Es ist zur Tradition geworden, dass die Hugo-Ball-Preisträger zu separaten Lesungen nach Pirmasens eingeladen werden. So besteht die Möglichkeit, die Person selbst und ihr Schaffen näher kennenzulernen. Der Lyriker Ulrich Koch, diesjähriger Förderpreisträger zum Hugo-Ball-Preis, stellt sich am Donnerstag, 10. November 2011, um 20 Uhr im Carolinensaal vor. Moderiert wird der Abend von dem Journalisten und Literaturkritiker Michael Braun.
Kochs Gedichte sprechen von der Vereinzelung und der Verlorenheit des Menschen. Sein stiller, aber verstörender poetischer Existenzialismus zeigt, was geschieht, wenn sich plötzlich ein Riss auftut in der Welt und der Abgrund sichtbar wird, in dem uns die Aufklärung zurückgelassen hat. Die Protagonisten dieser Gedichte fallen heraus aus allen Sicherheiten, sind allein gelassen in ihrer metaphysischen Obdachlosigkeit. In kleinen Alltagsszenen verbirgt sich bei Koch das Unheimliche, unerwartete Erschütterungen, die zwangsläufig die Ordnung der Dinge durcheinanderbringen. Zur Eindringlichkeit dieser Gedichte hat ihr Leser Arnold Stadler angemerkt: Selig der Dichter, dessen Schmerz zur Sprache wurde. Ein solcher Dichter ist Ulrich Koch. So lautet Michael Brauns Text zur Urkunde des Förderpreises.
Ulrich Koch wurde am 20. November 1966 in Winsen an der Luhe geboren, lebt nun in Radenbeck bei Lüneburg. Er arbeitet als Angestellter einer Personalagentur in Hamburg. In den 90er Jahren erhielt er für sein Werk mehrere Stipendien, der Förderpreis des Stuttgarter Schriftstellerhauses wurde ihm 2007 zugesprochen. Zuletzt sind seine Gedichtbände Der Tag verging wie eine Nacht ohne Schlaf und Lang ist ein kurzes Wort im Allitera-Verlag München erschienen. Auf www.milchmaedchenpresse.de veröffentlicht Ulrich Koch seine neuesten Gedichte im Internet.
Michael Braun, 1958 in Hauenstein/Pfalz geboren, lebt in Heidelberg. Er ist unter anderem Herausgeber des Deutschlandfunk-Lyrik-Kalenders sowie mehrerer Anthologien zur deutschsprachigen Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts. Zum 125. Geburtstag von Hugo Ball gab er den Sammelband Der magische Bischof der Avantgarde im Wunderhorn Verlag heraus.
Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Somebody tells somebody else about something that happened. It comes naturally. We’ve been doing that for as long as our species has been around. But to elevate an anecdote into art requires more than just relating an incident. It requires a talent for pacing, for detail, for persuasion, and more. Here David Black, of Virginia, tells a good story in an artful manner.
Sleepers
A sleeper, they used to call it—
four passes with the giant round saw
and you had a crosstie, 7 inches by 9 of white oak—
at two hundred pounds nearly twice my weight
and ready to break finger or toe—
like coffin lids, those leftover slabs,
their new-sawn faces turning gold and brown
as my own in the hot Virginia sun,
drying toward the winter and the woodsaw
and on the day of that chore
I turned over a good, thick one
looking for the balance point
and roused a three-foot copperhead,
gold and brown like the wood,
disdaining the shoe it muscled across,
each rib distinct as a needle stitching leather,
heavy on my foot as a crosstie.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2000 by David Black, whose most recent book of poetry is The Clown in the Tent, Persimmon Tree Press, 2010. Reprinted by permission of David Black. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Unialltag:
Bis 15.12. muß jeder Teilnehmer der Grundkurse eine der folgenden Bibliographieaufgaben recherchieren und als Datei einreichen. Sie wählen per Kommentar eine der untenstehenden Aufgaben. In der Reihenfolge des Eintreffens werden die Bearbeiter dann in die Liste eingetragen – wählen Sie also nur Themen, neben denen noch kein Name steht und sehen Sie nach, ob Sie berücksichtigt werden konnten.
Bitte geben Sie im Kommentar an: Name, Vorname, Gruppe, Thema (nicht die Nummer – die sich durch alphabetische Sortierung ändert).
Je nach Aufgabe müssen Sie Buchpublikationen, selbständige und / oder unselbständige Veröffentlichungen und / oder Sekundärliteratur suchen. In jedem Fall müssen Sie die standardmäßigen Fachbibliographien und Datenbanken nutzen. In vielen Fällen müssen Sie außerdem diverse weitere Wege gehen (z.B. Netzsuche bei Google und anderen Suchmaschinen, Wikipedia, „Schneeballprinzip“ usw.).
Richtwert sind 3 Seiten (+- 1,5). Wenn Sie viel mehr finden, melden Sie sich hier per Kommentar.
Die Aufgaben sind keine Trockenübung, sondern für die Aufnahme in die Netzenzyklopädie Lyrikwiki bestimmt. Wenn Ihre Ergebnisse zuverlässig sind, werden sie fortlaufend mit der Kennzeichnung „Seminaraufgabe, Universität Greifswald, Wintersemester 2011/12“ eingestellt (Namensnennung nur wenn Sie ausdrücklich zustimmen).
Wenn Sie Lust auf mehr haben: beim Lyrikwiki kann man auch mitarbeiten! Z.B. indem man Artikel über eigene Lieblingsdichter schreibt oder verbessert. Nicht nur deutsche, sondern Weltlyrik aller Zeiten und Sprachen.
Rechercheaufgaben (wird laufend ergänzt):
Kürzel: B = Buchpublikationen, P = Primärliteratur, S = = Sekundärliteratur, St = Selbständige Veröffentlichungen, U = Unselbständige Veröffentlichungen,
Gerade neu erschienen im Sujet Verlag (Bremen) sind Pegah Ahmadis Gedichtband „Mir war nicht kalt“ und die von Gerrit Wustmann herausgegebene Anthologie „Hier ist Iran! Persische Dichtung im deutschsprachigen Raum“ mit Texten von insgesamt 28 Dichtern. / cineastentreff (mit Verlosung)
1987 hat Jan Koneffke den Leonce-und-Lena-Preis gewonnen, als Juror kehrt er regelmäßig zurück …
Auf dem Podium zu sitzen und Noten zu verteilen – nein, das ist keine Tätigkeit, die Koneffke Freude bereiten würde. Es gibt bisweilen harte Bemerkungen, man spürt den Konkurrenzdruck. „Das ist ja kein kollegialer Lyrik-Workshop. Wir sitzen da oben und urteilen, weil wir aussortieren“, und ganz ohne Absprachen weiß ein Juror um die Vorlieben seiner Kollegen. So entwickelt eine Jury ihre eigene Dynamik; als in diesem Jahr Nadja Küchenmeister ihre wunderbar musikalischen Gedichte vortrug, waren die Juroren Koneffke und Kurt Drawert begeistert, was den Widerspruch von Raoul Schrott und Sibylle Cramer noch verstärkte. Küchenmeister hatte keine Chance. / Johannes Breckner, Darmstädter Echo
Am Morgen des 1. November ist der renommierte Göttinger Literaturwissenschaftler und Publizist Heinz Ludwig Arnold, Begründer der Zeitschrift „Text + Kritik“, verstorben. Das teilt der Göttinger Wallstein Verlag mit, bei dem Arnold seit 1990 die ”Göttinger Sudelblätter“ herausgegeben hat.
Heinz Ludwig Arnold wurde am 29. März 1940 in Essen geboren. Nach dem Abitur 1960 in Karlsruhe studierte er in Göttingen Literaturwissenschaften. 1963 begründete er die Zeitschrift „Text + Kritik“, die er bis zu seinem Tod herausgegeben hat. 1978 rief er das „Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ als Loseblattsammlung ins Leben, dazu fünf Jahre später das Pendant zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur. Zuletzt habe er 2009, so der Wallstein Verlag, die von Grund auf erneuerte 3. Auflage von Kindlers Literatur Lexikon erarbeitet. / Börsenblatt
Mehr: FAZ
Nora Gomringer, Lyrikerin, Spoken-Word-Poetin und Direktorin des „Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia“ übernimmt 2011 die dreiteilige Kieler Liliencron-Dozentur. Sie besteht aus einer Lesung mit dem Titel „Mein Gedicht fragt nicht lange“, der Poetikvorlesung „Das gesprochene Skript oder ‚Das steht so aber nicht da!‘ – Was das Sprechen von Larynx und Lyrik verlangt“ und einem abschließenden Gesprächsabend mit dem selbst slamerfahrenen Mitgründer der Kieler Agentur assemble-ART und Dozent an der FH Kiel Patrick Rupert-Kruse und Christoph Rauen, Literaturwissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität. / kiel-magazin
Ernst Stadler: Der Spruch
In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!
In: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt 1920, S. 145.
Das Gedicht von Stadler kenne ich schon lange, bin ihm zuerst vor mehr als dreißig Jahren begegnet, in der Reclamausgabe der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (Reclam Leipzig 1968, eine Bibel für den Lyrikleser zum Preis von 2,50 Mark der DDR). In der letzten Zeit lief es mir mehrmals über den Weg – u.a. in der Originalausgabe in dem Band „Der Aufbruch“ von 1914 (im Nachlaß von Wolfgang Koeppen). Eigentlich ist es ein geheimes Motto dieser Anthologie.
Folgt der Spruch von Angelus Silesius, auf den es sich offensichtlich bezieht.
Angelus Silesius (Johannes Scheffler) 1624-1677
30. Zufall und Wesen.
Mensch werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht /
So fällt der Zufall weg / das wesen das besteht
Aus: Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann (1657). Die Epigrammsammlung in der Fassung von 1675 besteht aus sechs Büchern mit 1676 Texten, zumeist Epigrammen. (Das vorstehende ist das 30. im 2. Buch)
Das Wort „Wesen“ ist das letzte im abschließenden sechsten Buch:
263. Beschluß.
Freund es ist auch genug. Jm fall du mehr wilt lesen /
So geh und werde selbst die Schrifft und selbst das Wesen.
On this page you’ll find pdfs for each of the poets on the 2011 T S Eliot shortlist. There is also one pdf containing the material on all ten individual pdfs.
Each individual pdf contains three poems from each book, together with reading group notes on the poems, a biography and photo of each poet.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I love listening to shop talk, to overhear people talking about their work. Their speech is not only rich with the colorful names of tools and processes, but it’s also full of resignation. A job is, after all, a job. Here’s a poem by Jorge Evans of Minnesota, who’s done some hard work.
Overtime
Fair season and we’re tent pitching
on holy grounds in central Illinois,
busting through pavement with jack hammers,
driving home a stake that will be pulled two months
from now. One of us holds, the other presses
down, grease shooting between cracks
in the old hammer’s worn shell
to our hands and faces—one slip and we’ve
lost our toes. I’m from the warehouse,
not the tent crew. I haven’t ridden around
in tent haulers across the nation
popping tents here and there, but for this,
the state fair, the warehousers are let out
to feel important. Around us a silvered city
has risen, white vinyl tents at full mast
and clean for the first time in a year. It’s August.
It’s the summer’s dogged days when humidity
doesn’t break until midnight, an hour after
the fair’s closed down. We’re piled on back
of a flatbed with our tools, our tiredness.
We’re a monster understood best
by Midwesterners, devouring parking lots
and fields, our teeth stained by cigarette
and chew, some of us not old enough, some
too old. All of us here for the overtime.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Jorge Evans. Reprinted from the South Dakota Review, Vol. 48, no. 2, Summer 2010, by permission of Jorge Evans and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Most of us have received the delayed news of the death of a family member or friend, and perhaps have reflected on lost opportunities. Here’s a fine poem by J. T. Ledbetter, who lives in California but grew up on the Great Plains.
Crossing Shoal Creek
The letter said you died on your tractor
crossing Shoal Creek.
There were no pictures to help the memories fading
like mists off the bottoms that last day on the farm
when I watched you milk the cows,
their sweet breath filling the dark barn as the rain
that wasn’t expected sluiced through the rain gutters.
I waited for you to speak the loud familiar words
about the weather, the failed crops—
I would have talked then, too loud, stroking the Holstein
moving against her stanchion—
but there was only the rain on the tin roof,
and the steady swish-swish of milk into the bright bucket
as I walked past you, so close we could have touched.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by J.T. Ledbetter, and reprinted from his most recent book of poetry, Underlying Premises, Lewis Clark Press, 2010, by permission of J.T. Ledbetter and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Ein viel schönerer Preis könnte der Georg-Büchner-Preis sein, wenn die Akademie im jährlichen Wechsel drei unterschiedliche Preise vergeben würde. Im ersten Jahr gibt es einen Wiedergutmachungspreis, mit dem ein bisher Übersehener ans Licht geholt wird (Vorschlag: Edgar Hilsenrath, 85). Im zweiten Jahr wird gezockt, da muss der Preisträger unter 30, na gut, unter 35 sein (Vorschlag: Clemens J. Setz, 29). Im dritten Jahr darf das Präsidium sich ausruhen und alles wie bisher machen, also einen üppig vorbepreisten Autor zwischen 50 und 70 wählen. Die nächsten Preisträger stehen schon fest, nur die Reihenfolge muss noch gelost werden: Christoph Ransmayr (57, zwölf Preise), Ulla Hahn (65, acht Preise), Sibylle Lewitscharoff (57, zehn Preise), Ralf Rothmann (58, zwölf Preise). Und wenn die Jury mutig ist, auch Rainald Goetz, 54, nur sieben Preise. / Angela Leinen, taz 29.10.
Was der C.H. Beck Verlag da gemacht hat, ist äußerst verdienstvoll. Nach dem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen Andern und grüßte“, legte er 2011 den Gedichtband „Idylle, rückwärts“ auf. Der Band enthält eine starke Auswahl von Drawerts lyrischen Texten aus den letzten drei Jahrzehnten, und der Verlag hat dieser Auswahl genügend Raum geschenkt. Sie erstreckt sich über ca. 270 Seiten und ist mehr als nur ein Einblick in die verschiedenen Schaffensphasen. Ziemlich genau in der Mitte findet sich unter dem Titel: „Die Lust zu Verschwinden im Körper der Texte“ eine Sammlung instruktiver Essays zur Dichtung und zum Gedicht. Sie alle kreisen meiner Meinung nach um das Thema Freiheit. Freiheit der Kunst, Freiheit in der Kunst und Freiheit angesichts der Kunst. Mich hat die Sammlung eine Zeitlang beschäftigt, und wie es aussieht, wird sie es auch noch eine Zeitlang tun. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry.com
Kurt Drawert: Idylle. Rückwärts. C.H.Beck, München 2011
Silke Peters
also ich hab das mal versucht
mit dem Kalthalten, Kaffee, Zigaretten und so
an meinen Unterarmen waren Landkarten
die Füße leicht betäubt
also ich hab schon mal Leichenflecken
gesehen an den Beinen meiner Mutter
als der Arzt kam die Todesursache einzuschreiben
(keine schöne Arbeit so was)
rief der: die liegt zu warm
ich öffne die Fenster
(Meine Anthologie 2002)
In der „Literarischen Welt“ erlaubte sich Willy Haas im Oktober 1928 eine bissige Bemerkung über politisierende Literatensnobs. So einer, meinte Haas, nehme sich gern wichtiger als die ganze Moderne. Becher halte seine Gedichte sogar für schöner als Goethes schönste Verse. „Das war mein Bestes“ war eins von ihnen, und es beschrieb das Beste so: „Daß Schulter an Schulter ich mitschritt / Im Marschschritt der Arbeiterheere, / Daß meinen Herzschlag / Gleichtakt der Herzen-Millionen trug, / Herzwelle einer heiligen Herzflut…“ Bis Becher 1953 eine Totenklage auf Stalin anstimmte, mußte einiges geschehen. In Moskau hatte er selber vor dem Großen Terror gezittert. Als Stalin gestorben war, griff er trotzdem in die Harfe. Seine „Danksagung“ ist so verkitscht, daß der Verdacht auf Ironie aufkommt. Doch darum handelt es sich nicht. In der sechsten Strophe triumphiert die Trauer inniglich. Stalin schreitet durch deutsche Lande und wird gepriesen: „Dort wirst Du, Stalin, stehn, in voller Blüte / Der Apfelbäume an dem Bodensee, / Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte, / Und winkt zu sich heran ein scheues Reh…“Nein, lyrische Höhen erklimmt Johannes R. Becher wahrlich nicht. Ein besseres, ein ganz anderes Gedicht von ihm hat gerade Günter Kunert in der „Frankfurter Anthologie“ vorgestellt. Es heißt „Walt Disney“, und die erste Strophe lautet: „Die Dinge auferstehn aus ihrem Schweigen, / Als wären sie zu lange schon verdingt. / Und das geringste Ding auch schwingt und singt, / Tanzt mit in einem wunderreichen Reigen.“Die verblüffende Mixtur aus Rilke und Ringelnatz enthält genug vom Dichter Becher, um ihn als Mann der Sprache auszuweisen. / Jost Nolte, Die Welt, verreißt die Becherbiografie von Jens-Fietje Dwars
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