Siegmar Faust
(* 12. Dezember 1944 in Dohna, Landkreis Pirna, Sachsen)
Eigentlichkeit
Eigentlich dürfte es mich gar nicht geben
Eigentlich habe ich meine Existenz Hitlers Krieg zu verdanken
Eigentlich ist mein Vater gar nicht mein Vater
Eigentlich zeugte mich ein Zypriot in englischer Uniform
Eigentlich hätte meine Mutter ins KZ gesperrt gehört
Eigentlich hat meine Mutter Glück gehabt
Eigentlich hätte mein Vater keine Frau mit einem Kind heiraten müssen
Eigentlich hätte ich nie gemerkt, dass mein Vater nicht mein Vater war
Eigentlich hatte er es nicht verdient, jämmerlich an Asbestose zu sterben
Eigentlich wollte ich auch einmal den Kommunismus aufbauen helfen
Eigentlich hätte ich es nie gewagt, den großen Karl Murks zu kritisieren
Eigentlich wollte ich gar nichts mit Politik zu tun haben
Eigentlich hätte ich im Zuchthaus gar keinen Widerstand leisten müssen
Eigentlich bin ich wie ein Stück Vieh verkauft worden
Eigentlich sollte man dankbar sein für diesen Häftlingsfreikauf
Eigentlich vergeudete ich eine Hälfte im Osten, die andere im Westen
Eigentlich habe ich Sehnsucht nach dem Süden
Eigentlich weiß ich gar nicht, wohin ich gehöre
Eigentlich wollte ich kein brotloser Künstler werden
Eigentlich wollte ich viele Kinder haben
Eigentlich war ich überfordert mit sechs Kindern
Eigentlich wollte ich meiner ersten Frau treu bleiben
Eigentlich meiner zweiten, dritten und vierten ebenfalls
Eigentlich kommt es immer anders als man denkt
Eigentlich kann jeder machen was er will
Eigentlich will ich nur wissen, was das Gelbe im Ei bedeuten soll
Eigentlich wollte ich Magister der Philosophie werden
Eigentlich habe ich alles schon einmal fahrlässig durchdacht
Eigentlich ist es unerheblich zu wissen, wo Gott wohnt
Eigentlich habe ich schon gelebt
Eigentlich wird es Zeit: abzutreten.
Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen. Herausgegeben von Andreas Altmann und Axel Helbig. Mit einem Nachwort von Peter Geist. Leipzig: poetenladen, 2011, S. 65
Wulf Kirsten
(* 21. Juni 1934, heute vor 90 Jahren, in Klipphausen, Amtshauptmannschaft Meißen; † 14. Dezember 2022 in Bad Berka)
satzanfang
den winterschlaf abtun und
die wunschsätze verwandeln!
saataufgang heißt mein satzanfang.
die entwürfe in grün überflügeln
meiner wortfelder langsamen wuchs.
im überschwang sich erkühnen
zu trigonometrischer interpunktion!
ans licht bringen
die biografien aller sagbaren dinge
eines erdstrichs zwischenein.
inständig benennen: die leute vom dorf,
ihre ausdauer, ihre werktagsgeduld.
aus wortfiguren standbilder setzen
einer dynastie von feldbestellern
ohne resonanznamen.
den redefluß hinab im widerschein
die hafergelben flanken
meines gelobten lands.
seine rauhe, rissige erde
nehm ich ins wort.
Aus: Wulf Kirsten: satzanfang. gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1970, S. 5
RISIKOLYRIK: DER 25. NAHBELLPREIS 2024 GEHT AN DEN OSNABRÜCKER TEXTFLECHTER ULRICH JÖSTING (*1962)
G&GN-INSTITUT@POESIEPREIS.DE / Seine Gedichte sind beinahe „unlesbar“, zumindest nur schwer, aber nicht aufgrund zu hermetischer Metaphern, sondern genau umgekehrt wegen ihrer metapherlosen, aber unkausalen Konkretheit. Die Diskussion um „Lesbarkeit“ und „Schwierigkeitsgrad“ in der zeitgenössischen Lyrikszene, also die Frage, wie LESBAR oder wie SCHWIERIG ein „gutes“ Gedicht sein müsste, diese Diskussion findet in seinem Stil ein erstaunliches Ende: seine Gedichte sind lesbar UND schwierig zugleich, sie nehmen einen mit in einen unbekannten Raum, zeigen dem Leser die Wände und Ausmaße des Raums, aber dieser poetische Raum bleibt trotzdem dunkel, er knipst das Licht nicht einfach an, um billige Tapeten vorzuführen. Es sind Gedichte, die man niemandem ins Poesiealbum kritzeln wollte, weil sie eben so dunkel wirken, fast böse, gemein, gefährlich! GEFÄHRLICHE GEDICHTE! Sie verströmen ein Risiko, sie sind Risikolyrik par excellence! Die Stärke der Werke liegt jenseits jeglicher Erklärbarkeit ihrer Bedeutung, sie haben selber die Bedeutungshoheit als das, was sie sind: Gedichte – wie Blumen, die man auch nicht durch Abzählen der Blütenblätter rational erklären kann. / G&GN-ORIGINALQUELLE: https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2024/
Ulrich Jösting
Vögel
drehen Herz
zur Leinwand
niemand sieht weg
geht los der heilige Krieg
alle werden sterben
Sohn Tochter
Vater Mutter
so ist das
AUSZUG AUS DEM GROSSEN NAHBELLPREIS-INTERVIEW:
„DIE RICHTIGE FREQUENZ AM ENDE DER ENERGIESPUR“
2. Nahbellfrage (gekürzt):
Worin besteht der Unterschied zwischen Prosa und Lyrik?
„In literaturwissenschaftlichen Kategorien oder marketingorientiertem Labeling mag ich nicht mehr denken und schreiben. Ich versuche, mich beim Schreiben in einem mir bestimmten Emotionsfeld zu bewegen, auf und mit dieser bestimmten Frequenz zu schwingen, der Energiespur zu folgen. Wenn das gelingt, ist ALLES was entsteht richtig und gut. Richtig gut. Für mich. Wahrscheinlich mag sich sodann beim Rezipierenden meiner Textgeflechte auch Bewegung ereignen.“ (aus der 2. Nahbellantwort)
3. Nahbellfrage (gekürzt):
Welche Inspirationsquellen hattest Du, welche Hintergründe nahmen Einfluss?
„Es entstehen ja lyrisch-poetische Texte, weil ich tatsächliche Lebenserfahrungen, Gemütszustände, Geschehnisse gar nicht konkret und real darstellen will und kann, sondern in der Verschlüsselung und Transformation, der Entstellung und Verklärung, der Ungenauigkeit und Mehrdeutigkeit eine Auseinandersetzung, Bewältigung, Befriedigung, ein Ausdrücken erlebe. Den entstandenen Text präsentiere ich dem geneigten Lesenden danach zur eigenen Reflexion. Ich habe kein Qualitätsmanagementsystem, mit dem ich meine Texte bearbeite. Kunst sehe ich als wertfreien Spielraum menschlicher Kreativität, in dem der Kunstschaffende frei von Qualitätsstandards kreieren darf, wie er mag.“ (aus der 3. Nahbellantwort)
4. Nahbellfrage (gekürzt):
Wann hast Du zum allerersten Mal überhaupt gedichtet?
„Ich habe Befriedigung erfahren, die Schreiben bewirkt, und die magische Kraft entdeckt, mich zu entwickeln, zu befreien, mich und ALLes zu erschaffen, zu begreifen, wenn ich Innenwelten außen in Worten und Sätzen manifestiere. Zwar war ich am Anfang meines Schreibens doch eher der Epik zugeneigt, meinte, der Roman sei die Königsdiziplin der Literatur, aber meine Prosa wollte dann immer mehr nicht wirklich einfach durchschaubar erzählerisch sein, sondern verdichtete sich schon beim Wort, verirrte sich im Satz, verstrickte sich beim Sätzeaneinanderreihen.“ (aus der 4. Nahbellantwort)
8. Nahbellfrage (gekürzt):
Wie lässt sich der Aufwand für die Kreativität mit Deinem Lebensalltag vereinbaren?
„Das Spannungsfeld zwischen kreativer Leidenschaft und notwendigem Broterwerb durchzieht meinen Lebenslauf konstant und führt immer wieder zu diversen inneren und äußeren Konflikten. Dieser Zwiespalt hat auch schon dazu geführt, dass ich kurzeitig aus der Textproduktion ausgestiegen bin und vermutlich bewirkt das schwer auszuhaltende Dilemma, dass viele talentierte Künstlerinnen und Künstler letztendlich ganz aus der Kunstwelt ausscheiden und ihre kreative Karriere aufgeben.“ (aus der 8. Nahbellantwort)
DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/25-nahbellpreis-ulrich-joesting/

DIE NAHBELL-KATEGORIEN „FÖRDERPREIS“ & „KONZEPTPREIS“ KONNTEN DIESES JAHR LEIDER NICHT BESETZT WERDEN. DAS G&GN-INSTITUT FREUT SICH AUF NEUE BEWERBUNGEN FÜR 2025. DER 2. NAHBELL-NEBENPREIS GEHT 2024 AN ANDREAS MÜLLER (*1979) FÜR SEINEN ESSAY „DAS ICH, DAS ES NICHT GIBT – ODER: BEFREIUNG VON DER ILLUSION, >JEMAND< ZU SEIN“ – EIN AUSZUG DARAUS:
IM INTERVIEW „SOSEIN STATT SACKGASSEN DER SEHNSUCHT“ FRAGT DAS G&GN-INSTITUT ANDREAS MÜLLER:
Wenn sich die Menschheit an einer Illusion abarbeitet, ist das doch ein zivilisatorischer Skandal? Diese Sehnsucht nach dem vollkommenen Dauerzustand treibt Architekten, Politiker, Ärzte, Künstler und jeden Handwerker an, etwas zu erforschen und zu schaffen, was das Leben angenehmer macht und einen tieferen Sinn spüren lässt. Wie zeigt sich dieser „permanente Kampf“, von dem Du sprichst, wenn nicht im Erfindergeist der Genies, deren Ichs der „Hoffnung auf Glück“ verfallen sind? Ihre „Trunkenheit der Suche“ hat die Zivilisation doch vorangetrieben!
DER ANTIGURU ANTWORTET:
Ich spiele darauf an, dass es diese erfüllte Erfahrung gar nicht braucht. In diesem Sinn ist die Suche selbst eine Sackgasse. Aus dem Ich-Erleben heraus wirkt auch das morgendliche Zähneputzen wie ein kleiner Beitrag auf dem Weg zur persönlichen Erleuchtung. Als bei mir die Illusion des „Ich-Seins“ verpufft ist, hat die Suche zwar aufgehört, aber das Zähneputzen nicht. Es stellte sich heraus, dass ich das niemals gemacht habe, um weiterhin auf dem Weg zu bleiben. Es scheint einfach zu geschehen, ohne dass es jemand tut und ohne dass es einem tieferen Zweck dienen muss. Im Gegensatz dazu könnte es im „Ich-Erleben“ durchaus den Eindruck geben, dass man gesunde Zähne haben muss, wenn man in der Zukunft eine erfüllte Erfahrung machen möchte.
DER ESSAY UND DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/02-timeless-wonder
ERGÄNZEND DAS INTERVIEW MIT DEM PREISSTIFTER DE TOYS ALS GASTAUTOR DER LDL: „TRANSPERSONALES TRAUERTAXI“ @ https://urruhe.jimdofree.com/interviews/1-gastautoren-interview/

Hanns Cibulka
(* 20. September 1920 in Jägerndorf, Tschechoslowakei, heute: Krnov, Tschechien; † 20. Juni 2004 in Gotha)
DER SPÄTE HÖLDERLIN
Lauter fremde Namen
hast du deinem Vaterland gegeben,
Patmos, Smyrna,
bei Ephesos
bist du gegangen.
War sie dir fremd,
die tägliche Arbeit
an den Dingen der Erde?
„O Melodien über mir,
ihr unendlichen,
zu euch,
zu euch."
Mittags,
die Rosenstöcke von Bordeaux
ausgebrannt vom Blitz,
Bruchstücke,
Fragmente.
Sehen Sie,
gnädiger Herr,
ein Komma ...
Aus: Hanns Cibulka, Lebensbaum. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1977, S. 66
Ilija Trojanow
(Geboren 1965 in Sofia, aufgewachsen in Nairobi, lebt in Wien)
Die Sonnenuhr des Sawai Jai Singh II.
Jantar Mantar, Jaipur
Bei seiner Geburt
skizzierten die Astrologen des Hofes
eine Zukunft dem Zukünftigen.
Einfache Mittel sind genau.
Jai Singh, mit elf schon König,
wurde Astronom.
Mathematiker.
Er las Ptolemäus
er las Euklid
er las Isaac Newton
und Muhammed Ulug Beg.
Er beschloß, die Sonne zu messen
genauer als je zuvor.
Zwanzig Sekunden schritten die ersten Schatten aus,
das war Jai Singh nicht genau genug.
Er baute eine Stiege zu den Sternen,
die erst endete,
als seinem Reich der Marmor ausging.
Tagsüber schmolz die Sonne im Sekundentakt dahin,
nachts, im Schneidersitz, auf der letzten Stufe,
richtete er sein wachendes Auge auf
auf die vielen zurückfallenden Lichter.
Diese Uhr geht nach, um elf Minuten,
sagt die Frau unter ihrer breiten Krempe
und streckt Jai Singh
ihren blassen Arm hin.
Madame, die Sonne irrt nie.
Diese Zeit stimmt für den Fleck,
auf dem wir beide stehen.
Die Uhr, die sie tragen,
hierhin und dort,
stimmt überall,
doch nicht hier.
Aus dem Englischen von Susann Urban, aus: Ilija Trojanow, verwurzelt in Stein. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2017

Oskar Kokoschka
(* 1. März 1886 in Pöchlarn, Niederösterreich; † 22. Februar 1980 in Montreux, Schweiz)
Aus: Die träumenden Knaben
(...)
in meinem weißen zimmer war ich allein
doch vielleicht trug ich dich jetzt herein und es bleibt
und spricht wie aus schweren blumen etwas zu mir
mein zimmer wurde wie ein anderes land
in die weißen wälder tret ich ein
eines rentieres huf klingt und wirft in allen weißen wäldern
wiederleuchtende schneesterne auf
wie spitzengärten ist es um dich
rentierreiterin
und das rentier ist ein berg
deine kleider sind eine schneefläche
wo blumen werden
die berührung deiner dünnen finger
und die schneewälder stehen um dich wie staunende knaben
der schnee rinnt zusammen zu einem see
und auf einem roten fischlein warst du gesessen
ich hatte von dir nur gesehen deinen nackten hals in den haaren
ein stäblein wächst ins wasser hinunter
wo ist das ende alles wesens
aus deiner runden brust geht dein atem über den blauen see
wie leise ist das wirken alles wesens
ich greife in den see und tauche in deinen haaren
wie ein versonnener bin ich in der liebe alles wesens
und wieder fiel ich nieder und träumte
zu viel hitze überkam mich in der nacht
da in den wäldern die paarende schlange ihre haut streicht
unter dem heißen stein und der wasserhirsch reibt sein gehörn
an den zimmtstauden
als ich den moschus des tieres roch in allen niedrigen sträuchern
es ist fremd um mich
jemand sollte antworten
alles läuft nach seinen eigenen fährten
und die singenden mücken überzittern die schreie
wer denkt grinsende göttergesichter und fragt
den singsang der zauberer und altmänner
wenn sie die bootfahrer begleiten
welche frauen holen
und ich war ein kriechend ding
als ich die tiere suchte und mich zu ihnen hielt
kleiner
was wolltest du hinter den alten
als du die gottzauberer aufsuchtest
und ich war ein taumelnder
als ich mein fleisch erkannte
und ein allesliebender
als ich mit einem mädchen sprach
Aus: Oskar Kokoschka: Die träumenden Knaben und andere Dichtungen. Salzburg: Galerie Welz, 1959, S. 24/26
Oskar Kokoschka schrieb seine erste Dichtung, „Die träumenden Knaben“, 1907. Sie erschien 1908 im Verlag der Wiener Werkstätte und noch einmal 1917 bei Kurt Wolff. Die dem Text beigegebenen Lithographien sind noch ganz vom Jugendstil geprägt (Bilder findet man im Netz, wenn man nach dem Titel sucht. Hier zum Beispiel.). Der 22jährige Kokoschka widmete das bibliophile Buch mit acht Farblithographien Gustav Klimt. „Der Dichter war dem Zeichner Kokoschka in diesem Augenblick, entwicklungsgeschichtlich gesehen, voraus“, schreibt der Herausgeber von 1959.
Ulrike Draesner
lahmendes ghasel
gar nichts
sagte jemand sei besser als nichts
wenn es weh tat weil eine reise nichts
bedeutet wenn sie einem nichts
ausmacht weil ich nichts
sah bis ich begriff dass ich nichts
(heimweh?) begriff nicht so
dass schleier mir nichts
mehr verbargen denn wer nichts
weiß sucht nichts
zu umarmen nicht
einmal als im spiegelnden „sichtn"
einer boîte de rêves die wie von nichts
silbergetrieben sich öffnete mir nichts
dir nichts
märchen lagen die sagten dass ich nichts
verstand und nun nichts
sage als im besten falle gar nichts
Aus: Ulrike Draesner, berührte orte. München: Luchterhand, 2008, S. 15
Fridolin Ganter
Die Seele sandt ich aus
Die Seele sandt ich aus, im Unsichtbaren
Ein Wort vom andern Leben zu entziffern;
Sie kehrte um und sprach: „Ich hab erfahren,
Dass in dir selbst sich Höll und Himmel paaren,
Wie sich die Hur im Hafen paart mit Schiffern."
Aus: GAF. Der GAlaktische Futurist Nr. 54, 7.6.2024, S. 9
Mehr über den Autor im Lyrikwiki
Ein Lied aus der Französischen Revolution, das 150 Jahre später in der DDR hochbrisant war und zwei junge Lyriker, Volker Braun und Wolf Biermann, zu eigenen, aktualisierten Versionen anregte. (Aber der Stoff war allzeit aktuell, vergleiche auch Shakespeares 66. Sonett!)
Pierre-Jean de Béranger
(* 19. August 1780 in Paris; † 16. Juli 1857 ebenda)
SO WIRD ES SEIN
Weise: 0 filii et filiac
Ihr fragt, wie’s mit uns weitergeht?
Ich weiß, was kommt, ich bin Prophet.
Mein Blick dringt in die Zukunft ein,
So wird es sein.
Kein Dichterling kriecht mehr im Dreck,
Der Mächtige jagt den Schmeichler weg,
Kein Höfling lügt mehr hundsgemein.
So wird es sein.
Kein Spieler wird, kein Spekulant,
Kein Wuchrer „edler Herr“ genannt,
Kein Bürokrat wagt mehr zu schrei’n.
So wird es sein.
Die Freundschaft stärkt den Lebensmut,
Ist mehr als frostiger Disput,
Läßt uns im Unglück nicht allein.
So wird es sein.
Nett sind die Mädchen und gescheit,
Gehn mit den Liebsten nicht zu weit,
Bis sie mit achtzehn Jahren frei’n.
So wird es sein.
Die Frau’n sind nicht auf Putz erpicht
Und hörnen ihre Männer nicht,
Läßt man sie mal zu Haus allein.
So wird es sein.
Kein Zensor preist als wahre Kunst
Statt Schöpfergeist nur Phrasendunst,
Nur Kauderwelsch und Flunkerein.
So wird es sein.
Wer Dramen schreibt, tut’s frei und kühn,
Den Hut die Mimen vor ihm ziehn,
Kein Rezensent mischt frech sich drein.
So wird es sein.
Wer lächelnd Größen kritisiert
Und ihren Klüngel parodiert,
Den sperrt der Büttel nicht gleich ein.
So wird es sein.
Geschmack fegt fort, was fade heut,
Statt Willkür herrscht Gerechtigkeit,
Wahrheit kehrt wieder bei uns ein.
So wird es sein.
Lobt Gott, der gnädig hält bereit,
All das, was ich hier prophezeit.
Im Jahr dreitausend – prägt’s euch ein
Wird es so sein!
Deutsch von Martin Remane, aus: Lieb war der König, oh-la-la! Satirische und patriotische Chansons von Pierre-Jean de Béranger. Berlin (Ost): Rütten & Loening, 1959, S. 50-53
AINSI SOIT-IL
1812
Air : Alleluia (Air noté ♫)
Je suis devin, mes chers amis ;
L’avenir qui nous est promis
Se découvre à mon art subtil.
Ainsi soit-il !
Plus de poëte adulateur ;
Le puissant craindra le flatteur ;
Nul courtisan ne sera vil.
Ainsi soit-il !
Plus d’usuriers, plus de joueurs,
De petits banquiers grands seigneurs,
Et pas un commis incivil.
Ainsi soit-il !
L’amitié, charme de nos jours,
Ne sera plus un froid discours
Dont l’infortune rompt le fil.
Ainsi soit-il !
La fille, novice à quinze ans,
À dix-huit avec ses amants
N’exercera que son babil.
Ainsi soit-il !
Femme fuira les vains atours,
Et son mari pendant huit jours
Pourra s’absenter sans péril.
Ainsi soit-il !
L’on montrera dans chaque écrit
Plus de génie et moins d’esprit,
Laissant tout jargon puéril.
Ainsi soit-il !
L’auteur aura plus de fierté,
L’acteur moins de fatuité ;
Le critique sera civil.
Ainsi soit-il !
On rira des erreurs des grands,
On chansonnera leurs agents,
Sans voir arriver l’alguazil.
Ainsi soit-il !
En France enfin renaît le goût ;
La justice règne partout,
Et la vérité sort d’exil.
Ainsi soit-il !
Or, mes amis, bénissons Dieu,
Qui met chaque chose en son lieu :
Celles-ci sont pour l’an trois mil.
Ainsi soit-il !
https://fr.wikisource.org/wiki/Œuvres_complètes_de_Béranger/Ainsi_soit-il

Bertolt Brecht (* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Berlin)
Großer Dankchoral
1
Lobet die Nacht und die Finsternis, die euch umfangen!
Kommet zuhauf
schaut in den Himmel hinauf:
Schon ist der Tag euch vergangen.
2
Lobet das Gras und die Tiere, die neben euch leben und sterben!
Sehet, wie ihr
lebet das Gras und das Tier
und es muß auch mit euch sterben.
3
Lobet den Baum, der aus Aas aufwächst jauchzend zum Himmel!
Lobet das Aas
lobet den Baum, der es fraß
aber auch lobet den Himmel.
4
Lobet von Herzen das schlechte Gedächtnis des Himmels!
Und daß er nicht
weiß euren Nam' noch Gesicht
niemand weiß, daß ihr noch da seid.
5
Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben!
Schauet hinan:
Es kommet nicht auf euch an
und ihr könnt unbesorgt sterben.
Aus: Antianthologie. Gedichte in deutscher Sprache nach der Zahl ihrer Wörter geordnet von Franz Mon und Helmut Heißenbüttel. München: Hanser, 1973, S. 33
Raja Lubinetzki
(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)
HINTER DEN WORTEN zu wohnen,
das sind Reservate für geteilte Stirnen.
Noch immer gehen wir in den Haussocken
der Mütter und Väter spazieren.
Vor und während des Krieges
warn sie unsere verlorene Identität.
Bleibt jeder Grenzüberschritt,
ist dieses nachvollzogene Ritual
einer Abnabelung.
Das nehmen die Mütter übel
und wollen das Kind
wie eine Enttäuschung nicht mehr.
Und die Mütter sind dieses Land,
in dem man geboren wurde,
auf der Stirn ihr Markenzeichen.
(1988)
Aus: Raja Lubinetzki: Der barfußne Tag. Gedichte. Mit Zeichnungen der Autorin. Berlin: Distillery, 2019, S. 4

Rolf Bossert
(* 16. Dezember 1952 in Reșița, Banater Bergland, Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main)
Lied
Wohin mich mein Weg heute führt:
Ich weiß es am Morgen noch nicht.
Am Abend dann, peinlich berührt:
Auf der Milchstraße wieder kein Licht!
Verbotsschilder sprechen für sich.
Und dennoch: Ich pfeif aufs Verbot!
Im Sternenwald füttere ich
Den Großen Bären mit Brot.
So treib ichs seit einiger Zeit.
Dem Herrgott begegne ich kaum,
Ein paarmal nur seh ich ihn weit
Verloren im krummen Raum.
Langsam kommt dann die Müdigkeit auf:
Ich habe das Trampen verlernt.
Ich schlage mein Himmelszelt auf,
Einen Steinwurf vom Weltall entfernt.
Aus: Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte 1972-1985. Hrsg. Gerhardt Csejka. Frankfurt/Main: Schöffling, 2006, S. 155
Bossert beantragte im Juli 1984 mit seiner Familie die endgültige Ausreise nach Deutschland. Bossert verlor in der Folge seinen Arbeitsplatz und erhielt Publikationsverbot. Nach einer abendlichen Dichterlesung wurde er niedergeschlagen, wobei ihm der Kiefer gebrochen wurde. Die Rumänische Miliz entschuldigte sich bei Bossert. Im August 1984 wurde Rolf Bossert vom rumänischen Geheimdienst Securitate verhört und gezwungen, ein „Verwarnungsprotokoll“ zu unterschreiben, das ihn unter den Verdacht stellte, mit seinen Texten eine staatsfeindliche Haltung zu propagieren.
Weihnachten 1985 konnte er mit seiner Frau Gudrun und seinen zwei Söhnen nach Deutschland ausreisen, jedoch durchsuchten Sicherheitsbeamte vor Bosserts Ausreise seine Wohnung und beschlagnahmten sämtliche Manuskripte und Arbeitsunterlagen. Zwei Monate nach seiner Ausreise wurde Rolf Bossert in einem Aussiedlerheim in Frankfurt am Main leblos unter seinem geöffneten Zimmerfenster aufgefunden. Die Umstände seines Todes blieben weitgehend ungeklärt. https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Bossert
GAF. Der GAlaktische Futurist heißt ein mehrsprachiges Literaturmagazin, das Ilia Kitup in Berlin herausgibt und verkauft, manchmal auch verschenkt. Am vergangenen Sonnabend hatte der Verleger einen Tisch auf der Veranstaltung „Bücher ohne Messe“ in bzw. vor der Hufelandstraße 35. Er las auch selber ein paar Gedichte, bevor er wieder zu seinem Büchertisch eilte, was sein Autor Alistair Noon kommentierte, sein Verleger türme, wenn er lese. Im letzten November erschien Nr. 50, The 12th War Issue steht auf dem Titelblatt. Das Heft enthält auf 16 Seiten Texte auf Englisch, Deutsch und Arabisch von Artur Rockzane, Salah Yousif, Jordan Lee Schnee, Sparrow, Clemens Schittko, Anatolij Gavrilov und anderen sowie einen Index der ersten 50 Hefte. Aus dem Heft ein Gedicht von Sparrow, seit Jahren Stammautor von GAF.
Sparrow
All the Poets
We need all the poets,
everywhere.
If only „good poets" wrote,
the world would end.
We need „bad poets,"
to balance them.
GAF. Der GAlaktische Futurist 50, 2023, S. 7
Alle Dichter
Wir brauchen alle Dichter,
überall.
Die Welt ginge unter,
schrieben nur "gute Dichter".
Wir brauchen "schlechte Dichter"
als Gegengewicht.
(Übersetzung von mir)

Propeller Publishers, Berlin. Bestellungen unter mailto:ilia.kitup@gmail.com.
Kai Pohl
Der Dreck
Kaffeeflecke gehn mit Rotwein raus
Rotweinflecke mit Blut
Blutflecke mit Teer –
Teerflecke
brennst du am besten mit Feuer raus
(wen stören schon die Löcher)
oder du trinkst Rotwein
viel Rotwein
und gehst wenn das Klo verstopft ist
in den Hof
pinkelst in den Müllcontainer
(der im Winter meistens brennt)
und brüllst
dass dich die Sache mächtig
anstinkt
Aus: Kai Pohl, Möwen in Rotwein auf Zen-Sand. PBN Prenzlauer Berg Collection. Falzdichtung drei. EdK Berlin 2020
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