Karl Shapiro
(auch Carl Jay Shapiro, geboren 10. November 1913 in Baltimore; gestorben 14. Mai 2000 in New York City)
Das nennen Sie Gedichte?
In Haiderabad, Stadt gleißender Marmorpaläste,
Universität aus weißem Marmor,
Spielzeug der Nizam, las ich etwas Lyrik
Von William Carlos Williams, Amerikaner.
Und die gebildeten und weltmännischen Hindus
Und die gutgekleideten Muslime sagten,
«Das nennen Sie Gedichte?
Sind diese Dinger Lyrik?»
Viele Jahre schrieb ich selber Lyrik,
Die den kultivierten Muslimen und Hindus wohlgefiel,
Wirkungsvolle Gedichte, im jambischen Pentameter,
Mit maskuliner Inversion im zweiten Fuß,
Gefrorene Gedichte, Eispickel in ihrem Kern,
Und lauter Anspielungen aus anderer Leute Bücher.
Anm.: Nizam, Titel der früheren Herrscher in Haiderabad
Deutsch von Mitch Cohen, aus: Englische und amerikanische Dichtung 4. Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Eva Hesse und Heinz Ickstadt. München: C. H. Beck, 2000, S. 343
You Call These Poems?
In Hyderabad, city of blinding marble palaces,
White marble university,
A plaything of the Nizam, I read some poetry
By William Carlos Williams, American.
And the educated and the suave Hindus
And the well-dressed Moslems said,
«You call those things poems?
Are those things poems?»
For years I used to write poems myself
That pleased the Moslems and Hindus of culture,
Telling poems in iambic pentameter,
With a masculine inversion in the second foot,
Frozen poems with an ice-pick at the core,
And lots of allusions from other people's books.
Ebd. S. 342
Hart Crane
(* 21. Juli 1899, heute vor 125 Jahren, in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 im Golf von Mexiko)
Schwarzes Tamburin
Die Wünsche eines schwarzen Manns in einem Keller
Verkünden spätes Urteil an der Welt verschlossnem Tor.
Schnaken tanzen dort im Schatten einer Flasche,
Und eine Schabe grätscht über einen Spalt im Flur.
Æsop, ins Grübeln gebracht, fand
Himmel bei Schildkröt und bei Has;
Fuchsschwanz und Sauohr deckt sein Grab
Und flimmernder Luftgesang das Gras.
Der schwarze Mann, verloren in dem Keller,
Wandert durch Mittelwelten, dunkle, die da liegen
Zwischen seinem Tamburin, fest an der Wand,
Und, in Afrika, einer Leiche quick mit Fliegen.
Black Tambourine
The interests of a black man in a cellar
Mark tardy judgment on the world's closed door.
Gnats toss in the shadow of a bottle,
And a roach spans a crevice in the floor.
Æsop, driven to pondering, found
Heaven with the tortoise and the hare;
Fox brush and sow ear top his grave
And mingling incantations on the air.
The black man, forlorn in the cellar,
Wanders in some mid-kingdom, dark, that lies,
Between his tambourine, stuck on the wall,
And, in Africa, a carcass quick with flies.
Deutsch von Heinz Ickstadt. Aus: Englische und amerikanische Dichtung 4. Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Eva Hesse und Heinz Ickstadt. München: C. H. Beck, 2000, S. 194f
Alexander Blok
(russisch Александр Александрович Блок, wissenschaftliche Transliteration Aleksandr Aleksandrovič Blok (in deutschen Ausgaben manchmal Block); * 16. Novemberjul. / 28. November 1880greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)
Aus dem Zyklus "Lieder von der schönen Dame"
***
Es entzünden sich heimliche Male
An der blinden und schlafenden Wand.
Rot und goldene Augen erstrahlen
Und belasten den Schlaf, den ich fand.
Ich verkriech' mich in nächtliche Höhlen
Und vergesse, was streng und schön.
In der Früh – schauen blaue Chimären
Aus den Spiegeln der grellen Höhn.
Ich entflieh in gewesene Zeiten
Und bedecke die Augen, den Kopf —
Auf des Buches erkaltenden Seiten
Liegt ein goldener Mädchenzopf.
Tiefer lagert das Himmelsgewölbe,
Schwarzer Traum meine Seele umwand.
Nicht mehr weit ist mein schicksalhaft Ende,
Und die Zukunft bringt Kriege und Brand.
Oktober 1902
Aus dem Russischen von Wanda Berg-Papendick, aus: Der Mystiker Alexander Block im Spiegel seiner Lyrik. Ausgewählte Dichtungen. Frankfurt/Main: Possev, 1967, S. 50f
***
Разгораются тайные знаки
На глухой, непробудной стене.
Золотые и красные маки
Надо мной тяготеют во сне.
Укрываюсь в ночные пещеры
И не помню суровых чудес.
На заре — голубые химеры
Смотрят в зеркале ярких небес.
Убегаю в прошедшие миги,
Закрываю от страха глаза,
На листах холодеющей книги –
Золотая девичья коса.
Надо мной небосвод уже низок,
Черный сон тяготеет в груди.
Мой конец предначертанный близок,
И война и пожар — впереди.
Октябрь 1902
Konstantin Ames
Illyrisch gedacht an Schnauzers braune Nacht
Wir sind trainiert, Dichtungen wie
Artefakte zu betuen. Die Klempner
schmunzeln. Dabei ist alles dran (im Schnitt)
an so einem Poem: Pimmel Kehle Kommata
Möse Zunge Zähne; es riecht. Oft stinkt's.
Theorie das Parfum. Kloppo, der echte, wusste reiner.
Messias daher als Lehms Thema. Dann guckt keiner
so genau nach unterm Gewandhaus.
Der auf Brücken singt das Faust-
recht: Jedem Vers seine Schwörungstheorie
(und Uta kamen schon löchrigere zu Ohren)
löst sich als Häufchen gern vom läufigen Hund.
Also Urnen betupfen; da geht das Mehl einem nie aus.
Für Michael Spyra
Aus: Konstantin Ames, Verständniserklärun/ g 2 Kapitel. Gedichte. Berlin: Noack & Block, 2023, S. 53
Jakub Lorenc-Zalěski (deutsch Jacob Lorenz; * 18. Juli 1874 in Radibor; † 18. Februar 1939 in Berlin)
Der sorbische Schriftsteller und Publizist, Großvater des deutschen und sorbischen Dichters Kito Lorenc, wurde heute vor 150 Jahren geboren. Hier eins seiner Gedichte, ins Deutsche übersetzt von Kito Lorenc. Vorangestellt habe ich die Biografie aus der von Kito Lorenc herausgegebenen Anthologie „Das Meer. Die Insel. Das Schiff“.
Jakub Lorenc-Zalěski
Auch Jacob Lorenz. Geboren 1874 in Radibor bei Bautzen als Sohn eines Kleinbauern und Tagelöhners. 1887-89 Präparande des Katholischen Lehrerseminars in Bautzen. Ab 1889 Zögling des Wendischen Seminars und deutschen Gymnasiums in Prag, das er nach anderthalb Jahren verließ, um in Sachsen die Forstlaufbahn einzuschlagen. 1891-93 Forst-Lehre in Dornreichenbach. 1893-95 Militärdienst in Wurzen. 1895 Forstamtsvolontär in Schirgiswalde, später in Belzig. Nach literarischen Anfängen in der Studentenzeitschrift »Kwetki« veröffentlichte er 1896 erstmals unter dem Autorennamen Zalěski (der-hinter-dem-Wald). 1898-1905 Oberförster in Strempt/Eifel. Übernahm 1905 die Aufsicht über die Wälder und Sägewerke des Thyssen-Konzerns in Oberlohberg bei Dinslaken/Niederrhein. 1920 Rückkehr in die Lausitz und Versuch, sich in Weißwasser, später im nahen Schleife als Unternehmer eine unabhängige schriftstellerische Existenz zu sichern. Aktiv in der Minderheitenpolitik und langjähriger Vorsitzender der sorbischen Autorenorganisation »Koło serbskich spisowaćelow«. Nach Repressalien seitens der Nazibehörden 1938 im Ruhestand in Berlin. Gestorben 1939. In der sorbischen Literatur vor allem als Erzähler hervorgetreten, hat Zalěski ab und an auch Gedichte verfaßt und um 1935 begonnen, seine bekannte Prosadichtung »Kupa zabytych« (Die Insel der Vergessenen, als Buch erstmals 1931 erschienen) in Verse zu fassen.
Letzte Stunde
Wenn der Mensch seine letzte Stunde von fern schon
schlagen hört, wenn Einsamkeit um ihn schattend wächst
und Knochenhände greifen nach ihm aus dem Dunkel,
so strauchelt sein Fuß, und vor ihm versinkt der Weg.
Wohl ist er noch Herr seiner Gedanken, doch versagen sie
den Dienst jetzt, fliehen ohne Wiederkehr, je mehr er sie ruft.
Von weitem hört er das Rauschen des Flusses Kidron,
strengt den Blick an, doch sieht er weder Furt noch Ziel.
Flammen schlagen aus ihm, er entbrennt wie Zunder,
aus tiefster Finsternis gehn zwei Lichter ihm auf,
und mit andern Augen blickt er durch sie in die Welt:
Sich selbst erblickt er, sieht, daß er flieht aus ihr.
O halte ein, flüchte nicht – es tost das Meer.
Schau doch zur Linken, dort locken Frohsinn, Tänze und Lust!
Wirf ab den Mantel, streich aus den Augen das Tränengespinst,
schnell spring ins Boot, setz über zum jenseitigen Ufer.
Aus dem Obersorbischen von Kito Lorenc, aus: Kito Lorenc (Hrsg.), Das Meer Die Insel Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ins Deutsche übertragen von Kito Lorenc, Albert Wawrik, Róža Domašcyna u.a. Mit einem Geleitwort von Peter Handke und einem Nachwort von Christian Prunitsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 183
Rainer Kirsch
(* 17. Juli 1934, heute vor 90 Jahren, in Döbeln/Sachsen; † 4. September 2015 in Berlin)
Sterbelager preußisch
Merkbare Sätze, hör ich, sind vonnöten.
So daß, wenn du schon ahnst, daß du bald kippst,
Du immerhin vor Schluß die Zeichen übst,
Die andern ohne dich an Auskunft böten,
Was die, träg lallend, eignen Blicks nicht finden:
Der Stumpfsinn ihre Brunst. So aber bleibt
Was Stachelndes, das sie zum Blinzeln treibt:
Die Mücken, doch noch, tanzen um die Linden,
Mittage wehn, Handwerker kaufen Schnaps,
Systeme blühn und reifen zum Kollaps,
In ferner Landschaft schießt man sich um Reis,
Der Tod hebt an im Mund, sein Farb ist weiß;
Und schneller drehn sich in der Welt die Dinge,
Um die es, ginge es um noch was, ginge.
Oktober 1986
Aus: Rainer Kirsch, Kunst in Mark Brandenburg. Gedichte. Rostock: Hinstorff, 1988, S. 37
Jörg Fauser
(* 16. Juli 1944, heute vor 80 Jahren, in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München)
Das Gewicht der Seele
Heute früh ein Brief aus Berlin.
Eine Freundin teilt mit, dass amerikanische
Wissenschaftler durch eine Wiegemethode
vor, während und nach dem Sterben
herausgefunden haben: beim
Überqueren des letzten Flusses
gehen dem Menschen 21 Gramm
Gewicht verloren,
das Gewicht,
nehme ich an,
der Seele.
Heute Abend ein Anruf, ein Freund
in London ist gestorben,
31 Jahre, Hirnschlag,
jetzt schon verwesender Leib
minus 21 Gramm Seele.
Die Stadt Wien wirst du nicht mehr
abbrennen sehen, Benny, und nicht
den Planeten Venus.
Wie hieß das letzte Mädchen?
War die Maschine gut geölt,
was war im letzten Glas?
Und wem galt dein letzter
Zorn?
Wog deine Seele diesen Leib
nicht mehr auf und zerschlug
dir das Hirn?
Ratlos sitzen deine Freunde vor den Frauen,
seltsam schmecken die Getränke, kälter
scheint die Erde.
Freudlos sitze ich diese Nacht über den Tasten
und verstehe doch nichts anderes
als mich an die 21 Gramm zu klammern,
die meine Finger schreiben machen
und meine Träume vorbereiten
auf den Tod.
Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 276f
Lucía Sánchez Saornil
(* 13. September 1895 in Madrid; † 2. Juni 1970 in Valencia) war eine spanische Schriftstellerin und Anarchistin. Sie war eine der Gründerinnen der feministischen Organisation Mujeres Libres. https://de.wikipedia.org/wiki/Luc%C3%ADa_Sánchez_Saornil
Selbstporträt
Das Raffinierte am modernen Leben
raubt mir die Kraft, entflammt die Hysterie.
Und durch Verzweiflung, Tod, ewige Nebel
rollt mir mein Hirn hinab zum Ennui.
Die schwarzen Augen schweigen, suchen Ruh,
ein vages Lächeln um die welken Lippen ...,
in stiller Nacht erschrocken zitterst du,
sagst triste Verse auf, wie in solennen Riten.
In solcher Nacht, so still und kristallin,
erwarte ich den Tod, in weißen Betten,
– im Blut die Überdosis von Morphin –
die Perversionen, schlaue Raffinessen,
am Morgen findet mich die Morgenröte,
tot lieg ich da, im Maul die Opiumflöte.
Cádiz-San Fernando Nr. 99
30. Mai 1917
Aus dem Spanischen von Birgit Kirberg und Christian Filips, aus: Lucía Sánchez Saornil, Kopfüber Pyramiden. hochroth Berlin 2024, S. 4
AUTORRETRATO
Este refinamiento de la vida moderna,
arde mis energías en llamas de histerismo;
por la duda y la muerte en confusión eterna
rodará mi cerebro hasta el siniestro abismo...
Llevo quietos los ojos, negros y taciturnos,
una sonrisa vaga en los labios marchitos...,
en la calma medrosa de los negros nocturnos
recito versos tristes, solemnes como ritos.
Acaso en una noche, serena y cristalina,
en la albura del lecho esperaré a la Muerte
- la sangre envenenada de perlas de morfina -
en perversos placeres refinados y sabios,
y la nueva alborada sorprenderame inerte
con la pipa de opio en los rígidos labios.
Cádiz-San Fernando n.° 99
30 de mayo de 1917
Christine Lavant
(eigentlich Christine Habernig, geborene Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)
Trau der Mannschaft deines Seglers zu,
daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
jeder noch bis übers Kinn besoffen,
aber hingehn und das Seine tun!
Zwischen Sternen, die zum Teufel gingen,
ist es herrlich, selbst den Belzebuben
so im Leib zu haben wie die Kerle
deines gottverdammten Leichenkastens.
Glaubst du denn, der Wind trägt dich dorthin,
wo du hinwillst? – jeder Wind ist herrlich
und verwandt mit aller Teufelei!
Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
das er einsteckt, ohne es zu merken,
wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.
Deine Mannschaft, die du bündeln willst
und aus ihrem Rücken Riemen schneiden,
schnitzt für dich aus einer Erdnußschale
noch ein viel zu großes Rettungsboot.
Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!
Dieses Schiff wird nie verständig werden –
melde oben bei dem Bootsverleiher,
daß wir brüllend und das Maul voll Suff
seine Sterne aus der Hölle holen.
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: Sigbert Mohn, o.J. (1965), S. 381
Claus Bremer
(* 11. Juli 1924 in Hamburg; † 15. Mai 1996 in Forch)
Schreiben um – trotz Wirtschaftsdruck – offen zu halten. Seit 1966 kommentiere ich meine konkrete Poesie. Wie – beispielsweise – in diesem Essay. Ich führte den Kommentar des Autors als Bestandteil des Gedichts ein. Beispiel im Beispiel: Die Sitzende.

Naivität zu glauben, die Frau wird gelesen. Der Blickfang ist alles. Was hat die für Busen? Wer ist das? Seine Frau? Nichts von Gleichsetzung Form und Inhalt.
Dass hier Frau, Ganzheitsbezug, Nacktheit, Natur, mit der Unbesiegbarkeit der Revolution und ihrem Wiederaufstehen gleichgesetzt werden, kommt nicht zur Diskussion. Die Wirtschaft, die Werbung hat der Frau ihren Platz zugewiesen: die nackte Frau als Bassin der Kaufgelüste, als Köder an der Angel des Konsumzwangs. Wozu also die Mühe, und sich erlesen, was im Zweifelsfall von Wasserwerfern, Gummigeschossen, Tränengas etc. berichtigt wird.
Das Bild wird nicht mehr gelesen, das Wort nicht mehr gepackt, nicht mehr ins Verhältnis gesetzt. Das Wort entzieht sich. Bild und Wort sind Klischee geworden. Das heisst, Bild und Wort werden nur soweit aufgenommen, wie sie Klischee geworden sind, Computer-Nahrung, Objekte für den Taschenrechner. Beispiel: die stehende Taube (sie ist von meinen Tauben die bekannteste, hat Weltreisen in der Volière von Ausstellungen konkreter Poesie gemacht). Ein Blick: Taube, gut zu erkennen, sauber getippt. Die Frage nach der Bedeutung steht nicht zur Debatte. Für die einen ist Taube = Friedenstaube = kommunistisch angehaucht, für die anderen Heiliger Geist, was das auch immer heisst, jedenfalls christlich. Auch der Text, aus dem die Taube getippt ist, wird nicht gelesen. Die Werbung hat daran gewöhnt, dass Texte in Bildform das im Bild Gesagte wiederholen.
Aus: Claus Bremer, Farbe bekennen. Mein Weg durch die konkrete Poesie. Ein Essay. Zürich: orte-Verlag, 1983, S. 46f.
Kommentar der Lyrikzeitung
Von Deutschlehrern würde ich mir wünschen, dass sie nicht versuchen zu interpretieren, sondern Sehen und Lesen ermutigen. Wenn man hinsieht, bemerkt man, dass in jeder Zeile ein einziges Wort steht, das unterschiedlich oft wiederholt wird, je nach Zeilenlänge bzw. Zeichnung vorn oder hinten abgeschnitten. . Vielleicht bemerkt man nach ein paar spielerischen Versuchen, dass die Wörter jeder Zeile von oben nach unten, wenn man sie nur einmal spricht, einen zusammenhängenden Text ergeben. Da der Scan nicht sehr deutlich lesbar ist, gebe ich die Wörter und Satzzeichen der Zeilen, aus denen das Bild besteht, hier je einmal untereinander:
Ordnung
herrscht
;
So
läuft
die
Meldung
der
Hüter
der
Ordnung
,
jedes
halbe
Jahrhundert
von
einem
Zentrum
des
weltgeschichtlichen
Kampfes
zum
andern
.
Ihr
stumpfen
Schergen
!
Eure
Ordnung
ist
auf
Sand
gebaut
.
Die
Revolution
wird
sich
morgen
schon
rasselnd
wieder
in
die
Höh
richten
und
zu
eurem
Schrecken
mit
Posaunenklang
verkünden
:
ich
war
,
ich
bin
,
ich
werde
sein
.

Erich Mühsam
(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)
PRODUKTION
Denk ich zurück an meine frühsten Wochen:
Ich sog an hochgeblähten Ammenbrüsten,
von guten Tanten liebevoll berochen,
die zahnlos schnalzend den Popo mir küßten.
Doch was ich dann in stiller Reflexion
in meiner Wiege Windeltuch verrichtet,
mich mühsam reckend mit gestrafften Beinen,
das ward – des Kindes ganze Produktion –
in Seifenzubern und an Wäscheleinen
hinweggespült, getrocknet und vernichtet...
Das Kind ward groß. – Das Unglück wollt's: es dichtet.
Nun stehn um mich die Hinzen und die Kunzen
und fühlen zum Bewundern sich verpflichtet, –
und warten: wird der Pegasus nicht brunzen?
Doch was sich dann in stiller Reflexion
herausgequält und aufs Papier ergossen,
das lassen sie in hohlen Schädelfässern
verschmalzen, dann vertrocknen und verwässern, –
und meinen dabei: So wird Kunst genossen. – –
Mensch, hüte dich vor jeder Produktion!
Aus: ERICH MÜHSAM: AUSWAHL. Gedichte • Drama • Prosa. Mit einem Nachruf von Erich Weinert. Berlin: Volk und Welt, 1961, S. 72
Handschrift, Original und Übersetzung eines Gedichts des ukrainischen Dichters Wassyl Stus, der 1985 in einem sowjetischen Straflager starb und dessen Haft nicht einmal durch seinen Tod verbüßt war.


Aus: Versensporn 51: Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022 (Nur in einem Faltblatt, das dem Heft in den Exemplaren für Abonnenten der Reihe beigelegt war.)
Franz Fühmann
(* 15. Januar 1922 in Rokytnice nad Jizerou, Tschechoslowakei; † 8. Juli 1984, heute vor 40 Jahren, in Ost-Berlin)
Zum ersten Mal im Theater
O aller Verzauberungen
erste große Gewalt:
Im Mäander der Masken und Mythen
das Kind, zehn Jahre alt,
inmitten des schönen Spektakels
ein Schaum auf der Woge, die rauscht;
o Worte, die klagten und stiegen,
wie habe ich ihnen gelauscht!
Atemlos, mit hämmerndem Herzen
bei Bajazzo und bei Peer Gynt,
Mutter Aase verstorben vorm Schloßtor,
ach, Nächte weit weinte das Kind,
und der Wein, der Wein war verschüttet,
und wie schauerte mich, daß er rann
aus Jagos weißen Händen,
da des Mohren Tod er ersann;
und mördrisch vor die Pförtnerloge
der edle Macbeth kam herein,
über ihm, im unsichtbaren Chore,
hörte man die Hexen schrein,
und Lear trat auf, der Narrvater
auf der Heide, sturmumsaust –
so war dieses dunkle Theater
von Tränen und Toten behaust.
Ach die Tode, die mich trafen,
die Tränen, die ich trank,
diese Verzauberungen,
darinnen ich versank,
und als die Tränke mir stiegen
gewaltig vors Gesicht:
Leertrinken oder versinken,
ein Drittes gibt es nicht!
Da wußt ich: Die Tränen und Tode
zu zeichnen, ist dir bestimmt,
bestimmt, an den Tag zu zerren,
was im Dunkel das Herz dir grimmt;
wenn auch dein Herz daran blute
und es süßer wäre, stumm zu ruhn,
hast du im Taumel der Tage
eine Pflicht zu tun:
In das Dunkel zu sehen,
wenn es den Nachbarn bedroht,
deine Worte zu setzen
wider Fron und Tod,
immer für die Gefährten
Bajazzo, Othello, Peer Gynt
hier auf dieser unserer Erden,
wo sie waren, wo wir sind.
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