Wolfson bezeichnet sich selbst als »schizophrenen Sprachschüler«. Tief über sich selbst und seinen Schreibtisch gebeugt lernt er Deutsch, Französisch, Hebräisch und Russisch. Er hört ausländische Sender in einem kleinen Transistorradio; er schaut dicke Wörterbücher durch, jederzeit bereit, sich die Finger in die Ohren zu stecken, für den Fall, dass seine Mutter erneut durch die unverschließbare Tür hereinbrechen sollte, um irgendeinen Satz in der verachtungswürdigen Sprache einzuwerfen. Das von Deleuze zitierte Beispiel: Don’t trip over the wire.
Da es nicht möglich ist, die Ohren hermetisch vor der kreischenden Stimme der fetten Mutter zu verschließen, probiert Wolfson eine neue Methode aus. Tag für Tag übt er einen Mechanismus des Simultandolmetschens ein, bei dem die englischen Wörter in ähnliche Phoneme anderer Sprachen umgewandelt werden. Don’t verwandelt sich in tu’nicht; trip in treb (von dem französischen trébucher); over in über; the in èth hé (hebräisch) und wire in Zwirn: Tu nicht tréb über èth Hé Zwirn.
Aus:
Valeria Luiselli: Falsche Papiere
Essays
Aus dem mexikanischen Spanisch übersetzt von Dagmar Ploetz und Nora Haller
Antje Kunstmann Verlag, München 2014
128 Seiten, 16,95 Euro
Mehr im Perlentaucher (http://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/valeria-luiselli-falsche-papiere.html)
«Sappho», die bedeutende Bronzeskulptur des französischen Bildhauers Antoine Bourdelle (1861–1929), ist einer aufwändigen* Restaurierung unterzogen worden. Vom 21. März bis 6. Juli 2014 wird sie im Kontext einer temporären Sammlungspräsentation mit Plastiken von u.a. Auguste Rodin, Henri Matisse, Henri Laurens und Alberto Giacometti präsentiert. (…)
Bei «Sappho» handelt es sich um eine monumentale Darstellung der gleichnamigen grössten Dichterin der Antike. Auf einer kleinen Erhöhung kauernd, trägt sie eine grosse Lyra bei sich. Vom hochgereckten grossen rechten Zeh bis zur nach oben gehaltenen rechten Hand ist ihre ganze Gestalt von einer starken Spannung erfüllt, die sich auch in den Falten ihres Kleides manifestiert. Sappho hat den Kopf gebeugt. Ihre rechte Hand verbindet sich darüber mit der Form des Instrumentes, vielleicht zählt die Dichterin gerade, tief versunken, das Versmass eines Gedichtes ab. / Frankfurt live (http://cms.frankfurt-live.com/front_content.php?idcatart=139252)
*) Bei dem Wort aufwändig assoziiere ich immer „die Wand hoch“. Eines der scheußlich-idiotischen Beispiele jener Rechtschreibreform. Ein Haufen hochbezahlter Fachidioten hat die Sprache korrigiert. Aufwändig (für die Jüngeren: früher aufwendig) soll man schreiben, weil es angeblich von Aufwand kommt. Tatsächlich kommt eher Aufwand von aufwenden. Das man immer noch mit e schreibt (sonst könnte man Wende und Wände nicht mehr unterscheiden). Idiotisch nenne ich das, weil man es ja nur in wenigen Einzelfällen macht. Sonst müßten wir unsere Ältern ehren und überhaupt Althochdeutsch oder Ur-Indoeuropäisch sprechen.
Mal zwei Hörspiele aus einer prallen Schatzkiste:
Herta Müller: Zeit ist ein spitzer Kreis – 12.01.2014
39 neue, unveröffentlichte Text-Bild-Collagen von Herta Müller bilden das Ausgangsmaterial des Hörstücks. „Ich muss auch da in Kürzestform immer etwas erzählen“, so die Autorin über ihre Collagen: „Der Rhythmus der Sätze muss da sein. Man muss es laut lesen können, ohne mit der Zunge zu stolpern. Und ich muss das Bild der Sätze im Kopf gesehen haben, um sie auf ihre Plausibilität zu prüfen. Das ist mit den Collagen genauso wie in der Prosa.“ Die bedrückende Atmosphäre, die Müllers Romane bestimmen, verdichtet sich in den Collagen auf surreale Weise. Das Hörstück zeichnet den Weg einer Bedrohung nach, der sich ein Ich ausgesetzt sieht. Jemand muss es verleumdet haben, das weiß schon der Wind, über den wiederholt gesagt wird, er sei so frisch wie Milch, so alt wie Lehm. Die Kräfte arbeiten im Verborgenen. Kaum aber wird es Tag, wird der, der aufrecht „Ich“ sagt, abgeholt. Eine Fahrt, wohin? Ein Verhör. Und vermeintliche Freiheit. Die Bedrohung ist nun überall. Die Akteure der Hörcollage sind zwei Stimmen und die Stille. Die Stimmen erzählen, und die Stille schweigt nicht: Auch das Nichtgesagte kann gehört werden. Es haust in den Stimmen und färbt die Wörter. / Mit Herta Müller, Michael Lentz / Realisation: Michael Lentz / BR 2014
Carlfriedrich Claus/Ernst Horn/Bernhard Jugel: Basale Sprech-Operationsräume (Remix) – 29.05.2009
Ein Remix ist die erneute Abmischung einer bereits veröffentlichten Aufnahme. Ursprünglich von DJs entwickelt, um die Tanzqualitäten von Hits herausarbeiten bzw. zu verstärken, ist der Remix inzwischen ein eigenes künstlerisches Ausdrucksmittel zur Dekonstruktion und Rekonstruktion bereits vorhandenen akustischen Materials. Bei ‚Basale Sprech-Operationsräume (Remix)‘ werden Arbeitsweisen der Popmusik auf ein experimentelles Hörspiel angewandt. Ausschnitte aus den Lautprozessen von Carlfriedrich Claus werden in Samples und Loops umgewandelt und so zum Ausgangspunkt musikalischer Prozesse, die aber immer vom Klangcharakter der Originalaufnahmen geprägt sind. Mund- und Klopfgeräusche werden rhythmisiert, transponiert, übereinandergeschichtet, verlängert, gestaucht. Aus einem realen Klangkontinuum wird ein virtuelles, aus Geräuschen entstehen Melodien, Lautpoesie mutiert zu Musik. So wird der Remix hier zum Mittel der Grenzüberschreitung zwischen akustischem Experiment und musikalischer Alltagserfahrung. / Komposition: Ernst Horn / Realisation: Bernhard Jugel/Ernst Horn / BR 1997
Und: viel von Arno Schmidt, James Joyce, Elfriede Jelinek, Ernst Jandl, Schuldt, Thomas Meinecke und vielen anderen
hier zum Download: (http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-hoerspiel-pool.shtml#)
Dirk Uwe Hansen schreibt:
Dirk Obbink ist einer, der antiken Papyri noch Texte entlocken kann, wenn andere nur noch verkohlte Reste darin sehen. Nun hat er, so weiß eine italienische Website zu berichten, gleich zwei neue Sappho Gedichte in einem aus einer Privatsammlung stammenden Papyrus gefunden (http://www.grecoantico.it/home/filologia-classica/se-larico-diventasse-finalmente-uomo/). Von einem davon sind fünf Strophen leserlich erhalten.
Hier eine schnelle und noch etwas rauhe Übersetzung:
Doch immer und immer wieder sagst du, Charaxos komme
mit einem vollbeladenen Schiff; das weiß, glaube ich, Zeus
und es wissen die Götter alle, du aber musst so
etwas nicht denken.Mich aber sollst du schicken und mich bitten
lassen, innig, die Herrin Hera,
dass er hierher kommt und sein Schiff
heil zurückbringt.….. alles andere
überlassen wir lieber den Göttern, denn
ruhiges Wetter entsteht oft schnell nach
gewaltigen Stürmen.Denen der König des Olymp einen Beschützer
schicken will, der sie aus Gefahren rettet,
die werden glücklich
werden und reich.Auch wir, wenn Larichos seinen Kopf
erhebt und einmal zum Mann wird,
dann werden sicher auch wir von großer
Sorge erlöst.———-
ἀλλ’ ἄϊ θρύλησθα Χάραξον ἔλθην
νᾶϊ σὺμ πλέαι· τὰ μέν̣, οἴο̣μα̣ι, Ζεῦς
οἶδε σύμπαντές τε θέοι· σὲ δ᾽οὐ χρῆ
ταῦτα νόεισθαι,ἀλλὰ καὶ πέμπην ἔμε καὶ κέλ⟦η⟧`ε ́ςθαι
πόλλα λίσσεσθαι̣ βασί̣λ̣η̣αν Ἤρ̣αν
ἐξίκεσθαι τυίδε σάαν ἄγοντα
νᾶα Χάραξον,κἄμμ’ ἐπεύρην ἀρτέ̣ μ̣ εας· τὰ δ’ ἄλλα
πάντα δαιμόνεσσι̣ν ἐπι̣τ̣ρόπωμεν·
εὐδίαι̣ γὰ̣ρ̣ ἐκ μεγάλαν ἀήτα̣ν̣
αἶψα πέλ̣̣ο̣νται·τῶν κε βόλληται βασίλευς Ὀλύμπω
δαίμον’ ἐκ πόνων ἐπάρ{η}`ω ́γον ἤδη
περτρόπην, κῆνοι μ̣άκαρες πέλονται
καὶ πολύολβοι.κἄμμες, αἴ κε τὰν κεφάλαν ἀέρρῃ
Λάριχος καὶ δήποτ᾽ἄνηρ γένηται,
καὶ μάλ’ἐκ πόλλ⟦η⟧`αν ́ βαρ̣υθύμ̣ιάν̣ κεν
αἶψα λύθειμεν.
Im Fundus des Fundsachen-Sammlers Michael Augustin finden sich zahlreiche Gedichte, Kurzprosastückchen und Interviewschnipsel mit einschlägigen Selbstauskünften aller Art, von denen diesmal die schönsten und originellsten im Originalton zu hören sein werden.
Dass Maler malen, warum sie malen oder dass Komponisten das Komponieren zum Thema einer Komposition machen, dürfte eher selten vorkommen. Ganz anders verhält es sich dann doch bei ihren kreativen Kollegen von der „schreibenden Zunft“: Gedichte, in den Poeten Auskünfte erteilen über ihr Schreiben, über Beweggründe, Gefühle oder Techniken, füllen ungezählte Anthologien. In der heuitgen Ausgabe der „Fundsachen“ geben sich unter anderem Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Monika Maron und Ingeborg Bachmann die Ehre.
Produktion: Radio Bremen 2014 http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/fundsachen/fundsachen-vom-schreiben100.html
Neue Sendezeit ab 07.01.2014
Sendezeit (14-tägig):
So., 16:05 – 17 Uhr
Wiederholung:
Do., 21:05 – 22 Uhr
Der deutsch-amerikanische Lyriker und Übersetzer Paul-Henri Campbell rezensiert im Gedicht-Blog Lyrik-Neuerscheinungen in einem zweiwöchigen Rhythmus. Alle Rezensionen von Paul-Henri Campbell auf dasgedichtblog finden Sie hier.
Walle Sayer: »Strohhalm, Stützbalken«
von Paul-Henri Campbell
»Ein Kolumbus sein,
der den Ort entdeckt,
in dem er lebt seit fünfzig Jahren.«
(Walle Sayer: Rochaden)
In seinem neuen Gedichtband »Strohhalm, Stützbalken« (Klöpfer & Meyer 2013) träumt Walle Sayer den Traum einer Expressivität, die unbestimmt bleibt, weil sie offen ist, und die eindringlich ist, weil sie nichts vereinnahmen will. Im Klappentext heißt es: »Weit weg vom Seinsgehabe, Sinngetue. Und einfach sein. […] Ein lichter Hallraum entsteht. Bis aus dem Gesehenen Gesehenes wird.«
Das klingt zunächst robust und bodenständig mit einem Touch Heidegger: Ein Dichter, der weiß, wohin er gehört, von niemandem etwas will und einfach seine Verse dahinorakelt. Ich denke, man könnte diese Haltung mit »nouveau naïveté« bezeichnen; keineswegs abgeklärt oder verächtlich. Denn es ist in der Tat so, dass Walle Sayers Gedichte frei sind von einem spöttischen, wissenden contemptus mundi, der so viele zeitgenössische Gedichte vergiftet. Sayers ungenierte Alltäglichkeit ist gleichsam erschreckend wie auch charmant: »Durch solch ein Kassengestell gesehen, / sind die unerreichbaren Mädchen / noch unerreichbarer. // Ein angehender Jüngling / und die Tümpel seiner Augen« (Walle Sayer: Brillenverordnung).
Durchschnittlichkeit als poetische Frage
Im eben zitierten Gedicht Brillenverordnung begegnen wir einem seltsamen Insistieren auf die Durchschnittserfahrung. Das Sehen, worum es hier geht, ist nicht durch den Filter einer Designerbrille gelaufen; es ist die Perspektive des »Kassengestells«. Hier zwinkert Sayer uns zu mit dem verschlagenen Witz eines Buben, dem nun mit der Sehhilfe nicht seine Vergänglichkeit bewusst wird, sondern die schmerzlichen Sabotage seiner Chancen bei den »unerreichbaren Mädchen«.
Wo leben diese Durchschnittserfahrungen? Irgendwo bei den frühen Erfahrungen oder den kleinen Schwellen und sanften Übergängen, jedenfalls im Hinterland. An den Peripherien der Welt ist die Gewalt der Zentrifugalkräfte der Metropolen geringer. Der Kreativität bildet ein solches Umfeld womöglich die notwendige Offenheit, um ganz bei sich zu sein und dort anzufangen. »Im Rückspiegel verliert sich / Umgebung in einer Miniatur // Erst vorgestern doch hab ich dir / die Stützräder am Fahrrad abmontiert. // Ohne Getriebegruß, / ohne den Motor abzuwürgen, / das Lenkrad krampfhaft umfasst, / stößt du dich ab vom Rand des Nests« (Walle Sayer: Erste Fahrstunde). Die Verse sind knapp und direkt. Das Lot wird gespannt durchs große Forum menschlicher Verhältnisse – Beziehungen zu anderen, zu sich selbst, Umstände, Umgebungen, das Jetzt, das Gestern. Jedes, fast jedes Gedicht aus »Strohhalm, Stützbalken« spricht im Präsens. Man ist geneigt zu sagen, es steht im Präsens.
Und klingen Walle Sayers Poeme daher nicht auch wie Einsichten, die plötzlich aufkommen beim Rasenmähen oder Blumengießen, beim Geschirrspülen oder dem Nachschauen einer Stubenfliege? Epiphanien, die den trivialen Fluss des noch trivialeren Lebens unterbrechen. Und in dieser Zäsur kommt dem Leser ein ganzes Inventar an Personen, biographischen Souvenirs, Situationen entgegen.
»Näherinnenschrammen / in Kamillentee eingeweicht. // Wie kühl das Weihwasser war / auf den Fingerkuppen. // Schaffhände, Spülhände, und deren zerfurchte Lebenslinien. // Eine Mädchenkindheit: als im Spiel / man einfach Harz statt Nagellack / auf den Fingernägeln / sich verrieb« (Walle Sayer: Maniküre). Wer oder was ist das Objekt dieser Vergegenwärtigung? Ist es eine plötzliche Einsicht in das Leben der Mutter, der Großmutter, einer der geschwätzigen Tanten? Zwei Ebenen der Erfahrung bzw. des Erinnerns brechen sich in Maniküre: Es sind die Auswirkungen einer Tätigkeit innerhalb eines spezifischen Milieus »Näherinnenschrammen« oder »Schaffhände, Spülhände«. Und dennoch – wem gehört die sinnliche Erinnerung aus dem dritten und vierten Vers: »Wie kühl das Weihwasser war / auf den Fingerkuppen.« Spricht hier das lyrische Ich mit sich selbst, die Erfahrung der Kühle des Wassers vergegenwärtigend? Oder ist diese in Erinnerung gerufene Erfahrung schon klar zuzuordnen, nämlich der Person, der jene »Mädchenkindheit« gehörte? Soll sie neben der arbeitsamen auch fromme Charakterzüge ins Gedicht bringen? Die Intimität zwischen präsentisch gemachtem Gegenstand der Erinnerung (Mutter/Großmutter?) sowie der eigenen Erfahrung des sich erinnernden Subjekts entsteht am Schnittpunkt, dort wo sich diese beiden Modi der Erinnerung berühren, wo es unklar ist, ob der Erinnernde oder das Erinnerte im Vordergrund stehen.
Von Walle Sayer sind keine Revolutionslieder zu erwarten. Und doch liegt das kritische Potenzial &ndash: um die Formel zu bemühen &ndash: in dem eigentümlichen Staunen, das der Dichter der Welt abringt und krümelweise in seinen Texten fixiert. Dieses Staunen erhöht sich umso mehr, da Sayer seine kurzen Retrospektiven und Epiphanien situiert in dem naiven und arglosen, scheinbar unschuldigen Habitus des Hinterlands: »Als ich / aus ausgespülten Senfgläsern / Apfelsaft trank. // Nichts anderes kannte. // Mich einmal auf die Sackwaage stellte / und einen halben Zentner wog. // Irgendwann einen schlotternden Maßanzug trug, / in den ich hineinwuchs, bis er passte« (Walle Sayer: Und alles Erfundene nur vorauserzählt war). Oder: »Hörst du / diesen Schellennarr, / der versucht, sich anzuschleichen. // Oder war das Käthes Ladenglocke, / und du hast wieder vergessen, / was du mitbringen sollst. // Tabak, den billigeren, den Olanda, / einen Hefewürfel, eine Grablichterpackung, / und Gummiringe noch fürs Einmachglas. // Das Rausgeld, das Bierflaschenpfand: reichte für Zuckerperlen / langte für Bärendreck« (Walle Sayer:Erinnerungsfrequenz). Die amerikanischen Soaps und TV-Serien, die gerade die Abgründigkeit der Suburbia thematisieren, scheinen in diese heile Welt noch nicht vorgedrungen zu sein.
Die provinzielle Ikonographie, der unverstellte, auch unverblümt kleinbürgerliche Kosmos, der sich präsentiert, ohne die nervösen Dünkel der gesellschaftlichen Stellung, geben diesen Versen etwas rückhaltlos Offenes. Und gewiss: Sollten die Professoren der Ästhetik zum Stechschritt gen »Différance« aufrufen, wird Walle Sayer die andere Richtung einschlagen. Denn Sayer hat keine Angst vor sich selbst. Er muss seine Reflexivität nicht dokumentieren, hat keine Hühnchen zu rupfen und wird doch subversiv, indem er das dichtet, was er ist – und das ist vielleicht in dieser Manier provokativ und skandalös genug.
Ich sage dies im Übrigen ohne Beifall noch als Apologie. Denn wem Gedichte, dieFußballbildchen sammeln, Zündelalter oder Bierkrüge auf einem Regal heißen, zu bieder oder peinlich sind, der führe sich die Malereien der holländischen Meister nochmals vor Augen. Markierte nicht gerade deren Aufmerksamkeit für Fallobst, Zinnbecher, die Interieurs der heimischen Stuben und Wirtshäuser oder scheckigen Hündchen eine Wende fort vom heilsgeschichtlichen Supernarrativ der Kirchenmalerei oder dem höfischen Klassizismus? War das Ergebnis nicht auch die Entdeckung einer neuen Intimität und der Gewinn eines neuen Selbstbezugs für jene, die mit den großen Narrativen und den raffinierten Vexierspielen nichts anfangen konnten?
Verismo
Fußballbildchen sammeln, beispielsweise. Dieses Gedicht zeigt, denke ich, den veristischen Grundzug dieser Form der Imagination sehr schön: »Nah, das Abstrakte / an Schlammspritzern, / und wie sie gegenständlich werden / auf dem Trikot des Schönwetterspielers.« Der Sport des Fußballs als vermitteltes Ereignis, als Fernsehsendung oder als entfernte Zuschauerposition im Stadion hat gewiss seinen Olymp und sicherlich seine Helden. Panini lässt die unproblematischen Kinder Deutschlands aus Duplo-Riegeln ihre ersten Sammlerleidenschaften erleben. Walle Sayer jedoch will das Sammeln nur dann gelten lassen, will die Verehrung der Spieler nur dann gut heißen, wenn sie genährt ist von »Schlammspritzern« auf dem Trikot. Wir finden hier also diesen Wunsch oder Traum von Walle Sayer, worin jede Medialität gedeckt sei durch primäre, autonome Erfahrung – daher der veristische Zug dieser Gedichte, ihr präsentischer Gestus.
Er saugt sich seine Texte aus seiner Begegnung mit der Welt. Woher sonst sollte er sie nehmen? Und, sollte dies der Fall sein, ist sodann das epigrammatische Schnipsel eine Art Manifest: »Den Apfel vergleichen mit einem Weltentwurf. / Eines Astwerks Krakelschrift entziffern. / Die Windböe hat eine Mähne« (Walle Sayer: Schnipsel)?
Aber ertragen wir diese schamlose Zelebration des Mikrokosmos, die uns in aller Anständigkeit der Authentizität präsentiert wird? Geschmackssache, sicher. Und doch wird der anamnetische Sinn ganz wach und angeregt bei solchen Versen: »Während der Nachtbus / mit einer Leerfahrt das Dunkel abfährt, // sinnieren Ehemänner im Schlafanzug / rauchend auf Balkonen, // vernimmt eine Fledermaus / die Lautstärke einer Lichthupe, // sucht auf der nächsten Dorfdisco / jemand nach einer Salome, // zeigt ein Alkomat nichts als an: / dass du Melancholiker bist« (Walle Sayer: Die Knüpftechnik der Mitternacht). Plötzlich ist der Kopf voller Erinnerungen, sofort verspürt man als Leser die melancholische Gefühlsprägung, die ebendiese Bilder und keine anderen aufgreift in ihrem Lied. Und doch bleiben diese Texte – bis in ihre Selbstreflektion hinein – ohne Abgründe. Oder was ist schon die Feststellung, Melancholiker zu sein? Oder diese hier, die die Spannung zwischen einst gemachten Einträgen in ein Poesiealbum und der Gegenwart inszeniert: »Margaritenblätter abzählen / zerknitterte Geldscheine bügeln. / […] Realität und Wirklichkeit sind drei Paar Schuh. / Drei Paar Schuh und keines passt« (Walle Sayer:Poesiealbumzeilen).
Wo Erotik ein Errötchen ist
Wir sind bei sanften Eingeständnissen und delikaten Einsichten angekommen. Bei all dieser Arglosigkeit allerdings ist man gelegentlich doch genötigt zu schmunzeln. Etwa im Gedicht Bierkrüge auf einem Regal. Es ist situiert in einer Kneipe, irgendwo auf dem Land, wo »es eine ledige Bedienung gab, die wußte, / ob du Linkshänder, Rechtshänder bist. // Und dir / den Henkel / danach ausgerichtet hat« (Walle Sayer: Bierkrüge auf einem Regal). Ähnlich auch die Kontrapunktstellung in einem anderen Gedicht einer Jugendliebe und jener: »Dagegen dies: Stockrose, / Königin der Malven, / als Duftnote einer verheirateten Frau, / mit der du an der Sektbar flirtest« (Walle Sayer: Riechfläschchen). In Walle Sayers Kompendium des ländlichen Mikrokosmos erscheinen solche Szenen schon fast gewagt. Ihre Erotik ist schamhaft, etwas zögerlich, fast verklemmt. Und man fragt sich, ob die Szenen genügen, um dieses hinterländische Gehege der Anständigkeit zu durchbrechen. Sind diese beiden schlüpfrigen Momente tatsächlich emanzipatorische Augenblicke inmitten der stickigen Impressionen oder bleiben sie die züchtige Dekadenz einer Hausfrau? Ist in dieser arglosen Welt also die Erotik lediglich ein Errötchen? Es ist eine Frage, die das Publikum jeweils für sich entscheiden muss. Aber vielleicht lenkt Sex nur ab angesichts einer solchen Fülle an minuziösen Details, die Walle Sayer zu einem anregenden Band versammelt hat.
Strohhalm, Stützbalken
Walle Sayer
Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013
116 S.
€ 16.00 (Gebundene Ausgabe)
Walle Sayer: »Strohhalm, Stützbalken« bei Calle Arco kaufen
Diese Rezensionen werden Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Gedichtbände: »duktus operandi« (2010), »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Er ist ebenfalls Übersetzer und Mitherausgeber der internationalen Ausgabe der Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT (»DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now«). Soeben erschienen ist »Am Ende der Zeilen. Gedichte | At the End of Days. Gedicht:Poetry«.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
The bread of life, well, what is it, anyway? Family, community, faith? Here’s a lovely reminiscence about the way in which bread brings us together, by Richard Levine, who lives in Brooklyn.
Bread
Each night, in a space he’d make
between waking and purpose,
my grandfather donned his one
suit, in our still dark house, and drove
through Brooklyn’s deserted streets
following trolley tracks to the bakery.
There he’d change into white
linen work clothes and cap,
and in the absence of women,
his hands were both loving, well
into dawn and throughout the day—
kneading, rolling out, shaping
each astonishing moment
of yeasty predictability
in that windowless world lit
by slightly swaying naked bulbs,
where the shadows staggered, woozy
with the aromatic warmth of the work.
Then, the suit and drive, again.
At our table, graced by a loaf
that steamed when we sliced it,
softened the butter and leavened
the very air we’d breathe,
he’d count us blessed.
Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)
III. Teil – Die Kommunikation der Literatur: Am Kotti
Leutnant Zuß und Hilfsinspektor Ames, vom anonymen Polizeipräsidenten dazu verdonnert, verdächtige Kommunikation zuzuführen und notfalls zu literarisieren, stehen wartend am Kotti rum und schauen den falben safrangelben Untergrundbahnen bei Einfahrt zu und Ausfahrt. Stellen sich vor, wie schön es wäre, zur gleichen Zeit inmitten von halb Trier vor dem Karl-Marx-Haus zu stehen, um den Getreidedaddy auszutreiben, gleichwie seine Unterteufelinnen. Schad finden sie es wohl, dass das nicht geht – und leider auch ein bisschen geil. Als gäb’s keine weiblichen Dandys mehr! Die Heiterkeit will Zuß schon ergreifen – Dichtung gibt’s bald ja nur noch für Freunde der Popmusik und des Wunderkindischen – da der Geist der Angst vor der Geistlosigkeit erscheint. Plötzlich und beinah hätte Ames eine Elegie in der Kain-Manier des Michael Roes zuwege gebracht. Das wäre auch hohe Eisenbahn gewesen. Hat dann aber doch bloß ein Gedicht aus Milch verschüttet, auf das Leutnant Zuß draufweinte; das Alberne hat Glück, klar, meinetwegen, und solang es nicht bloß putzig-korrupt ist, versteh ich Spaß, sogar Spaßß.
„Für die überwiegende Mehrheit in der Bevölkerung, die Arbeiterklasse eingeschlossen, sind die politisierten Werktätigen und Studenten schlichtweg unverständlich. Darüber solltest Du nachdenken, wenn Du Dich über widerliche Avantgardesprache auslässt; oder darüber: Gewöhnliche Antikommunikation, dem Dadaismus heutzutage von den reaktionärsten Helden des Establishments entliehen, lügt, und ist wertlos in einer Ära, in der die eindringlichste Frage die danach ist, wie sich eine neue Kommunikation auf allen Betätigungsfeldern, den simplen wie den komplexen, erschaffen lässt. […] Lies Rimbauds letzte Gedichte. Sie sind so heftig halluzinatorisch, so zerbrechlich, der Klang eines Geistes, der am Ende seiner Kräfte ist und gerade zerfällt; so klingt die Rückkehr zur kapitalistischen Tagesordnung nach der empörten Auflehnung; […] der Klang desjenigen, der verdammt noch mal! den Kältetod stirbt.“ (Rimbaudbrief; in: Schreibheft 79, S. 142; Sean Bonney, Letter on Poetics, in: Happiness – Poems after Rimbaud, London: Unkant Publishing 2011.)
Die erste Kommunikation entsteigt der Untergrundbahn am Kotti. Zuß wollte einen Hymnus anstimmen, statt sie zuzuführen und notfalls zu literarisieren. Sagt mir: Wie viele misanthropische Karrieristen mit einem Faible für Kirschblüteneskapismus haben sich in Eurem Bezirk eigentlich aufgereiht?
„Jegliche Poesie, die nicht Zeugnis von der grundsätzlichen Fehlbarkeit etablierter (Lebens-)Formen gibt, ist mangelhaft. Prosodie versteht sich via Taktiken des Schwarzen Blocks.* [*Archaischer Bezug; wird nicht erläutert.] Bisher hat niemand eine Sprache gesprochen, die nicht die Sprache derjenigen ist, die Fakten begründen, ermächtigen und eben davon profitieren. Sprache ist konservativ. Ihr Konservatismus entspringt (a) ihrem utilitaristischen Zweck und (b) der Tatsache, dass das personale Gedächtnis, wie auch das der Menschheit, verkürzt ist.“ (Abschaum Dissen, in: Schreibheft 79, S. 136; Sean Bonney, Filth Screed, in: Blade Pitch Control Unit. Cambridge: Salt Publishing 2005.)
Ames hat sein zwischen Hai und Eichhörnchen siedelndes Grinsen gegrinst. Ames liebt nicht den Stern der Bürokraten und Korruptniks. Don’t be strangers! Wie schön der Morgenstern leuchtet!
Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!
Die tatsächliche Beschaffenheit des Menschen
Zum Tode von Franz Hillebrandt – einem Schulbeispiel gescheiterter Autorschaft
Von Lutz Hagestedt, literaturkritik.de (http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18565&ausgabe=201311)
BALLADE AUF DIE EWIG RUHMLOSEN DICHTER
Von Menschen gehaßt, von Göttern verachtet,
wie alte Fürsten gestürzt und verbittert
verwelken die Verlaines: ihnen bleibt der Reim
reichlich und silbern als Reichtum übrig.
Die Hugos mit ihren „Les Châtiments“
berauschen sich am furchtbaren Zorn der Olympier.
Ich aber werde eine Ballade der Trauer
den Dichtern widmen, die ruhmlos sind.
Und wenn die Poes auch unglücklich waren
und die Baudelaires lebten als Tote,
die Unsterblichkeit ist ihnen geschenkt.
Niemand freilich schildert ihr Leben,
und eine schwere Finsternis bedeckt
der Verse Schöpfer, die ungeehrt dichten.
Ich aber bringe als heilige Gabe
eine Ballade den ruhmlosen Dichtern.
Der Menschen Verachtung bedrückt sie,
doch schreiten sie voran, ungebeugt und blaß,
ihrer tragischen Täuschung erlegen,
daß in der Ferne der Ruhm sie erwarte,
keusch und zutiefst freundlich.
Aber im Wissen, daß sie alle vergessen,
beweine ich traurig in meiner Ballade
die Dichter, die ruhmlos sind.
Und irgendwann in künftigen Zeiten
sollen die Menschen einander sich fragen,
welch ruhmloser Dichter die magere Ballade
auf die Dichter schrieb, die ruhmlos sind?
Kostas Karyotakis (1896-1928)
Mehr bei Planet Lyrik
wer schweigt da nach dem Signal, wenn du dir das Handy ans Ohr hältst?
Hansjürgen Bulkowski
Von Martin Holz
. .. .irgendwann n vergräbt einer sein falschgeld unter einer schlechten laterne , … , natürlich flackert das mistding sich lustig dabei oder droht mit dem finger: als wüsste das mistding bescheid , …. bescheid wissen meistens viele, … zu viele und irgendwann hat die verplapperte menschenzunge ein böses ende: DIE KONTAKTMÄNNER VERRATEN VERKAUFEN EINEN WEITEREN / EINEN SEINEN SKALP: ALSO ALSO , .. .. . . ,. . stellt er sich schlau und lauert in einem schatten auf eine verpasste gelegenheit: er durchschneidet das telefonkabel zur menschenwelt und verstopft seine n briefkasten , er legt seine adressen lahm und kündigt seinen personalausweis: er legt es ab, sein hündisches herzen, …ja UND UND seine dreckigen tage sind einfach gezählt .. . um sicher zu gehen feuert er auch sein haus durch, sein auto wird gefällt von einem aufprall und in den zeitungen nachrufen die menschen ER WAR SO GUTER / ER WAR SO SO SO winseln sie seelenerleichtet und mitleidigen abgefälscht auf sein altes leben das sich ausgezündet hat: ER VERSCHWINDET VERSCHWIMMT NÄMLICH VON DER
MENSCHENFLÄCHE ER
BRICHT AUf und in diesem so ausgeklügelten tod taucht er unter, wechselt er sich aus,: ein neuermensch wird gebaut und dann ist er auser sich: samourai wacht auf in einer haut und darf sich rückweg nicht merken, … er bringt tiger und er bringt dschungel, er bringt eine dürftige fackel und die fackelt natürlich nicht lange und das macht ihm dann beine , … bevor er seinen schritten aber traut macht er der fälschung ein ende und nimmt seinen gesichtern das leben: .. .e r schnürt seine zunge festund erzählt seine giffte , . .. er sagt worte die das herz anhalten können wie e in gut geübter griff der ärzte , , . . .. ABER JA NATÜRLICH ist er kein arzt und so unglücklicher kommt es zu einem anständigen flächenbrand: er wickelt schlussendlich seine brust aus wie ein paket und was mag darin verborgener sein . … neugierig furchtlos steckt er finger da hinein und bringt seine haut dabei streckenweise zum erliegen: sie verstellt sich furchterregt auf und flattert wie ein wind und die seifenblase ist gemacht: er pustet an ihr den menschen aus , ja und auch: SEINE WILDNIS IST GETAN / SEINERZEIT: .. im menschenkostüm fliegen also funken und was übriger ist davon, das entkommt nicht , , nichts wird entkommen und macht noch länger einen auf lebewesen: .. irgendwann verfährt vergräbt einer also seine menschlichkeit und macht ohne sie weiter. …
Von Thomas Kunst
ES IST ERSTAUNLICH, DASS ICH ALLE PREISE
In Deutschland ohne jede Mühe kriege.
Gehöre schon seit Jahren zu der Riege
Um Günter Grass und Johann Ludwig Heyse.
Der Ruf zum Königshof erfolgte rasch.
Man lockte mich mit Königin und Rente.
Die Gründung des Vereins für Großtalente
Erfolgte bald, den Vorsitz hatte Brasch.
Wir hielten Castings ab in den Gemächern
Und luden Durs für eine Rede ein:
Descartes im Schnee, Metaphern und der Frost.
Der König starb, wir lernten von Verbrechern
Verstecken, Töten und das Anderssein.
Wir taten alles für Logis und Kost.
Ein schneller Eingreiftext oder: Warum das Deutsche Literaturinstitut besser ist als sein Ruf, von Mirko Wenig:
1.) Das Auswahlverfahren für Bewerbungen am Literaturinstitut Leipzig zählt zu den transparenteren an deutschen Universitäten. Unter anderem, weil Studenten und Gastdozenten mitentscheiden dürfen (auch wenn die Entscheidung eines „eingesessenen“ Dozenten mehr Gewicht hat). Es ist zudem kein Abitur nötig, um am DLL zu studieren. Auch „ältere“ Jahrgänge erhalten eine Chance, ohne sich (wie in anderen Studienfächern üblich) für ihren bisherigen Lebenslauf rechtfertigen zu müssen.
2.) Die sozialen Milieus am DLL waren zumindest in meinem Jahrgang BUNT GEMISCHT! Es gab die Problemkiez- und Plattenbaukindheiten ebenso wie die Professorensöhne. Und ich wage ungeprüft zu behaupten: in Jura-, Medizin- und Wirtschaftsstudiengängen ist die soziale Selektion weit ausgeprägter als am DLL. Einen Beleg dafür, dass die Dozenten nach Herkunft entscheiden, sehe ich eher nicht.
3.) Ohne die Literaturinstitute wäre m.E. die Tendenz zu einer saturierten, elitären und bürgerlich geprägten Literatur unter den Nachwuchsschriftstellern ausgeprägter. Wo sonst hat ein Student „armer“ Eltern die Chance, längere Zeit an eigenen literarischen Projekten zu arbeiten und dies (mit Hilfe von Bafög oder Stipendien) finanziert zu bekommen, wenn er sich als Autor versuchen will? Zumindest zu einem kleinen Teil tragen die Institute zu einer größeren sozialen „Durchlässigkeit“ im Literaturbetrieb bei.
4.) Dass letztendlich so viel „saturierte“, brave und gefällige Literatur auf den Markt kommt, liegt m.E. stärker in der Verantwortung der großen Verlage u. auch des Feuilletons. Mehrfach haben Lektoren von Verlagen wie Fischer, Suhrkamp etc. mir gegenüber artikuliert, dass sie bei ihrer Veröffentlichungspolitik darauf achten, ob ein Buch Chancen hat, im Feuilleton von Zeit, Spiegel oder FAZ besprochen zu werden. Das gilt VOR ALLEM FÜR LITERARISCHE DEBÜTS, für die eine wohlwollende Rezension in überregionalen Zeitungen überlebenswichtig ist! Am Literaturinstitut habe ich beobachtet, dass es sehr gute, aber schwierige Bücher GENAU DESHALB schwerer haben, einen Verlag zu finden: Eine Absage von der Art „Ihr Buch hat uns begeistert, aber wir sehen kaum Marktchancen“ kennen mehrere Absolventen.
5.) In den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen sitzen vermehrt Rezensenten oder sogenannte „Literaturkritiker“, die das literarische Experiment eher nicht würdigen oder auch nicht würdigen dürfen. Das zeigt sich mittlerweile nicht nur in der Aussparung ganzer Gattungen (Lyrik fehlt fast vollständig, über Theater und Hörspiel wird weniger berichtet) und der Literatur ganzer Regionen (Afrika, der arabische Raum, Osteuropa), sondern auch in der Fokussierung auf Bestseller. Eine Stichwortsuche für „Charlotte Roche“ auf der Webseite des Spiegel ergab mehr als 380 Treffer. Mindestens ein Drittel davon beschäftigt sich mit ihren Büchern. Viele regionale Zeitungen besitzen gar kein eigenes Feuilleton mehr, sondern delegieren die „kulturelle“ Berichterstattung an andere Ressorts. Zugespitzt formuliert: Das Feuilleton bekommt eben jene Literatur, die es fordert und fördert.
6.) Wer eine „Elitisierung“ der Literatur beklagt, der muss auch dieselben Tendenzen ebenso stark in den Tages- und Wochenzeitungen kritisieren. Eine Studie von Uwe Krüger an der Universität Leipzig kam zu dem Ergebnis, dass der Journalismus „ganz auf der Linie der Elite“ sei, weil der Großteil der deutschen Journalisten aus groß- und gutbürgerlichen Familien stamme. Ich würde zwar so weit nicht gehen, sehe aber eine Tendenz, das im Feuiileton vermehrt die Befindlichkeiten des deutschen Mittelstands diskutiert werden. Das reicht von Essays über Markus Lanz (!) bis hin zu Erörterungen irgendwelcher „Kulturmenschen“, die über Steuererhöhungen und Sozialmigration klagen u damit kein anderes Ziel verfolgen, als ihre eigenen Privilegien gegen andere zu verteidigen – auch gegen sozial Schwächere. Das gilt vor allem auch für die „Zeit“, wo Florian Kesslers Kritik am DLL erschienen ist.
7.) Es gibt viele großartige Bücher von DLL-Absolventen, die ich gegen die Kritik der Saturiertheit und Angepasstheit unbedingt verteidigen würde. Ich nenne keine Namen, Euch werden selbst Autoren einfallen. Vielleicht sehen sich ja andere DLL-Absolventen genötigt, eine Gegenposition zu Kessler zu vertreten – vielleicht in der „Zeit“, wo ein ausformuliertes Essay von mir wenig Chancen hätte veröffentlicht zu werden.
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