Oració a Santa Llúcia
Vós que veniu pel desembre
portant els ulls en un plat,
Santa Llúcia, conserveu-nos
la vista i la claretat.
Són tan bells els ulls al front
quan hi brilla la mirada,
fa tan bo de veure el món
per l’ànima enamorada
de clarors de tota mena
i el moure’s de tot quant viu;
que cada hivern que veniu
gloriosament serena,
prô portant misteriosa
els ulls al damunt d’un plat
(com si en la nit tenebrosa
altre llum vos fos donat),
nosaltres esfereïts
de tota mena de nits
i seguint arreu, arreu
tota estela lluminosa,
us cridem amb forta veu
i amb el pit tot agitat:
«Santa Llúcida gloriosa!
La vista i la claretat!»
Joan Maragall (1860–1911)
Gebet an die Heilige Luzia
Die Ihr im Dezember kommt,
auf dem Tablett Eure Augen,
Heil’ge Luzia, erhaltet uns
Augenlicht und Helligkeit.
Sind so schön die Augen vorn,
wenn der Blick darinnen leuchtet,
tut so gut, die Welt zu sehn,
wenn die Seele ganz verliebt ist
in das Helle aller Art,
in die Regung allen Lebens;
so dass, wenn Ihr winters kommt,
glorreich und mit heitrer Miene,
dabei jedoch rätselhaft
vor Euch Eure Augen tragend
(ganz als ob in finstrer Nacht
Euch ein andres Licht gegeben),
wir aus allertiefstem Schrecken
von den Nächten aller Art
– immer überallhin spähend,
jeder Spur folgend, die leuchtet –
Euch mit lauter Stimme rufen
und aus tiefbewegter Brust:
»Heil’ge, glorreiche Luzia,
Augenlicht und Helligkeit!«!
[aus dem Katalanischen: à.s.]
In L. A. gehört zu seinen Studenten ein gewisser Jim Morrison, der später Sänger der Doors werden sollte.
Mit dem Vietnamkrieg kam das Ende der Universitätskarriere von Jack Hirschman. Wegen seiner Aufforderung an seine Studenten, dem Einberufungsbefehl zum Armeedienst nicht zu folgen, flog er raus. Während seiner Universitätszeit war sein erster Gedichtband (»A Correspondence of Americans«) veröffentlicht worden. Seither sind um die 100 Bücher von Jack Hirschman erschienen, neben Gedichtbänden auch Übersetzungen, u. a. von Majakowski, Pablo Neruda, Antonin Artaud, Roque Dalton oder René Depestre, sowie von ihm edierte Anthologien, wie etwa »Open Gate – An Anthology of Haitian Creole Poetry« (2002).
Hirschmans bislang wichtigster Gedichtband erschien 2006 im italienischen Salerno bei Multimedia Edizioni: »The Arcanes«. »Diese 1000-Seiten-Provokation« – so eine Kritikerin – »enthält Hirschmans in mehr als dreißig Jahren entstandene komplexeste und revolutionärste Gedichte« / Jürgen Schneider, junge Welt
Kehren wir noch einmal zu einer der Ausgangsfragen zurück. Welche Orte gibt es im Internet, die es mit dem Diskurs traditioneller Kulturzeitschriften aufnehmen können?* Es gibt tatsächlich eine Online-Zeitschrift, die mittlerweile zu einer Instanz für ästhetische Theorie und moderne Lyrik geworden ist: Es ist die seit 2010 betriebene Zeitschrift www.karawa.net, die von den Schriftstellern Konstantin Ames, Tobias Amslinger, Norbert Lange und Léonce Lupette herausgegeben wird. Die jüngste Ausgabe, die Nummer 5 von karawa.net, widmet sich der „Babylonischen Leiter“ – und das entpuppt sich als weit ausgreifende Reflexion über die Aufgaben der Poesie von ihren antiken Ursprüngen bis heute. Im Zentrum steht ein fabelhafter Essay des Dichters Asmus Trautsch, der in seinen Exkursen über die „Musenschrift“ akribisch die Überlieferungsgeschichte zu den neun Schutzgöttinnen der Künste nachzeichnet und sich dabei vor allem auf die Theogonie des Hesiod stützt. Im titelgebenden Aufsatz „Babylonische Leiter“ untersucht der Essayist Stefan Ripplinger das Gedicht „Civitas Dei“ des hierzulande kaum bekannten amerikanischen Dichters William Bronks – eine geradezu mustergültige philologische Entzifferung eines Gedichts, das sich die Frage nach dem Gottesstaat stellt und dabei alles Metaphysische, Geheimnisvolle wegreißt. / Michael Braun, Poetenladen
www.karawa.net No 5
„Babylonische Leiter“, Beiträge von Asmus Trautsch, Stefan Ripplinger, Mara Genschel u.a.
*) Und jetzt bitte die Titel der konkurrierenden „traditionellen Kulturzeitschriften“ im Plural
Schwäbisch Gmünd. „Das Schreiben macht mir einfach am meisten Spaß“, erzählt Larissa. Trotzdem habe sie nicht täglich Zeit dafür und zum Beispiel nach acht Stunden Mathe lernen an der Uni Hohenheim auch keinen „freien Kopf“ mehr. Wer sich allerdings die lange Liste ihrer Auszeichnungen in Literaturwettbewerben anschaut, mag kaum vermuten, dass sich diese Erfolge „einfach so“ ergaben. Da scheinen sich ein Schreibtalent, ein Organisationstalent und eine große Portion Zielstrebigkeit in einer Person zu vereinen.
Diesen Eindruck hinterließ Larissa wohl auch bei dem Literaten Oswald Burger aus Überlingen, der ihr am 25. November in Augsburg den „Sonderpreis junger Autor“ im Wettbewerb „Schwäbischer Literaturpreis“ überreichte. „Wenn man so eine fleißige, produktive, umtriebige und fröhliche junge Frau kennenlernen darf, ist es einem nicht mehr bange um die heutige Jugend“, erklärte Jury-Sprecher Burger.
Mit ihrem Sonderpreis darf die 20-Jährige nun am „Meisterkurs Literatur“ im „Schwäbischen Kunstsommer 2014“ in der Schwabenakademie Irsee teilnehmen. (…) Im November 2012 durfte sie als Gewinnerin im Bundesliteraturwettbewerb eine Woche im Haus der „Berliner Festspiele“ verbringen, um dort Lesungen und Interviews zu geben. Zur langen Liste ihrer weiteren Auszeichnungen als Autorin zählt aktuell der dritte Platz als Preisträgerin des „Fun For Writing-Federleicht“-Wettbewerbs in der Kategorie Kurzgeschichte am 29. November 2013 in Berlin. / Schwäbische Post 12.12.
Ruan Dschi hatte die Fähigkeit, seine Augen so zu verdrehen, daß nur das Weiße des Augballs sichtbar wurde. Mit jenem „Weißblick“ pflegte er Kleinigkeitskrämern und vulgären Literaten zu begegnen. Als Ruasn Dschis Mutter starb, machte ihm Hsi Hsi einen Kondolenzbesuch. Ruan Dschi empfing ihn mit seinem „Weißblick“, worauf sich Hsi Hsi verärgert zurückzog. Als Hsi Hsis Bruder, der Dichter Hsi Kang, davon erfuhr, erschien er mit einem Krug Wein und seiner Laute bei Ruan Dschi, der ihn mit unverstelltem „Dunkelblick“ empfing.
Aus: Geschichte der Dschin-Dynastie, kompiliert 646-648, in: So sprach der Weise. Chinesisches Gedankengut aus drei Jahrtausenden. Hrsg. und aus dem Chinesischen übertragen von Ernst Schwarz. Berlin: Rütten & Loening, 1981, S. 411.
Ein schöner kleiner böser Gedichtband in diesem an tollen Gedichtbänden nicht gerade armen Jahr ist Jan Skudlareks Elektrosmog.
schreibt Fabian Thomas, The Daily Frown
Jan Skudlarek: Elektrosmog. Gedichte. Illustriert von Simone Kornappel. Luxbooks, Wiesbaden, 100 Seiten, 19,80 €
Bei der GEMA darf man maximal 4 Takte zitieren, bevor es kostenpflichtig wird. Ich weiß, einflußreiche Kreise arbeiten daran, deren System auf das Zitieren ihrer rechtsgültig geschützten LEISTUNGEN in Blogs etc. zu übertragen. 4 Takte = 4 Sätze? Wörter? Buchstaben?
Wir werden sehen. Vorerst denke ich, 1 Satz müßte erlaubt sein. Hier ist er:
Lamento über die armen Dichter
wenn man sich überlegt, dass vielleicht 150 Leute im Land gute Gedichte schreiben* und keiner davon leben kann, nicht einmal die Mayröcker von ihren Verkaufszahlen leben kann – ein Maler der gleichen Kategorie dagegen schon einigermaßen über die Runden kommt, bzw. wenn ein Maler den Rang einer Mayröcker hätte, steinreich wäre; die die Gedichte schreiben am Tropf von Subventionen hängen und sich rechtfertigen müssen, warum sie der Allgemeinheit auf der Tasche liegen, weil der Mehrwert nur in Geld gemessen wird, diese Gesellschaft und gesellschaftliche Anerkennung nur übers Geld funktionieren, im besten Fall der Dichter als Spinner akzeptiert wird, weil es diese Kunstform halt gibt, so wie es Maler gibt, Musiker, Filmemacher, wobei Dichtkunst als letztes in der Reihe steht, weil man sie nicht versteht und nicht versteht, warum sich das jemand antut, Gedichte zu schreiben, wo nichts damit zu verdienen ist, geschweige denn ein Gedicht an die Wand zu hängen ist in der Hoffnung auf Wertsteigerung, also selbst Snoops und Investoren vor Gedichten zurückschrecken, logischerweise, weil Gedichten das Einzigartige fehlt, weil sie abgeschrieben werden können und demokratisch sind, aber genau an diesem Punkt dem Käufer das Elitäre fehlt, um sie zu einem Geschäft zu machen, sozusagen kein Premiumcharakter vorhanden ist, mit dem man sich schmücken kann, geschweige denn, dass man sich einen Dichter hält bei Hof im Konzern, so demokratisch scheint man dann doch (man hält sich keine Menschen, ist ja auch kein Fürst), aber damit auch niemandem eins auswischen könnte, wenn man sich den Dichter halten würde, jemand anderem den wegschnappt, es keine Konkurrenz gibt auf diesem Gebiet (wie es sie vielleicht mal gegeben hat), es auch nicht von Nutzen wäre, läge ein Buch von Monika Rinck im Besprechungszimmer, oder ein Popp am Schreibtisch, so wie der Picasso im Chefbüro hängt, im Gegenteil würde es Kopfschütteln hervorrufen über das rausgeschmissene Geld, auch wenn es nur 12.90 sind für das Paperback.
Markus Hallinger
Upps, das war schon der ganze Text. Ich hab doch nur 1 Satz… Egal, die Quelle wird es nicht übelnehmen. Und er hat verdammt recht.
Markus Hallinger, 1961 in Tegernsee geboren, lebt in Oberbayern und veröffentlicht seit 2006 in Literatur-zeitschriften und Anthologien.
Sein Debutband: Das Eigene. Gedichte. München (Lyrikedition 2000) 2012. 88 S., 9,50 Euro.
*) Interessant wär jetzt, die Liste dieser 150 guten mit der von Dotzauer/Krüger zu vergleichen (derjenigen, die dem Todesurteil der Herrenrunde entgehen, wenn ich das richtig verstehe).
Die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou schrieb ein Gedicht für ihren verstorbenen Freund Nelson Mandela, „His Day is Done“. Hier kann man es anhören.
Eminente russische Autoren wie Anton Tschechow, Daniil Charms oder Isaak Babel haben erst durch Peter Urban eine deutsche Stimme erhalten. Zuvor glaubten die Übersetzer, man müsse die urwüchsige Sprache dieser modernen Schriftsteller glätten und in ein makelloses Hochdeutsch bringen. Peter Urban hat radikal mit diesem Missverständnis aufgeräumt. (…) Er übersetzte das schwierige Gesamtwerk des Futuristen Welimir Chlebnikow in zwei umfangreichen Bänden und zog mit dieser stupenden Leistung auch Paul Celans Aufmerksamkeit auf sich. (…) Peter Urban war einer der letzten unabhängigen Intellektuellen in Deutschland, die sich kompromisslos für ihre künstlerischen und politischen Überzeugungen einsetzten. Sein messerscharfer Geist, sein untrüglicher stilistischer Sinn und seine detektivische Hartnäckigkeit beim Aufspüren relevanter Quellen machten ihn zu einem unbestechlichen Hüter höchster literarischer Standards. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Übersetzerpreisen und der Ehrendoktorwürde der Universität Regensburg ausgezeichnet. / Ulrich M. Schmid, NZZ
Der Slawistikstudent verbrachte ein Jahr in Belgrad, wo er Gedichte von Vasko Popa und Miodrag Pavlović übersetzte und als Suhrkamp-Lektor Letzteren bald auch herausbrachte. Urbans Lebensaufgabe wurde, russischen Klassikern, ob Alexander Gribojedow, Iwan Turgenjew oder Nikolai Gogol, die von früheren Übersetzern bis zur Unkenntlichkeit „verschönert“ wurden, eine ihrer originalen Diktion und Sprachmelodie treue deutsche Stimme zu verleihen. Außerdem machte er den deutschen Leser mit wichtigen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts, den absurden sowjetrussischen Minimalisten – von Daniil Charms, über Leonid Dobytschin bis zu Venedikt Jerofejew -, überhaupt erst bekannt. / Kerstin Holm, FAZ
Sicher eine gute Sache und hoffentlich hilfreiche Werbung für den Verlag. Ich korrigiere trotzdem mal ein wenig – wenigstens das auf der Website Sichtbare*:
Reinecke und Voss setz
ent an zum Sprung | MDR.DE
www.mdr.deDer Verleger ist Lyriker, aber
setzt sich nicht für seine eigenen Gedichtbände ein, sondern veröffentlicht Lyrik andererer veröffentlicht nicht nur Lyrik – und nicht seine eigene. Tino Dallman über die Motive eines innovativen Verlegers.
*) Daß beispielsweise der letzte Satz die Aussagen des Verlegers zutreffend zusammenfaßt, scheint mir zweifelhaft.
by Emily Dickinson
Der tschechische Dichter und Übersetzer Zbyněk Hejda starb in Prag im Alter von 83 Jahren. Er galt als einer der führenden tschechischen Dichter. 1996 wurde er mit dem Jaroslav-Seifert-Preis ausgezeichnet. Er veröffentlichte sechs Gedichtbände, übersetzte Trakl, Benn und Dickinson und war Redakteur der Literaturzeitschrift Tvář (Gesicht) sowie seit 1985 Mitherausgeber der Zeitschrift Střední Evropa (Mitteleuropa). „Seine Stelle als Verlagsredakteur verlor er durch den Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings, die darauf folgende Arbeit in einem Antiquariat durch die Unterzeichnung der „Charta 77″. Bis 1989 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Hausmeister.“ (wiki) Auf Deutsch erschien 2002 der Doppelband „Lady Feltham/Valse mélancolique“ bei der Edition Korrespondenzen, Wien.
Heute vor 70 Jahren wurde Michael Krüger in Wittgendorf (Sachsen-Anhalt) geboren.
Von 1962 bis 1965 arbeitete er als Buchhändler in London.
Ab 1968 war Krüger als Verlagslektor beim Carl Hanser Verlag tätig. Er wurde 1986 literarischer Leiter des Verlages und ist seit 1995 Geschäftsführer. Zum 31. Dezember 2013 scheidet er aus dieser Position aus; sein Nachfolger wird Jo Lendle.
1973 gründete er in München gemeinsam mit Martin Gregor-Dellin, Jürgen Kolbe, Fritz Arnold, Paul Wühr, Inge Poppe, Christoph Buggert, Günter Herburger, Tankred Dorst und Peter Laemmle die erste genossenschaftlich organisierte Autorenbuchhandlung.
Erst 1976 erschien sein Erstling, der Gedichtband Reginapoly. Seine erste Erzählung mit dem Titel Was tun? erschien 1984. 1991 erschien – ein Jahr nach seiner Novelle Das Ende des Romans – sein erster von bisher drei Romanen, Der Mann im Turm.
Im Juli 2013 wurde er von den Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu deren Präsident gewählt. (Wikipedia)
Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel:
Die Michael Krüger eigene Emphase, deren Wirkung auch auf einer tief in der Kehle ansetzenden und teils durch die Nase ausströmenden Stimme beruht, wäre allerdings verschwendet, wenn sie nicht auch seiner Kunst, schlechte Gedichte vorzutragen, zugutegekommen wäre. Es gibt keine vernichtendere Art der Literaturkritik als zu erleben, wie er schiefe Bilder, verbrauchte Metaphern und hohlen Gefühlsüberschwang mit kaum merklichem Gift so einspeichelt, dass sich alles Gestelzte und Klappernde nur noch in Krämpfen windet.
In solchen Momenten sitzt er über Dichtung unerbittlich zu Gericht und würde, wenn ihm nicht zugleich die wahren Verbrechen dieser Welt vor Augen stünden, furchtlos die Todesstrafe verhängen. Zugleich sieht man ihm an, wie tief enttäuscht er über die Dummheit, die Sorglosigkeit oder das Unvermögen von Schriftstellern ist, die doch dazu berufen sind, Glück und Erkenntnis zu stiften. Wie stehlen sie uns im Jammertal der Endlichkeit die Lebenszeit, und was tun sie erst sich selber an, sie mit solchen Machwerken zu vergeuden! Vielleicht ist das der Moment, in dem die ganze Doppelnatur seines Charismas aufblitzt: jene so anziehende wie seltene Mischung aus Machtbewusstsein und melancholischer Empfindsamkeit, in deren Dunstkreis man ebenso aufblühen wie vergehen kann.
Was sagt der Heilige Augustinus nochmal gleich über die Zeit? »Wenn mich keiner danach fragt, so weiß ich, was es ist; sooft ich es jedoch einem Fragenden explizieren will, weiß ich es nicht«. Niemand hat Michael Krüger nach der Zeit gefragt. Gleichwohl funkelt in den Gedichten von »Umstellung der Zeit« (Suhrkamp Verlag Berlin 2013) ständig dieses äußerst verwickelte Rätsel oder »inplicatissimum aenigma«, wie es Augustinus bezeichnete. Der scheidende Hanser-Chef allerdings gibt keine Antworten. Vielmehr umstellt er das Rätsel mit Bildern seiner eigenen Verwunderung: »Was wir, nach langem Grübeln, / die Dichte des Lebens nennen, / stellt das Wort in Frage, / die Sprache versagt. / Die Dichte ist wortlos« (Michael Krüger: Der letzte Tag im August). (…)
Natürlich will man keineswegs die in »Umstellung der Zeit« versammelten Texte auf die Thematik der Zeit beschränken. Was ich hier vorgetragen habe, ist ein Vorschlag zur Zugangsweise. Dieser Vorschlag ist gewiss von meinen Lesegewohnheiten geprägt. Es ist ein möglicher Zugang unter vielen und beansprucht keineswegs mehr zu sein. Sicher aber ist: Es wartet eine Fülle an weiteren Motiven. Zahlreiche weitere Entdeckungen sind in diesem Band zu machen. So sind beispielsweise auch explizit gesellschaftskritische Texte darin zu finden (etwa Linsen in New York oder Schnee). Gleichwohl führen die Gedichte einen äußerst sinnlichen Ansatz an die Naturlyrik vor. Ich denke, Michael Krügers »Umstellung der Zeit« sollte in keiner anspruchsvollen Lyrikbibliothek fehlen und garantiert eine ästhetische Leseerfahrung, die die Frage des Menschseins in einer solchen Würde ausleuchtet wie wenig vergleichbare Lyrikbände dies tun. Das ist eine ganz große Leistung für unsere Zeit. / Paul-Henri Campbell, dasgedichtblog
Umstellung der Zeit
Michael Krüger
Suhrkamp Verlag Berlin 2013
129 S.
€ 18,95 (Gebundene Ausgabe)
€ 15,99 (E-Book)
Ann Cotten erhält den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis 2014. Sie wird ausgezeichnet für ihr bisheriges Gesamtwerk, insbesondere für ihren jüngsten Erzählungsband „Der schaudernde Fächer“ (Suhrkamp 2013). Darin habe sie, so die Jury, „der deutschen Gegenwartssprache auf hochpoetische Weise neue Impulse gegeben.“
Die diesjährigen Förderpreise in Höhe von jeweils 7.000 Euro gehen an Dana Ranga für ihren Gedichtband „Wasserbuch“ (Suhrkamp 2011) und an Nellja Veremej für ihren Roman „Berlin liegt im Osten“ (Jung und Jung 2013). Mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ehrt die Robert Bosch Stiftung herausragende Autoren, deren Werk von einem Sprach- oder Kulturwechselgeprägt ist. Ausgezeichnet wird durch den Chamisso-Preis vor allem ein die deutsche Literatur bereichernder Umgang mit Sprache. Er wird 2014 zum 30. Mal Robert Bosch Stiftung vergeben.
Die Preisverleihung findet am 6. März 2014 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz statt. Am 7. März lesen die Preisträgerinnen im Literaturhaus München aus ihren Werken.
Juroren des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2014 sind: Gregor Dotzauer (Literaturkritiker), der scheidende Hanser Verleger Michael Krüger (zugleich Schriftsteller und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste), Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts), Denis Scheck (Literaturkritiker), Dorothea Westphal (Literaturkritikerin) und Feridun Zaimoglu (Schriftsteller und Chamisso-Preisträger 2005).
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