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.
Der Spatz sei ein Räuber, ein Nahrungskonkurrent des Menschen, er sei auch der Unkeuschheit überführt, zudem strapaziere er uns durch seinen ohrenbeleidigenden Gesang. Die Beliebtheit dieser Vögel ohne jeden prachtvollen Federschmuck ist denkbar gering. Einzig die Dichtung weiß den grauen Vogel, der uns seit der Jungsteinzeit begleitet, noch zu würdigen. Etwa Durs Grünbein in seinem schönen Gedicht „Noch eine Regung“: „Grüß dich, Sperling in der Pfütze, guter Geist, / Da am Wegrand badend, immerfort gehetzt. / Weißt ja längst, was demnächst jeder weiß, / Deine Regenfrische sagts. – Ich übersetze: / Tschilp, tschilp, wie fragil ist dies fossile, / Euer Monstrum, tschilp, Gesellschaft doch.“
Lettre International 94 ![]()
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 140 Seiten, 11 Euro.
Der zweite Grenzüberschreiter in „Am Erker“ ist ein wuchtiger Außenseiter der späten DDR-Literatur, der früh gestorbene Punk-Poet „Matthias“ BAADER Holst. Der einst aus Halle an den Prenzlauer Berg gekommene Autor musste in seinem schmalen Werk immer besonders dick auftragen, um in seiner Exzentrik bemerkt zu werden. In seinem Text „viel spaß auf der titanic“ hat Holst seinen Platz in der Literaturgeschichte anvisiert: „ich halte dir einen platz frei in der weltgeschichte vielleicht zwischen beowulf und brechreiz vielleicht zwischen benn und bethlehem vielleicht in der straßenbahn“. Bei Benn und Bethlehem war dann doch kein Platz mehr frei. Eine Straßenbahn wurde ihm zum Verhängnis. Ende Juni 1990 wurde BAADER Holst in der Oranienburger Straße in Berlin unter nie geklärten Umständen von einer Straßenbahn angefahren und erlag eine Woche später seinen Verletzungen.
Am Erker 61 ![]()
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.
/ Michael Braun, Poetenladen
So interessant und wichtig das lyrische Werk des Prager Dichters Rainer (ursprünglich René) Maria Rilke für die Nachwelt geworden ist – seine politischen Ansichten sind mit großen Vorbehalten zu betrachten. So feierte er Benito Mussolini und Italiens Weg in den Faschismus, den er trotz seiner Verherrlichung der Gewalt als ein Heilmittel gegen die Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ansah. Ambivalent war auch sein Verhältnis zu den Tschechen: Es spiegelte die gängigen Meinungen vieler – auch wohlmeinender – Prager Deutscher der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wider.
Die Tschechen waren für sie – nämlich die Deutschen, die sonntags „am Graben“ (Na příkopě) promenierten, während die begüterten Tschechen streng voneinander getrennt auf der Národní třída, damals noch nach dem österreichischen Ferdinand benannt, herumspazierten – ein unterentwickeltes Bedienervolk. Rilke bezeichnete sie als „junges“ Volk, das sich – daher der Hass auf die Deutschen – gegen das „alte“ Volk der Deutschen auflehnt; anders ausgedrückt: Das Volk der Tschechen war seiner Meinung nach ein zweitklassiges gegenüber dem deutschen Volk, das der ersten Klasse angehörte. Rilke schätzte an den Tschechen einerseits eine folkloristische Grundstimmung, glaubte bei ihnen eine schwermütige und realitätsferne Lebenshaltung zu erkennen und lehnte andererseits jedes Recht auf politische Betätigung der Tschechen – vor allem ihre nationalen Bestrebungen – ab. Dabei lebten um die Jahrhundertwende neben 475.000 Tschechen lediglich 35.000 Deutsche (darunter 25.000 Juden) in Prag.
Am Rande bemerkt: Prag als deutsche Stadt zu bezeichnen, wie unter den Deutschböhmen üblich, war weltfremd. Der deutsch-böhmisch-jüdische Literaturwissenschaftler Peter Demetz hat die herablassende Haltung Rilkes gegenüber den Tschechen perfekt beschrieben. Sie entsprach dem allgemeinen Standpunkt der Prager Deutschen, von denen viele glaubten, keine Nationalisten zu sein. Umstritten ist bis heute, ob Rilke Tschechisch sprach und verstand; Demetz nimmt eher an, dass dem nicht so war.
So sehr Rilke die deutsche und französische, aber auch die tschechische Lyrik (etwa Vrchlický und Vladimír Holan) seiner Zeit beeinflusste – eine Auswirkung auf die spätere deutschsprachige Literatur in Böhmen und Prag hatte sein Werk nicht. Rilke war ein europäischer Dichter; dass er in Prag geboren wurde, ist in seinen wichtigeren Werken ohne Bedeutung. / Helmut Böttcher, Prager Zeitung
Wer es ausprobiert hat, wie es sich anfühlt, vom Gedichteschreiben zu leben, kann ermessen, wie glücklich – und begabt – Kate Clanchy sein muß, wenn sie einen Verleger für ihren ersten Gedichtband fand und den bedeutendsten britischen Lyrikpreis, den Forward, im Alter von erst 28 Jahren errang.
Als Englischlehrerin in Romford hatte sie das Glück, auf einen Creative-Writing-Kurs geschickt zu werden, wo Carol Ann Duffy, die jetzige Poet laureate, ihre Mentorin wurde.
Vor dem 40. Lebensjahr veröffentlichte sie 3 Gedichtbände und erhielt zahlreiche Preise.
Ihre Gedichte beschäftigen sich mit Erfahrungen von Frauen wie Schwangerschaft (“you, love, / are perhaps ten cells old”) und Geburt: “There, / you issued forth in scarlet flumes, / in cinescope, in a sunrise of burst veins.”
Jetzt wurde Kate Clanchy zur neuen Stadtpoetin von Oxford ernannt. / Oxford Times
Richard Leising
GESANG DER RUDERSKLAVEN BEI STURM
Es leidet, o Herr, deine Erde
An Untergehenden
Keinerlei Mangel! Noch kannst du wenden
Von uns dein Angesicht!
Was taugen wir angekettet der Welt auf dem Grunde des
Wassers?
Ziehe du ab von uns
Deine sausende Hand, peitsche
Deine christliche See über andere Meere
Und lass uns leben, leben, leben, o Herr
Auf der Galeere!
aus „Gebrochen deutsch.“ Langewiesche-Brandt 1990
Neologismen wie „Netzkürzelgesang“, „Sprachsträhnen“ oder „Vanitasmaschinchen“: Wer verwendet derlei Wortneuschöpfungen oder kreiert sie gar? Der Dichter Thomas Kling. In seinem lyrischen Zyklus „Vogelherd. mikrobucolica“ thematisiert der 2005 verstorbene Lyriker in der seit alters bekannten Fangvorrichtung für Vögel und ihrem Gesang immer auch das Gedicht (besagtes „Vanitasmaschinchen“) und die Situation des Dichters selbst. Die Kölner Literaturwissenschaftlerin und Hörfunkautorin Ulrike Janssen hat den Zyklus in Zusammenarbeit mit Norbert Wehr zum Ausgangspunkt einer Radio-Recherche über den Dichter gewählt – einer Expedition in die poetische (Klang-)Welt Klings, für die sie bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen mit dem Karl-Sczuka-Förderpreis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet wurde. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung
Mi 26.10. 20:00
Erste Landschaft, erster Tod
In Lesung und Gespräch: John Montague (Autor, Irland)
Moderation: Hans-Christian Oeser (Übersetzer, Berlin)
John Montague ist einer der bedeutendsten irischen Dichter der Gegenwart. Der »Doyen der Poesie von Ulster« schlägt in seinen Texten die Brücke von der älteren Dichter-Generation zu den jüngeren Zeitgenossen. Vom ersten Gedichtband an, »Poisoned Lands« (1961), bestachen seine Verse durch Schlankheit, Sinnlichkeit, Kraft und Präzision. Sein einflussreicher Gedichtband »The Rough Field« (1972), eine faszinierende Sequenz über eine Reise in das zerrissene Nordirland, vereinigte Persönliches mit Politischem. Montague versteht sich trotzdem als Kosmopolit, als Mittler zwischen Amerika, dem europäischen Kontinent und dem insularen Irland.
John (Patrick) Montague wurde 1929 in New York als Sohn irischer Auswanderer geboren. Seine Kindheit verbrachte er auf einem Bauernhof in der nordirischen Grafschaft Tyrone. Er studierte Englisch und Französisch. In den sechziger Jahren lehrte er in Berkeley, Dublin und Vincennes sowie am University College Cork. Seither lebt er als freier Schriftsteller in Cork. In regelmäßigen Abständen war er Poet-in-Residence am New York State Writers’ Institute. Von 1998 bis 2001 war er Irlands erster Inhaber des Lehrstuhls für Dichtkunst.
Zuletzt erschien auf Deutsch in der Edition Rugerup »Erste Landschaft, erster Tod« (2008, Übersetzung Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser). Montague, Mitglied der Irish Academy of Letters und der irischen Akademie der Künste (Aosdána), ist Empfänger zahlreicher Auszeichnungen und Preise.
Hans-Christian Oeser stellt den Autor im Gespräch vor und liest gemeinsam mit ihm die Gedichte und ihre Übersetzungen.
Eine Veranstaltung der Botschaft von Irland in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt Berlin

… finde ich. Für diese Literaturszene und für floppy. Wenn sie das auch noch veröffentlichen, schießen sie sich selbst ins Knie. Hätte ich das nur vorher gelesen … Diese Sattheit, diese Unbedarftheit … sehr bezeichnend. Aber so sind hier die Leut‘.
Gefunden in: lauter heiland nr. 0. Beilage von floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation. Heft 18, Oktober 2011 (Texte von Alexander Krohn, Rex Joswig, Ann Cotten, Ernst Fuhrmann, Clemens Schittko, Tom de Toys, HEL Toussaint, Kai Pohl, Arne Rautenberg u.v.a.)
Von Ulf Stolterfoht
Ich schreibe seit zwanzig Jahren hauptberuflich Gedichte und kann seit elf Jahren davon leben. Mittlerweile ist die Familie auf fünf Mitglieder angewachsen, und also können oder müssen jetzt fünf davon leben.
Es war nie mein Ziel, vom Gedichteschreiben leben zu können. Ich hätte es sowieso nicht für möglich gehalten, daß es geht, und jetzt schon so lange einigermaßen gut geht – mit Eltern im Hintergrund, die in Zeiten der Not immer wieder aushelfen, und mit Phasen, in denen man nicht weiß, von was man die Windeln bezahlen soll.
Ich bin sehr stolz darauf, daß ich vom Gedichteschreiben leben kann. Für mich ist es keine schöne Vorstellung, wieder mit Zapfen oder Kellnern anfangen zu müssen. Ich würde es aber schon machen, um weiter schreiben zu können. Daß ich vom Gedichteschreiben leben kann, liegt daran, daß ich jedes Jahr ein Stipendium oder einen Preis bekommen habe, manchmal sogar beides. Sobald sich daran etwas ändert, ändert sich die ganze Situation.
Für Preise muß ich in der Regel nichts tun, für Stipendien bewerbe ich mich. Es gibt allerdings auch Preise, für die man einreichen muß. Das habe ich oft getan. Ich weiß über die Zusammensetzung von Jurys in der Regel nichts. Wenn ich darüber etwas weiß, weiß es jeder andere Bewerber auch. Ich bin einigermaßen freundlich und höflich, und werde von Leuten, die dann irgendwann einmal in einer Jury sitzen, sicher als freundlich und höflich eingeschätzt.
Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte. Ich habe keine Vorstellung davon, wie der Betrieb funktioniert. Ich habe Freunde und Bekannte, die wahrscheinlich Teil dieses Betriebes sind. Wenn es ihn gibt, bin ich wahrscheinlich selber ein Teil des Betriebs. Ich war bisher viermal Teil einer Jury, dreimal davon deshalb, weil ich der vorherige Preisträger war. Beim vierten Mal weiß ich den Grund nicht mehr. Ich werde alles daran setzen, in Zukunft nie mehr Teil einer Jury zu sein. Ich war nie Mitglied einer Jury, die über ein Stipendium entscheidet.
Wenn ich weiterhin ein Leben als Gedichteschreiber führen möchte, werde ich auf Preise und Stipendien auch in Zukunft angewiesen sein. Ich bin diesbezüglich allzeit annahmebereit.
Ich freue mich sehr, wenn mich ein Preis ereilt.
Ich freue mich für jede/n andere/n, wenn er/sie ihn bekommt.
Lyrik bedeutet Solidarität.
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