Ich verließ mich auf die Wiederholung im Unterricht. Zwei Wochen vor meiner ersten Abi-Klausur begann ich, alles Nötige zusammenzufassen. Das war schnell erledigt, was auch daran lag, dass ich „auf Lücke“ lernte. Das heißt, für meinen Deutsch-Leistungskurs beschränkte ich mich nur auf eins von rund acht Themen – Lyrik. Dieser Themenschwerpunkt ist jedes Jahr Bestandteil der Abitur-Prüfung. Wieso also mehr lernen als nötig?
Ich investierte rund drei bis vier Stunden in das Fach Deutsch. Meine Schwester saß hingegen fast täglich bis tief in die Nacht vor ihren Unterlagen und lernte zu jedem Themengebiet. „Da will man sich konzentrieren und Fabian nervt mit seiner Gitarre!“, beschwerte sich Olivia.
(…) Wie erwartet stand in der Abi-Klausur auch die Lyrik zur Auswahl. Meine Schwester entschied sich für eine andere Aufgabe. Ihre Prüfung verlief gut, jedoch wegen des Umfangs ihrer Vorbereitung nicht zufriedenstellend. Durch meine Beschränkung auf Lyrik war ich hingegen bestens vorbereitet und hatte keine Probleme. „Das ist schon irgendwie unfair. Da lernt man alles, braucht letztendlich nur fünf Prozent und du kommst mit fünf Prozent Lernpensum aus“, knurrte mich Olivia anschließend an. (…)
Meiner Meinung nach werden die Abiturprüfung überbewertet. Sie sind nicht schwerer als normale Klausuren, oftmals sogar einfacher. Wenn man sich also clever anstellt und sich bewusst macht, auf welchen Stoff man sich beschränken kann, dann ist das Abitur leichter zu bekommen, als manch einer denkt. / Fabian Köster-Schmücker, Kölner Stadtanzeiger
Seit geraumer Zeit ist die Suche nach versteckten Botschaften in antiken Texten zur Spielwiese entdeckungsfreudiger Philologen geworden, insbesondere hat die Suche nach Akrosticha, also nach sinnvollen Folgen von Anfangsbuchstaben in Verstexten, zu einer umfangreichen Fachliteratur mit teilweise kuriosen Methoden geführt, aber die Ausbeute ist trotz jahrzehntelangem Gelehrtenfleiss und immer komplizierteren Lesesystemen mager geblieben – und ebenso die Plausibilität der vermeintlichen Ergebnisse. Abgesehen von den längst bekannten Beispielen liessen sich nur kurze Wörter aus vier oder fünf Buchstaben von eher bescheidener inhaltlicher Relevanz aufspüren: «FONS», «MARS» usw. Auch Vergils Signatur wurde mithilfe neuer «Regeln» (Zeilen überspringen, rückwärts lesen, statt Buchstaben Silben zählen) schon zweimal «nachgewiesen». Vor über einem Jahrhundert glaubte man gar, einem Geheimcode-System auf der Spur zu sein (Johannes Minos: «Ein neuentdecktes Geheimschriftsystem der Alten», Leipzig 1901).
Das Akrostichon, wörtlich «Versanfang», war in der Antike weniger ein Stilmittel als ein Spielmittel und zählte zur Gattung der «Technopaignia», der «gekünstelten Kindereien», deren literarische Blütezeit in den frühen Hellenismus fällt. (…)
Ganz anderer Art als die offensichtlichen Belege ist die jetzt vorgeschlagene Lesart am Beginn von Vergils «Aeneis»: «A STILO M(aronis) V(ergili)». Lesbar ist dies nur mit einem geradezu akrobatischen Verfahren, indem man die Buchstaben vom Versende zu denen vom Versbeginn hinzunimmt und im Zickzackverfahren bald vorwärts, bald rückwärts geht. Für diesen unüblichen Lesevorgang kann sich Castelletti auf ganze zwei Verse des Aratos von Soloi berufen, die eine singuläre Vokabel aufweisen sollen.
Entscheidend ist jedoch das Resultat: Genügt der gewonnene Text den sprachlichen und inhaltlichen Anforderungen? Erstaunlicher als dass die Initialen des Dichternamens verkehrt zu lesen sind (MV statt VM), ist die Formulierung der Kernaussage. Castelletti übersetzt «a stilo» mit «from the pen», das heisst aus der Feder (was «stilus» nicht heisst), bzw. mit «dallo stilo», das heisst aus dem Griffel (aus dem aber nichts fliesst). Das verstösst gegen eine grammatikalische Grundregel, die schon der Lateinanfänger lernt: Der instrumentale Ablativ wird ohne Präposition gebraucht, etwa «stilo scriptum». / Bruno W. Häuptli, NZZ 16.5.
Hellmuth Opitz schreibt auf Fixpoetry über den Essayisten
Es sind wertvolle Bestandsaufnahmen, die nicht nur die Beletage der feuilletongeherzten und preisgekrönten Dichter und Dichterinnen im Auge haben, sondern vor allem den „lyrischen Mittelstand“ (nicht zu verwechseln mit Mittelmaß!) mit seinen versteckten und unterschätzten Qualitäten kenntnisreich beleuchten. Breuer lässt sich dabei gar nicht erst auf Grabenkämpfe zwischen Lyrik-Realos und –Fundis ein, die in letzter Zeit wieder aufgeflammt sind. Bei aller Klarheit seines kritischen Urteils kennzeichnet diese Essays darüber hinaus eine bemerkenswerte Fairness und Akzeptanz der lyrischen Vielstimmigkeit.
und den Lyriker
Breuer versteht seine Gedichte als Durchlauferhitzer für lyrische Einflüsse und sich selbst als Jongleur und Equilibrist, der sein Sprachmaterial spielerisch und mit hoher Artistik durch die Luft wirbelt. Währenddessen ein Nicken und Grüßen nach allen Seiten. Selbst das Nachwort zerfällt in stilistisch unterschiedliche Teile, wobei der erste Part den assoziativen Flow sehr verkrampft vorführt. Vielleicht passt ein anderes Bild besser zu Breuer: Er ist ein ungeheuer kenntnisreicher Anreger und Vermittler, seine Gedichte haben indes keinen Ort, es sind kommunizierende Röhren zwischen Anverwandlungen, Zitaten und lyrischen Stilen. Es fehlt ihnen ein Kern: eine eigene poetische Stimme. Nicht dass er sie nicht hätte, er scheint nur seinen Auftrag anders zu verstehen. Dennoch bietet „Das gewonnene Alphabet“ eine hoch spannende Leseerfahrung: Man erlebt 121 Seiten Sprachlust und Experimentierfreude, man erlebt aber auch, wie irritierend es sein kann, wenn der Kenner dem Könner permanent ins Handwerk pfuscht.
Theo Breuer: Das gewonnene Alphabet 121 Seiten, 12,- EUR ISBN 978-3-86356-039-3. Pop Verlag, Ludwigsburg 2012
In den letzten beiden Jahren wurde eine der größten Lücken im eBuch-Angebot geschlossen: Lyrik. Die Dichter Adrienne Rich, Allen Ginsberg, Langston Hughes und Wallace Stevens gehören zu denen, die in jüngster Zeit elektronisch zugänglich wurden. Random House Inc., W.W. Norton und andere Verlage veröffentlichen bereits routinemäßig Bücher zugleich auf Papier und digital – darunter die jüngste Pulitzerpreisträgerin Sharon Olds mit “Stag’s Leap”.
Das schwierigste Problem dabei ist der Zeilenumbruch.
Zum Beispiel sehen die ersten zwei Zeilen von Olds‘ Gedicht „Love“ im gedruckten Buch so aus:
I had thought it was something we were in. I had thought we were
in it that day, in the capital
Und so sehen sie auf dem iPad 3 aus:
I had thought it was something we were in. I had
thought we were
in it that day, in the capital
Zwar sind eBücher nur ein kleines Segment des ohnehin kleinen Lyrikmarkts, aber Verlagen und Autoren geht es um Zugänglichkeit. Olds sagte, sie interessiere sich nicht sehr für eBücher und habe die elektronische Ausgabe von „Stag’s Leap“ selbst noch nicht gesehen, aber sie respektiere die Tatsache, daß die Leser verschiedene Lesegewohnheiten haben.
Auch der Dichter Philip Levine erlaubte elektronische Ausgaben zB von dem mit dem Pulitzer ausgezeichneten Band „The Simple Truth“, obwohl er persönlich wenig Interesse an eBüchern hat.
Manche Bücher sind besonders schwierig umzusetzen, etwa Anne Carsons Band „Red Doc“, bei denen die Gedichte auf unterschiedlichen Stellen einer Seite beginnen. Random House entschied sich für ein fixiertes Format, das nur mit Mühe und Zoom lesbar ist.
Sharon Olds‘ „Stag’s Leap“ kostet im Paperback $16.95, Hardcover $26.95 und als eBuch $12.99.
(Recherchen bei Suhrkamp und S. Fischer verliefen erfolglos)
Als literarischer Cicerone führt Hans Raimund durch das lyrische Werk von Virgilio Giotti (1885-1957): Der zeitlebens arme Poet zählt zur „Letteratura triestina“ (als deren prominentestes Mitglied Italo Svevo gilt) und schrieb seine Gedichte in „triestino“, genau sagt: in seinem triestino. Er entwickelte den lokalen Dialekt zu einer „höchst persönlichen, raffinierten und rational gefilterten Sprache“ (Raimund), zum „außergewöhnlich poetischen Ausdrucksmittel: archaisch und zugleich höchst modern“ (Magris).
Giottis Haupt- und Herzthema ist seine Heimatstadt: Triest als „fantasma poetico“ (Pasolini), die Menschen, die Straßen, die Luft, das Leben hier. / David Axmann, Wiener Zeitung
So gewinnen gerade die Passagen an Farbe, wo Privates und Intimes in den Fokus geraten: Wenn der Leser Stötzer beim Nachspionieren der rätselhaften Barbara aus Halle-Neustadt zuschauen darf oder der Dichter beim Dichten von diversen Störungen heimgesucht wird. „Und meine jüngere Tochter wirft der älteren einen Legostein an den Kopf“ (S.79) – das sind für mich die stärksten Momente in Kuhlbrodts Langgedicht, mag er auch Hölderlin („mein lieber Bellarmin“), Hegel oder Sartre bemühen. So halten sich Bodenhaftung und geistiger Höhenflug bei Kuhlbrodt die Waage, wie auch bei Stötzer, der sich nicht nur für Abstraktes, wie das „Nicht-Existierende“ und das „Seiende“, interessiert, sondern ebenso für die Füchse in Plagwitz und Nutrias am Karl-Heine-Kanal.
Damit ist Kuhlbrodts Epos noch längst nicht erschöpft. Erwähnt werden sollten zumindest die sechs mit „Embolium“ überschriebenen Zwischentexte, die man als geistige Exerzitien oder Meditationen lesen kann. Nr. 6: „Auch Hitler mochte die Winterreise“, ist so ein gelungenes Kabinettstück zum Thema ‚Adler als Wappentier’.
Herausgegeben wurde das, mit expressiven Graphiken von Ivonne Dippmann illustrierte Buch im noch jungen Verlagshaus J. Frank, Berlin, das sich die Publikation von anspruchsvoller Lyrik und Kurzprosa auf die Fahnen geschrieben hat. Kann man nur wünschen: Durchhalten und weiter so! / Thomas Böhme, Fixpoetry
Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied. Illustrationen: Ivonne Dippmann 180 Seiten, Softcover Preis: 13,90 € ISBN: 978-3-940249-67-8 Verlagshaus J. Frank Berlin 2013
Mit dem gleichen Mut zur Provokation, mit dem er am Beginn seiner Dichterlaufbahn die Krebsbaracken und Sektionssäle inspiziert hatte, wandte er sich nun den »kleinen Leuten« zu: »Sein Leben fließt dahin – ein Gast wird jäher –/er schleift den kranken Fuß, er ballt den Schuh, –/ein anderer scherzt mit ihm und tritt ihm näher/und flüchtigt ihm ein Wohlwort zu, –«, heißt es in dem Gedicht »Alter Kellner« aus dem Jahr 1938, das die wunderbaren Kneipenverse seiner letzten Schaffensperiode vorwegnimmt.
Ist das »große Lyrik«? Wird Benn mit Reimen dieser Art dem eigenen Anspruch gerecht? Jedenfalls fällt er nicht auf seine literarische Masche herein. Während die Gedichte, mit denen er für gewöhnlich in den Anthologien vertreten ist, den hohen Ton oft bis zur Selbstparodie treiben, ist das kunstlose Parlando seines Spätwerks frisch geblieben und findet bis heute seine Nachahmer. Gottfried Benn hat in seinen letzten Lebensjahren genau registriert, was in seiner Umwelt vorging. Die großen Worte dagegen fielen ihm immer schwerer. Von den Begriffen wollte er nichts mehr wissen; lieber saß er vor dem Radio und ärgerte sich – genau wie wir heute – über das Billigangebot der elektronischen Medien. Den Schlager »Im Hafen von Adano« ließ er sich zur Not noch gefallen, aber mit dem Nachtprogramm hatte er seine Probleme: » – die Wissenschaft als solche –/wenn ich Derartiges im Radio höre, /bin ich immer ganz erschlagen./Gibt es auch eine Wissenschaft nicht als solche?« / Kurt Darsow, junge Welt 18.5.
Dabei verband den Dichterarzt Benn mehr mit seinen Lieblingsfeinden Johannes R. Becher, Egon Erwin Kisch und Werner Hegemann, als ihnen lieb sein konnte. Als Mann vom Fach hatte er sich u. a. für die elenden Opfer des Abtreibungsparagraphen 218 eingesetzt: »Arme Kreise sind es, die die Toten stellen, Proletarier, Dienstmädchen, die zu Abtreiberinnen laufen, die für zehn Mark mit schmutzigen Spritzen arbeiten und Seifenlauge in die Bauchhöhle drücken, Verzweifelte, die alles an sich ausprobieren vom Petroleum bis zur Tafelkreide«, konstatierte er unter der auch in linken Kreisen anschlußfähigen Überschrift »Dein Körper gehört Dir«. Und ein Gedicht wie »Fürst Kraft«, den ätzenden Nachruf auf einen kapitalistischen Nimmersatt der Goldenen Zwanziger, wünschte man sich auch im neoliberalen Selbstbedienungsladen.
Klaus Mann jedenfalls hatte ihn immer für einen verkappten Linken gehalten. Für diesen »leidenschaftlichen und treuen Bewunderer« seiner Schriften blieb Benn auch im Exil der radikale Sprachkünstler, dessen mit Fremdwörtern gespickte und mit Bildungsgut beladene Gedichte in den Augen der neuen Machthaber nie etwas anderes sein würden als »Kulturbolschewismus«. In einem Brief vom 9. Mai 1933 aus Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur zog er alle rhetorischen Register, um den »lieben und verehrten Dr. Benn« für das republikanische Lager zu retten. Der junge Klaus Mann habe die Situation damals richtiger beurteilt, die Entwicklung genauer vorausgesehen, sei »klarerdenkend« gewesen als er selber, hat Benn später eingeräumt. / Kurt Darsow, junge Welt 18.5.
Jahre später, im Frühjahr 2013, sah ich Plakate von »Gesicht zeigen«, die mich seltsam berührten. Unter einer Fotografie des Gesichts von Ulrich Wickert war zu lesen: »Ich bin Jude, wenn du was gegen Juden hast.« Und der Regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, einer der übelsten Böcke, die auf dieser Welt geschossen wurden, behauptete: »Ich bin Migrant, wenn du was gegen Migranten hast.« Andere »Gesicht zeigen!«-Models gaben sich als Schwule aus, als Muslime oder Schwarze, es war die Ausstellung reiner Gratisgesinnung und Schmiere.
Statt Gesicht, Gewicht oder Gemächt kann man aber auch Gedicht zeigen. Und damit jene Mitmenschen, die immerzu »ein Zeichen setzen wollen«, sowohl an die Buchstaben des Alphabets und an die Zeichensetzung erinnen, an das Sprechen und Schreiben mit Punkt und Komma, das sich von Punk und Koma so wohltuend unterscheidet.
.., –
fertig ist das Mondgedicht,
reimte Robert Gernhardt. Und da ist das herrliche Semikolon noch gar nicht mit dabei!
Ab heute heißt es jeden Samstag »Gedicht zeigen« – F.W. Bernstein (worldwide Berlin-Steglitz), Rayk Wieland (Tüschow, Leipzig, Shanghai) und ich (Berlin, Leipzig, Zürich) werden uns mit dem Dichter Fritz Eckenga (Dortmund, Wembley) abwechseln, der als Anfangsläufer dieser Staffel antritt. Alsdann! / Wiglaf Droste, junge Welt
Ab und zu muß man abräumen. Logischerweise von oben nach unten.
begeistert sich für Lyrik. Nicht für alle aber für viele:
10 Lyrikbände zeitgenössischer Lyriker auszuwählen und vorzustellen fällt einem als Lyrikliebhaber schwer. Weil es NUR 10 sind. Aber trotzdem habe ich, Martin Piekar, mich gewagt. Ich nenne 10 Lyrikbände, möglichst aktuell, die mein Lesen, meine Leseerfahrung, mich im Lauf der Lektüre verändert haben.
Bei drei ist er angekommen. Bisher: Kathrin Schmidt, Mara Genschel, Jan Kuhlbrodt.
Nie seit der Antike wohl hat Lyrik weniger Leser gehabt als heute. Was kann es bedeuten, dass zugleich ihre Faszination und ihr Ansehen gestiegen sind?
Von HANS ULRICH GUMBRECHT, FAZ 17.5.:
Wer als halbwegs gebildeter Zeitgenosse an Lyrik denkt, an Gedichte oder an Poesie, der erwartet wohl vor allem den Ausdruck “individueller Gefühle,” so ekstatisch “individuell” im typischen Fall, dass sie sich nicht im sozialen Medium der Sprache artikulieren lassen. Ohne es wirklich erklären oder auch nur plausibel machen zu können, glaubt man dann weiter, dass die besonderen, “prosodisch” genannten Formen solcher Texte (Vers, Rhythmus, Reim, Strophe) diese Unmöglichkeit, diesen Schwund des transparenten Ausdrucks ausgleichen können, indem sie Modalitäten von Kommunikation erschließen, welche nicht auf die Dimension des Sinns beschränkt sind.
Für viele Gedichte, die in der westlichen Kultur zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik also, geschrieben worden sind, trifft eine solche Erwartung im großen Ganzen auch zu. Denn das war jene Zeit, in der sich das seit der Renaissance dominierende Selbstbild der Menschen als einem gegenüber der Welt der Dinge exzentrischen “Subjekt” zur “Individualität” steigerte, das heißt: zur einer erlitteten und zugleich zelebrierten Exzentrizität innerhalb der Gesellschaft. Aus Sicht der Individualität schien plausibel, dass die besondere Form-Dimension von Gedichten jener spezifischen – individuellen — Exzentizität zum Ausdruck verhelfen sollte. Historisch langfristig jedoch ist die so zu beschreibende romantische Prämisse des Verstehens von Gedichten viel spezifischer und begrenzter, als man heute allgemein annimmt. Sie hatte eigentlich bis hin zur Zeit um 1800 nie gegolten, und sie steht auch bei den besten Gedichten unserer Gegenwart keinesfalls im Vordergrund.
(…)
Doch ich behaupte nicht, dass diese Rückkehr zum Form-Repertoire der Lyrik und seinen Funktionen ein quantitativ bemerkenswerter Trend unserer Zeit sei. Im Gegenteil: bis heute beeindruckt mich eine 1995, bei der Verleihung des Nobelpreises an den irischen Lyriker Seamus Heaney, beiläufig gelesene Bemerkung (nicht nur ich halte Heaney för den vielleicht bedeutendsten lebenden Gedichtautor), nach der kein Lyriker der Gegenwart allein von den Einnahmen für seine Bücher und für Lesungen leben könnte. Die “Rückkehr zur Lyrik,” wenn man sich auf so eine so gängige Formulierung überhauot einlassen will, ist bemerkenswert wegen der Kompetenz und des Prestiges derer, die sie vollziehen – keinesfalls wegen ihrer Zahl. Richard Rorty, einer der großen philosophischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, sagte in einem Gespräch wenige Wochen vor dem Tod auf die Frage, was er an seinem Leben ändern wollte, wenn er eine zweite Chance bekäme, dass er in einem zweiten Leben mehr Gedichte auswendig lernen würde. Was er denn ausgerechnet Gedichten abgewinnen könne, fragte sein nicht wenig überraschter Gesprächspartner weiter, um die Antwort zu provozieren: “nichts kann man von ihnen lernen, aber sie klingen schön, und deswegen hätte ich sie gerne für mich gehabt.” Doch woher kommt diese neue Lyrik-Begeisterung?
Die libanesische Dichterin und Journalistin Joumana Haddad kritisiert das patriarchalische System und den Einfluß der Religion in der arabischen Welt in ihrem Essay „Superman ist Araber: Über Gott, die Ehe, Machos und andere unheilvolle Erfindungen“.
Mit der gleichen Verve wie in „Ich habe Scheherazade getötet“ prangert sie in diesem Buch das patriarchalische System an, das in der arabischen Welt existiert und das in den drei monotheistischen Religionen verwurzelt ist. Durch Diskriminierung der Frauen innerhalb der Familie und in der Gesellschaft haben diese Religionen den Machismus nicht nur gefördert, sondern auch institutionalisiert und geheiligt. Machismus, der unter der Maske von Stärke, Selbstbewußtsein, individuellem oder Clanstolz eher ein tiefes Gefühl der Unsicherheit und irrationaler Ängste verbirgt. In dieser Zeit der großen politischen Umwälzungen in der Region beharrt die Autorin in einer Mischung von Bekenntnissen, Gedanken, Humor und Poesie auf der Idee, daß der in den letzten zwei Jahren geführte Kampf für die Freiheit und Würde scheitern wird ohne die progressive Bejahung einer „neuen arabischen Männlichkeit“, das heißt ohne die Errichtung einer radikal anderen Beziehung zwischen Mann und Frau – und Jedes und Jeder zum eigenen Körper. / Charles Monti, Corse Net Infos 15.5.
Derek Walcott, Literaturnobelpreisgewinner des Jahres 1992, wäre einer der prominentesten Gäste in der Geschichte des Lyrikertreffens Münster gewesen. Laut Wallmann leidet der 83-Jährige so schwer unter den Folgen eines Schlaganfalls und seiner Zuckerkrankheit, dass er seine karibische Heimat St. Lucia nicht verlassen kann. (…)
Der Organisator hofft, dass das Publikum am Samstagabend auch neugierig auf die weiteren bedeutenden Gast-Dichter ist (Nora Gomringer, Durs Grünbein, Ursula Krechel) – und dass das gleichzeitige Champions-League-Finale Bayern-Dortmund der Lesung nicht sämtliche Zuschauer raubt. / Münstersche Zeitung
Das Treffen findet vom 23.-26.5. statt. Programm
Katharina Schultens interessiert sich für Begriffe. Begriffe aus Bereichen, die ihr nicht unbedingt vertraut sind und in denen sie sich auch nicht unbedingt gut auskennt, wie sie in der Eröffnung ihrer Lesung zum diesjährigen Leonce und Lena-Preis bekannte. Was sie daran fasziniert ist das klangliche oder metaphorische Potenzial eines Begriffes, das noch nicht genutzt wird. „Rückgewinnung von Terrain“ nennt die Autorin diesen Vorgang. simpel eigentlich man sucht etwas durch/ ein uhrenglas hindurch vergrößert wahllos/ baut eine mechanik zusammen mit körper-/ fremdem material legt einen kreis an/ füllt ihn sorgfältig aus & sagt das sei/ Zellerkenntnis. (besuch bei gesunden begriffen). (…)
ich weiß es gibt ein system ich muß nur/ nochmal rein.
alles kalkulation? Eine sehr anspruchsvolle Lektüre auf jeden Fall, deren Anspielungsreichtum auf die Literatur- und Kulturgeschichte manchmal erfreut und manchmal auch ermüdet. Trotz des Stotterns ab und an; der Frage- und Suchbewegungen; trotz des Versuchs den Liebesdiskurs und die Transzendenz neu zu ergründen, bleibt die Autorin dabei immerzu beherrscht. Manchmal wünschte man sich, die Gedichte würden schlingern und sich auch in ihren Ausrutschern offenbaren.
Aber ist das eine Kritik?
/ Mónika Koncz, Fixpoetry
Katharina Schultens: gierstabil, 72 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-939557-95-1. luxbooks 2011.
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