5. Europa

Von Suleman Taufiq

Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, was mich dazu getrieben hat, nach Europa zu kommen.

Zuerst einmal möchte ich festhalten: Ich bin freiwillig nach Europa gegangen. Ich habe mein Land nicht aus Hunger verlassen; mich hat auch kein Krieg vertrieben. Nein, ich wollte einfach nur eine große Reise machen. Mein Hauptanliegen war: ich wollte weg, weit weg. Ich wollte meinen Ort verlassen, weil er mir zu eng geworden war. Und ich hatte den großen Wunsch, nach Europa zu gehen. Europa war für mich ein Traum. Und das ist kein Zufall.

Ich liebte Europa, und jede Liebe ist auch ein Abenteuer.

Noch lange bevor ich hierher kam, war ich von der europäischen Stadt begeistert. Schon in Filmen und Büchern hatte ich sie kennen gelernt. Ihre großen Plätze und breiten Straßen faszinierten mich. In diesen Städten war alles offen, nichts war rätselhaft wie in einer orientalischen Stadt.

Ich komme aus einer sehr alten Stadt. Meine Stadt Damaskus erlebte in ihrer langen Geschichte viele Eroberer und Zuwanderungen verschiedener Völker. In ihrer Umgebung entstanden zahlreiche Religionen, die bis heute praktiziert werden. In Damaskus ist alles dicht beieinander, die Häuser, die Moscheen, die Kirchen, die Basare, die Handwerkstätten. Es hat den Anschein, als ob die Altstadt von Damaskus nur ein einziges Haus wäre. Die einzelnen Häuser sind wie Zimmer, und die Straßen und Gassen sind seine Korridore und Flure.

Die europäische Kultur war bei uns überall anwesend. Schon mein Großvater verehrte die französische Kultur sehr. Er konnte auch französisch lesen und singen wie auch mein Vater.

Mein Dialog mit Europa begann mit der Auseinandersetzung mit seinen Intellektuellen, Philosophen und Künstlern. Es hat mich beeindruckt, wie vehement sie ihre eigene Kultur kritisierten, wie sie die Religion in ihren Grundfesten erschütterten und die christliche Kirche attackierten. Ich las ihre Bücher gern. Abends hörte ich mit Vergnügen europäische Musik im Radio. Ich sah Filme, die die Schattenseiten Europas zeigten, ja die sogar die europäische Kultur in Frage stellten. So lernte ich allmählich Europa kennen. Und ich kann sagen, ich lernte, die europäische Kultur zu schätzen und zu respektieren.

Als ich nach Europa kam, beschäftigte ich mich intensiv mit der Gesellschaft, in der ich nun lebte. Ich lernte viele Leute kennen und traf auf junge Menschen, die wütend auf Europa waren. Ich konnte sie verstehen, aber ein Moment der Irritation war da: Gerade noch hatte ich das verteidigt, was sie jetzt beschimpften! Diesen Zwiespalt in mir musste ich klären.

Politisch gesehen besteht Europa für mich nicht nur aus den Ländern des Nordens, die wirtschaftlich und damit auch politisch das Zentrum der Macht darstellen. Aber dennoch gibt es für mich unverzichtbare Grundlagen, die zur europäischen Kultur gehören: Freiheit, Menschenrechte, Gleichheit, Säkularismus, Demokratie und die Fähigkeit, Unterschiede auf verschiedene Art politisch miteinander in Einklang zu bringen.

Vielleicht kann ich es heute für mich so zusammenfassen: Ich bin kein Europäer, aber ganz sicher ein Teil der europäischen Kultur geworden.
Europa ist keine Nation. Europa besteht aus zahlreichen Gruppen, die verschiedene Sprachen sprechen, verschiedenen Religionen und verschiedenen Kulturen angehören.

Seit über 500 Jahren gestaltet Europa unsere Geschichte in der Welt. Die bildende Kunst, der Roman, die Novelle, das Theater, die Oper und der Film, die Philosophie und die Wissenschaften sind ursprünglich europäisch. Diese europäische Kultur gilt es zu schützen und zu erhalten.

Im Grunde gibt es nur Unterschiede von Menschen, die die Freiheit lieben und die, die Freiheit verhindern.

Europa bedeutet für mich also: Unterschiede wahrzunehmen, aber auch den Kampf gegen Unfreiheit zu führen.

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