109. Diwan als Debüt

„Rose & Nachtigall“ – das ist ein gewagter, mutiger und äußerst selbstbewusster Titel für ein Debüt.  Denn er ziert auch die Diwane, also Gesamtwerke, diverser klassischer orientalischer Lyriker. Zuletzt erschien in Teheran 1999 die gut zwölf Lyrik-Jahrhunderte umfassende zweisprachige Anthologie „Gol o Bolbol – Rose und Nachtigall“ (Hrsg. Purandocht Pirayech), die sich an dem traditionsreichen Motiv arabisch-persisch-türkischer Liebeslyrik abarbeitet. Und nun kommt Safiye Can daher, aus Offenbach/Main, mit tscherkessisch-türkischen Eltern und großer Liebe für orientalische Lyrik, und nennt ihren ersten Gedichtband so, unlängst erschienen im Frankfurter Größenwahn Verlag.

Einen Moment lang fragt man sich, ob Titel und Verlagsname nicht in einem gewissen Zusammenhang stehen, doch sobald man liest und die Idee begreift, die dahinter steckt, macht sich Anerkennung breit für eine Autorin, die etwas versucht, das es so lange nicht mehr gegeben hat in der deutschen Lyrik. Sie holt ein Motiv, das vielen längst als kitschig gilt, weil es zu oft für Orient-Romantizismus missbraucht wurde, ins Jetzt. Knüpft an die Klassiker vor allem der osmanischen Lyrik an, indem sie die vielfältige Gefühlswelt, die vor allem von männlichen Dichtern zelebriert wurde, sich selbst aneignet. Bei Safiye Can wird Biografie zu Dichtung, und sie zeigt etwas der Dichtung Elementares: Dass die Gefühlswelten vor tausend Jahren kaum anders waren als heute, gewandelt hat sich nur Umgebung und Lebensrealität, aber Zweisamkeit und Einsamkeit haben, von gelockerten Moralvorstellungen einmal abgesehen, überdauert. / Gerrit Wustmann, Fixpoetry (http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/safiye-can/rose-und-nachtigall)

Safiye Can
Rose und Nachtigall
Mit einem Vorwort von Gerhardt Csejka, Literaturwissenschaftler
Grössenwahn
2014 · 120 Seiten · 16,90 Euro
ISBN: 978-3-942223-64-5 eISBN: 978-3-942223-65-2

108. Das Schweigen

Das Schweigen
nach dem Erwachen

Das Schweigen
nach dem Gesprochenen

nach der Stimme

Das Schweigen des Zimmers, der Bücher

Das Schweigen
nachdem ein Tropfen fällt

nach dem Läuten an der Tür

Das Schweigen
eines Niemands

des in Fetzen herunterhängenden Himmels

Das Schweigen
nach dem Gekreisch des Falken

nach der Jammerei

Das Schweigen des Staubes
der langsam über
die leere Fläche zieht

Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Tuvia Rübner: Wunderbarer Wahn. Gedichte. Aachen : Rimbaud 2014
Vgl. auch die vorangegangene Meldung

107. Tuvia Rübner 90

Seit mir vor gut einem Jahrzehnt beim Bremer Festival »Poetry on the Road« Tuvia Rübners tiefe, ruhig-warme und auf merkwürdige Weise fremd-vertraute Stimme erstmals in die Ohren geriet, ist mir ihr Echo im Kopf geblieben. Auch jetzt, da ich den soeben im Aachener Rimbaud-Verlag rechtzeitig zum heutigen 90. Geburtstag des Dichters erschienenen Lyrikband Wunderbarer Wahn aufschlage, höre ich diese unverwechselbare Stimme gleich wieder, ihr ganz spezielles Timbre, in dem etwas Vergangenes bewahrt ist.

Etwas, das der 17-Jährige mitgenommen hat, als er 1941 seine Heimatstadt Pressburg verließ, um sich über Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien und den Libanon durchzuschlagen nach Palästina, in den Kibbuz Merchavia, wo er seitdem lebt. Und wo ihn dann über das Rote Kreuz im Juli 1942 die letzten Nachrichten von seiner Familie erreichten, den Eltern und der geliebten, damals 13 Jahre alten Schwester Alice, die ermordet wurden in Auschwitz, wie die Großeltern und anderen Verwandten, wie die Schulfreunde und Nachbarn. (…)

»Ohne das Schreiben von Gedichten«, teilt Tuvia Rübner im Nachwort zu seinem neuen Lyrikband mit, der ausschließlich Gedichte enthält, die er in seinem 88. und 89. Lebensjahr verfasst hat, »wäre ich wahrscheinlich in meinem Morast versunken.« / Michael Augustin, Jüdische Allgemeine (http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18233)

106. Yang Lian

Yang Lian gilt als einer der einflussreichsten und interessantesten Dichter Chinas. Sein zuerst 1999 in Shanghai veröffentlichtes Langgedicht „Konzentrische Kreise“ wird schon heute mit den bedeutendsten Lyrik-Zyklen der europäischen Moderne verglichen. Äußerlich ist das Gedicht in einer strengen geometrischen Form aufgebaut: fünf Kapitel zu jeweils drei Sequenzen, die Zeile für Zeile ein größeres Mosaik ergeben. Erkundet wird nichts Geringeres als die „wahre Wirklichkeit“, wie sie sich im Medium der Sprache ausdrücken lässt. Wolfgang Kubin, Senior Professor in Peking, hat diese poetische Konfession des im Londoner Exil lebenden Yang Lian ins Deutsche übertragen.

Yang Lian wuchs in Peking auf und wurde 1974 zur »Umerziehung durch die Bauern« aufs Land geschickt. Anschließend arbeitete er als Programmgestalter und Redakteur beim staatlichen Rundfunk und veröffentlichte während des »Pekinger Frühlings« (1978-1980) erste »modernistische« Gedichte. In den folgenden Jahren entstanden große lyrische Werke, darunter das Langgedicht »Nuorilang« und sein umfangreichster, etwa 200 Seiten umfassender Gedichtzyklus »Yi«, der in seiner inneren Struktur an das Buch der Wandlungen anknüpft. / cri.cn (http://german.cri.cn/3185/2014/01/27/1s210771.htm)

Am Freitag,  31. Januar um 19:30 Uhr im Zeitungs-Café Hermann Kesten in der Stadtbibliothek Nürnberg; am Montag, 3. Februar um 20 Uhr im Lyrik Kabinett München und am Mittwoch,  5. Februar um 19 Uhr im Konfuzius-Institut Düsseldorf.

105. Übers Wasser

Immerhin, alle schreiben darüber.

Überschriften der Rezensionen zu Sylvia Plath, Übers Wasser, übersetzt Judith Zander:

Sylvia Plath: „Der Koloss“. Gedichte. Englisch und Deutsch. Aus dem Englischen von Judith Zander. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 163 S., geb., 22,95 €.

Sylvia Plath: „Übers Wasser“. Nachgelassene Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Englischen von Judith Zander. Luxbooks, Wiesbaden 2013. 140 S., br., 22,80 €.

Diane Middlebrook: „Du wolltest deine Sterne – Sylvia Plath und Ted Hughes“. Biographie. Aus dem Englischen von Barbara von Bechtolsheim. Edition Fünf, Gräfelfing, Hamburg 2013. 464 S., geb., 22,90 €.

104. Lyrik tötet

Es gibt kleine Verschiebungen:

Streit über Literatur eskaliert: Betrunkener Russe mordet für die Poesie
Ein Streit zweier betrunkener Männer in Russland über die jeweiligen Vorzüge von Poesie und Prosa hat ein tödliches Ende genommen: Die Diskussion der beiden Männer eskalierte so sehr, dass der Poetik-Verfechter den Prosa-Fan erstach / n-tv.de

Betrunkene Literatur-Freunde: Lyrik-Liebhaber ersticht Prosa-Fan
Lyrik oder Prosa? Am Ende setzte sich der Gedichte-Fan durch. Brutal und endgültig, indem er den Prosa-Liebhaber erstach. / BLICK.CH

Ein Streit zweier betrunkener Russen über die jeweiligen Vorzüge von Poesie und Prosa hat ein tödliches Ende genommen: Die Diskussion der beiden Männer eskalierte so sehr, dass der Poesie- Verfechter den Prosa– Fan erstach / Krone.at

Ein Streit zweier betrunkener Russen über die Vorzüge von Poesie und Prosa hat ein tödliches Ende genommen: Die Diskussion der beiden eskalierte so sehr, dass der eine den anderen erstach. / Merkur Online

(erstochen prosa)

103. Und jetzt Poesie

Turgut Uyar

(04.08.1927, Ankara – 22.08.1985, Istanbul)

Haltestelle Himmelbetrachtung

Wir beide könnten plötzlich glücklich sein
Lass uns zum Himmel schaun
Vor diesen Mätzchen des Lichts diesem Zuckerrohr
Den Babyzähnen den Sonnenstrahlen dem Graswuchs
Rette meine Augen die ich verausgabe
Halte meine ängstlichen Hände sie haben kein Zuhause
Spring über diese Dächer über diese auch über diese
Lass uns zum Himmel schaun

Wir kommen gleich an die Dingsda Haltestelle
Lass uns zum Himmel schaun
Wir sagen wir möchten aussteige
Der Bus hält an wir steigen aus
Diese Dunkelheit ist gelungen bravissimo an Gott
Alle sollen schlafen das ist gut so ich hab das gern
Die Diebe die Polizisten die Hungrigen die Gesättigten
Alle sollen schlafen nur uns hindere ich daran
Wir wären ganz allein wir sollten nicht einschlafen
Ohnehin sind wir angetrunken werden uns auf der Straße küssen
Lass uns zum Himmel schaun

Deine Hände haben etwas an sich so sonderbar
Lass uns zum Himmel schaun
Je länger ich sie halte umso stärker bin ich umso zahlreicher
Deine Augen sind wie aus einer früheren Zeit
Sind wie Einsamkeit sind wie Bäume
Ich wünsche mir das Wasser warm es wird warm
Ich nahm deine Hand und brachte dich an diesen Prachtort
Unzählige Fenster hattest du ich verriegelte sie einzeln
Verriegelte damit du zurückkommst
Gleich naht ein Bus wir steigen ein und können wegfahren
Suche dir einen Ort von dem man nicht umkehren kann
Auf andere lass ich mich nicht ein
Unsere Hände sollen sich einprägen das reicht vollkommen
Ich sonderte dich für mich nicht aufhören erinnere mich an dich
Nicht aufhören erinnere mich an dich nicht aufhören
Lass uns zum Himmel schaun

Originaltitel des Gedichtes: „GÖĞE BAKMA DURAĞI“

Gedicht: Turgut Uyar
Übersetzung: © Safiye Can, 2008-2011/2014

(http://www.safiyecan.de/turgut-uyar-gedichte-2/)

102. Titanic

Noch einmal Satire:

Hochbetagter Günter Grass!

Im Fernsehgespräch mit Denis Scheck sprachen Sie u.a. über Ihr schriftstellerisches Selbstverständnis: »Ich habe erlebt, wie Gleichaltrige in diesen letzten Wochen des Krieges dahingemäht wurden, zerfetzt wurden, die alle keine Chance hatten, ihr Leben zu leben. Und das ist mir beim Schreiben oft bewußt, daß ich, das ist jetzt ein großes Wort, ›stellvertretend‹, aber doch ›ersatzweise‹ für viele schreibe, die nicht dazu gekommen sind.« Mal abgesehen davon, daß recht viele Ihrer Kameraden schon in Walter Kempowskis »Echolot« ihren Platz in der Literatur fanden, erstaunt es doch nicht wenig, wie offen ein ehemaliger Waffen-SS-Mann wie Sie jene würdigt, die an seiner Seite unter dem Banner »Für Führer, Volk und Vaterland!« gegen den Rest der Welt ins Feld gezogen sind.

Was, so war das ja gar nicht gemeint, sagen Sie? Stellvertretend oder ersatzweise wollen Sie natürlich auch all jenen eine Stimme geben, die Sie und Ihresgleichen damals aufs Korn genommen haben? Ach, Grass! Meinen Sie nicht, daß die sich nichts sehnlicher wünschen, als daß Sie endlich mal die Klappe halten?

Ihren Nobelpreis haben Sie doch schon!

Meint’s nur gut:

Titanic (http://www.titanic-magazin.de/briefe/2014/januar/#c19999)

101. Noch ein Taliban

Es ist gut zu wissen, was es in Wahrheit auf sich hat mit der Internationalen, diesem vermeintlich linken musikalischen Bollwerk gegen alles Nicht-Linke, gegen diese Kapitalisten und Imperialisten. Aufgedeckt hat die brisanten Zusammenhänge Horst Schmitt im schon jetzt legendären Antrag „P6“ für den Europaparteitag der Linken Mitte Februar in Hamburg. (…)

„Aussetzung der akustischen oder gesanglich musikalischen Intonierung des Liedes ‚Die Internationale‘ innerhalb der Partei DIE LINKE, bis ein Ergebnis über die zukünftige Anwendung und Verwendung vorliegt, da die gesangliche musikalische Intonierung des Liedes ‚Die Internationale‘ zwar kämpferisch, aber auch militaristisch, gewalt- und kriegsverherrlichend ist, ein Symbol des Kapitalismus darstellt und Militarismus ein Element des rechten politischen Spektrums ist, genauso wie die deutsche Nationalhymne.“ (…)

Für Schmitt ist die ganze „Monoton rhythmische Musik“ ein Ausdruck reinen Militarismus. Solcherart Musik finde sich „beim Militar, und diente mit monotonen Trommelschlägen in der Geschichte beim Einsatz von Menschenschlachten“.

Musik wie die der Internationalen – von Eugène Pottiers um 1871 nichtsahnend komponiert – sei das „Symbol des Kapitalismus, da es die Zählweise von Geld 1 Euro, 2 Euro, 3 Euro usw.“ – da endet der Satz. Nach „usw.“ könnte jetzt „ist“ oder „imitiert“ folgen. Aber das sei dem Leser zur freien Interpretation überlassen.

Schmitt sieht auch die Musikrichtung Techno in gleicher Traditionslinie, „da dort die monotone technologische Zählweise 01 01 01 01 … ist, woraus sich ein monotoner Musikrhythmus ergibt, der somit auch eine moderne Interpretationsform des Militarismus ist.“ Daraus erklärten sich, sagt Schmitt, „auch die Besucher von sogenannten Techno-Loveparades, die vorwiegend aus dem konservativen bis rechtspolitischen Spektrum kommen“. / Thorsten Denkler, Berlin. Veröffentlicht gestern, 28. Januar 2014, 19:04, im Bundesblog (Süddeutsche Zeitung)

100. In Eile

Lyrik hat es schwer in unserer schnelllebigen, hektischen Zeit.

Ach wirklich, wie schade… Aber ich muß weiter, keine Zeit.

99. Nach Rom

„Der Lyriker von der Raketenstation Hombroich“ – schreibt die Zeitung und meint Oswald Egger,  „wird als Stipendiat der Villa Massimo in Rom arbeiten.“:

Einen wesentlichen Teil seiner Rom-Zeit wird Egger in Ovids „Fasti“ investieren. Der römische Dichter (um 43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) hatte analog zum römischen Festtagskalender jeden Monat in Gedichtform bringen wollen – sechs sind überliefert, vermutlich sind nicht mehr entstanden, weil Ovid von Kaiser Augustus aus Rom verbannt wurde. „Das ist mein Buch“, sagt Oswald Egger lächelnd, „und dass ich das noch mal systematisch und poetologisch auf seine Umsetzung durcharbeiten kann, hätte ich nicht gedacht.“ / Helga Bittner, Rheinische Post (http://www.rp-online.de/panorama/wissen/oswald-egger-wandelt-in-rom-auf-ovids-spuren-aid-1.3990932?mobile=0)

98. Labor

Donnerstag, 30. Januar 2014, 20 Uhr, Eintritt frei

der Andere bin ich

Rezitation: Denis Abrahams, Moderation: Tom Bresemann
literaturlabor in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat
Mehringdamm 61, 1091 Berlin, U6/U7 Mehringdamm

Der Februar kommt … das literaturlabor in der Lettrétage geht. Und zwar in die dritte Runde. Gefördert vom Berliner Senat sind im kommenden Monat u.a. Daniela Seel, Mara Genschel, Simone Kornappel, Nikola Richter (und ihr mikrotext Verlag), Richard Duraj, Martin Lechner und Sonja vom Brocke als LaborantInnen am Mehringdamm 61 tätig.

Und: Das literaturlabor in der Lettrétage hat neben dem Mehringdamm 61 eine Online-Dependance eröffnet. Dort streitet Konstantin Ames mit einem gewissen Wimpernknecht Zuß über den Unterschied von Polemik und Poetik, darüber hinaus sind dort auch viele Videos der bisherigen Laboruntersuchungen anzuschauen, mit Sandra Gugic, Lukas Lauermann, Maik Lippert, Valeri Scherstjanoi u.v.a. Checken Sie das doch ruhig mal aus!

Unsere letzte labor-Veranstaltung im Januar: Unser Stammrezitator Denis Abrahams liest gegenwärtige Gedichte lebender, jüngerer LyrikerInnen. Dahingehend Labor, als dass sich derzeit kaum Rezitatoren mit dem Feld der Gegenwartslyrik auseinandersetzen. Zum Einen liegt das wohl an der großen Bühnenpräsenz der gegenwärtigen AutorInnen selbst, zum Anderen aber – so möchten wir im literaturlabor fragen – vielleicht auch in der Natur der Sache? In welcher eigentlich, das wäre dann noch hinterherzufragen – der des Rezitators, seiner Werkzeuge und Praxis oder der des schlichtweg „unlesbaren“, weil als kompliziert und unverständlich verstandenen Gegenwartsgedichts?

Wir haben uns für die erste Option entschieden und den Rezitator Denis Abrahams eingeladen, sich mit den Texten einiger gegenwärtiger LyrikerInnen wie Ann Cotten, Elke Erb, Mathias Traxler u.a. auseinanderzusetzen, und sich damit, ganz im Sinne des literaturlabors, an einer Rekalibrierung rezitatorischer Werkzeuge zur Literaturvermittlung zu versuchen.

Im Namen der Lettrétage lädt Sie dazu herzlich ein
Tom Bresemann

Alle weiteren Infos: www.lettretage.de

97. Reich und schillernd

Wie jeder ernstzunehmende Gaukler versteht sich auch der Himmelsschraubendreher Günther Kaip aufs Understatement, um im Nu aus wenigen, vergleichsweise schäbigen Requisiten kleine Welten aufs Papier zu zaubern – allesamt im Modellformat, in Spielzeuggröße und -form, bei näherer Betrachtung jedoch kaum weniger reich und schillernd als die sogenannte Wirklichkeit. / Helmut Neundlinger, Album, DER STANDARD, 18./19.1.2014 (http://derstandard.at/1389857395479/So-gross-so-klein-wie-die-ganze-Welt-Himmelsschraubenwelten)

Günther Kaip, „wenn du an deiner himmelsschraube drehst“. Illustrationen von Angelika Kaufmann. € 19,80 / 98 Seiten. Mitter Verlag, Wels 2013

96. Dichtung in dürftiger Zeit

Was wäre, wenn Politiker ihre Sitzungen mit einem Gedicht eröffnen würden? Das schlug kürzlich Michael Krüger im Schloss Bellevue vor. Marie Luise Knott nimmt den Faden auf und spinnt ihn weiter: Über den Einfluss William Carlos Williams‘ auf Bankdirektoren, Oskar Pastiors auf eine Redaktionssitzung des Stern oder des Seeschlangensongs auf das Außenministerium…

Auszug:

Es gelingt einem nicht, sich auszumalen, dass Ronald Pofalla eine Kabinettssitzung mit Paul Celan eröffnet. Nicht einmal die Zeile: „Denk an die Zeit, da die Nacht mit uns auf den Berg stieg,“ ist aus seinem Munde vorstellbar. Geschweige denn: „Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, / niemand bespricht unseren Staub./ Niemand. /// Gelobt seist du, Niemand.

Es geht hier nicht um Politiker-Basching: die in diesem Gedicht („Niemandsrose“) beschworene Solidarität des „Wir“ unter den Menschen ist im Nicht-Alltäglichen angesiedelt. Allein der Ton — dieses versuchsweise Stammeln der Celanschen Welt-Wiedergewinnung — greift in unsere Ursprünge zurück. Übergangslos kann niemand danach zur Tagesordnung übergehen.

(…)

Hölderlin, Goethe, Hebbel und sogar Opitz als Sitzungsbeginn – das klingt ein wenig wie Sehnsucht nach einer Rückkehr heiliger Handlungen ins profane Heute. Gedichte als Gebetsersatz? Mit einem Würfel auf dem Tisch womöglich, mit dem einst die Tageslosung ausgewürfelt würde? So hat es Krüger sicher nicht gemeint.

Eine klammheimliche Freude befällt einen bei der Vorstellung, ein Meeting von Hedgefond-Managern im Frankfurter Flughafen oder auch eine Redaktionssitzung des Stern begänne mit einem Gedicht von Oskar Pastior:

Wer kommt denn da so Morgenschön ?
Wer morgent da so schön heran ?
Wer schönt heran so morgenda ?
Dat wer schön so am Morgen ?
Wer kömmt da mor wer dennt da schön ?
Wer gent so mör wer sot so kömm ?
Wer hert wer wert denn sö ?
Kömmt da wer ?
Mört wer dä ?
Wer dä !
Mörg.

Hier, bei Pastior, werden die Strickleitern des schönen Klangs derart festgezurrt, dass der Sinn Neuland erklimmt. Verse von ureigenster Komik, dessen Eigenreich sich in keinen alltäglichen Erledigungsmodus eingemeinden lässt. Ja, da kömmt wer. Aber nicht heute, sondern Morgen. Mörg. In solchen Reichen geschmiedeter Verse herrschen andere Regeln, sie wollen gesondert erkundet werden und bieten uns dank Klang, Rhythmus, Reim deutliche Wegweiser. Doch auch äußerlich näherliegende Gedankenwelten wie Heines „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ – taugen sie wirklich zum Sitzungsvortrag? Je mehr man in den Krüger-Vorschlag eintaucht und vermittels dieses Vorschlags sich das Reich der Dichtung anschaut – ob inniges Bild der Romantik, ornamentales Barock oder expressionistischer Gefühlsauftrag – je mehr man eintaucht, desto klarer erkennt man: Dichterworte wirken aus einer anderen Welt. Sie widersetzen sich dem Einsatz. Doch es stellt sich ein großes Vergnügen ein, denn all diese Verse sind ja ein Vergnügen. Je länger man sich den Krüger-Vorschlag nicht vorstellen kann, desto mehr verdichtet sich die Erkenntnis, dass an dem dahinterstehenden Wunsch nach einer Repoetisierung des Lebens in diesen dürftigen Zeiten was dran ist. Dass Dichtung sozusagen etwas zum Glühen bringt. Auch diese Zeilen von Uljana Wolfs zeugen davon:

wenn es Zeit ist für orangen, ist keine zeit, no time at all, für nichts. ich esse nur orangen, at least they exist, wenn sonst nicht viel ist, no things at all, nicht viel. zierliche schiffchen und zähe dünne haut. ich zutsche sie stundenlang aus. keeps me beschäftigt.

Mehr im Perlentaucher (http://www.perlentaucher.de/tagtigall/die-geheimen-gesetzgeber-der-welt.html)

95. Rilke in Prag

Vergangene Woche hat das Prager Literaturhaus zwei neue Bände mit Werken des berühmten Lyrikers Rainer Maria Rilke vorgestellt. In der tschechischen Ausgabe des Prager Labyrint-Verlags finden sich Gedichte und Prosatexte. Viera Glosiková ist Herausgeberin der zwei neuen Rilke-Bände:
„Rilke ist einer der zwei großen Prager. Neben Kafka ist Rilke die bekannteste Persönlichkeit, die aus Prag kommt. Er gehörte zu der deutschsprachigen Minderheit, die in Prag lebte, und ist einer der wichtigsten Repräsentanten der Prager deutschen Literatur.“
Die erste Ausgabe hat den Titel „Denn es sprangen Sterne ungezählt“. Sie umfasst circa 180 Gedichte aus den Jahren 1922 bis zu Rilkes Tod im Jahre 1926. Abgesehen vom Gedichtzyklus „Die Sonette an Orpheus“ und den „Duineser Elegien“, deckt der Band nahezu das gesamte Spätwerk des Dichters ab.
„Das ist ein großer Beitrag für den tschechischen Leser, da bis jetzt mindestens vier Fünftel dieser Gedichte nicht ins Tschechische übertragen wurden“, so Glosiková. / Wiebke Nordenberg, Radio Prag (http://www.radio.cz/de/rubrik/tagesecho/dichter-rilke-auf-tschechisch-grosse-teile-seines-werks-erstmals-uebersetzt)