Eigentlich

Siegmar Faust 

(* 12. Dezember 1944 in Dohna, Landkreis Pirna, Sachsen)

Eigentlichkeit

Eigentlich dürfte es mich gar nicht geben
Eigentlich habe ich meine Existenz Hitlers Krieg zu verdanken
Eigentlich ist mein Vater gar nicht mein Vater
Eigentlich zeugte mich ein Zypriot in englischer Uniform
Eigentlich hätte meine Mutter ins KZ gesperrt gehört
Eigentlich hat meine Mutter Glück gehabt
Eigentlich hätte mein Vater keine Frau mit einem Kind heiraten müssen
Eigentlich hätte ich nie gemerkt, dass mein Vater nicht mein Vater war
Eigentlich hatte er es nicht verdient, jämmerlich an Asbestose zu sterben
Eigentlich wollte ich auch einmal den Kommunismus aufbauen helfen
Eigentlich hätte ich es nie gewagt, den großen Karl Murks zu kritisieren
Eigentlich wollte ich gar nichts mit Politik zu tun haben
Eigentlich hätte ich im Zuchthaus gar keinen Widerstand leisten müssen
Eigentlich bin ich wie ein Stück Vieh verkauft worden
Eigentlich sollte man dankbar sein für diesen Häftlingsfreikauf
Eigentlich vergeudete ich eine Hälfte im Osten, die andere im Westen
Eigentlich habe ich Sehnsucht nach dem Süden
Eigentlich weiß ich gar nicht, wohin ich gehöre
Eigentlich wollte ich kein brotloser Künstler werden
Eigentlich wollte ich viele Kinder haben
Eigentlich war ich überfordert mit sechs Kindern
Eigentlich wollte ich meiner ersten Frau treu bleiben
Eigentlich meiner zweiten, dritten und vierten ebenfalls
Eigentlich kommt es immer anders als man denkt
Eigentlich kann jeder machen was er will
Eigentlich will ich nur wissen, was das Gelbe im Ei bedeuten soll
Eigentlich wollte ich Magister der Philosophie werden
Eigentlich habe ich alles schon einmal fahrlässig durchdacht
Eigentlich ist es unerheblich zu wissen, wo Gott wohnt
Eigentlich habe ich schon gelebt
Eigentlich wird es Zeit: abzutreten.

Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen. Herausgegeben von Andreas Altmann und Axel Helbig. Mit einem Nachwort von Peter Geist. Leipzig: poetenladen, 2011, S. 65

Ins Wort

Wulf Kirsten 

(* 21. Juni 1934, heute vor 90 Jahren, in Klipphausen, Amtshauptmannschaft Meißen; † 14. Dezember 2022 in Bad Berka)

satzanfang

den winterschlaf abtun und
die wunschsätze verwandeln!
saataufgang heißt mein satzanfang.
die entwürfe in grün überflügeln
meiner wortfelder langsamen wuchs.

im überschwang sich erkühnen
zu trigonometrischer interpunktion!
ans licht bringen
die biografien aller sagbaren dinge
eines erdstrichs zwischenein.

inständig benennen: die leute vom dorf,
ihre ausdauer, ihre werktagsgeduld.
aus wortfiguren standbilder setzen
einer dynastie von feldbestellern
ohne resonanznamen.

den redefluß hinab im widerschein
die hafergelben flanken
meines gelobten lands.
seine rauhe, rissige erde
nehm ich ins wort.

Aus: Wulf Kirsten: satzanfang. gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1970, S. 5

NAHBELLPREISE 2024: 25. HAUPTPREIS LYRIK (ULRICH JÖSTING) & 2. NEBENPREIS ESSAY (ANDREAS MÜLLER)

RISIKOLYRIK: DER 25. NAHBELLPREIS 2024 GEHT AN DEN OSNABRÜCKER TEXTFLECHTER ULRICH JÖSTING (*1962)

G&GN-INSTITUT@POESIEPREIS.DE / Seine Gedichte sind beinahe „unlesbar“, zumindest nur schwer, aber nicht aufgrund zu hermetischer Metaphern, sondern genau umgekehrt wegen ihrer metapherlosen, aber unkausalen Konkretheit. Die Diskussion um „Lesbarkeit“ und „Schwierigkeitsgrad“ in der zeitgenössischen Lyrikszene, also die Frage, wie LESBAR oder wie SCHWIERIG ein „gutes“ Gedicht sein müsste, diese Diskussion findet in seinem Stil ein erstaunliches Ende: seine Gedichte sind lesbar UND schwierig zugleich, sie nehmen einen mit in einen unbekannten Raum, zeigen dem Leser die Wände und Ausmaße des Raums, aber dieser poetische Raum bleibt trotzdem dunkel, er knipst das Licht nicht einfach an, um billige Tapeten vorzuführen. Es sind Gedichte, die man niemandem ins Poesiealbum kritzeln wollte, weil sie eben so dunkel wirken, fast böse, gemein, gefährlich! GEFÄHRLICHE GEDICHTE! Sie verströmen ein Risiko, sie sind Risikolyrik par excellence! Die Stärke der Werke liegt jenseits jeglicher Erklärbarkeit ihrer Bedeutung, sie haben selber die Bedeutungshoheit als das, was sie sind: Gedichte – wie Blumen, die man auch nicht durch Abzählen der Blütenblätter rational erklären kann. / G&GN-ORIGINALQUELLE: https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2024/

AUSZUG AUS DEM GROSSEN NAHBELLPREIS-INTERVIEW:
„DIE RICHTIGE FREQUENZ AM ENDE DER ENERGIESPUR“

2. Nahbellfrage (gekürzt):
Worin besteht der Unterschied zwischen Prosa und Lyrik?

3. Nahbellfrage (gekürzt):
Welche Inspirationsquellen hattest Du, welche Hintergründe nahmen Einfluss?

4. Nahbellfrage (gekürzt):
Wann hast Du zum allerersten Mal überhaupt gedichtet?

8. Nahbellfrage (gekürzt):
Wie lässt sich der Aufwand für die Kreativität mit Deinem Lebensalltag vereinbaren?

DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/25-nahbellpreis-ulrich-joesting/

DIE NAHBELL-KATEGORIEN „FÖRDERPREIS“ & „KONZEPTPREIS“ KONNTEN DIESES JAHR LEIDER NICHT BESETZT WERDEN. DAS G&GN-INSTITUT FREUT SICH AUF NEUE BEWERBUNGEN FÜR 2025. DER 2. NAHBELL-NEBENPREIS GEHT 2024 AN ANDREAS MÜLLER (*1979) FÜR SEINEN ESSAY „DAS ICH, DAS ES NICHT GIBT – ODER: BEFREIUNG VON DER ILLUSION, >JEMAND< ZU SEIN“ – EIN AUSZUG DARAUS:

IM INTERVIEW „SOSEIN STATT SACKGASSEN DER SEHNSUCHT“ FRAGT DAS G&GN-INSTITUT ANDREAS MÜLLER:

DER ANTIGURU ANTWORTET:

DER ESSAY UND DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/02-timeless-wonder

ERGÄNZEND DAS INTERVIEW MIT DEM PREISSTIFTER DE TOYS ALS GASTAUTOR DER LDL: „TRANSPERSONALES TRAUERTAXI“ @ https://urruhe.jimdofree.com/interviews/1-gastautoren-interview/

gnädiger Herr, ein Komma …

Hanns Cibulka 

(* 20. September 1920 in Jägerndorf, Tschechoslowakei, heute: Krnov, Tschechien; † 20. Juni 2004 in Gotha)

DER SPÄTE HÖLDERLIN

Lauter fremde Namen
hast du deinem Vaterland gegeben,
Patmos, Smyrna,
bei Ephesos
bist du gegangen.

War sie dir fremd,
die tägliche Arbeit
an den Dingen der Erde?
„O Melodien über mir,
ihr unendlichen,
zu euch,
zu euch."

Mittags,
die Rosenstöcke von Bordeaux
ausgebrannt vom Blitz,
Bruchstücke,
Fragmente.

Sehen Sie,
gnädiger Herr,
ein Komma ...

Aus: Hanns Cibulka, Lebensbaum. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1977, S. 66

König der Instrumente

Ilija Trojanow

(Geboren 1965 in Sofia, aufgewachsen in Nairobi, lebt in Wien)

Die Sonnenuhr des Sawai Jai Singh II.
Jantar Mantar, Jaipur

Bei seiner Geburt
skizzierten die Astrologen des Hofes

eine Zukunft dem Zukünftigen.
Einfache Mittel sind genau.

Jai Singh, mit elf schon König,
wurde Astronom.
Mathematiker.
Er las Ptolemäus
er las Euklid
er las Isaac Newton
und Muhammed Ulug Beg.

Er beschloß, die Sonne zu messen
genauer als je zuvor.

Zwanzig Sekunden schritten die ersten Schatten aus,
das war Jai Singh nicht genau genug.
Er baute eine Stiege zu den Sternen,
die erst endete,
als seinem Reich der Marmor ausging.

Tagsüber schmolz die Sonne im Sekundentakt dahin,
nachts, im Schneidersitz, auf der letzten Stufe,
richtete er sein wachendes Auge auf
auf die vielen zurückfallenden Lichter.

Diese Uhr geht nach, um elf Minuten,
sagt die Frau unter ihrer breiten Krempe
und streckt Jai Singh
ihren blassen Arm hin.
Madame, die Sonne irrt nie.
Diese Zeit stimmt für den Fleck,
auf dem wir beide stehen.
Die Uhr, die sie tragen,
hierhin und dort,
stimmt überall,
doch nicht hier.

Aus dem Englischen von Susann Urban, aus: Ilija Trojanow, verwurzelt in Stein. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2017

Modell des Vrihat Samrat Yantra („Großer König der Instrumente“), der größten Sonnenuhr der Welt, erbaut von Jaj Singh zwischen 1728 und 1738, mit der man die Ortszeit auf 2 Sekunden genau berechnen kann. Das Beobachtungsdeck erstreckt sich bis 27 Meter Höhe. Von dort pflegte man den Beginn von Verfinsterungen und auch das Herannahen von Monsunstürmen zu beobachten. Die Dame in dem Gedicht, offenbar eine Touristin, kennt den Unterschied zwischen Ortszeit und Standardzeit nicht.

in meinem weißen zimmer war ich allein

Oskar Kokoschka

(* 1. März 1886 in Pöchlarn, Niederösterreich; † 22. Februar 1980 in Montreux, Schweiz)

Aus: Die träumenden Knaben

(...)
in meinem weißen zimmer war ich allein
doch vielleicht trug ich dich jetzt herein und es bleibt
und spricht wie aus schweren blumen etwas zu mir
mein zimmer wurde wie ein anderes land
in die weißen wälder tret ich ein
eines rentieres huf klingt und wirft in allen weißen wäldern
wiederleuchtende schneesterne auf
wie spitzengärten ist es um dich
rentierreiterin
und das rentier ist ein berg
deine kleider sind eine schneefläche
wo blumen werden
die berührung deiner dünnen finger
und die schneewälder stehen um dich wie staunende knaben
der schnee rinnt zusammen zu einem see
und auf einem roten fischlein warst du gesessen
ich hatte von dir nur gesehen deinen nackten hals in den haaren

ein stäblein wächst ins wasser hinunter
wo ist das ende alles wesens

aus deiner runden brust geht dein atem über den blauen see
wie leise ist das wirken alles wesens
ich greife in den see und tauche in deinen haaren

wie ein versonnener bin ich in der liebe alles wesens

und wieder fiel ich nieder und träumte

zu viel hitze überkam mich in der nacht
da in den wäldern die paarende schlange ihre haut streicht
unter dem heißen stein und der wasserhirsch reibt sein gehörn
an den zimmtstauden
als ich den moschus des tieres roch in allen niedrigen sträuchern

es ist fremd um mich
jemand sollte antworten
alles läuft nach seinen eigenen fährten
und die singenden mücken überzittern die schreie

wer denkt grinsende göttergesichter und fragt
den singsang der zauberer und altmänner
wenn sie die bootfahrer begleiten
welche frauen holen

und ich war ein kriechend ding
als ich die tiere suchte und mich zu ihnen hielt
kleiner
was wolltest du hinter den alten
als du die gottzauberer aufsuchtest

und ich war ein taumelnder
als ich mein fleisch erkannte

und ein allesliebender
als ich mit einem mädchen sprach

Aus: Oskar Kokoschka: Die träumenden Knaben und andere Dichtungen. Salzburg: Galerie Welz, 1959, S. 24/26

Oskar Kokoschka schrieb seine erste Dichtung, „Die träumenden Knaben“, 1907. Sie erschien 1908 im Verlag der Wiener Werkstätte und noch einmal 1917 bei Kurt Wolff. Die dem Text beigegebenen Lithographien sind noch ganz vom Jugendstil geprägt (Bilder findet man im Netz, wenn man nach dem Titel sucht. Hier zum Beispiel.). Der 22jährige Kokoschka widmete das bibliophile Buch mit acht Farblithographien Gustav Klimt. „Der Dichter war dem Zeichner Kokoschka in diesem Augenblick, entwicklungsgeschichtlich gesehen, voraus“, schreibt der Herausgeber von 1959.

Gar nichts

Ulrike Draesner

lahmendes ghasel

gar nichts
sagte jemand sei besser als nichts
wenn es weh tat weil eine reise nichts
bedeutet wenn sie einem nichts
ausmacht weil ich nichts
sah bis ich begriff dass ich nichts
(heimweh?) begriff nicht so
dass schleier mir nichts
mehr verbargen denn wer nichts
weiß sucht nichts
zu umarmen nicht
einmal als im spiegelnden „sichtn"
einer boîte de rêves die wie von nichts
silbergetrieben sich öffnete mir nichts
dir nichts
märchen lagen die sagten dass ich nichts
verstand und nun nichts
sage als im besten falle gar nichts

Aus: Ulrike Draesner, berührte orte. München: Luchterhand, 2008, S. 15

Die Seele

Fridolin Ganter

Die Seele sandt ich aus

Die Seele sandt ich aus, im Unsichtbaren
Ein Wort vom andern Leben zu entziffern;
Sie kehrte um und sprach: „Ich hab erfahren,
Dass in dir selbst sich Höll und Himmel paaren,
Wie sich die Hur im Hafen paart mit Schiffern."

Aus: GAF. Der GAlaktische Futurist Nr. 54, 7.6.2024, S. 9

Altes Lied

Ein Lied aus der Französischen Revolution, das 150 Jahre später in der DDR hochbrisant war und zwei junge Lyriker, Volker Braun und Wolf Biermann, zu eigenen, aktualisierten Versionen anregte. (Aber der Stoff war allzeit aktuell, vergleiche auch Shakespeares 66. Sonett!)

Pierre-Jean de Béranger 

(* 19. August 1780 in Paris; † 16. Juli 1857 ebenda)

SO WIRD ES SEIN 
Weise: 0 filii et filiac

Ihr fragt, wie’s mit uns weitergeht?
Ich weiß, was kommt, ich bin Prophet.
Mein Blick dringt in die Zukunft ein,
So wird es sein.

Kein Dichterling kriecht mehr im Dreck,
Der Mächtige jagt den Schmeichler weg,
Kein Höfling lügt mehr hundsgemein.
So wird es sein.

Kein Spieler wird, kein Spekulant,
Kein Wuchrer „edler Herr“ genannt,
Kein Bürokrat wagt mehr zu schrei’n.
So wird es sein.

Die Freundschaft stärkt den Lebensmut,
Ist mehr als frostiger Disput,
Läßt uns im Unglück nicht allein.
So wird es sein.

Nett sind die Mädchen und gescheit,
Gehn mit den Liebsten nicht zu weit,
Bis sie mit achtzehn Jahren frei’n.
So wird es sein.

Die Frau’n sind nicht auf Putz erpicht
Und hörnen ihre Männer nicht,
Läßt man sie mal zu Haus allein.
So wird es sein.

Kein Zensor preist als wahre Kunst
Statt Schöpfergeist nur Phrasendunst,
Nur Kauderwelsch und Flunkerein.
So wird es sein.

Wer Dramen schreibt, tut’s frei und kühn,
Den Hut die Mimen vor ihm ziehn,
Kein Rezensent mischt frech sich drein.
So wird es sein.

Wer lächelnd Größen kritisiert
Und ihren Klüngel parodiert,
Den sperrt der Büttel nicht gleich ein.
So wird es sein.

Geschmack fegt fort, was fade heut,
Statt Willkür herrscht Gerechtigkeit,
Wahrheit kehrt wieder bei uns ein.
So wird es sein.

Lobt Gott, der gnädig hält bereit,
All das, was ich hier prophezeit.
Im Jahr dreitausend – prägt’s euch ein
Wird es so sein!

Deutsch von Martin Remane, aus: Lieb war der König, oh-la-la! Satirische und patriotische Chansons von Pierre-Jean de Béranger. Berlin (Ost): Rütten & Loening, 1959, S. 50-53

AINSI SOIT-IL

1812

Air : Alleluia (Air noté ♫)

Je suis devin, mes chers amis ;
L’avenir qui nous est promis
Se découvre à mon art subtil.
Ainsi soit-il !

Plus de poëte adulateur ;
Le puissant craindra le flatteur ;
Nul courtisan ne sera vil.
Ainsi soit-il !

Plus d’usuriers, plus de joueurs,
De petits banquiers grands seigneurs,
Et pas un commis incivil.
Ainsi soit-il !

L’amitié, charme de nos jours,
Ne sera plus un froid discours
Dont l’infortune rompt le fil.
Ainsi soit-il !

La fille, novice à quinze ans,
À dix-huit avec ses amants
N’exercera que son babil.
Ainsi soit-il !

Femme fuira les vains atours,
Et son mari pendant huit jours
Pourra s’absenter sans péril.
Ainsi soit-il !

L’on montrera dans chaque écrit
Plus de génie et moins d’esprit,
Laissant tout jargon puéril.
Ainsi soit-il !

L’auteur aura plus de fierté,
L’acteur moins de fatuité ;
Le critique sera civil.
Ainsi soit-il !

On rira des erreurs des grands,
On chansonnera leurs agents,
Sans voir arriver l’alguazil.
Ainsi soit-il !

En France enfin renaît le goût ;
La justice règne partout,
Et la vérité sort d’exil.
Ainsi soit-il !

Or, mes amis, bénissons Dieu,
Qui met chaque chose en son lieu :
Celles-ci sont pour l’an trois mil.
Ainsi soit-il !

https://fr.wikisource.org/wiki/Œuvres_complètes_de_Béranger/Ainsi_soit-il

Lobet die Nacht

Bertolt Brecht (* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Berlin)


Großer Dankchoral

1
Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.

2
Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet, wie ihr
lebet das Gras und das Tier
und es muß auch mit euch sterben.

3
Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
lobet den Baum, der es fraß
aber auch lobet den Himmel.

4
Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und daß er nicht
weiß euren Nam' noch Gesicht
niemand weiß, daß ihr noch da seid.

5
Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommet nicht auf euch an
und ihr könnt unbesorgt sterben.

Aus: Antianthologie. Gedichte in deutscher Sprache nach der Zahl ihrer Wörter geordnet von Franz Mon und Helmut Heißenbüttel. München: Hanser, 1973, S. 33

Hier wird es reißen

Maren Kames

Die Suche nach einem Zusammenhang im Land gestaltet sich schwierig, die Infrastrukturen scheinen nahezu aufgelöst. Es gibt hier keine Wegweiser.

Aus: Maren Kames: Halb Taube halb Pfau. Berlin: Suhrkamp, 2024 (unpag.)

Ritual einer Abnabelung

Raja Lubinetzki

(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)

HINTER DEN WORTEN zu wohnen, 
das sind Reservate für geteilte Stirnen.

Noch immer gehen wir in den Haussocken
der Mütter und Väter spazieren.

Vor und während des Krieges
warn sie unsere verlorene Identität.

Bleibt jeder Grenzüberschritt,
ist dieses nachvollzogene Ritual
einer Abnabelung.

Das nehmen die Mütter übel
und wollen das Kind
wie eine Enttäuschung nicht mehr.

Und die Mütter sind dieses Land,
in dem man geboren wurde,
auf der Stirn ihr Markenzeichen.

(1988)

Aus: Raja Lubinetzki: Der barfußne Tag. Gedichte. Mit Zeichnungen der Autorin. Berlin: Distillery, 2019, S. 4

Auf der Milchstraße wieder kein Licht!

Rolf Bossert 

(* 16. Dezember 1952 in Reșița, Banater Bergland, Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main)

Lied

Wohin mich mein Weg heute führt:
Ich weiß es am Morgen noch nicht.
Am Abend dann, peinlich berührt:
Auf der Milchstraße wieder kein Licht!

Verbotsschilder sprechen für sich.
Und dennoch: Ich pfeif aufs Verbot!
Im Sternenwald füttere ich
Den Großen Bären mit Brot.

So treib ichs seit einiger Zeit.
Dem Herrgott begegne ich kaum,
Ein paarmal nur seh ich ihn weit
Verloren im krummen Raum.

Langsam kommt dann die Müdigkeit auf:
Ich habe das Trampen verlernt.
Ich schlage mein Himmelszelt auf,
Einen Steinwurf vom Weltall entfernt.

Aus: Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte 1972-1985. Hrsg. Gerhardt Csejka. Frankfurt/Main: Schöffling, 2006, S. 155

Bossert beantragte im Juli 1984 mit seiner Familie die endgültige Ausreise nach Deutschland. Bossert verlor in der Folge seinen Arbeitsplatz und erhielt Publikationsverbot. Nach einer abendlichen Dichterlesung wurde er niedergeschlagen, wobei ihm der Kiefer gebrochen wurde. Die Rumänische Miliz entschuldigte sich bei Bossert. Im August 1984 wurde Rolf Bossert vom rumänischen Geheimdienst Securitate verhört und gezwungen, ein „Verwarnungsprotokoll“ zu unterschreiben, das ihn unter den Verdacht stellte, mit seinen Texten eine staatsfeindliche Haltung zu propagieren.

Weihnachten 1985 konnte er mit seiner Frau Gudrun und seinen zwei Söhnen nach Deutschland ausreisen, jedoch durchsuchten Sicherheitsbeamte vor Bosserts Ausreise seine Wohnung und beschlagnahmten sämtliche Manuskripte und Arbeitsunterlagen. Zwei Monate nach seiner Ausreise wurde Rolf Bossert in einem Aussiedlerheim in Frankfurt am Main leblos unter seinem geöffneten Zimmerfenster aufgefunden. Die Umstände seines Todes blieben weitgehend ungeklärt. https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Bossert

Gegengewicht

GAF. Der GAlaktische Futurist heißt ein mehrsprachiges Literaturmagazin, das Ilia Kitup in Berlin herausgibt und verkauft, manchmal auch verschenkt. Am vergangenen Sonnabend hatte der Verleger einen Tisch auf der Veranstaltung „Bücher ohne Messe“ in bzw. vor der Hufelandstraße 35. Er las auch selber ein paar Gedichte, bevor er wieder zu seinem Büchertisch eilte, was sein Autor Alistair Noon kommentierte, sein Verleger türme, wenn er lese. Im letzten November erschien Nr. 50, The 12th War Issue steht auf dem Titelblatt. Das Heft enthält auf 16 Seiten Texte auf Englisch, Deutsch und Arabisch von Artur Rockzane, Salah Yousif, Jordan Lee Schnee, Sparrow, Clemens Schittko, Anatolij Gavrilov und anderen sowie einen Index der ersten 50 Hefte. Aus dem Heft ein Gedicht von Sparrow, seit Jahren Stammautor von GAF.

Sparrow

All the Poets

We need all the poets,
everywhere.

If only „good poets" wrote,
the world would end.

We need „bad poets,"
to balance them.

GAF. Der GAlaktische Futurist 50, 2023, S. 7

Alle Dichter

Wir brauchen alle Dichter,
überall.

Die Welt ginge unter,
schrieben nur "gute Dichter".

Wir brauchen "schlechte Dichter"
als Gegengewicht.

(Übersetzung von mir)

Ilia Kitup verlässt das Lesetischchen.

Propeller Publishers, Berlin. Bestellungen unter mailto:ilia.kitup@gmail.com.

Rotweinflecke mit Blut

Kai Pohl

Der Dreck

Kaffeeflecke gehn mit Rotwein raus
Rotweinflecke mit Blut
Blutflecke mit Teer –

Teerflecke
brennst du am besten mit Feuer raus
(wen stören schon die Löcher)

oder du trinkst Rotwein
viel Rotwein
und gehst wenn das Klo verstopft ist

in den Hof
pinkelst in den Müllcontainer
(der im Winter meistens brennt)

und brüllst
dass dich die Sache mächtig
anstinkt

Aus: Kai Pohl, Möwen in Rotwein auf Zen-Sand. PBN Prenzlauer Berg Collection. Falzdichtung drei. EdK Berlin 2020