63. Der Heintje-Effekt

Ein Artikel von Florian Kessler in der „Zeit“ #4 vom 16.1. erregt seit gestern die Gemüter in sozialen Netzwerken und auch schon auf virtuellem Zeitungspapier (der Artikel ist noch nicht im Netz). Hier zwei Auszüge:

Es muss nicht schaden, wenn junge Schriftsteller gelegentlich Alkohol trinken, und ebenso wenig muss es schaden, wenn sie das gemeinsam verrichten. Sehr wohl aber kann es den eigenen Glauben an die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ramponieren, muss man ihnen dabei zusehen. Denn nüchterner als etwa auf dem letzten Berliner Open Mike im November nippte noch keine Autorengeneration an ihrem Bier. Präsentierten die Kandidaten bei diesem wichtigsten literarischen Nachwuchswettbewerb auf der Bühne vielfach gesellschaftlich interessierte Stoffe, so spielte derlei Bemühtes für die Palavergesellschaft während der Pausen keine Rolle. Wie mit Klemmbrett, Hosenanzug und angezogener Handbremse referierten hier zwanzigjährige Jungautoren über die Marktchancen einzelner Bekannter, großkalibrige Verlegerwechsel und das Termingeschäft ihres eigenen Debüts.

Jede Bildungsreisen-Rentnergruppe im Berliner Ensemble unterhält sich inhaltlich angeregter als die jungen Schriftsteller dieses Landes. (…)

(…)

»Wir lebten alle vom Rundfunk«, hieß es einst über die Gruppe 47. »Wir leben alle von unseren Familien«, müsste man heute sagen. Oft schon ist zwar behauptet worden, das heutige Schriftsteller-Berufsbild sei aus dem Preis- und Stipendienwesen zu erklären. Dabei muss man es sich offensichtlich erst einmal leisten können, überhaupt erfolgreich prekärer Autor zu werden. Das gilt schon rein finanziell, mögliche Notfallüberweisungen der Bürgereltern erlauben eben ein ganz anderes Heranschreiben an glorreiche Stadtschreiberposten.

Das gilt aber vor allem auch habituell: In einem starren kulturellen Milieu, in dem Debütantenruhm besonders durch einige wenige Literaturredakteure und die mit ihnen identischen preisvergebenden Juroren erzeugt wird, bewährt es sich am allermeisten, so richtig dazuzugehören und ebenso geschmeidig professionell wie die gentlemen of the jury zu sein. Das ist der Heintje-Effekt der deutschen Literatur: Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter.

62. Der blauäugige Riese…

Nâzım Hikmet
15. Januar 1902, Thessaloniki – 3. Juni 1963, Moskau

Der blauäugige Riese, die winzigkleine Frau und die Geißblätter

Er war ein Riese mit blauen Augen,
liebte eine winzigkleine Frau.
Der Traum der Frau war ein winzigkleines Haus
………. in dessen Garten
…………… mehrfarbige Geißblattblüten
……………….. wuchsen.

Wie ein Riese liebte der Riese.
Und seine Hände waren geschaffen
für dermaßen große Dinge, daß er nicht
den Bau hätte bauen können,
………. an der Tür hätte läuten können
vom Haus in dessen Garten
………. mehrfarbige Geißblattblüten
…………….. wuchsen.

Er war ein Riese mit blauen Augen,
liebte eine winzigkleine Frau.
Winzig winzigklein war die Frau.
Die Frau dürstete nach Bequemlichkeit,
………. ermüdete auf dem großen Weg des Riesen.
Und Leb‘ wohl sagend dem blauäugigen Riesen,
ging sie eingehakt bei einem reichen Zwerg
………. in das Haus mit dem Garten
…………….. in dem mehrfarbige Geißblattblüten
……………………. wuchsen.

Jetzt versteht der blauäugige Riese,
für riesige Lieben
kann es nicht einmal zum Grab werden:
………. das Haus mit dem Garten
…………….. in dem mehrfarbige Geißblattblüten
……………………. wachsen…

Gedicht: Nâzım Hikmet Ran
Übersetzung: © Safiye Can, 2007

61. Preis für Robert Schindel

Wie die Berliner Akademie der Künste am Freitag mitteilte, erhält der Essayist, Romanautor, Lyriker und Regisseur Robert Schindel heuer den mit 8.000 Euro dotierten Preis. Die Preisverleihung findet am 27. März, dem Geburtstag Heinrich Manns, in Berlin statt. / Der Standard

60. Der arme Dichter und das Wohlleben

In der Zeitung junge Welt wird der 18. Januar schon heute eröffnet – mit einem Gedicht von Peter Hacks nämlich zum morgigen 100. Geburtstag von Arno Schmidt. So beginnt es:

Das reiche Dorf, beschaulich und behäbig,
Hat seine Slums. Das ich zu sehn verlange,
Das Schmidtsche Hüttchen, unvorstellbar schäbig
Hockt es, nah dem Verfall, am Ortsausgange

Im Zwergengarten (…)

und endet:

Denn vor dem Schandfleck ragt, gefügt aus Klinkern,
Ein niedersächsisch festes Bauernhaus,
(…)
Die Stiftung der Inhaber des Baus.
Dem Original der Mangel und die Ehren.
Das Wohlleben gehört dem Sekundären.

59. Zuß und Ames suchen Streit (9.1.2014) Teil II

(Quelle: literaturlabor in der Lettrétage)

Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“

(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.))

2. Begegnung (9. Januar 2014) in Ames’ Büro zum Frühstück/ II. Teil

A Beschwerde über Abqualifizierung zu führen, so wie es sich Gerhard Falkner herausnimmt, das ist doch nur legitim. So ist das in einer Demokratie, in der Meinungsbildung nicht beschränkt wird und Meinungsstreit nicht untersagt ist. Oder ist Kunst ein undemokratisierbarer Hort des Elitarismus, eine Zone gelenkter Demokratie? Wo einige draufknüppeln und andere brav die andere Wange hinhalten? Die sehr allgemeinen und namenlosen Bedenken, die René Hamann in „Gutenbergs Welt“ dieserhalb vorträgt, fand ich ungemein aufschlussreich. Wer aber verhindert Kritik? Ist es wirklich die Horde der ungenannten Lyriküberschussproduzenten, die Lyrikboomer? Und: Ist das vielleicht nicht mehr eine listige Zuschreibung und Einfärbung, eine schlaue Antizipation der Gegenposition. Ohne Namensnennung bleibt es Behauptung und behaviouristisch programmiertes Kalkül. So sehe ich das und ich finde es mickrig. Wenn wir nämlich mal wieder, wie seit Jahren, nur von der Mustergültigkeit bestimmter Personen hören, und Exzellenzcluster in tautologischen Bunkern errichtet werden (Erfolg hat Erfolg, weil die Erfolgreichen erfolgreich sind; und die Kritiker bestimmter erfolgreicher arrogant auftretender Kommunikatoren können nur Neider sein; die ewige Wiederkehr der beliebten Legende „Gute Bücher werden sich schon durchsetzen!“), dann wird Literaturkritik zu Literaturpolitik. Wenn es dann noch zur Freizeitbeschäftigung einiger midcareer-artists (mit leichten Erinnerungslücken betreffs eigener Starthilfen) wird, selbst aktiv und listig Literaturpolitik zu betreiben, (Reaktionen darauf sind Kommentare in Lyrikzeitung & Poetry News) und aus ihren Tauto-Bunkern heraus das literarische Feld unter Feuer zu nehmen, ganz gleich, ob als Kanoniere (Tom Schulz, René Hamann, Nora Bossong) oder als Scharfschütze (Ann Cotten), dann ist es höchste Zeit für eine Erwiderung! Und wenn solche unkollegialen Attitüden mit Orden behängt werden, ist nicht die Zeit für Appeasement und Diplomatie. Ich sehe diese echte Wut, die ich verspüre, im selben Maß in der Polemik zur ökologischen Erfassbarkeit von Kultur von Gerhard Falkner zum Ausdruck gebracht. Bedeutet es aber in der Tat literarischen Selbstmord, Posen und Attitüden anzuprangern, die mich ankotzen und dabei Ross und Reiter zu nennen? Mag sein. – Ich habe indes kein Interesse an einem weiteren Ausbau von Angst- und Frusträumen in eisigem Schweigen! Den Kollegen Florian Neuner und Crauss. war es doch auch möglich in ihrem Gespräch Tacheles zu reden (siehe Kritische Ausgabe 25). Mara Genschel ist das in ihrem Interview mit „Ich“ auch gelungen (randnummer 05), anstatt sich in aphoristisch verhüllten Invektiven eitle Selbstbespieglung zu treiben. Ich ziehe den Hut vor den mutigen Positionsbestimmungen von Crauss. und Florian Neuner, Mara Genschel, Gerhard Falkner. Ellen Wesemüllers Essay „Können Arbeiter meine Gedichte verstehen oder bin ich ein Arbeiter?“ muss ich an dieser Stelle wenigstens erwähnen, und später noch was dazu sagen.

Sie haben Positionen infrage gestellt, statt beim Ausritt auf Animositäten mit dem Privatissimo-Gewehr zu ballern, teils unter die Gürtellinie zielend, teils auf die Köpfe, die dummen Dinger. Der einzige Skandal besteht übrigens in der überheblichen Unterstellung, dass alle Welt sich für dieses Privatissimo (die Familien und Brotberufe der anderen) wohl interessiere, und dass hier eine inhaltliche Auseinandersetzung mit anderen Positionen stattfände. Selbstgerecht, wenn auch recht ansehnlich theoriekitschrot geschminkt, waren ja schon die imperialen Essais „Etwas mehr“ in derBella triste 17 und „Ideal: Überfluss“ in der Kritischen Ausgabe 25. Eine Entgegnung auf diese Anhäufung schierer Behauptungen ist überfällig; wird aber an anderem Ort veröffentlicht, nicht hier; das wäre zuviel Aufmerksamkeit für eine Person, die genügend Aufmerksamkeit hat und zum zweiten Mal zum Wunderkind des Jahres ausgerufen wurde! Mich interessiert nur die Beobachtung des Phänomens; die dahinterstehende Person geht mich nichts an; ich interessiere mich ja auch nicht für die Person von Angela Merkel. Deshalb abschließend nur noch eine Bemerkung zum Vorwurf der Primitivität, den Frau Cotten gegen mich erhob. Was sage ich dazu? Ganz ehrlich: Primitiv ist der, der es immer war, der Zufall. Hier in Gestalt der Zwillingshaftigkeit eines, wie man so sagt, bürgerlichen Namens und einer Geburtsstadt. Ann Cotten ist ja gebürtig aus Ames in Iowa, wie einigen Publikationen zu entnehmen ist. Da muss ich wohl wirklich mal hin nach Ames.

ZdW Achgottchen! Wann kommt den endlich der Satz in Ihrem elegischen Flötenkonzert, wo der innere Monolog den Schwanentod stirbt? Wir sollten uns über ihren selbstgerechten Schwanentod und ihren inneren Schweinehund, um nicht zu sagen: Narziss, mal Klarheit verschaffen! – Ich hab hier was, das Sie zum Sprechen bringen wird. (Drückt A die Mündung der Dillinger auf einen Nasenflügel.)

A (deutet mit den Augen auf das, was ZdW entgangen ist: In Höhe des zußschen Appendix hat ein Skalpell angesetzt. Und grinst dieses Amesgrinsen, diese Mischung aus Hai vorm Zuschnappen und Eichhörnchen nach der Streicheleinheit. Er hebt die geballte Faust zum Sozialistengruß) Vive Rimbaudelaire! Gegenfrage: Erinnern Sie sich doch mal an die Szene aus Solo Sunny, wo …

ZdW (um Fassung bemüht) Ich interessiere mich nicht sehr so für stalinistischen Mumpitz!

A Ist ja auch kein stalinistischer Mumpitz! Glauben Sie mir nicht: Schauen Sie sich den Film ruhig nochmals, und immer mal wieder, an. (Erinnerungsgeräusch) Folgende Szene daraus halte ich für den Kern jeglicher Künstlerproblematik: Sunny unterhält sich mit einem Gitarristen aus ihrer Combo und der Dialog geht in etwa so: „Sag mal, es müsste doch möglich sein, Persönlichkeit zu haben, ohne berühmt zu sein? – Tja, wäre anzustreben,“ gibt ihr der bärtige Sympath zur Antwort, von dem Sunny im Gespräch, zu ihrem größten Erstaunen erfährt, dass er Familienvater ist und seine Ehefrau einem biederen Brotberuf nachgeht. – Auf Ihren mauen Vorwurf übertragen, ich habe mich bei irgendwem eingeschleimt, oder sei ein Reaktionär, weil ich mich im Namen Mörikes habe auszeichnen lassen: der Mörike ist ein Paradebeispiel für einen zerrissenen Menschen, oder pflegen Sie gerne das Klischee vom Biedermeierpoeten? Kennen Sie Weylas Gesang oder Der Tambour? Lesen Sie doch mal die Nummer 20 des Poesiealbums, das ist nämlich Eduard Mörike gewidmet. Muss einer immer erst den Hölderlin machen, um als echter Deutschdichter zu passieren? In Nummer 25 der Kritischen Ausgabe habe ich Kolleginnen und Kollegen erwähnt, die ich für wegweisend halte, ganz im Gegensatz zu denen, die dazu von der Literaturpolitik stilisiert werden und tatkräftig und eitel wie zuletzt Rainer Maria Rilke PR treiben. Mit halbgaren Nietzscheanleihen verbrämte Tendenzen hin zu noch mehr sozialer Distanz und Homestories darüber – demgegenüber bleib ich Saarfranzose.

ZdW (lachtIm Exil!

A Und zu Mörike und mir und dem Förderpreis, ganz bündig: Wer sich daran stößt, dass Ames’ Poesien im Namen Mörikes gefördert wurden, kann sich doch mit Billy Wilders Bonmot zu Preisen und Hämorrhoiden trösten. Ich hab zwar bisher noch nicht mit Scheiße Preise gewonnen, aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Die besten Poesien des letzten Jahres, die dummkopfelegien hat übrigens Norbert Lange veröffentlicht, im Heft 61 der Leipziger Zeitschrift EditDie erste dummkopfelegie ist auch hier zu lesen.

ZdW Was hat Wilder denn gesagt?

A Hopp, ran an die Suchmaschine! Kennen Sie Billy Wilder?

ZdW Nö. Wieso sagen Sie eigentlich Poesien? Sind Sie dumm?

Wäre das nicht was?

(ein Handy klingelt, zwar nicht sinnlos, aber penetrant-dekadent, Schostakowitsch, Suite für Jazzorchester Nr. 1, Foxtrott)

ZdW Leutnant Zuß? … Ein Zwischenfall? … Am Kotti? … Wir sind hier gerade mitten … (die schrille Stimme wird lauter, nimmt einen militärischen Ton an, polizeipräsidentenmäßig; ZdW hat offenbar seinen Vorgesetzten gefunden.)

A (steht schon an der Tür und winkt freudig zum Aufbruch) Kommen Sie schon, Bürokrat!

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

58. Schmeckt

Das vierzehnte Heft der vom Jenaer Verein POESIE SCHMECKT GUT herausgegebenen Lyrikreihe „VERSENSPORN – Heft für lyrische Reize“ ist  erschienen. Es widmet sich der Dichterin Frida Bettingen, die vor 90 Jahren in Jena starb. Das neue Heft bietet einen Querschnitt aus dem lyrischen Schaffen dieser völlig vergessenen Dichterin.  Exklusiv liegt den Exemplaren der Abonnenten auf Mini-CD die Vertonung eines ihrer Gedichte bei. Zu erwerben sind die Hefte direkt über den Verein unter http://www.poesieschmecktgut.de und in der Bücherstube am Johannisplatz. / Jena TV http://www.jenatv.de/kultur/Neues_Heft_des_Jenaer_PoesieVereines-19775.html

57. Vollton

Ziemlich volltönend beginnt eine Besprechung so:

Ron Padgett’s „Collected Poems“ verspricht einer der einflußreichsten Gedichtbände zu sein, die jemals erschienen.

Volltönen scheint ja ein sehr verbreiteter, wenn nicht der dominierende Feuilletonmodus zu sein. An ihren Superlativen sollt ihr sie erkennen. Das Buch kann trotzdem gut sein. Die nächsten Sätze der Einleitung werden teilweise informativer:

Das Buch umspannt die 50jährige Karriere Padgetts, der ein Veteran der zweiten Welle der New York School der Lyrik ist. In diesem monumentalen Band erfreut Padgett uns mit ebenso verfeinerter wie überwältigender Poesie. Die absolute Energie dieser Gedichte reißt uns mit durch Humor, Intelligenz und blitzenden Verstand.*

The Journal

Ich bleibe dabei, die Gedichte sind besser.

Irgendeine Probe:

Quicksand

Quicksand has disappeared. It’s as if a world-wide removal project had completed its work under the cover of night. Where has the quicksand gone?
One of my childhood fears was of finding myself stuck in quicksand, alone in a jungle, and frantically trying to remember what to do and what not to do, for struggling wildly would make one sink even deeper into the sinking slough. It was futile to cry out for help with the hope that a stray native might be in the vicinity, and besides, if he happened to be, he might be of the variety of those who blow tiny darts at you and then, after a numbing paralysis has made your lungs forget what to do, drag you out of the muck and shrink your head to the size of a baseball. No, it’s better to keep quiet and calm, calm enough to recall that an expert, in a film, once told you that the only way out was to imagine that you are swimming, though he did not say where. The Côte d’Azur? The North Atlantic, where the Titanic slid beneath the dark waters? The aquamarine public pool where you swam as a child amidst squealing and laughter?
But now there is no need to worry about this ever again, because quicksand has vanished, as if sunk into itself.

RON PADGETT

upstreet
Number 8 – 2012

*) okay, er sagt das poetischer (ob komplexer, wage ich nicht zu beurteilen): with the lightning bolt of good sense.

56. Auf Kaution freigelassen

RADIO FARDA ARTICLE ON THE RELEASE OF FATEME AND MEHDI

Mehdi Moosavi and Fateme Ekhtesari, two Iranian poets who have been kept in the Evin prison since last December, were released on Tuesday evening by a 200 million Tomans bail (about 500 000 SEK, 57.000 €), one of their relatives told Radio Farda.

He/she told Radio Farda that during this time they have been in the custody of the Revolutionary Guard’s intelligence sector and kept in solitary confinement in the Evin prison.

Their were arrested on the 6th of December 2013, two days after their passports were confiscated at the Imam Khomeini Airport when they wanted to leave the country.

Their arrest was not made public by media until 20th of December when “Kaleme” website, a news agency connected to Iranian reformists, wrote a report based on their sources information saying they poets were kept in section A-2 of Evin prison, a section under the Revolutionary Guard’s control.

The accusations against them has not been public until today, when sources close to Mehdi Moosavi and Fateme Ekhtesari say that they are being charged with “ conspiring against national security, having connections with foreign media and with artist members of opposition groups which operate from abroad”.

According to these sources they have to answer to these accusation in court, but it seems the time of the trial remains unclear.

Some of Moosavi’s poems were sang by Iranian singer Shahin Najafi, from which “Baed Az To” and “Momayez Sefr” of the the album “Hich Hich Hich” can be mentioned.

Some of Mehdi Moosavi’s and Fateme Ekhtesari’s works have not got a publishing permit in Iran and Moosavi’s last post on his weblog contains some criticism about the matter.

55. Gestorben

Wie wir erst jetzt erfahren, starb schon am 14.11. auf tragische Weise der polnische Lyriker, Liedermacher, Kulturarbeiter und Journalist Artur Fryz im Alter von 50 Jahren in Kutno. Artur Fryz wurde am 19. September 1963 in Ostrow Wielkopolski geboren. Während des Studiums an der Katholischen Universität von Lublin gab es erste Veröffentlichungen. Sein Debüt als Literaturkritiker erfolgte in der Untergrundzeitschrift „Notatnik Polityczny“ (Politisches Notizbuch). Im Jahr 2005 organisierte er das Festival „Goldene Mitte der Poesie“ in Kutno und den gleichnamigen nationalen Literaturwettbewerb für den besten Debüt-Gedichtband des Jahres. Beides findet seither jährlich statt.

Buchveröffentlichungen:

  • Miasto nad bitwą. 24 sonety municypalne, Kutno 2001
  • Przed zamknięciem, Warszawa 2002
  • Wspólne miejsca, Kutno 2007
  • Czytanie z księgi świętego kłapouchego, Łódź 2010
  • Miasto nad bitwą. 24 sonety municypalne i inne wiersze stąd, Kutno 2010
  • Klatka schodowa kieszeń minotaura, Ostrów Wielkopolski 2013
Ewa Lipska und Artur Fryz beim Literaturfestival in Kutno Im Hintergrund Vors. Des Schriftstellerverbandes Sergiusz Wachowiak
Ewa Lipska und Artur Fryz beim Literaturfestival in Kutno (Foto: Angelika Janz)

54. Zwischenruf

Felix Philipp Ingold

Hier – bei mir, für mich – ist „Syrien“ ein Thema, ein Problem von vielen; die Wirklichkeit ist anderswo. Ich notiere:

Krieg ist. Endet nie
nicht unten. Hinkt auf allen Flügeln.
Plustert sich mächtig. Nimmt die Sicht. Und nicht

ein Blick holt ihn aus dem blühenden Feuer. Für Schmerz
und Kitzel ist Mittag der Ort. Alles blind
und doch wie immer.

Noch immer Oltraggio
statt Holms! Wer’s weiss kann nur
schweigen dazu und schweift im Zweifel übers Trümmer-

feld. Hält oder hallt da so etwas wie Hoffung. Immer
nur „so etwas wie“. Nie das
grössere Ganze.

53. „Es geht nicht um Geld“

(aber auch an der Preissumme kann man etwas ablesen).

Dotation einiger Literaturpreise:

  • Juan-Rulfo-Preis: 150.000 $
  • Premio Reina Sofía de Poesía Iberoamericana: 42.000 €
  • Premio Iberoamericano de Poesía Pablo Neruda: 60.000 $
  • Premio Miguel de Cervantes: 125.000 €
  • Lannan Literary Award for Poetry: $150,000
  • Ruth Lilly Poetry Prize: 100.000 $
  • Wallace Stevens Award: $100,000
  • Kingsley Tufts Poetry Award: $100,000 award for poet in mid career
  • Neglected Masters Award: 50.000 $
  • Montreal International Poetry Prize: 50.000 $ – for one poem
  • Griffin Poetry Prize Awards: 75.000 CAD $ je kanadisch und ausländisch, 5.000 CAD $ für jeden auf der shortlist vertretenen Dichter
  • Fellowship of the Academy of American Poets: $25,000 for distinguished poetic achievement
  • Lenore Marshall Poetry Prize: $25,000 for the best book of poetry published in the previous year
  • Costa Poetry Prize: £5,000 für 5 Finalisten plus £25,000 für das Costa Book of the Year
  • TS Eliot Prize: £15,000 plus £1,000 für 9 Finalisten
  • Höltypreis: 20.000 €
  • Ringelnatzpreis: 15.000 €
  • Huchelpreis: 10.000 €

52. Aphorismus zwei Aphorismen bei KuNo hinzugefügt

Manche Menschen verstehen den Schriftsteller nicht.

Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Mein Ruf als unbekannter Autor ist weltweit.

Karol Irzykowski

Die polnischen Literaten lesen mich nicht – und ich lese sie nicht. Meine Rache ist auf jeden Fall quantitativ größer.

51. Juan Gelman †

Der argentinisch-mexikanische Dichter Juan Gelman starb am Dienstag nachmittag im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt.

Gelman wurde am 3. Mai 1930 in Villa Crespo/ Buenos Aires geboren und ging wegen der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) ins Exil nach Italien, Frankreich und schließlich Mexiko.

Er erhielt den Nationalen Lyrikpreis in Argentinien (Premio Nacional de Poesía, 1997); den Juan Rulfo-Preis (2000); den Ibero-Amerikanischen Lyrikpreis Ramón López Velarde (2004); die Ibero-Amerikanischen Lyrikpreise Reina Sofía und Pablo Neruda (2004) und den Cervantes-Preis (2007).

Gelman erzählte, wie ihm sein älterer Bruder, der in der Ukraine geboren wurde, in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts Gedichte von Puschkin auf Russisch vortrug. „Obwohl ich nichts verstand, fesselte mich die Musikalität und der Rhythmus, so begann meine literarische Bildung.“

Zu seinen Werken gehören die folgenden Titel: Violín y otras cuestiones (1956), Cólera buey (1965), Los poemas de Sidney West (1969), Carta Abierta (1980), Bajo la lluvia ajena (1980), Hacia el Sur (1982), y Eso (1983-1984). / La Jornada

50. Dominik Steiger gestorben

In den Jahren um 1960 schloss der junge Bohémien Bekanntschaft mit den Autoren der Wiener Gruppe. Die Techniken der experimentellen Poesie nahm Steiger zur Kenntnis.

Festlegen, etwa auf die Rolle eines hauptberuflichen „Autors“, ließ sich der zierliche, ungemein fein artikulierte Weggefährte der Aktionisten und dichtenden Modernisten nie. Steiger hat mit Brus, Attersee, Nitsch, Rühm und Roth zusammengearbeitet. Er war Störfaktor, ein Spötter, der den Ernst der Kollegen sublim karikierte. Seine wunderbaren, „inventionistischen“ Texte wurden bei Droschl und Ritter gesammelt. Jetzt ist Steiger 73-jährig nach schwerer Krankheit in Wien gestorben. / Der Standard

49. TS Eliot-Preis für Sinéad Morrissey

Wie die Poetry Book Society (PBS) gestern mitteilte, erhält die Lyrikerin Sinéad Morrissey den renommiertesten [und, wenn die Formulierung belastbar ist, lukrativsten] Lyrikpreis Großbritanniens, den TS Eliot-Preis. Ausgezeichnet wird ihr Band „Parallax“, ein Buch, das das Artifizielle der Kunst erkundet.

Im vergangenen Sommer wurde sie zur ersten Poet laureate von Belfast ernannt. In der Begründung hieß es, sie sei ein glänzendes Talent, die gut in Virginia Woolfs Bloomsbury-Gesellschaft gepaßt hätte.

Der Vorsitzende der Jury des TS Eliot-Preises, Ian Duhig, sagte: „In einem Jahrgang thematisch brillianter Bände wählte die Jury einmütig „Parallax“ aus. Ihr Buch ist politisch, historisch und persönlich anspruchsvoll und sprachlich schön und so vielseitig wie der Titel verspricht.“

Die Preissumme von £15,000 wurde in London feierlich übergeben. Die 9 anderen Dichter auf der Shortlist erhielten je £1,000.

Es sind:

  • Dannie Abse Speak, Old Parrot (Hutchinson)
  • Moniza Alvi At the Time of Partition (Bloodaxe)
  • Anne Carson Red Doc > (Jonathan Cape)
  • Helen Mort Division Street (Chatto & Windus)
  • Daljit Nagra Ramayana: A Retelling (Faber)
  • Maurice Riordan The Water Stealer (Faber)
  • Robin Robertson Hill of Doors (Picador)
  • Michael Symmons Roberts Drysalter (Jonathan Cape)
  • George Szirtes Bad Machine (Bloodaxe)

(Der Artikel im Independent enthält ein schönes Beispiel sehr direkter biographischer Lesart: „Last year Sharon Olds won for Stage’s Leap*, a collection exploring her husband’s adultery.“)

*) eigentlich Stag’s Leap