Mit Wanderers Nachtlied, das Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau schrieb, startet die Thüringische Landeszeitung ein neues Projekt – die „Thüringer Anthologie“.
Ab sofort veröffentlicht unsere Zeitung jeden Samstag auf der Kultur-Seite und hier im Netz ein Gedicht eines hier lebenden, von hier weggegangenen oder kurz in Thüringen verweilenden Dichters. Das ausgewählte Gedicht wird von einem Text begleitet, in dem Dichter und Journalisten, Wissenschaftler und Kulturschaffende darüber schreiben, wie sie dieses Gedicht lesen. Aus vielen Stimmen ergibt sich dann eine poetische Landschaftskunde Thüringens – Die Thüringer Anthologie.
Die acht kurzen Zeilen haben Goethes Leben begleitet. Den Tod vor Augen hat er sie noch einmal besucht – buchstäblich. Zwei Tage vor seinem 82. Geburtstag, der sein letzter sein sollte, stieg er in Ilmenaus „Gasthaus zum Löwen“ ab und ließ sich auf den Kickelhahn fahren, „ergötzte sich an der kostbaren Aussicht auf dem Rondell“ und ging zu Fuß durch hoch stehende Heidelbeersträucher noch einmal zu der Jagdhütte.
Der Bergbeamte Johann Christian Mahr begleitete ihn und notierte: „Goethe überlas diese wenigen Verse und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: Ja, warte nur balde ruhest du auch!, schwieg eine halbe Minute und sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald.“
Was ist nur alles in dieses Gedicht hinein interpretiert worden! Wie viele Deutschlehrer haben ihre Schüler gequält – und sich geärgert über die Jugend von heute, die nicht das Gedicht unter Tränen gelesen haben!
Textkette ist kein Platz zum Veröffentlichen eigener Gedichte. Es ist eine interaktive, labyrinthische Lyrikbibliothek von Babel – eine Gemeinschaft von Enthusiasten aus aller Welt. Wer mitmachen will, muß sich einmalig anmelden und wird dadurch Mitarbeiter / Mitbürger. Jeder Mitarbeiter kann sich durch Klicken des “Like”-Buttons an ein beliebiges vorhandenes Gedicht andocken und bekommt dann von dem Elektor dieses Gedichts einen Autornamen zugeteilt, von dem er ein Gedicht auswählen kann. Durch dieses umständlich anmutende Verfahren wird verhindert, daß “die üblichen Verdächtigen” in einfach eine weitere Anthologie eingereiht werden. (Beispiel: bei dem über Jahre mit landesweiten Veranstaltungen in den USA gelaufenen “Favorite Poems Project” traten Tausende Prominente und Normalbürger auf und lasen “ihr Lieblingsgedicht” vor, das wurde gefilmt und ins Netz gestellt. Präsident Clinton beteiligte sich und las ein sehr pädagogisches, patriotisches und imperiales Gedicht von Rudyard Kipling. So kommt auf lange Sicht nur das Erwartbare zustande. Unsere Textkette hat in kurzer Zeit zu unvorhersehbaren Beiträgen geführt, mehr als jeder einzelne Teilnehmer erreicht hätte.)
Textkette soll sich zu einer Art “Lyropolis” entwickeln mit Agora, Bibliothek, Gericht, Akademie, Privaträumen, vielleicht auch einem Kaufhaus usw. (siehe Skizze unten). Nach einer Erprobungsphase soll eine “verfassungsgebende Versammlung” zusammentreten. Textkette ist öffentlich zugänglich, aber nicht über Suchmaschinen erreichbar – es geht nicht darum, eine weitere allgemeine Ressource zu schaffen, sondern tatsächlich um eine Gemeinschaft, die ihre Angelegenheiten gemeinsam regelt. Wenn das Projekt lang genug läuft, enthält es wie die Bibliothek von Babel des Jorge Luis Borges quasi alle vorhandenen und möglichen Texte aller Zeiten und Sprachen.
Textkette entwickelte sich Anfang Februar 2014 aus einem Facebook-Ketten“spiel“. Da sich innerhalb weniger Tage so viele Facebookfreunde – hauptsächlich Lyriker – engagiert beteiligten, entwickelte sich die Idee einer begehbaren labyrinthischen Netzanthologie, einer „Poesiebibliothek von Babel“ mit spannenden Entwicklungsmöglichkeiten. Im Moment entwickelt sich Textkette parallel an zwei Plätzen, der Facebookseite https://www.facebook.com/textkette (einschließlich der nicht öffentlich zugänglichen „Pinnwände“ der beteiligten Autoren/Elektoren) und einem speziell eingerichteten Blog http://textkette.com. Wir befinden uns noch in der Erprobungsphase. Textkette besteht aus dem Kernstück, einer von einem Gedicht von Sappho ausgehenden, stammbaumförmigen Netzanthologie, die sich geradezu exponentiell entwickelte und in dem überschaubaren Teil mindestens bis in die dreizehnte Generation mit über 200 Texten erstreckt. Die von mehr als 30 Autoren ausgewählten Texte sind oft mit Bildmaterial, Links und Kommentaren versehen und führten in einigen Fällen zu speziellen Fachdebatten u.a. über metrische, textkritische oder Interpretationsfragen. Eine spanische Textkette mit teilweise anderen Regeln hat sich angeschlossen.
Neben das Kernstück trat eine Rubrik Freistil, die dem Posten und Diskutieren anderer, nicht an die Kette (den Stammbaum) angeschlossener Texte dient. Mittelfristiges Ziel ist die Einrichtung einer eigenen Domain, die im Sinn eines jedermann offenen sozialen Netzwerks von Poesieenthusiasten – Profis und Laien – funktioniert. Eine flexible Softwarelösung muß dafür erst entwickelt werden, die jetzigen Plätze sind Interimslösungen. Jeder Experte oder Enthusiast ist zum Mitmachen und Mitdiskutieren aufgerufen.
Der Fixpoetry-Text des Tages stammt heute von Udo Kawasser. Er hat das Gedicht CADA CUATRO AÑOS NACE UNA POETA SUICIDA (ALLE VIER JAHRE WIRD EINE DICHTERIN GEBOREN, DIE SICH SELBER TÖTET) von Francisco Ruiz Udiel übersetzt, das im Band jemand sieht mich weinen im Traum (Alguien me ve llorar en un sueñonas niñas) im Hochroth Verlag Wien 2013 erschienen ist. Francisco Ruiz Udiel galt als der große Hoffnungsträger der nicaraguanischen Poesie, bevor er sich jung zum Jahresende 2010 das Leben nahm. Seine Gedichte scheinen beseelt von allem, was das Leben bietet, und es dräut aus ihnen heraus, es drückt und klopft und kühlt und hitzt und: manchmal kitzelt es auch. (Quelle: Fixpoetry/Hochroth)
Gleich zwei Veranstaltungen geben Anlass, unseren Slogan »Poetisiert euch.« weiterzutragen: Am Freitag, 21.03.2014 ist UNESCO-Welttag der Poesie. Dieser Tag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturgutes »Sprache« und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern. Zwei Autoren des Verlagshauses werden zu dieser Gelegenheit ihre Texte vorstellen: Ricardo Domeneck liest mit Johannes CS Frank aus seinem Band »Körper. Ein Handbuch« (2013, Verlagshaus J. Frank | Berlin) in der Stiftung Brandenburger Tor (20 Uhr, Max Liebermann Haus / Pariser Platz 7 / Berlin) und Jan Kuhlbrodt liest aus seinem Band »Stötzers Lied« (2013, Verlagshaus J. Frank | Berlin) im Einstein Kultur (19 Uhr, Einsteinstr. 42 / München).
Am Samstag, 22. März 2014, findet der 2012 ins Leben gerufene Indiebookday statt!
Wenn Sie schöne Bücher lieben, können Sie das an diesem Tag zeigen. Es ist ganz einfach: Gehen Sie in eine Buchhandlung Ihrer Wahl und kaufen Sie ein Buch eines unabhängigen kleinen Verlages! Fotografieren Sie das Cover und posten Sie es in einem sozialen Netzwerk. Alles zum Indiebookday finden Sie hier: https://www.facebook.com/events/594632953946479/
Unsere besondere Empfehlung für den Indiebookday ist der neue Erzählband voll exzentrischer Figuren, versteckter Falltüren, Stolperfallen und aberwitziger Einfälle von Carl-Christian Elze »Aufzeichnungen eines albernen Menschen« (2014, Verlagshaus J. Frank | Berlin). Sie finden den Band unter anderem in unserer Partnerbuchhandlung »Die Insel« (Greifswalder Str. 41 / Berlin), die anlässlich des Indiebookdays ein Schaufenster mit den neuen Büchern aus dem Verlagshaus gestaltet hat. Ein Besuch lohnt sich! Weitere poetisierte Buchhandlungen finden Sie hier: http://www.belletristik-berlin.de/buchhandlungen/
Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Anlässlich des Indiebookdays kommen in der Reihe »We talk Indie« die kreativen Köpfe hinter den schönen Indie-Programmen zu Wort. Unser Interview können Sie hier nachlesen: »We talk indie: Im Gespräch mit dem Verlagshaus J. Frank | Berlin«
»Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts glaubt sich die westliche Welt in der Offensive, aber die kapitalistische Welt ist nicht die beste alle möglichen; sie ist nur übriggeblieben und überfällig. Ihren Niedergang als Realität und Religion erleben wir heute«, ist im Editorial der neuen Berliner Zeitschrift Abwärts! zu lesen.
Es geht bergab mit dem Westen, noch steiler als es die Marxisten eh’ schon sagten, seit ca. 1967. Doch es kommt nicht die befreite Gesellschaft in Blick, es tauchen, wie in Griechenland und der Ukraine, starke faschistische Bewegungen auf. Proletarier, ihr müßt rüsten! »Abwärts konstatiert Realität – und sucht Partner, um sich gegen jene zu verbünden«, lautet der Anspruch im Editorial.
Der Name der Zeitschrift soll von Franz Jung (der schon wieder!) herrühren, weil der erste Arbeitstitel seiner genial-aufklärerischen Autobiographie »Der Weg nach unten« lautete: »Die Vögel und die Fische. 33 Stufen abwärts«. (…) Das Heft Abwärts! aber soll die Erbschaft und Nachfolge von fünf legendären Untergrundmagazinen aus Ostberlin und Greifswald antreten, von Sklaven, Gegner, floppy myriapoda, telegraph und zonic.
Und wie ist es? Erinnert stark an Gegner, ist aber besser, weil weniger gewollt-literarisch und nicht so selbstverliebt-versoffen. Es ist viel politischer! Das ist die neue Strenge: Nicht die Gedichte des hier auch präsenten Bert Papenfuß haben Fußnoten, sondern die meisten Texte. Von den Autoren werden Jahrgang und Selbstdefinition ausgewiesen. / Christof Meueler, junge Welt
Abwärts!, Nummer 1, erster Jahrgang, März 2014, 4 Euro, Vorstellung heute, 21 Uhr, Rumbalotte, Metzer Straße 9
In Loschwitz kann er privat bleiben.
Dennoch mischt er sich in Debatten. Etwa darüber, ob junge Autoren zu unpolitisch seien. Es sei schon schwierig genug, Neues, Ungewöhnliches über Literatur zu äußern, meint er. „Wenn man dann gar über Politik redet, wird man schnell an den Rand gedrückt.“ Die Marginalen würden mit ihren Äußerungen nochmals marginalisiert. Er sieht einen Betrieb in Bewegung, der Aneckendes aussortiere.
Bertram Reinecke ist einer, der zum Dichten Anderes benötigt als Block, Stift und Inspiration. „Ich habe einen sehr reflektierten Zugang zu Literatur“, meint er, reibt sich, die Arme verschränkt, mit dem Zeigefinger der Linken übers bärtige Kinn. In seinen Gedichten will er demonstrieren, welche viel größeren Möglichkeiten Literatur hat.
Die meisten davon sind Centos. Ein sehr altes Verfahren, bei dem aus einzelnen Zeilen anderer Gedichte ein eigenes gebaut wird. „Ich bekenne mich zur besonders strengen Montagetechnik: Ich nehme ganze Zeilen aus anderen Texten.“ Das sei viel komplizierter, als sich selbst etwas auszudenken. Das Schieben und Feilen an einem Text könne schon mal bis zu hundert Stunden dauern.
Er tippt mit dem Finger auf so eine schöne gefundene Zeile in seinem Gedicht „Nachtwachen 1“: „Liebstöckel, herzenstrost und immenblatt“. Die montiert er in eine Wortumgebung von „relikten der avantgarde“ und „Geröll der geschichte“.
Sein Verfahren preist er in Paradoxa: Je begrenzter der Raum der Möglichkeiten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, zu anderen Ideen zu gelangen. Denkgewohnheiten zu hintergehen, dies sei Ziel seiner poetischen Arbeit. „Je mehr man sich auf fremdes Material einlässt, desto individueller wird man.“ Herkömmlichen Bildern vom Dichter mit geheimnisvoller Aura widerspricht er mit Texten, die er als gebaut ausstellt, deren Machart in Fußnoten mitteilend.
(…)
Daneben hat er letzte Korrekturen an „Die peinliche Affäre auf der Grotenburg“ von Jürgen Buchmann erledigt. Eine humorvolle „erotische Phantasmagorie“ aus der westfälischen Provinz. Neuerscheinung seines 2009 gegründeten Leipziger Verlags Reinecke & Voß. Er will Werke veröffentlichen, „die auf den literarischen Möglichkeitsraum Einfluss nehmen.“ Das Ziel: Erweiterung. Sein Wunsch: Ein überrascht aufmerkender Leser, der sich sagt: „Aha, so kann man es also auch machen.“ / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) Kultur, 20. März 2014
Nach drei Monaten als „poet in residence“ verabschiedet sich Bertram Reinecke aus Dresden-Loschwitz
Abschlusslesung von Bertram Reinecke am Freitag, 21. März, 20 Uhr, Kulturhaus Loschwitz, Friedrich-Wieck-Str. 6; sein Verlag im Internet: reinecke-voss.de
The tour also featured some of Germany’s more prominent poetry presses, including poetenladen, Luxbooks and Verlagshaus J. Frank, along with Seel’s own press, kookbooks. Andreas Heidtmann, publisher of poetenladen, explained how his press has taken “the opposite approach” to that of most presses — namely from publishing digitally to publishing in print. The two complement each other well, since many readers who discover poets online want to buy “the real thing” in book form. Heidtmann also spoke about the renaissance of German contemporary poetry over the last few years. He attributes it to the growing number of independent presses and online magazines for poetry, which are, in his opinion, the true experts and champions of the form.
Daniela Seel from kookbooks confirmed that poetry is experiencing a comeback, and she pointed out that presses like kookbooks are active participants on the literary scene; they know their readers and cater to them, both in selecting the books they publish and creating unique events (for instance, kookbooks organized a series of literary walks last summer).
We were also introduced several presses which published a mix of poetry, essays, nonfiction and conceptual art. ]Luxbooks earned a name for itself by publishing poetry, mostly from renowned American poets, but often with an original twist. For example, their John Ashberry collection features translations by 27 up and coming German poets. In 2013 they also started publishing prose (e.g. by Tao Lin, Paul la Farge, Amy Hempel and Alan Sepinwall). As Luxbooks puts it: “we want to prove that a glutton can also be a gourmet” when it comes to books.
(…) Meanwhile, the new voices from presses like Voland & Quist or Mairisch are finding their way to younger audiences via audio books, DVDs and even apps. But as poetenladen’s publisher reminds us, in Germany readers of all ages are still interested in reading “the real thing,” it’s those beautiful books which are made to last which draw the readers to Leipzig in droves. In Germany, maybe we’ll see how digital and print can complement each other and thrive. The efforts of these presses in 2014 point to a bright, interactive future for reading, whichever form it may take. / Joy Hawley, publishingperspectives.com
Die herkömmliche Gedichtstruktur löst sich bei Vom Gehen und Stehen in einzelne Passagen auf. Hefter verknüpft sie mittels Collage und Montage in thematische Zusammenhänge. Der Ausgangspunkt ihrer Gedichte ist die einzelne Geste, das Darstellen und Äußern eines bestimmten Gefühls. Diese innere Bewegung wurde von Hefter erfragt und gleichsam mit einer erinnerten Handlung beantwortet. Unbeschwertheit und Ausgelassenheit kontrastiert sie mit dramatischen Szenen und rührte so an die letzten Fragen des Menschseins. Viele ihrer Gedichte kann man daher als außerordentlich radikal und bewegend zugleich erfahren.
Das Lebendige in sich entdecken und bewahren. Auf die eigene Stimme hören.
Dieses Bewegungspotential überträgt sich durch die tänzerische Anmut der Sprache auf das Buch. Sie beschäftigt sich mit der Verfaßtheit der Gegenwart, vornehmlich mit den Köpfen und Körpern. Auf jeder Seite werden dem Leser nur zwei Gedichte dargeboten, von denen das erste eine Variation für das zweite Gedicht darstellt. Jedem ihrer Gedicht stellt die Autorin eine Variation zur Seite und webt aus dem Wortbestandteil des einen Textes einen neuen, der ganz andere Räume und Posen erzeugt:
Pferche in dein
Leib-Seele-Verhältnis
den Umriss einer Ente
Die Bedeutung von Hefters Werk beschränkt sich nicht auf eine Erweiterung der Lyrik mit dem Bewegungspotential des Tanzes oder den Verzicht auf eine bestimmte Form, es sind Gedichte der befreiten Körper und des befreiten Geistes. / Auszug aus einem Text von Matthias Hagedorn (KuNo)
Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch von Martina Hefter. Gedichte. mit beiliegendem Heftchen mit Illustrationen von Andreas Töpfer, Berlin (kookbooks) 2013
Nächtliche Literaturaktion:
Freitag, 4. April 2014, 22 Uhr, Kuhtor, Hinter der Mauer 2, 18055 Rostock
Worte für Klavki zu finden, ist nicht einfach. Er selbst tat es damals auf der Prosanova-Bühne so:
„Ich bin nur der knorpelige Kläffer Klavki aus Kiel, der in seinem kleinbürgerlichen Kämmerlein ketzerisches Kauderwelsch und katzen-jammerische Klamaukketten knebelt, knittelt und knattert bis sie in komma-bazilligem Konsonantengetrabe als klitzekleinklebrige Künsteleiklumpen aus meiner Kehle kegeln …“
Genau fünf Jahre ist es am 4.4.2014 her, dass Klavki starb. Der Kieler Dichter Oliver Eufinger, alias Klavki, war eng verbunden mit der Literaturszene in Rostock, er studierte hier Philosophie und Germanistik, war Stipendiat im Schleswig-Holstein-Haus, Klavkis Auftritte waren und sind legendär.
Als Rarität gelten seine Gelben Hefte und die Hörbücher „Sprachkrümel“ und „Lippig leben“. Klavki inspirierte und faszinierte viele seiner Dichterkolleg/innen und Freunde, seine Wirkung ist ungebrochen. Er lebt weiter in seinen Texten und in den Köpfen und Herzen der Menschen, die ihn kennenlernten.
Eine Gruppe von Freunden, Prosanauten und Kollegen möchte bei einem nächtlichen Spaziergang Klavki gedenken und lädt alle Klavkianer und solche, die es noch werden wollen, ein, Klavkis Texte in die Stadt zu lesen. Treffpunkt ist vor dem Kuhtor, wo er damals noch im Literaturhaus eine seiner letzten Lesungen gab. Klavki wird mit seinen Texten leuchten und den Laternen der Stadt folgen.
Die Veranstaltung lebt (mal abgesehen von den Klavki-Texten) vor allem von Euch und Eurem Einsatz! Es wär toll, wenn die Gruppe etwas größer würde und ihr Euch bei Interesse kurz bei mir (Katinka Friese, programm@literaturhaus-rostock.de) rückmelden könnt. Anregungen, Vorschläge und neue Ideen sind herzlich willkommen.
Für Klavkianer, die für diese Aktion extra nach Rostock reisen, können wir versuchen, eine günstige Unterkunft zu bekommen.
Aktuelle Infos bei facebook.
http://www.schwungkunst.de/klavki/klavki_erleuchtet_20140404.html
Nachhören u.a. hier: http://www.schwungkunst.de/klavki/klavki_2013.html | http://www.schwungkunst.de/klavki/klavki_fundus/klavki_freunde_131005_2.mp3
Aus: Textkette Freistil

Miklós Radnóti (* 5. Mai 1909 in Budapest; † 9. November 1944 bei Abda nahe Győr auf einem Gewaltmarsch zur Evakuierung des Lagers).
„Im Mai 1944 wurde er zunächst an die ukrainische Front beordert und später im Lager Bor in Serbien interniert. Seine hier entstandenen Gedichte sammelte er in einem Notizheft, das er von Bor aus seiner Frau schickte. Diese Sammlung erschien später unter dem Titel Bori notesz (Notizen aus Bor). Als Titos Truppen vorrückten, wurde er mit mehreren tausend jüdischen Zwangsarbeitern in Gewaltmärschen quer durch Ungarn zur österreichischen Grenze getrieben. Wie viele seiner Mitgefangenen war er den Strapazen dieses Gewaltmarsches nicht mehr gewachsen und wurde nach seinem Zusammenbruch mit 21 seiner Mitgefangenen bei Abda, nahe der österreichischen Grenze, erschossen. Das Massengrab wurde nach dem Krieg 1946 exhumiert. Dabei wurden seine letzten Gedichte gefunden, die in der Sammlung Tajtékos ég (Sky With Clouds) 1948 erschienen.
Heute befindet sich sein Grabstein auf dem Kerepesi temető, einem Friedhof in Budapest. Die an dem Massengrab bei Abda aufgestellte Statue wurde 2013 geschändet.“ (Wikipedia)
An dem Lexikonartikel kann man studieren, wie die Syntax des passivischen Ausdrucks Täter heraushält: „wurde er getrieben“, von wem?; „war er den Strapazen nicht mehr gewachsen“, irgendwie selber schuld; „wurde erschossen“: von einem SS-Mann. Franz Fühmann teilt in seinem Nachwort von 1967 die Umstände mit:
… im November 1944 wurde der Prophet seiner eigenen Vernichtung* von einem SS-Mann ins Genick geschossen, als bei der Evakuierung des Arbeitslagers Heidenau der von monatelangem schwerem Frondienst völlig erschöpfte Dichter während eines Gewaltmarsches zusammenbrach und am Weg liegenblieb. Gewiß hatte der gestiefelte Exekutor diesen Schuß ganz gleichgültig abgegeben: ein Krümmen des Fingers, ein geübter, längst zum Reflex gewordener Handgriff am Fließband des Todes, mehr nicht, und es wäre auch bei diesem mechanischen Reflex geblieben, hätte man dem Schlächter zu erklären versucht, daß der am Straßenrand Niedergestürzte, der – ein Deichwächter hat es überliefert – nun mit Schlägen und Fußtritten noch einmal auf die Beine gezwungen wurde, um mit einundzwanzig Schicksalsgefährten das eigene Grab zu schaufeln, ein Dichter europäischen, ja Weltranges sei …
Unter den in einem blutbeschmierten Notizheft gefundenen Gedichten auch die Siebente Ekloge in der Übersetzung Franz Fühmanns, die auf den Fotos vollständig wiedergegeben ist. Fühmann dichtete sie in den Hexametern des Originals nach. Moderne Eklogen, die von Krieg, Arbeitslager und faschistischem Terror handeln. In der ersten Ekloge wird der Tod García Lorcas gemeldet:
Hirt:
(…)
Tote liegen schon dort, daß es keinen mehr gibt, der sie wegräumt.
Nicht wahr, du kennst Federico? Sag mir, ist er geflohen?Dichter:
Nein! Vor zwei Jahren schon hat man ihn in Granada getötet.
Hirt:
García Lorca ist tot! daß mir das noch keiner gesagt hat!
Schnell eilt die Kunde von Kriegen einher, doch wer Dichter ist, schwindet
einfach so weg. Sag, hat denn Europa um ihn nicht getrauert?Dichter:
Man hat es gar nicht gemerkt.
Im letzten Gedicht, 10 Tage vor seinem Tod notiert, wird die Mordszene vorweggenommen, keine Prophetengabe war dazu nötig, es beschreibt die Tötung eines Leidensgefährten durch Genickschuß, lesen Sie ruhig die ungarische Originalfassung bis zur sechsten Zeile:
Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf, – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.(Szentkirályszabadja, 1944. október 31.)
Ich stürzte neben ihm. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuss. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! (*) schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.Szentkirályszabadja, 31. Oktober 1944
Nachdichtung von Franz Fühmann
* Anm. „Der springt noch auf“ in der vorletzten Zeile im Original deutsch.
(Hier der Zyklus „Ansichtskarten“ vollständig)
Radnóti, Miklós: Ansichtskarten. Nachdichtung u. Nachw. von Franz Fühmann. Berlin : Verl. Volk u. Welt, 1967 (Weiße Lyrikreihe)
*) 1935 schrieb er in einem Gedicht: „Winter kommt und Krieg kommt, / gefällt bald lieg ich, niemand wird mich sehn“.
In 2014/15 möchten wir unsere neue Reihe „Die nummernlosen Bücher“ mit vier neuen Titeln junger deutschsprachiger Lyrik fortsetzen.
Worum geht es in diesem Projekt?
Die kleine Edition parasitenpresse gibt es schon seit über zehn Jahren. Wir geben eine Reihe mit Lyrikheften heraus, die junge deutschsprachige Autor/innen vorstellt und ihre Texte präsentiert. Für die nächsten vier Buchprojekte, die in unserer neuen Reihe „Die nummernlosen Bücher“ erscheinen sollen, brauchen wir 2.000,- €. Mit diesem Betrag wollen wir die Produktionskosten finanzieren.
Was sind die Ziele und wer die Zielgruppe?
Förderung junger Literatur. Unterstützung eines kleinen Non-Profit-Verlages. Zielgruppe sind alle, die sich für Literatur und Kunst interessieren und ein alternatives Verlagskonzept unterstützen möchten.
Warum sollte man dieses Projekt unterstützen?
Kunst und Literatur sind auf Unterstützung angewiesen. Gerade der Literaturbereich erfährt einen großen Umbruch. Etablierte Verlage geraten in finanzielle Schieflage. Als erstes bekommt dies die Lyrik zu spüren. Poesie-Buchreihen werden eingestellt. Dadurch wird es für jüngere Autor/innen immer schwieriger, Gedichte zu veröffentlichen. Aus dieser Notlage ist unser kleiner Verlag erwachsen. Da wir keinen Gewinn erwirtschaften, sind unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Aus diesem Grund brauchen wir Ihre Unterstützung.
Als Kleinstverlag geht die parasitenpresse im Vertrieb neue Wege und meidet etablierte Strukturen. Wir arbeiten mit ausgewählten Buchhandlungen zusammen, vertreiben die Bücher über Geschenkläden oder auf kleinen Buchmessen und Basaren oder aber direkt über unseren Online-Shop. Die Lyrikhefte haben einen Umfang von 14 Seiten, die etwas größere Reihe „Die nummerlosen Bücher“ einen Umfang von 40 Seiten. Unsere Autoren sind meistens jung, kommen u.a. aus Städten wie Köln, Berlin, Leipzig, München, Zürich oder Wien. Sie haben vorher in Zeitschriften oder Anthologien veröffentlich oder sind bei einem Lyrik-Wettbewerb positiv aufgefallen.
Was passiert mit dem Geld bei erfolgreicher Finanzierung?
Der Betrag von 2.000 € wird auf vier neue Titel der Reihe „Die nummernlosen Bücher“ verteilt, so dass wir die Produktionskosten (Druckkosten, Satz, Gestaltung) von jeweils 500 € stemmen können. Die Bücher haben jeweils einen Umfang von 40 Seiten und sollen in einer Auflagenhöhe von 200 Stück gedruckt werden. Die vier Titel sollen in den Jahren 2014 und 2015 erscheinen. Die Autoren für die ersten beiden Bände sind bereits angefragt. Autor des ersten Bandes wird voraussichtlich der Bonner Lyriker Dominik Dombrowski sein, dessen Lyrikzyklus „Finissage“ bei uns in 2013 als Lyrikheft erschienen ist.
Wer steht hinter dem Projekt?
Adrian Kasnitz und Wicky Knithaki (beide Jg. 1974) gründeten die kleine Edition parasitenpresse vor über zehn Jahren in Köln mit dem Ziel, junge Lyrik zu veröffentlichen, die keine Chance bei großen Verlagen hatte. Kasnitz ist selbst Schriftsteller, Historiker und Literaturveranstalter, Knithaki leidenschaftliche Leserin. In der Zeit sind über 40 Lyrikhefte und andere Bücher erschienen, oft von Autor/innen, die anschließend den Sprung in den Literaturbetrieb und zu einem größeren Verlag geschafft haben. An dieser Entdecker-Plattform, als die sich die parasitenpresse versteht, können Sie teilhaben.
Schwer zu sagen, warum der letzte Vers in Ann Cottens Gedicht “Eine Zeit lang bin ich früh nach Hause gegangen” so eine melancholische Wucht entwickelt. Vielleicht ist es der scharfe Kontrast zwischen kindischem Reimen (blasser, krasser, voll, soll) und der Plötzlichkeit der Erkenntnis über eine Art Verlorenheit, die sich nicht nur aus einer Unentschiedenheit zwischen Heimgehen und Noch-in-der-Kneipe-Bleiben speist, sondern geradezu als Epiphanie im Alltag – ja, was? – eine Ortlosigkeit, Unbehaustheit, Einsamkeit als allgemeinen Zustand formuliert. Lesen kann man es jedenfalls in voller Länge (bzw. Kürze) seit gestern als Teil von einem Gruß aus Japan im Suhrkamp-Logbuch, und das ist sehr gut so.
Schreibt Fabian Thomas im Daily Frown
Zuletzt von Ann Cotten erschienen:
2014 jährt sich der Geburtstag des katalanischen Dichters Joan Vinyoli zum hundertsten, sein Todestag zum dreißigsten Mal. Vinyoli hat im katalanischsprachigen Raum großen Einfluss auf die nachfolgenden Lyriker/innen gehabt (während der hierzulande bekanntere, dortzulande institutionell höhergeehrte Salvador Espriu eine bewunderte, aber isolierte Erscheinung blieb). Nun ist am 10. März [!] eine Kommission für das Vinyoli-Jahr (»Any Vinyoli«) gegründet worden, gefördert vom Departament de Cultura de la Generalitat de Catalunya (Kulturministerium der katalanischen Regierung). Kurator ist der Schriftsteller Jordi Llavina, dem Gremium gehören Kultur- und Lokalpolitiker/innen, Schriftsteller/innen, Literaturwissenschaftler/innen und der Sohn des Dichters an (siehe Meldung auf gencat.cat)
Fürs erste hier ein Gedicht von Vinyoli:
La vall del vespre
Quan per la vall del vespre descendim
per l’autopista cap a la ciutat,
les fàbriques encenen mil llumets,
batega tot i tot és aturat.
Ens engoleix la nit: a quin banquet
som convidats a no tenir mai por?
Tot el passat és com un dèbil crit
fumós que va perdent-se en l’aire espès.
Tot és fluent i tot és permanent.
Les paraules em porten no sé on:
en elles ara em quedo i és un món.
Das Tal des Abends
Fahr’n wir durchs Tal des Abends hinab
auf der Autobahn in Richtung Stadt,
machen die Fabriken tausend Lichtlein an,
schlägt jeder Puls, steht alles still.
Die Nacht verschlingt uns: Bei welchem Fest
lädt man uns ein, nie Angst zu spür’n?
Alles Vergangene ist wie ein schwacher Schrei,
dunstig, der in der dichten Luft verhallt.
Alles ist fließend und alles ist dauerhaft.
Die Worte führen mich, wer weiß wohin:
In ihnen bleib ich jetzt, und es ist eine Welt.
[üb. à.s.]
Material auf diesem Blog ist permanent im Umbau und freut sich über jegliche Form von Anregung, Kritik etc. /
Es darf verwendet, zerhackstückelt und mitgenommen werden, gerne – The more a work is downloaded, copied and republished elsewhere (with or without permission), the more likely it is that the poetry will find new readers mit größtem Respekt und bewundernder Hochachtung verbleibe ich in demütiger Hoffnung (and if I did this right you should be able to watch it too)
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