134. August 1914

Sommer 1914: Millionen Männer zogen singend an die Front, und die Dichter standen dabei in vorderster Linie. Englische war poets und deutsche Expressionisten, französische Dadaisten und russische Futuristen, flämische, ungarische und baltische Autoren kämpften mit  Waffe und Worten. Perlentaucher veröffentlicht einen Auszug aus Geert Buelens‘ Untersuchung „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“.

Auszug aus dem Auszug:

Vertreter jeder ethnischen Gruppe und Religion im russischen Reich versammelten sich in der Duma und erklärten sich solidarisch. Hunderttausend Russen strömten vor dem Winterpalais zusammen und knieten dort feierlich nieder, Fahnen und Ikonen in der Hand. Gott, Zar und Volk bildeten eine unbesiegbare Dreieinheit.

…Die Serben kamen, unsre Brüder,
Im hehren Glanz erschien der Hof,
Den Reservisten, immer wieder
Entrang sich einiges „Hurra!“
Man betete für unsre Waffen,
Und in der Kirche sang der Chor,
Da trat nach unsrer Väter Sitte
Zu seinem Volk der Zar hervor.(14)

Schriftsteller und andere Intellektuelle, die zuvor oft dem Vorwurf der Dekadenz und des Elitismus ausgesetzt waren, fanden plötzlich wieder Anschluss an das, was das Volk beschäftigte. Symbolisten der alten Garde (Fjodor Sologub, Wjatscheslaw Iwanow) ebenso wie ihr junger akmeistischer Kollege Sergej Gorodezki holten nicht nur das Reimwörterbuch, sondern auch den Säbel hervor und rühmten den ehrenvollen, heiligen Krieg, der die lang erwartete Neubelebung des russischen Geistes bewirken solle.(15) Für sie war es ein Kulturkampf, der Sieg über den Feind von außen würde auch das Übel im Innern töten.
Im Hintergrund stand eine zentrale Frage, die Russlands Platz in Europa betraf: Ließ sich die slawische Seele überhaupt mit der deutschen in Einklang bringen? Für einen Dichter wie Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949), der wie so viele seiner russischen Zeitgenossen in Deutschland studiert hatte und durch die Lektüre von Goethe, Novalis und Nietzsche geprägt war, war das keine theoretische Frage, sondern ein Problem, das den Kern seiner Identität berührte. Um dem Dilemma zu entgehen, unterschied Iwanow strikt zwischen dem „klassischen“ und dem von preußischen militaristischen und materialistischen Werten durchdrungenen „modernen“ Deutschland.(16) Die Organisationswut und der Kollektivismus des jungen deutschen Staates waren unvereinbar mit seinem Traum von sobornost, einer Art organischer Volksgemeinschaft auf der Grundlage gemeinsamer spiritueller Werte.(17)

(…) Die vielen braven oder sensationsgierigen Bürger, die Marinetti beinahe wie ein ausländisches Staatsoberhaupt empfangen hatten, wurden von Chlebnikow und seinem Mitfuturisten Benedikt Liwschitz in einem Flugblatt als Verräter „der russischen Kunst auf dem Wege der Freiheit und Ehre“ angeprangert und, schlimmer noch, als diejenigen, die „den edlen Hals Asiens unter das Joch Europas“ gebeugt hätten.(25) In einem Brief vom Februar 1914, in dem er Marinetti als „unbegabten Schwätzer“ titulierte, äußerte Chlebnikow, er sei davon überzeugt, dass sie einander irgendwann bei Kanonendonner wiedersehen würden, „im Zweikampf zwischen dem italo-germanischen Bund und den Slawen an den Ufern Dalmatiens“.(26) Diese Ortsangabe wählte der germanophobe Chlebnikow keineswegs zufällig.(27)

(…) In der österreichischen Armee dienten unter anderem folgende Dichter: der in Salzburg geborene Georg Trakl, der Wiener Ernst Angel, der deutschsprachige böhmische („tschechische“) Zionist Hugo Zuckermann, der deutschsprachige Prager Jude Franz Werfel, die Tschechen Rudolf Medek, Stanislav Kostka Neumann, Miloš Jirko und František Gellner, der Slowake Janko Jesenský (nach seiner Freilassung), der Pole Jerzy Żuławski, der Kroate Miroslav Krleža, der bereits erwähnte ungarische Serbe Miloš Crnjanski und die galizisch-polnischen, meist Jiddisch sprechenden Juden Samuel J. Imber, Uri Zvi Grinberg, Jacob Mestel, David Königsberg und Melech Rawitsch.

  • (14) zeitgenössische patriotische Lyrik, anonym zitiert in: Solschenizyn, August 1914 (hier zitiert nach der 5. Auflage der deutschen Übersetzung von 1974, S. 83)
  • (15) Strakhovsky 1950, S. 135-136, Orlov 1980, S. 343-344, Hellmann 1995, S. 84-102, und Jahn 1995, S. 106
  • (16) Hellmann 1995, S. 88 ff
  • (17) vgl. Hellmann 1995, S. 86-91; Billington 1966, S. 19, 635; Figes 2011, S. 160 u. 335
  • (26) Chlebnikow 1972, Bd. 2, S. 470-471
  • (27) Markov nennt Chlebnikow „germanophob“, 1968, S. 298. Siehe auch „A Friend in the West“, ein äußerst kritischer Aufsatz von 1913 über das seiner Ansicht nach slawophobe Deutschland, Chlebnikow 1987, S. 243-245

In der mehrteiligen Leseprobe geht es u.a. auch um Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow, Wladimir Majakowski, Janko Jesenský, Ber Horowitz, Guillaume Apollinaire.

133. Poetopie

die in der letzten Nacht verloren gegangene Stunde nun wiederfinden 

Hansjürgen Bulkowski

132. Lyrik für Mädchen

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bzw. ihrer „Frankfurter Anthologie“ springt mir ein Gedicht entgegen („Nach Jahr und Tag“), das die vom seligen Reich-Ranicki protegierte, dabei kurios untalentierte Ulla Hahn verfaßt und auch gleich kommentiert hat: „Ein Waggon fährt vorbei / Er hat Kohle geladen // Männer links Frauen rechts / Zu den Kabinen im Freibad // Schuhe liegen auf einem Haufen / Im Sommerschlußverkauf // Haare werden geschnitten / Zu einer neuen Frisur // Menschen gehen ins Bad / Zum Baden // Ein Feuer brennt / Es wärmt // Rauch steigt auf / Eine Kerze verlischt“, fabelhafter Auschwitz-Kitsch mithin, zu dem der Dichterin die passend perfiden und immerhin ebenso hilflos formulierten Blödheiten eingefallen sind: „Was damals geschah, schlägt einem die Wörter in die Kehle zurück – und doch. Auch mit unserer kleinen Sprache müssen wir versuchen, das Un-Faßbare in Worte zu fassen.“ Denn der Zweck, Millionen Ermordete mit den Mitteln des Kunsthandwerks für die nationale Lesebuchkultur in Dienst zu nehmen, heiligt noch die sprachlichen Mittel, die nicht und nicht zur Verfügung stehen („Wörter, aus dem Rasseln der Waggons geformt“ – so strukturell unmöglich klingt’s dann auch).

Enthalten ist, informiert uns die bibliographische Angabe, das Artefakt nicht nur in Hahns „Gesammelten Gedichten“ (877 S.!), sondern auch in dem bei Reclam erschienenen Band „Spring ich durch den Feuerreifen. Lyrik für Mädchen“, und wo es schon nicht einleuchten will, daß es in Jungsbüchern um Fußball, in Mädchenbüchern um Pferde gehen muß, ist „Lyrik für Mädchen“ die ungleich gröbere Verlade: denn Lyrik ist nicht männlich oder weiblich, sondern Kunst oder nicht, und wenn wir dem Titel des Bandes trauen, dann wird, in früher zielgruppendynamischer Konditionierung, jungen Leserinnen gefühliges Frauenpower- und Betroffenheitsverswerk als ihnen gemäßes angedreht, statt Gedichte nach ihrer Tauglichkeit für Jugendliche beiderlei Geschlechts auszusuchen. Wenn die Jungs dann trotzdem lieber Fußball spielen, selber schuld. / Gärtners Sonntagsfrühstück, Titanic

131. Erfunden

Selbst dem Fachkommissariat für Kunstkriminalität ist sein Name erst seit Kurzem ein Begriff: Igor Paskalow, russischer Künstler, 1894 – 1978. Überliefert sind ein, vielleicht zwei Dutzend konstruktivistische Collagen in kleinen Formaten, angeblich aus den 20er Jahren. Von späteren Werken, experimenteller Lyrik, avantgardistischen Cello-Kompositionen, ist die Rede, aber niemand weiß Genaueres.

Kein Wunder, es gab sie nie, denn es gab Igor Paskalow nie.

Die Bilder aber gibt es, sie sind sehr dekorativ, schön gearbeitet, die Farben prächtig erhalten. Die Signatur darauf: I.P. in kyrillischen Buchstaben.

Geschaffen hat die Bilder wie den Künstler: Detlef Gosselck, geboren 1940 in Mecklenburg, gestorben vor vier Monaten bei Berlin. / David Ensikat, Tagesspiegel

130. Chodassewitsch

Vladimir Nabokov war nicht gerade für schmeichelhafte Urteile bekannt. Doch in seinem Erinnerungswerk «Speak Memory» schrieb er über den russischen Dichter Vladislav Chodasevič, den er 1932 im Exil kennengelernt hatte: «Ich fand grossen Gefallen an diesem bitteren Mann, der aus Ironie und metallischem Genie gemacht war und dessen Lyrik ein ebenso komplexes Wunder darstellte wie die von Tjutčev oder Blok.» In seinem Nachruf auf Chodasevič, 1939, verkündete er geradezu siegesgewiss, dieser werde «der Stolz der russischen Dichtung bleiben, solange die letzte Erinnerung daran lebendig ist». (…)

Chodasevič, der elegante Saturniker, der pessimistische Klassizist, der formbewusste Melancholiker, der Dualität und Distanz zu den Grundzügen seiner Lyrik machte. Als Sohn eines verarmten polnischen Adligen und einer zum Katholizismus konvertierten russischen Jüdin 1886 in Moskau geboren, widmete sich Chodasevič zunächst dem Ballett, dann dem Studium der Jurisprudenz und Philologie, bis er zur Dichtung fand. Sein erster Lyrikband, «Jugend» (1908), verrät den Einfluss von Symbolisten wie Waleri Brjussow und gefällt sich in der Pose von Lebensmüdigkeit und Selbstironie. Das ändert sich in der zweiten, vor allem aber in der dritten Gedichtsammlung, «Der Weg des Korns» (1920), in der Chodasevič die Oktoberrevolution – die er zunächst begrüsste – und die Krise Russlands in den Blick nimmt. In mehreren (reimlosen) Langgedichten vergegenwärtigt er auf beklemmende Weise die Zerstörungen, die der Bürgerkrieg in Moskau angerichtet hat. Es sind lakonische Momentaufnahmen des Grauens, vermischt mit Bildern einer zweifelhaften Normalität. Kein Wunder, hat Joseph Brodsky den streng beobachtenden Sprachkünstler, der die Schrecken in Puschkinsches Jambenmass bannte, verehrt.

1922 erschien die Sammlung «Die schwere Lyra», darin die Dualität von Transzendenz und existenziellem Elend, von Natur und Technik zum Ausdruck kommt. Im selben Jahr verliess Chodasevič mit der nachmaligen Schriftstellerin Nina Berberova Russland Richtung Berlin. Geplant war ein Aufenthalt auf Zeit, doch wurde daraus ein Dauerexil. Chodasevič verbittert zusehends, der sarkastische Ton seiner Berlin-Gedichte ist unüberhörbar. Die deutsche Metropole erscheint ihm in grotesker Verzerrung, wie auf den Karikaturen von George Grosz. (…)

Eben dieser Kompromisslosigkeit aber verdankt sich sein postumer Ruhm. Wobei man sich nun endlich auch auf Deutsch ein Bild von Chodasevičs Dichtung machen kann. Adrian Wanner, bekannt für seine Übersetzungen von Alexander Blok, legt eine stattliche zweisprachige Ausgabe mit ausgewählten Gedichten von 1907 bis 1927 vor, ergänzt durch ein informatives Nachwort und den Nachruf von Vladimir Nabokov. (…)

Und mitten im Bürgerkriegsrussland, 1918, schreibt er die verstörenden Verse: «Mit kalten Blicken mustere ich nur / Den Ruhm der Zukunft, schal und leer . . . / Dafür brauch ich die Wörter ‹Blume›, ‹Kind› und ‹Tier› / Jetzt immer öfter, immer mehr.» Solche Verse machen einen frösteln. Statt Revolutionspathos diese formvollendete Klarheit, bis hin zu den Reimen, die Chodasevič meisterhaft beherrschte. An der Form war ihm gelegen, um desto deutlicher zu machen, wie sehr es im Gebälk des Lebens krachte. Den saturnischen Weltzustand – und den seines unerlösten Innern – kleidete er in Zeilen von kalter Eleganz.

Man muss ihn lesen, diesen Vladislav Chodasevič, «im Gedächtnis an die Zukunft». / Ilma Rakusa, NZZ

Vladislav Chodasevič: Europäische Nacht. Ausgewählte Gedichte 1907 bis 1927. Russisch/deutsch. Nachgedichtet und mit einem Nachwort herausgegeben von Adrian Wanner. Mit einem Essay von Vladimir Nabokov. Arco-Verlag, Wuppertal 2014. 222 S., € 24.–.

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129. Galgenpoesie

Zehn Jahre später werden die „Galgenlieder“ ihren Autor berühmt machen. Nicht weil es sich um studentische Unsinnspoesie handelt, sondern um moderne Lyrik mit sprachphilosophischem Hintergrund. Etliche Gedichte dieser Anthologie, bestehend aus den Abteilungen „Palmström“, „Palma Kunkel“ und „Der Gingganz“, sind längst in den Volksmund eingegangen. Wer kennt zum Beispiel nicht das berühmte „Möwenlied“, das mit den Zeilen beginnt: „Die Möwen sehen alle aus, / als ob sie Emma hießen“. Oder das einzigartige Mondschaf, das einmal verrät, warum das Wiesel auf einem Kiesel saß und ein andermal auf weiter Flur harrt und harrt der großen Schur. Wer solche Verse nur für gehobene Blödelei hält, hat den Ernst, die Melancholie, aber auch die Subversion dieser Lyrik nicht erkannt. „Die Galgenpoesie“, so ihr Verfasser, „ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht.“ Diese Freiheit musste sich Morgenstern hart erkämpfen. / Harald Klauhs,  Die Presse 28.3.

128. Für Meinungsfreiheit

Internationaler Schriftstellerprotest gegen Beschränkungen der freien Meinungsäußerung in der Türkei – sofortige Aufhebung des Twitter- und YouTube-Verbotes gefordert

Eine Gruppe namhafter internationaler Autorinnen und Autoren, darunter Margaret Atwood, Swetlana Alexijewitsch, Kerstin Ekman, AL Kennedy,  Michael Ondaatje, Orhan Pamuk, Salman Rushdie, Günter Wallraff und Elfriede Jelinek, hat sich in einem offenen Brief an die türkische Regierung gewandt und die sofortige Aufhebung des jüngst verhängten Twitter- und YouTube-Verbotes gefordert. „Die Türkei ist ein Staat, in dem westliche demokratische Werte, Säkularisierung und islamische Kultur aufeinandertreffen.“, heißt es in dem Brief, zu dessen Unterzeichnern auch der Präsident des deutschen PEN, Josef Haslinger, sowie PEN-Ehrenpräsident Günter Grass gehören. Dass das Land – mit über 36 Millionen Internetnutzern und 12 Millionen Twitter-Nutzern eines der bestvernetzten muslimischen Länder – auf Platz 154 des insgesamt 180 Länder umfassenden Pressefreiheitsindexes rangiert, gibt freilich Anlass zur Sorge. Den vollen Wortlaut des offenen Briefes erhalten Sie anbei.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Regula Venske                               Sascha Feuchert
Generalsekretärin                           Vizepräsident und Writers in Prison-Beauftragter

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine der weltweit über 140 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International vereint sind. Die drei Buchstaben stehen für die Wörter Poets, Essayists, Novelists. Der PEN wurde 1921 in England als literarischer Freundeskreis gegründet. Schnell hat er sich über die Länder der Erde ausgebreitet und sich als Anwalt des freien Wortes etabliert – er gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller.

Offener Brief an die türkische Regierung:

Wir, die unten genannten Unterzeichnenden, sind Schriftsteller aus der ganzen Welt, die Worte lieben, leben und atmen. Wir sind vereint in unserer Überzeugung, dass die Meinungsfreiheit ein universelles und fundamentales Menschenrecht darstellt. Mit diesem Brief drücken wir unsere große aktuelle Besorgnis aus im Hinblick auf die „Freiheit des Wortes“ in der Türkei.

Als Menschen sind wir sowohl durch das geschriebene als auch durch das gesprochene Wort miteinander verbunden, innerhalb eines Landes und über Grenzen hinaus. Ein freier Austausch von Gedanken ist unabdingbar für die Demokratie, aber ebenso für Kreativität, Empathie und Toleranz. Wie ein aktueller PEN-Bericht zu den letztjährigen Protesten verdeutlicht, gibt es in der Türkei eine große Bandbreite von Problemen in Sachen Meinungsfreiheit, von der Kriminalisierung der Diffamierung bis hin zu Selbstzensur in den Leit-Medien, von Polizeigewalt gegen Journalisten bis hin zu immer größeren Beschränkungen der freien Meinungsäußerung im Internet.

Die Türkei rangiert auf Platz 154 des insgesamt 180 Länder umfassenden weltweiten Pressefreiheitsindexes. Bis zum heutigen Tag müssen Übersetzer, Redakteure, Verleger, Journalisten und Schriftsteller Strafverfahren und sogar Inhaftierungen für rechtmäßige Äußerungen fürchten. Grund dafür sind eine Reihe von gesetzlichen Fesseln, wie beispielsweise das drakonische Anti-Terror-Gesetz, das Gesetz über Versammlungen und Demonstrationen sowie die Artikel des Türkischen Strafgesetzbuchs über die Kriminalisierung von Diffamierung (Art. 125), religiöse Diffamierung (Art. 216), Obszönität (Art. 226), Beleidigung der türkischen Nation, des Staates und der Organe des Staates (Art. 301) und die Beförderung der Kriegsdienstverweigerung (Artikel 318).

Das umfassende Twitter- und YouTube-Verbot wurde in der Folge eines rückschrittlichen Internetgesetzes verhängt und stellt eine nicht tolerierbare Verletzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung dar. Die Türkei sollte vielmehr stolz sein, die Heimat von Europas jüngstem Internetpublikum mit über 36 Millionen Internetnutzern zu sein, wodurch das Land zu einem der bestvernetzten Staaten in der muslimischen Welt gehört. Durch die Verbindung von Menschen mit vielen unterschiedlichen Hintergründen und der damit verbundenen Möglichkeit, dass all diese Menschen ihre Gedanken offen zum Ausdruck bringen, ist das Internet ein wertvolles Netzwerk, dass die Demokratie unterstützt und festigt.

Twitter und YouTube sind Medien, die jedem Nutzer eine Stimme verleihen, unabhängig von Stand, Religion, Volkszugehörigkeit oder politischen Ansichten. In der Türkei gibt es mehr als 12 Millionen Twitter-Nutzer, was die Lebendigkeit der Zivilgesellschaft verdeutlicht. Die Türkei gehört zu den Unterzeichnern der Europäischen Menschenrechtskonvention und des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, die beide das Recht auf freie Meinungsäußerung garantieren.

Zu den Unterzeichnenden gehören Schriftsteller aus der Türkei und der ganzen Welt. Als Mitmenschen, die denselben Planeten teilen, sorgen wir uns um die Probleme der anderen und wir wissen, dass wir alle miteinander verbunden sind.

Die Türkei ist ein Staat, in dem westliche demokratische Werte, Säkularisierung und islamische Kultur aufeinandertreffen. Die Türkei ist nicht umgeben von Feinden. Die Türkei ist kein isoliertes oder nach innen gerichtetes Land, sie ist Teil der internationalen Gemeinschaft. Unser Appell an die türkische Führung lautet, sich nicht von der Demokratie und deren Grundstein, der Meinungsfreiheit, abzuwenden, sondern ihre Verpflichtungen gemäß der internationalen Verträge anzuerkennen und das Twitter- und YouTube-Verbot mit sofortiger Wirkung aufzuheben. Wir fordern sie dazu auf,  sich daran zu erinnern, dass dieses wundervolle Land sehr viel stärker und glücklicher sein wird, wenn es Pluralismus, Diversität und die Freiheit des Wortes anerkennt.

Héctor Abad Faciolince
Boris Akunin
Svetlana Alexievich
Hanan al-Shaykh
Ahmet Altan
Mehmet Altan
Jirō Asada
Margaret Atwood
Oya Baydar
Marian Botsford Fraser (PEN International Writers in Prison Committee)
Martín Caparrós
Fethiye Çetin
Can Dündar
Kerstin Ekman
Peter Englund (Permanent Secretary of the Swedish Academy)
Álvaro Enrigue
Moris Farhi
Maureen Freely (President of English PEN)
Maggie Gee
Kaya Genç
Graeme Gibson
Francisco Goldman
Günter Grass (Nobel laureate)
Tarık Günersel (President of Turkish PEN)
Josef Haslinger (President of German PEN)
Eva Hoffman
Elfriede Jelinek (Nobel laureate)
AL Kennedy
Abbas Khider
Karl Ove Knausgård
Hari Kunzru
Valeria Luiselli
Perihan Mağden
Alberto Manguel
Bejan Matur
Blake Morrison
Neel Mukherjee
Sofi Oksanen
Michael Ondaatje
Orhan Pamuk (Nobel laureate)
John Ralston Saul (President of PEN International)
Sergio Ramírez
Salman Rushdie
Eugene Schoulgin
Elif Shafak
Kamila Shamsie
Mikhail Shishkin
Sjón (President of Icelandic PEN)
Zadie Smith
Ahdaf Soueif
Hori Takeaki (International Secretary, PEN International)
Janne Teller
Ece Temelkuran
Olga Tokarczuk
Tatyana Tolstaya
Jarkko Tontti (International Treasurer, PEN International)
Dubravka Ugresic
Lyudmila Ulitskaya
Günter Wallraff
Per Wästberg (President of the Nobel Committee for Literature)
Sarah Waters
Hyam Yared (President of PEN Lebanon)
Samar Yazbek
Adam Zagajewski

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127. Pinselnotizen

Neben einem umfangreichen lyrischen Werk sind diese „Pinselnotizen“, wie der Untertitel dieser Sammlung von zwölf Texten lautet, eine Frucht dieser Rückbesinnung. Wie andere große Literaturen hält auch die chinesische neben einer Reihe von definierten Genres auch eine freie Form bereit. Die „biji“ changieren zwischen Kurzerzählung, Anekdote, Reisebericht, Essay und Gedicht. Sie sind ein Gefäß, das vieles aufnehmen kann.

Das Übersetzerteam Susanne Hornfeck und Wang Jue, das schon 2002 die schöne bilinguale Ausgabe von Yang Mus Lyrik („Patt beim Go“) ebenfalls im Münchener A 1 Verlag verantwortete, hat dieses vielschichtige, wegen seine verborgenen Zitate und Anspielungen aus dem chinesischen wie aus dem westlichen Kulturraum nicht einfache Werk in ein sehr gut lesbares Deutsch gebracht. Nach der Lektüre vieler tagesaktueller Texte ist dieses Werk, das der Jahrtausende alten chinesischen Literaturtradition so nahe steht wie dem Heute, eine notwendige Ergänzung. Ein Nachwort der Übersetzerinnen, ein Glossar und eine Chronologie erhöhen den Wert dieser Ausgabe, die man getrost als einen Meilenstein in der Vermittlung der Literatur Taiwans im deutschen Sprachraum bezeichnen kann. / Rupprecht Mayer, Süddeutsche Zeitung 28.3.

Yang Mu: Die Spinne, das Silberfischchen und ich. Pinselnotizen. Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue. A1 Verlag, München 2013. 208 Seiten, 18,80 Euro.

126. Heldenproduzenten

1914 war das anders, da war die Zeit so groß, dass sie nur noch Deutsche beziehungsweise Engländer, Franzosen, Russen und so weiter kannte, die alle in der Vaterländerei schwelgten und Helden sonder Zahl produzierte. Der Krieg musste so sein, wie Rilke seinen „Cornet“ geschildert hatte, ein Buch für den Tornister, geschrieben angeblich in einer einzigen Nacht: „Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.“ Nie gab es eine bessere Zeit für Dichter.

Rudolf Alexander Schröder brummt zu Kriegsbeginn Pathetisches: „Heilig Vaterland/ in Gefahren,/ deine Söhne stehn,/ dich zu wahren,/ von Gefahr umringt,/Heilig Vaterland,/schau, von Waffen blinkt/jede Hand.“ Es kostet ja nichts oder allenfalls ein paar große Worte, wenn Heinrich Lersch den Tod feiert: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen.“

Der Satz steht seit 1932 an der Mauer des Soldatenfriedhofs Langemarck, er steht noch heute unter einem Kriegerdenkmal am Hamburger Dammtorbahnhof. Die sterbenssüchtigen Dichter wussten ja nichts von der Materialschlacht, vom Stellungskrieg, vom massenhaften Verrecken selbst bei leichten Verletzungen. (…)

Im Gymnasiasten erwacht der Dichter. Den Kaiser feiert er mit August-Stramm-Härte, wenn er „König des Lands“ auf den Genitiv „Immanuel Kants“ reimt. Die Lokalzeitung druckt auch das gern. Von diesem Wilhelm II. weiß der junge Brecht genau, dass er rief „zum Krieg seiner Deutschen eherne Schar/Weihte klirrend das alte Schwert am Altar“. Vom Schwert, dem klirrenden, kann der sich unter dem Pseudonym „Berthold Eugen“ erregende Dichter gar nicht genug kriegen. Mit der Feder in der Faust wirft er sich in die „Kriegsfürsorge“: „Zu teilen heißt es jetzt sein Hab und Gut/Mit denen, deren Nährer mit dem Schwert/In den Fäusten ließen stolz für Dich ihr Blut“. Unsägliches Zeug, pubertäre Verse, aber nicht anders als das, was erwachsene Dichter 1914ff. hekatombenweis produzierten. / Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung 28.3.

125. Rauris politisch

Auch Robert Menasse kommentiert regelmäßig das Zeitgeschehen, zuletzt mit Doktor Hoechst. Ein Faust-Spiel (2013) in Form einer Faust-Adaptation im Zeichen grenzenlosen Kapitalwachstums. Ilija Trojanow beschreibt mit seinen Romanen, Essays und Reisereportagen die Folgen kapitalistischer Globalisierung und die Notwendigkeit radikalen Umdenkens. Der scheinbar alternativlosen Logik des herrschenden Systems setzte er zuletzt mit Der überflüssige Mensch eine Streitschrift entgegen. Auch in der Lyrikreihe werden politische Missstände reflektiert: Etwa von Fiston Mwanza Mujila, der Gewalt und Bürgerkriege in seiner kongolesischen Heimat thematisiert. / dog, DER STANDARD, 26.3.2014

26.-30. 3.

Rauriser Literaturtage

124. Gedicht wie zur Gegenwehr

Das fängt die religiös aufgeladene Bedrückung in der deutschen Provinz bildhaft ein. Ich bin gerade aus Frankfurt nach Hause gekommen und fühle mich, was das Gedicht STADT DER GEWOHNHEIT betrifft, eingeweiht: Das kann nur Frankfurt sein. Aber die Urbanität hat ja überall die gleichen Gesetze: „mit dem kleinlichen Getue / der Idiotenschickeria / im Zentrum.“ Damit ist das Zentrum nur geografisch eines. Das Gedicht, das wie zur Gegenwehr geschrieben klingt, segnet auch die Stadt nicht. Ob Stadt oder Land, der Fluch bleibt derselbe: „Stadt / nur du kannst die Stadt nicht verlassen.“ Dass man nicht raus kann, wie aus einer schlechten Gewohnheit, ist eine Erfahrung, die man in solchen Städten, und sei es beim Treffen im Zentrum, wenigstens mit vielen solidarisch teilen kann. / Franz Schuh, Die Zeit

Besprechung des Bandes von Ria Endres: Froher Wahnsinn. Aachen: Rimbaud, 2014

123. Der Verkehr der Wanderhure

Der Verlag Voland & Quist teilt mit:

Es schmerzt. Wir müssen Julius Fischers „Die schönsten Wanderwege der Wanderhure“ leider aus dem Verkehr ziehen.

So sieht es der Richter beim Landgericht Düsseldorf: „nicht fernliegend, dass der Verkehr (…) den Titel wörtlich nimmt und tatsächlich davon ausgeht, er diene der Kennzeichnung eines Werks welches sich auf der Grundlage der bei der Antragstellerin (Droemer Knaur) verlegten Romane mit der Beschreibung von Wanderwegen befasse, zumal die Titelfigur der Romane als „Wanderhure“ umherzieht.“

So weit sind wir gekommen. Heute entscheiden wieder Richter was Kunst darf. Tucholskys Satz „Wenn einer in Deutschland einen guten politischen Witz erzählt, sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“ bedarf der Ergänzung hinsichtlich juristischer Konsequenzen. Ein Roman wie Arno Schmidts „Das steinerne Herz“ hätte heute wohl wieder schlechte Karten. (Wanderkarten, meine ich 😉 )

122. Botpoet

Was unterscheidet maschinengenerierte Lyrik von Gedichten, die ein Schriftsteller verfasst hat? Wer glaubt, er könne diese Frage locker beantworten, kann sich jetzt auf einer neuen Website testen: Hier wird den Nutzern eine Auswahl englischsprachiger Gedichte vorgesetzt. Unter den Versen muss sich der Nutzer dann jeweils entscheiden, ob sie von einem Menschen oder von einem Rechner verfasst wurden.

Botpoet.com nennt sich die Seite und unter dem Menüpunkt „Free Play“ können Lyrikliebhaber ausprobieren, wie gut sie menschliche von maschineller Schreibkunst unterscheiden können. Manchmal ist es ganz leicht, unter anderem auch, weil das ein oder andere Gedicht sehr bekannt ist. Manchmal ist es ein wenig kniffeliger oder das Ergebnis eine völlige Überraschung.

Mit dabei ist zum Beispiel das kurze Gedicht „Rain Is A Star“. Es geht so: Rain is a star, / Some birds spoke out for you / about the tale of sages. Hat ein Mensch diese Zeilen geschrieben oder ein Computer? / Spiegel online

121. Offener Brief an Serhij Zhadan

Von Christina Schmidt

Posted on March 21, 2014

by euromaidanberlin

„Plötzlich ist Deutschland nicht mehr Deutschland, sondern Russland.“
(Alfred Döblin, November 1918)

Betr.:
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz | „Kreidekreis Krim – Sprengstoff für die politische Architektur Europas“ | Podiumsdiskussion mit: Dr. Uwe Krüger, Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Jürgen Rose und Serhij Zhadan. Moderation: Sebastian Kaiser | 16.3.2014, 20 Uhr

Berlin, den 17.3.2014

Sehr geehrter Serhij Zhadan,

normaler Weise ist es als Theaterwissenschaftlerin nicht meine Art, emotionale Briefe und Stellungnahmen zu verfassen, sondern vielmehr distanzierte Analysen formaler Darstellungen von Emotionen. Nach der gestrigen Veranstaltung in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz habe ich jedoch das dringende Bedürfnis, mich bei Ihnen, als ukrainischem Schriftsteller, der sich engagiert für die Demokratisierung seines Landes einsetzt und dem in der gestrigen Veranstaltung in einem der wichtigsten deutschen Theater so eine unsolidarische, ja teils verächtliche Haltung seitens der Veranstalter entgegengebracht wurde, zu entschuldigen! Ich weiß, das ist unmöglich. Aber ich möchte Ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen, dass ich mich angesichts der gestrigen Veranstaltung in der Volksbühne, als Theaterwissenschaftlerin, als Berlinerin, als Deutsche, schäme für die Verhöhnung der Maidanaktivisten, des ukrainischen Parlaments, der ukrainischen Demokratiebewegung, der Krimtataren. Ich schäme mich für die unreflektierte Übernahme und Weiterverbreitung der derzeitigen Kremlpropaganda und für die offenkundige Desinformation, die auf dieser Veranstaltung, besonders seitens der völlig inkompetenten Moderation betrieben wurde. So behauptete der Moderator, der Dramaturg Sebastian Kaiser, dass die Krim erst seit 24 Jahren zur Ukraine gehören würde, womit er offenbar darauf abzielte, die international anerkannten Grenzen eines souveränen Staatswesens in Europa zu revidieren. Dass die Krim 1954 unter Chruschtschow zur ukrainischen Sowjetrepublik kam, dass die Ukraine als Staatswesen eine längere Geschichte hat als die postsowjetische, davon kein Wort. Vielmehr zielte die hintersinnige Begründung des Moderators darauf ab, die Krim wäre ja, wie man dieser Tage allzu häufig in deutschen Medien liest, durch und durch russisch. Ich will mir gar nicht imaginieren, wie er angesichts der Multiethnizität und der alten, Jahrhunderte langen tatarischen Geschichte der Krim zu diesem Befund gekommen ist, besonders angesichts der Tatsache, dass er, laut Pressetext der Veranstaltung, zweimal Leiter eines internationalen Kunstfestivals auf der Krim gewesen ist. Schrecklich ist, dass hier (wieder) Deutsche, unter dem Signum des „Russlandexpertentums“ – so auch der Mitdiskutant und Journalist Uwe Krüger mit Blick auf „Russlands Interessen“ als Begründung für seine relativistischen Aussagen anbrachte, er habe einmal „1 ½ Jahre in Russland gelebt“… –, über andere Staaten und Völker hinweg meinen, Geopolitik machen zu dürfen. Heute nacht las ich, dass man im russischen Staatsfernsehen (Rossija 1) verkündete: „Russland kann die USA in radioaktive Asche verwandeln“. Nachdem Sie als Letzter in der Podiumsdiskussion zu Wort kamen, haben sie auch auf die durchaus vorhandene, weil vor allem seit nunmehr Monaten durch diffamierende, kriegstreiberische Propaganda vorbereitete militärische Gefahr seitens der Politik der Russischen Föderation, insbesondere für die Ukraine, verwiesen.

Darauf durfte der – zum Glück und zurecht in Deutschland völlig unbekannte – Jürgen Rose, der von der Volksbühne als Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr vorgestellt wurde, eine minutenlange Hasstirade gegen die US-amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik loslassen. Diese anscheinend zum Beruf geronnene private Obsession sei ihm unbenommen. Man soll alten Männern ihre Gewohnheiten lassen. Aber warum lässt man diesen durch nichts hierzu qualifizierten Herrn zur Okkupation/Abspaltung der Krim als „Sprengstoff für die politische Architektur Europas“ sprechen, wofür er sich offensichtlich überhaupt nicht interessiert? Warum überhaupt müssen diese Männer, Krüger, Rose, Kaiser, in einer öffentlichen Diskussion zur politischen Krise in der Ukraine ihren Antiamerikanismus austoben? Und warum lädt man Sie, lieber Serhij Zhadan, den man kaum zu Wort kommen lässt, zu diesem durchgeknallten deutschen Plauderstündchen ein, in dem sich pseudo-linke Russlandversteher und USA-Hasser eine altstalinistische Geopolitik im scheinbar „medienkritischen“ Gewand zueigen machen, dass es sich gewaschen hat. Überhaupt: die „Medienkritik“. Kritisiert wurde die „Einseitigkeit“ der deutschen Medien, was erst einmal gut klingt und immer gut ankommt. Das Problem war nur, dass die selbsternannten Medienkritiker Krüger und Kaiser die „Einseitigkeit“ der deutschen Medien – sie meinten damit vor allem die Bildzeitung, was für sich spricht –, gar nicht richtig analysieren konnten. Ihre „Kritik“ zielte offenbar darauf ab, dass nicht genügend über die rechten und rechtsradikalen Kräfte auf dem Maidan berichtet worden sei. Was nachweislich falsch ist: Gerade in den letzten Wochen ist dieses Thema rauf- und runterberichtet worden, zum Teil mit der Tendenz zur völligen Diffamierung der ukrainischen Demokratiebewegung und Delegitimierung des ukrainischen Parlaments (vgl. z.B. die Sendung „Anne Will“ mit dem Titel „Ist die Krim erst der Anfang?“ und die Kritik an der Sendung, über die u.a. FR-online berichtete). Es gibt, insbesondere durch Verlinkung im Internet und auf Facebook, ungezählte Möglichkeiten, sich sehr breit gefächert in seriösen Medien, auf deutsch und englisch über das Thema Rechtsextremismus in der Ukraine zu informieren, sei es in der taz, der FAZ, der ZEIT, in BBC, der Süddeutschen, der Deutschen Welle, sei es über FB-Seiten wie „Berliner Osteuropa-Experten“, bei Reporter ohne Grenzen, in den Tagesthemen, im DLF (insbesondere durch die sehr kritische und ausgewogene Berichterstattung der Korrespondentin Sabine Adler) usw. Ganz sicher keine seriösen Informationen zum Thema bekommt man von seiten der russischen Staatsmedien, die in den letzten Wochen und Monaten mehr und mehr gleichgeschaltet wurden. So wurde vor einiger Zeit einem der letzten regierungskritischen Sender Dozhd-TV der Saft abgedreht. Vor wenigen Tagen wurde die Chefredakteurin eines der letzten unabhängigen und seriösen Internetmedien in Russland, lenti.ru, Galina Timtschenko abgesetzt. Den – bis dahin – unabhängigen Radiosender Echo Moskwy ereilte bereits im Februar ein ähnliches Schicksal. Und am 13. März berichtete Wedomosti, dass nun auch – zumindest von Russland aus – die Internetmedien grani.ru, die Seiten der Regierungskritiker Kasparow, kasparov.ru, und Alexej Nawalny, http://navalny.livejournal.com, sowie das Infoportal ej.ru ganz offiziell von Regierungsseite blockiert seien. Begründung dieses Amoklaufs gegen die Informationsfreiheit war vor allem die polyperspektivische Verlinkung der genannten Medien hinsichtlich der politischen Situation in der Ukraine, also, so die russischen Regierungsbehörden, das „Aufrufen zu illegalen Handlungen“. Dahinter steht, dass die Propaganda – ja, man muss das wirklich so nennen! – seit Monaten vom sich in der Ukraine ausbreitenden „Faschismus“ fabuliert, die ukrainische Übergangsregierung als Junta bezeichnet, die das „Volk“, vor allem das russischsprachige, das als „eigenes“ angesehen wird, bedrohe. Angesichts der Pro-Regierungsdemonstration am 15.3. in Moskau – der zum Glück eine wesentlich größere Antikriegsdemonstration mit zw. 30- und 50.000 Teilnehmern gegenüberstand, die allerdings vom Staatsfernsehen weitgehend bagatellisiert wurde –, angesichts der militärischen Gestik, der sowjetnostalgischen Symbolik (Fahnen), der propagandistischen Parolen („Gegen Faschismus“), die nicht zuletzt auf das Schmieröl des Stalinismus, den „Großen Vaterländischen Krieg“ rekurrieren, dieser erstgenannten Moskauer Demonstration, angesichts der busweise aus Russland über die Grenze in die östlichen Städte der Ukraine, nach Donezk und Charkiw gekarrten „Pro-Russland-Demonstranten“, die sich ein ums andere Mal bereits als beinharte Nazis entpuppt haben, angesichts all dessen fragt man sich allerdings mehr und mehr: wer ist hier eigentlich der Faschist, wer ist durch wen vom Faschismus bedroht? Wessen Land wurde eigentlich okkupiert? Wogegen gehen eigentlich in Moskau zehntausende Antikriegsdemonstranten auf die Straße? Wessen Panzer rollen denn über die Krim?

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120. Vierdimensional

Seine Lyrik versucht, im Subversiv-Komischen wie in der Suche nach wahrer Erkenntnis, geistige Klarheit zu schaffen. Sie spiegelt auch die zeittypische große Skepsis gegenüber der Tauglichkeit der Sprache wider, die Wirklichkeit objektiv zu erkennen und darzustellen. Nicht von ungefähr wird Christian Morgenstern auch als einer der ersten Avantgardedichter und Vorläufer von Dadaismus und Konkreter Poesie betrachtet. In der letzten Nacht seines Lebens, jener zum 31. März 1914, soll er, fieberträumend, gesagt haben: „Mein Husten ist vierdimensional“. / ORF

„Tief im Walde sitzt der Tod … und schnitzt an einem Segelboot.“ Die Reime des Christian Morgenstern. Feature zum 100. Todestag des Dichters. Von Matthias Haydn (31.3.)