102. Warum ist die moderne Lyrik so schlecht?

Von  Ron Charles, Washington Post 20.6. (sic)

Am Freitag werden Amerikas große Dichter aufwachen und sehen, daß jemand die Bäume mit Klopapier umwickelt und FEIGLING an ihre Tür geschrieben hat.

Eine 6000-Wort-Jeremiade über den Zustand der heutigen Lyrik erscheint in der Juliausgabe von Harper’s. Mark Edmundson, Englischdozent an der Universität Virginia, tadelt unsere Barden, weil sie „schräg, zweideutig, auf schmerzhafte Weise selbstbezüglich … ängstlich, klein, auf dem Rückzug … immer privater, idiosynkratischer und zurückgezogener“ seien. Um nur den Anfang zu zitieren. Ihre Lyrik sei „manchmal zu hermetisch, um sie mit etwas wie Verstehen anzuhören“.

Und er nennt alle Namen. Paul Muldoon: nach jahrelanger Lektüre habe er immer noch keine Ahnung, worum es ihm eigentlich gehe. Jorie Graham ist „ominös“ (portentous). Anne Carson mag Kanadierin sein, aber das entschuldigt sie nicht; ihre Gedichte seien „so dunkel, manieristisch und privat, daß man (oder zumindest ich) ihren Windungen nicht folgen kann“. John Ashbery „sagt wenig“ in seinen „unaufhörlichen Einhegungen“ (hedging).

Sharon Olds, Mary Oliver, Charles Simic, Frank Bidart, Robert Hass, Robert Pinsky — alle werden in Edmundsons Büro gebracht und runtergeputzt. Ihre Gedichte seien „in ihrer Art gut“, gibt er zu. „Nur sind sie nicht gut genug. Sie stillen keines Lesers Durst nach Bedeutung über die individuelle Erfahrung des Dichters hinaus“ und „erhellen unsere gemeinsame Welt nicht“.

Das ist seine Hauptbeschwerde: die heutigen Dichter trauten sich nicht, „Wir“ zu sagen und „Dur“ anzuschlagen, wenn es um „grundsätzliche Wahrheiten der menschlichen Existenz“ gehe. Angesichts von „Krieg, Umweltzerstörung und ökonomischen Zusammenbrüchen“ würden sie schreiben, als ob „die großen öffentlichen Krisen vorbei seien und nichts wichtiger wäre als Selbstkultivierung und die Abwehr der Langeweile“ (sic). Das einzige, was diese narzisstischen Sänger interessiere, sei die Schaffung einer „eigenen [unique] Stimme“.

Auch der schädliche Einfluß der Literaturtheoretiker bekommt sein Fett weg. Mit ihrem Herumhacken auf den unüberwindlichen Schranken von Rasse, Geschlecht und Klasse würden diese liberalen Postmodernisten jedermann daran hindern, über etwas anderes als seine eigene Privatwelt zu sprechen.

Edmundson gibt zu, daß Ralph Waldo Emerson im Wesentlichen dieselbe Klage vor 170 Jahren gepredigt habe.

(Soweit dazu, könnte man sagen und Edmundsons Rundumschlag gegen DIE Lyrik zu den Akten legen, wo schon vieles Ähnliche steckt. Alle, die ohnehin keine Lyrik lesen, werden Beifall klatschen und sich behaglich zurücklehnen. Oder man kann sich den Teil herausnehmen, der zu seinen jeweils eigenen Vorlieben und Vorurteilen paßt. So ist es. Was ist, ist, weil es ist. Michael Gratz)

Ralph Waldo Emerson

Hier eine Antwort

101. Indische Dichterinnen gegen Gewalt

Mit der gestiegenen Aufmerksamkeit für Gewaltakte gegen Frauen werden Natur, soziale Umbrüche und Liebe, sonst die Bindeglieder der poetischen Sensibilität, durch Szenen sexueller Übergriffe verdrängt.

Dichterinnen gehören zu denen, die dieses neue Genre einführten. „Die Gedichte wurzeln in starken Emotionen. In einer Zeit, wo jede Sekunde neue Bilder von Gewalt gegen Frauen über den Bildschirm flimmern, die von verschiedenen Gruppen diskutiert werden, ist es nur natürlich, daß wir solche Vorfälle thematisieren“, sagte die Dichterin Bindya Subba aus Darjeeling, die in Nepali schreibt. Schockiert von dem jüngsten Überfall in Delhi schrieb sie das Gedicht ‚Damini‘, das dem 22jährigen Opfer gewidmet ist. „In meinem Gedicht schildere ich den physischen und seelischen Schmerz, den die junge Frau erlitt, als sie von einer Gruppe vergewaltigt wurde, den Zorn  und die Qualen, die der Vorfall in ihren Eltern auslösten und die Angst aller Frauen, daß es ihnen auch passieren könnte“, sagte sie.

Bindya gehört zu einer Gruppe von Dichterinnen aus dem ganzen Land, die sich zu einem ‚Abhivyakti‘, einer zweitägigen Lyriklesung versammelt haben. Bei Diskussionen über das Hervortreten weiblicher Dichter bemerkten sie, daß das „weibliche poetische Gewissen“ ein Produkt der mannigfaltigen sozio-politischen Hintergründe ist, aus denen sie kommen. Die Tamil-Dichterin Salma spricht darüber, daß ihre Gedichte frei von vernebelnden Bildern und hochtrabenden Vergleichen sind. „Ich nenne Sex Sex und Vergewaltigung Vergewaltigung. Die Leute fragen mich oft, warum meine Sprache so drastisch ist. Wie sonst sollte ich vermitteln, was eine Frau durchmacht? Die Poesie  entwickelt sich immer weiter, und das ist Teil dieser Entwicklung.“ / Times of India

100. Fern Hill


Der Schauspieler Richard Burton liest ‚Fern Hill‘ von Dylan Thomas

(In der ersten Strophe sind etwa 2 Zeilen „verschwunden“. Hier gibts den Text englisch und deutsch.)

99. Picasso als Dichter

Schon Nietzsche wusste, dass der Dom aus Brettern und Balken der Begriffe keine feste Burg ist. Dem „freigewordenen Intellekt“ [er meinte damit natürlich vor allem oder nur den Künstler] ist dieser Begriffsdom „nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das nächste trennend, so offenbart er, dass er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht und daß er jetzt nicht von Begriffen sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen führt kein regelmäßiger Weg in das Land der gespenstigen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.“

Auch damit ist die Methode des Picasso‘schen Schreibens treffend dargestellt. Aber: Auch Picasso kommt an Grenzen, nämlich an die der übermächtigen Konvention der Sprache. Auch er kann sich ihr nicht entziehen. In seinen Zertrümmerungen sind nämlich trotz aller gegenteiliger Bemühungen metaphorische Strukturen zu finden, Bilder, Zeichen und Metaphern, die sich wiederholen und die mit Zerstörung zu tun haben, mit dem Zerschlagen, Zertrümmern, mit Zerschneiden und Zerstechen, mit Stierkampf, mit Tod. Dieser Metaphorik entkommt Picasso nicht, wir wissen das von seinen Bildern. In vielen seiner Aufzeichnungen begegnen dem Leser Messer, (z.B. 8. November und 15. Dezember 1935), eine durchbohrte Brust oder oft Wunden (wieder z.B. 8.11.35, 10.02.36), Blut, Gekröse, Leber (28.12.35), oder Klingen und Stiche (12.02.36 und 3.3.36, 08.04.36), es wird aufgespießt und die Wunde aufgekratzt (19.04.36) oder mit dem Brenneisen gebrandmarkt (21.04.1936), um nur einige Beispiele zu nennen. Am 24. 4. 36 notiert er u.a.:

„….Ring aus Nägeln die in das Feuer am Hals des Prismas eingeschlagen wurden Strick dessen Enden mit dem versengten Rad verbunden sind das im Morast des Tümpels feststeckt sticht wütend in das Auge des sterbenden Stiers.“

Unser Gebetsgürtel der Bedeutungen und Metaphern, den wir seit der Stunde unseres Spracherwerbes mit uns herumtragen,  kann dazu verleiten anzunehmen, hier spreche einer über die Sprache selbst, über ihre Ermordung bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sie endgültig als bloß metaphorisches Gespinst, ohne eigentlichen Wert (Nietzsche), entlarven zu können. Wer sich wie Picasso der Sprache bedient, kommt in ihren Fallstricken der Metaphern, Similes und Allegorien um oder benutzt diese gezielt. Picasso notierte seine letzte Eintragung am 18.10.1954:

„…Das Nordlicht ist komischerweise als Grille verkleidet die gerne leiht. Und damit Punktum.“
/ Ulrich Schäfer-Newiger, Signaturen

98. Orte mit schönen Namen

Ruth Klüger wurde 1931 in Wien geboren. Ein wenig scheint die Sprachfärbung noch durch. Sie wurde als Jugendliche in die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz verschleppt – und hat überlebt. Grausige Orte mit schönen Namen: „Birkenau und Buchenwald, darauf lassen sich Reime machen und Volkslieder singen. Man sieht bei diesen Namen Wälder im Wind rauschen“, sagt sie.

Und doch ist klar: Soweit wird es nicht kommen, denn diese Namen sind nicht mit Naturidyll verbunden. Selbst dann nicht, wenn manche sagen: Das ist alles so lange her. „Es ist nicht vorbei“, sagt Ruth Klüger, und das hänge nicht daran, dass es noch immer Überlebende gibt. „Es ist nur vorbei in dem Sinne, dass heute in diesem Lager keine Menschen mehr ermordet werden – auch in keinem anderen Lager in Deutschland. Und es ist vorbei in dem Sinne, dass das, was passiert ist, nicht wieder stattfinden wird – aus dem einfachen Grund: Es wiederholt sich nichts“, sagt sie. Doch: „Es finden andere Massaker statt“, und dies nicht nur anderswo auf der Welt. Sie erinnert daran, dass es lange hieß: „In Europa finden keine Kriege mehr statt – und dann ging es in Jugoslawien los.“ / Thüringische Landes-Zeitung

97. O Nisami oder Wem gehört der Dichter?

Seinen Namen kennen wir von Goethe.

Lesebuch

Wunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden;
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Kapitel,
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches, wer löst es?
Liebende, sich wieder findend.

Bekanntlich hat der Dichter seinen West-Östlichen Divan mit buchlangen Erklärungen verlängert. Darin auch diese Passage:

Ein zarter, hochbegabter Geist, der, wenn Ferdusi die sämtlichen Heldenüberlieferungen erschöpfte, nunmehr die lieblichsten Wechselwirkungen innigster Liebe zum Stoffe seiner Gedichte wählt. Medschnun und Leila, Chosru und Schirin, Liebespaare, führt er vor; durch Ahnung, Geschick, Natur, Gewohnheit, Neigung, Leidenschaft füreinander bestimmt, sich entschieden gewogen; dann aber durch Grille, Eigensinn, Zufall, Nötigung und Zwang getrennt, ebenso wunderlich wieder zusammengeführt und am Ende doch wieder auf eine oder die andere Weise weggerissen und geschieden.

Aus diesen Stoffen und ihrer Behandlung erwächst die Erregung einer ideellen Sehnsucht. Befriedigung finden wir nirgends. Die Anmut ist groß, die Mannigfaltigkeit unendlich.

Auch in seinen andern, unmittelbar moralischem Zweck gewidmeten Gedichten atmet gleiche liebenswürdige Klarheit. Was auch dem Menschen Zweideutiges begegnen mag, führt er jederzeit wieder ans Praktische heran und findet in einem sittlichen Tun allen Rätseln die beste Auflösung. Übrigens führt er, seinem ruhigen Geschäft gemäß, ein ruhiges Leben unter den Seldschugiden und wird in seiner Vaterstadt Gendsche begraben.

Randomhouse ergänzt:

Nizami (um 1141–1209) wurde im heutigen Aserbaidschan, damals ein Teil Persiens, geboren und wuchs als Waise bei seinem Onkel auf. Über sein weiteres Leben, das er offenbar bis auf eine einzige Reise in seiner Geburtsstadt Gendsche verbrachte, ist kaum etwas bekannt. Nizami zählt neben Firdousi und Scheich Saadi zu den bedeutendsten Vertretern der frühen persischen Epik.

Das Territorium des Landes hat eine „wechselvolle“ Geschichte. Es gehörte zu den Reichen der Meder, Römer, Araber, Mongolen, Perser, Armenier, Georgier, Osmanen, Russen und anderer. Die Religion war mal zoroastrisch, später christlich und islamisch. Man sprach Persisch, Arabisch, Aserbaidschanisch (eine Turksprache), Russisch. Der erste Staat auf seinem Gebiet hieß Albanien. Was ist ein aserbaidschanischer Dichter?

Nisami schreibt sich laut deutschsprachiger Wikipedia:

Nezāmi auch Nizami (persisch ‏نظامی گنجوی‎ – Neẓāmī-e Gandschawī; kurdisch: Nîzamî Gencewî; aserbaidschanisch: Nizami Gəncəvi; eigentlicher Name: Elyās ebn-e Yūsef, vollständiger Name: Neẓām ad-Dīn Abū Muhammad Elyās ibn Yusūf ibn Zakī ibn Mu’ayyid

In der englischen:

Nizami Ganjavi (Persian: نظامی گنجوی, Nezāmi-ye Ganjavi‎; Kurdish: نیزامی گهنجهوی, Nîzamî Gencewî; Azerbaijani: نظامی گنجوی, Nizami Gəncəvi), Nizami Ganje’i,[2] Nizami,[3] or Nezāmi (Persian: نظامی‎), whose formal name was Jamal ad-Dīn Abū Muḥammad Ilyās ibn-Yūsuf ibn-Zakkī

Aserbaidschanisch:

Nizami Gəncəvi (tam adı Cəmaləddin İlyas ibn Yusif Nizami Gəncəvi) (نظامی گنجوی)

Die ersten beiden nennen ihn einen persischen Dichter, die dritte einen aserbaidschanischen. Er zählt zum Kulturerbe Afghanistans, Irans, Aserbaidschans, Tadschikistans und Kurdistans. Er schrieb Persisch, seine Mutter war Kurdin, sein Name verweist auch auf das Arabische.

Dies der Hintergrund zu einer Nachricht aus Aserbaidschan, das seit 20 Jahren von einem früheren KP-Chef und seinem Sohn autokratisch regiert wird.

In seiner Geburtsstadt gibt es ein Mausoleum, in dem auf Fliesen Verse Nisamis im persischen (also Original-)Text stehen. Diese werden jetzt ersetzt durch „analoge Gedichte, aber in aserbaidschanischer Sprache“. Die Fliesen mit den persischen Gedichten des weltberühmten aserbaidschanischen Dichters seien 1997 angebracht worden und ohne jeden historischen Wert. Es handele sich um 4 Strophen zum Lob des Propheten Mohammed aus dem Gedicht „Leila und Medschnun“. Diese seien ins Aserbaidschanische übersetzt worden, die Übersetzung sei durch die Aserbaidschanische Akademie der Wissenschaften gebilligt worden und werde die alten Fliesen ersetzen. Hinzufügen werde man seine Gedichte auf seine Heimattadt Gendsche (Ganja, Gandscha, Gəncə), die ebenfalls ins Aserbaidschanische übersetzt wurden. Das sei nötig, weil manche Leute, die das Mausoleum besuchen, wegen der Gedichte irrtümlich dächten, Nisami sei ein persischer Dichter. Man habe diesen Schritt unternommen, damit jedermann wisse, daß Nisami ein Vertreter der aserbaidschanischen Literatur sei. Der iranische stellvertretende Außenminister äußerte sein Bedauern.

96. Energieströme

Wie sollte Holocaust-Lyrik auch komisch sein können? Aber sie kann großartig, aufwühlend und in ihrer Traurigkeit beklemmend schön sein, wenn die Sprachbilder von Paul Celan stammen und von dem Schauspieler Ben Becker und dem Klarinettenvirtuosen Giora Feidmann in die Gegenwart geholt werden. Der Veranstaltungssaal im „Kraftwerk“ ist am Mittwoch voll besetzt und bietet eine phantastisch bizarre Kulisse für poetische Energieströme. / Südkurier

95. Poetopie

schreib dich hin, druck dich aus – der weiße Raum zwischen den schwarzen Flammen, das bist du

Hansjürgen Bulkowski

94. In Halle

Mein erstes Antiquariat, wo ich vor Jahrzehnten paar Bücher verkaufte (denn ich war jung und brauchte das Geld), aber dann mit Sicherheit Jahr um Jahr viel mehr kaufte, ist jetzt zu. „Ladenlokal zu vermieten“ steht dran. Voriges Jahr war es noch auf, aber mit verändertem Inhalt. Ein Druckhaus verkaufte dort die Bücher seiner Kleinverlage, von Janus Press mit Papenfuß und Franz Mon über Reinecke & Voß bis zu – für mich – dubiosen Thüringer Barden mit viel völkischem Gefühl und schlechtem Gereim. Aber noch vor 3 Jahren bekam ich ein paar fehlende Bände der Klopstockausgabe aus dem 19. Jahrhundert. Und jetzt ist zu. Alles hört mal auf. Ein paar hundert Meter weiter war mal eine „Volksbuchhandlung“, die war schon lange zu. Jetzt gibt es nur noch Thalia am Markt. Im Erdgeschoß Regionalliteratur und Bestseller. Rolltreppen nach oben und unten. Oben gibts „Romane und Kinderbücher“, unten „Fachliteratur“. Ob sie auch Lyrik haben? Ich entscheide mich für unten. Viel Esoterik, Hobbies, viel Fachliteratur vieler Couleur. Lyrik könnte zwischen Esoterik und Hobby passen, denke ich und frage eine Buchhändlerin, ob sie noch einen Restbestand Lyrik führen. Wieso Restbestand? fragt sie. Ich: na weil das überall weniger geworden ist. Sie aber meint, bei ihnen sei es mehr geworden. Oben, bei den Romanen. Und tatsächlich, ein ganzes Regal etwa Meterbreite. Viel Geschenklyrik, DIE Lieblingsgedichte DER Deutschen, Gedichte für Männer, Gedichte für Frauen usw, aber dazwischen auch Gutes. Sogar paar lebende Autoren, Björn Kuhligk sehe ich und eine Anthologie von Ron Winkler. Mehrere Hefte des Poesiealbum fallen mir auf, Tadeusz Różewicz gleich mehrmals, das ist schon was. Und dann finde ich ein nagelneues Buch von Kito Lorenc, „Gedichte“ in der edeln Bibliothek Suhrkamp, mit einem Vorwort von Peter Handke. Warum reden bloß alle über den Prozeß, statt über die tollen Bücher, die die immer noch machen? Und, ja: Noch ist Halle nicht verloren.

DSCI9533

Kito Lorenc: Gedichte. Bibliothek Suhrkamp 1476, Gebunden, 128 Seiten
ISBN: 978-3-518-22476-2

93. Fern Hill

«‹Fern Hill› – ein wunderbarer Text, der die Jugend auf dem Land beschreibt. Diese Unbeschwertheit könnte es in England geben, oder im Freiamt», so Michael Schneider, Aargauer Musiker und Komponist.

Er hat eigens für das Vokalensemble Cantemus ein Stück komponiert, bei dem er das Gedicht «Fern Hill» des walisischen Dichters Dylan Thomas als Textvorlage nahm. (…)

«Es gibt den Moment, in dem man vor einem weissen Blatt Papier sitzt und mit dem Komponieren beginnt. Da hilft es, wenn man sich an einem Text orientieren kann», erklärt Schneider.

So verwandelte er zum Beispiel den poetischen Satz «Meine Wünsche rannten durchs haushohe Heu» in eine stimmungsvolle Melodie. «Das war nicht einfach, ich musste das Gedicht aufs Genauste analysieren», so der Komponist. «Das Stück beinhaltet viel Atmosphäre. Natur, Glück, Mond, Sonne, Jugend, Tageszeiten – das alles sind Motive.»

Die Klangfarben und die verschiedenen Stimmungen seien das Wichtigste bei «Fern Hill», findet Schneider. / Aargauer Zeitung

„Fern Hill“ im Original / Deutsch von K. Martens

92. Meister und Altbayer e.h.

Wer war Franz Ritter von Kobell? Ein ‚Altmeister der bairischen und pfälzischen Mundartdichtung‘. Das steht auf seinem Grab im alten Münchner Südfriedhof. Kobell besaß die Fähigkeit, sich in verschiedenen Dialekten ausdrücken zu können. 1839 entstand als erstes literarisches Werk das Bändchen ‚Tryphylin‘, benannt nach einem Mineral: Gedichte in oberbairischer und pfälzischer Mundart und daneben hochdeutsche Verse. Erst schenkte er es nur Freunden, aber als es der Cotta-Verlag, versehen mit einer Titelvignette seines Freundes Franz Graf von Pocci herausgab, reagierten Leser und Rezensenten begeistert.

Das Musische lag zwar eindeutig in der Familie – Großvater Ferdinand, Großonkel Franz und Onkel Wilhelm waren berühmte Maler und Zeichner -, doch Franz von Kobell hatte eigentlich einen anderen Weg eingeschlagen und war, als seine ersten Gedichte erschienen, bereits ein anerkannter Wissenschaftler. ‚Ein Gelehrter, der bedeutendste Gesteinforscher seiner Zeit in Bayern, ein Jäger und ein Dichter‘ rühmte ihn denn auch Josef Hofmiller, der in einem Vorwort zu einer Best-of-Ausgabe von Gedichten Kobells 1926 darlegte, dass der Dichter, obwohl ‚kein Altbayer dem Blute nach‘, zu einem ‚Altbayer aus Gemüt, aus Gesinnung‘ wurde. / sabine reithmaier, Süddeutsche Zeitung 13.8.

91. Deutscher Dichter, aus- und wieder eingebürgert

Der 1929 in Iran geborene Dichter Cyrus Atabay kam in den Fünfzigerjahren zum Studium nach München. Seine ersten Jahre in der Stadt haben den ‚persischen Prinzen‘, wie ihn der Mäzen Pablo Jacobi gerne nannte, und auch seine Texte stärker als alle andere Lebensstationen geprägt. Der Vater, der selbst in Deutschland Medizin studiert hatte, schickte den in Teheran geborenen Jungen mit acht Jahren in eine Schule nach Berlin. In der Hauptstadt musste der Junge den Krieg überdauern. Als er 1945 zurück nach Teheran kam, war er 16. Die Kindheit im Reich der Schahs erschien ihm fern, die Erfahrungen in Berlin hingegen saßen tief. Das Persische fiel ihm sehr schwer. Er setzte die Schule auf eigenen Wunsch in Zürich fort, wo er auch begann, Gedichte zu verfassen. ‚Auf einigen Umwegen‘, wie er selbst später schrieb, landete er schließlich in München, immatrikulierte sich in Germanistik. (…)

Anfang der Sechzigerjahre musste Atabay Deutschland verlassen und lebte fortan abwechselnd in Teheran und London. Da er mit dem gestürzten Schah verwandt war, wollte man ihm in Deutschland kein Visum mehr ausstellen. Er beantragte und bekam Asyl in Großbritannien. (…)

Ihm fehlte die deutsche Sprache, sodass es den Dichter schließlich zurück nach Deutschland trieb: ‚Meine eigene Sorge war, dass das Echo der Sprache im Ohr erlöschen könnte.‘ Er blickte aus der Ferne zurück auf die ’schöne Isarstadt‘, die ihm Mangels eines Visums in seinen Erinnerungen als unerreichbares Utopia erscheinen musste.
(…) 1983 (…) kehrte Cyrus Atabay endlich nach München zurück, wo er Mitglied der Akademie der Schönen Künste wurde und bis zu seinem Tod 1996 in Schwabing und Milbertshofen lebte. / Nicolas Freund, Süddeutsche Zeitung 13.8.

90. Klangpoesie in Berlin

28.8. 2013 – 20:30

Altes Finanzamt
Schönstedtstrasse 7
12043 Berlin-Neukölln

„Voice_Voice_Voice_Voice“ Collaborative performance combining extended vocal technique, text, dada, language, poesia sonora

with Tomomi Adachi, Alessandra Eramo, Valeri Scherstjanoi, Gabriel Dharmoo

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31.8.2013  – 19:00 und 22:00

Galerie Haus am Lützowplatz,
Lützowplatz 9
10785 Berlin-Tiergarten

Berlin Sound Poets Quoi Tête

Das internationale Klangkunst-Kollektiv Berlin Sound Poets Quoi Tête, bestehend aus Tomomi Adachi (JP), Ernesto Estrella (ES), Jelle Meander (BE) und Cia Rinne (DE), erforscht in seinen Performances vokalbasierte Poesie in Verbindung mit experimenteller Musik.

Live-Performance jeweils um 19:00 und um 22:00
kuratiert von Wendelin Büchler
Im Rahmen der 33. Langen Nacht der Museen
Tickets: 18€/12€ – Kinder bis 12 Jahre frei

(Ticket gilt für alle Veranstaltungen während der Langen Nacht der Museen)

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4.9. und 5.9. 2013  – 20:30

St- Elisabeth-Kirche
Invalidenstrasse 3, 10115 Berlin-Mitte

Makiko Nishikaze: ppt (UA)

ppt-nishikaze

Räumliche Komposition für das Ensemble Maulwerker: 5 Vokalperformer mit Instrumenten und Objekten
mit Christian Kesten, Ariane Jessulat, Henrik Kairies, Katarina Rasinski, Steffi Weismann
Videoprojektion: Alessandra Eramo, Steffi Weismann

Eintritt: 10 € / ermäßigt 8 € Vorbestellung: office@maulwerker.de

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6.11.2013  – 21:00
Acker Stadt Palast
Ackerstr. 169/170
10115 Berlin-Mitte

Electroacoustic Performance for voice, manipulated tapes and field recordings

Alessandra Eramo and Marta Zapparoli

Vinyl Terror and Horror – visual and sculptural turntablism, cinematic soundscapes

Camilla Sørensen and Greta Christensen

89. Avantgarde im Exil

‚Das Zimmer stank‘, wird Fred Uhlmann über seine erste Begegnung mit Schwitters schreiben. ‚Ein muffiger, säuerlicher, unbeschreiblicher Gestank, der von drei Dada-Plastiken ausging, die er aus Porridge (Haferbrei) gefertigt hatte, da an Gips nicht heranzukommen war. Der Porridge hatte Schimmel entwickelt, und die Skulpturen waren mit grünlichem Haar und bläulichen Exkrementen einer unbekannten Bakterienart bedeckt.‘ Uhlmann hatte Schwitters im Internierungslager auf der Isle of Man kennen gelernt. Gut 250 Werke schuf Schwitters während seines einjährigen Aufenthaltes dort, notiert die Kunstgeschichte, und dass er sich dort vom Abstrakten ab- und dem Gegenständlichen zuwandte. Tatsächlich entstand im ‚Camp‘ eine große Anzahl von Porträts, auch Uhlmann saß dem Künstler für um die fünf Pfund Modell. Allerdings ärgerte er sich, er hätte doch besser in eine Collage investiert, ‚die für 10 Schilling zu haben gewesen wäre‘. Kurt Schwitters, international berühmt, muss geahnt haben, dass Kunst ihn in England nur dann ernähren wird, wenn er die Arbeit an der Avantgarde zeitweise einstellt.

Und so gilt das bisher als ‚Exilperiode‘ abgelegte Spätwerk jetzt als Epoche einer ‚Dialektik des Exils‘, zumindest ist das die Lesart, die eine von der Londoner Tate Britain Gallery ausgehende Schau im Sprengel-Museum Hannover vorschlägt. (…)

Nach dem Krieg, als er in den Lake District zog, unterstützte das Museum of Modern Art die dritte Fortsetzung mit einem Stipendium in Höhe von 1000 Dollar, ein Pachtvertrag soll die Existenz des ‚Merzbarn‘ absichern. Gleichzeitig arbeitete er also wieder am Projekt Moderne – und malte für seinen Lebensunterhalt kleine Bilder für Touristen. ‚In diesen 3 Wochen habe ich verdient, was ich für 5 Wochen brauche‘, rechnet er seinem Sohn in einem Brief vor, dem er auch, ironisch, von seinem Erfolg bei der Blumenschau Ambleside berichtet. ‚Ich habe 6 Blumenbilder eingereicht, 2 davon aus dem letzten Jahr. Mrs Vartis Rosen bekamen den ersten Preis, und Mr Bickerstaffs Chrysanthemen den zweiten.‘ Die Doppelexistenz, die ‚Dialektik des Exils‘, währt nicht lange. Als Kurt Schwitters am 8. Januar 1948 stirbt, hat er nur eine Wand mit Reliefs überzogen. Doch der Schuppen – das Wandfragment wurde in die Hatton Gallery in Newcastle überführt – zeugt bis heute von der außerordentlichen Kraft auch des Spätwerks, das, wie Schwitters, die Begabung hatte, sich als zentrale Position der Avantgarde zu behaupten. / Catrin Lorch, Süddeutsche Zeitung 16.8.

Schwitters in England. Bis 25. August im Sprengel Museum Hannover. Der Katalog kostet 29 Euro.

 

88. Wer ist hier asozial?

…  fragt Burkhard Müller und sagt: Immer das neueste Medium wird verdächtigt, die Gemeinschaft zu sprengen

Ein Medium ist bei Kräften, solang es als Schund gilt. Dass heute allgemeine Einigkeit über den Bildungswert des Buchs besteht, bezeugt dessen mediale Schwäche; und dazu gehört es wohl auch, dass es auf einmal soziale Qualitäten aufweisen soll, die man ihm früher rundheraus abgesprochen hat. Der individuelle Lese-Exzess erscheint am Horizont des kulturellen Lebens nurmehr wie ein ungefährliches Wetterleuchten oder eher noch wie eine Fata Morgana. Stattdessen hat das Buch alle möglichen Modi der sozialen Teilhabe entwickelt, Lesungen, Talkshows mit Autoren, Werbeveranstaltungen aller Art, Darbietungen in Geschenkformen, die es erlauben, sich genau in dem Maß den Mitmenschen zuzuwenden, wie die eigentliche Selbst-Lektüre in den Hintergrund tritt. Man muss ein Buch heute nicht mehr lesen, um ein Verhältnis zu ihm aufzubauen. In gewissem Sinn ist es auf sozialem Weg kastriert worden.

Und nun ist also auf einmal das gute alte Fernsehen mit der Verklärung dran. Zwar sprechen mindestens so viele Gründe wie beim Buch dafür, dass es den direkten sozialen Kontakt schon immer entmutigt hat. Beide Medien, Buch und Fernsehen, gebieten es, dass man, während man sie rezipiert, in Schweigen verharrt. Der Dreinquassler war bestimmt auch schon in den Zeiten der Schrankwand-Familientruhe eine unbeliebte Figur, denn er beeinträchtigte die anderen in ihrem Genuss. Aber wenigstens unmittelbar hinterher soll immer gleich die gehaltvolle Diskussion gelaufen sein. Wer hingegen ein interaktives Medium bedient, das ihm doch den direkten Austausch mit einem, wenn auch abwesenden, Partner möglich macht, der soll ein sozial gestörter Nerd sein. Warten wir den nächsten Schub medialer Innovation ab: Dann nämlich wird es den Kulturkritikern nachträglich wie Schuppen von den Augen fallen, und sie werden das Verschwinden von Facebook mit seinen so offensichtlichen sozialen Qualitäten beklagen. / Süddeutsche Zeitung 12.8.