Anja Utler
(* 24. Juli 1973 in Schwandorf; lebt in Leipzig)
Aus: Es beginnt. Trauerrefrain
Es beginnt der Tag.
Er ließ sich nicht umgehen.
Die Pflanzen stranden
im Licht; reagieren
Es beginnt der Tag.
Tasse geht zu Boden und
der Tee. Auch ich bin
abwaschbar; von innen nicht
Es beginnt der Tag
in Handschuhen, greift nach den
Organen, wiegt sie
alle einzeln in der Hand.
Für das Buch „Es beginnt. Trauerrefrain“ (Edition Korrespondenzen 2023), aus dem diese drei Gedichte stammen, erhält Anja Utler heute in Staufen den Peter-Huchel-Preis für 2023.
Iryna Vikyrchak
(ukrainisch Ірина Вікирчак; * 17. Mai 1988 in Salischtschyky, Oblast Ternopil; lebt in Wrocław)
***
es kann auch alles damit enden
dass nichts von dir bleibt
außer ungeschriebenen Büchern
außer ein paar fremden Versen
der letzte Strohhalm
hunderte Male gehört
erst heute plötzlich verstanden
Zeit ist zäh wie ein Mus aus Schattenmorellen
der innere Kern lebendig und zart
wie der Stiel einer Gladiole
dann, in der allergrößten Not
strömt in die Stille zwischen uns
unverhofft ein Regen
Aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk, aus: Iryna Vikyrchak: Algometrie – Anthropologie – Amnesie. hochroth Leipzig 2024, S. 26f
***
а може все скінчитись так,
що з тебе нічого не лишиться,
окрім ненаписаних книг
окрім чужого вірша
останньої соломинки,
що чула сотні разів раніше,
але тільки сьогодні раптом збагнула
час густий, як повидло з липневих морелей
внутрішній стержень живий і ламкий
ніби стебло гладіолуса
зненацька, у найпотрібнішу мить
тишу між нами заллє
несподіваний дощ
Tom de Toys
FEIERTAGSATMOSPHÄRE

bevor ich zum eigentlichen thema dieses
textes überleite möchte ich nur kurz darauf
eingehen warum ich mich bei dem titel nicht
für die wörter LAUNE und STIMMUNG
entschied sondern das wesentlich längere
wort "atmosphäre" benutzte um zu betonen
was ein feiertag bei einem arbeitenden
menschen auslöst wenn er endlich einmal
ausschlafen kann und dann bei einer wohl-
duftenden tasse kaffee in seinem lesesessel
am offenen fenster sitzt durch das der ewige
frieden des autofreien vogelgezwitschers
ins aufwachende hirn strömt und eine
angenehme stille spüren lässt die dazu
verführt dem eigenen denken zu lauschen
als sei es ein fließband ohne produkte
in einer geisterfabrik ohne namen inmitten
der unendlichen landschaft ohne horizont
während die kaffeelektüre an langeweile
kaum mehr zu überbieten ist obwohl mich
das thema schon immer eigentlich brennend
interessiert und meine neugier durch den
titel des buches geweckt wurde der aber
am ende das einzige abenteuer darstellt das
mein geist zu bestehen hatte nachdem sich
die buchstabenfelder auf dem dünnen papier
in luft auflösten und mir die leeren seiten
als fächer gegen die feuchte hitze dienten
solange dieses gedicht noch nicht
als ventilator funktioniert //
29.3.2024 ©POEMiE™
@ 86.MPC (Mobile Poetryclip): https://m.youtube.com/watch?v=HxwIvi_Xv44&list=PLWe1oUWFH2ZkheI5qlQv26mmopR8BX4Lm
Am 30. März 1601 starb der Augsburger Meistersinger Johannes Spreng. Geboren wurde er an unbekanntem Datum im Jahr 1524. Aus Anlass des 500. Geburtstages heute ein Stück aus seiner Übersetzung und Nach-Dichtung der Metamorphosen des griechischen Dichters Ovid. Aus den breit erzählenden Hexametern des alten Griechen macht der Meistersinger, der das Dichten zunftmäßig in der Meisterschule gelernt hat und ausübt, deutsche Knittelverse. Ovid kennt keine Kapiteleinteilung. Das gesamte umfangreiche Werk ist in 15 Bücher eingeteilt, die einzelnen Geschichten, die Metamorphosen und Verwandlungen gehen ineinander über. Schon zu Sprengs Zeiten galt das als zu anstrengend, und so kürzt er die Erzählung drastisch und teilt die einzelnen Bücher in kurze Kapitel ein. Diese wiederum bestehen nach Art der damals beliebtem Embleme aus mehreren klar abgesetzten Einzelteilen. Bei Spreng sind es jeweils 5 Teile: 1. eine Überschrift, 2. ein Holzschnitt, der die Handlung verbildlicht, 3. eine Prosaeinleitung, dann 4. das eigentliche Gedicht in paarweise gereimten Knittelversen und noch obendrein 5. eine Moral oder „Außlegung“, ebenfalls in Knittelversen. Offenbar brauchen die Leser didaktisch und dogmatisch aufbereitete Geschichten. Nicht zuletzt weil Ovids Erzählung heidnisch ist und die „Außlegung“ die Kurve zur christlichen Bibel kriegen muß. Ich teile zur Jahrhundertfeier die ersten 4 Teile (also ohne die Auslegung) der neunten Verwandlung (= des 9. Kapitels) des ersten Buches mit. Es ist die Geschichte, die die Bibelleser als Sintflut kennen, bei Spreng heißt es Sündfluß. In der Originalausgabe von 1571 sind das nicht einmal 2 Seiten, wenn man die Grafik abzieht.

NAch dem Jupiter in der Götter beyseyn vnd versamlung sich berahtschlagt / mit was pein oder straff [Strafe] das Menschliche Geschlecht fürnemlich heimzusuchen vnd außzutilgen were / Hat jm endtlich (von wegen deß Lycaonis gewaltthätigen handlungen / auch umb der andern Menschen boßheit willen / die mit jren lastern die Götter selbs anreitzen / vnd vilfeltig versuchen) gefallen / den gantzen Erdboden mit reichlichem vnauffhörlichem wasser zu vbergiessen / vnd alles was darinnen zu versencken / In welchem gewässer alles Menschlich fleisch (außgenommen zwo Personen) ist vnder[ge]gangen.
P. Ouidij [Ovids] Verwandlung /
Weitere Erklärung.
NAch dem in sünden vngerecht
Sich vmbweltzet Menschlich Geschlecht
In das verderben / auch zu hauff
Thet [tät] rennen gar mit vollem lauff
Darneben mutwillig vorab
Weder vmb straff noch warnung gab
Da kam bald vber sie die rach
Deß Jovis [Jupiters] zoren [Zorn] gar anbrach
Sein meinung was [war] der Menschen schar
Mit wasser außzutilgen gar
Vnd diesen seinen raht beysich
Thut er vollziehen schnelligklich
Schickt ein grossen Regen vom Himmel
Zu hauff die Wasser mit gewimmel
Werden oben gegossen auß
Fallen hernider nach der bauß
Schier gantze flüß kommen von oben
Das Meer facht [fängt] an hefftig zu toben /
Laufft vber / thut die Leut erschrecken
Die Flüß das Erdterich [Erdreich, Erderich] bedecken
Die hohe Thüren auch verschwinden
Die Berg man fort nit mehr kan finden
Im Wasser ligen sie versenckt
Durch vngewitter gantz ertrenckt
Es ist nur ein Teil Meer
Tier / Vögel / vnd das Menschlich Heer
Allda gentzlich in grundt verdirbt
Eins jämmerlichen todes stirbt /
Auß den Leuten mannicherley
Sind vberig zwen [zwei] Menschen frey
Das ander alles mit verdriessen
Allda sein leben muss beschliessen
Der große Wasserguß zu mal
Reißt alles hinweg mit vnfall.
P.OVIDII NASONIS.|| Deß sinnreychen || vnd hochverstendigen Posten/|| METAMORPHOSES.|| oder Verwandlung/ mit schönen künst=||lichen Figuren gezieret/ auch kurtzen … || Argumenten vnd Außle=||gungen/ erkläret/ vnd in Teutsche || Reymen gebracht/|| Durch || M.Johan Spreng/ von Augspurg.|| Frankfurt/Main : Rab, Georg, Weigand Han Erben, Feyerabend, Sigmund, 1571, S. 17f – Online Ausgabe: Berlin : Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Germany, 2015 PURL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001A6D000000000
Thomas Kunst
(Geboren 1965 in Stralsund, lebt in Leipzig)
WENN ICH MAL TOT BIN, LASST MICH BITTE RAUS,
Aus den Gesprächen über Poesie,
So gut wie Ulrich Zieger war ich nie,
Mein Überleben reichte für Applaus.
Das muss doch alles mal ein Ende haben.
Bin ich berauscht vom Glück, sterben Gedichte.
Der Alkohol auf Feldern ist Geschichte.
Die Lichtpunkte sind Rehe oder Raben.
Das Sterben auf den Höfen, Blutergüsse
Vom Zerren an den Bäumen, Brettern, Blumen
Distanz zu wahren, ja, das ist es wohl –
Die Explosionen in der Nacht sind Schüsse.
Die Drinks im Weltall haben mehr Volumen.
Die Sterne sind in ihren Wangen hohl.
Aus: Thomas Kunst, Wü. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 167
Oskar Manigk
(* 29. April 1934 in Berlin)
Der dichtende Maler Oskar Manigk wird am 29.4. 90 Jahre alt.
Er wuchs in Ückeritz auf der Insel Usedom auf. 1993 erhielt er den Caspar-David-Friedrich-Kunstpreis und 2005 den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Heute wird er mit dem Egmont-Schaefer-Preis für Zeichnung und einer damit verbundenen Ausstellung in der Berliner Galerie Parterre geehrt. Manigk lebt und arbeitet in Berlin und Ückeritz.
https://mailartists.wordpress.com/updates
Heimat
Sieh, ich kehre wieder heim,
heim zu Opas Flugzeugleim
und zu Mutters Klieben.
Wenn sie nicht gestorben wär
wäre ich geblieben.
Stand ja mal als Zinnsoldat
mitten im Gelände.
Und an Vaters Maschendraht
schien die Welt zu Ende.
Doch sie war zu Ende nicht,
wie wir heute wissen.
Habe doch zum Unterricht
immer drüber müssen.
Nun sind alle Lehrer tot,
tot bis auf den letzten.
Die mich trotz Gewissensnot,
jedes Jahr versetzten.
Liebe Heimat habe Dank,
Dank für deine Güte.
Auf der blauen Gartenbank,
grade als man Kaffee trank,
roch es zehn Sekunden lang
nach Holunderblüte.
Aus „Anwesend“ – ein originalgrafisches Künstlerbuch mit 21 Gedichten und ebenso vielen Grafiken in 50 Exemplaren, Berlin: Wohlrab-Verlag, 2007
Halyna Petrosanyak
(geboren 1969 in den ukrainischen Karpaten, lebt in der Schweiz)
Aus dem Zyklus «Brücke aus Papier. Hebräisches Galizien»
3.
In Stanislau vor dem Krieg
war ich bekannt mit der Tochter des Dr. Horn
der in der Kopernikus-Strasse wohnte
befreundet mit den Kindern des Sulim Sussman
fast verliebt in den jungen Horowitz
besuchte den Gottesdienst das Pastors Zöckler
in der Evangelischen Kirche
in der Knjahynyna-Kolonie
und von meinem Fenster aus lauschte ich des Öfteren
dem göttlichen Gesang des Kantors
der Tempel-Synagoge
Ich habe mir die Vergangenheit in Erinnerung gerufen
aber in der Kopernikus-Strasse steht wahrhaftig
bis heute das Horn-Haus
unweit des jüdischen Friedhofs an der Bahnstrasse
liegt der Grabstein von Sulim Sussman
und das Horowitz-Haus ist bis heute
eine Zierde meiner Stadt
die Steine haben
die Weltordnung
die Leichen überdauert
Mich hält die Hoffnung
dass die Seelen
auch die härtesten Steine
überdauern werden.
Villa Waldberta, 2011
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Alois Woldan, aus: Halyna Petrosanyak, Exophonien. Gedichte. Mit einem Vorwort von Ruth Schweikert. Zürich: alit – Verein Literaturstiftung, 2022, S. 58 (essais agités, Band #8, Reihe Weltenliteratur)
©
Manfred Winkler
(* 27. Oktober 1922 in Putilla, Bukowina, Rumänien; † 12. Juli 2014 in Jerusalem)
Der Krieg ist grausam
Töte nicht ich, so tötest du,
Pardon wird nicht gegeben!
Ich weiß, du liebst die dörfliche Ruh,
du liebst wie ich das Leben
Doch töte nicht ich, so tötest du,
Pardon wird nicht gegeben!
Deckt dich die kalte Erde zu,
vielleicht bleib ich am Leben
Ich weiß, es hat gar keinen Sinn,
im Frieden wären wir Brüder.
Ich zöge vielleicht zu den Deinen hin,
doch jetzt knall ich dich nieder!
Zum Denken hab ich keine Zeit,
es sind nur alte Scherben.
Das Heim ist so unendlich weit,
leb ich, so mußt du sterben!
Ich töte nicht in wildem Haß,
doch schieß ich nicht daneben:
deckt dich die kalte Erde zu,
vielleicht bleib ich am Leben
Aus: Manfred Winkler, Im Schatten des Skorpions. Gesammelte Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2006, S. 121
Thorsten Krämer
(* 1971 in Wuppertal, lebt dort)
Diphtongische Bewegung
Ich habe Phonetik studiert
in deinem Mund. Ich weiß, wie du
die Laute produzierst, die
in der Kehle und
die mit den Lippen.
Den Schlenker, den deine
Zunge macht beim Verschleifen
der Vokale, kenne ich
genau. Ich folge ihr von A nach
O, zwischen Dorsum und Gaumen
finde ich vorübergehend
mein Zuhause.
Aus: Thorsten Krämer, Schwankungen der Füllhöhe. Gedichte 1995-2018. ELIF VERLAG, 2020, S. 20
Richard Leising
(* 24. März 1934, heute vor 90 Jahren, in Chemnitz; † 20. Mai 1997 in Berlin)
MEIN FRÜHJAHR
Der erste Krokus, der Goldregen, die
Veteranenstraße, die
Radelt ein junger Mensch
Sitzend! hinauf! Heine zuwinkend! ich kaufe ein
Altes hölzern Gewürzschränkchen und
Ich werde durchleuchtet, ja
Ich bin
Ein Tbc-freier Bestandteil der Hauptstadt, darauf
Einen Korn, ein Bier in der Kneipe
„Pilsator" Brunnenstraße, Neuentdeckung mal
Merken für Detlev, Horst, Klaus, die guten
Freunde die ich habe in diesem Herzen voll
Fröhlicher Kälte
Und dieses Land, in dem ich leben will
Aber muß
Und die mich lustig macht, jene
Diese da, ja
Die.
Aus: Poesiealbum 97. Richard Leising. Hrsg. von Bernd Jentzsch. Berlin (Ost): Neues Leben, 1975, S. 9
Mina Witkojc (deutsch Wilhelmine Wittka; * 28. Mai 1893 in Burg (Spreewald); † 11. November 1975 in Papitz bei Cottbus) war eine bedeutende niedersorbische Dichterin und Publizistin. https://de.wikipedia.org/wiki/Mina_Witkojc
Ich bin nur ein kleines Licht
Ich bin nur ein kleines Licht,
größer bin ich nun mal nicht.
Leuchte nur den Weg zurück,
vorwärts sehe ich kein Stück.
Dunkel folgt mir auf dem Fuß,
mauert seine Wand von Ruß,
rückt mir blindlings auf den Leib,
wenn ich einmal stehenbleib.
Weh! Die Dämmerung begann,
das Entsetzen springt mich an:
Was ich nie vorausgesehn –
bald schon wird es mir geschehn.
Aus dem Niedersorbischen von Kito Lorenc, aus: Kito Lorenc (Hrsg.), Das Meer Die Insel Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ins Deutsche übertragen von Kito Lorenc, Albert Wawrik, Róza Domascyna u.a. Mit einem Geleitwort von Peter Handke und einem Nachwort von Christian Prunitsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 200
Michael Hamburger, der heute vor 100 Jahren in Berlin geboren wurde, entkam den Deutschen rechtzeitig und wurde ein englischer Dichter und Übersetzer.
Michael Hamburger
(* 22. März 1924 in Berlin-Charlottenburg; † 7. Juni 2007 in Middleton, Suffolk, England)
Indivisible
Do the dead know nothing, remember nothing?
The eyes of my dead meet mine
Or, merged in them, look at the oak I planted,
Grown taller than I, and look
Into the living eyes
That were my children's, but now
Into their children's look, seeing themselves
Or, beyond themselves,
Features, lines no horizon frames.
Though with dying eyes I look
At the garden that outgrows me,
At the rooms full of things unfinished,
Things done with, things half-rotten,
Still I must love the breath, flesh, fibre tended,
Growth not for me, the seedling's, and growth ended,
Skeleton left unfelled of the ash-tree that spilled oil
killed -
And shall till the last of the life in me's expended,
While time with its numbers crumbles in my head.
Oh, and the very words, ›living‹, ›dead‹
Belong to a language dead as Latin learned and forgotten
Which, somewhere, still is alive,
Lived in, loved, shaped by a tongue that tastes it -
And the very word ›I‹,
Frame of a half-lie bequeathed me,
Melts in this light, nightfall's or dawn's.
Untrennbar
Wissen Tote nichts, erinnern sie nichts?
Die Augen meiner Toten finden meine
Oder, in sie gemischt, sehen die Eiche, die ich pflanzte,
Mich überragt, und sehen
In die lebendigen Augen
Die meinen Kindern gehörten, die jetzt
Die der eigenen sehen, sich darin sehen
Oder, hinaus über sich,
Zeichnungen, Linien, die kein Horizont rahmt.
Wenn auch mit sterbenden Augen ich sehe
Den Garten, der mir entwächst,
Die Zimmer voll unfertiger Dinge,
Verworfener, halbverdorbener Dinge,
Muß ich sie lieben, meine Zöglinge, aus Atem, Gewebe und
Blut,
Wachstum das nicht mir gilt, eines Sämlings, und Wuchs
der ruht,
Den ungefällten Knochenmann der Esche, die ein Ölfleck
tötete
Und zu lieben bis zuletzt ist mir zumut,
Während Zeit mit ihren Zahlen in meinem Kopf
zerstiebt.
Ach, die Wörter selber, „tot", „lebendig"
Gehören einer toten Sprache wie Latein, erlernt,
vergessen
Die, irgendwo, noch lebt,
Erlebt, geliebt, geformt wird von einer Zunge die sie
schmeckt –
Und sogar das Wort „ich",
Ein mir vererbtes Lügengebäude,
Schmilzt in diesem Spät- oder Frühlicht.
Deutsch von Peter Waterhouse, aus: Jahrbuch der Lyrik 1999/2000, München: Beck, 1999
Dinçer Güçyeter
Aus dem "Tagebuch des Nachtfalters"
in meiner Erinnerung
wächst nur das Efeu auf der Wohnzimmertapete
alles andere muss noch eine Sprache lernen
wann wird sie aufwachen, die Mutter
mehr Vergangenheit hab ich nicht
mit dem Schürhaken steht sie vor dem Gussofen
mit ihrer Waffe schiebt sie den Ring zur Seite
die Obstschalen in Zeitungspapier gewickelt
mein Blick, meine Handschrift landen im Feuer
wer hat diese Gedichte geschrieben
ich bin der Nachtfalter, und wer sind sie
wenn ich Dinçer heiße
wer hat dann diese Gedichte geschrieben
antworten sie bitte auf script@elifverlag.de
Aus: Dinçer Güçyeter, Mein Prinz, ich bin das Ghetto. Gedichte. Elif Verlag 2022 (5. Auflage), S. 75, 76, 82
Für den Band, aus dem diese Gedichte stammen, erhielt Dinçer Güçyeter den Peter-Huchel-Preis 2022.
Irit Amiel
(hebräisch עירית עמיאל; geboren als Irena Librowicz, 5. Mai 1931 in Częstochowa, Polen; gestorben 16. Februar 2021), eine polnisch-israelische Dichterin und Übersetzerin, die auf Polnisch und Hebräisch schrieb)
JEDEN TAG STERBEN jetzt jene die einst auferstanden
Sie sterben normal wie alle an Alter
Schlaganfall Herzinfarkt Zucker Verbitterung Krebs
Sie sterben in sauberen Betten mit angelegtem Tropf
zwischen modernen Geräten und uralten Tränen
Nicht wie einst ihre Geschwister Eltern Frauen und Kinder
die starben auf zigtausend extravagante Arten
Sie sterben unwillig nicht gesättigt vom Leben nehmen mit sich
das dröhnende Schweigen und den stummen Schrei und hinterlassen
neue Familien und ihr in Sonne getauchtes Letztes Land.
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, aus: Sinn und Form 2/2024, S. 187
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