66. Heute

… vor 12 Jahren starb der Dichter Christian Loidl.

Durch seinen Tod wird ihm eine Aufmerksamkeit zuteil, die der in Linz geborene Dichter zu Lebzeiten kaum erfahren hatte. In einem Nachruf wird er als „bedingungsloser Verfechter der Poesie“ bezeichnet, seine Beteiligung an der Gründung der „schule für dichtung“ im Jahr 1992 gewürdigt. Bekannt wurde er durch seinen Vortragsstil: Loidl las seine Gedichte nicht fad vom Blatt, er sprach sie auswendig – nein, er sprach sie nicht, er sang sie, spielte sie, schrie sie und spuckte sie förmlich aus. Das Publikum dankte ihm die unterhaltsame Abwechslung, während der Literaturbetrieb Loidls expressiven Duktus lange Zeit misstrauisch beargwöhnte. In diesem kopflastigen Klima spielte er die Rolle eines geduldeten bunten Hundes meist mit Augenzwinkern. Manchmal befiel ihn angesichts des ihm zugewiesenen Platzes am Rand des Betriebs Enttäuschung.

Loidls plötzliches Ableben rief Betroffenheit hervor: War hier ein verkanntes Genie an öffentlicher Nichtbeachtung oder an einem privaten Unglück zerbrochen? / Helmut Neundlinger, datum.at

65. Die Kontrastierer

Vielleicht haben sie eine dunkle Erinnerung an das Prinzip der Differenzialität aus dem Grundstudium (de Saussure und so). Vielleicht fällt ihnen einfach nichts ein, um ihren Gegenstand zu loben; und so bauen sie einen Popanz auf und verglichen mit dem strahlt ihr Objekt. Nicht nur schlechte Rezensenten machen es so, manchmal auch gute, und sogar manche wissenschaftlichen Arbeiten sind nicht frei davon. Man suche zwei Antipoden A und B, die gegensätzlichen Lagern oder Prinzipien zugerechnet werden, und Arbeiten, die mit A oder B sympathisieren, man wird leicht fündig.

Wieviel mehr Gewicht gewinnt diese Kontrastmethode bei schlechten Rezensenten oder Besprechern, besonders wenn sie Lyrik „besprechen“. Einer hebt so an:

N.N. schreibt – das vorweg – Gedichte, die sich sehr zu lesen lohnen. Darüber freut sich der Renzensent natürlich sehr. Immerhin wird man als Lyrik-Besprecher bzw. -Beschreiber mit einer Menge Bücher eingedeckt, wo exakt das Gegenteil der Fall ist. Stets aufs Neue wundere ich mich, was Menschen sich teilweise zusammendichten und was dann auch noch einen Verlag findet. Wen wollen all diese selbsternannten Dichter beeindrucken? Ihre Deutschlehrer? Ihre Väter, von wegen, „Papa, ich kann jetzt schwere Worte“? Durchgeknallte Kritiker mit der Lizenz zum kongenialen sprachlichen Stuss verzapfen? Möge der Mantel des Verschweigens all diese Wirr-Werke für immer zudecken und möge 2014 mehr Verständliches bringen. Bei N.N. liegt der Fall, wie schon erwähnt, anders – und es ist sehr erfreulich, dass hier jemand an die Öffentlichkeit tritt, der etwas zu sagen bzw. zu schreiben hat.

Das ist kein erfundenes Beispiel und keine Karikatur, sondern eine tatsächlich vor kurzem veröffentlichte Notiz zum ersten Gedichtband eines jungen Lyrikers, bei der ich nur den Namen des Autors durch N.N. ersetzt habe. Das Zitat bildet schon mehr als die Hälfte der ganzen Besprechung bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Daß es sich um eine schlechte Kritik handelt, läßt sich beweisen. Die von mir zitierte größere Hälfte enthält weder Argumente noch Beweise, sondern nur Behauptungen, eigentlich nur die eine, daß dieses Buch besser ist als die meisten anderen. Der Großteil des Texts gibt die Gefühle und Überlegungen des Besprechers wider, der von den vielen Büchern erschlagen – in meiner Sicht, ich sags frei heraus: überfordert ist und nun anscheinend eins der seltenen guten oder verständlichen Bücher gefunden hat. Aber was für ein Bild von den Lesern oder Zuhörern haben  Schreiber und Sender, wenn sie eine starke Behauptung senden ohne auch nur den Ansatz eines Beweises? Ich kenne mich aus und sags euch? Unser Sender ist das Beste am Westen und ihr könnt uns vertrauen?

Das wird im restlichen Teil der Besprechung nicht anders. Ich rücke auch ihn komplett ein:

Herr N. schreibt nämlich Gedichte, die in ihrem sprachlichen Ausdruck bestechen, die einleuchtende Bilder transportieren und schlüssige Metaphern, und die Inhalte wiedergeben, die nachvollziehbar sind und durchaus auch etwas über die Person verraten, die sie verfasst hat. Es ist eine sensible Poetik, die sich sehr mit der eigenen Existenz beschäftigt und all ihren möglichen finsteren und verlorenen Zuständen. Gedichte über die „kalte spur der stille“, über den „hauch von unbekannt verzogen“ und über das „verlangen nach den leeren räumen“. Großartige junge Dichtung – den Namen dieses Autors sollte man sich merken.

Zu der Hauptbehauptung kommen hier Nebenbehauptungen: bestechender „sprachlicher Ausdruck“, nachvollziehbare „Inhalte“, „sensible Poetik“. Sehen wir von der fragwürdigen Ästhetik dahinter ab – der Besprecher hat gewiß studiert und Differenzierteres über „Inhalt“ und „Form“, Ausdruck, Darstellung oder Struktur gehört. Es folgen in einem Satz drei Zitate ohne Bezug zu einer erkennbaren Argumentation. Das ist großartige junge Dichtung, weil ich es euch sage, so die einzige Aussage. Das alles ist dünn und fragwürdig, aber am schlimmsten ist der Appell an niedere Instinkte als uninformiert und manipulierbar gedachter Leser. Schenkelklatschender Beifall, zustimmendes Gegröle – so sehen Verfasser und Sender solcher „Rezension“ genannter Texte ihre Zuhörer / Leser. Die schlimmste Stelle dieses an schlimmen Stellen reichen Textes sei noch einmal zitiert:

Möge der Mantel des Verschweigens all diese Wirr-Werke für immer zudecken und möge 2014 mehr Verständliches bringen.

So weit so schlecht. – Woher nimmt der Besprecher die Autorität seines Urteils? Nun, das ist einfach. Der besprochene Autor hat einen bedeutenden Preis gewonnen und wurde aus berufeneren Mündern als dem des Radiobesprechers gelobt. Ein halbes Jahr früher schrieb ein renommierter Kritiker in einer Berliner Tageszeitung über dasselbe Buch. Seine Rezension scheint die Quelle dieser Besprecheraussage:

Es ist eine sensible Poetik, die sich sehr mit der eigenen Existenz beschäftigt und all ihren möglichen finsteren und verlorenen Zuständen.

Der berufene Kritiker, einer der bedeutendsten, einer aus der sehr kleinen Schar der professionellen Lyrikkritiker des Landes, drückt das differenzierter aus:

N.N.s Gedichtband „XY“ erzählt von der permanenten Abwesenheit des Subjekts, von seiner Sehnsucht nach Existenzzuständen, in denen das Ich in einen „anderen Zustand“ gelangt und – so formuliert es der Autor in einer Notiz – endlich in der „untersten vulkanischen Tiefe der Existenz“ ankommt.

Der schlechte Kritiker verfährt nach bewährtem Rezept, indem er mehrfach überregional belobte Dichter auch lobt und alle andern pauschal abwertet. Die beiden Rezensionen haben nichts gemein, außer daß sie sich auf den gleichen Band beziehen (und der zweite sich am ersten orientiert). Der gute Kritiker arbeitet professionell, er ist belesen und versteht sein Handwerk – natürlich. Er beschreibt den Platz des lyrischen Subjekts unter Bezug auf Kategorien und Textstellen, das Verhältnis von Narration und Monolog, und wenn er ihn bemerkenswert nennt, hat er im Detail gezeigt, was damit gemeint ist. Man muß nicht seiner Meinung sein – gerade weil er nachvollziehbare Argumente anbringt, kann der Leser  zustimmen oder dagegenhalten.

Aber es gibt noch eine Gemeinsamkeit mit dem Text des schlechten Kritikers. Auch in seiner detaillierten Kritik wird die Denk- bzw. Darstellungsfigur der Differenzqualität genutzt. 

Der 1980 im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborene und heute in der Schweiz lebende N.N. ist eine Ausnahmegestalt unter den jüngeren Lyrikern, die meist eine sprachexperimentelle Neuausrichtung ihrer Gattung anstreben. N. dagegen bekennt sich zu einer Poesie der „Dringlichkeit“, die primär die unsichere Kontur und Selbstwahrnehmung des Ich in den Blick nimmt, seinen Standort in der Verborgenheit „abseits der Dinge“.

Doch ist das Gleiche auch hier nicht Dasselbe. Dieser Kritiker behauptet nicht die Singularität des besprochenen Buches, sondern legt Argumente vor und gibt eine Lesart in Bezug auf verschiedene Gedichttypen. Kritiker A informiert und macht den Leser zum Mitarbeiter, Kritiker B disqualifiziert nicht nur die graue Masse der „Wirrlyriker“, sondern durch die unqualifizierte Art seines Lobes auch den Gelobten. A spricht zu mündigen Lesern, B zum Bauchgefühl der Uninformierten. Kritik B ist ein (öffentlich-rechtliches) Ärgernis. Würde ein so wenig kundiger Kritiker eine Opernaufführung in Bayreuth, Düsseldorf oder München abwatschen, hätte die Redaktion das akzeptiert? Es wäre ein Skandal. Und bei der Lyrik? Stört es vielleicht weniger, weil jeder, der die Bände der neuen Lyrik nicht liest, schon mal davon gehört hat, daß die Lyrik heutzutage unverständlich und schlecht ist? In einer gestern intern geführten Debatte sagte eine Autorin: „Unqualifizierte Rezensionen sind eine Zumutung und respektlos, so einfach ist das.“ So einfach ist das wirklich.

Nachschlag

Vielleicht ist alles auch noch einfacher. Vielleicht hat der Radiokritiker bloß einen anderen Auftrag. Er war nämlich gestern schon Gegenstand einer L&Poe-Nachricht und einer intern bleibenden Debatte. Matthias Ehlers, so heißt der Autor des Radiosenders WDR 5, lobte dort Peggy Neidels und hier, ein paar Wochen früher, Levin Westermanns erstes Buch. (Bibliographische Angaben und Links unten).

Beide von ihm Gelobten sind jung, beide sind Nordrhein-Westfalen*. Sonst nichts. Will sagen, der Sender erfüllt eben einfach seinen kulturpolitischen Auftrag, Leute von uns hervorzuheben. Im Südwesten oder Nordosten die Partnersender haben dementsprechend andere Hierarchien und heben die südwestlichen und nordöstlichen Dichter hoch. Die Kabelbetreiber haben ja sowieso die Verbreitung der Dritten weitgehend eingeschränkt; vielleicht sollte man das radikalisieren, um weitere Mißverständnisse und weiteres Wutvergießen zu vermeiden?

*  die geborene Zwickauerin Peggy Neidel studierte in Düsseldorf, war Literaturclub-Mitgründerin in Düsseldorf, jetzt Berlin

Zusatz

Daß der WDR Gedichte junger und alter Dichter sendet, ist höchst löblich. Warum trauen sie sich nicht, sie kommentarlos zu senden?

Literaturhinweise

  • Matthias Ehlers: Aktuelle Lyrik – ein Gedicht: „Im Flur“ von Levin Westermann. WDR 5 23.11. 2013
  • Michael Braun:  Heimkehr ins Flutende. Levin Westermanns Lyrikdebüt „unbekannt verzogen“. Tagesspiegel 3.3. 2013
  • Matthias Ehlers: Aktuelle Lyrik – ein Gedicht: „Der Park“ von Peggy Neidel. WDR 5 14.12. 2013
  • Kristoffer Cornils: Die Möglichkeit von Intimität. Lyrikschau: Das aufgeräumt-pathetische Debüt des Levin Westermann. junge Welt 14.1. 2013
  • Levin Westermann: unbekannt verzogen. Gedichte. Luxbooks Verlag, Wiesbaden 2013. 114 Seiten, 22 €
  • Peggy Neidel: weiß. Reihe Neue Lyrik – Band 5 . poetenladen 2013. 72 Seiten | Euro 16.80

64. Piccolomini

Doch entsprangen seinen nächtlichen Studien zunächst vor allem lateinische Gedichte im Stil der Erotica Catulls und Tibulls, die Piccolomini später selbst vom Markt zu nehmen versuchte. Am bedeutendsten darunter ist die Novelle mit dem Titel «De duobus amantibus historia», die Geschichte der zwei Liebenden Euryalus und Lucretia, in der Piccolomini weder für noch gegen eine Leidenschaft, weder für noch gegen eine moralische Lösung eintritt, sondern soziale Ausweglosigkeit schildert.

(…) Ein Aufenthalt in Schottland zu wissenschaftlichen Studien brachte neben seriösen Beobachtungen auch naturkundliche und anthropologische Erkenntnisse, wie sie in Caesars Bericht über seinen Britannien-Aufenthalt hätten stehen können: «Die Männer sind klein und wild, die Frauen hellhäutig, anmutig und äusserst lüstern.» / Hans-Albrecht Koch, NZZ

63. Rez.

Wen vertritt Rez.? Den Leser? Das Volk? Die Literatur? Den Sender? Es wird nicht immer klar. Meine Rand-, Zwischenbemerkungen wollen nicht kritisieren, sondern verstehen. Deshalb endet jeder (Teil-)Satz mit Fragezeichen.

Rez. hat eine interessante Zeile gefunden – d.h. eine, die er verstanden hat? und vielleicht mehr?:

Peggy Neidel weckte das Interesse des Rezensenten

(er wollte es eigentlich nicht machen, oder sollte er, „du weißt schon, junge Lyrik“, er interessiert sich eigentlich nicht für Lyrik? nicht für neue Lyrik? Er war uninteressiert bis er diese Zeile las? Um einer Zeile willen soll das Werk gerettet werden?)

weckte das Interesse des Rezensenten nach dem Genuss folgender Verse: „dein mund macht mir falten, deine Hände erkälten mich, bisher war zwischen uns überhaupt kein Gefühl, heute ändert sich das“

Vielleicht nicht aufregend, aber doch „gut“ und „wert“? Immerhin war Genuss im Spiel? Wenn auch nachträglich?:

Das klingt nicht spektakulär, aber gut und war es wert weiter in „weiß“, dem ersten Lyrikband der Zwickauerin, zu lesen.

„Darin“ lesen, nicht es ganz, einmal, zweimal, zu lesen? – Daß es ihr erster ist, bringt ihn in eine überlegene Position? Schließlich ist es nicht seine erste Rezension? Oder wenigstens nicht erste Lyrik-, erste Junglyrikrezension? Nicht daß jetzt alles gut ist –?:

Nach der Lektüre bleibt festzustellen: Frau Neidel hat sich noch nicht so ganz entschieden,

Rez. hat zuende gelesen? Und fand nämlich daß keineswegs alle Verse wert und gut waren? aber es gibt Hoffnung?, daß, also ob?

ob sie ihre empfundene Gegenwart in ganzwegs kryptische Worte fassen will, oder in halbwegs klare.

Ganzwegs kryptisch ist noch eine andere Qualität als halbwegs kryptisch? Geht es auch umgedreht, halbwegs kryptische oder ganzwegs klare? Ganzwegs klare wär ihm lieber, aber er bekommt sie nicht? – Rez. wendet sich nun ins Allgemeine, ist er belesen? Er unterscheidet zwischen Dichtern und Dichterinnen älterer Herkunft, die er versteht? oder wenigstens halbwegs? Enzensberger, Krüger, Elke Erb schreiben halbwegs klare „Worte“? Ein Teil der von jüngerer Herkunft auch, aber immer öfter nicht? Gewiß, er will die Novizin vor schlechter Gesellschaft warnen?

Befürchtend, dass immer mehr Dichter oder Dichterinnen jüngerer Herkunft glauben, dass es uncool sei, wenn sie von mehreren Menschen verstanden werden,

Rez. meint es halbwegs gut, er kann diese junge Frau vielleicht noch retten? Immerhin sind ihre Empfindungen, woher kennt er die nur? Schilderungswert? Hat er sie demnach doch halbwegs verstanden? Nein, er muß sie, die – puren? – Empfindungen?  von vor der dichterischen Verarbeitung kennen, denn? wenn sie die durchaus schilderungswerten, sagt er? Empfindungen lyrisch verarbeiten will, aus welchem Mustopf hat er nur seinen Literaturbegriff*? dann müßte sie sie, er rät freundlich? dann würde er sie ganz verstehen? Wird das eine Romanze?

sei dieser jungen Frau von Renzensentenseite freundlich geraten, ihre schilderungswerten Empfindungen, so sie die lyrisch verarbeiten will, allesamt in verständliche Verse zu packen.

Denn den Rezensenten? jedenfalls den wohlmeinenden? nicht halbwegs sondern insgesamt glücklich zu machen, wie es Enzensberger & Erb schon jetzt tun? ist die eigentliche Aufgabe der Literatur?jedenfalls der verständlichen?

Die lassen den wohlmeinenden Rezipienten dann insgesamt glücklich zurück, weil er alles verstanden hat. Ein Anfang ist bei Peggy Neidel schon gemacht.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

(Hier im Zitat der komplette Text beim WDR)

Was wäre dem hinzuzufügen? Ich überlasse das letzte Wort zwei Altmeistern.

Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müsste von uns lernen.

Johann Wolfgang von Goethe

… der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, allerdings wenn eine solche Annäherung stattzufinden hat, dann hat sie nicht von der Seite des Künstlers herzukommen, Kunst dem Volke, sondern das Volk, jedermann, hat sich gefälligst zur Kunst hinzubemühen.“

Arno Schmidt **

*) Alles Lyrische muß im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bißchen unvernünftig sein. (Goethe)

**) Man muß nur statt „Leser“ und „Volk“ „Rez.“ einsetzen, und man wird verstehen, was Arno Schmidt meinte. M.G.

Jetzt ohne Fragezeichen: Rez. sollte seine Hausaufgaben machen, bevor er rezensiert. Also lesen lernen, Goethe hat 80 Jahre gebraucht, man muß es ja nicht übertreiben, ich finde es nicht übertrieben, sich selbst zu verordnen, 100 Bücher gelesen und verarbeitet zu haben bevor man eins rezensiert. Ich sprach von 100 Lyrikbänden! Dann reden wir weiter.

62. Poetopie

kennst du dich? fang an dich zu ahnen

Hansjürgen Bulkowski

61. Schreckensmann

Zu den „Schreckensmännern“, wie Arno Schmidt einst diejenigen Dichter bezeichnet hat, deren Phantasie feindlichsten Lebensumständen abgetrotzt wurde, zählt Hebbel mehr als jeder andere. „Schlag zu, mir tut’s nicht weh!“ – Hebbel wusste, wovon er sprach, und kam immer wieder darauf zurück, was Härte und beispielsweise väterlicher Hass für Kinder bedeutet, die nicht verstehen, was sie erleiden müssen. Für manche von ihnen: die Unfähigkeit, sich selbst leiden zu können. „Für meinen Nächsten würde oft wenig dabei herauskommen, wenn ich ihn liebte wie mich selbst.“

Kinder bevölkern die Gedichte und Reflexionen Hebbels. Kinder, die im Traum fliegen und sich, erwacht, aus dem Fenster werfen, weil es doch soeben noch ging mit dem Fliegen. Kinder, die ihren Eltern pädagogische Bücher mit der Aufforderung bringen, sie danach zu erziehen. Kinder, die von ihren Vätern mit ins Wirtshaus genommen werden, damit sie, die Kinder, ihnen ein gutes Beispiel geben. Hebbel war ein gequälter Mensch, der selbst erstaunt gewesen sein mag, wie sich der gute Wille durch die Härte der Umstände hindurch erhielt. „Mein Leben ist eine langsame Hinrichtung meines innern Menschen. Seis drum.“ / Jürgen Kaube, FAZ 14.12.

 

60. Referenzfläche 3

Ins Bild geworfen wie ein sich wiederholender, unscharf formulierter Slogan: 3# ist da!

DerAutor

59. Ostragehege

Dass es möglich ist, ganz un­polemische und text­bezogene Kritik an Hubert Winkels zu formu­lieren, hat nun in Heft 2/2013 der Zeitschrift „Ostragehege“ die Schrift­stel­lerin Martina Hefter demon­striert. In einem „of­fenen Brief“ an Hubert Winkels wendet sie sich gegen Argumen­tations­figur des Kritikers, der öffentlich sein Bedauern kund­getan hatte, dass Martina Hefter keine Romane mehr schreibe. Im Gegenzug erklärt nun die Autorin, dass ihre Abwen­dung vom Roman keines­wegs einem von außen auf­erlegten Zwang oder einer Schreib­krise geschuldet sei, sondern sich einer freien künstle­rischen Ent­scheidung verdanke – der Ent­scheidung für das Ge­dicht, für die Lyrik als derzeit für Martina Hefter auf­regendstem künst­le­ri­schen Feld.
Neben dem offenen Brief Martina Hefters finden sich noch weitere lesenswerte Beiträge im neuen „Ostragehege“. Da ist Kathrin Schmidts Porträt des antike-beses­senen Dresdner Dichters Gregor Kunz, von dem einige impo­nierende Gedicht-Exempel abgedruckt sind. Und da sind schöne Gedichte des kaum bekannten Myron Hurna, wunderbare Minia­turen von Jayne-Ann Igel und ein groß­artiges Ver­gäng­lich­keits­gedicht von Dieter Hofmann (…) / Michael Braun, Zeitschriftenschau im Poetenladen

Ostragehege 71 (2013)
c/o Axel Helbig, Birkenstraße 16, 01328 Dresden. 70 Seiten, 4,90 Euro.

58. Zürcher Kultur

Kein Unglücksdatum war Freitag, der 13. Dezember, für 23 Zürcher Kulturschaffende und zwei Kollektive: Stadtpräsidentin Corine Mauch hat an diesem Datum im Kaufleuten nämlich die kulturellen Auszeichnungen 2013 der Stadt Zürich in der Höhe von insgesamt 705 000 Franken übergeben.

(…) In der Abteilung Literatur erhielten Ralph Dutli, Roman Graf, Felix Philipp Ingold, Judith Kuckart, Jens Steiner, Thomas Strässle, Ulrike Ulrich und Urs Widmer Anerkennungsgaben (je 10 000 Franken). Halbe Werkjahre gingen an Tim Krohn und Doris Wirth (je 24 000 Franken), Werkjahre an Thilo Krause, Jonas Lüscher und Bruno Steiger (je 48 000 Franken). / NZZ

57. Nix Schiller, nix Drachen

Kein Punkt, in dem wir uns nicht mühelos einigen konnten – außer diesem einen: „Der Kampf mit dem Drachen“, so erklärte er mir ebenso schonungsvoll wie nachdrücklich, müsse unter allen Umständen aus der japanischen Version meines Buches eliminiert werden.

Wie, so war ich gespannt, würde er diesen (an und für sich hinnehmbaren) Eingriff argumentieren? Dass Schiller im Gegensatz zu Goethe für den japanischen Leser eine wenig bekannte Größe sei – das konnte doch nur eine Ausrede sein (…) Auf mein Drängen rückte der Übersetzer schließlich mit der Wahrheit heraus:Der böse Drache sei es, der dem in der japanischen Mythologie Verhafteten nicht zugemutet werden könne. Das hehre Symbol des Herrscherhauses, der Inbegriff von Wohltätigkeit und gottgleich verehrte Glücksbringer – ein blutrünstiges Ungeheuer? Undenkbar, ausgeschlossen. Und dann gar noch aus der Feder eines in der japanischen Lesewelt so mäßig verankerten Dichters wie Schiller? Nein, einen solchen Frevel würde man nicht einmal Goethe durchgehen lassen. / Dietmar Grieser, Die Presse

Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
Es rottet sich im Sturm zusammen,
Und einen Ritter, hoch zu Roß,
Gewahr ich aus dem Menschentroß,
Und hinter ihm, welch Abenteuer!
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
Ein Drache scheint es von Gestalt,
Mit weitem Krokodilesrachen,
Und alles blickt verwundert bald
Den Ritter an und bald den Drachen.

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56. Horst Tomayer gestorben

Horst Tomayer ist tot. Der Schriftsteller ist heute im Alter von 75 Jahren in einem Hamburger Krankenhaus an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Tomayer hatte als Kolumnist von KONKRET („Tomayers ehrliches Tagebuch“), als Buchautor („German Poems“), als Vortragskünstler („Interessieren Sie sich für Sexualität“), im „Sehr gemischten Doppel“ (zusammen mit dem KONKRET-Herausgeber Hermann L. Gremliza) sowie als Darsteller in Fernsehserien („Ein Bayer auf Rügen“, „Tierarzt Dr. Engel“) und in den Otto-Filmen gearbeitet. / konkret

Horst Tomayer hätte es verdient, in einem Atemzug mit der Neuen Frankfurter Schule genannt zu werden, und wahrscheinlich würden das deren noch lebende Vertreter nicht bestreiten. Berühmt werden konnte Horst Tomayer aber schon deshalb nicht, weil er nicht korrumpierbar war. Er hat zwar Tausende von Komposita erfunden – etwa „Fahrraddiebhalsgerichtsordnung“ –, und viele davon sind nur in SMS-Nachrichten und auf Faxpapier erhalten geblieben, aber das Wort Karriereplanung kannte er nicht. / taz

55. außer.dem

Fünf ganz unterschiedliche Münchner Autoren lesen am kommenden Sonntag im Lesecafé in der Ligsalzstraße. Ein Überraschungsgast kommt auch vorbei.

Schwanthalerhöhe – Lust auf Lyrik? Passion für Prosa? Die Literaturzeitschrift außer.dem lädt am kommenden Sonntag, 15. Dezember, zu einer Lesung ins Kunst- und Textwerk ins Lesecafé in der Ligsalzstraße 13 ein.

Präsentiert wird fünf mal Poesie mit den Autoren Karin Fellner, Gerald Fiebig, Andrea Heuser, Jan Kuhlbrodt und einem Überraschungsgast.

Fünf ganz unterschiedliche Autoren – fünf ganz unterschiedliche Bücher: Karin Fellner aus München präsentiert Gedichte aus ihrem neuesten Manuskript sowie Gedichte aus ihrem yedermann-Band „hangab zur kehle“.

Der Augsburger Gerald Fiebig stellt Texte aus seinem Band „normalzeit“ vor.

Neue Dichtungen gibt es von der Münchnerin Andrea Heuser (zuletzt erschien ihr Gedichtband „vor dem verschwinden“).

Jan Kuhlbrodt aus Leipzig liest aus seinen neuen Werken „Stötzers Lied“ und dem Essayband „Geschichte“.

Last but not least kommt ein Überraschungsgast vorbei.

Wann? Sonntag, 15. Dezember, 20 Uhr.

Wo? Lesecafé im Kunst- und Textwerk, Ligsalzstr. 13.

54. Hasenhass

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Monika Rinck: „Hasenhass“ – Buchpremiere (mit Monika Rinck, Ann Cotten, Christian Filips, Stephan Kammer und Lukas Matthaei)

Sonntag, 15.12.,  19:30 Uhr
Ausland in Berlin

53. Lyrikpreis München

Die Jury wählte am 13. Dezember

  • Alexander Gumz, Berlin
  • Dirk Uwe Hansen, Greifswald
  • Anja Kampmann, Leipzig

ins Finale.

Damit stehen die Finalisten für den Lyrikpreis München am 22. Februar 2014 fest.
Es sind:

  • Dominic Angeloch, Berlin
  • Kerstin Becker, Dresden
  • Alexander Gumz, Berlin
  • Dirk Uwe Hansen, Greifswald
  • Anja Kampmann, Leipzig
  • Odile Kennel, Berlin
  • Birgit Kreipe, Berlin
  • Martin Piekar, Bad Soden

52. Im Kavafisjahr

Einblicke in die erste Reise Kavafis nach Griechenland bietet das gleichnamige im Verlag der Griechenland Zeitung erschienene Reisetagebuch, eine deutsche Erstausgabe. Darin finden sich auch einige Gedichte des Autors, die er selbst grob in philosophische, historische und erotische Gedichte unterteilt.

Die Bedeutsamkeit seiner Werke, vor allem seiner Gedichte für die Gegenwart spiegelt sich in der Zeitlosigkeit seiner Dichtkunst wieder. Es scheint, als ob die Gedichte Kavafis die Zeit überdauern würden. Die Aktualität der Lyrik schafft Identifikationsebenen. Die ausdrucksstarken Gedichte mit ihrer bildhaften Sprache, symbolisch und realitätsnah, laden den Leser ein, die Welt genauer zu betrachten. Kavafis setzt auf Tiefgründigkeit.

Die Welt Kavafis’ ist die der griechischen Antike und des byzantinischen Zeitalters. Er entführt uns in die hellenistische Vergangenheit des östlichen Mittelmeerraumes. Kavafis nahm, so die Journalistin und GZ-Mitarbeiterin Marianthi Milona im Berliner Tagesspiegel, „die Antike als Maske, zum Schutz seiner Träume, die ihn aus der engen Existenz eines homosexuellen Dichters in einer Amtsstube hinausführten“. (…)

Auch im öffentlichen Raum war der Auslandsgrieche dieses Jahr in Athen präsent: Auf Bussen, Zügen, Straßenbahnen und in den U-Bahn-Stationen waren Zitate aus seinen Gedichte zu lesen. Bis vor kurzem konnte man im Nationalgarten Athens darüber hinaus Kunstobjekte griechischer und internationaler Künstler betrachten, die sich mit Kafavis beschäftigten. / Griechenland Zeitung