Wissenschaftlicher Witz

Die diesjährige Booker-Preisträgerin Jenny Erpenbeck kommt aus einer Schriftstellerfamilie. Ihre Mutter war die Arabisch-Übersetzerin Doris Kilian, ihr Vater der Physiker, Philosoph und Schriftsteller John Erpenbeck. Die Eltern ihres Vaters waren die Autoren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner. Ihr Vater John Erpenbeck hat außer zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen auch Romane, Erzählungen und zwei Gedichtbände veröffentlicht. Letztere erschienen im Mitteldeutschen Verlag, der damals einer der führenden Lyrikverlage der DDR war (u.a. Volker Braun, Hanns Cibulka, Heinz Czechowski, Peter Gosse, Uwe Greßmann, Bernd Jentzsch, Georg Maurer und Karl Mickel).

Heute ein Gedicht aus dem Band „Formel Phantasie“ (1972). Man merkt ihm an, dass sein Verfasser Physiker ist – dem Band und dem Gedicht.

Der Kugelblitz

Welch ein wissenschaftlicher Witz:
ein Kugelblitz!
Man kann ihn für eine Laterne halten
mit entfaltetem Eigenleben,
für ein gewissenlos eitles Veilchen
mit violettem Eigenleuchten
oder für einen gestolperten Stern
mit einem freundlichen, lichten Gesicht.
Wir kennen seine Geheimnisse nicht.
Aber wir wüßten sie eben gern.
Energie in Kugeln zu zwängen
wäre dann kein Problem.
Wir könnten sie beispielsweise bequem
an den Weihnachtsbaum hängen.

Aus: John Erpenbeck, Formel Phantasie. Gedichte mit Illustrationen von Heidrun Hegewald. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1972, S. 6.

Illustration: KI

Nutzen schlechter Gedichte

Ein japanischer Dichter, der etwa zur selben Zeit wie Goethe lebte, malt in einem satirischen Kurzgedicht aus, welche Schrecken der Welt drohten, wenn die Dichter bessere Gedichte schrieben, nicht auszudenken!

Ishikawa Masamochi – besser bekannt unter dem Namen Ishikawa Gabo

(japanisch 石川 雅望; geboren 7. Januar 1754 in Edo (Provinz Musashi); gestorben 16. Mai 1830 daselbst) war in der späten Edo-Zeit ein japanischer Verfasser von „Kyōka“ (狂歌) – also humoristischen, satirischen Kurzgedichten, Verfasser von Unterhaltungsliteratur und Kokugaku-Gelehrter. https://de.wikipedia.org/wiki/Ishikawa_Masamochi

MEINE AUFFASSUNG

Daß so viele Dichter nichts können,
Das regt dich auf?
Und wie, wenn jedes Poetenherz vermöchte
Zu rütteln am Weltenlauf?

Ins Deutsche „umgedichtet“ von Paul Lüth, aus: FRÜHLING SCHWERTER FRAUEN. Umdichtungen japanischer Lyrik mit einer Einführung in Geist und Geschichte der japanischen Literatur von PAUL LÜTH. Berlin: Paul Neff, 1942, S. 131. (Die Überschrift ist sicher eine Zutat für den europäischen Geschmack, sowas brauchten die Japaner nicht.)

(Leider konnte ich in meiner Sammlung keine weiteren Gedichte bzw. anderen Fassungen finden.)

Weine nicht

Albert Vigoleis Thelen 

(* 28. September 1903 in Süchteln am Niederrhein; † 9. April 1989 in Dülken am Niederrhein)

Verdammnis

Weine nicht, weil du nicht weinen kannst
über die heiligen Wetterschläge der Welt:
Das öffentliche Ärgernis im Garten Eden,
die göttliche Sintflut,
Sodom und Gomorrha,
das Aussterben der Saurier mit Kind und Kegel,
der Untergang der Atlantis mit Mann und Maus,
der Untergang der Titanic mit Mann und Maus,
der Untergang von 2367 Sprachen
benebst deren Sprechern,
der Ausbruch des Krakataus,
der Luës,
des Burenkriegs,
der Maul- und Klauenseuche,
Zyklon und Orkan,
Taifun und Tornado,
die Erfindung des Steinbeils und Hiroshima,
das Kino-Unglück in Harburg,
Bleidächer, Gummizellen und Gaskammern,
der Blutlimes um Berlin,
eine erwürgte Braut,
eine lebendgebärende Päpstin,
ein gottloser Gott,
ein – und du weinst immer noch nicht?
Sei dann eindächtig der Zwiebel (allium cepa):
sie löst dir das Rätsel der Tränen
und die Träne dazu.
146

Aus: Albert Vigoleis Thelen, Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: claassen, 1979, S. 146

Jung und Alt

Rudolf Borchardt als Nachdichter. Aus seinem eigen-artigen Dante hatte ich schon gelegentlich was eingerückt. Heute Shakespeare.

William Shakespeare

The Passionate Pilgrim

XII.

Crabbed age and youth cannot live together:
Youth is full of pleasance, age is full of care;
Youth like summer morn, age like winter weather;
Youth like summer brave, age like winter bare.
Youth is full of sport, age's breath is short;
Youth is nimble, age is lame;
Youth is hot and bold, age is weak and cold;
Youth is wild, and age is tame.
Age, I do abhor thee; youth, I do adore thee;
O, my love, my love is young!
Age, I do defy thee: O, sweet shepherd, hie thee,
For methinks thou stay'st too long.
Huzelalt und Jung taugt nicht wol zusammen:
Jung ist voller Mutwill, Alter vielgeplackt,
Alt ist Winters Wetter, Jung wie Sommers Flammen,
Jung wie Sommer nett, Alt wie Winter nackt;
Jugend hüpft so leicht, Alter Odem keicht,
Jung ist flink und Alt ist lahm,
Jung ist heiß und jach, Alt ist kalt und schwach,
Jung ist wild und Alt ist zahm.
Alt und Dich zerschmettr' ich, Jung und Dich vergöttr' ich.
Oh mein Schatz mein Schatz ist jung!
Trutz Dir, alt, und wüt Dich! Hirte süß, oh hüt Dich –
Denn mich dünkt Du bliebst bei mir genung.

Aus: Rudolf Borchardt, Gedichte II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985, S. 216

Berliner Pfingsten

Mal was Klassisches, Buntes, und zwar zum Tage.

Gottfried Keller

Berliner Pfingsten

Heute sah ich ein Gesicht,
Wonnevoll zu deuten:
In dem frühen Pfingstenlicht
Und beim Glockenläuten
Schritten Weiber drei einher,
Feierlich im Gange,
Wäscherinnen, fest und schwer!
Jede trug 'ne Stange.

Mädchensommerkleider drei
Flaggten von den Stangen;
Schönre Fahnen, stolz und frei,
Als je Krieger schwangen,
Blau und weiß und rot gestreift,
Wunderbar beflügelt,
Frisch gewaschen und gesteift,
Tadellos gebügelt.

Lustig blies der Wind, der Schuft,
Lenden auf und Büste,
Und von frischer Morgenluft
Blähten sich die Brüste!
Und ich sang, als ich gesehn
Ferne sie entschweben:
Auf und laßt die Fahnen wehn,
Schön ist doch das Leben!

Bild: KI

Kein & Ein

Dorina Marlen Heller & Sofie Morin

Kein Schreibtisch

Kinder
Kinder und Wäsche

Wäsche
Wäsche und eine Frau

Kinder
Kinder und eine Frau

eine Frau und Kinder und Wäsche und
eine Frau und ein SchreibKüchentisch

Sofie Morin
zum 50. Todestag von Marlen Haushofer am 21. März 2020,
einer der vielen Schriftstellerinnen am Küchentisch

Eine Nacht

Beziehung
Beziehung und Kiste

Kiste
Kiste und eine Frau

Beziehung
Beziehung und eine Frau

eine Frau und Beziehung und Kiste und
eine Frau und ein NachtSchriftzug

Dorina Marlen Heller
zum 59. Todestag von Sylvia Plath am 1. Februar 2022,
einer der vielen Schriftstellerinnen mit schreibhinderförderlicher Beziehungskiste

Aus: Dorina Marlen Heller / Sofie Morin: Schwestern im Vers. Zwiesprachen zwischen morgen und Frausein. Band 12 der Reihe vers libre – Zeitgenössische österreichische Lyrik. Hrsg. Alexandra Bernhardt. Wien: Edition Melos, 2022, 2. Aufl., 2023, S. 133

Bild: AI

Rezept für Verbreitung vergessener Dichter

Heute ein Schimpfgedicht des Dichters Rudolf Borchardt auf den Literatur-, Wissenschafts-, was auch immer, jedenfalls -Betrieb.

RINNESANGSE

Rezept für Verbreitung
Vergessener Dichter:
Sechs Bösewichter
Zur Vorbereitung
Per Tageszeitung,
Orchesterbegleitung
In kritischen Blättern
Durch die üblichen Spiegelfechter;
Melchior Lechter,
Piefkelettern;
Ohrfeigengesichter
Schreiben die Einleitung –
Kommt das Hyänengelichter
Keiner niederzuwettern?
Toter, steh auf und schrei nach einem Richter,
Es zu zerschmettern!

(Um 1910)

Aus: Rudolf Borchardt, Gedichte II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985, S. 123

jeder nach seiner fasson

Gerhard Rühm 

(* 12. Februar 1930 in Wien)

KNOPF UND REISSVERSCHLUSS

es reizt der knopf den reissverschluss:
„du armer hast nicht viel genuss.
du ziehst dich zu, du ziehst dich auf,
das ist dein ganzer lebenslauf.
ich hingegen schlüpfe doch
durch ein passend holdes loch,
das mich umschliesst,
bis michs verdriesst."

der reissverschluss, auf sich gestellt,
verrät aus seiner eigenwelt,
dass ihm das auf und ab allein
vergnügen schon genug kann sein.

so lernten beide dieses davon:
jeder mags nach seiner fasson.

Aus: Das Gedicht. Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik. Hrsg. von Anton G. Leitner. Anton G. Leitner Verlag. 8. Jahrgang, Nr. 8, «Erotik-Special», Herbst 2000 bis Sommer 2001, S. 23

Was Gedichte dürfen

Axel Kutsch

(* 16. Mai 1945 in Bad Salzungen)

Was Gedichte dürfen

In diesem Gedicht sehen Sie
einen Eisberg versinken
und die Passagiere der Titanic
auf den Untergang trinken.

Nach der Ankunft erzählen sie
ihren Verwandten froh:
Stellt euch vor, wir reisten mit
Kate Winslet und Leonardo DiCaprio.

Doch die Verwandten
fragen sichtlich betroffen:
Ihr seid hier in New York
und nicht abgesoffen?

So ist es, wenn Eisberge
im Wege steh'n:
In Gedichten läßt
man sie untergeh'n.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 171

Hymne

Fuad Rifka

(arabisch فؤاد رفقة , DMG Fuʾād Rifqa; * 28. Dezember 1930 in Kafroun bei Tartus, Syrien; † 14. Mai 2011 in Beirut)

Hymne

Die Sehnsucht der Oliven nach der Ölpresse,
die Sehnsucht der Ölpresse nach den Krügen,
die Sehnsucht der Krüge nach dem Öl,
die Sehnsucht des Öls nach dem Brot,
die Sehnsucht des Brots nach den Händen.
Die Sehnsucht der Erde nach dem Himmel,
die Sehnsucht des Himmels nach der Erde.

Aus dem Arabischen von Stefan Weidner, aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Hrsg. u. übers. von Stefan Weidner. München: C. H. Beck, 2000, S. 94

Eine Nacht (und ein Kommentar)

Horst Samson 

(* 1954 in Salcâmi, Bărăgan, Volksrepublik Rumänien, lebt in Neuberg, Hessen)

Die Physikerin. Eine Nacht

Sie trug ihre schönste Haut,
Denn es war Sonntagabend. Und sie hatte
Schwarzen Lidschatten unter den Augen.

Ihr hellblaues Kleid war ein Fetzen
Moskauer Himmel im Hotel.
Wir hatten es eilig, rieben

Ungeduldig die nackten Körper
Aneinander, setzten sie in Brand.
Noch nie hatte ich so einen

Sonnenaufgang erlebt. Zurück blieb
Ein Zimmer voller Rauch und Asche.
Eine verlassene Wodkaflasche.

Aus: Ralf-Rainer Rygulla, Marco Sagurna (Herausgeber): Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Europa. Frankfurt am Main: axel dielmann – verlag, 2022, S. 285

NB: Ich hab heute in dieser Anthologie geblättert und ein Gedicht ausgesucht, aber dennoch eine Anmerkung, nicht zum Gedicht, aber zur Auffindungssituation. Die Herausgeber Ralf-Rainer Rygulla und Marco Sagurna sagen im Untertitel „Poetische Töne aus Europa“. Der Haupttitel aber verweist auf „den Osten“, und in einer Vorbemerkung sagt Sagurna: „Wer keine milden Gedichte oder Partylyrik will, muss ostwärts schauen. Hier finden sich Texte, die als Texte bestehen.“ (ebd. S. 6). Kann man so sehen oder anders. Was aber zeigt die Anthologie? Sie versammelt laut Autorenliste Gedichte aus Osteuropa incl. Türkei, Zypern und den ehemals sowjetischen Republiken, auch die mit Moskaus Segen abtrünnige „Republik“ Abchasien ist dabei, aber ohne Griechenland oder Finnland.

Unter den vertretenen Autor*innen sind auch einige deutschsprachige Autoren, wie Dagmara Kraus (laut Anthologie aus Polen), Horst Samson (Rumänien), Ilma Rakusa (Slowakei) und Jan Faktor (Tschechien). Rakusa lebt seit 1951 (!) in der Schweiz, Samson seit 1987 in der Bundesrepublik, Faktor war Teil der Ostberliner Untergrundszene der späten 70er und der 80er Jahre, Kraus studierte in Deutschland, schreibt auf Deutsch und lebt und arbeitet in Deutschland – Stimmen aus Osteuropa? Die Anthologie gibt leider keine Quellenangaben. Dieses Gedicht von Samson stand in dem Band „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“, er erschien 2014, es ist dort datiert: 2012. Osteuropa? Der Wikipediaartikel über Samson sagt, er sei ein „rumäniendeutscher Schriftsteller und Journalist“ – ach wirklich? Geht es im Literaturbetrieb nach dem Abstammungsprinzip, wie man in manchem Provinzkaff streng zwischen „Eingeborenen“ und „Zugezogenen“ (selbst wenn die seit Jahrzehnten dort leben) unterscheiden mag? (Zugezogen, wo habe ich das zuletzt gelesen, ach ja, Brief des Liedermachers Wenzel in einer uralten Tageszeitung mit dem Titel „junge Welt“, in dem er behauptet, gegen ihn sei ein Auftrittsverbot verhängt, und den „Zugereisten“ trotzig zuruft: „Was wisst Ihr über die DDR?“ So in der genannten Zeitung am 4. Mai.)

Ja, das meine ich. Weg mit den Schubladen. Rakusa, Faktor, Samson, Kraus & Co. sind deutsche Autoren. Man soll ihre Arbeit aus ihren Texten beurteilen, nicht aus irgendeiner „Osteuroparomantik“ oder welcher mythischen „Identität“ auch immer.

Mitherausgeber Marco Sagurna verweist darauf, dass der Band sehr wohl exakte Quellenangaben enthält. Das ist richtig und ich bedaure meinen Fehler. Außerdem betont er, dass in der Anthologie nirgends von „Autor*innen aus Osteuropa“ die Rede ist, sondern von Autor*innen, „die ihre Wurzeln in Osteuropa haben“. Das ist formal korrekt, obwohl die Mehrheit vermutlich doch aus Osteuropa stammt und dort lebt. Meine Skepsis gegen die Aussage, „Wer keine milden Gedichte oder Partylyrik will, muss ostwärts schauen“, bleibt indes bestehen. Und wer zum Beispiel Gedichte von Samson lesen will, muss eher westwärts schauen, wo Samson und sein Verleger wohnen. Und dass jemand, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt und überwiegend dort veröffentlicht, ein deutscher Autor ist und nicht, wie Wikipedia in diesem Fall meint, ein rumäniendeutscher, das bleibt meine Meinung.

Ein Schatten

Eugenio Montale

(* 12. Oktober 1896 in Genua; † 12. September 1981 in Mailand) 

Xenien 13

Dein Bruder starb sehr jung, du warst
das strubbelige Mädchen, das mich ansah
»in Pose« vom Oval eines Porträts.
Er komponierte Unerhörtes, Ungehörtes,
Stücke, die heute in irgendeiner Truhe liegen,
Makulatur geworden. Vielleicht erfindet jemand
sie unbewußt neu, wenn das Geschriebene geschrieben bleibt.
Ich mochte ihn, ohne ihn je gekannt zu haben.
Außer dir erinnerte sich niemand mehr an ihn.
Ich habe nicht recherchiert: Nun ist es zwecklos.
Nach dir bin ich der einzige, für den
es ihn gegeben hat. Doch man kann, du weißt,
auch einen Schatten lieben. Die wir selber Schatten sind.

Aus dem Italienischen von Theresia Prammer. In: Sinn und Form 3/2024, S. 316

Man lerne, was auftaucht

Das lyrische Ich dieser Texte ist nicht humanes Deutungszentrum, sondern schmerzempfindliche Membran, „Erinnerung der Erde“, zufälliger Kreuzungspunkt, Echo oder Spiegelreflexion. Viele dieser Gedichte lesen sich wie Lehrstücke zum Verlernen der abendländischen Subjektivität, wie Anleitungen hin zu einem anderen Blick, einem Blick vom Anderen, Nicht-Menschlichen aus.

Christian Filips, Nachwort zu Ágnes Nemes-Nagy: Mein Herz: ein See.
Man lerne

Man lerne. Winterbäume.
Wie sie im Raureif stehen.

Man lerne. Sommerwolken.
Wie Himmelswälder glühen.

Man lerne Honig, Walnuss,
Raumschiff und Pappelbaum,

Wörter wie Montag, Hétfő,
Kedd und Freitag auch,

Ungarisch, alle Sprachen,
man lerne, was auftaucht.

Was leuchtet, Zeichen gibt:
Man lerne, was man liebt.

Deutsch von Christian Filips und Orszolya Kalász, aus: Ágnes Nemes Nagy, Mein Hirn: ein See. roughbook 056. Berlin, Budapest und Schupfart 2022, S. 41

Auch hier eine automatische Übersetzung von Google:

Screenshot
Tanulni kell

Tanulni kell. A téli fákat.
Ahogyan talpig zuzmarásak.

Tanulni kell. A nyári felhőt.
A lobbanásnyi égi-erdőt.

Tanulni kell mézet, diót,
jegenyefát és űrhajót,

a hétfőt, keddet, pénteket,
a szavakat, mert édesek,
tanulni kell magyarul és világul,
tanulni kell mindazt, ami kitárul,

ami világít, ami jel:
tanulni kell, szeretni kell.

Bäume lernen

Die ungarische Lyrikerin Ágnes Nemes Nagy las ich, mit angehaltenem Atem, in den 80er Jahren in der Nachdichtung Franz Fühmanns. Vor zwei Jahren frischte eins der roughbooks Urs Engelers die Lektüre auf, es gab Wiedererkennbares, vor allem aber Neues. Ich hatte für heute eins der Gedichte aus dem neueren Band in der Übersetzung und Nachdichtung von Christian Filips und Orsolya Kalász ausgesucht, aber dann erinnerte es mich an etwas, was ich aus Fühmanns Band zu kennen glaubte. Das erste Gedicht des DDR-Inselbändchens von 1986, damals wieder und wieder gelesen, war auf einmal so ähnlich, dass ich für möglich hielt, es könnte eine stark abweichende Fassung desselben Gedichts sein. Von der Dichterin aufgegriffen und verändert? Vom Nachdichter so anders aufgefasst? Man vergleiche die Anfänge:

Bäume im Frost. Ihr Schüler sein.
Rauhreif hüllt bis zum Fuß sie ein.

(Fühmann 1986)

Man lerne. Winterbäume.
Wie sie im Raureif stehen.

(Filips / Kalász 2022)

Tatsächlich erlaubt (und erfordert) der andersartige, agglutinierende Sprachbau des Ungarischen unterschiedliche Ansätze. Es sind tatsächlich zwei Gedichte, aber die ersten Zeilen sind identisch. Die neue Ausgabe übersetzt beide Gedichte, sie stehen sogar direkt nacheinander, und weil das roughbook dankenswerterweise alle Gedichte zweisprachig abdruckt (in dem Inselband gab es nur wenige Proben des Originals), konnte ich das Mysterium teilweise durchdringen. Ich habe mich nun entschieden, beide Gedichte zu bringen und beginne mit dem einen Gedicht, das beide übersetzt haben.

Die Bäume

Bäume im Frost. Ihr Schüler sein.
Rauhreif hüllt bis zum Fuß sie ein.
Ein Vorhang, der sich nicht bewegt.

Erlernen muß man jene Säume,
wo der Kristallglanz sich beschlägt
und der Baum in den Nebel schwimmt
wie ein Leib in Erinnerungen.

Unten der Fluß, der sich nicht regt,
der Ente stummer Flügelschlag
und die blindweiße, blaue Nacht,
drin Dinge mit Kapuzen stehen.
Erlernen muß man, was die Bäume
schweigend vollbringen Tag um Tag.

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. Leipzig: Insel, 1986, S. 7

Bäume

Man lerne. Winterbäume.
Raureif, von Wurzel bis Krone.
Vorhänge, unbeweglich.

Man lerne auch die Zone,
in der Kristall verdampft,
dass Bäume Nebel werden
wie im Gedächtnis die Körper.

Die Flüsse hinter Bäumen,
Wildenten still im Flug,
in blauer Nacht, schneeblind,
Vermummtes, das sich zeigt,
man lerne auch die Taten
der Bäume, ungesagt.

Deutsch von Christian Filips und Orszolya Kalász, aus: Ágnes Nemes Nagy, Mein Hirn: ein See. roughbook 056. Berlin, Budapest und Schupfart 2022, S. 39.

Ich hänge noch eine automatische Übersetzung von Google dran.

Fák

Tanulni kell. A téli fákat.
Ahogyan talpig zúzmarásak.
Mozdíthatatlan függönyök.

Meg kell tanulni azt a sávot,
hol a kristály már füstölög,
és ködbe úszik át a fa,
akár a test emlékezetbe.

És a folyót a fák mögött,
vadkacsa néma szárnyait,
s a vakfehér, kék éjszakát,
amelyben csuklyás tárgyak állnak,
meg kell tanulni itt a fák
kimondhatatlan tetteit.

Ebd. S. 38

Mond

Heute vor 30 Jahren starb der niederländische Dichter und Künstler Lucebert (* 15. September 1924 in Amsterdam; † 10. Mai 1994 in Alkmaar), der Mitglied der Künstlergruppe COBRA war. Im September kann man seinen 100. Geburtstag begehen. Wir üben schon mal.

mond

großes blankes gesicht sonniger wind
ich sehe der erschreckten sterne herzen
aufgehen untergehen und auch
die allzeit brennend küssende
marmorfrucht deines mundes dazwischen

Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still, aus: Lucebert: Die Silbenuhr. Ausgewählte Gedichte und Zeichnungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 32.