Die Reihe „Lyrik im ausland“ feiert ihr 25. Jubiläum – aus diesem Anlass haben wir Berliner Autorinnen und Autoren, die bisher bereits bei uns gelesen hatten, eingeladen, heute Abend jeweils einige Gedichte zu lesen, die im Ausland entstanden sind oder auf eine Reise zurückgehen. Wir freuen uns über die zahlreichen Zusagen und auf einen kaleidoskopischen Trip durchs Ausland im ausland auf zwei verschiedenen Routen, der in der Zusammenschau womöglich eine ausschnitthafte poetologische Ansichtskarte vom zeitgenössischen Reisegedicht zeigt.
Geöffnet ab 20 Uhr, Beginn um 21 Uhr | Musik: Zelda Panda!
Ihre Guides auf der Hinreise sind
Alistair Noon, Eberhard Häfner, Tobias Herold, Monika Rinck, Ron Winkler, Ann Cotten und Christian Filips,
es geht nach: London, Moskau, China, Syrien, Bulgarien, Sierra Leone, zu den Flüßen Pontus und Don, nach Tokyo, Madeira, Chernowitz, Venedig, Lickershamn, Tokyo und Kenia.
Von dort aus nach einer kurzen Umsteigepause mit
Alexander Gumz, Alban Nikolai Herbst, Tolgahan Kaftan, Lutz Steinbrück, Synke Köhler und Daniela Seel
zurück ins ausland über Italien, Argentinien, die USA, Neapel, Istanbul, New York, Pisa, Paris, Klaipeda, Sylt, Lettland, Skandinavien und Alaska.
Tickets inkl. Flughafengebühr: 5 EUR. Mitgebrachte Getränke müssen an der Sicherheitsschleuse abgegeben werden. Explosivmittel und Drogen sind nur in literarischer Form zugelassen.
»Auswandern kann ich nicht«, sagte K., »ich bin hierhergekommen, um hier zu bleiben. Ich werde hierbleiben.« Und in einem Widerspruch, den er gar nicht zu erklären sich Mühe gab, fügte er wie im Selbstgespräch zu: »Was hätte mich denn in dieses öde Land locken können, als das Verlangen hierzubleiben?«
(Kafka, Das Schloß.)
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ausland
Lychener Str. 60
10437 Berlin
(http://ausland-berlin.de/lyrik-aus-dem-ausland-jubilaumslesung-und-party)
Der mexikanische Dichter José Emilio Pacheco, der den Premio Cervantes 2009 erhielt, starb am Sonntag im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus in Mexiko-City an Herzversagen, teilte der Nationale Kultur- und Kunstrat (Conaculta) mit. Der Dichter, Romancier und Essayist gehörte zur Generation der 50er Jahre zusammen mit Sergio Pitol, Carlos Monsivais oder Juan Vicente Melo. Außer dem Cervantespreis, der wichtigsten Auszeichnung für hispanophone Literatur, erhielt er u.a. auch den Octavio-Paz-Preis (2003), den iberoamerikanischen Pablo-Neruda-Lyrikpreis (2004) und den Premio Reina Sofía de Poesía Iberoamericana (2009).
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I once wrote a not-so-very-good poem called “Picking Up After the Dead,” about the putting-in-order we feel compelled to do when a family member has passed on. In this poem Sherod Santos, who lives in Chicago, writes what I wished I could have written.
Out of the World There Passed a Soul
The day of my mother’s funeral I spend clearing out
her overgrown flower beds, down on my knees
in the leaf rot, nut shells, tiny grains of sandlot sand
spilling from the runoff gullies. The hot work was to see
not feel what had to be done, not to go on asking,
not to wonder anymore. Full from scraps I’d found
at the back of the refrigerator, her mongrel dog
lay curled on a stone and watched me work.
It was Sunday. The telephone rang, then stopped,
then rang again. By the end of the day, I’d done
what I could. I swept the walk, put away the tools,
switched on the indoor safety lamps, and then
(it hardly matters what I think I felt) I closed
the gate on a house where no one lived anymore.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Sherod Santos, whose most recent book of poems is The Intricated Soul: New and Selected Poems, W. W. Norton & Co., 2010. Poem reprinted from The Kenyon Review, Vol. XXXIV, no. 4, by permission of Sherod Santos and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
leicht und flüchtig gleiten die Hände übers Keyboard – fest greifen sie zu, wenn sie einen vertrauten Menschen umarmen
Hansjürgen Bulkowski
Eine entwickelte Wissenskultur kommt spätzeitlich zu Überfluss und verliert die Illusion, das gesamte Erbe verwalten zu können, Anthologien und Sammlungen werden prägende Medien. China anthologisierte enorme Mengen herausragender Gedichte, Alexandria und die spätrömische Antike pflegten die Cento-Literatur: Texte, die aus Fragmenten anderer, klassischer Texte bestanden. War das nicht etwas der Postmoderne Vergleichbares? Was ist ein «klassisches» postmodernes Werk wenn nicht eine persönliche Anthologie von Motiven, Figuren und Stilen vorangehender Literatur? Das Stichwort Umberto Eco sei hier erwähnt.
Die Postmoderne wurde geboren aus der Verzweiflung, die eine Folge der Übersättigung war. Die Poststrukturalisten beschrieben sie als Erschöpfungserscheinung, in der Annahme, dass jeder Text immer nur ein Cento und ein Palimpsest sei, also die Kombination aus bereits Gesagtem, die auf ein bereits beschriebenes Blatt eingetragen wird. Nicht nur Literatur, das Wissen eines jeden Menschen ist danach eine gigantische Lego-Konstruktion, ein genuin schöpferischer Akt erscheint daher unmöglich. Die Schriftsteller hätten dem entgegenhalten können, der Sinn der Literatur liege darin, eben dieses zu widerlegen: Jedes gelungene Werk sei eine Neuerschaffung der Sprache, und lieber solle sich ein Autor der Lächerlichkeit preisgeben, als in der Sicherheit des Banalen zu verharren. In den Bahnen der Banalität jedoch bewegte sich die Postmoderne nur allzu gerne, was auch ihren Erfolg mit ausmachte. / Olga Martynova, NZZ (http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/erinnerung-an-die-zukunft-1.18227735)
Philipp Maintz fasst insgesamt zehn Aphorismen aus Ron Winklers Gedichtsammlung vereinzelt Passanten zu größeren Komplexen zusammen, ohne das Aphoristische, das “Raunen in der Wahrnehmung” der literarischen Vorlage zu verleugnen. Hans-Jürgen von Bose hat sich nach In hora mortis zum zweiten Mal mit der Dichtung des vorwiegend als Dramatiker bekannten und als Dichter immer noch unterschätzten Thomas Bernhard auseinander gesetzt. Walter Zimmermann, der 2014 seinen 65. Geburtstag feiert, verzichtet in Himmeln des Schweizer Autors Felix Philipp Ingold völlig auf Klavierbegleitung und überlässt das deklamatorisch dichte Werk ganz der Sopranistin.
Jan Müller-Wieland
Engel-Lieder (2011)
nach Gedichten von Birgit Müller-Wieland
für Sopran und Klavier
Walter Zimmermann
Himmeln aus Colla Voce (2007)
auf einen Text von Felix Philipp Ingold
für Sopran solo
Philipp Maintz
Septemberalbum (2010)
Lieder für Sopran und Klavier nach Texten von Ron Winkler
Hans-Jürgen von Bose
Bernhard-Zyklus (2006)
Fünf Lieder nach Gedichten von Thomas Bernhard
Claudia Barainsky, Sopran
Axel Bauni, Klavier
Die heutigen Konzerte sendet Deutschlandradio am Samstag, 25.1., ab 19.05 Uhr, im “Themenabend Ultraschall Berlin”.
Kulturradio vom rbb sendet dieses Konzert am Mittwoch, 5.3., 21.04 Uhr.
(http://ultraschallberlin.de/programm/konzerte/radialsystem-v-21-30-uhr/)
Den zeitlichen Anfang setzt dabei der Künstler, Werbegrafiker und Dichter Kurt Schwitters mit der Collage «ohne Titel (Pelikanol)». Das 1930 entstandene Bild beglaubigt den Schwitters-Satz: «Typografie kann Kunst sein», und es ist gleichzeitig ein Bekenntnis zur Aufhebung der Gattungsgrenzen. Wenn der Vers-Dadaist Schwitters das dynamische Gegeneinander der Linien auf dem einen Papier gegen die hauchfeinen Grau- und Rottöne des anderen setzt, ist das Ergebnis Poesie.
Einen ganz anderen Anfang für die Begegnung von Text und Bild markiert in der Ausstellung Marcel Broodthaers mit der Überarbeitung von Stéphane Mallarmés «Un Coup de Dés» von 1897. Broodthaers schrieb 1969 den Gedichtanfang «Un Coup de Dés Jamais N’Abolira Le Hasard» (Ein Würfelwurf wird niemals den Zufall verhindern) auf zerschlissenes Schwarz. Mallarmé, wie Broodthaers ein radikaler Verteidiger der Handschrift, hatte seinem Poem bereits die Form einer «Wortpartitur» gegeben. / Gabriele Hoffmann, NZZ 10.1. (http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/kunst-gibt-zu-lesen-1.18218685)
Zeichen. Sprache. Bilder. Schrift in der Kunst seit 1960. Städtische Galerie Karlsruhe. Bis 23. Februar 2014. Katalog (gestaltet von Magma Brand Design) € 19.–.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verwandelte die Deutschen in ein Volk von Dichtern. Nach einer Schätzung des Literaturkritikers Julius Bab gingen im August 1914 täglich etwa 50 000 Kriegsgedichte in den Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften ein. An der «poetischen Mobilmachung», so Babs Ausdruck, beteiligten sich auch die professionellen Schriftsteller. Euphorische Gesänge, die Deutsche und Österreicher beim Gang in die Schlacht beseligen sollten, sind überliefert von Richard Dehmel, Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Alexander Schröder (um nur die bekanntesten zu nennen). (…)
Eines der eindrucksvollsten Weltkriegsgedichte ist die Momentaufnahme des Tötens, die der jüdische Arzt und Lyriker Georg Hecht auf einer Feldpostkarte festgehalten hat:
Leichnam
Schon war das Hindernis von Leichen
Übersprungen, da traf die Stirn das Blei.
Er brach im Kreuz zusammen, ohne Schrei,
Hintüber, zuckte kaum. Auf seinesgleichen
Lag er, vor ihm fielen eben andre drei,
So dass sein Fuss in ihren Weichen
Sich verhenkte, und er, ein aufrecht Zeichen,
Steckend stehen blieb. Die Arme waren frei
Und halb erhoben aus der Lache
Von Blut und Erde, fest in steter
Andachtsbeugung der antiken Beter,
Zeugend Wort und Sinn der fremden Sache.
Der furchtbare Vorgang, dass ein soeben Erschossener durch Verhaken in den Nachbarleichen zum Mahnmal aufgerichtet wird, erscheint in einer kühl-sachlichen Beschreibungssprache. Gerade dadurch gewinnt das Gedicht seine eigene, gnadenlose Zeichenhaftigkeit. Hecht fiel im Mai 1915 in Frankreich.
Die scheusslichste Kriegswaffe, Giftgas, setzten zuerst die Deutschen ein, die Reichswehr verfügte bis 1917 auch über die effizienteste Gasmaske, die dem britischen Modell weit überlegen war. Vielleicht war es auch deshalb ein englischer Soldat, der das ikonische Gas-Gedicht des Ersten Weltkriegs geschrieben hat: Wilfred Owen, der bedeutendste der sogenannten «war poets». «Dulce et decorum est», so der ironisch Horaz zitierende Titel, schildert einen Gasangriff, der zum traumatischen Erlebnis wird. Das Ich des Gedichts kommt nicht los vom Bild eines erstickenden Kameraden, von den «verdrehten weissen Augen in seinem Gesicht»:
In seinem hängenden Gesicht, wie das eines Teufels, der der Sünde müde ist.
Wenn du hören könntest, wie bei jedem Stoss das Blut
Gurgelnd aus seinen schaumgefüllten Lungen läuft,
Ekelerregend wie der Krebs, bitter wie das Wiederkäuen
Von Auswurf, unheilbare Wunden auf unschuldigen Zungen,
Mein Freund, du erzähltest nicht mit so grosser Lust
Kindern, die nach einem verzweifelten Ruhmesplatz dürsten,
Die alte Lüge: Dulce et decorum est
Pro patria mori.
(…)
In seinem Kriegstagebuch hat Sassoon mehrfach die Wut festgehalten, die ihn überkam, wenn die Deutschen einen seiner Gefährten getötet hatten: «I would gladly stick a bayonet into a German by daylight». Das Gefühl werden sie alle gekannt haben, auch die sensiblen Dichter-Soldaten, die vor dem Krieg nie ans Töten gedacht hätten. Wie unglaublich human mutet vor diesem Hintergrund das Gedicht eines dritten «war poet», Herbert Read, über einen deutschen Kriegsgefangenen an. «Liedholz», der Name des Mannes, ist auch der Titel des Texts, der lapidar beginnt:
We met in the night at half past one
between the lines.
Liedholz shot at me
and I at him;
in the ensuing tumult he surrendered to me.
Dann, im britischen Lager, kommen sie einander näher:
In broken French we discussed
Beethoven, Nietzsche and the International.
He was a professor
Living at Spandau
and not too intelligible.
/ Manfred Koch, NZZ (http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/kriegserlebnis-und-dichtung-1.18228415)
Den Glanzpunkt seiner Exegesen setzt Lentz in seinem Versuch einer kritischen Re-Lektüre von Oskar Pastiors Werk, dessen poetische «Kunstmaschinen» lange eine biografische Tragödie verborgen haben. Pastiors Unterzeichnung seiner Verpflichtungserklärung gegenüber der Securitate vom 8. Juni 1961 entziffert sein Interpret nicht nur als biografische, sondern auch als ästhetische Zäsur. Der bis zu diesem Zeitpunkt kultivierte literarische Realismus Pastiors wandelte sich danach in eine synkretistische Privatsprache, die – und das ist eine für viele Bewunderer Pastiors schmerzhafte Pointe – «ins Obskure, Enigmatische abwandert, selbst da noch, wo vermeintlich Klartext geschrieben steht».
Allein schon wegen dieser berückenden Pastior-Exegese, die absieht von einer moralistisch-politischen Lesart und den Dichter auch nicht desavouiert, muss man Michael Lentz‘ Poetikvorlesungen zur literaturtheoretischen Pflichtlektüre erklären. / Michael Braun, NZZ (http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/ein-aesthetischer-freelancer-1.18226076)
Michael Lentz: Atmen Ordnung Abgrund. Frankfurter Poetikvorlesungen. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2013. 336 S., Fr. 25.90.
Der Berliner Dichter Ron Winkler war ganz früh dabei, als Anfang des 21. Jahrhunderts die junge Lyrik boomte. Jetzt ist sein fünfter Gedichtband erschienen: Prachtvolle Mitternacht versammelt karnevaleske Liebesgedichte, virtuose Sprachkunstwerke und zaghafte Versuche lyrischer Zeitgenossenschaft. Zitat aus der Besprechung von Insa Wilke im WDR (http://www.wdr3.de/literatur/prachtvollemitternachtneuewimpern104.html):
Nimmt man Torps Perspektive ein, klingt plötzlich ein anderer Ernst in Ron Winklers Texten mit. Sein Gedicht „Protokoll für Außerhalb“ gibt außerdem zu: „jedoch passierte noch viel mehr – / und zwar / auf dem Rest / dieses Planeten“. Genau darum kümmert Ron Winkler sich aber nicht, sondern dichtet gegen die Realität der eigenen und der allgemeinen Leere. Mit Gedichten wie dem folgenden versucht er, ein „Fragezeichenfeld“ zu öffnen und mit leicht erhöhter Temperatur von der üblichen Weltsicht in Banales und Phantastisches abzuweichen.
La Mancha
wir sahen Schmetterlippen, das war auf einem Markt und unter uns
gesagt. ein Chevalier auf keinem Pferd
gab lautstark weiße Schuheaus, Schuhe für Hände, die habe er
aus Friedrich Schiller, und wer sich darin falsch bewege, der sähe bald das Obst von unten,
dort, wo doch so schwierig sprechen ist.
der Chevalier, der ritt sehr gut – durch was er sagte,
nur: Schmetterlippen würden das nicht sein, so
briefte uns sein Knappe,
von seinem Einmaultier herunter mittels Teletätowierung, wir nennen Schwitternippen das, Orakel,
die uns glauben
machten, Märkte seien überhaupt nur noch
mit Handschuhen aus poésie zu tun. nein, aus poésiephilie, ließ sich der Chevalier vernehmen.
schwang sich auf kein Pferd und schüttelte
dem Vers die Mähne.
so ritten sie, so stritten sie ins Fragezeichenfeld
hinaus.
Ron Winkler
Prachtvolle Mitternacht
Gedichte
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2013
104 Seiten
Ron Winkler
Torp. Neue Wimpern
Illustration: Pètrus Åkkordéon
Prosa-Miniaturen
Verlagshaus J. Frank, Berlin 2013
140 Seiten
Sappho (in Umschrift): „Déduke mèn a selánna / kaì Pläïades . mésai dé / núktes, parà d’ érchet’ hora, / égo dè móna kateúdo.“
Max Treu: „Nun ist schon der Mond versunken / und auch die Plejaden. Mitte / der Nacht, und die Zeit des Wartens / vorüber. Allein schlaf ich.“
Emil Staiger: „Der Mond und die Siebensterne / sind untergegangen. Mitter- / nacht ist und die Zeit vorüber. / Ich aber, ich liege einsam.“
Horst Rüdiger: „Versunken der Mond / Und die Plejaden; Mitte / Der Nacht; die Zeit verstreicht. / Ich aber schlafe allein.“
Dietrich Ebener: „Unter gingen der Mond schon / und die Plejaden; Mitternacht / ist es, die Stunden verrinnen, / und ich schlafe allein.“
Joachim Schickel: „Hinabgetaucht ist der Mond und / mit ihm die Plejaden; Mitte / der Nächte, vergeht die Stunde; / doch ich lieg allein danieder.“
Wolfgang Schadewaldt: „Untergegangen ist die Mondin / Und die Pleiaden. Mitternacht ist / und vorüber geht die Zeit. / Ich aber schlafe allein.“
Albert von Schirnding: „Gesunken ist Selenna, / sind die Plejaden. Mitter- / nacht, vorüber die Stunde. / Und ich schlafe allein.“
Die zitierten Beispiele, die sich ohne weiteres vermehren ließen, zeigen die Fülle der in diesen vier Zeilen steckenden Übersetzungs-Möglichkeiten. Horst Rüdiger kommt dem Duktus durchaus nahe, Joachim Schinkel der Wörtlichkeit — abgesehen von dem etwas pejorativ-mißverständlichen Verb „darniederliegen“ —, doch allein Schirnding versteht es, sämtliche Tugenden zu verbinden, und wagt sich sogar noch einen Schritt weiter, indem er Selenna, den im griechischen Original weiblichen Mond (daher Schadewaldts häßliche „Mondin“), und die Plejaden als mit Namen genannte Personifizierungen begreift, die nach dichterischer Manier angerufen werden können, so daß der Gegensatz zwischen den himmlischen Gestalten droben und der einsamen Dichterin hienieden noch verstärkt wird. Schirnding wagt auch, sehr zu recht, den feststehenden Begriff „mésai dé núktes“ mit einem den Sapphischen Originalen nicht fremden Zeilenbruch innerhalb des Wortes zu übertragen. Diese konkrete „Mitternacht“ — anders als eine unbestimmte „Mitte der Nacht“ oder wörtlicher: „der Nächte“ — macht es nun auch sinnvoll, „hora“ nicht als abstrakte Zeit, sondern viel genauer als eben jene Tages- bzw. Nachtstunde zu übersetzen. Der Partikel „dè“ in der letzten Zeile schließlich kann zwar auch einen Gegensatz andeuten, dieser ist jedoch im Text nicht unbedingt intendiert — es sei denn, man sähe die Sterne als Schlafgemeinschaft am Himmel —, so daß ein verbindendes „und“ tatsächlich eleganter und sinnfälliger ist. Schirnding findet, auch insgesamt, zu einem Ton, der weder unnötig schwerfällig oder pathetisch wirkt, dennoch aber in seiner funkelnden Nüchternheit durchaus angemessen erhaben bleibt. /Jürgen Brôcan, Fixpoetry (http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/sappho/und-ich-schlafe-allein)
Sappho
Und ich schlafe allein
Neu übersetzt und erklärt von Albert von Schirnding
C.H. Beck
2013 · 168 Seiten · 16,95 Euro
ISBN: 978-3-406-65323-0
„Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?“ In dieser kleinen Sentenz ist das Drama der modernen Lyrik benannt. Es ist dunkel im Sprachraum des Gedichts, und wir tasten ein wenig hilflos nach orientierenden Lichtpunkten. „Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?“: So beginnt ein Gedicht der 1979 geborenen Uljana Wolf, und je näher wir die Wörter in diesem Gedicht anschauen, desto ferner schauen sie zurück. Das Wort „lengevitch“ zum Beispiel. Oder „koppelzwilling“ oder „Bricklebrit“. All diese Wörter in den Gedichten von Uljana Wolf treiben zunächst unbehaust durch die Verszeilen und wissen nicht, wo sie sich ansiedeln können: im Deutschen oder im Englischen oder in einem Niemandsland zwischen den Sprachen. „Kommen diese worte wunderlich aus meinem mund“, so Wolf weiter, „und haben einen kern aus klang, lautkette, schwappt über sinnkette“. Ausgehend von diesem „Kern aus Klang“ öffnen sich diese Gedichte – mittels einer poetischen Bewegung, die unsere vertrauten Zuordnungen und Grenzen überschreitet.
Uljana Wolf zeigt das Deutsche auf seiner Auswanderung nach Amerika. Die Grenzüberschreitung der Dichterin Sabine Scho richtet sich dagegen mehr auf außersprachliche Reviere. Sie schaut sich die Kulturtechniken an, die bislang für die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier zuständig waren: Zoologische Gärten, Menagerien, Aquarien. „Flüchtige Tiere“, heißt es da, „verblüffen durch Verschlagenheit, glaub doch nicht, sie ließen sich locken, streicheln, erziehen, dass ihnen was fehlt, was dir mangelt.“ Es zeigt sich: Auch Wörter sind „flüchtige Tiere“, sinnflüchtige Wesen.
(…)
Ihren literarischen Platz sucht sich Sabine Scho seit je zwischen den Kunstgattungen: Zwischen Fotografie und Bildpoem, zwischen Gemälde und Gedicht, zwischen Bildteppichen und Sprachbildern. Ihr Mixed Media-Projekt „Tiere in Architektur“ geht von der These aus, dass der Umgang mit Tieren und ihre Verwahrung in Käfigen als „Archetypen von Gesellschaftsgeschichte“ gelesen werden können. Der Zoo erscheinti als das letzte künstliche Paradies, in dem unser Bedürfnis nach Ganzheit und Überblick noch wirksam ist. Auf einen Textteil, der Gedichte, essayistische Reflexionen und symptomatische Anekdoten aus der Kulturgeschichte der Tier-Einhegung verbindet, folgt in ihrem Buch ein zweiter Teil mit Fotografien.
(…) „Meine schönste lengevitch“ und „Tiere in Architektur“: Das sind zwei herrliche poetische Vagabondagen, die einer Devise folgen: „Schluss mit trutzig“!
/ Michael Braun, Badische Zeitung (http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/woerter-sind-fluechtige-tiere–79893892.html)
Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2013 für dieses Blog erstellt.
Hier ist ein Auszug:
Etwa 8.500.000 Menschen besuchen jedes Jahr das Louvre Museum in Paris. Dieses Blog wurde 2013 etwa 270.000 mal besucht. Wenn dieses Blog eine Ausstellung im Louvre wäre, würde es etwa 12 Jahre brauchen um auf die gleiche Anzahl von Besuchern zu kommen.
Lyrikzeitung besteht seit 13 Jahren, davon seit August 2009 als WordPress-Blog. In dieser Zeit, seit 2009, gab es 1.079.750 Aufrufe und 4.933 Kommentare.
2013 gab es 1.375 neue Beiträge, damit vergrößerte sich das Archiv dieses Blogs auf 8.271 Beiträge.
Mit 1.215 Besuchern war der 15. Januar der geschäftigste Tag des Jahres. 52. Liste war der beliebteste Beitrag an diesem Tag.
»Comment dire?« Vielleicht hat auch Gherasim Luca so etwas gedacht, als er sich von einer Brücke der Ile Saint-Louis in die Seine werfen wollte. Luca lebte seit dreißig, vierzig Jahren in Frankreich, ein ganzes Leben; egal. Verfolgt vom Terror, der im kurzen 20. Jahrhundert so viele aus ihren Ländern und Häusern vertrieb, gab der Dichter Rumänien und das Rumänische auf. Luca schrieb Stottergedichte, voller Lücken. Er bewohnte eine ausländische Sprache und brachte sie an die Grenzen ihrer Syntax, auf die andere Seite der Grammatik. Sein Gedicht »Passionément« beginnt wie folgt:
pas pas paspaspas pas
pasppas ppas pas paspas
le pas pas le faux pas le pas
paspaspas le pas le mau
le mauve le mauvais pas
Und fährt dann später fort:
je je t’aime
je t’aime Je t’ai je
t’aime aime aime je t’aime
passionné é aime je
t’aime passioném
je t’aime
passionément aimante je
t’aime je t’aime passionnément
je t’ai je t’aime passioné né
je t’aime passionné
je t’aime passionnément je t’ai aime
je t’aime passio passionnément
Er stand da, stützte sich aufs Brückengeländer. Zitterte der achtzigjährige Leib des Gherasim Luca, bevor er ins Wasser sprang? Stotterte er wie in jenem letzten Vers, der bei passio stolpert und dann fällt: passionnément? Das Gedicht beginnt mit einem faux pas, einem falschen Schritt, und alles, was folgt, ist ein Fallen – aber wohin?
/ aus:
Valeria Luiselli: Falsche Papiere
Essays
Aus dem mexikanischen Spanisch übersetzt von Dagmar Ploetz und Nora Haller
Antje Kunstmann Verlag, München 2014
128 Seiten, 16,95 Euro
Mehr im Perlentaucher (http://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/valeria-luiselli-falsche-papiere.html)
Hier das Gedicht komplett zu hören (lohnt auch wenn man kein Französisch kann!]:
und zu lesen:
Passionément
pas pas paspaspas pas
pasppas ppas pas paspas
le pas pas le faux pas le pas
paspaspas le pas le mau
le mauve le mauvais pas
paspas pas le pas le papa
le mauvais papa le mauve le pas
paspas passe paspaspasse
passe passe il passe il pas pas
il passe le pas du pas du pape
du pape sur le pape du pas du passe
passepasse passi le sur le
le pas le passi passi passi pissez sur
le pape sur papa sur le sur la sur
la pipe du papa du pape pissez en masse
passe passe passi passepassi la passe
la basse passi passepassi la
passio passiobasson le bas
le pas passion le basson et
et pas le basso do pas
paspas do passe passiopassion do
ne do ne domi ne passi ne dominez pas
ne dominez pas vos passions passives ne
ne domino vos passio vos vos
ssis vos passio ne dodo vos
vos dominos d’or
c’est domdommage do dodor
do pas pas ne domi
pas paspasse passio
vos pas ne do ne do ne dominez pas
vos passes passions vos pas vos
vos pas dévo dévorants ne do
ne dominez pas vos rats
pas vos rats
ne do dévorants ne do ne dominez pas
vos rats vos rations vos rats rations ne ne
ne dominez pas vos passions rations vos
ne dominez pas vos ne vos ne do do
minez minez vos nations ni mais do
minez ne do ne mi pas pas vos rats
vos passionnantes rations de rats de pas
pas passe passio minez pas
minez pas vos passions vos
vos rationnants ragoûts de rats dévo
dévorez-les dévo dédo do domi
dominez pas cet a cet avant-goût
de ragoût de pas de passe de
passi de pasigraphie gra phiphie
graphie phie de phie
phiphie phéna phénakiki
phénakisti coco
phénakisticope phiphie
phopho phiphie photo do do
dominez do photo mimez phiphie
photomicrographiez vos goûts
ces poux chorégraphiques phiphie
de vos dégoûts de vos dégâts pas
pas ça passio passion de ga
coco kistico ga les dégâts pas
le pas pas passiopas passion
passion passioné né né
il est né de la né
de la néga ga de la néga
de la négation passion gra cra
crachez cra crachez sur vos nations cra
de la neige il est il est né
passioné né il est né
à la nage à la rage il
est né à la né à la nécronage cra rage il
il est né de la né de la néga
néga ga cra crachez de la né
de la ga pas néga négation passion
passionné nez pasionném je
je t’ai je t’aime je
je je jet je t’ai jetez
je t’aime passionném t’aime
je t’aime je je jeu passion j’aime
passionné éé ém émer
émerger aimer je je j’aime
émer émerger é é pas
passi passi éééé ém
éme émersion passion
passionné é je
je t’ai je t’aime je t’aime
passe passio ô passio
passio ô ma gr
ma gra cra crachez sur les rations
ma grande ma gra ma té
ma té ma gra
ma grande ma té
ma terrible passion passionnée
je t’ai je terri terrible passio je
je je t’aime
je t’aime je t’ai je
t’aime aime aime je t’aime
passionné é aime je
t’aime passioném
je t’aime
passionnément aimante je
t’aime je t’aime passionnément
je t’ai je t’aime passionné né
je t’aime passionné
je t’aime passionnément je t’aime
je t’aime passio passionnément
In: Le chant de la carpe 1986, Librairie José Corti 11 rue de Médicis, Paris (Première édition : 1973, Le Soleil Noir)
Percy Bysshe Shelley
SONETT (Sonnet / Ye hasten to the grave…)
Ihr eilt dem Grab zu! Doch, was sucht ihr dort,
Gedanken ruhlos, Zwecke ohne Rast
Dem eitlen Hirn entflohn, nun weltgeformt?
O sehnend Herz, getrieben von der Hast
Zu haben, was in schönsten Farben loht!
Geist wissbegierig, der du leer dich fragst,
Woher du kamst und wo der Weg hin geht
Und wissen willst, was in den Sternen steht –
Oh, wohin eilt ihr, dass ihr niederrast
So raschen Schritts das Gras des Lebenspfads
Und – fliehend Glück und Gram zugleich – ausspäht
Nach Zuflucht in des grauen Tods Gelass?
O Herz und Geist, Gedanken ihr! Was seht
Kostbares ihr im Grab, das ihr erstrebt?
(Übersetzung: Roland Erb)
VI. The Grave’s Triumph
Sonnet: ‘Ye hasten to the grave! What seek ye there’
By Percy Bysshe Shelley (1792–1822)
YE hasten to the grave! What seek ye there,
Ye restless thoughts and busy purposes
Of the idle brain, which the world’s livery wear?
O thou quick heart, which pantest to possess
All that pale Expectation feigneth fair!
Thou vainly curious mind, which wouldest guess
Whence thou didst come, and whither thou must go,
And all that never yet was known would know—
O whither hasten ye, that thus ye press
With such swift feet life’s green and pleasant path,
Seeking, alike from happiness and woe,
A refuge in the cavern of grey death?
O heart, and mind, and thoughts! what thing do you
Hope to inherit in the grave below?
Matthias Claudius
Der Mensch
Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet, und verehret;
Hat Freude, und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts, und alles wahr;
Erbauet, und zerstöret;
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst, und zehret;
Trägt braun und graues Haar;
Und alles dieses währet,
Wenn‘s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.
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