109. poet in residence

Bertram Reinecke „poet in residence“ 2014

„poet in residence“ 2014 ist der in Leipzig lebende Dichter Bertram Reinecke. Eine Mehrheit von Zuhörern und Jury gab ihm beim Endausscheid am Sonnabend im Kulturhaus Loschwitz den Vorzug vor Odile Kennel und Ron Winkler. Von Januar bis März 2014 erhält er ein Stipendium und Unterkunft in der Gästewohnung des Buchhauses Loschwitz. Eine Auswahl seiner Gedichte erscheint später in einer Sonderpublikation. Das Stipendium hat ein Unternehmer gestiftet, der anonym bleiben will.

Bertram Reinecke ist Jahrgang 1974 und stammt aus Güstrow. Er hat in Greifswald Germanistik, Philosophie und Psychologie, in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut studiert. Seine Gedichte montiert er nach strengen Formprinzipien aus anderen Texten. Ein solches Werk wird mit dem lateinischen Begriff Cento bezeichnet. Dieses Verfahren war bereits in der Antike gebräuchlich. Reineckes jüngster Gedichtband erschien 2012 unter dem Titel „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ (roughbooks, Urs Engeler). Außerdem betreibt der Dichter den kleinen Leipziger Verlag Reinecke & Voß.

/ gä, Dresdner Neueste Nachrichten 18.11.

108. Lyrik-Anzeiger

Auch der Gießener Anzeiger weiß was über Lyrik:

Literatur wird seit einigen Jahren nur noch selten mit Lyrik in Verbindung gebracht. Wer Gedichte schreibt, wird oft belächelt (…)

Und auch ich weiß was:

Der Gießener Anzeiger wird seit 12 Jahren* nur selten mit Lyrik in Verbindung gebracht  – einmal 2011, zweimal 2010, zweimal 2002. Und jetzt natürlich einmal 2013.

*) Den Zeitraum vorher habe ich nicht untersucht

107. Parfümiert

Das Letzte aus der Welt des Buches: Kerngeschäft der Buchsparte des Douglas-Konzerns (drei Sparten) Parfüm, Christ-Schmuckläden und Thalia-Buchhandlungen) bleiben Bücher:

Im Segment Buch baue man auf die drei Säulen* stationär, online und digital. Außerdem auf eine Sortimentserweiterung: Um das Kerngeschäft mit den Büchern habe man erfolgreich Warengruppen arrondiert und wisse jetzt, „was geht und was nicht geht“, sagte der Douglas-Chef. Gute Erfahrung mache man etwa mit Spielwaren, Musik-CDs und DVDs**. Schlechte Erfahrungen haben man mit minderwertigen Produkten, in der Douglas-Sprache „Geschnorbsel“ genannt, gemacht. „So etwas genügt nicht dem Anspruch unserer Kunden“, weiß Kreke. Die Zusatzsortimente müssten wertig sein***.

Das sagte Douglas-Chef Henning Kreke am Dienstag bei einem Pressegespräch in Düsseldorf. / boersenblatt

*)  Drei Sparten, drei Säulen, kann das Zufall sein?

**) Warum eigentlich nicht Parfüm? Weil es sich nicht so gut zu Säulen stapeln läßt wie Bücher, CDs und DVDs?

***) Wohlgemerkt, die Zusatzsortimente – nicht unbedingt das Kerngeschäft

106. Lyrik-Pappe

Auch er ließ sich von Rolf Persch, Lyriker aus Nohn, eine „Lyrik-Pappe“ als Unikat herstellen. Von Pracht ausgesucht aus einer der Textsammlungen des Berufsdichters, spannte Persch auf der „Gabriele“-Reiseschreibmaschine „Made in Brasil“, aus den 1980er Jahren kurzerhand ein DIN-A-5 großes Stück Pappe auf die Walze und schon ging es im Zwei-Finger-Suchsystem ans Abschreiben der Lyrikzeilen.

Das fertige Gedicht wurde gestempelt und signiert, [Bürgermeister] Pracht musste einen Obolus von fünf Euro dafür berappen, von dem er noch nicht genau weiß, „wie ich das im nächsten Haushalt als Vorfinanzierung einstellen soll“. Die Gedicht-Schreibaktion war für ihn eine Premiere, für Persch ist sie allerdings nichts Neues. Er hat „Lyrik-Pappen“ schon im Kölner Museum Ludwig live angefertigt und sogar ein kleines „Lyrik-Abonnement“ aufgelegt, „limitiert auf 20“. Die Kunden erhalten für ihre Abo-Gebühr von ihm monatlich ein neues Gedicht, selbstverständlich wie bei einer Grafik ebenfalls signiert und hundert Prozent analog geschrieben auf der „Gabriele“. / Kölnische Rundschau

105. Stevan Tontić

In der Reihe »Literarische Alphabete« Stevan Tontić liest aus seinem Gedichtband »Odysseus an Penelope« sowie neue Gedichte und spricht mit Patrick Beck über das Leben im Exil, Psalmen als Zuflucht und das heutige Sarajevo […] 1993 ging Stevan Tontic ins Exil nach Deutschland, bis 2001 lebte er in Berlin, heute wieder in Sarajevo […]. Einige seiner Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt, u. a. der Band »Handschrift aus Sarajevo« (Verlag Landpresse, 1994), ein Manuskript, das er förmlich aus dem brennenden Sarajevo herausschaffte, um es zu bewahren, und »Odysseus an Penelope«, erschienen 2010 im Leipziger Literaturverlag.

Stadtmuseum Dresden, 27. 11. 2013, 20 Uhr. Veranstalter: Literaturforum Dresden e. V. in Kooperation mit den Museen der Stadt Dresden.

104. Putins Dead Poets Society

(Weder Satire noch Science Fiction)

Als Präsident Putin seine Rede beendete, ergriff Tolstoi das Wort. Er dankte Dostojewski, Lermontow, Scholochow und Pasternak. Leider habe Puschkin nicht kommen können, da er erkrankt sei und daher nicht aus Belgien nach Moskau fliegen konnte. „Puschkin ist unter uns“, sagte Tolstoi.

Wladimir Iljitsch Tolstoi ist ein Nachfahr des großen Autors in der vierten Generation, und er meinte Alexander Alexandrowitsch Puschkin, einen Nachfahren des Dichters. Am 21.11. fehlte er beim Gesamtrussischen Literaturtreffen an der Universität der Völkerfreundschaft in Moskau.

Rund 500 Menschen waren anwesend, darunter viele Verwandte längst toter Autoren. Mit dem Treffen tritt Putin in die Fußstapfen seiner sowjetischen Vorgänger. Nun also übernahm Putin das Kommando über die Literatur. Ganz in sowjetischer Tradition versprach er Abhilfe, wenn einer der prominenten und privilegierten Teilnehmer Probleme ansprach.

Dann aber sprach der junge Schriftsteller Sergej Schargunow das Thema der politischen Gefangenen an. Putin antwortete, niemand in Rußland sei wegen Meinungsäußerungen im Rahmen der Gesetze in Haft, doch gebe es „eine Grenze, eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.“

Dostojewski kam ihm zu Hilfe. Als „Nachkomme eines Häftlings“ könne er sagen, daß die 10 Jahre Haft in Sibirien wegen Gesetzesbruches ihm gut getan hätten und er in dieser Zeit als Schriftsteller gereift sei.

Die Witwe Alexander Solshenizyns widersprach und sagte, der sowjetische Gulag sei schlimmer gewesen als die Gefängnisse des Zaren. Es entspann sich ein Wortwechsel zwischen ihr und Dostojewski.

Gelegenheit für Putin einzugreifen. Nie werde man zu Zeiten zurückkehren, „als man Daniel und Sinjawski verfolgte und Pasternak exilierte“.

In Wirklichkeit kam Juli Daniel ins Gefängnis, Andrej Sinjawski wurde ausgebürgert und Pasternak aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Dostojewski seinerseits kam nach Sibirien, weil er in einer Lesegruppe mitwirkte. / Masha Gessen, Latitude. New York Times Blog

103. Burgschreiber

Der Beeskower Burgschreiber Rainer Stolz verabschiedet sich am 7. Dezember mit einer Lesung. Angekündigt sind neue Gedichte, wie es in einer Mitteilung am Montag hieß. Die Lesung wird auf der Burg im Konzertsaal veranstaltet. Der Autor aus Berlin hatte im Juni seinen Posten angetreten. Er befasst sich vor allem mit Lyrik, Sprachspiel und Poesievermittlung. Die Bewerbungsfrist für den Posten des nächsten Burgschreibers endet am 30. März 2014. Mit dem Amt sind ein monatliches Stipendium für ein halbes Jahr und freies Logis in der historischen Burg verbunden. / t-online

102. Das kurze Gedicht

Peterchen findet ein Schlüsselchen im Mist und Carolinchen findet ein Kästchen. Es wird aufgeschlossen, und es liegt darin ein kleines, kurzes rotseidenes Pelzchen. Wäre das Pelzchen länger gewesen, so wäre auch das Gedicht länger geworden.

Literatur zur weiterführenden Lektüre:

  • Die wahren Märchen der Brüder Grimm. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Heinz Rölleke. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989.
  • Franz Kafka, [Blumfeld-Konvolut]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften und Fragmente I. Hrsg. Malcolm Pasley. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2002. S. 229-266.
  • Walter Höllerer: Thesen zum langen Gedicht. In: Akzente. Bd. 2 (1965), S. 128–130.

 

101. Lesung

Weiter im Text:

„Zwölf Zuschauer sind im Saal/ Zeit anzufangen./ Die Hälfte ist da, weil es regnet, / Der Rest sind Verwandte.“ – das blieb beim Lyrikabend, zu dem die Deutsch-Französische und die Deutsch-Polnische Gesellschaft am Samstag geladen hatten, zum Glück nur ein Zitat aus einem der vorgetragenen Gedichte. / Westfälische Nachrichten

100. Szymborska

Verabschiedet wurde die Szymborska auf dem Rakowicki-Friedhof zu Klängen ihrer Lieblingssängerin Ella Fitzgerald, der sie auch ein Gedicht gewidmet hat: „Sie betete zu Gott, / betete heiß und innig, /er möge aus ihr / ein weißes glückliches Mädchen machen. / Doch sollte es zu spät sein für solche Verwandlungen, /dann bitte, Herrgott, schau, wie viel ich wiege /und nimm doch wenigstens die Hälfte davon weg …“ / Neue Nordhäuser Zeitung

99. Wirtschaft & Lyrik

„Der CDU-Wirtschaftsrat sollte Gedichte schreiben“, twittert der Journalist und FAZ-Autor Frank Lübberding gerade. Ich glaube, das ist so gemeint: Der Wirtschaftsrat hat sowieso von nichts eine Ahnung. Wenn jemand wirklich gar nichts kann und auch nichts zu sagen hat, dann reicht es immer noch für ein Gedicht.

Gastkommentar von Mirko Wenig

98. Jesse Thoor

(geb. als Karl Höfeler 1905 in Berlin – gest. 1952) führte zunächst ein Vagantenleben und wurde unter dem Eindruck von existentieller Not und sozialer Ungerechtigkeit Mitglied der KPD. Deshalb zog er 1933 von Berlin nach Wien und emigrierte 1938 nach London. Aufs Festland kehrte er nur mehr in kurzen Reisen zurück. Zu Lebzeiten veröffentlichte Thoor, der sein Pseudonym als Anspielung auf den Propheten Jesaja und den germanischen Donnergott wählte, nur ein Buch: Sonette (1948). Nun liegt eine Ausgabe seines Gesamtwerks vor. Sie setzt eine Kooperation der Wüstenrot Stiftung und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Wallstein Verlag fort, in der Werke, die aus dem kulturellen Gedächtnis zu fallen drohen, neu ediert und von zeitgenössischen Autoren vorgestellt werden.

Michael Lentz übernahm die Patenschaft für Thoor und versteht ihn in seiner Einleitung als einen der bedeutendsten Sonettdichter der deutschen Literatur: „[Seine Gedichte] zielen archaisch-anarchisch durch das Sichtbare hindurch auf eine religiöse und soziale Grundierung der Conditio humana.“ /Lyrik Kabinett

Am 25. 11. 2013 (heute), 20:00 Uhr, stellen Michael Lentz und Peter Hamm die Werkausgabe im Lyrik Kabinett vor.

97. Wanda Coleman †

In vier Jahrzehnten schuf sie Werke, die auf Rassismus und Haß aufmerksam machten. Mit ihrer dunklen Hautfarbe und unbezähmbarem Kraushaar empfand sie das Heranwachsen in Los Angeles in den 50er Jahren oft als Folter.

„Die lähmende geistige Einsamkeit meiner 1950er und 60er Jahre wurde von meinem Aussehen diktiert“, schrieb sie Jahre später. „Jungs glotzten mich an und Mädchen kicherten hinter meinem Rücken. Schwarze Lehrer schüttelten ihre Köpfe in Mitleid und weiße Lehrer fixierten mich amüsiert oder verwundert.“ Bücher wurde ihr Zuflucht, waren aber schwer zu bekommen, denn die Bibliotheken, merkt sie an, „entmutigten schwarze Leser.“

Aus solchen Erfahrungen speiste sich ihre Lyrik, die sich mit Rassismus und Haß beschäftigte – den Themen, die es ihr ermöglichten, die Schranken ihrer Herkunft zu durchbrechen und eine der scharfsichtigsten Autoren ihrer Stadt zu werden. Sie galt als L.A.s inoffizielle Poet laureate. Am Freitag starb sie nach langer Krankheit im Alter von 67 Jahren. / Elaine Woo, Los Angeles Times

96. Poetopie

tot ist nicht tot – auch wenn es gestorben ist, kann ein Leben nicht mehr rückgängig gemacht werden, eine winzige Spur von ihm bleibt

Hansjürgen Bulkowski

95. Sexversessen

Angeblich ist unsere Zeit sexversessen wie keine zuvor. Wer aber das Hohelied Salomos liest, das Liebeslied der Bibel, neu gedeutet von der Theologin und Jungianerin Ingrid Riedel aus Konstanz, ist überrascht. Erotisch und sexuell völlig unbefangen wird da geflüstert, werden leidenschaftliche Gespräche geführt zwischen zwei Menschen, die einander verfallen sind. Nirgendwo anders in der hebräischen Literatur und im biblischen Kanon werden menschliche Attraktivität, Anziehung und sexuelles Verlangen so drastisch formuliert. Wie die Liebe machtvoll zur sexuellen Vereinigung drängt, erfährt man in dem Buch.

Es wird Salomo zugesprochen, einem der Könige Israels, wie im Eingangsvers behauptet – womöglich wären die Verse sonst nie in die Schrift gelangt. (…)

„Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhst am Mittag“, sagt Sulamith („Eine, die Frieden findet“). Und Salomo („Erlöser“) antwortet: „Du bist wunderschön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.“ Im Wechselmodus laden sich die Liebenden auf. Sie kommt zuerst zur Sache: „Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen.“ „Da will ich dir meine Liebe schenken.“ Das ist eine direkte Sprache. Die im Text beschworenen Myrrhenberge und Weihrauchhügel sind im Orient symbolische Orte sexueller Vereinigung.

„Dass das Hohelied in der Bibel steht“, so Ingrid Riedel, „ist ein Glücksfall“, sei es doch nicht nur „Dichtung von Rang“, sondern auch „die Imagination einer neuen, erotisch-sexuellen Beziehungsform zwischen Frau und Mann“. / Roland Mischke, Badische Zeitung 22.11.

Ingrid Riedel: Stark wie der Tod ist die Liebe. Das Hohelied. Mit Bildern von Renate Gier. Patmos Verlag, Ostfildern 2013. 152 Seiten, 24,99 Euro.€