51. Hauptwerke & verblödete Hierarchien

Etwas unter ging dabei ihr kleiner Lyrikband, der mit dem stolzen Titel »Hauptwerk: Softsoftporn« schon im Juni im Verlag Peter Engstler rauskam. Zu Unrecht, denn Ann Cottens Gedichte haben einen Drive, wie er der oftmals völlig verkopften deutsche Gegenwartsdichtung in der Regel völlig abgeht: »Halt mich so, daß er aufrecht steht / dein Wort in meiner Eingeweide / wie ein Licht halt mich jetzt hoch«. Inmitten aller Liebes-Angst-Unsicherheit wird sehr bewußt erzählt, gewollt leger, aber immer wieder atemberaubend. »Wir rauchten voller Verlegenheit / Konsens wie ein rosa Ballon / Konsens wie ein rosa Teich.« Was als eine Arthaus-Version von Sexy Sport Clips beginnt, wird immer mehr zu einer Expedition über grundlegende Fragen. Hoffnungsvolle Hingabe gibt es also genauso wie eine Schlüpfrigkeit, die elegant Distanz aufbaut.

Schreibt die junge Welt und stellt Fragen wie diese:

Betrachten Sie Ihren Lyrikband »Hauptwerk: Softsoftporn« tatsächlich als Ihr Hauptwerk?

Wie es bei Scherzen so ist, gibt es einen Aspekt, der wörtlich ganz so gemeint ist, und zugleich gute Gründe, es nicht ganz ernst zu meinen. Jeder Moment ist jeweils Hauptwerk, das wäre so quasi eine Aussage, die drinsteckte, und ein privates Aushebeln der Bewertung, der immer verblödeten Hierarchien des »Bedeutenden«.

/ Text/Interview: Joshua Groß

Ann Cotten: Hauptwerk: Softsoftporn. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2013, 72 S., 14 Euro

50. Kritische Ausgabe

Unter den übrigen lesens­werten Beiträgen in der „Kritischen Ausgabe“ möchte ich drei her­vor­heben: Da sind zum einen die formal wagemutigen Gedichte von Norbert Lange zu nennen, die in unter­schied­licher Weise eine Radi­kali­sierung lyrischer Rede an­streben. Die hier abge­druckte „siebende Dumm­kopf­elegie“ zielt auf eine kunst­volle Demon­tage des alten Dich­ter­priester­tums, wie es einst Rainer Maria Rilke in seinen Duineser Elegien verkör­perte. Ein weiterer Text heißt „Symme­trische Ver­wüs­tungen“ – ein schönes Paradoxon, das die Bewah­rung und gleich­zeitige Auf­lösung poe­tischer Ord­nung mar­kiert. Der aus Völ­klingen stam­mende und in Berlin lebende Konstan­tin Ames liefert einen erhel­lenden Kommen­tar zu den Gedichten von Norbert Lange und verweist auf dessen Gegen­position zu vor­gefun­denen Auto­ritä­ten und Ord­nungs­sys­temen. Die kon­zen­trier­teste Gedicht-Exegese in der „Kriti­schen Aus­gabe“ ver­danken wir Tobias Ams­linger, der sich mit den – wie es heißt – „poeti­schen Ent­gren­zungen“ der 1982 gebo­renen Mara Genschel aus­einander­setzt. Die Arbeiten von Mara Genschel stel­len den Pro­zess­cha­rakter des Schrei­bens in den Vor­der­grund. Viele Ge­dichte werden als „Roh­texte“ noch einmal graphe­misch bearbeitet, mit Strei­chungen und kleinen hand­schrift­lichen Ergän­zungen versehen. Seit 2012 präsen­tiert die Autorin zudem ihre Texte in kleinen Heften, die unter dem Titel „Referenz­fläche“ in Kleinst­auflagen von der Autorin selbst ver­trieben werden. In seiner brillanten Analyse verweist Tobias Amslinger auf die Buch­staben­ver­tau­schun­gen in Gen­schels Gedicht über den hei­ligen Sebas­tian: Dieses Gedicht funktioniere wie eine „Kipp­figur, in der Großes in Kleines übergeht“ und sich das Hei­lige unmerk­lich ins Profane ver­wandelt. In einer kleinen Inscriptio am Ende der Seite macht Genschel klar, dass der Text selbst zum ver­wun­deten heiligen Sebastian wird: „Er steht dort mit geklebten Haarn / am Wegestand und ohne Schrein // zu Füßen ein geschnitzter Reim/unleser­lich, ob Kreuz, ob Arm“.  / Michael Braun, Poetenladen

Kritische Ausgabe, No. 25
c/o Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität, Am Hof 1d, 53113 Bonn. 148 Seiten, 6 Euro.

49. Santa Llúcia

Oració a Santa Llúcia

Vós que veniu pel desembre
portant els ulls en un plat,
Santa Llúcia, conserveu-nos
la vista i la claretat.

Són tan bells els ulls al front
quan hi brilla la mirada,
fa tan bo de veure el món
per l’ànima enamorada
de clarors de tota mena
i el moure’s de tot quant viu;
que cada hivern que veniu
gloriosament serena,
prô portant misteriosa
els ulls al damunt d’un plat
(com si en la nit tenebrosa
altre llum vos fos donat),
nosaltres esfereïts
de tota mena de nits
i seguint arreu, arreu
tota estela lluminosa,
us cridem amb forta veu
i amb el pit tot agitat:
«Santa Llúcida gloriosa!
La vista i la claretat!»

Joan Maragall (1860–1911)


Gebet an die Heilige Luzia
 

Die Ihr im Dezember kommt,
auf dem Tablett Eure Augen,
Heil’ge Luzia, erhaltet uns
Augenlicht und Helligkeit.

Sind so schön die Augen vorn,
wenn der Blick darinnen leuchtet,
tut so gut, die Welt zu sehn,
wenn die Seele ganz verliebt ist
in das Helle aller Art,
in die Regung allen Lebens;
so dass, wenn Ihr winters kommt,
glorreich und mit heitrer Miene,
dabei jedoch rätselhaft
vor Euch Eure Augen tragend
(ganz als ob in finstrer Nacht
Euch ein andres Licht gegeben),
wir aus allertiefstem Schrecken
von den Nächten aller Art
– immer überallhin spähend,
jeder Spur folgend, die leuchtet –
Euch mit lauter Stimme rufen
und aus tiefbewegter Brust:
»Heil’ge, glorreiche Luzia,
Augenlicht und Helligkeit!«!

[aus dem Katalanischen: à.s.]

 

48. Jack Hirschman

In L. A. gehört zu seinen Studenten ein gewisser Jim Morrison, der später Sänger der Doors werden sollte.

Mit dem Vietnamkrieg kam das Ende der Universitätskarriere von Jack Hirschman. Wegen seiner Aufforderung an seine Studenten, dem Einberufungsbefehl zum Armeedienst nicht zu folgen, flog er raus. Während seiner Universitätszeit war sein erster Gedichtband (»A Correspondence of Americans«) veröffentlicht worden. Seither sind um die 100 Bücher von Jack Hirschman erschienen, neben Gedichtbänden auch Übersetzungen, u. a. von Majakowski, Pablo Neruda, Antonin Artaud, Roque Dalton oder René Depestre, sowie von ihm edierte Anthologien, wie etwa »Open Gate – An Anthology of Haitian Creole Poetry« (2002).

Hirschmans bislang wichtigster Gedichtband erschien 2006 im italienischen Salerno bei Multimedia Edizioni: »The Arcanes«. »Diese 1000-Seiten-Provokation« – so eine Kritikerin – »enthält Hirschmans in mehr als dreißig Jahren entstandene komplexeste und revolutionärste Gedichte« / Jürgen Schneider, junge Welt

47. karawa.net

Kehren wir noch einmal zu einer der Ausgangsfragen zurück. Welche Orte gibt es im Inter­net, die es mit dem Diskurs tradi­tionel­ler Kultur­zeit­schriften auf­nehmen können?* Es gibt tat­säch­lich eine Online-Zeit­schrift, die mittlerweile zu einer Ins­tanz für ästhe­ti­sche Theorie und moderne Lyrik gewor­den ist: Es ist die seit 2010 betriebene Zeit­schrift www.karawa.net, die von den Schrift­stel­lern Konstan­tin Ames, Tobias Ams­linger, Norbert Lange und Léonce Lupette he­raus­gege­ben wird. Die jüngste Aus­gabe, die Nummer 5 von karawa.net, widmet sich der „Baby­lonischen Leiter“ – und das entpuppt sich als weit aus­greifende Re­flexion über die Auf­gaben der Poesie von ihren antiken Ur­sprüngen bis heute. Im Zentrum steht ein fabelhafter Essay des Dichters Asmus Trautsch, der in seinen Exkur­sen über die „Musen­schrift“ akribisch die Über­lieferungs­geschichte zu den neun Schutz­göttin­nen der Künste nach­zeichnet und sich dabei vor allem auf die Theogonie des Hesiod stützt. Im titel­geben­den Auf­satz „Baby­lonische Leiter“ unter­sucht der Essayist Stefan Ripplinger das Gedicht „Civitas Dei“ des hier­zu­lande kaum bekannten ameri­kanischen Dichters William Bronks – eine geradezu mustergültige philologische Entzifferung eines Gedichts, das sich die Frage nach dem Gottes­staat stellt und dabei alles Meta­physische, Ge­heim­nis­volle wegreißt. / Michael Braun, Poetenladen

www.karawa.net No 5
„Babylonische Leiter“, Beiträge von Asmus Trautsch, Stefan Ripplinger, Mara Genschel u.a.

*) Und jetzt bitte die Titel der konkurrierenden „traditionellen Kulturzeitschriften“ im Plural

46. Preisgekrönt

Schwäbisch Gmünd. „Das Schreiben macht mir einfach am meisten Spaß“, erzählt Larissa. Trotzdem habe sie nicht täglich Zeit dafür und zum Beispiel nach acht Stunden Mathe lernen an der Uni Hohenheim auch keinen „freien Kopf“ mehr. Wer sich allerdings die lange Liste ihrer Auszeichnungen in Literaturwettbewerben anschaut, mag kaum vermuten, dass sich diese Erfolge „einfach so“ ergaben. Da scheinen sich ein Schreibtalent, ein Organisationstalent und eine große Portion Zielstrebigkeit in einer Person zu vereinen.
Diesen Eindruck hinterließ Larissa wohl auch bei dem Literaten Oswald Burger aus Überlingen, der ihr am 25. November in Augsburg den „Sonderpreis junger Autor“ im Wettbewerb „Schwäbischer Literaturpreis“ überreichte. „Wenn man so eine fleißige, produktive, umtriebige und fröhliche junge Frau kennenlernen darf, ist es einem nicht mehr bange um die heutige Jugend“, erklärte Jury-Sprecher Burger.
Mit ihrem Sonderpreis darf die 20-Jährige nun am „Meisterkurs Literatur“ im „Schwäbischen Kunstsommer 2014“ in der Schwabenakademie Irsee teilnehmen. (…) Im November 2012 durfte sie als Gewinnerin im Bundesliteraturwettbewerb eine Woche im Haus der „Berliner Festspiele“ verbringen, um dort Lesungen und Interviews zu geben. Zur langen Liste ihrer weiteren Auszeichnungen als Autorin zählt aktuell der dritte Platz als Preisträgerin des „Fun For Writing-Federleicht“-Wettbewerbs in der Kategorie Kurzgeschichte am 29. November 2013 in Berlin. / Schwäbische Post 12.12.

45. Vulgäre Literaten

Ruan Dschi hatte die Fähigkeit, seine Augen so zu verdrehen, daß nur das Weiße des Augballs sichtbar wurde. Mit jenem „Weißblick“ pflegte er Kleinigkeitskrämern und vulgären Literaten zu begegnen. Als Ruasn Dschis Mutter starb, machte ihm Hsi Hsi einen Kondolenzbesuch. Ruan Dschi empfing ihn mit seinem „Weißblick“, worauf sich Hsi Hsi verärgert zurückzog. Als Hsi Hsis Bruder, der Dichter Hsi Kang, davon erfuhr, erschien er mit einem Krug Wein und seiner Laute bei Ruan Dschi, der ihn mit unverstelltem „Dunkelblick“ empfing.

Aus: Geschichte der Dschin-Dynastie, kompiliert 646-648, in: So sprach der Weise. Chinesisches Gedankengut aus drei Jahrtausenden. Hrsg. und aus dem Chinesischen übertragen von Ernst Schwarz. Berlin: Rütten & Loening, 1981, S. 411.

 

44. Elektrosmog

Ein schöner kleiner böser Gedichtband in diesem an tollen Gedichtbänden nicht gerade armen Jahr ist Jan Skudlareks Elektrosmog.

schreibt Fabian Thomas, The Daily Frown

Jan Skudlarek: Elektrosmog. Gedichte. Illustriert von Simone Kornappel. Luxbooks, Wiesbaden, 100 Seiten, 19,80 €

43. Lamento

Bei der GEMA darf man maximal 4 Takte zitieren, bevor es kostenpflichtig wird. Ich weiß, einflußreiche Kreise arbeiten daran, deren System auf das Zitieren ihrer rechtsgültig geschützten LEISTUNGEN in Blogs etc. zu übertragen. 4 Takte = 4 Sätze? Wörter? Buchstaben?

Wir werden sehen. Vorerst denke ich, 1 Satz müßte erlaubt sein. Hier ist er:

Lamento über die armen Dichter

wenn man sich überlegt, dass vielleicht 150 Leute im Land gute Gedichte schreiben* und keiner davon leben kann, nicht einmal die Mayröcker von ihren Verkaufszahlen leben kann – ein Maler der gleichen Kategorie dagegen schon einigermaßen über die Runden kommt, bzw. wenn ein Maler den Rang einer Mayröcker hätte, steinreich wäre; die die Gedichte schreiben am Tropf von Subventionen hängen und sich rechtfertigen müssen, warum sie der Allgemeinheit auf der Tasche liegen, weil der Mehrwert nur in Geld gemessen wird, diese Gesellschaft und gesellschaftliche Anerkennung nur übers Geld funktionieren, im besten Fall der Dichter als Spinner akzeptiert wird, weil es diese Kunstform halt gibt, so wie es Maler gibt, Musiker, Filmemacher, wobei Dichtkunst als letztes in der Reihe steht, weil man sie nicht versteht und nicht versteht, warum sich das jemand antut, Gedichte zu schreiben, wo nichts damit zu verdienen ist, geschweige denn ein Gedicht an die Wand zu hängen ist in der Hoffnung auf Wertsteigerung, also selbst Snoops und Investoren vor Gedichten zurückschrecken, logischerweise, weil Gedichten das Einzigartige fehlt, weil sie abgeschrieben werden können und demokratisch sind, aber genau an diesem Punkt dem Käufer das Elitäre fehlt, um sie zu einem Geschäft zu machen, sozusagen kein Premiumcharakter vorhanden ist, mit dem man sich schmücken kann, geschweige denn, dass man sich einen Dichter hält bei Hof im Konzern, so demokratisch scheint man dann doch (man hält sich keine Menschen, ist ja auch kein Fürst), aber damit auch niemandem eins auswischen könnte, wenn man sich den Dichter halten würde, jemand anderem den wegschnappt, es keine Konkurrenz gibt auf diesem Gebiet (wie es sie vielleicht mal gegeben hat), es auch nicht von Nutzen wäre, läge ein Buch von Monika Rinck im Besprechungszimmer, oder ein Popp am Schreibtisch, so wie der Picasso im Chefbüro hängt, im Gegenteil würde es Kopfschütteln hervorrufen über das rausgeschmissene Geld, auch wenn es nur 12.90 sind für das Paperback.

Markus Hallinger

Upps, das war schon der ganze Text. Ich hab doch nur 1 Satz… Egal, die Quelle wird es nicht übelnehmen. Und er hat verdammt recht.

Markus Hallinger1961 in Tegernsee geboren, lebt in Oberbayern und veröffentlicht seit 2006 in Literatur-zeitschriften und Anthologien.

Sein Debutband: Das Eigene. Gedichte. München (Lyrikedition 2000) 2012. 88 S., 9,50 Euro.

*) Interessant wär jetzt, die Liste dieser 150 guten mit der von Dotzauer/Krüger zu vergleichen (derjenigen, die dem Todesurteil der Herrenrunde entgehen, wenn ich das richtig verstehe).

42. His Day is Done

Die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou schrieb ein Gedicht für ihren verstorbenen Freund Nelson Mandela, „His Day is Done“. Hier kann man es anhören.

 

41. Peter Urban gestorben

Eminente russische Autoren wie Anton Tschechow, Daniil Charms oder Isaak Babel haben erst durch Peter Urban eine deutsche Stimme erhalten. Zuvor glaubten die Übersetzer, man müsse die urwüchsige Sprache dieser modernen Schriftsteller glätten und in ein makelloses Hochdeutsch bringen. Peter Urban hat radikal mit diesem Missverständnis aufgeräumt. (…) Er übersetzte das schwierige Gesamtwerk des Futuristen Welimir Chlebnikow in zwei umfangreichen Bänden und zog mit dieser stupenden Leistung auch Paul Celans Aufmerksamkeit auf sich. (…) Peter Urban war einer der letzten unabhängigen Intellektuellen in Deutschland, die sich kompromisslos für ihre künstlerischen und politischen Überzeugungen einsetzten. Sein messerscharfer Geist, sein untrüglicher stilistischer Sinn und seine detektivische Hartnäckigkeit beim Aufspüren relevanter Quellen machten ihn zu einem unbestechlichen Hüter höchster literarischer Standards. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Übersetzerpreisen und der Ehrendoktorwürde der Universität Regensburg ausgezeichnet. / Ulrich M. Schmid, NZZ

Der Slawistikstudent verbrachte ein Jahr in Belgrad, wo er Gedichte von Vasko Popa und Miodrag Pavlović übersetzte und als Suhrkamp-Lektor Letzteren bald auch herausbrachte. Urbans Lebensaufgabe wurde, russischen Klassikern, ob Alexander Gribojedow, Iwan Turgenjew oder Nikolai Gogol, die von früheren Übersetzern bis zur Unkenntlichkeit „verschönert“ wurden, eine ihrer originalen Diktion und Sprachmelodie treue deutsche Stimme zu verleihen. Außerdem machte er den deutschen Leser mit wichtigen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts, den absurden sowjetrussischen Minimalisten – von Daniil Charms, über Leonid Dobytschin bis zu Venedikt Jerofejew -, überhaupt erst bekannt. / Kerstin Holm, FAZ

40. Reinecke & Voß

Sicher eine gute Sache und hoffentlich hilfreiche Werbung für den Verlag. Ich korrigiere trotzdem mal ein wenig – wenigstens das auf der Website Sichtbare*:

Reinecke und Voss setzent an zum Sprung | MDR.DE
www.mdr.de

Der Verleger ist Lyriker, aber setzt sich nicht für seine eigenen Gedichtbände ein, sondern veröffentlicht Lyrik andererer veröffentlicht nicht nur Lyrik – und nicht seine eigene. Tino Dallman über die Motive eines innovativen Verlegers.

*) Daß beispielsweise der letzte Satz die Aussagen des Verlegers zutreffend zusammenfaßt, scheint mir zweifelhaft.

39. Fame is a fickle food

by Emily Dickinson

Fame is a fickle food
Upon a shifting plate
Whose table once a
Guest but not
The second time is set
Whose crumbs the crows inspect
And with ironic caw
Flap past it to the
Farmer’s corn
Men eat of it and die
Source: The Poems of Emily Dickinson Edited by R. W. Franklin (Harvard University Press, 1999) Nr. 1702

38. Gestorben

Der tschechische Dichter und Übersetzer Zbyněk Hejda starb in Prag im Alter von 83 Jahren. Er galt als einer der führenden tschechischen Dichter. 1996 wurde er mit dem Jaroslav-Seifert-Preis ausgezeichnet. Er veröffentlichte sechs Gedichtbände, übersetzte Trakl, Benn und Dickinson und war Redakteur der Literaturzeitschrift Tvář (Gesicht) sowie seit 1985 Mitherausgeber der Zeitschrift Střední Evropa (Mitteleuropa). „Seine Stelle als Verlagsredakteur verlor er durch den Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings, die darauf folgende Arbeit in einem Antiquariat durch die Unterzeichnung der „Charta 77″. Bis 1989 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Hausmeister.“ (wiki) Auf Deutsch erschien 2002 der Doppelband „Lady Feltham/Valse mélancolique“ bei der Edition Korrespondenzen, Wien.

 

37. Michael Krüger

Heute vor 70 Jahren wurde Michael Krüger in Wittgendorf (Sachsen-Anhalt) geboren.

Von 1962 bis 1965 arbeitete er als Buchhändler in London.

Ab 1968 war Krüger als Verlagslektor beim Carl Hanser Verlag tätig. Er wurde 1986 literarischer Leiter des Verlages und ist seit 1995 Geschäftsführer. Zum 31. Dezember 2013 scheidet er aus dieser Position aus; sein Nachfolger wird Jo Lendle.

1973 gründete er in München gemeinsam mit Martin Gregor-Dellin, Jürgen Kolbe, Fritz Arnold, Paul Wühr, Inge Poppe, Christoph Buggert, Günter Herburger, Tankred Dorst und Peter Laemmle die erste genossenschaftlich organisierte Autorenbuchhandlung.

Erst 1976 erschien sein Erstling, der Gedichtband Reginapoly. Seine erste Erzählung mit dem Titel Was tun? erschien 1984. 1991 erschien – ein Jahr nach seiner Novelle Das Ende des Romans – sein erster von bisher drei Romanen, Der Mann im Turm.

Im Juli 2013 wurde er von den Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu deren Präsident gewählt. (Wikipedia)

Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel:

Die Michael Krüger eigene Emphase, deren Wirkung auch auf einer tief in der Kehle ansetzenden und teils durch die Nase ausströmenden Stimme beruht, wäre allerdings verschwendet, wenn sie nicht auch seiner Kunst, schlechte Gedichte vorzutragen, zugutegekommen wäre. Es gibt keine vernichtendere Art der Literaturkritik als zu erleben, wie er schiefe Bilder, verbrauchte Metaphern und hohlen Gefühlsüberschwang mit kaum merklichem Gift so einspeichelt, dass sich alles Gestelzte und Klappernde nur noch in Krämpfen windet.

In solchen Momenten sitzt er über Dichtung unerbittlich zu Gericht und würde, wenn ihm nicht zugleich die wahren Verbrechen dieser Welt vor Augen stünden, furchtlos die Todesstrafe verhängen. Zugleich sieht man ihm an, wie tief enttäuscht er über die Dummheit, die Sorglosigkeit oder das Unvermögen von Schriftstellern ist, die doch dazu berufen sind, Glück und Erkenntnis zu stiften. Wie stehlen sie uns im Jammertal der Endlichkeit die Lebenszeit, und was tun sie erst sich selber an, sie mit solchen Machwerken zu vergeuden! Vielleicht ist das der Moment, in dem die ganze Doppelnatur seines Charismas aufblitzt: jene so anziehende wie seltene Mischung aus Machtbewusstsein und melancholischer Empfindsamkeit, in deren Dunstkreis man ebenso aufblühen wie vergehen kann.