Peter Rühmkorf
(* 25. Oktober 1929 in Dortmund; † 8. Juni 2008 in Roseburg im Kreis Herzogtum Lauenburg)
Wilhelm von Aquitanien
(Wilhelm der IX., französisch Guilhem IX * 22. Oktober 1071; † 10. Februar 1126, “ bekannt als „der erste Trobador“)
Mein Lied wird um rein nichts sich drehn
Mein Lied wird um rein nichts sich drehn:
Weder um mich noch irgendwen,
Um Liebe nicht noch Jugendwehn,
Noch andern Tand;
Zu Pferd ist und im Schlaf geschehn
Daß ichs erfand.
Weiß von Geburt nicht Stern noch Zeit,
Bin nicht daheim und bin nicht weit,
Verspüre weder Lust noch Leid –
Nichts rührt mich an;
Mich hat die tiefe Nacht gefeit,
Auf Berges Plan.
Ich weiß nicht wach ich oder währt
Mein Schlaf noch, wirds mir nicht erklärt.
Nahzu hat sich mein Herz verzehrt
In tiefer Qual –
Doch ist es keine Maus mir wert,
Bei Sankt Martial!
Bin krank und wohl vom Tod geplagt,
Weiß nur was man mir drüber sagt;
Wo ist der Arzt der mir behagt?
Hab schwere Wahl;
Ob er mich heilt, ob er versagt –
Mir ists egal.
Aus: Peter Rühmkorf: Mein Lesebuch. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 283.
Die erste Strophe im Original:
Farai un vers de dreyt nien :
Non er de mi ni d'autra gen,
Non er d'amor ni de joven,
Ni de ren au,
Qu'enans fo trobatzen durmen
Sobre chevau.
Christine Lavant
(* 4. Juli 1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal, Kärnten; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)
Mein Schatten kann über Wasser gehen,
wenn Mond oder Sonne nur richtig stehen,
mein Schatten glänzt dann am Scheitel.
Dieses Glänzen ist freilich bloß eitel
und kann nichts erwärmen, nie leibhaftig sein,
doch manchmal verdankt ihm ein einfacher Stein,
daß er silbern erstrahlt vor den andern.
Mein Schatten geht selbständig wandern,
auch oft in der Nacht aus dem untersten Traum,
mich hängt er dann so wie ein Pferd an den Baum
des Schlafes und läßt mir kein Futter.
Ich schreie um Vater und Mutter,
auch um die Geschwister und um den Tod,
doch bringen sie mir weder Zucker noch Brot,
ich höre nur alle von ferne.
Sie reden mir zu durch ein gläsernes Tor
und schließlich kommt doch nur mein Schatten hervor
in Begleitung ertrunkener Sterne.
Erstveröffentlichung in Merkur 10/ 1958, S. 923. Aus: Christine Lavant, Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. Herausgegeben und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser (Werke in vier Bänden, Band 1). Göttingen: Wallstein, 2014, S. 288
Bild: KI
Daniela Boltres
Die Autorin, 1972 in Bukarest geboren, schreibt ihre Gedichte oft zuerst in rumänischer oder siebenbürgisch-sächsischer Sprache und »übersetzt« sie danach ins Deutsche. Anm. d. Red. „Risse“
SIEBENBÜRGISCH-SÄCHSISCHE WELT
IN WORT UND BILD*
Die Glocken läuten.
Ich lernte von Opa,
wo ich sitzen darf.
Beim Herrn Pfarrer,
wo das Dorf im Himmel stand.
Im Garten jätet Oma.
Die Sirenen bellen.
Vater lernte nicht,
wann man nicht mehr arbeiten darf.
In der Schule lernte ich,
dass ich zu lernen und zu lernen hab.
Im Garten jätet Oma.
Der Himmel brennt.
Orange fällt die Wäsche
Mam' in den Schoß.
Im Spital liegt ein Arm voll
Hiroshima** bloß.
Im Garten jätet Oma.
Der Himmel brennt.
Die Sirenen bellen.
Die Glocken läuten.
Im Garten jätet Oma.
*) Übersetzung aus dem Siebenbürgisch-Sächsischen
**) Hiroshima heißt im Volksmund ein Stadtteil in Zeiden/Codlea in Siebenbürgen in Rumänien, in dem ein Chemiebetrieb seine Abwässer ungefiltert in den Fluss einleitete.
Das siebenbürgisch-sächsische Original:
SAKSESCH WORELT A WOERT OCH BELD
De gleuken leeden.
M'am ota hun ech geloirt,
wie ech sazen toerf.
m'am har for,
wie det dorf am heemel steut.
De oma kreet am guerten.
De sirenen billen
Der tat huet net geloirt,
wonoi em arbeden toerf.
An der scheil,
dat eaos loend die ouwen stoet.
De oma kreet am guerten.
Der heemel broat.
Orange foalt de waesch
der mam an den scheis
am spideol kit en
orfoll hiroschima un.
De oma kreet am guerten.
Der heemel broat.
De sirenen billen.
De gleuken leeden.
De oma kreet am guerten.
Aus: RISSE. ZEITSCHRIFT FÜR LITERATUR IN MECKLENBURG UND VORPOMMERN, NR. 23 | HERBST 2009, S. 26-28
Urs Engeler
nicht nichts
1
als ob
es eine andere geben würde mit
andern Menschen
und
andern Gegenständen
die nicht mehr anders sind sondern
genau
so
:
Aus: Urs Engeler, nicht nichts. Gedichte 1984-2024. Schupfart, Mai 2024 (Das Versteck 279)
Noch einmal zu Michitsunas Mutter, Fujiwara no Michitsuna no Haha (jap. 藤原道綱母; * 936?, † 2. Juni 995) (siehe hier vor 2 Tagen). Sie schrieb im 10. Jahrhundert ein Tagebuch, „Kagerō nikki“, in dem sie ausführlich die Zerrüttung ihrer Ehe schildert. Ihr Mann war Fujiwara no Kanei (929-990). Er war ein führender Politiker seiner Zeit, sie nennt ihn im Tagebuch „der Prinz“. Ihren Namen kennen wir nicht, man nennt sie behelfsweise nach Ehemann und Sohn: „Fujiwara-Clan Michitsunas Mutter“.
Eine deutsche Übersetzung des Tagebuchs erschien unter dem Titel Kagerô Nikki: Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980 bei Niehans, 1955. Diese war mir nicht zugänglich, ich stütze mich auf zwei englische Ausgaben und das Album „36 Dichterinnen des Alten Japan“.

In ihrem Tagebuch schreibt sie:
Mein Haus und mein Garten waren dem Untergang geweiht. Dem Prinzen schien es nicht in den Sinn zu kommen, wie sehr es mich verletzte, dass er kam und ging, ohne mir seine Hilfe anzubieten, ja ohne zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Er sagte, er sei beschäftigt, und vielleicht war er das auch; vielleicht waren seine Pflichten wichtiger als das Unkraut in meinem Garten.
Und so blickte ich auf die Verwüstung, und der achte Monat kam. Eines Tages, als wir es uns zusammen recht gemütlich gemacht hatten, führte eine Reihe von Kleinigkeiten zu heftigen Worten auf beiden Seiten, und er verließ uns in einem Anfall von Wut. Er rief unseren Sohn auf die Veranda und verkündete, dass er nicht mehr kommen wolle. Der Junge kam bitterlich weinend ins Zimmer zurück. Er weigerte sich, meine Fragen zu beantworten, aber ich wusste sehr wohl, was geschehen war, und aus Angst vor den wilden Verdrehungen, die meine Frauen aus der Angelegenheit machen könnten, hörte ich auf, ihn zu befragen, und versuchte stattdessen, ihn zu trösten.
Während einer außergewöhnlich langen Zeitspanne, fünf oder sechs Tage, hatte ich nicht einmal eine Nachricht vom Prinzen. Ich war verärgert und fassungslos: Dass er so auf etwas reagierte, was für mich nur ein Scherz zu sein schien, zeigte deutlich die Instabilität unserer Beziehung.
In der Tat könnte eine solche Lappalie zum endgültigen Bruch führen. Während ich über diese Möglichkeit nachdachte, stieß ich auf eine Schale mit Wasser, mit der er sich am Tag des Streits die Haare gewaschen hatte. Sie war mit einer Staubschicht bedeckt und verdeutlichte mit schmerzlicher Klarheit die Wendung, die wir genommen hatten.
Ein Vers formte sich in meinem Kopf:
„Ist alles zu Ende? Gäbe es ein Spiegelbild, könnte ich es fragen, aber selbst der Wasserspiegel, den er hinterlassen hat, hat sich getrübt.“
Schließlich erschien er, aber unser Gespräch war so unangenehm wie zuvor. Es schien keine Erleichterung von der Düsternis zu geben, die zum vorherrschenden Ton in meinem Leben geworden war.
Das Gedicht ist ein Waka oder Tanka, es besteht im Original aus 31 Silben. 31 Silben (Tanka) oder 17 Silben (Haiku) sind eine feste Größe in der japanischen Lyrik. Vor über 1000 Jahren berichtete ein Dichter (Tsurayuki) über ein Festival, bei dem ein Dichter ein Gedicht mit 37 Silben vortrug und die Zuschauer, gewöhnt an den Rhythmus der 31 Silben, brachen in schallendes Gelächter aus.
Für die Verfasser aber scheint die Zahl 36 bedeutsam zu sein. In jener klassischen Zeit der japanischen Lyrik entstand aus einem Streit zwischen zwei führenden Literaturkritikern, welcher der bedeutendere von zwei Dichtern war, die Veranstaltung von imaginären „Dichterwettstreiten“, bei denen je 18 alte und 18 neue Dichter jeweils gegeneinandergestellt und beurteilt wurden. Daraus entstand eine Sammlung von 36 unsterblichen Dichtern und Dichterinnen und nach deren Vorbild auch eine von 36 unsterblichen Dichterinnen. Michitsunas Mutter ist in beiden vertreten. (Hinzu kommt, dass von der Dichterin 36 Gedichte überliefert sind.) Entnommen habe ich ihr Gedicht jenem Album von 1801, das die 36 Gedichte in Kalligrafien von 36 Schülerinnen einer Kalligrafieschule präsentiert. Der amerikanische Herausgeber, der 1991 das Exemplar der New York Public Library in bibliophiler Aufmachung nachdruckte (deutsche Ausgabe bei DuMont 1992) schreibt über dieses Gedicht:
Michitsuna no haha (ca. 936-995), »Mutter von (Fujiwara) Michitsuna«, war eine der herausragendsten Schriftstellerinnen der Heian-Epoche. Sie ist die Verfasserin des Kagerō nikki, einer literarischen Autobiographie, die die Zeitspanne von 945 bis 974 umfaßt und bis ins einzelne die zunehmende Entfremdung von ihrem Ehemann Fujiwara no Kaneie (929-990), einer führenden politischen Gestalt jener Zeit, beschreibt. Sie stand auch als Lyrikerin in hohem Ansehen. Sechsunddreißig ihrer Gedichte finden sich in kaiserlichen Anthologien.
Das vorliegende Gedicht ist im Kagerō nikki und im Liebeslyrik-Teil des Shinkokin wakashū enthalten, wo es die Überschrift trägt: »Einst, als der Kanzler im Ruhestand (Kaneie) ihr lange Zeit keinen Besuch abgestattet hatte, kämmte sie ihr Haar und nahm eine Schale, um es naß zu machen. Sie schrieb dieses Gedicht über den Anblick der mit Wasser gefüllten Schale.«
Diese Begebenheit ist im Kagerō nikki ausführlich beschrieben: Kaneie war gekommen, um den Tag mit ihr zu verbringen, nachdem sie sich eine Zeitlang beiläufig unterhalten hatten, begann sie, sein Verhalten zu kritisieren. Kaneie war verletzt und stolzierte von dannen, wobei er nie wieder zurückzukehren versprach. Nach fünf oder sechs Tagen schlich sich bei ihr die Befürchtung ein, er könne es ernst gemeint haben. Sie bemerkte, daß die Schale mit Reiswasser, die er an dem Tag, als er sie verlassen hatte, zum Richten seines Haars benutzt hatte, noch in dem Raum stand; auf der Wasseroberfläche hatte sich mittlerweile eine dünne Staubschicht angesammelt. Mit einem Mal erkannte sie mit Bestürzung, wie lange es schon her war, seit er sie zuletzt besucht hatte, und sie verfaßte dieses Gedicht. An eben diesem Tag kehrte er zurück und benahm sich, als sei nichts vorgefallen.
Die Wasserschale wird als Symbol häuslicher Eintracht verwendet, denn das Herrichten des Haars, indem man es mit Reiswasser durchkämmte, war eine äußerst intime Verrichtung, zu der man nur eine persönliche Dienerin und die engsten Familienangehörigen zuließ. Hier muß die Dichterin die Launen ihres Mannes über sich ergehen lassen: Wenn sie sich darüber beschwert, daß er sie vernachlässigt, bestraft er sie durch noch größere Vernachlässigung.
Das vorliegende Gedicht zeichnet sich durch Bündigkeit, bedeutungsreiche Schlüsselwörter und effektverstärkende Konnotationen aus. Mit dem ersten Wort, tae, bezeichnet man zum Beispiel sowohl den Tod von Lebewesen als auch das Ende einer Beziehung, während die letzte Zeile, mikusa inikeri, »die Wassergräser sind wuchernd gewachsen«, ein aus Nachlässigkeit entstandenes wucherndes Wachstum impliziert.
Das Traurigkeit evozierende Bild wild wuchernder Wasserpflanzen kann zurückverfolgt werden bis zu dem folgenden Gedicht von Yamabe no Akahito (8. Jh.), der, angeregt durch den verfallenen Garten eines einst berühmten Aristokraten, schrieb:
inishie no
furuki tokoro wa
toshi fukami
ike no nagisa ni
mikusa oinikeri
Der tiefe Abgrund
der Jahre! Des Altertums
Schwere drückt den Ort,
und ganz überwuchert ist
das Uferrund des Teiches.
Hier die Kalligrafie von Michitsuna no hahas Gedicht.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode. 9. bis 13. Jahrhundert. Ein Album mit Illustrationen von Chōbunsai Eishi. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Aus dem Japanischen und Amerikanischen von Peter Pörtner. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1991, Block 6L.
Ich habe noch zwei jeweils abweichende Textfassungen aus englischen Quellen:
taenuru ka
kage dani araba
tofu beki wo
katami no midzu ha
mikusawi ni keri
Is this the end?
I would ask your reflection
if it were there, but
on the water left behind as a
memento, a film has formed.
Aus: The Kagero Diary. A Woman’s Autobiographical Text from Tenth-Century Japan. Translated with an Introduction and Notes by Sonja Arntzen. Center for Japanese Studies The University of Michigan Ann Arbor, 1997, S. 135
1239
Composed when the Lay Monk and Regent had not come to visit for some time
as she saw that the bowl he used when dressing his hair still had water in it
taenuru ka
kage dani mieba
tofu beki wo
katami no midzu ha
mikusa winikeri
is it over now
were there but a reflection
in these waters you
left I might inquire but they
are now overgrown with weeds
Mother of Michitsuna, Major Captain of the Right Gate Guards
The Lay Monk and Regent was Fujiwara no Kaneie, father of Michitsuna.
Aus: Shinkokinshū. New Collection of Poems Ancient and Modern. Translated and introduced by Laurel Rasplica Rodd. LEIDEN | BOSTON: Brill, 2015
Heute vor 100 Jahren starb Franz Kafka. Ich habe zum Anlass eins der wenigen Gedichte des Autors ausgesucht. Er legte es einem Brief an Hedwig W. vom 29. August 1907 bei. Er schreibt:
Übrigens habe ich keine Geselligkeit, keine Zerstreuung; die Abende über bin ich im kleinen Balkon über dem Fluß, ich lese nicht einmal die Arbeiterzeitung und ich bin kein guter Mensch. Vor Jahren habe ich einmal dieses Gedicht geschrieben.
In der abendlichen Sonne
sitzen wir gebeugten Rückens
auf den Bänken in dem Grünen.
Unsere Arme hängen nieder,
unsere Augen blinzeln traurig.
Und die Menschen gehn in Kleidern
schwankend auf dem Kies spazieren
unter diesem großen Himmel,
der von Hügeln in der Ferne
sich zu fernen Hügeln breitet.
Und so habe ich nicht einmal jenes Interesse an den Menschen, welches Du verlangst.
Du siehst, ich bin ein lächerlicher Mensch; wenn Du mich ein wenig lieb hast, so ist es Erbarmen, mein Anteil ist die Furcht. Wie wenig nützt die Begegnung im Brief, es ist wie ein Plätschern am Ufer, zweier durch eine See Getrennter. Über die vielen Abhänge aller Buchstaben ist die Feder geglitten und es ist zu Ende, es ist kühl und ich muß in mein leeres Bett.
Dein Franz
Aus: Franz Kafka: Die Briefe. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2005, S. 36
Fujiwara no Michitsuna no Haha (jap. 藤原道綱母; * 936?, † 2. Juni 995), japanische Dichterin und Tagebuchautorin. Ihr eigentlicher Name ist unbekannt, man benennt sie nach ihrem Sohn Fujiwara no Michitsuna (haha bedeutet „Mutter“). Sie ist bedeutend wegen ihres Tagebuchs Kagerō nikki, aber auch als Dichterin berühmt. 36 ihrer Gedichte wurden in kaiserlichen Anthologien gesammelt. https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Fujiwara_no_Michitsuna_no_Haha
Mit ihrem Tagebuch war sie „die erste, die aus ihren inneren Kämpfen und Leiden als Frau Literatur machte. Teilweise wird sie deswegen auch als Begründerin des japanischen Romangenres des Ich-Romans (shishōsetsu) angesehen. Eine deutsche Übersetzung von Satoshi Tsukakoshi erschien unter dem Titel Kagerô Nikki: Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980 bei Niehans, 1955.“ (Wikipedia)
Sowohl im Tagebuch als im heutigen Gedicht berichtet sie von Spannungen in ihrer Ehe.
taenuru ka
kage dane mieba
toubeki ni
katami no mizu wa
mikusa inikeri
Ist alles vorbei?
Das würd ich dich fragen,
auch nur dein Abbild,
doch ganz überwuchert ist
das Wasser der Erinnrung.
Der Anfang des Gedichts, tae, bezeichnet sowohl den Tod von Lebewesen als auch das Ende einer Beziehung, lese ich bei Pekarik. Und die letzte Zeile, mikusa inikeri, wörtlich: „die Wassergräser sind wuchernd gewachsen“, impliziert wucherndes Wachstum durch Nachlässigkeit.
Zur Poetik japanischer Lyrik gehört unbedingt das Reden in Zitaten und Anspielungen. Die letzte Zeile, „mikusa inikeri“, evoziert ein Gedicht des Dichters Yamabe no Akahito (8. Jahrhundert), dessen letzte Zeile lautet: „mikusa oinikeri“. Wie man sieht, kommen die „überwuchernden Pflanzen“ im Original in der letzten Zeile vor, in der Übersetzung in der vorletzten. Akahitos Gedicht beschreibt den Eindruck eines vernachlässigten Gartens, es lautet:
Der tiefe Abgrund
der Jahre! Des Altertums
Schwere drückt den Ort,
und ganz überwuchert ist
das Uferrund des Teiches.
So reden die Gedichte miteinander über die Jahrhunderte.
Beide Gedichte aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode. 9. bis 13. Jahrhundert. Ein Album mit Illustrationen von Chōbunsai Eishi. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Aus dem Japanischen und Amerikanischen von Peter Pörtner. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1991, Block 6L.
Hier eine englische Version des Gedichts (hier mit Überschrift).
Is our love over?
If only I could ask of your phantom
reflected on the surface
of the pond we made
as a symbol of our love
but the surface is covered with duckweed.
Aus: Burning Heart. Women Poets of Japan.Translated and edited by Kenneth Rexroth and Ikuko Atsumi. (A New Directions Book) 1977. New Directions paperback 527.
Robert Walser
(* 15. April 1878 in Biel, Kanton Bern; † 25. Dezember 1956 nahe Herisau, Kanton Appenzell Ausserrhoden)
Träume
Verworrene Träume schnellten
Durch meinen Schlaf, vergällten
Mir also diesen Schlaf.
Nun können die Gestalten
Der Nacht sich nicht mehr halten,
Da sie der Morgen traf.
Wie trüb auch dieser Morgen,
Es drängen schon die Sorgen
Des Tags sie aus dem Tag,
Der mir vor allen Dingen
Beruhigung wird bringen,
Was er auch bringen mag.
Aus: 50 Gedichte um 1900. Naturalismus – Fin de Siècle – Frühexpressionismus. Hrsg. Gabriele Sander. Stuttgart: Reclam, 2023, S. 41. Erstdruck in: Die Insel, 1/1899/99.
Brigitte Struzyk
(* 2. April 1946 in Steinbach-Hallenberg, Thüringen)
Wehe Wehe
Angeweht, aber aufrecht,
Notfalltasche in der Hand,
Fährt das Kommende
Mit der Käsebahn
Zur Anfangsstation.
„Sie kommen alleine?"
Maunzt die Pförtnerstimme
„Und warum? Ach so!"
Sagt er, den Bauch im Blick.
„Immer der Nase nach, geradeaus."
Auf dem Kreißsaaltisch
Zwischen vielen Frauen
Die üblichen Sprüche.
„Rein gings leichter" und
„Du hattest dir ja ...
Wenigstens die Fingernägel"
Als das Kind kommt aus dem Schoß
Eines Kindes nebenan.
Stolzer Ritter Märchenbuch
Auf dem Nachttisch.
Dann das Warten des Arztes
Wehenkurven hin und her
Auf und ab, kreuz und quer.
„Haben Sie eine elektrische Eisenbahn
Zu Hause?"
Aufgeblickt, stumm ja genickt,
Kommt das Kind.
Will es haben, will es haben
Bis die Schwester es mir bringt
Mit dem Fluch:
Nun behalt es.
Segen, Segen.
Aus: Brigitte Struzyk, Gegengewichtshebewerk. Gedichte, hrsg. von Christian Filips. Berlin und Schupfart: roughbooks / Engeler, Mai 2024 ISBN 978-3-907369-29-6,
Rolf Bossert
(* 16. Dezember 1952 in Reșița (Banater Bergland), Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main)
Das letzte Geheimnis
Großvater Frosch muß auch einmal sterben:
Erwartungsvoll harren die fünfzig Erben.
Zitternd ergreift eine Schachtel der Greis,
Er gibt nun sein letztes Geheimnis preis:
»In dieser Schatulle aus Ebenholz
Ruht unsre Geschichte, der Sippe Stolz:
Es ist einer Königin Strumpfband,
Das Ururahn Quak hier im Sumpf fand!«
Aus: Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte 1972-1985. Hrsg. Gerhardt Csejka. Frankfurt/Main: Schöffling, 2006, S. 280
Arben Idrizi
Krieg III
Sie schienen gute Nachbarn
von Serben zu sein, trotz allem.
Sie schienen gute Nachbarn
von Albanern zu sein, trotz allem.
Aber, als sich die Zeiten
verschlechterten,
oder als sie
verschlechtert wurden,
also als das serbische Regime
die Albaner offen terrorisierte,
schlossen sich einige Serben
dem Regime an,
einige waren gleichgültig,
einige wagten nicht, dagegen zu sein.
Und dann, wie's so kommt,
verkehrte sich die Lage:
die Serben verloren den Krieg,
einige Albaner
terrorisierten sie,
einige waren gleichgültig,
einige wagten nicht, dagegen zu sein.
Was noch hinzukommt:
Die Albaner
fühlen sich im Recht,
die Serben
fühlen sich im Recht.
Die Serben veröffentlichen
die Verbrechen der Albaner
und leugnen ihre eigenen
an den Albanern;
die Albaner veröffentlichen
die Verbrechen der Serben
und leugnen ihre eigenen
an den Serben.
Albaner begeistern sich
für den Hass gegen Serben,
Serben begeistern sich
für den Hass gegen Albaner.
Und dann, wie's so kommt,
gibt es im schlechtesten
Königreich der Tiere:
keinen Platz
für den Frieden und das Zusammenleben.
Aus dem Albanischen von Zuzana Finger, aus: Abwärts! Nr. 51 | April 2024, S. 19
Stefan Döring
ÜBER SCHREIBEN UND LESEN
der schreiber muss ein leser sein
sonst kann der schreiber kein schreiber sein
der leser muss ein schreiber sein
sonst kann der leser kein leser sein
der schreiber der kein leser ist
wird sich den leser nicht erschreiben können
der leser der kein schreiber ist
wird sich den schreiber nicht erlesen können
vielleicht aber muss künftig
der schreiber sich trennen vom lesen
um dem leser zu entkommen
und vielleicht muss künftig
der leser sich trennen vom schreiben
um dem schreiber zu entkommen
dass also dann der schreiber
zum schreiber des unlesbaren wird
und dass also dann der leser
zum leser des unschreibbaren wird
nur noch so vielleicht
kann der schreiber schreiber bleiben
und nur so vielleicht
kann der leser leser bleiben
Aus: Stefan Döring, Wenn Welt. Berlin und Schupfart: roughbooks, Engeler Verlage, 2024, S. 23f
Richard Schaukal
(* 27. Mai 1874, heute vor 150 Jahren, in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien)
Abend
Weiße Schwäne senken ihre schmalen,
Schlanken Hälse in den schilfdurchragten,
Stillen, grünen Weiher, plätschern leise,
Ziehen weiter ihre stillen Kreise...
An dem Arm des müden, hochbetagten
Schloßherrn, der den schlafgemiednen Qualen
Seiner kalten Nacht entgegenbangt,
Steht in leichten, weißen Spitzen
Die Gemahlin. Spielend langt
Sie nach den gewundnen Rebenranken...
Ihre flügelstarken Flucht-Gedanken
Zittern vor den roten Lebensblitzen.
Aus: Lyrik des Jugendstils. Hrsg. Jost Hermand. Stuttgart: Reclam, 1990, S. 41f
Peter Rühmkorfs Fassung der Altersklage des Minnesängers Walther von der Vogelweide. Darunter das – längere – Original, Rühmkorf hat nur die erste Strophe übersetzt.
Walther von der Vogelweide
(* um 1170, Geburtsort unbekannt; † um 1230, möglicherweise in Würzburg)
Wohin sind sie geflogen
Wohin sind sie geflogen alle meine Jahr?
War mein Leben gelogen oder ist es wahr?
Was ich einst wähnte, es wäre – gab es das überhaupt?
Oder hab ich geschlafen und einem Traum geglaubt?
Nun bin ich aufgewacht und ist mir unbekannt:
Was mir so vertraut war wie meine Hand.
Land und Leute, wo ich meine Kindheit verbracht,
sehen mich an, als hätt ich sie mir nur ausgedacht.
Die sich meine Freunde nannten, sind blöde, sind alt.
Plattgewalzte Felder – gerodeter Wald...
Wenn da nicht noch Wasser strömte wo es immer floß,
wahrlich, mein Unglück schiene übergangslos.
Wieder ging einer vorüber, der wußte mal, wer ich war.
Die Welt ist allenthalben unberechenbar.
Manche schönen Tage gehen mir noch durch den Sinn
Wie ein Schlag ins Wasser sind sie dahin.
Immerdar oweh!
Aus: Peter Rühmkorf: Mein Lesebuch. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 292.
Walther von der Vogelweide
Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!
ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr?
daz ich je wânde ez wære, was daz allez iht?
dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.
nû bin ich erwachet, und ist mir unbekant
daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.
liut unde lant, dârinne ich von kinde bin erzogen,
die sint mir worden frömde reht als ez sî gelogen.
die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt.
vereitet is daz velt, verhouwen ist der walt:
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent flôz,
für wâr mîn ungelücke wande ich wurde grôz.
mich grüezet maneger trâge, der mich bekande ê wol.
diu welt ist allenthalben ungenâden vol.
als ich gedenke an manegen wünneclîchen tac,
die mir sint enpfallen als in daz mer ein slac,
iemer mêre ouwê.
Owê wie jæmerlîche junge liute tuont,
den ê vil hovelîchen ir gemüete stuont!
die kunnen niuwan sorgen: wê wie tuont si sô?
swar ich zer werlte kêre, dâ ist nieman vrô:
der jugende tanzen, singen zergât mit sorgen gar:
nie kein kristenman gesach sô jæmerliche schar.
nû merkent wie den vrouwen ir gebende stât:
die stolzen ritter tragent an dörpellîche wât.
uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen,
uns ist erloubet trûren und vreude gar benomen.
daz müet mich inneclîchen (wir lebeten ie vil wol)
daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol.
die vogele in der wilde betrüebet unser klage:
waz wunders ist ob ich dâ von an vreuden gar verzage?
ôwê waz spriche ich tumber man durch mînen bœsen zorn?
swer dirre wünne volget, hât jene dort verlorn,
iemer mêre ouwê.
Owê wie uns mit süezen dingen ist vergeben!
ich sihe die bittern gallen in dem honege sweben:
diu werlt ist ûzen schœne, wîz grüene unde rôt,
und innân swarzer varwe, vinster sam der tôt.
swen si nû habe verleitet, der schouwe sînen trôst:
er wirt mit swacher buoze grôzer sünde erlôst.
dar an gedenkent, ritter: ez ist iuwer dinc,
ir traget die liehten helme und manegen herten rinc,
dar zuo die vesten schilte und diu gewîhten swert.
wolte got, wan wære ich der segenunge wert!
sô wolde ich nôtic armman verdienen rîchen solt.
joch meine ich niht die huoben noch der hêrren golt:
ich wolte sælden krône êweclîchen tragen:
die mohte ein soldenære mit sîme sper bejagen.
möht ich die lieben reise gevarn über sê,
sô wolte ich denne singen "wol" und niemêr mêre "ouwê",
niemer mêre ouwê.
Manfred Peter Hein
(* 25. Mai 1931 in Darkehmen / Ostpreußen, lebt in Finnland)
Die Vertriebenen
Wo ist das Land und wo sind die Zeugen –
Mein Vater starb am achten Mai am Tag
der Kapitulation. Und kam ums Leben
amtlich zur Ruhe
zwanzig Jahre später unter zwei trockenen Fichten
schräggesunken in Dantes Wald der Welt.
Sein letztes
mündlich überliefert
letztes Wort:
Es ist gut einen fahrbaren
Untersatz
zwei Achsen und vier Räder
zu besitzen.
Aus: Manfred Peter Hein, Gegenzeichnung. Gedichte 1962-1982. Berlin: Agora (o.J.), S. 44
Neueste Kommentare