19. Münchner Lyriknächte I bis IV

Gedichte stehen am Anfang der Literatur, als Klage, als Bitte, als Götterbesänftigung. Ihrer Form nach haben sie sich wenig geändert, ihre Inhalte sind variabler geworden. Raoul Schrott, Christoph Meckel, Peter Hamm und Durs Grünbein versuchen gemeinsam herauszufinden, warum das so ist, und eröffnen die Münchner Lyrik-Nächte.
[…]
Das Lyrik Kabinett und das Münchner Literaturhaus veranstalten vom 5. bis 8.12.2013 die ersten Münchner Lyrik-Nächte. An drei Abenden lesen namhafte nationale und internationale Lyriker, der Nobelpreisträger Tomas Tranströmer, Nora Bossong, John Burnside, Katharina Frostenson, Durs Grünbein, Lars Gustafsson, Peter Hamm, Christoph Meckel, Raoul Schrott, Jan Wagner und Adam Zagajewski aus ihren Werken. Die Abschlussveranstaltung am 8.12. wird allein Tomas Tranströmer gewidmet sein: Aris Fioretos, Lars Gustafsson und Michael Krüger sprechen mit und über Tomas Tranströmer.
/Münchner Literaturkalender

5. bis 8. Dezember, je 19:30 Uhr
Literaturhaus, Salvatorplatz 1, München

18. Ägyptischer Dichter gestorben

Der revolutionäre ägyptische Poet Ahmed Fuad Negm starb am 3. Dezember im Alter von 84 Jahren. Sein Kampf gegen ägyptische Herrscher von Nasser bis Mursi brachte ihm 18 Jahre Haft ein. Negm wurde 1929 geboren. Sein letzter Tweet vom 18.11. befaßte sich mit der neuen Verfassung und der Moslembrüderschaft. Im September wurde er mit dem niederländischen Prinz-Claus-Preis geehrt. Während der Besetzung des Tahrirplatzes im Januar sangen die Demonstranten immer wieder seine in Zusammenarbeit mit dem Sänger Sheikh Imam entstandenen Lieder.

Die ägyptische englischsprachige Tageszeitung Daily News veröffentlicht sein 1974 entstandenes Gedicht „Bohnen und Fleisch“:

Regarding the question of beans and meat
An alleged official source has decreed,
That medicine has advanced greatly and Dr Mohsen says:

That Egyptian people specifically are
better off eating beans instead of meat,
and that eating Egyptian beans makes you as strong as an ox,
and that such complete protein cannot be found in any other food.
Eat a portion, and Dr Mohsen is responsible.

It gives you great energy and strength,
It makes you big and strong,
It’s vegetarian meat.
Eat a pot and you’ll live long and healthy.

And Dr Mohsen adds that meat is assuredly poison,
It causes stomach pains and turns you into a thief.
It causes a person to sleep more and “blow away” appointments.
In general, those who eat meat will most definitely go to hell.

Oh, chunky Dr Mohsen, you incredible source,
You need to tell the world and the world needs to know,
What does your excellency think of a crazy man who goes around saying:
“Leave us to die from eating meat,
And you can all live on eating beans.”

What do you think, Captain Mohsen?
Isn’t it a great idea?

17. Schön

Ein Kanzlerkandidat, der ein Grass-Gedicht rezitieren kann, macht natürlich Eindruck, zumal bei einem Feuilletonisten, der vorhat, ein Buch über diesen Kandidaten und seinen Wahlkampf zu schreiben. Peer Steinbrück hält jenes Poem aus Grass‘ Tagebuch einer Schnecke gar für „eines der schönsten deutschen Gedichte“. Grass schrieb es an seinen Sohn Franz adressiert. Vor dem Hintergrund des SPD-Wahlkampfs 1969 handelt es davon, sich niemals unterkriegen zu lassen, niemals die Flinte ins Korn zu werfen, gerade auch dann nicht, wenn man sich eigentlich lange aufgegeben hat, „dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen…“ / Die Zeit

16. An Lyrik interessiert

L&Poe-Leser klicken sechsmal öfter auf Schreibkraft als auf welt.de. Punkt für die Lyrik!

15. Prix Goncourt für Charles Juliet

Der Prix Goncourt für Lyrik – Robert Sabatier wurde dem Schriftsteller Charles Juliet zugesprochen, teilte die Académie Goncourt mit. Der 1934 geborene Autor wird für sein Gesamtwerk geehrt.

Im zweiten Weltkrieg wurde er mit sieben Jahren Waise und kam zu einer Schweizer Familie. Mit 12 kam er als „Kind der Truppe“ an die Militärschule in Aix-en-Provence. Er begann Medizin zu studieren, widmete sich aber dann dem Schreiben und veröffentlichte 1972 sein erstes Buch. Seine Gedichte wurden auch ins Deutsche, Spanische, Englische, Polnische, Japanische, Vietnamesische, Türkische und Chinesische übersetzt und stehen in französischen Schulbüchern. / L’Express

14. Süße Heimat

So – mißverständlich – der Titel einer ungarischen Lyrikanthologie. Der erste Satz des folgenden Zitats scheint sagen zu wollen, daß es in Ungarn ganz anders ist als hierzulande:

Die poetische Sprache polarisiert nicht wie die unselige Sprache der Politik, sie globalisiert, universalisiert, öffnet, lädt ein. Ein gutes Gedicht sucht immer das Ganze, sucht liebevoll die Umwege von Bewusstsein zu Bewusstsein. Teilwahrheiten sind ästhetische Katastrophen.

In diesem Buch trifft man auf die unterschiedlichsten Geister der ungarischen Gegenwartslyrik. Manche halten es einfach nicht aus, sich mit ihrer Sprache nicht einzumischen in die fatale politische Zerstrittenheit des Landes. István Kemény (geboren 1961) gehört zum andern Flügel. Ein lediglich politisch inspiriertes Gedicht ist für ihn Verrat an der Dichtung, weil es die Wahrheit schändlich reduziert. Dennoch oder gerade deshalb ist er der geistige Anstifter für das ganze Buch geworden. Sein Gedicht «Búcsúlevél» (Abschiedsbrief) wurde gleichsam systematisch missverstanden und als Gedicht gegen Viktor Orbán gelesen, dabei ist es für Kemény selbst viel mehr. Das Schönste aber war: Dieses Gedicht provozierte zahllose Antworten, die einen breiten Raum der Anthologie füllen. (…)

Ein anderes Gedicht aus der Anthologie von Virág Erdős (geb. 1968), «es gibt ein land», kommt aus einem ganz anderen Geist, denn diese Dichterin scheut es nicht, aus dem politischen Alltag heraus die Schübe der Wut zu entwickeln, die sie in ihre Texte treibt. Wie harter Rap aus allen Armutsvierteln dieser Welt rollen ihre Worte, der Reim ist nur Öl zur Beschleunigung ihrer vulkanartig ausbrechenden Attacken gegen das Unrecht. Gibt es politische Lyrik im gegenwärtigen Ungarn, so ist Virág Erdős eine ihrer führenden Stimmen. Und doch kommt gerade sie aus den Wurzeln der ungarischen Tradition. Ihre Anspielungen haben Stammbäume, die immer wieder in die klassische Moderne der ungarischen Lyrik greifen, oft auch weiter zurück, in diesem Gedicht verstecken sich gleich zu Beginn ein Bild des wunderbaren Attila József (1905–1937) und ein Gedichttitel sowie Leidensstationen des 1944 auf einem Gewaltmarsch hingerichteten jüdischen Dichters Miklós Radnóti, dazu tagespolitische Verweise, wahrscheinlich hat die Dichterin all die aufgereihten Bilder auf einer Wanderung durch den Sperrmüll der Budapester Josefstadt mit eigenem Auge gesehen. / Wilhelm Droste, NZZ*

Édes hazám (Meine süsse Heimat), zusammengestellt und herausgegeben von Tibor Bárány, Magvető-Verlag, Budapest 2012.

*) Beide hier genannten Gedichte sind ebenfalls in der Zeitung und online zugänglich (übersetzt von Wilhelm Droste)

13. Lyrikkatalog Berlin

Ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus*:

ann cotten: ausreden. Stocherung in den Grundlagen und Vorausannahmen der gegenwärtigen Literatur, in: Schreibkraft

1

Wenn also Germanisten auf die Formel kommen, „der Text erfülle oder erfülle nicht die Ansprüche, die er selbst aufstelle,“ so ist es so falsch nicht, wie man auf Anhieb meinen würde angesichts der Tatsache, dass die Formel meist von in irgendeiner Weise institutionell mit Macht ausgestatteten Interpreten dazu verwendet wird, durch demonstrativ unbestrafbare Missauffassung von Texten ihre Macht einem leidensbereiten Publikum vorzuführen.

2

Cool ist da Laura Riding, die im Laufe ihres denkenden Schreibens zur Erkenntnis kam, dass Poesie Quatsch ist, und aufhörte zu schreiben. Ich möchte mich nicht dabei ertappen, absichtlich so zu denken, dass ich ein solches Ergebnis vermeide. Das wäre unerträglich beschämend und würde mir die Poesie eklig machen.

3

Jetzt ein Panorama an zeitgenössischen Formen der Dichtung, wie sie mir einfallen, in Berlin. Fokussiere ein bisschen auf den alten sogenannten Lyriktrend (…)

4

„Die Mitte ist Peripatie“ „und widersteht jedem Plan“ Dissoziationslyrik „Kirre lässt man sie dösen“ (?) „Sie platzieren alles“ (∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, Horae) Bei ∎∎∎∎∎∎s Lyrik gibt es viele, viele Wörter, und Plausibilität ohne Ende. Sie wirken auf mich wie ein Schmetterlingsschwarm, dessen Mitte und Grund nicht erkenntlich ist, und der mich zum Fuchteln mit den Armen bewegt: Seid doch still und lasst mich herausfinden, was mit euch ist!

5

Auf Begriffe wie „like-like-like-Lyrik“ oder „47-likes-Lyrik“ komme ich bei einer Lesung von ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, einem intelligenten, irgendwie immer mithalten-wollenden, dabei sich selbst irgendwie verpassenden Amerikaner, der in Berlin lebt und im fortgeschrittenen Stadium Deutsch lernt. Seine Texte sind voller guter Ideen, Einfälle, komischer Seltsamkeiten und Schönheiten, und doch – und doch – bleibt alles seltsam optional. Vielleicht ist er der einzige reine Avantgardist, der keine organischen Zweitmotivationen hat, weiß einfach nicht, dass die anderen alle alle mit der Möse schreiben.

6

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ etc. haben mit ihrem gleichzeitigen performativen und metareflektierenden Diskurs legitimiert, den Boden dafür zementiert, dass Assoziation oder, je nach Akademisierungsgrad, Wordfeldzugehörigkeit (Behördendenken?) als Rechtfertigung gilt für die Anwesenheit von Wörtern.

7

Zwischen diesen kühlen Pfosten möcht ich gern die ganze Herde jagen, deren milde oder krass gemeinte Häufchen- oder Stilleben-Lyrik mir nichts sagt, und ihre Ausreden dafür werden sich mischen zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll.

8

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ auratisiert alles, macht aus den Wolken von Gleißen, die er so geil findet, immer wieder Blitzüberfälle auf politische oder philosophische Themen.

9

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ und ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ lieben Resultate. ∎∎∎∎∎∎s ∎∎∎∎∎∎protokolle sind denkerischer Trost: in dem Aspekt lassen sie – eine Seltenheit – sehr wohl eine ernsthafte Antwort auf die Frage, wozu, zu. Als Resultate gelten auch Witze!

10

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ hat gezeigt, dass es Sport sein kann, nutzlose Disziplin und lustig. Dabei gehört er zu den Leuten, die mit dem Fuß aufstampfen könnten, wenn sie betonen, dass Lyrik nicht Kunstturnen sei! Ich glaube, sein perverser Geschmack fürs Bizarre und Opulente, nicht nur in der Dichtung, hat Herzensgründe, wenn auch konstruktionsmäßig alle Gedichte aus Bullshit bestehen.

11

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎: Das Perverse, der Humor, der Geschmack für Bizarrerie: Vorliebe als Community-bildenden Wert. In welchem Verhältnis steht denn ein Besprechen oder gar Ausschlachten von Fetischen – die man ja in beliebiger Menge nachproduzieren kann –
zu normativen Poetiken oder einer Idee allgemein besprechbarer Qualität? Der Unterschied zwischen ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ und ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ ist übrigens deutlich: ∎∎∎∎∎∎ und ∎∎∎∎∎∎ begrüßen bekannte Topoi und zitieren Genres wie Fußfetischismus und Leichenschändung, die in der Lyrik bislang noch unpassend erschienen. ∎∎∎∎∎∎ erfindet neue Witze mit vielen Tieren und vergessenen Berufen.

12

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ und diese Kling-Tradition: Dass es historische Referenzen haben kann und schmissig sein zugleich (Gerhard Richter); auffälliges Merkmal: Viel aufzulösendes historisches oder sonstiges Wissen steckt drinnen wie Schinken in einem Quiche, wie Vitamine in einer Brausetablette.

13

Und ein Haufen irgendwie fader Dichter brachten auf die Idee, dass es langweilig wird, wenn es aus der eigenen Lebenswelt gezogen wird; dagegen ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, das ist ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, auch ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ betreiben, wie ein Fitnesscenter, eine kleine Kraftmeierei in krassen, bunten Bildern. Warum soll das langweilig sein? Es ist wie bei den Flarf-Gedichten in ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎‘ Flarf-Anthologie: Es wird alles in einen bestimmten Gedicht-Ton eingespeist, der so langweilig ist.

14

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ dasselbe in sanft.

15

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ aber, was ist ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎? Glatt – geht vielleicht Ideen und Einfällen auf den Leim noch mehr als ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, aber langsamer, nicht so heftig, systematischer, und man genießt diesen Raum – Textur, Figuration als Wert, aber niemand weiß genau, was das ist.

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Dann gibt es ein paar, die die ärgste Radikalität anstreben, aber die bleibt von der reaktiven Primitivität ihrer Gedanken beschränkt: ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎.

17

∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎: halten noch die Berührung hoch, schlicht, wenn es schlicht IST, und dennoch subtil, Hinweise auf Komplexes, find ich gut die drei. ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, Herausgeber der ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, glänzt in bitter empfundenen Gedichten über Zivilisationsmüll und Natur, so blöd es klingt, mit Wortspielen, tief empfunden.

18

(∎∎∎∎∎∎)

*) Empfehlung der Red. L&Poe: hier nachsehen ob der eigne oder Lieblings-Gemüsegarten dabei ist und dann draufstürzen.

12. In der Schweiz

So etwas hat es hierzulande (und wohl auch andernorts) noch nicht gegeben. Roger Perrets Anthologie «Moderne Poesie in der Schweiz» ist eine editorische und verlegerische Grosstat – und sie ist überdies und keineswegs zuletzt ein glänzendes Zeugnis der Kunst des Übersetzens. Die Anthologie trägt rund 600 Werke von 250 Autorinnen und Autoren aus hundert Jahren zusammen. Alle fremdsprachigen Texte sind – zum Teil erstmals – ins Deutsche übersetzt und werden zweisprachig wiedergegeben. Schliesslich bietet ein Autorenverzeichnis mit stichwortartigen Angaben eine Art Personallexikon der Schweizer Lyrik der letzten hundert Jahre in Kürzestform. So überblickt man mit diesem Kompendium ein stupendes Panorama der Poesie in der Schweiz seit 1900 – und erkennt in Auswahl und Darbietung die eigenwillige Handschrift des Herausgebers.

Dazu gehört ein weit gefasster Begriff des Gedichts. Die Anthologie versammelt manchen lyrischen Prosatext, sie enthält Songtexte (etwa von Sophie Hunger oder Endo Anaconda), und sie zeigt eine bedeutende Auswahl an Textbildern (u. a. von Sonja Sekula, Paul Klee oder Adolf Wölfli). (…) Zur «Poesie in der Schweiz» gehören z. B. auch Else Lasker-Schülers im Zürcher Exil entstandenes Gedicht «Mein blaues Klavier» (leider mit dem Druckfehler aus dem Erstdruck), Rilkes auf Schloss Muzot bei Siders auf Französisch geschriebene «Quatrains Valaisans» oder spanische Gedichte der aus dem Tessin nach Argentinien ausgewanderten Alfonsina Storni. / Roman Bucheli, NZZ

Moderne Poesie in der Schweiz. Eine Anthologie von Roger Perret. Migros-Kulturprozent und Limmat-Verlag, Zürich 2013. 639 S., Fr. 54.–. Buchvernissage am 5. Dezember, 19.30 h im Migros-Hochhaus, Limmatplatz, Zürich.

11. Schamrock

Im Herbst 2012 trafen sich auf dem ersten internationalen Schamrock-Festival der Dichterinnen 46 deutschsprachige Lyrikerinnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Finnland und den USA – unter ihnen auch Marlene Streeruwitz, Ilma Rakusa, Ruth Küger, Dorothea Grünzweig, Swantje Lichtentein, Martina Hefter, Lydia Daher und Tanja Dückers – zu einem großen generationen- und grenzüberschreitenden Lesefest in München. Der in der »edition monacensia« erschienene Sammelband ist ein vielstimmiges Dokument dieses ersten Festivals für Lyrikerinnen weltweit, mit einer »Gruszbotschaft« von Friederike Mayröcker. / Münchner Wochenanzeiger

10. Sein Novalis

Steffen Popp hat seinen Novalis gelesen. „Alles muss poetisiert werden“, schrieb er in der gemeinsam mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck verfassten Poetik „Helm aus Phlox“. Popp bekennt sich zur „Poesie als Lebensform“, auf seinem Schreibtisch steht der „frühromantische Elektrochemiebaukasten Friedrich von Hardenbergs“. Enthält er die Mixtur für den Sprung durch die Sprachmauer? Den Dichter drängt es, „das Gedicht zu verlassen, in Richtung auf ein schöner-größer-tiefer angelegtes Ding“. Nicht nur die Sprache, „alle Bereiche des Lebens müssten poetischen Kriterien unterworfen werden“. Popps Poesie artikuliert die Sehnsucht, die Grenzen der Sprache zu sprengen.

„Dickicht mit Reden und Augen“, der Text, der dem neuen Band den Titel gab, ist der Dichterin Elke Erb gewidmet. Im Dialog mit Erbs Gedicht „Die wirkliche Möglichkeit“ treibt Popp sein Spiel mit Wort und Wirklichkeit. (…)

„Das war wie nachts im Stockdunklen da auf Kaninchen zu schießen, wo es gar keine Kaninchen gibt, und ein Gewehr hast du auch nicht“, sagt Elke Erb im Kapitel „Beuteschema“ in „Helm aus Phlox“. Was Steffen Popp an Erbs „Möglichkeits“-Gedicht und anderen Texten aus ihrem Band „Sonanz“ so begeistert hat, ist die Beobachtung, „dass im Gedicht symbolische Bewegungen (des Textes, des Sprechens) Domänen jenseits der Sprache begegnen“. / Frank Kaspar, Die Welt 30.11.

9. Übersetzungen

Konfrontiert mit einer Gesamtausgabe der Lyrik der Dichterin aus Wien, beschloss er Jahr für Jahr sich zwei Monate nur mit diesen wunderbaren Sprachkunstwerken zu beschäftigen und sie in seine Bildsprache zu übertragen. Additiv aufgerechnet ergibt diese Zeit ein volles Arbeitsjahr, in dem ein beachtlicher Zyklus entstand. Auf großen Leinwänden und Kartons entwickelte Zechner in Rechtecken angelegte Farbfelder, die in den jeweiligen Bildern nun in Nuancen den Farbton variieren. Darüber wie dazwischen platziert er Mayröcker-Zitate wie grafische Elemente. / Kleine Zeitung

Johanes Zechner. Kunstraum Walker. Wagnerstraße 34, Klagenfurt; Info: 0650/2130505. Bis Ende Dez.. Ab 5. Dez. (19.30 Uhr) im Musilhaus Klagenfurt. Bis Ende Februar 2014

8. Nach der Lyrik

Nach der Lyrik kommt die Realität. Noch vor Weihnachten

verspricht die Morgenpost. Na dann! Aber was ist mit der Realpoesie? Vielleicht kommt die dann?

7. Preis für Yves Bonnefoy

Zum Auftakt der Internationalen Buchmesse im mexikanischen Guadalajara wurde dem französischen Lyriker Yves Bonnefoy der mit 150 000 US-Dollar (110 000 Euro) dotierte FIL-Preis für Literatur in romanischer Sprache verliehen. Der 90-Jährige bedauerte, dass immer weniger Lyrik gelesen werde.

„Es ist schade, weil die Hälfte eines Gedichts vom Leser geschrieben wird“, sagte Bonnefoy bei der Preisverleihung. „Ohne den Leser gibt es keine Poesie, denn er ist es, der einem Gedicht einen Sinn verleiht, nicht der Autor.“

/ Tiroler Tageszeitung

6. Unselds Rechte

trotz einer flasche racke rauchzart war ich schon um sechs uhr wieder auf den beinen. was hatte ich bisher erreicht? nichts: kein reim, der metriker alt und resigniert, und der doktor nach wie vor untergetaucht. als ich mir mit der geflügelschere ein morgenbierchen öffnete, traf mich völlig unvorbereitet unselds rechte, dann bohrte sich ein spaltkeil in mein hirn. mein dichten hatte sich für immer erfüllt.

(…)

was hält eigentlich john travolta vom lyriker BRUETERICH? „sein schreiben fühlt sich ehrlich und echt an, und ich kann der handlung folgen. ich mag das.“ und benicio del toro? „er ist phantastisch, ein veritabler dichter, sehr radikal.“ und oliver stone? „bah, ich steh auf sein zeug. es ist relevant für diese zeit und gleichzeitig hat es die hipness von pulp fiction. die scheiße kommt richtig gut rüber.“

Aus:

roughbook 029: Ulf Stolterfoht, Die 1000 Tage des BRUETERICH

1000 Tage lang, vom 10. September 2010 bis 5. Juni 2013, erschien unter der Adresse http://ulfstolterfoht.wordpress.com die linke Tageszeitung BRUETERICH TM. Allnächtlich, um genau 00:01h, fanden sich der aktuelle Beitrag und ein liebevoll ausgewähltes Musikstück in den elektronischen Briefkästen der Leser. Unter dem Motto „Und wenn man sie fragt: Wo haben Sie’s zum ersten Mal gehört? Dann sagen Sie, ganz schlicht, ganz keusch und ganz husch-husch: Auf BRUETERICH TM!“ formierten sich so tausend kleine Fünfzeiler zum monumentalen Systemgedicht. Der vorliegende roughbooks-Band dokumentiert das immer weiter ausfransende Textgeschehen erstmals und vollständig auf Papier. Statt eines Nachworts findet sich eine Listung aller neununddreißig Kammern des Systems BRUETERICH, die gemeinsam mit ihrer Speerspitze BRUETERICH TM im Juni 2013 in den virtuellen Tiefen verschwanden. Im Auftrag des Systems wurde BRUETERICH TM herausgegeben vom Verlagshaus BRUETERICH PRESS, Berlin 62 und Feistritzwald / Steiermark. Zeit seines Erscheinens stand der BRUETERICH unter Schutz und Schirm der mächtigen Lyrikknappschaft Schöneberg.

5. Europa

Von Suleman Taufiq

Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, was mich dazu getrieben hat, nach Europa zu kommen.

Zuerst einmal möchte ich festhalten: Ich bin freiwillig nach Europa gegangen. Ich habe mein Land nicht aus Hunger verlassen; mich hat auch kein Krieg vertrieben. Nein, ich wollte einfach nur eine große Reise machen. Mein Hauptanliegen war: ich wollte weg, weit weg. Ich wollte meinen Ort verlassen, weil er mir zu eng geworden war. Und ich hatte den großen Wunsch, nach Europa zu gehen. Europa war für mich ein Traum. Und das ist kein Zufall.

Ich liebte Europa, und jede Liebe ist auch ein Abenteuer.

Noch lange bevor ich hierher kam, war ich von der europäischen Stadt begeistert. Schon in Filmen und Büchern hatte ich sie kennen gelernt. Ihre großen Plätze und breiten Straßen faszinierten mich. In diesen Städten war alles offen, nichts war rätselhaft wie in einer orientalischen Stadt.

Ich komme aus einer sehr alten Stadt. Meine Stadt Damaskus erlebte in ihrer langen Geschichte viele Eroberer und Zuwanderungen verschiedener Völker. In ihrer Umgebung entstanden zahlreiche Religionen, die bis heute praktiziert werden. In Damaskus ist alles dicht beieinander, die Häuser, die Moscheen, die Kirchen, die Basare, die Handwerkstätten. Es hat den Anschein, als ob die Altstadt von Damaskus nur ein einziges Haus wäre. Die einzelnen Häuser sind wie Zimmer, und die Straßen und Gassen sind seine Korridore und Flure.

Die europäische Kultur war bei uns überall anwesend. Schon mein Großvater verehrte die französische Kultur sehr. Er konnte auch französisch lesen und singen wie auch mein Vater.

Mein Dialog mit Europa begann mit der Auseinandersetzung mit seinen Intellektuellen, Philosophen und Künstlern. Es hat mich beeindruckt, wie vehement sie ihre eigene Kultur kritisierten, wie sie die Religion in ihren Grundfesten erschütterten und die christliche Kirche attackierten. Ich las ihre Bücher gern. Abends hörte ich mit Vergnügen europäische Musik im Radio. Ich sah Filme, die die Schattenseiten Europas zeigten, ja die sogar die europäische Kultur in Frage stellten. So lernte ich allmählich Europa kennen. Und ich kann sagen, ich lernte, die europäische Kultur zu schätzen und zu respektieren.

Als ich nach Europa kam, beschäftigte ich mich intensiv mit der Gesellschaft, in der ich nun lebte. Ich lernte viele Leute kennen und traf auf junge Menschen, die wütend auf Europa waren. Ich konnte sie verstehen, aber ein Moment der Irritation war da: Gerade noch hatte ich das verteidigt, was sie jetzt beschimpften! Diesen Zwiespalt in mir musste ich klären.

Politisch gesehen besteht Europa für mich nicht nur aus den Ländern des Nordens, die wirtschaftlich und damit auch politisch das Zentrum der Macht darstellen. Aber dennoch gibt es für mich unverzichtbare Grundlagen, die zur europäischen Kultur gehören: Freiheit, Menschenrechte, Gleichheit, Säkularismus, Demokratie und die Fähigkeit, Unterschiede auf verschiedene Art politisch miteinander in Einklang zu bringen.

Vielleicht kann ich es heute für mich so zusammenfassen: Ich bin kein Europäer, aber ganz sicher ein Teil der europäischen Kultur geworden.
Europa ist keine Nation. Europa besteht aus zahlreichen Gruppen, die verschiedene Sprachen sprechen, verschiedenen Religionen und verschiedenen Kulturen angehören.

Seit über 500 Jahren gestaltet Europa unsere Geschichte in der Welt. Die bildende Kunst, der Roman, die Novelle, das Theater, die Oper und der Film, die Philosophie und die Wissenschaften sind ursprünglich europäisch. Diese europäische Kultur gilt es zu schützen und zu erhalten.

Im Grunde gibt es nur Unterschiede von Menschen, die die Freiheit lieben und die, die Freiheit verhindern.

Europa bedeutet für mich also: Unterschiede wahrzunehmen, aber auch den Kampf gegen Unfreiheit zu führen.

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